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| Honoré Daumier: Christliche Liebe - in Spanien praktiziert. 29.05.1872) Christliche Liebe im Irak praktiziert s. Krieg, Fundamentalismus und öffentliche Lügen. |
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Eine leicht zynische Kritik Peter Sloterdijks Kritik der zynischen Vernunft. [Suhrkamp 1099, 2 Bd.. Frankfurt a.M. 1983]
Definitionen
| Die Kontinuität der Persönlichkeit wird gewahrt von den
Anzügen, die bei gutem Stoff zehn Jahre halten. Gottfried Benn Da auch diese eine alte Mär ist, die nicht mal am Rande mehr stimmt, fragt es sich heute um so mehr, was denn eine postmoderne Persönlichkeit noch zusammen hält, die zugleich alles und nichts sein will oder muss, unauffällig auffallen will oder muss .... ... ah, ich hab's! Es muss wohl die Krawatte sein, die heute noch Persönlichkeit ausdrücken kann! Die Krawatte ist übrigens ein Import aus Kroatien, das ihr den Namen gegeben hat. 1663 trug ein kroatisches Regiment bei einer Parade auf Schloss Versailles zu Rosetten gebundene Tüchlein um den Hals, deren Enden über die Brust fielen. Louis XIV war begeistert und trug die Dinger fortan selbst ... was ihm die Höflinge natürlich nachmachen mussten. So viel zum "Respekt", der sich durch diesen Firlefanz ausdrücken soll Ein Mann, der an die Macht gelangt, wird selber zum Anzug, den er tragen muss, und sein Herz zu einem Stück Eis. Salman Rushdie |
Der Zyniker ist ein Zivilisationskritiker, ein Weltbürger, der auf alles gefasst ist, sogar darauf, dass es besser wird. Das unterscheidet ihn positiv von Untergangspropheten. Freiheit, Bewusstheit, Freude am Leben. Lieber Rohes als gekochtes. Lieber Natur als Kultur. Lieber roh als raffiniert. Er ist also das notwendige Gegenstück, die Antithese, zum manierlichen und dressierten Bürger.
Eine verbreitete Form des modernen Sloterdijkschen Zynikers, der in sich Autorität und Schauspielerei vereinigt, sind der Schnösel und die Yuppies. Die überhebliche bartlose Schnöselfraktion hatte ihre beste Zeit während des IT- und Bankenbooms vor dem Crash 2001. Sie scheinen aber auch heute noch ein breites Marktsegment darzustellen, denn z.B. die Nespresso-Werbung (Nespresso kommt vermutlich von neeee ... das soll Espresso sein?) mag zynisch wirken, vertritt aber präzise die gegenteiligen Werte: Manieriertheit * statt Natürlichkeit, Wasser statt Kaffee (weil Wasser gesünder ist als Kaffee natürlich).
(Raffiniert wird im allgemeinen als positiv gewertet, raffinierter Zucker z.B. ist jedoch ein Industrieprodukt und kommt geschmacklich nicht an Rohzucker heran). Philosophie und Natur dürfen sich aber nie zu weit trennen. Im Kynismus holt die Natur die abgehobene Philosophie wieder auf die Erde zurück.
Einige der vielen Definitionen des Zynismus bei Sloterdijk:
Zynismus ist das aufgeklärte falsche Bewusstsein: Theaterhaftigkeit, so tun als ob; der Systemzwang des Realismus, bei dem aus Ehrgeiz oder auch reinem Selbsterhaltungstrieb mitgespielt wird. Doppelleben & Schizophrenie (Anmerkung vom 13.1.07: Der Gebrauch des Begriffs Schizophrenie ist hier falsch!) werden zum Normalfall (lesen Sie mal wieder eine Stellenausschreibung, falls Sie nicht eh müssen ...): Sei Ehrgeizig, bringe Spitzenleistung, sei ein starker Führer - aber integriere Dich ins Team (= ordne Dich der Gruppe und vor allem dem Chef unter). Sei initiative, innovativ, dynamisch ... aber verändere die heiligen Gebräuche der Firma nicht. Sei unkonventionell, ... aber falle um Himmels willen nicht auf ... Sei selbständig und flexibel - und mach gefälligst, was man dir sagt! Top Betriebe (die sich seit Jahren durchwursteln), suche Karrieristen, die dann tagtäglich Routinearbeit leisten sollen - aber mit Begeisterung bitte!.
s. Kyniker
Zynismus ist die polemische Bewusstseinsform der zerbrochenen Aufklärung.
Oskar Wilde: Ich bin durchaus nicht zynisch, ich habe nur Erfahrung - das ist so ziemlich dasselbe.
Anton Tschechow: Kein Zynismus kann das Leben übertreffen
Die Frechheit/Respektlosigkeit/Provokation, der Spott und die Unmoral des Zynikers ist die Quelle der Aufklärung. Diese fragte nach Beweisen, Quellen, Zeugnissen - was in der Renaissance noch einer Subversion und Frechheit gegenüber der Autorität der Herrscher und insbesondere der Kirche gleich kam:
Kyniker der Antike: Einzigartiger Kauz, provozierender Moralist, bissig-böser Individualist, distanzerzeugender Spötter mit krass entlarvendem Blick.
Zyniker sind asoziale Einzelgänger. Wie jeder der "selbstgenügsam" ist, kümmern sie sich nicht gross um die Meinung und das Wohl anderer.
Diogenes war ein Mensch, der in seiner eigenen Haut steckte, und nicht im geringsten daran dachte, daraus zu fahren. Der Zyniker geniesst es jedoch, wenn andere aus der Haut fahren. Oder: Der Zyniker ärgert sich nicht. Er ärgert lieber andere ... [mh]
Zynismus ist antiideologisch
Zynismus ist die Subversion des Lachens
Zynismus gipfelt in der ... Erkenntnis, dass man die grossen Ziele abblitzen lassen muss. (S. 366) Zynismus ist also die Grundhaltung der Postmoderne. Kynisches Denken ist divergentes Denken.
Existentialismus ist Neokynismus, Dada war der erste Neokynismus des 20. JH:s, 1968: go in, love in, shit in ...
Der moderne Zyniker ist ein integrierter Asozialer, der es an unterschwelliger Illusionslosigkeit mit jedem Hippie aufnimmt.
...
Ein Zyno-Cartesius würde sagen: Ich denke ... und manchmal furze ich dabei ... also bin ich ... [mh]
Der postmoderne Event-Cartesianer sagt: Ich besuche Parties, also bin ich.
Begreifen - Verstehen - und die Definition von Vernunft[sehr frei nach Ulrich Steinvorth: Was ist Vernunft? Eine philosophische Einführung. beck'sche reihe. Beck. München 2002] Vernunft [nous, logos, ratio, raison, reason, ragione] wird durch Ausdrücke bezeichnet, die die zugleich Vernunft und Grund bedeuten - was Vernunft eigentlich ausreichend definiert: Vernunft, auch als Rationalität bezeichnet, sucht nach Gründen - und wägt diese ab. So schlimm sollte die Rationalität also eigentlich nicht sein .... dass sich die Gefühle immer von ihr bedroht fühlen müssten. ... Rationalist sein heisst aber auch, für alles eine Erklärung haben (und das kann schon nerven ....), nach Erklärungsgründen suchen (warum, warum warum ... auch das kann nerven), das Geschehene aus verständlichen und möglichst einfachen Ursachen ableiten (und das mündet leicht in Populismus) - ohne in solchen Ursachen und Erklärungen eine Rechtfertigung zu sehen. (Und präzise hier ist die moderne Ökonomie eigentlich alles andere als rational, da sie aus ökonomischen Gesetzen die Berechtigung ableitet, diese zu nutzen - egal was die Folgen sind, denn nichts anderes heisst die Aussage: Der Markt bestimmt! Und präzise DAS ist das Wissen das die einen dumm hält, die andern (zwar auch nicht grad zu Intelligenzbestien, aber immerhin) reich und mächtig macht.
