|
Ein Betrag von Brainworker's Denkwerkstatt und Webdesign |
Albert Camus: Der Mythos von Sisyphos. Ein Versuch über das Absurde.
Camus' Sisyphosinterpretation sowie Kafkas Verwandlung, Schloss und Gericht, lassen sich auffassen als Darstellung des modernen (nicht postmodernen! Dazu hier mehr ...) Zynismus. Camus' Einstieg war der eines Existentialisten.
|
Liebe Seele, trachte nicht nach dem ewigen Leben, sondern schöpfe das Mögliche aus. Pindar |
Seine Grundfrage war die nach dem Sinn des Lebens: Es gibt nur ein wirklich ernstes philosophisches Problem: den Selbstmord. Die Entscheidung, ob das Leben sich lohne oder nicht, beantwortet die Grundfrage der Philosophie.
Freiwilliges Sterben hat zur Voraussetzung, dass man wenigstens instinktiv das Lächerliche dieser Gewohnheit erkannt hat, das Fehlen jedes tieferen Grundes zum Leben, die Sinnlosigkeit dieser täglichen Betätigung, die Nutzlosigkeit des Leidens.
Der Zynismus der sinnlosen Arbeit, für die man das ganze Leben hingibt, drang nicht erst in der Postmoderne ins Bewusstsein des modernen Menschen. Louis-Ferdinand Céline hat dieses Unbehagen schon 1932 in seinem berühmten Buch: Reise ans Ende der Nacht geschildert:
Und das Ärgste ist dann, wenn man sich fragt, wie man am nächsten Tag wieder die Kraft aufbringen soll, um wieder zu tun, was man tags zuvor uns schon seit viel zu langer Zeit immer wieder getan hat, woher man die Entschlusskraft zu allen diesen Blödsinnigen Handlungen nehmen soll, zu diesen Plänen, die zu nichts führen, diesen vergeblichen Versuchen, aus der ärgsten Not herauszukommen, die einen nur davon überzeugen, dass das Schicksal unüberwindlich ist und das man jeden Abend wieder den Fuss der Mauer herunterfällt und sich immer wieder vor dem Morgen fürchtet, das immer ungewisser und trostloser erscheint.
A) Absurdität, Sinnlosigkeit, Leerlauf
- und die wichtigsten Strategien der Verdrängung
| Ich habe mehr Probleme, als ich durch einen einzigen
Selbstmord lösen könnte. Woody Allen |
Die Götter hatten Sisyphos dazu verurteilt, unablässig einen Felsblock einen Berg hinaufzuwälzen, von dessen Gipfel der Stein von selbst wieder hinunterrollte. Sie hatten mit einiger Berechtigung bedacht, dass es keine fürchterlichere Strafe gibt als eine unnütze und aussichtslose Arbeit.
Antwortet ein Mensch auf die Frage, was er denke, mit <nichts>, stellt diese Antwort, wenn sie ernst aufrichtig gemeint ist, den sonderbaren Seelenzustand dar, in dem die Leere beredt wird. ... Dann stürzen die Kulissen ein. Aufstehen, Strassenbahn, vier Stunden Büro oder Fabrik, Essen, Strasssenbahn, vier Stunden Arbeit, Essen, Schlafen, Montag, Dienstag, Mittwoch, Donnerstag, Freitag, Samstag, immer derselbe Rythmus - das ist sehr lange ein bequemer Weg. Eines Tages aber steht das <WARUM> da, und mit diesem Überdruss, in den sich Erstaunen mischt, fängt alles an.
| Wenn kein Sinn darin ist, so erspart und das eine Menge Arbeit; denn dann brauchen wir auch keinen zu suchen. Der König in Alice im Wunderland, nach der Lektüre eines unsinnigen Textes. |
Kirkegaard ruft und verkündet: "Wenn der Mensch kein ewiges Gewissen hätte, wenn am Grund aller Dinge nichts anderes wäre als eine wilde, brodelnde Kraft, die alles, das Grosse und das Geringe, aus dem Strudel dunkler Leidenschaft hervorbrächte, wenn unter den Dingen sich die bodenlose, durch nichts zu füllende Lehre verbärge - was wäre dann das Leben anderes als Verzweiflung?
