Rhetorik

home
search

Ein Betrag von Brainworker's Denkwerkstatt und Webdesign

Basel

Was die Philosophie betrifft, so ging es eigentlich nicht darum, möglichst kompliziert zu reden um von jedem, der nichts mehr versteht, für Intelligent gehalten zu werden. Das Grundproblem der griechischen Philosophie war nämlich ein ganz einfaches, praktisches, also ethisches:

Welches Leben sollen wir leben?

Was ist das gute Leben?

Es ging dabei allerdings nicht darum, welche Handlung gut sei, sondern welcher Charakter, welcher Mensch, welcher Lebensstil. Die Griechen konnten sich den Luxus noch leisten, diese Frage zu stellen, da weder Markt noch Wettbewerb hier eine quasi dogmatische Antwort bereits vorgaben. [Dass Kant die freie Wahl des optimalen Lebensstils in Pflicht verwandelte kann daran liegen, dass er ein Deutscher war und erst Theologie studiert hatte.] Allerdings verstanden sich die Griechen auch als zoon politikon, als primär soziales, gemeinschaftsfähiges und politisches Wesen, weshalb Sokrates lieber den Schierlingsbecher trank, als gegen das heilige Gesetz (s Solon's gute Ordnung) der Gemeinschaft zu verstossen. (Gottseidank sind die Zeiten vorbei, und wir nehmen den Staat und die Gesetze nicht mehr gar so tragisch.).

Da solche Frage von weniger praktischen abhängt, insbesondere den Fragen: Wo kommen wir her, wer sind wir und wo gehen wir hin, gab und gibt es dafür eben immer verschiedene Antworten. Die wichtigsten Hauptrichtungen waren die Stoiker [Stoa], die Epikuräer und die Skeptiker.

Was die grossen Strömungen griechischer Philosophie betrifft, so waren die Zyniker eher etwas skeptisch, also eher den Stoikern als den Epikureern zuzurechnen. Sie verfügten dazu aber auch über eine gehörige Prise Humor und furzten gerne immer mal wieder in die heisse Luft, die von den Ideologen produziert wurde.

Die Skeptiker

 

Der Mensch ist das Mass aller Dinge.

Protagoras

Das griechische Verb skeptomai bedeutet bedenken, untersuchen. Philon von Alexandrien bezeichnete demgemäss alle Philosophen als Skeptiker. Zur Zeit des Sextus Empirikus wird Skeptiker (Aporetiker, Zetetiker [Forschender], Ephetiker [Strebender]) die übliche Bezeichnung für die pyrrhonische Schule. Später versuchen die Stoiker die Möglichkeit der Gewissheit gegenüber den Akademikern, ein weiteres Synonym damals für Skeptiker, zu verteidigen, während es für die Akademiker ein Zeichen intellektueller Redlichkeit ist, auf Meinungen zu verzichten.

Der Skeptizismus hat seinen Ursprung bei den Sophisten, in  erster Linie Heraklit: Alles fliesst. Alle Dinge sind einem ununterbrochenen Werden und Vergehen unterworfen (Heraklit müsste also eigentlich der Hausphilosoph der freien Marktwirtschaft sein.). Für die Skeptizisten leitet sich alles Geschehen aus dem Spannungsverhältnis der Gegensätze ab.

Ein weiterer, eigentlich unwiderlegbarer Grund der uns zwingt, einen gewissen Relativismus zu akzeptieren, ist die Aussage von Protagoras. Da der Mensch das Sein (innerhalb gewisser, durch die Natur gesetzter Grenzen) bestimmt, ist dieses ist also nicht objektiv sondern subjektiv und wandelbar. 

 

Definition des Pyrrhon von Elis:

Skepsis ist die Kunst, auf alle mögliche Weise erscheinende und gedachte Dinge einander entgegen zu setzen, von da aus wir wegen der Gleichwertigkeit der entgegengesetzten Sachen und Argumente zuerst zur Zurückhaltung, danach zur Seelenruhe gelangen.