Die Gründe lassen sich vor allem in zwei Kategorien einteilen:
Dass vor allem die finalen Gründe für den Menschen entscheidend sind, und der diese frei wählen kann, wird von Politik wie Wirtschaft meist unterdrückt, da sich mit Sachzwängen leichter regieren und wirtschaften lässt als mit vernünftigen Argumenten ... Voraussetzungen für eine Beurteilung von Sachverhalten oder zukünftigen Absichten über die Vernunft sind a) das Begreifen und b) der Verstand:
a) Begriff/Begreifen: Dieses Wort zeigt sehr schön, wie Worte eben entstanden sind. Ein äusserst wichtiger Schritt in der Entwicklung des Kindes ist das Greifen. Die Steuerung der Hand belegt im Hirn fast den grössten Anteil, vergleichbar mit dem, der für die Verarbeitung des Sehens nötig ist. Obwohl die Steuerung der Hand eine äusserst komplexe Angelegenheit ist, handelt es sich nicht bloss um das Erlernen einer motorischen Aufgabe. Über das Greifen werden Gegenstände aus der Nähe und Ferne sowie aus verschiedenen Richtungen, also perspektivisch gesehen. Das heisst, gleichzeitig mit dem Greifen muss sich auch die Verarbeitung des Sehens differenzieren. Wo also später das Erkennen unterschiedlicher Perspektiven nicht mehr klappt, muss das am fehlenden Be-Greifen liegen. (Sie sehen, wie einfach unsere Sprache eigentlich konstruiert ist). Erst später kommt dann die Abstrahierung hinzu, die symbolische Ausformung dieser Erfahrungen in Worte und Formeln. Die analytische Philosophie sah ihre wichtigste Aufgabe in der Klärung der Begriffe (und heute noch kommen viele Wissenschaftler nicht viel darüber hinaus ...). Sicher ist, dass wir viele Probleme nicht lösen können, wenn wir die notwendigen Begriffe noch nicht haben, das Problem überhaupt mal im Detail zu beschreiben und zu analysieren. Eine Philosophie die sich allerdings darauf beschränkt gleicht dem Koch, für den sein Werk getan ist, wenn er die Zutaten gerüstet und bereit gestellt hat, allerdings ohne sie zu kochen. b) Verstand (intellectus, understanding): Verstand ist das Vermögen, bewusst Regeln für Reaktionen auf Reize zu entwickeln. Während dem die Vernunft allerdings den Zweifel voraussetzt, ist dieser beim Verstand nicht entscheidend. Hier liegt der Grund, warum äusserst intelligente Menschen oft einen beträchtlichen Stuss erzählen können oder sich zu absolut unvernünftigen Handlungen hinreissen lassen. Die Vernunft erst erfrecht sich, diese Regeln gleich kritisch zu prüfen, die Ansprüche auf Anwendung und Anwendbarkeit der Regeln zu prüfen. Die Vernunft löst den natürlichen Instinkt, die Reaktion, nicht ab, sie steuert ihn nur. Sie kann die Richtigkeit einer Entscheidung meist auch erst beurteilen anhand der Resultate - woraus sie versucht zu lernen. Definition der Vernunft. Vernunft ist das spezifische Vermögen Geltungsansprüche zu erkennen, herauszufordern und einzulösen. Das Geschäft des Verstandes ist dagegen die Intelligenz, das Erkennen von Problemlösungen und bedürfnisrelevanten Umweltreizen und, beim Menschen, das Erfassen von Gedanken und die Verwandlung von Vorstellungen in Propositionen, die wahr oder falsch sein können. Vernunft, als Rechtfertigung oder Begründung von Geltungsansprüchen, von Auffassungen über das was ist und was sein soll, ist also eigentlich Argumentation, denn:
Das philosophische Wörterbuch meint dazu in etwa:
Vernunft ist also eine äusserst praktische Angelegenheit. Die Etymologie, also die sprachliche Herkunft des Wortes, macht deutlich, dass die meisten Probleme im Umgang mit Vernunft nur Scheinprobleme sind, die meist von Propagandisten einseitiger Weltanschauungen vorgebracht werden. Vernunft entstand aus "vernehmen", in seiner veralteten Bedeutung "erfassen, ergreifen". Es bedeutet zuerst Wahrnehmung, dann, auf Geistiges übertragen, Erkenntniskraft. Vernunft ist:
Vernunft in der Postmoderne: Relativität der WahrheitNach traditionellem Verständnis gelten Wahrheitsansprüche universal und objektiv. Die (vorpostmodern) generell akzeptierte These lautete: Unser Erkenntnisvermögen ermöglicht uns zu erkennen, was sein soll und was ist. Diese Einstellung ist leider für die komplexe Welt mit ihrer Vielfalt, vor allem auch Vielfalt an Kulturen, Menschen und Einstellungen, zu banal. (s. Komplexe Argumentation). Der Perspektivismus wird ausgeblendet, was zu Banalisierung komplexer Probleme und Populismus führt. Vernunft beruht also, zumindest im deutschsprachigen Raum, auf Wahrnehmung, also auf Empirie. Religiöse und andere Fundamentalisten, die sich meist gegen die Vernunft aussprechen, wissen also sehr wohl warum: Sie wollen ihre eigenen Sicht der Welt als exklusive Wahrnehmung anbieten - was meist äusserst unvernünftig ist. Wer seine fünf bis sechs Sinne nicht benutzt, kann also nicht vernünftig handeln, da er nur Teile wahr nimmt. Der Ausdruck "zynische Vernunft" ist also bereits per se Ausdruck eines unvernünftigen Wahrnehmungskonzepts, allerdings nicht viel unvernünftiger als "wissenschaftlich begründete Vernunft", "wirtschaftliche Vernunft" und andere sich als exklusiv und überlegen gebende "Vernünfte". Diese unerfüllbaren Wahrheitsansprüche mussten also, wie schon öfters in den letzten 2500 Jahren, wieder zu einer Dominanz des Skeptizismus führen. Die These des Skeptizismus lautet: Unterscheidungen (zwischen Gut und Böse z.B.) sind abhängig von Konventionen und Kulturen - also letzten Endes willkürlich. Wissen ist keine absolute Gewissheit, sondern der Kenntnisstand, den anzunehmen wir die von einem zeitübergreifenden Standpunkt gesehen besten Gründe haben. Die umfassendsten Theorien, die Infallibilisten ebenso wie Fallibilisten entwickeln, sind für den Skeptiker nur Versuche propagandistisch veranlagter, herrschsüchtiger Exemplare der menschlichen Gattung, die die zufälligen Ergebnisse ihrer zufälligen Erfahrungen allen übrigen Menschen vorschreiben möchten. Die Vernunft ist der Herrschaftsraum der Intellektuellen. [S. 199] Bereits die Fehlbarkeit der Sinne führt zu folgenden Konsequenzen:
Die bisher praktischste Lösung dieses Problems hat Jürgen Habermass, Frankfurter Schule, vorgeschlagen mit dem kommunikativen Handeln: Nicht die
Evidenz der Sinne oder die Wahrnehmung über die Wahrheit entscheidet, Dieser tendenziell demokratische Ansatz könnte dazu beitragen, Kants Forderung besser zu erfüllen:
- was heute eigentlich der breite Standard ist (der von Marx als "Entfremdung" bezeichnet wurde)
Das wäre die richtige Antwort auf die Deselektion durch Aus-Bildung, nicht noch mehr Bildung aus dem selben Topf.
Noch eine Stufe höher läge die Weisheit, die sapientia oder sophia, was von Schmecken kommt, also intuitivem Erschmecken der Wahrheit, der Werte ... ist heute aber nicht mehr opportun ... na ja, vermutlich war sie dies eh nie. Sloterdijk betreibt also in seiner Kritik der zynischen Vernunft eigentlich präzise das, was er darin kritisiert. Er kritisiert die "humoristische Depression" (meine Definition von Zynismus), die ja eigentlich bloss das Symptom einer orientierungslos gewordenen Welt ist, d.h. präziser, einer Welt in der die Orientierung an Geld alle anderen Werte "umgemünzt" hat, was ja eben der tragischste, und zudem humorloseste Zynismus unserer Zeit ist. Gemessen an der zynischen Tatsache, dass Geld und Kapital heute über alle andern Werte dominieren, kann es zur Zeit eigentlich gar nicht genug Kynismus geben (s. Sozialökonomie) , denn Diogenes war auch bekannt als Falschmünzer (oder präziser der Sohn eines solchen), was aber vermutlich auf eine Fehlinterpretation des kynischen Vorgehens beruht: paracharattein to nomisma - das Ummünzen, die Umschreibung der Währung, der Werte. |
Das Buch
Es ist ein geschwätziges Buch. Sloterdijk eilt im Sauseschritt durch sämtliche Archive seines Wissens, noch geprägt von den 68ern und marxistischer Ideologiekritik. Diese, als Kritik des Kapitalismus, entsprach vielleicht dem Zeitgeist der 68, aber Ideologiekritik generell sollte eigentlich helfen, zwischen Ideologie und Fakten zu unterscheiden, unabhängig von politischer Position.
Sloterdijk irrlichtert durch sämtliche Bereiche des Denkens und pappt jedem, der irgendwann durch Kritik in Widersprüche verwickelt wurde, also wirklich jedem Bereich, das Etikett zynisch auf, wobei er nur selten zwischen Kynismus und Zynismus unterscheidet - aber auch immer wieder wissenswertes liefert (s. hier ein positives Beispiel zynischer Medizin).
Da wird etwa Machiavelli als Zyniker bezeichnet (S. 439: zynische Macht-Technik). Kann man, sofern man von Zynismus in seiner breitesten und vulgären Bedeutung redet. Machiavelli pfiff auf die Moral (wie die Zyniker), entwarf aber ein umfassendes psychosoziales System, wie Macht zu erobern und zu erhalten sei. Der Kyniker jedoch untergräbt jede Macht und Autorität, oder zumindest hinterfrägt er sie und setzt sie mal einem kräftigen Gelächter aus. In dem Sinne ist Machiavelli zwar zynisch, hat aber nicht das geringste gemeinsam mit einem Kyniker.
Gerade an diesem verfehlten Beispiel mit Machiavelli lässt sich die Symbolik von Diogenes Vorhaben verdeutlichen. Diogenes, Sohn des Geldwechslers Hikesias, wurde oft als Falschmünzer bezeichnet, was aber (meist) auf eine zu nominale Interpretation seiner Münzmetapher zurückgeführt wird. Diogenes sah es als seine Aufgabe an, die Münze umzuprägen (paracharattein to nomisma). Nomisma bezeichnet ursprünglich das, was Geltung hat, also Sitte und Brauchtum. Diese Bedeutung ging dann auf den Geldwert um. Nun kam Diogenes und schloss aus der Tatsache, dass Geldwert nur auf Konvention beruht, also vom Menschen gesetzt wird, sich auch die ursprünglichen Werte und Geltungen verändern, also umprägen, lassen. So wie Sokrates seine Philosophie als Hebammenkunst (Maieutik) betrieben hatte: ungeborene Wahrheit ans Licht der Welt holen, so sah Diogenes (ähnlich Rousseau) seinen Auftrag darin, die durch Domestizierung verfälschten Werte wieder auf natürliche umzuprägen und falsche Münzen durch Umprägung kenntlich zu machen.
Machiavellis Ziel war ein ganz anderes. Er gab dem Herrscher Empfehlungen, wie er, für den die Macht einziges und grösstes Ziel ist, sich diese Schaffen und erhalten könne. Machiavelli setzte in seinem Buch nicht das Ziel, Werte dem Litmus-Test des Auslachens zu unterwerfen. Im Gegenteil. Er entwarf darin eine Strategie der rücksichtslosen Machterhaltung. Machiavelli prägte die Münzen nicht zu einem System natürlicher Werte um, sondern zu einem Wertmonopol der Macht. Seine Münze kannte nicht mehr Kopf und Zahl, sondern nur noch Kopf, so wie unserer heutige Münze nur noch Zahl.
Das selbe gilt für den Faschismus. Faschisten lügen und betrügen, nutzen Polemik, verhalten sich zynisch - bauen nicht bloss auf Autorität, sondern auf Autoritarismus, dem, ungleich dem Zynismus, jeglicher Humor fehlt. Oder haben Sie schon mal einen Faschisten gesehen, der über seine Organisation lacht (und das überlebt)? Auch Faschismus schafft ein Wertmonopol, in dem nur noch ein Kopf Geltung hat.