Nur für den, der (noch) nach ewigen Werten sucht. Für den modernen Zyniker, wie den postmodernen Menschen, heisst Leben: Das Absurde leben lassen. Das Absurde leben lassen heisst: ihm ins Auge sehen. Und dies absolut ohne Verzweiflung - sondern mit dem Glück des Sisyphus, der lieber seinen Stein wälzt, sinnlos, als ins Nichts zu versinken: Wenn aber das Absurde alle meine Chancen einer ewigen Freiheit zunichte macht, dann gibt es mir ja eine Handlungsfreiheit wieder und steigert sie sogar noch. Dieser Verlust an Hoffnung und der Zukunft bedeutet für den Menschen einen Zuwachs an Verfügungsrecht. Je mehr Ordnung, desto weniger Freiheit. Hier findet sich ein seltsamer Widerspruch bei den meisten Rechtsparteien, die Ordnungsparteien sind (Ruhe und Ordnung, Nachtwächterstaat, Abkapselung gegen Aussen) - aber dauernd von DER Freiheit reden, womit sie allerdings meist die Freiheit der Etablierten meinen, ihre Position zu behalten, den Status quo zu konservieren (weswegen sie ja konservativ geheissen werden). Je mehr der Mensch sich jedoch einer bestimmten Art zu denken und zu werten unterwirft, so unfreier wird er, denn er verfolgt Ziele die ihm von andern gesteckt werden. Der Verlust der Ewigkeit bedeutet Zuwachs in der Verfügbarkeit des Menschen hier. Er lebt nur noch Zielen, die in ihm selbst liegen. Je mehr der Mensch sein eigenes Leben an die Ordnung der Kirche, des Staates, heute der Betriebe, anpasst, je mehr er es ordnet, um ihm Sinn zu verleihen, um so dichter werden die Schranken, in die er sein Leben zwängt.
| Die Konfrontierung mit dem Tod als der grossen Entscheidungsfrage, die der Mensch sich immer wieder zudecken möchte in der Lawine seiner Geschäftigkeit, ist die konzentrierteste Form der Begegnung mit dem Absurden. |
Ordnung ist also mit eine der wichtigsten Strategien, das herrschende Chaos mit seinen Absurditäten negieren zu wollen. Weitere Strategien sind Glaube, Geschäftigkeit und Selbstmord. Der Mystiker etwa findet seine Freiheit darin, sich aufzugeben. Der moderne Mensch in entwickelten Ländern in seinem Beruf (der allerdings je länger je weniger mit der inneren Berufung übereinstimmt): Man will Geld verdienen, um glücklich zu leben, und die ganze Anstrengung, die beste Kraft des Lebens konzentrieren sich auf den Erwerb dieses Geldes. Das Glück wird vergessen, das Mittel wird Selbstzweck. Samsa, Kafkas Held, ein Handlungsreisender, kümmert sich bei der seltsamen Verwandlung in einen Käfer eigentlich nur um das eine: Dass sein Chef über seine Abwesenheit ungehalten sein dürfte.
Im Gegensatz dazu ist Sisyphos der Held des Absurden. Dank seinen Leidenschaften und dank seiner Qual. Seine Verachtung der Götter, sein Hass gegen den Tod und seine Liebe zum Leben haben ihm die unsagbare Marter aufgewogen, bei der sein ganzes Sein sich abmüht und nichts zustande bringt. Damit werden die Leidenschaften dieser Erde bezahlt.
> Zur Entwicklung von Kosmos, Erde, Mensch und Kultur
|
|
|
b) Bewusst Sein: Das Menschenwesen -
kein Stern und keine Pflanze, kein Tier mehr, kein Mensch noch
Fragt
sich ein eine Galaxie nach dem Sinn ihres Daseins? Wohl kaum, und doch ist sie
da, eindrücklich, reich, schön - und veränderlich. Sie wächst und vergeht, wie
das Leben.
Ohnehin sollte der Mensch das Leben etwas weniger tragisch und
sich selbst etwas weniger ernst nehmen und anyhow das Ganze gelassener angehen
und vor allem nicht andern auf den Nerven rumtrampeln und ihnen erzählen, was
sie zu tun haben. Das Leben ist Geschenk und Kür, nicht Pflicht. Es hat einen Anfang und ein Ende, und beide sind
schmerzhaft, wenn auch meist eher für andere. Irgend wann knallt wieder ein
Meteorit auf die Erde und das Leben fängt, wie nach den Dinosauriern, von vorne
an. Oder es platzt ein Mega-
oder Supervulkan, wie
der überreife unter dem Yellowstone Park. Irgend wann wächst die Sonne zum Roten
Riesen und verschlingt die Erde. Mit der Ewigkeit ist also nichts. All dies ist
allerdings kein Grund zur Verzweiflung, denn das Leben geht eben so lange wie es geht
- und in dieser Zeitspanne sollte es sich so optimal entfalten können wie eben
möglich. Der unvermeidbare grosse Knall, der allem Menschenwerk früher oder
später ein Ende setzt ist unbedeutend. Das Leben ist bedeutend. Darum sollten
wir nicht alles abbrennen, weil's eh mal knallt, sondern durch einen pfleglichen
Umgang mit Umwelt, Mitmensch und Nachkommen optimale Lebensbedingungen schaffen
- hier und jetzt und für alle!
Fragt
eine Kieselalge nach dem Sinn ihres Lebens? Nein, und doch ist sie da, ein Universum
in sich, das lebt, sich vermehrt, stirbt.
In jedem Sonnenstrahl, in jedem Mineral, in jedem Stern scheint ein Lebensfunke zu stecken. Sie können den Gott nennen, wenn Ihnen dann wohler ist, sie können ihn als Atraktor, als Kondensationskern des Chaos, bezeichnen - aber er bewirkt Wunder der Schöpfung und dauernde Neuschöpfung.