Als Gründe für diese Relativität und Gleichwertigkeit entgegengesetzter Argumente gibt Sextus an:

  1. Die Urteilenden, deren Sinnesorgane und Lebensumstände zu unterschiedlichen Anschauungen führen. (Äusserst wichtig für kulturelle Unterschiede [cultural bias], die sich nicht durch wissenschaftliche oder philosophische Erkenntnis wegdefinieren lassen).

  2. Das Beurteilte, das je nach Quantität und Umfeld anders erscheint: Das Sandkorn hart, der Sandhaufen weich

  3. Die Beziehung zwischen Beurteiltem und Beurteilendem, die Perspektive.

 

Die extremste Formulierung findet sich bei Metrodorus von Chios:

Niemand von uns weiss etwas,
selbst das nicht einmal, ob wir etwas wissen oder ob wir nichts wissen,
oder auch ob etwas existiert oder nicht.

 

Als duales System wurde diese Spannung philosophisch genutzt im Fernen Osten: Yin (männlich, fest, hell, aktiv) und Yang (weiblich, weich, dunkel, passiv), aber auch im Nahen Osten. Zarathustra: beschrieb die Welt als Kampf zwischen Gut und Böse. Und präzise hier geschah irgendwo das Unglück. Für Budhisten, Taoisten, Konfuzianer etc. bedeutet nicht Yin gut und Yang schlecht (oder umgekehrt. Es handelt sich um die jeweils entgegengesetzten Aspekte einer Sache - und die Harmonie findet sich im Ausgleich der beiden Aspekte. (s. Tugenden). Zu einer ähnliche Verarmung des skeptischen Denkkonzepts hat Ockhams Rasiermesser geführt. Es besagt: Eine Vielheit ist ohne Notwendigkeit nicht zu setzen. Dieser Grundsatz befreite die Wissenschaften von überflüssigem Balast und Palaver - führte aber auch zum Reduktionismus und damit zum Verlust an Wissen über Einbettung, Umfeld, Kontext, ein Wissen das den Skeptikern das A und O war und ist.

Wer Skeptizismus und Relativismus für unergiebig oder gar lästerlich hält, soll sich doch mal bewusst machen, wie die Rechtssprechung im extremen Fall, also den USA, funktioniert. Der Ankläger klagt an, und sammelt sämtliche Informationen, die ihm dazu dienen - der Verteidiger verteidigt, und nutzt alles, was ihm dabei hilft - egal ob sein Mandant schuldig oder unschuldig ist. Es gewinnt, wer die besseren Argumente hat, die Emotionen der Geschworenen besser anspricht, die Glaubhaftigkeit der Gegenargumente und ihrer Träger am besten untergräbt. Und dabei geht es nicht bloss um die Wahrheit, noch weniger um Gerechtigkeit, sondern bloss ums Recht - das in den USA allerdings noch das Leben kosten kann. Im Wartesaal des Todes, der grünen Meile, sitzen aber vor allem Schwarze, weil sie sich meist nicht die besten Anwälte leisten können, oder sich gar auf Pflichtverteidiger verlassen müssen. Hier herrscht ein unerbittlicher rhetorischer Skeptizismus, dessen Resultat mit dem Fallen des Hammers des Richters zur tödlichen Wahrheit erklärt wird. ... Und nur hier liegt das Lästerliche, im letzten Punkt, nicht im Skeptizismus an und für sich. Dieser machte bloss klar, dass der Mensch im Netz der Worte und Meinungen gefangen ist und nur selten zur Wahrheit durchdringt.