Das Buch wird dem in der Einleitung gestellten Anspruch nicht gerecht. Sloterdijk ist angetreten, der Kant der zynischen Vernunft zu werden. Ausser, dass es bei Sloterdijk wie bei Kant recht Mühsam ist, die Zusammenhänge zu erkennen, fehlt das System. Welcher Leser weiss nach der Lektüre noch, was eigentlich Zynismus ist? Welcher weiss, ob Zynismus nun nötig, brauchbar oder verächtlich ist? Viele Geschichten - wenig Struktur - keine Orientierung, insbesondere keine neue Orientierung. Sloterdijk hätte sich vielleicht etwas mehr bescheiden müssen.
Ein Muster aus Kants Vorrede zur 2. Auflage der Kritik der reinen Vernunft. Der 1. Paragraph, der 2. Satz:
Ob die Bearbeitung der Erkenntnisse, die zum Vernunftgeschäft gehören, den sicheren Gang einer Wissenschaft gehe oder nicht, das lässt sich bald aus dem Erfolg beurteilen. > Wenn sie nach viel gemachten Anstalten und Zurüstungen, so bald es zum Zweck kommt, in Stecken gerät, oder, um diesen zu erreichen, öfters wieder zurückgeht und einen andern Weg einschlagen muss; imgleichen wenn es nicht möglich ist, die verschiedenen Mitarbeiter in der Art, wie die gemeinschaftliche Absicht erfolgt werden soll, einhellig zu machen: so kann man immer überzeugt sein, dass ein solches Studium bei weitem noch nicht den sicheren Gang einer Wissenschaft eingeschlagen, sondern ein blosses Herumtappen sei, und es ist schon ein Verdienst um die Vernunft, diesen Weg wo möglich ausfindig zu machen, sollte auch manches als vergeblich aufgegeben werden müssen, was in dem ohne Ueberlegungen vorher genommenen Zwecke enthalten war. <
Kant schwadroniert in einem unendlichen Satz, ohne eigentlich viel Bedeutendes zu sagen. Das ganze Werk umfasst tausende solcher Sätze. Wenn man nun auf widersprechende Sätze stösst, und die gibt es, gerade was die Bedeutung der Metaphysik betrifft, wie um Himmels willen soll man die Widersprüche klären, wenn schon der einzelne Satz ein derart verwirrliches Konstrukt ist. Sloterdijk hat den schwadronierenden Stil Kants übernommen, Gottseidank nicht, was den Satzbau betrifft, wohl aber, was das Gesamtwerk angeht. Philosophen wie Wissenschaftler sollten sich hier mehr an Wittgenstein halten, der sicher irgendwo so was gesagt hat wie: Was sich klar denken lässt, lässt sich auch klar sagen.
Wie nahe Sloterdijk in der Beziehung "geschraubte Formulierungen" Kant nahe steht, zeigen einige Passagen aus dem Vorwort (S. 28/29):
Und vielleicht gäbe es in der Welt noch mehr solcher magischer Bücher (Kant: Kritik der reinen Vernunft. Schopenhauer: Die Welt als Wille und Vorstellung), die man nicht lesen kann, weil sie zu schwer sind, die man aber doch von aussen noch bewundern muss wie etwas vom ganz Grossen.
Der Traum, dem ich folge, ist der, den sterbenden Baum der Philosophie noch einmal blühen zu sehen - in einer Blüte ohne Enttäuschung, übersäht mit bizarren Gedankenblumen, rot, blau und weiss schimmernd in den Farben des Anfangs, wie damals im griechischen Frühlicht - als die theoria begann und als, unglaublich und plötzlich wie alles Klare, das Verstehen zu seiner Sprache fand. ... Die Kritik der zynischen Vernunft will ... "der tiefen Weltvernichtungsidee" folgen, auf der die "fröhliche Wissenschaft beruht - "und die darin, wie ein phantastisch ironischer Zauberbaum, emporschiesst mit blühendem Gedankenschmuck, singenden Nachtigallennestern und kletternden Affen." (zitiert Heinrich Heines Beschreibung von Aristophanes: Die Bäder von Lucca.)
Meine persönliche Interpretation des ironischen Zauberbaums: Ein Jugendwerk, bei dem sich der Autor einiges vor-, sich vor allem aber über-nommen hat. Auf diesem Wurzelstock vermochte, wie es sich ja auch anhand der nun vergangenen 20 Jahre zeigt, kein Zauberbaum emporranken. Die Philosophie blieb das alte postmoderne, stachelige Brombeerdickicht.
4-5 Generationen sind heute
am Werk:
WARNUNG: Diese Einteilung taugt zum Verständnis von Geschichte wie von Menschen rein gar nix, denn sie beschreibt nur jeweils selektiv eine auffallende Gruppe. Dazu kommen aber die, die eh immer das Gegenteil machen, die, die eh alles besser wissen, die, die es eh schon immer wussten und weiter so machen, die, die mit der Mode gehen, auch was Einstellungen betrifft etcetc. |
Es wurde kein System entwickelt, kein Konzept wie aus der zynischen Orientierungslosigkeit der Postmoderne heraus zu kommen wäre - wie etwa, mit ein bisschen mehr Kynismus, der Geldheilsglaube korrigiert werden könnte. Die 2 Hälfte des 20. JH. brauchte keine Orientierung. Man war damit beschäftigt, die Landschaft zuzupflastern, die Städte in die Höhe zu treiben, Produktion und Handel zu beschleunigen. Heute, wo es nicht mehr viel zuzupflastern und in die Höhe zu treiben gibt, drängt sich mit dem Nullwachstum die Frage einer neuen Orientierung immer stärker auf. No future generation, generation x, das ist noch nicht lange her, und eine Generation die lieber an die gute alte Zeit und an Autoritäten glaubt, ist Resultat der selben Orientierungslosigkeit - einer Orientierungslosigkeit die sie nicht selbst verschuldet, sondern beruht auf einer systemischen Fehlorientierung, auf der Masse zynischen und zusammenhangslosen Wissens, auf Wissen. das dumm macht.
| Er hat den Wunsch, den alle träumen, restlos und absolut
erfüllt. Er hat von seinem fünfundzwanzigsten Jahr bis zu seinem Tod nur
getan, was er wollte. Hans Weigel über Karl Kraus |
Dass Sloterdijk lieber gewunden als klar redet zeigt sich auch daran, dass er Karl Kraus, den grössten Zyniker und Polemiker der Weimarer Republik, die doch das Fundament des Buches bildet, einfach "übersieht". Offensichtlich wollte sich Sloterdijk nicht mit dem wortgewaltigen und messerscharf kritisierenden Kraus vergleichen lassen, sondern lieber mit dem gedrechselt-unverständlichen Kant.
Ebenso hat er Friedrich Nietzsche unterschlagen, den wohl grössten Zyniker der Moderne. Der konnte sein Anliegen, in etwas kirchlich-zeremonieller Manier zwar, aber doch recht verständlich - und amüsant, darstellen. Ein zweiter Grund, weshalb ich ihn zu den Zynikern zähle ist, dass ihm die Verlogenheit einer künstlich aufgepfropften Kultur, die sich damals insbesondere durch religiöses Gebaren äusserte, extrem zuwider war und er den Menschen aus diesen künstlichen Fesseln befreien wollte. Einige Beispiele aus Morgenröte:
19: Sittlichkeit und Verdummung. - Die Sitte repräsentiert die Erfahrungen früherer Menschen über das vermeintlich Nützliche und Schädliche - aber das Gefühl für die Sitte bezieht sich nicht auf jene Erfahrungen als solche, sondern auf das Alter, die Heiligkeit, die Indiskutabilität der Sitte. Und damit wirkt das Gefühl dem entgegen dass man neue Erfahrungen macht und die Sitten korrigiert: das heisst, die Sittlichkeit wirkt der Entstehung neuer und besserer Sitten entgegen: Sie verdummt.
29: Was nützt eine Tugend, die man nicht zu zeigen verstand! - Diesen Schauspielern der Tugend tat das Christentum Einhalt: Dafür erfand es das widerliche Prunken und Paradieren mit der Sünde, es brachte die erlogene Sündhaftigkeit in die Welt.
76: An sich ist den geschlechtlichen wie den mitleidenden und anbetenden Empfindungen gemeinsam, dass hier der eine Mensch durch sein Vergnügen einem anderen Menschen wohltut - man trifft derartige wohltuende Veranstaltungen nicht zu häufig in der Natur.
91: Die Redlichkeit Gottes. - Ein Gott der allwissend und allmächtig ist und der nicht einmal dafür sorgt, dass seine Absicht von seinen Geschöpfen verstanden wird - sollte das ein Gott der Güte sein? ... Aber vielleicht ist er doch ein Gott der Güte - und vielleicht konnte er sich nur nicht deutlicher ausdrücken! So fehlte es ihm vielleicht an Geist dazu? Oder an Beredsamkeit?
Sloterdijk hängt seine Zynismusanalyse (Kritik bedeutet in der Philosophie meist etwas ähnliches wie Analyse) an der Weimarer Republik auf, die er offenbar 10 Jahre lang studiert hat. Für den Leser ist das etwas schwierig, da die Gründe dafür erst im letzten Viertel des Buches (S. 698-921) erklärt werden. Mich selbst packte also auf Seite 42 bereits zum ersten mal die Lust, das Buch wegzuschmeissen (d.h. es in die Bibliothek zurückzubringen. Bibliotheken schätzen solche Radikalkritik nicht!), denn die Weimarer Republik beinhaltet Biedermeier, eine Hochkultur des Kleinbürgertums, und eine ebenso autoritäre wie trottelige Regierung. Es herrschten Zucht und Ordnung. Der Zyniker ist aber eben derjenige, der gegen Autorität aufbegehrt. Die Weimarer Republik hat mit ihrer bivalenten Haltung zur Politik (Raisonniert so viel ihr wollt, aber gehorcht! [S. 168]) , insbesondere zum Parlament, das als Schwatzbude bezeichnet wurde, sicher den Zynismus gefördert, kann deshalb wohl aber kaum als Zeitalter des Kynismus gelten. Die Bezeichnung "zynisch" passt auch nicht zur Weimarer Untertanenrepublik, weil dieser der Humor weitgehend fehlte, was Sloterdijk auf S. 925 selbst zugibt. Der bürgerliche Zwang zur Seriosität hat Mühe mit Satire und Ironie - und macht sich um so mehr lächerlich.