Einen besseren Gebrauch vom skeptischen Ansatz hat Giambatista Vico gemacht. Seine Idee war, dass wir das wohl am besten verstehen, was wir selbst produziert haben, also dass sich der Mensch am besten durch seine Werke erklärt. Er machte damit die Geschichte zu einem der wichtigsten Grundlagen des Verständnisses menschlicher Entwicklung. Dabei hatte er allerdings Schwein, dass er vor den Zeiten der industriellen Massen- und Überproduktion lebte, sonst hätte er vermutlich "den Menschen als Mass aller Dinge" hinter den Bergen von Unrat und dem Getöse von Produktion und Events auch kaum mehr wahr nehmen können).

Moderne Skeptiker (vor der Postmoderne, die generell als skeptisch betrachtet werden darf) waren etwa Descartes, Malebranche, Locke und Berkeley.

Während für die Forscher der Skeptizismus der einzige Weg zur Wahrheit ist, ist er für diejenigen, die "Wissen", ein Querulant und Störenfried.

 

Die Epikureer (oder Epikuräer)

Definition Hedonismus: (gr. hedone, Lust) Eine ethische Richtung, die sinnliche Lust, Vergnügen, Genuss, als Motiv, Ziel oder Beweis alles sittlichen Handelns betrachtet. Hedoniker sind das, was wir Geniesser nennen. Genuss im Sinne der Hedoniker hiess jedoch nicht, blindlings seinen Gelüsten zu folgen, sondern über ihnen zu stehen. Als Genuss galten für einige Hedoniker auch die heitere Gemütsverfassung, die Freuden menschlicher Gemeinschaft oder auch bloss das Freisein von Schmerz und Unlust.

Mir geht nun auf der Welt nichts über mich:
Denn Gott ist Gott, und ich bin ich.

Thrasymachos in Schopenhauers: Pararerga und Paralipomena: Unzerstörbarkeit unseres wahren Wesens durch den Tod.

Das Ziel des Lebens ist die Gewinnung von Lust und die Vermeidung von Unlust. Epikur wurde also oft vorgeworfen, er predige mit seinem Hedonismus reinen Egoismus, was er bereits zu Lebzeiten heftig von sich wies (s. Definition rechts). Da hemmungslose Bedürfnisbefriedigung nicht zu Lust sondern zu Unlust führt, da Begierden unersättlich sind [mit der Erkenntnis ist er allerdings der Postmoderne weit voraus!], muß die Vernunft das Streben nach Glück leiten und zügeln. Aber auch bei aller vernünftigen Beschränkung, bleiben bei Epikur, im Gegensatz zu den Stoikern, Glück, Freude, Lust - die heitere Ruhe des Geistes - das Ziel des Lebens.

Es gibt Freuden des Leibes und Freuden der Seele. Die Freuden des Leibes sind an den Augenblick gebunden, die der Seele nicht. Die Seele kann ins Vergangene zurück- und ins Zukünftige vorausblicken und damit über momentanes Unglück hinweg helfen.

Da Epikur als Atomist mit einem beträchtlichen Hang zum Skeptizismus nicht nach göttlicher Anleitung oder einem göttlichen Sinn suchen konnte oder wollte, entspricht seine Haltung einem starken Individualismus mit beträchtlicher Gestaltungsfreiheit, so ähnlich der Situation der Postmoderne. Suchte die Postmoderne den gemeinsamen Sinn der Gesellschaft in der Existenz, im Dasein (Existenzialismus), war Epikur doch noch etwas optimistischer und strebte nach Glückseeligkeit (eudaimonia). So hielt er rein gar nichts von Wettbewerb: Derjenige der die Grenzen des Lebens kennt weiss, dass das, was Schmerzen fern hält und das Leben vollkommen macht, leicht zu erreichen ist; so dass keine Notwendigkeit für Taten besteht, die Wettbewerb nötig machen. [R.W. Sharpless: Stoics, Epicureans and Sceptics. Routledge London, N.Y. 1996]. Leider nahm Epikur wenig Rücksicht auf die Glückseeligkeit seiner Leser, denn er schrieb ziemlich unverständlich und kompliziert.