In der Weimarer Republik, also zu Beginn des 20. JH, zeichneten sich aber ganz offensichtlich die Mehrheit der Probleme bereits ab, die uns heute zu schaffen machen:
Die Stadt: Rathenau beschreibt sie in Kritik der Zeit. Hundert Jahre später hat sich bloss der stilistische Ausdruck geändert, das Problem ist, im Ausmass exponentiell gewachsen zwar, sachlich immer noch das Selbe:
In ihrer Struktur und Mechanik sind alle grösseren Städte der weissen Welt identisch. Im Mittelpunkt eines Spinnenwebes von Schienen gelagert, schiessen sie ihre versteinerten Strassenfäden über das Land. Sichtbare und unsichtbare Netze rollenden Verkehrs durchziehen und unterwühlen die Strassenschluchten und pumpen zweimal täglich Menschenkörper von den Gliedern zum Herzen. Ein zweites, drittes, viertes Netz verteilt Feuchtigkeit, Wärme und Kraft, ein elektrisches Nervenbündel trägt die Schwingungen des Geistes ...
Die neuen Begierden, der Warenhunger (S. 783/84):
In bürgerlichen Haushalten kommt es zur Inflation der Gegenstände, in deren Verbrauch sich das Dasein zu erschöpfen scheint.
Die bisherigen Fortschritte der Welt waren von einer starken Vermehrung der täglichen Gebrauchsgegenstände begleitet. In dem Hinterhof eines amerikanischen Wohnhauses befinden sich durchschnittlich mehr Gerätschaften ... als in dem gesamten Gebiet eines afrikanischen Herrschers. Ein amerikanischer Schulbub ist im allgemeinen von mehr Sachen umgeben als eine ganze Eskimogemeinde. Das Inventar von Lüche, Speisezimmer, Schlafzimmer und Kohlenkeller stellt eine Liste dar, die selbst den luxuriösesten Potentaten vor 500 Jahren in Erstaunen versetzt haben würde ...
Henry Ford 1923
Konsumgier - Konsumpflicht:
Im Konsumismus wird die Produktion selbst zum Zweck und der Mensch zum Mittel. Gegen Ende des 19. JH. hatte sich die Angestelltenzivilisation bereits weitgehend entwickelt. Politik und Wirtschaft dressierten den ihr nützlichen neuen Untertanen. Wurde der Untergebene durch Wochenend' und Ferien für die harte und, damals wie heute, eigentlich meist eher sinnlose, Arbeit entschädigt, so flüchteten bereits damals die leitenden Angestellten in die Betäubung der Betriebsamkeit. Der Schauspieler Gustav Regler, der die Tochter eines grossen Warenhausbesitzers geheiratet hatte, wurde von seinem neuen Schwiegervater dazu angehalten, einen "anständigen" Beruf zu ergreifen, und wurde leitender Angestellter:
Ich lernte Kundendienst, Lächeln, Lügen, Kalkulation und Massnehmen, sanftes und energisches Auftreten, Modelaunen und Angestelltenpsychologie, Vertreterwitze und Gewerkschaftsforderungen, Regierungsverfügungen und Steuertricks ....
Immer ferner rückte ich dem Volk, dem ich mich fünf Jahre vorher ungefragt angeboten hatte, und immer ferner rückte ich mir selbst.
In meinem Nervensystem entstand das, was man später die "Managerkrankheit" nannte: der Betrieb wurde mein Refugium ... es war die Flucht in die Aktivität, der Leerlauf der Seele. Um die Feiertage und Ferien herum war eine gefährliche Stille ...
... ich war nicht ich selbst. Zur Managerkrankheit gehört auch jenes gespaltene Bewusstsein, das keine Fixierung aufs Wesentliche mehr erlaubt. Es musste schon ein Schock kommen, um beide Teile wieder zusammenzuschweissen ...
(Das Ohr des Malchus 1975).
Offenbar hat sich auch hier nur der Schreibstil geändert, nicht aber die Sache an sich, den ganz ähnlich (um einiges humoriger allerdings, also kynischer) wird die Business Class heute von Martin Suter karrikiert.
Bereits damals, vor allem 1921-23 flackerten krass hedonistische Ströme auf. Während das Geld rasant an Wert verlor, förderten amerikanische Revuen den Illusionismus. Die Anforderungen und Zumutung nahmen zu und Anpassung wurde zur Überlebensstrategie dieser Untertanengesellschaft.
Erzwungene Anpassung lässt sich nur mit einem gehörigen Mass an Zynismus ertragen. Aus diesem Grund charakterisiert wohl Sloterdijk die Weimarer Republik als zynisches Zeitalter. Der Zynismus ist hier aber 1. vulgär und 2. sekundär, also nicht ursächlich für die Probleme, sondern reaktionär.
Komplexität, Frustration und scheinbare Auswege
Die von der Politik frustrierten Lehrlinge der Demokratie begannen sich wieder nach den "klaren Verhältnissen" des Krieges zu sehnen. (S. 748). Die Rechten wünschten sich die Kameradschaft der Front zurück und nach den dort herrschenden klaren Linien. Soldaten waren heldisch, klar, tapfer, gross im Ertragen, Gehorchen, Dienen, Durchhalten: mit einem Wort, männlich. Die Politiker waren meist gerade das Gegenteil davon.
Hinderlich an der Klarheit war und ist meist die Komplexität der Realität. Hier findet sich die 1. zynische Scheinlösung des Rechtsextremismus, die 2. zynische Scheinlösung der Schauspielerei, die 3. Scheinlösung der Fokussierung und die 4. zynische Scheinlösung der Indifferenz:
Autorität: Wenn niemand weiss wo's langgeht, dann sagen wir's eben!: Die postmoderne Antimoderne tritt hier auf als Bedürfnis nach Vereinfachung. Durch die braune Tünche wird die Welt aber nicht einfacher, sondern vor allem trüber, dumpfer, brutaler, zynischer. Vereinfachung fördert Dummheit, Krampf, Bluff, Pose und Grossmäuligkeit (s. 730). (Darin liegt der zugegebenermassen bösartige Textblock oben links im Artikel zur Autorität begründet.)
Schauspielerei: Der mit Gewandtheit, Sprachbegabung, Charme, Verführungsgabe, Situationsgespür, Geistesgegenwart und Phantasie reich ausgestattete Hochstapler (s. Thomas Mann: Felix Krull) wird zum Zeittypus par Excellenze. Die Weimarer Republik ist offenbar, genau wie unsere Zeit, die Zeit der Rhetoriker und Pantomimen, sie sich heute allerdings meist als Experten tarnen, ihr Wissen mit Diplomen statt Argumenten belegen und vor allem auf eine gediegene Fassade der Seriosität achten.
Fokussierung, sich auf ein Kerngebiet, auf das Wichtige beschränken: Jeder wäre dazu angehalten, auf Grund moralischen Wissens zu entscheiden, z.B. auf Grund des Wissens um die Begrenztheit der Erde bescheiden damit umzugehen - während aber derjenige reich wird, der sein Wissen auf die Bereiche beschränkt, die dem Gelderwerb förderlich sind. Hier löst sich das Geheimnis auf, an dem ich selbst über 20 Jahre herumgerätselt habe: Warum sind reiche Leute meist nicht besonders Intelligent? (dort mathematisch belegt ...). Weil sie über einen andern Intelligenztyp (kinetische Intelligenz) verfügen als Intellektuelle, deren Intelligenztyp eher dem der abstrakten Intelligenz entspricht, also der Intelligenz, die in Tests (Pisa) vorwiegend gemessen wird. Oder, aktueller Fall, wie wird man als Trottel Präsident? Die Sache lässt sich anhand des zynischen Spruches einfach erklären: Weil sie das und nur das wissen, was sie für ihre beschränkten Zwecke wissen müssen. Gerade dafür ist Bush berühmt, für seine no nonsense Politik! (Dass diese für Andere oft keinen Sinn hat ist das Problem der Anderen. - Genau so wie die Ausnutzung der sozialen und natürlichen Umwelt und die entstehenden Schäden nicht Sache der Wirtschaft sein sollen). Zu viel Wissen verlangt nach Fokussierung. Weniger elegant ausgedrückt, dafür ein bisschen zynischer, heisst Fokussierung aber Beschränktheit. Und darauf beruhen Macht und Reichtum.
Das mag hier etwas polemisch tönen, steckt aber in der Wirtschaft tatsächlich so drin und wird im Namen des Profits so gefordert.
Cools und Van Praag haben 2003 empirisch gezeigt,
dass alleine die Konzentration auf eine einwertige Zielfunktion sich finanziell auszahlt.
[Cools, K und Mirjam Van Praag (2003): The Value Relevance of Disclosing a Single Corporate Target: An Explorative Empirical Analysis. Arbeitspapier, Tinbergen Institute, University of Amsterdam.]
| Ansichten kann jeder haben, aber bleibend sind auf die Dauer nur die, mit denen man etwas verdient, weil das beweist, dass sie anderen Leuten auch einleuchten!" Bankdirektor Fischel in Robert Musils Mann ohne Eigenschaften. S. 1008 |
Präzise aus diesem Grund ist mit umfassendem Wissen und ganzheitlichem Denken in der Wirtschaft kein Blumentopf zu holen!
Präzise aus diesem Grund möchte sich die Wirtschaft vom politischen Gängelband befreien!!
Präzise aus diesem Grund darf sie das nicht!!!
Wirtschaften gleicht dem Konzert. Der Dirigent hat seine Partitur, es ist klar, was gespielt wird, er macht klar, wie gespielt wird, denn das Konzert muss harmonisch sein und beim Publikum ankommen.
Für Gesellschaftspolitik wie Wirtschafts- oder andere Politiken gibt es aber keine Partitur. Es geht dabei auch nicht um straff und effizient durchzuführende Programme, sondern es geht um die Harmonie des Ganzen - die nur über Partizipation zu gewährleisten ist.