Epikur war KEIN Hedonist im heutigen Sinne, der die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse über alles stellte. Eher im Gegenteil. Er unterteilte die Bedürfnisse in 3 Kategorien:

Die Deckung der Bedürfnisse erster Art ist relativ leicht. Der "Kampf ums Überleben", also der Wettbewerb, dürfte kaum bestehen, würde er nicht durch eine Lust am Leben gestützt. Unsere moderne Wirtschaft steht allerdings diesem Konzept diametral entgegen. Sie fördert über Werbung, soziale Klassierung über Besitz und Ausstatierung, den Drang nach immer mehr nicht notwendigen, meist sogar nichtigen Gütern. Mit enormen Kosten wird der Bevölkerung erst eingeredet, dass sie sich diese Güter eigentlich wünschen.

Die Glücksforschung belegt Epikurs Aussagen eindeutig. Um glücklich zu sein brauchen wir weitaus weniger Geld als uns die Wettbewerbspropheten einreden wollen( ... dafür mehr Sex).

Epikur verfügte auch über eine gehörige Portion Humor. So kehrte er die sokratisch-platonische Idee, dass ein angenehmes Leben nicht möglich ist, ohne ein kluges, schönes und gerechtes Leben zu leben, praktisch um zu: Es ist nicht möglich ein kluges, schönes und gerechtes Leben zu leben, ohne angenehm zu leben.

Der Tod geht uns nichts an.

Solange wir leben, ist der Tod nicht da.

Wenn der Tod aber da ist, sind wir nicht mehr vorhanden.

________________________

Was soll die Verehrung einer Gottheit, die selig und bedürfnislos ist?

Die Vernunft lehrt uns, daß das wahre Glück in einer heiteren Beschaulichkeit und einer ausgeglichenen Ruhe des Geistes (Ataraxie) zu finden ist. Seinen Frieden findet der, der die Furcht vor den Göttern und die Angst vor dem Tode abgestreift hat. Epikur hat ein ganz rationales Verhältnis zum Tod. Er sagt (s. rechts):


Stoizismus und Epikureismus haben sich über die Jahrhunderte hinweg heftig gegenseitig bekämpft. Die wichtigsten Unterschiede in Stichworten:

Problem Epikureer Stoiker/Stoa

Höchstes Gut:

Natur:

Gott:

Sinn des Lebens:

Seele:

Politik:

 

Lust

Atome, Zufall, viele Welten

Keine göttliche Vorsehung

Kein letzter Sinn

sterblich

asozial

 

Tugend

Logos, Fatum, eine Welt

Göttliche Vorsehung

Sinnvolle Ordnung der Welt

unsterblich

sozial

http://www.philolex.de/stoiepik.htm

 

Wir leben heute, dank Postmoderne, Neoliberalismus und grassierender Selbstbezogenheit, die mit Selbstverwirklichung immer weniger zu tun hat, in einer Welt, die vortäuscht, eine epikuräisch-lustbetonte zu sein, aber zynisch zu verdecken sucht, dass Lust und Frust immer ungleicher verteilt sind. Die Geringschätzung der Epikureer für Staat und Politik, die Bevorzugung des Lebens im privaten Kreise, verstärkt die Wirkung des ökonomischen Zynismus.

 

Die Stoiker - die Philosophie der Stoa

Zenon aus Kition (Zenon der Stoiker 340 - 260), ursprünglich ein Kyniker, gründete in Athen in der 'Stoa poikile' (Bunte Säulenhalle) eine Philosophenschule, in der kynische Lehren mit den Auffassungen anderer Philosophen (besonders Heraklit und Aristoteles) verbunden wurden.