Gilt für Konzert wie Wirtschaftsprojekt:
Keine Harmonie ohne straffe Führung und klare Organisation,
so gilt für das Gesellschaftsprojekt:
Keine Harmonie ohne Beteiligung!
Die herausragende Figur, die spezifische Macht eines Dirigenten, wurde von Elias Canetti in Masse und Macht wie folgt begründet:
Es ist ihm genau bekannt, was jedem in jedem Augenblick erlaubt ist. Dass er auf alle zusammen achtet, gibt ihm das Ansehen der Allgegenwärtigkeit. Er ist sozusagen in jedermanns Kopf. Er weiss, was jeder machen soll, und er weiss auch, was jeder macht. Er, die lebende Sammlung der Gesetze. schaltet über beide Seiten der moralischen Welt. Er gibt an, was geschieht, durch das Gebot seiner Hand, und verhindert, was nicht geschehen soll. Sein Ohr sucht die Luft nach Verbotenem ab. Für das Orchester stellt der Dirigent so tatsächlich das ganze Werk vor, in seiner Gleichzeitigkeit und Aufeinanderfolge, und da während der Aufführung die Welt aus nichts anderem bestehen soll als aus dem Werk, ist er genau so lange der Herrscher der Welt.
Der Unterschied zu Welt, Politik und Wissenschaft liegt darin, dass dort die Welt nur selten als Aufführung einer Partitur sich behandeln lässt - nicht mal in der Lesart: einer Partitur. Die Evolution (wie die Wirtschaft) produziert Überschuss, und spielt mit dessen Möglichkeiten. Der Planer, der genau weiss wie's geht, kommt dann meist erst hintendrein. Die Wirtschaftsführer, die die Welt so gestalten wollen, dass ihre Idee von Wirtschaft darin funktioniert, gleichen einem Ei, dass sich auf ein Huhn setzt, um es auszubrüten.
Wurtschtigkeit (läckmeramarsch, kultivierter als laissez faire bezeichnet). Weil alles problematisch wurde, ist auch alles irgendwie egal, also die Basis der no future generation wie der generation x.
Das laissez faire, das sich die Wirtschaft so sehr von der Politik wünscht, taugt der Politik meist nicht:
Lassen wir ihn ruhig an die
Macht kommen, in acht Monaten hat er abgewirtschaftet,
meinte damals ein
Gewerkschaftsfunktionär, als Hitler die Macht übernahm.
Wer denkt, all dies könne heute nicht mehr geschehen, sollte sich bewusst sein, dass weder Kaiser Wilhelm II. noch Hitler die letzten Bekloppten waren, die an die Macht kamen und das Volk in die Irre führten. Bush ist auch nicht der Intelligenteste, und auch er wirtschaftet ab, bleibt aber trotzdem an der Macht.
Politisch lassen sich klare Linien natürlich nicht durch komplexe Argumentation erzielen, sondern durch Populismus. Hitlers Rezept hiess darum: zuerst vereinfachen und dann unendlich wiederholen. Der Politiker verbirgt, dass er mehr weiss als das Volk und identifiziert sich mit seinen Vereinfachungen. Das funktioniert heute noch genau so, nicht bloss in den USA ... Um Massen bewegen zu können muss also vereinfacht werden, und das ist die Basis faschistischer Autorität, der Autorität der Kleinkarrierten:
Durch ideologische Überhöhung und Verschiebung einfachster praktischer Fragen wurde der Mehrheit der Verlierer und Neinsager vorgegaukelt, sie seien die wahren Realisten und berufene Mitgestalter einer neuen grandiosen und einfachen Welt !!! (S: 879)
Der Intelligente weiss Erfahrungen zu machen und sie auf differenzierte Weise zu durchdenken. Der Raffinierte weiss, wie man Differenzierungen wieder über Bord wirft. (S. 862)
So wurde die nach Halt oder zumindest Orientierung suchende Masse populistisch-polemisch politisiert - was zu einer Nulllösung führt, also eigentlich einer antipolitischen Haltung. Das tönt absurd, aber, je weniger sich Parlamente einigen können, desto grösser der Spielraum für die andern Führer. Grosse politische Gruppen wollten also von einer politischen Leitung nichts wissen. Das selbe Konzept ist in der Schweiz sehr wohl bekannt:
Mehr Freiheit [für die Grossen und Starken] - Weniger Staat [zum Schutz der Verlierer]
Die zynische Vernunft ist die Unvernunft der Postmoderne - das Wissen das dumm macht.
Bei Sloterdijk fehlt jeglicher Hinweis auf die Postmoderne, obwohl es sich eigentlich um die umfassendste Beschreibung der Grundlagen und Probleme handelt, die zur postmodernen Absage an umfassende philosophische wie wissenschaftliche oder sonstige geistigen Systeme handelt. Sloterdijk beschreibt den Einstieg in ein Jahrhundert der Orientierungslosigkeit in dem erst Autoritäten wie ein debiler Kaiser, dann ein ein böhmischer Gefreiter, und zum Schluss kleinbürgerliche Krämerseelen Autorität usurpieren.
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Es ist ein Irrtum, anzunehmen, der Mensch habe noch einen Inhalt oder müsse einen haben. Der Mensch hat Nahrungssorgen, Familiensorgen, Ehrgeiz, Neurosen, aber das ist kein Inhalt im metaphysischen Sinne mehr... Es ist überhaupt kein Mensch mehr da, nur noch seine Symptome. Gottfried Benn [4.1056] |
Sloterdijk beschreibt unter dem Terminus Devitalisierung (Desorientierung), wie die Autorität von Familie, Staat und Militär ersetzt wurde durch Konsumismus, Sexismus, Sport, Tourismus, Gewaltkult, Massenkultur, während die Kirche draussen vor der Tür blieb: Der heutige Glaube ist ein Glaube an die Macht des Geldes und ein Verzweifeln nicht am Verlust des ewigen Friedens, sondern an Geldmangel, Zeitmangel, zuwenig Sex, zuwenig Spass, zuwenig Sicherheit. Der Mensch wurde durch mehr Wissen nicht autonomer, sondern immer mehr zum Mangelwesen, dem nur mit mehr Bildung, mehr Gesundheits-, Finanz-, Steuer-, Lebens-, Sterbens-, Lese-, Schreibe- und Scheiss-Beratung noch zu helfen ist. Mehr, mehr, mehr ... sei die Lösung, und all dies ohne eigentlichen Zweck, denn der genannte Zweck, nämlich die internationale Wettbewerbsfähigkeit, ist eigentlich kein Zweck sondern ein Mittel! Genau wie beim Geld wurde aber vergessen, wozu dieses Mittel eigentlich dienen sollte und es wurde zum Selbstzweck. Genau wie beim Ruf nach Mehr beim Wachstum ist der Ruf nach mehr Wettbewerb ein Musterbeispiel für die Dummheit akkumulierten aber undurchdachten Wissens, denn es ist präzise der Wettbewerb, der den Menschen immer wieder zum Mangelwesen macht, ganz egal auf welchen Bergen an Gütern und Wissen er bereits sitzt. Wettbewerb ist die Förderung der Unzufriedenheit.
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Die Gescheiten leben von
den Dummen Bertold Brecht, Tagebücher 1920-23 |
Das Motto: "Arbeit macht frei" wurde nach 1945 aus dem Konzentrationslager befreit - und zum zynischen Motto der ganzen Gesellschaft. Arbeit wurde Quelle der Orientierung. Arbeit wurde zum Sinn des Lebens. Bis zum Zusammenbruch des Kommunismus und Sozialismus wurde die arbeitende Bevölkerung durch Wachstum und Wohlstand bei Laune gehalten. Seitdem politisch und wirtschaftlich das Konkurrenzmodell verschwunden ist, reicht Angst, Angst vor Arbeitslosigkeit, Angst vor Existenzverlust, um die arbeitende Bevölkerung zu disziplinieren.
Der zerbrochene Kreis von Arbeit - Produktion und Konsum, zerbrochen durch die spekulative Finanzwirtschaft, könnte den sich zu selbstsicher gebärdenden Kapitalismus allerdings genau so auf dem Misthaufen der Geschichte enden lassen wie seine ebenso autoritären Brüder, den Kommunismus und den Sozialismus.
| Wer die Wahrheit sagt,
wird früher oder später dabei ertappt. Oskar Wilde |
Wissenskynismus: Die kynische Vernunft. Auf kynische Weise von seiner Intelligenz Gebrauch zu machen, heisst eher eine Theorie essayistisch, literarisch zu parodieren, als eine aufzustellen. Die Satire ist Kritik, und damit ein Prüfstein für Wissen, genau wie das wissenschaftliche Experiment, aber auf der Ebene der gesellschaftlichen Verwendung der Wissenschaft, nicht beschränkt auf das Labor: Was keine Satire aushält, ist falsch! Der Satiriker verteidigt Natur und Wahrheit gegen die Theorie. Während wissenschaftliche Theorie sich erhaben gibt, zeigt der Kyniker sie aus der Perspektive de Lächerlichkeit, der Beschränktheit, der Furzidee. Die grosse Theorie zeigt nur das Gelungene, der Zyniker zeigt das Scheitern, das Vermurkste. Der Idealismus sieht das Schöne und Gute, der Zyniker macht darauf aufmerksam, dass das Fundament all dieses Schönen und guten immer noch krumm und schief in der Scheisse steckt. Der Kyniker lässt dem Nichtwissen Raum, aber nicht dem Besserwisser, er hat bei aller Respektlosigkeit eine aufrichtige, ernsthafte, beinahe pathetische Einstellung zur Wahrheit.
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Was für ein trauriger Gegensatz zwischen der strahlenden Intelligenz eines
Kindes und der dürftigen Mentalität des durchschnittlichen Erwachsenen.
Sigmund Freud |
Wissenszynismus 1: Die Schüler und Studenten, Lehrlinge und Angestellte, die Lernstoff auswendig lernen, da gute Noten für die Karriere wichtig sind, aber den Lernstoff wohl einen Tag nach der Prüfung bereits vergessen - da er meist überflüssig ist.