Die Stoiker teilten ihr System in drei Teile: Logik, welche Inhalt, Ordnung und Beweisführung (Argumentation) prüft, damit nicht Wahres durch Falsches ersetzt wird;  Physik (Naturwissenschaften), welche die Natur der Dinge erforscht; und Ethik, welche die Seele bildet.  Die Ethik ist der wichtigste Teil, Logik und Physik nur Vorstufen. Die Ethik war wiederum in drei Teile geteilt: Werte, Triebe, Handlung:

An erster Stelle steht nämlich das Urteil, was jedes Ding wert ist, an zweiter, dass du dem Verlangen danach Ordnung und Mass gibst, und an dritter, die Übereinstimmung von Trieb und Handlung. Was immer von diesen dreien fehlt, beeinträchtigt auch das Übrige. Denn was nützt es, wenn du alles richtig beurteilst, in deinem Verlangen aber zu heftig bist? Was hilft es, den Trieb zu unterdrücken und die Begierden unter Kontrolle zu halten, wen du bei deinem Handeln den richtigen Zeitpunkt verpasst und nicht weisst, wann, wo und wie etwas getan werden muss?

Seneca: Briefe an Lucilius, 89, 4-17

Der Geist war für die Stoa bei der Geburt eine unbeschriebene Tafel (tabula rasa) in die erst die Erfahrung Vorstellungsinhalte hineinbringt. (do Behaviorismus, Skinner; Locke)

Nie soll der Schlaf die müden Augen verschliessen, ehe du bedacht, die Werke des Tages alle: Was tat ich falsch? Was brachte ich zu Ende? Worin erfüllte ich das Mass der Pflichten nicht? So überprüfe, was du seit Anfang des Tages verrichtet. Schäme dich über das Böse, des Guten erfreue dich.

Epiktet

Die Physik der Stoiker ist materialistisch. Es gibt nur körperliches. Sie ist monistisch. Es gibt nur ein letztes Prinzip. In Anlehnung an Heraklit glauben sie an eine dem Welt-ganzen innewohnende (immanente) Gesetzlichkeit, die sie unter anderen auch 'Gott' und 'Vater' (!) nennen. Da diese Göttlichkeit mit dem lebendigen Weltganzen zusammenfällt ist ihre Lehre pantheistisch: Sie sahen die Seele als Teil eines alles umfassenden göttlichen Geistes (pneuma). Wolfgang Weinkauf [Die Philosophie der Stoa. Ausgewählte Texte. Philipp Reclam jun. Stuttgart 2001] führt die positive Aufnahme der Stoa durch Protestanten wie Katholiken darauf zurück, dass Seneca sich ausführlich mit dem Gewissen, als Richter über das persönliche Verhalten, beschäftigte, und in De Ira (Vom Zorn) von seiner allabendlichen Gewissensprüfung berichtet. (s. auch Epiktet, rechts).

Leider wurde das Konzept der Seele von der Kirche dermassen zerknautscht, dass sich heute, im Zeitalter der Wissenschaften, kaum jemand mehr davon zu reden traut. Sie wurde durch die Psyche ersetzt, die aber, als Folge der Psychoanalyse, mehr einer Müllhalde des Unbewussten als einem An-Teil an göttlich-heiligem Geist zu gleichen scheint. Schade ...

Die Stoa war eine Philosophie der Krise - und folgerichtig die wirkungsreichste philosophische Richtung. Das aufkommende Christentum adaptierte viele Überzeugungen der stoischen Ethik. Gerade die Idee des pneuma taucht als Noosphäre wieder beim genialen Teilhard de Chardin auf, der in seinen Werken die Evolutionstheorie mit dem Glauben zu verbinden sucht:

 Um die Stufe der freien Willensentscheidung und Reflexion - des siebten Tages - zu erreichen, wo erst natürliche Entwicklung und religiöse Offenbarung zusammentreffen, müsse der Mensch eine Wandlung seines Bewußtseins durchmachen, eine echte «Metanoia». Laut Teilhard ist die Notwendigkeit für diese Mutation, welche von jeher das religiöse Anliegen gebildet hat, in unserer geschichtlichen Epoche unausweichlich geworden. Um in der neuen technischen und industriellen Zivilisation, in welcher erst sich das dem Adam gegebene Versprechen Gottes erfüllt hat, daß er Herr der Natur sein werde, sinnvoll leben zu können, müsse der Mensch auch die letzten Überbleibsel des heteronomen tierischen Instinktes ablegen, unter dessen Herrschaft noch heute ein großer Teil der Menschheit dahinlebt. Er sollte bewußt den Weg zur Vermenschlichung, zur «Hominisation» einschlagen, um die menschliche Zivilisation, die bis heute nur am Rande der Natur besteht, in eine «Noosphäre» zu verwandeln, welche sich dem organischen Leben integriert wie die Atmosphäre der Erde. Die Hominisation, die Schaffung der Noosphäre als wahres menschliches und daher auch göttliches «Milieu» werde aber eine Gesellschaftsordnung jenseits aller bisherigen regionalen Kulturen bilden und eine Synthese des Lebens bringen, reicher als je eine bestanden hat: die wahre ökumenische Menschheitskultur als Endziel und Vollendung der historischen Zivilisation.

http://www.schuledesrades.org/index.asp?suche=palme/denkstil/k_12_13.htm

Ihre Ethik der Stoa war auf Vernunft begründet: Der Mensch kann als Vernunftwesen die universelle Gesetzmäßigkeit erkennen. Die einzige Tugend ist ein im Wissen um diese Gesetzmäßigkeit geführtes vernünftiges Leben. Hierin besteht die einzige Glückseligkeit. Dem gegenüber gibt es nur ein einziges Übel: unvernünftiges Leben. Alles andere, was von den Menschen im allgemeinen hochgeschätzt wird, wie z. B. Leben, Gesundheit, Ehre, Besitz, oder was sie zu vermeiden suchen, wie z. B. Krankheit, Tod, Armut, Knechtschaft, sind weder gut noch schlecht, sondern gleichgültig (Adiaphora).

Aufgabe des Menschen ist ein fortwährender Kampf gegen die Affekte (Begierden und Leidenschaften). Sie gaukeln uns Gleichgültiges und Schlechtes als wertvoll vor. Das Ziel ist ihre völlige Überwindung. Der Stoizismus fordert allen Ereignissen, sowohl den (nach Meinung der Nichtstoiker) negativen wie positiven, mit Leidenschaftslosigkeit zu begegnen (apatheia). Wer dies erreicht hat, ist wahrhaft weise. [Vorsicht: Apatheia, als leidenschaftlose Gelassenheit, darf hier nicht mit Apathie, als Gleichgültigkeit, verwechselt werden: Leidenschaft ist, was Leiden schafft.]

Wer mit seinem augenblicklichen und vom Schicksal verliehenen Los hadert, ist ein beschränkter Durchschnittsmensch; wer sei Los tapfer erträgt und alles sich daraus Ergebende vernunftvoll gestaltet, verdient, für einen tüchtigen Menschen zu gelten.

Wer sein Leben an äussere Dinge hängt, wird unglücklich werden.

Die richtige Vorentscheidung ist die, sich um die eigenen Dinge zu kümmern, also um die, über die man die Macht hat; das ist die sittliche Grundentscheidung, die jeder Mensch zu treffen hat.

Epiktet

Ergänzende Erklärung:

Anders als bei den Epikuräern bedeutet sich um die eigenen Dinge zu kümmern nicht, sich vom öffentlichen Leben fern zu halten. Der Grieche ist ein Mensch der Gesellschaft. Gesellschaftspolitik gehört also zu seinen "eigenen Dingen".

Die Stoa verstanden auch Pragmatismus nicht als Gegensatz zu theoretisch, nicht als blindes, unbedachte Handeln, sonder Pragmatismus war für sie die sokratische Einheit von Erkenntnis und Handeln, eine Einheit die durch die disziplinären Wissenschaften aufgelöst wurde. Das höchste Übel war für die Stoa die innere Zerrissenheit, also der Grundzustand der Postmoderne wie der meisten Anomien. Deshalb vermutlich das hohe Interesse das auch heute dem Stoizismus entgegengebracht wird. (Dieser Beitrag hier [Nicht nach Link suchen, der hier, den Sie gerade lesen!] ist der zur Zeit, Ende 2004, am besten besuchte unter www.diskussionsforen.ch!).

Die Vorstellung von der grundsätzlichen Gleichwertigkeit aller Menschen, der ausgeprägte Kosmopolitismus der Stoa, die Warnung vor der Weltverfallenheit, vor allem die Sicht von der Welt als einem Gesamtorganismus - solche Gedanken dürften in den nächsten Jahren zunehmend wichtiger werden und zum Gespräch mit der Stoa anregen. [Weinkauf S. 49/50]

Während die Epikuräer ziemliche Egoisten waren und nur ein Leben in Glückseligkeit forderten, während die Kyniker letztlich ebenfalls Egoisten waren und nur ein Leben forderten, das im Einklang mit der Natur stand, forderten die Stoiker darüber hinaus, auch im Einklang mit dem Logos (dem heiligen Geist, dem Pneuma, der Weltvernunft, dem Weltgeist) zu leben, woraus sie eine allgemeine Gerechtigkeit und Menschenliebe ableiteten, wie sie bis dahin die Antike nicht gekannt hatte. Die Stoiker sind die ersten, die im Altertum einen umfassenden Humanitätsgedanken und Kosmopolitismus vertreten haben.

Den Begriff Logos übernahm Zenon von Heraklit. Er steht für das Tätige, also je nach Zusammenhang für: Wort, Sprache, Vernunft, Geist, Seele oder Gottheit. Als wirkendes Prinzip formt und gestaltet er den Stoff und realisiert sich durch die Welt. Die Stoa widerspricht damit dem Platonischen Dualismus von Idee und Materie. Daran knüpft sich allerdings ein Prinzip, dem wir heute mehrheitlich negativ gegenüberstehen, obwohl es das Grundprinzip der meisten Religionen ist: der Vorherbestimmung. Dem stoischen Menschen bleibt, wie dem Buddhisten, nur die Freiheit, seine richtige Bestimmung (das Karma) zu finden und als Schicksal anzunehmen:

Du, Zeus, und du, mein Schicksal, führt mich dorthin, wohin ich von euch gestellt wurde. Folgen werde ich ohne Zaudern. Wollte ich widerstreben, ein Frevler wäre ich und müsste mich doch dreinschicken!

Epiktet

Der Stoizismus war die führende philosophische Richtung im Römischen Reich. Die Geisteshaltung der führenden Römer und der Stoizismus flossen so zusammen, daß es unmöglich ist zu sagen, was hier das Bedingende, was das Bedingte ist.

Weitere berühmte Vertreter der Stoa sind:

Einst bat ein Mann, der sich als Philosoph ausgab, Musonius um eine milde Gabe. Dieser liess ihm eine beträchtliche Summe auszahlen. Als man ihm vorhielt, der Mann habe einen zweifelhaften Charakter, gab er zur Antwort, dann sei ihm auch das Geld angemessen.

Das Leben ist kurz, und deshalb muss die Zeit genutzt werden, damit man zu einem möglichst hohen Mass an Vollkommenheit gelangt. Dann wird auch der Gedanke an den Tod seinen Schrecken verlieren. Oft bringt der Tod den ersehnten Frieden, deshalb gibt es keinen Grund, ihn zu fürchten.

Epiktet

Die Anekdote ist für die Haltung der Stoa insgesamt kennzeichnend. Armut war z.B. auch für Epiktet, dessen wichtigstes Anliegen die Freiheit war, ein Ausdruck der Entscheidung, sich auf das Wichtigste im Leben auszurichten.