Wissenszynismus 2 - der Zynismus der Praktiker und Politiker, für die Theoretiker ein Schimpfwort ist: Bildung ist DAS unentbehrliche Fundament unserer Wirtschaft und unserer Gesellschaft ... aber Theorien sind natürlich Theorien und die Praxis etwas ganz anderes: Nun vergessen Sie mal alles, was Sie gelernt haben! - hab ich selbst so ca. 3 Wochen nach Abschluss meines Diploms 1980 zum ersten Mal gehört. Wissen ist, was Karriere betrifft, zum grossen Teil bloss ein (wie auch betont: bloss ein) Selektionskriterium im Wettbewerb um die beste Stelle - und meist nicht das wichtigste, denn immer mehr haben Beruf und Studium immer weniger miteinander zu tun. Der Bildungsbetrieb wird also immer zynischer statt kynischer. Dies liesse sich allerdings rasch ändern, wenn sich diejenigen genau so an die Öffentlichkeit trauen würden, die ihre langjährige aufwändige Ausbildung nicht in Geld und Karriere umsetzen konnten, wie es die wenigen tun, denen es eben gelungen ist, sich an die Spitze zu boxen. Jedes System erscheint äusserst attraktiv, solange nur die Gewinner sich zeigen. Fast jedes System wird allerdings früher oder später stürzen, wenn es mehr Verlierer als Gewinner produziert. Darum, Verlierer, lasst von Euch genau so hören wie es die Gewinner tun.
Positivismus und Szientismus: Wertfreie Wissenschaft, die sich selbst als höchsten Wert setzt. Aber wer betreibt Forschung über die Forschung? Wer die Wissenschaft der Wissenschaft? Die Frage drängt sich um so mehr auf, als die Philosophie auf den Zug der Wissenschaft aufzuspringen sucht und Seltsamkeiten wie Wissenschaftsphilosophie oder analytische Philosophie ausbrütet.
Analytische Philosophie: Anstatt die Analyse den Mathematikern und Statistikern zu überlassen, verlegen sich auch einige Philosophen auf diese pseudowissenschaftliche Methode, die von Ihrem eigenen Erfinder, Ludwig Wittgenstein, im Alter aufgegeben wurde. Sloterdijk sieht als Grund dafür, dass die Philosophen selbst den Überblick verloren haben (was er ja auch gleich selbst beweist ...).
Journalismus: Der Gebrauchswert von Nachrichten misst sich an ihrem Reizwert. Mit literarisch-ästhetischen Mitteln werden tausende von unbedeutenden Kleinereignissen mit einem "und" zusammenhangslos nebeneinander gestellt, allenfalls an einem primitiven und veralteten moralischen Rahmen gemessen. Moralische Entrüstung ist immer medial wirksam, auch wo keine Moral herrscht (s. USA). Sensationalismus bewirkt Zerstreuung. Die Orientierung geht in der Masse der Informationen verloren.
| Alles in allem ist die
Semantik des Furzes sogar ein ziemlich kompliziertes Problem, von der
Linguistik und Kommunikationsforschung freilich arg vernachlässigt. Slooterdijk S. 287 |
Dummheit
Zynismus macht nicht die geistig schwachen, die Menschen, die ohne eigenes Verschulden über tieferen IQ verfügen lächerlich, denn Dummheit ist nicht unverschuldetes Nichtwissen, sondern eigenwilliges bewusstes Handeln gegen besseres Wissen:
Wir sind um so dümmer in unseren Handlungen, je weniger unwissend wir sind.
Wo überhaupt keine Vernunft vorhanden ist, kann man doch nicht unvernünftig sein! Je mehr man aber mit Intelligenz begabt ist, um so eher ist man geneigt, in einem Meer von Albernheiten zu ertrinken!
Charles Richet, Physiologe, Psychologe, Nobelpreisträger 1921 (S. 867) sah sich auf Grund der gehäuften menschlichen Dummheiten wie Verstümmelung, Beschneidung, Kastration, Zölibat, Königskult, Knechtseligkeit, Unterwerfung, Klassengesellschaft, Drogen, Alkoholismus, Tabak, Moden, Juwelen, Krieg und Rüstung, Aberglaube, Stierkampf, Ausrottung von Tierarten, Zerstörung der Wälder, Schutzzölle, Krankheiten aus Leichtsinn etc. dazu veranlasst, Darwins Homo sapiens zum Homo stultus umzubenennen. [Der selbe taucht bei mir unter Modellvorstellungen zu einer nachhaltigen "guten Ordnung" als Homo stupido auf.]
Wenn wir aber wissen, dass mehr Ausbildung nur wenigen zu Nutze ist, so führt ganz offensichtlich noch mehr Wissen zu noch mehr Dummheit. Die Pisa-Studie ist nun aber ein internationales Benchmarking der Resultate von Bildungsanstrengungen, oder, nach Volkmar Weiss, quasi ein internationaler Vergleich von Intelligenzquotienten. Da Intelligenz vererbt wird, fördert Wettbewerb natürlich bedingte Ungleichheit, also nicht Gerechtigkeit und schon gar nicht Kooperation.
Wissen macht dumm - denken macht weise:
"Wissen macht dumm" - ein typisch zynischer Ansatz, mit dem man sich leicht ins eigene Bein schiesst, insbesondere wenn man als hewww: Wissen schaffen, Wissen vermitteln, Wissen anwenden - anbietet. Anyhow, der Satz enthält leider einige Wahrheit und klärt einige ungelöste Probleme des 20. Jahrhunderts:
A) Wissen verdummt, weil jeder sich aus zusammenhangslosen Bergen von Wissen das heraus sucht, was ihm grad passt.
Passiv wäre das: Dummheit durch Selektion.
Aktiv wäre das: Verdummung durch propagandistisch ausgenutzte Gatekeeper-Funktion der Medien oder gar Populismus.
B) Wissen verdummt auf Grund der Widersprüche von Spartenwissen. "Erst das Fressen, dann die Moral." (s.o: Fokussierung)
C) Wissen verdummt, wenn es Lernen verhindert! Denn Lernen bedeutet immer die Umstrukturierung bestehender Wissensbestände. (s. Bedingungen des Lernens).
D) Wissen verdummt, wenn es Denken verhindert! Denn die zum Lernen notwendige Umstrukturierung des Gehirns geschieht bloss durch Denken.
Dass es ebenfalls eine Illusion ist, Arbeitslosigkeit durch Bildung in der heutigen Form, der Akkumulation zusammenhangslosen Wissens, beheben zu wollen, wurde bereits vor 2 Jahren unter: Hilft Bildung gegen Arbeitslosigkeit? Nein - denn sie verschiebt sie auf die Schwächeren, gezeigt. Bildung erhöht nur den Wettbewerb, schafft aber keine neuen Stellen (... es sei denn, in der Bildung selbst), keine neuen wirtschaftlichen Kreisläufe. Schulbildung wird meist nur dazu eingesetzt, bestehende Kreisläufe zu vereinfachen, zu restrukturieren, also mit weniger Aufwand (und noch weniger Menschen, dafür mehr Maschinen) mehr zu produzieren. Dieser Zweifel wird von Sloterdijk bestätigt:
Die alte Sozialdemokratie hatte die Parole: Wissen ist Macht als praktisch vernünftiges Rezept verkündet. Sie dachte dabei nicht viel. Gemeint war, man müsse ja etwas Richtiges lernen, um es später einmal besser zu haben. Ein Kleinbürgerglaube an die Schule hat den Satz diktiert. [Sloterdijk S. 12]
E) Wissen verdummt, wenn es so kompliziert präsentiert wird, das kein Schwein mehr drauskommt. Dies ist nun ein anderer Aspekt, der aber eigentlich die anderen 4 zusammenfasst:
Die wissenschaftliche und kulturelle Elite steht im Wettbewerb und jeder versucht, sich selbst in ein gutes Licht zu rücken und als Experte für irgendwas zu qualifizieren. Man will kein Volksredner sein, sondern das halbe dutzend Experten beeindrucken, die von der selben Spezialität auch noch was verstehen. Das wäre die passive Selektion. Die aktive würde unter dem Aspekt bedeuten, dass Experten ihr Wissen über das anderer Sparten stellen, so im Sinne: Ihr versteht davon eh nichts, überlasst das uns! (Gentechnologie, Atomkraft, Radiowellen etcetc.)
Oft reden und schreiben die Fachexperten so eigenartig, dass nicht mal mehr Experten ähnlicher Fachgebiete sie verstehen können. Warum wird seit 30 Jahren so viel von Interdisziplinarität geredet ... und nichts verändert sich?
Lernbehinderung lässt sich anhand der Sprachen erklären. Ein häufiger Grund für Lernbehinderung ist die Sprache selbst. Wenn man eine neue Sprache lernt, so ist das um so einfacher, je verwandter ihre Struktur mit einer bereits bekannten ist. So fällt English den deutschsprachigen einigermassen leicht, während die lateinischen Sprachen schon etwas mehr Aufwand brauchen. Noch schwieriger wird's bei Sprachen, bei denen sogar der Code, das Alphabet, von der eigenen sich unterscheidet, wie z.B. Russisch oder Arabisch.
Lernbehinderung durch Fachsprache und den hohen sozialen Status der Unverständlichkeit: Unter der Fahne der Wissenschaftlichkeit und der Klarheit haben so praktisch alle Disziplinen ihre eigene Fachsprache entwickelt. Obwohl diese sich meist leicht auf eine verständliche, normale Sprache zurückprojizieren lässt, macht das der Experte gar nicht gerne, denn sonst steht er unter Kollegen plötzlich als Populärwissenschaftler da, was leider bloss in England ein Lob wäre. Der Experte jedoch schreibt für die drei bis vier Leute weltweit, die die selbe Sprache reden ...wie E. setzen also einen neuen Schwerpunkt auf die Kommunikation: Rede und schreibe verständlich, so dass andere das zur Diskussion gestellte neue Wissen erst mal verstehen und ins eigene Wissen integrieren können ... denn noch dümmer als Wissen macht Desinteresse! Und dieses grassiert! Es scheint, dass Zeitungen, obwohl bereits diese mehrheitlich auf einem ziemlich mittelmässigen und eher grässlichen geistigen Niveau (Mitte Rechts) angelangt sind, bereits als Medium der Elite gelten. Die Mehrheit informiert sich also ... nö, nicht am Fernsehen, denn die Quotenreisser dort haben mit Information eigentlich kaum etwas zu tun ... schon gar nicht mehr. Auch dieses hier, das Internet, gilt als Medium der jungen, männlichen Elite. Das Volk nutzt es allenfalls zum Spielen, was Frauen damit für ein Problem haben, kann ich nicht beurteilen. Da aber gut die Hälfte der Bevölkerung aus Frauen besteht, könnten die ja selbst ...
Sloterdijk baut ein überaus reiches und buntes Panoptikum, das alle Facetten von Kynismus und Zynismus zeigt. Für die zusammenfassende Beurteilung (= Kritik), also die Schlussfolgerungen, also die Wurzeln des von ihm gepflanzten Zauberbaumes, begnügt er sich leider mit 25 Seiten (von 954). Die wichtigsten Punkte daraus in einer sehr freien und eigenen Interpretation, da Sloterdijks Schreibe hier wieder ziemlich diffus und unverständlich wird. Meine persönliche bösartige Randbemerkung dazu: Aus dem Gefasel wird sich wohl kaum ein Zauberbaum entfalten!
Kynismus ist eine Lebenseinstellung, eine Ideologie der humorigen Kritik, eines fröhlichen Skeptizismus: Nur eine Ideologie über die man lachen darf ist ernst zu nehmen! Kynismus ist des weitern eine dialektische Haltung: Die Realität ist beschissen ... also such dir einen sauberen Ort. Idealismus ist gut für Ideologen. Lass dich nicht von diesen für aussichtslose Unterfangen und höhere Ziele einspannen -es sei denn, es seien deine eigenen - sondern entspann dich. Kynismus sucht also eine Balance zwischen Skeptizismus, Stoizismus und Epikuräismus.
Zynismus aber ist eine, und nur eine, Methode der Ideologiekritik, die des lächerlich Machens, des Auslachens. Der Zyniker versucht, die ernste Maske abzuziehen, Dinge lächerlich zu machen, Leute zum Lachen zu bringen - mit der autoritär-moralischen Absicht: Hinsetzen! Nach- und Vor-Denken!
Zynismus ist die humoristische Variante der Depression.
Sloterdijk tönt eine Möglichkeit der Auflösung der zynischen Vernunft durch buddhistische Grundhaltung nur an, er redet nicht von Buddhismus oder andern östlichen Weisheiten, macht aber sehr deutlich auf die Notwendigkeit des Nicht Handelns und Nicht Machens aufmerksam. Wie Buddha und Konfuzius dazu sagen würden: Wer macht, verdirbt.
Da inzwischen allerdings die meisten Länder des Ostens die selbe Entwicklung durchmachen die bei uns längst die höheren Werte durch Geldwerte, den religiösen Glauben durch Wirtschaftsglauben ersetzt hat, sind wir vermutlich auf uns selbst gestellt und müssen entweder dem Stoizismus neuen Inhalt geben, oder ein neues Weltspiel, eine neue Comedia Mundi erfinden, so das Wachstumswirtschaftsspiel untergeht. (Wenn sich 1.2 Milliarden bienenfleissige und gehorsame Chinesen an die Arbeit machen, dürfte vom Modell der Wohlstandsförderung durch Wettbewerb nicht viel übrig bleiben ... für uns). Schwarzmalerei? Mehr Wettbewerb? Denkste! Bis anhin hat der Westen, der Norden, die entwickelte Welt, das Spiel des Wettbewerbs so betreiben können wie ein Casino seinen Betrieb: Der einzige der bei einer Lotterie gewinnt ist der Veranstalter. Die 2. und 3. Welt war Zulieferer, Konsument, Pizzajunge, Schuhputzer. Nun hat sich aber einer der Schuhputzer selbst zum Milliardär hochgearbeitet und spielt nicht bloss mit sondern wird zum Shareholder des Casinos, bestimmt also mit, was im Casino gespielt wird.
Die Postmoderne erkannte, dass die Moderne dem Subjekt jegliche objektive Gewissheit über Sein und Werden geraubt hatte - ihm aber dafür die Freiheit versprach, sich selbst verwirklichen und die Zukunft gestalten zu können. Die Aufklärung hat den Menschen befreit, lässt ihn nun aber in einer trüben Suppe aus halbverstandenem und zusammenhangslosem Wissen frei aber orientierungslos herumschwimmen. Sogar die Philosophie zersplittert sich in Sozialphilosophie, Wissenschaftsphilosophie, Arbeitsphilosophie, Technikphilosophie, Sprachphilosophie. Die Suche nach einer objektiven Vernunft wurde aufgegeben. Die private Vernunft dominiert, wie die Betriebswirtschaft über die Volkswirtschaft (s. Die Dominanz betriebswirtschaftlichen Denkens in der Politik ruiniert Volkswirtschaft, Volk und Kultur - ... und die Dominanz finanzwirtschaftlichen Denkens über die Betriebswirtschaft ruiniert auch noch diese.) Am Sinn und Wohl eines Ganzen wird gezweifelt, da der Einsatz für die Gemeinschaft durch praktischen Sozialismus und Kommunismus kompromittiert wurden. Um so lächerlicher nun die Versuche, die Angestellten zum Wohle des Ganzen ... in einer privatwirtschaftlich organisierten Welt verpflichten zu wollen.
Hochgerüstete Zentren der Privatvernunft, waffenstarrende Machtkonglomerationen, wissenschaftsgestützte Systeme der Hyperproduktion - sie alle denken nicht im Traume daran, sich unter eine kommunikative Vernunft zu beugen, vielmehr wollen sie diese durch Kommunikationsvortäuschungen ihren Privatbedingungen unterwerfen.
Jedes Selbst wird von andern gnadenlos zurückgeworfen, der atomistische wirtschaftliche wie private Wettbewerb macht Kooperation und Solidarität brüchig. Sie wird nur noch auf Widerruf gewährt, also kündbar.
Das 20. Jahrhundert wurde als Jahrhundert der Wissenschaft und Technik gelobt. Der Sinnhunger allerdings meist bloss durch neokonservative Plattitüden beantwortet. Das umfassende philosophische Fragen wurde durch pseudowissenschaftliche Besserwisserei lächerlich gemacht. Nichtwissen wurde ignoriert. Nicht Tun dem Nichtstun gleich gesetzt und als unwirtschaftliche Faulheit deklassiert.
Im wissenschaftlichen Jahrhundert kriegte die Philosophie einen Minderwertigkeitskomplex - tarnte sich als Wissenschaft oder verkroch sich in akademische Unverständlichkeit. Die Frage nach dem guten Leben blieb auf der Strecke, da man sich damit gegenüber der glücksfördernden Ökonomie bloss blamieren konnte.
Philosophie war die Zuversicht, Vernunft in die Welt hinein tragen zu können!
Sloterdijks zynische Vernunft hingegen, das aufgeklärte falsche, schauspielerische Bewusstsein der Postmoderne, das so-tun-als-ob, ist illusionslose existentialistische Gerissenheit, bei der es bloss noch darum geht, sich möglichst unberührt irgendwie durchs Leben durchzubringen, allenfalls dabei noch gut auszusehen. Die schlechten Erfahrungen mit Ideologien haben uns die Illusionen geraubt - weshalb wir einen grossen Bogen um Ideale machen ... es sei denn, man werde dafür bezahlt.
Während sich das Wissen der Wissenschaften in immer kleinere Teile zersplitterte, während sich die Mehrheit der Wissenschaftler noch immer rein gar nichts begriffen hat und sich weiter im längst vertrockneten Sumpf des Positivismus suhlt; während die Philosophie noch immer damit ringt, das 20. Jahrhundert zu verstehen, wurden die 2 Grundprobleme der zynischen Vernunft [angemasste Autorität und Schauspielerei], und damit die ungelösten Probleme der Moderne, und damit die Grundlage der Postmoderne, in 3 einfach zu lesenden und zu verstehenden literarischen Büchern längst beschrieben:
Heinrich Mann: Der Untertan [s. Autoritarismus]
Thomas Mann: Memoiren des Hochstaplers Felix Krull
Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften.
[Noch gesucht: DAS Buch zur Wurschtigkeit, no bock, läck mr].
Die in diesen Büchern vor 50 bis 100 Jahren beschriebenen Zustände spitzten sich bis zum Ende des 20. Jahrhunderts zwar stark zu, indem sie vom Einzelfall auf die Mehrheit übergriffen, sind aber als Grundleiden der Postmoderne die selben geblieben. Wahrheit sollte also im neuen Jahrhundert vermehrt auch in nicht wissenschaftlichen Bereichen gesucht werden. Dies gilt um so mehr, als Universitäten:
den universalen Geist seit langem eher fliehen als fördern, zu Konglomeraten von Spezialwissensproduzenten wurden, also eigentlich zu Multiversitäten mutierten.
sich den Wissensverwertern anbiedern, statt das Wissen der Gemeinschaft zu fördern, wodurch das produktive Wissen nochmals einen Schub erhält und das Verständnis für Zusammenhänge sich weiter im Dunkel der Wissensdickichte verliert.
den Zugang zu Universitäten beschränken wollen - auf diejenigen, die dafür bezahlen können, auf eine handverlesene, den Professoren ergebene Elite. (s. Guru-System, im Folgenden)
den Zugang zu Wissen verteuern wollen (s. Fernleihgebühren)
....
Insbesondere die Vorstellungen des ETH-Rates und des Präsidenten Alexander Zehnder deuten in eine seltsame Richtung, nämlich in Richtung Guru-System. Die Studenten sollen von den Professoren über persönliche Interviews handverlesen werden. Hier massen sich die Experten der Forschung eine Autorität an, die weit über die Verantwortung hinaus geht, die sie übernehmen können.
Die Hochschulausbildung ist nämlich nicht in erster Linie dazu da, den Ruf der Schule durch Nobelpreisträger zu fördern und die Position der Schule im internationalen Wettbewerb zu stärken, sondern die Hochschulausbildung soll den Absolventen den Einstieg ins Berufsleben ermöglichen, in ein Berufsleben als Forscher für eine Minderheit, in ein Berufsleben als praktischer Anwender "universitären Wissens" für die Mehrheit.