Wem es gelingt sich von der Vernunft bestimmen zu lassen, der ist ein Tischgenosse der Götter, d.h. er lebt in Harmonie mit der Natur und ist damit frei.

 Die Stoa und der Wettbewerb

 

Nach stoischer Auffassung ist der Mensch von Natur aus auf Selbsterhaltung ausgerichtet. Er strebt also das an, was sein Ueberleben sichert und flieht, was es gefährdet. Dieses Hingewandtsein zu sich selbst und zu den eigenen Dingen, das Vertrautsein mit sich und Besorgtsein um sich nennt der Stoiker oikeiosis (Zuneigung, Aneignung, Sich-vertraut-machen). Voraussetzung der selbstbezogenen Aktivitäten ist eine Wahrnehmungsfähigkeit, die zwischen dem Eigenen, Vertrauten und dem Anderen, dem Fremden, unterscheidet. Nur in Vertrautheit mit sich selbst und damit mit dem Logos lebt er der Natur gemäss, d.h. er ist glücklich.

Selbsterhaltung und Eigenschutz umschliessen auch Fortpflanzung und die Sorge um die Nachkommenschaft. Manche Lebewesen bilden zu ihrem eigenen Wohlergehen und dem der Artgenossen Schutz- und Lebensgemeinschaften. Der Mensch ist ein kosmopolitisches, auf die ganze menschliche Gemeinschaft hin angelegtes Wesen, ein zoon koinikon. Da der Mensch von Natur aus als ein soziales Wesen konzipiert ist, begrenzt sich die oikeosis (Hingeneigtheit) nicht auf das einzelne Individuum selbst. Vielmehr erkennt der Mensch im Anderen das ihm Verwandte und Vertraute. Cicero erläutert die Position der Stoa als gemeinschaftsbildende und -erhaltende soziale Sympathie.

[Weinkauf S. 197]

nihil habeo, nihil curo

ich habe nichts, mich kümmert nichts

Karl Marx im Kapital [1,1, S, 821] über die damaligen working poor

Obwohl viele griechische Philosophen gerne mal eins über den Durst tranken (und mancher heute als Päderast eingesperrt würde), war offensichtlich keiner derart verblödet, Wettbewerb als Grundlage von Gesellschaft und Wirtschaft zu postulieren. Wettbewerb war zwar immer vorhanden, wurde in Olympia als Show präsentiert und genossen, aber offenbar doch als das aufgefasst was es ist: als Mühsal, die ausreichend auf einen zukommt ohne dass man ihr gleich noch nachrennen müsste. Um eine derart hirnspinstige Ansicht durchzusetzen brauchte es die Protestanten, die den Wettbewerb unter Menschen gleich noch in einen Wettbewerb um die Gunst und das Wohlgefallen Gottes verwandelten. Diese, obwohl weder Trinker noch Päderasten, waren nun verblödet genug, dass sie nicht merkten, dass sie mit dem Prinzip Wettbewerb um Gottes Gunst gleich das ganze christliche Fundament von Liebe und Vergebung unterminiert hatten.

 

_______________________________________________________________

 

Brainworker's WEBDESIGN für Wissensanbieter

22. Dezember 2004

 

Zynismus heisst: Den Ernst der Lage erkennen - und trotzdem den Humor behalten.

Das E-Book fasst alle Artikel von Brainworker zu dem Thema zusammen und liefert:
Definition und Herkunft des Zynismus/Kynismus aus Skeptizismus und Stoizismus - aber auch mit einer gesunden Prise Lebensgenuss der Epikuräer.

Eine Analyse des Wissens das dumm macht, weil es die Welt so beschreibt, wie wenn es verschiedene davon zur Auswahl und als Ersatz gäbe.

Eine Kritik von Sloterdijks Kritik der zynischen Vernunft.

Eine Lösung zur Aufgabe einer postmodernen Philosophie, das Ganze zu sehen, zu verstehen, trotz inhärenter Widersprüche und Unbestimmbarkeiten.

bestellen