Die Schweiz produzierte in den letzten 100 Jahren 30 Nobelpreisträger. Bei einer Hochschulquote von 19% verfügen aber rund 1.5 Millionen SchweizerInnen über akademische Ausbildung und jährlich werden weitere 100'000 ausgebildet.
Ist die geplante Ausrichtung einer Hochschule, und sei es auch die ETH, auf die 0.3 Nobelpreisträger von 100'000 mehr oder minder normalen Akademikern irgendwie rational begründbar? Oder handelt es sich hier um ein weiteres Beispiel zynischer Vernunft?
Wer je an einer Universität gelernt, oder gar geforscht und gelehrt hat, der kennt die Intrigen, die persönlichen Streitigkeiten, die Unverträglichkeit zwischen den Professoren und Disziplinen und kann daraus eigentlich nur schliessen, dass die meisten Professoren ihr Hobby betreiben (umfangreiche Grundlagen dazu aus meiner eigenen Disziplin: s. Die zukünftige Ausbildung des Forstingenieurs), hoch qualifiziert und effizient zwar, aber ohne Verbindung zu Nachbardisziplinen oft, ohne Integration in ein Gesamtwissen zumeist. Der Wettbewerb der Fakultäten um Geld und Ruhm führt auch immer häufiger dazu, dass mit der Emeritierung eines Professors eine ganze Disziplin verschwindet, und damit auch die Anstellungsmöglichkeiten vieler Spezialisten (s. Humanökologie, Steiner). Aus diesem Grund muss die universitäre Ausbildung polyvalent bleiben, denn bestausgebildete Spezialisten die auf ihrem Fachgebiet nicht mehr gefragt sind, haben am Arbeitsmarkt als überqualifizierte, selbständig denkende, autoritätsresistente, meist geringe Chancen (Ich rede aus Erfahrung ...). Die Ausbildung von potentiellen Nobelpreisträgern ist ein bildungspolitischer Witz.
Aufgaben der Wissensarbeiter zu Beginn des 21. Jahrhunderts:
Förderung des kritischen Denkens an Stelle des Plätzchen-Wissens, also der zynischen Vernunft. Wissenschaft muss wieder lernen, dass die Antwort, das Resultat wissenschaftlicher Forschung, nur dann von Bedeutung sein kann, wenn die richtige Frage gestellt wurde. (s. Heuristik)
Besseren Verknüpfung des Inselwissens (s. Inter-, Trans- und Paradisziplinarität)
Intensiverer und klarerer Dialog mit Praxis und Volk: Die Wissenschaftler müssen bereits mit ihren Thesen wieder vors Volk und nicht erst die Produkte per Wissenstransfer auf die Gesellschaft los lassen.
weiteres s. Postmoderne, Autorität und Universität,
Die Frage nach der gemeinsamen Vernunft, der geteilten Vernunft, wurde durch die Postmoderne zum kritischen Element des gesellschaftlichen Zusammenhalts, aber bis anhin weder durch diese noch durch Sloterdijk (oder mich) gelöst. Da ist noch Denkarbeit zu leisten. ... Das heisst, Moment mal ... die Grundlagen dazu sind eigentlich vorhanden:
Das vernetzte Denken: Webphilosophie - Netzwerk-Philosophie - Philosophie als Orientierungswissen
Vernetztes
Denken statt
verschachteltem Wissen
ist das probateste Mittel
gegen die Gewalttätigkeit der Banalität.
Vernetztes Denken heisst, nicht in Positionen denken, argumentieren und entscheiden, das biblische banalisierende ja ja, nein nein erweitern zu ja - vielleicht , aber unter den Umständen a,b,c, eher nein (oder umgekehrt).
Für viele mag das Ende der klaren Positionen Chaos bedeuten, viele nutzen das Ende klarer Positionen aus, um ihre Position zu verteidigen. Beides ist falsch. Denn die Ablehnung der Position bedeutet kein Ende der Orientierung, sondern eine Erweiterung der Orientierung. So wie sich der Seemann nicht bloss am Polarstern oder am magnetischen Norden orientieren kann, sondern auch am Stand der Sonne und der Sterne, so muss der Mensch verschiedenste Möglichkeiten der Orientierung nutzen und bewegt sich so meist in Feldern zwischen ja und nein, in einer Grauzone zwischen schwarz und weiss, in einem diffusen Bereich zwischen Gut und Böse. Relativismus? Unsinn? Also ein
Beispiel - Politik, Wirtschaft und Gesellschaft: Für sich selbst sehen, für die Familie sehen, ist gut aus der Perspektive der Eigenverantwortung, der Religion, der Gesellschaft, der Wirtschaft des Staates. Auf das Wohl der Firma sehen ebenso. Aber bereits hier wird sofort klar, dass man sich fast täglich entscheiden muss: Was ist mir wichtiger? Meine Familie und ich oder die Firma? Noch krasser werden die Probleme, wenn es um Staat oder Gesellschaft geht. Da Familie wie Firma bloss Elemente sind, eingebettet in die Strukturen von Staat und Gesellschaft, bedingen sich die 4 also gegenseitig. Trotzdem wehrt sich ein grosser Anteil der Menschen immer wieder gegen den Staat und seine Vorschriften. Trotzdem wehr sich eine Mehrheit der Firmen gegen den Staat (es sei denn, es gehe um die Sicherung der Eigentumsgarantie ...) und sogar gegen die Gesellschaft, sobald diese, über die Staatsorgane, mehr Rücksicht auf Umwelt und Gesellschaft fordert. Wir stehen also in einem dauernden Spiel um unterschiedlichste Interessen, von denen keines absolut gesetzt werden kann, noch weniger sich selbst absolut setzen darf (Ohne Gewinne keine Firma, ohne Firma kein Staat und keine Gesellschaft. Es lebe der Profit!).
| Die Schlange, welche sich nicht
häuten kann, geht zugrunde. Ebenso die Geister, welche man verhindert, ihre
Meinungen zu wechseln; sie hören auf, Geist zu sein. Friedrich Nietzsche: Morgenröte 574 |
Webphilosophie ist die Philosophie des intuitiven Denkens. Die etwas sprunghaften, weder systematisch, noch diszipliniert oder gar logisch entwickelten perspektivischen Beschreibungen werden durch ein intensives Beziehungsnetz zu einem Ganzen verwoben.
Widersprüche und Unstimmigkeiten machen sich so eigentlich sofort bemerkbar und führen zu dauernder Veränderung und Anpassung bei den perspektivischen Einzelbeschreibungen. Präzise aus diesem Grund finden Sie bei Brainworker keinen ausgefeilten Design und pdf-Druckvorlagen die immer wieder hintendrein sind, weil das gesamte Wissensbauwerk im Dauerzustand eines Provisoriums ist.
Webphilosophie ist also genau so auf Wahrheit und logische Stimmigkeit überprüfbar wie Wissenschaft und Philosophie. Nebst der Vernetzung, die stimmen muss, lassen sich meist auch die Grundstücke der intuitiven Lösung eines Problems bestimmen. Da Intuition unbewusstes Denken ist, aber aus Denkstücken aufbaut, die im Gehirn vorhanden sind, bewusste wie unbewusste, lassen sich diese auch über einen Prozess ähnlich der Psychoanalyse determinieren (zu deutsch: bestimmen), denn für Intuition gilt das Selbe wie für rationales Denken: Aus einen Hohlkopf kommt nur Hohles, also nichts; und aus einem falschen nur Falsches. Die für eine intuitive Idee bestimmenden Stücke lassen sich meist sehr leicht bestimmen, wenn man sich die Mühe nimmt.
Weitere Beispiele:
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Im Raum Zürich (Standort)
Anfragen an: hewww@brainworker.ch |
Erklärung der Vorteile der Netzwerk-Philosophie anhand diesen Beitrages:
Ursprung des Beitrags war ein Hinweis eines Journalisten auf Sloterdijk, der den Zynismus, und alles was ich im entsprechenden Artikel erwähnte, bereits umfassend abgehandelt habe. Webphilosophische Resultate des Beitrags sind:
Eine umfangreiche Erweiterung des öffentlichen und eigenen Wissens über Zynismus, Kynismus.
Erweiterung des öffentlichen und eigenen Wissens über Stoiker, Skeptiker und Epikuräer.
Erweiterung der Rhetorik um die Rhetorik des Schweigens.
Erweiterung des öffentlichen und eigenen Wissens um das Wissen darüber, warum nicht Quantität oder Qualität des Wissens Erfolg oder Reichtum verantwortlich sind, sondern die richtige, allerdings begrenzte, Selektion von Wissen.
Anpassungen der Publikationen zur Bildungspolitik: Neuere Probleme der Chancengleichheit bei Wissenserwerb & Fernleihgebühren.
Ergänzung der Publikation zu Diskussionsforen um den Problemfaktor Verdummungswissen
Basis/Grundidee einer Netz-Philosophie
Alle Beispiele zeigen, dass es meist kein Entweder-Oder gibt, kein klares gut oder böse, sondern eigentlich bloss Hinweise, wie der richtige Weg und die richtige Entscheidung aussehen könnte. Da der Mensch frei ist, muss und darf er sich entscheiden, welchen Weg er einschlagen will.
Forderungen, die sich aus der Netzwerk-Philosophie ergeben:
Häufigste Ursache gesellschaftlichen Niedergangs ist die Anomie, die Orientierungslosigkeit - wie eine falsche Orientierung.
Nieder mit Fundamentalismus, Populismus, banalisierender Polemik, kurz jeglichem Terror der Dummheit.
Jeder Disziplin ihre Philosophie - und der Philosophie den Auftrag, zwischen Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften zu vermitteln.
Frage nicht nach dem Standpunkt - frage: An welchen Polen hängt dein Denknetz? An welchen Stand-Punkt-Bäumen hängt deine Wissenshängematte?
Frage nicht nach DER Orientierung, sondern frage: Welche Pole sind für mein Leben entscheidend? Wie stark sollen die einzelnen Pole wirken dürfen? Lass ich mich treiben von Sachzwängen, oder handle ich frei?
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Martin Herzog, zynischer Webdesigner und -Redaktor, Rheinfelden, 13. Dezember 2004