Etwas weniger elegisch, eher ein bisschen zynisch formuliert:
Der Lebensfunke ist nicht konservativ sondern kreativ.
Er gehört also keiner konservativen Partei an, weder rechts noch links!
In Kafkas Prozess wird Joseph K. angeklagt, weiss aber nicht weswegen. Am Schluss wird er abgeschlachtet. Er ergibt sich der Absurdität - Wie ein Hund, ist also ein Kyniker. Laut Homer war Sisyphos der weiseste und klügste unter den Sterblichen, also der geborene Kritiker. Auch Dostojewskijs Helden waren modern genug, die Frage nach dem Sinn des Lebens zu wagen, ohne die Lächerlichkeit zu fürchten.
| Die Zivilisation unseres Planeten existiert auf Grund
dessen geologischer Einwilligung - unangekündigter Widerruf vorbehalten. Will Durant amerikanischer Philosoph (1885-1981) |
Die Tragik von Sisyphos, Kafkas und Dostojewskis Menschen liegt in ihrer Bewusstheit des Geschehens und der Unfähigkeit, es zu ändern (die klassische Definition der Tragik also): Dieser Mythos ist tragisch, weil sein Held bewusst ist. Worin bestünde tatsächlich seine Strafe, wenn ihm bei jedem Schritt die Hoffnung auf Erfolg neue Kraft gäbe? Heutzutage arbeitet der Werktätige sein Leben lang unter den gleichen Bedingungen, und sein Schicksal ist genau so absurd. Tragisch ist es aber nur in den wenigen Augenblicken, in denen der Arbeiter bewusst wird. ... Es gibt jedoch kein Schicksal, das durch Verachtung nicht überwunden werden kann.
Kafkas Verwandlung zeigt das Bewusstwerden eines Rückfalls, bei dem der Mensch wieder zum Tier wird. Sie ist das entsetzliche Panorama einer Ethik der Hellsichtigkeit. Sie ist aber auch das Produkt jenes unberechenbaren Staunens, das der Mensch erprobt, wenn er das Tier wittert, das er mühelos wird.
Wenn ich Baum unter Bäumen wäre, Katze unter den Tieren, dann hätte dieses Leben keinen Sinn oder vielmehr: dieses Problem bestünde überhaupt nicht, denn dann wäre ich ein Teil dieser Welt. Ich wäre diese Welt, zu der ich mich jetzt mit meinem ganzen Bewusstsein und mit meinem ganzen Anspruch auf Vertrautheit in Gegensatz befinde.
C) Die schöpferische Gestaltung des Absurden
Diese Welt, absurd und ohne Gott, bevölkert sich so mit Menschen, die klar denken und nicht mehr hoffen. Es gibt für das absurde Leben keine ethischen Grundsätze, sondern nur die Inspiration aus lebendigen Vorbildern: der Liebende im Stile Don Juans, der Schauspieler, der Abenteurer. ... Dieser Flamme zu gehorchen ist zugleich das Leichteste und das Schwierigste was es gibt.
Jedwede Moral beruht auf der Vorstellung, dass eine Tat Folgen hat, die sie rechtfertigen oder entwerten. Ein Geist, der vom Absurden durchdrungen ist, meint nur, dass diese Folgen mit heiterer Ruhe betrachtet werden müssen. Er ist bereit zu zahlen. Sein Lohn ist der Ärger, den er den bezahlten Experten bereitet, deren wohlformulierte Projekte er zerbeisst, getreu der Herkunft der Zyniker, als unangepasster Wadenbeisser (gr. kynikoi, Hunde), wobei man den griechischen Hund zu Zeiten Diogenes wohl kaum mit dem heutigen, wohldomestizierten, vergleichen kann. Der hatte noch mehr vom unabhängigen Charakter der heute eher der Katze zugeschrieben wird. Er verweigert sich also der Domestizierung (von domus, also der Anpassung an das häusliche Leben), und noch viel mehr der Zivilisation (von röm. civis, Stadt, cives: Städter), als Anpassung an das städtische Leben und seine äusserlichen Umgangsformen.
Die Anerkennung und konstruktive Kritik von Chaos ist nur die logisch Folge einer komplexen Welt. Wie die Systemtheorie seit längerem belegt, sind komplexe Systeme abhängig von Struktur und Anfangszustand, abhängig von vielen Umweltbedingungen, nicht gezielt lenkbar -und können folglich nur therapiert werden. Der Zyniker ist also, modern ausgedrückt, Ideologiekritiker (kürzer unter Topik, das konsensfähige Argument), Systemtherapeut, troubleshooter, backstopper - oder die Pferdemücke des Sokrates.
Der
moderne Zyniker erkennt die Absurdität, anerkennt sie als unwandelbare Grundlage
und Bedingung des Lebens - und lehnt sich trotz aller Aussichtslosigkeit auf
eine fundamentale Änderung dagegen auf. Humor das Mittel, Aussichtslosigkeit
die Tragik. Camus sagt: Der absurde Geist hat weniger Möglichkeiten (da
er auf die Suche von Sinn und Zusammenhalt in der Transzendenz verzichtet).
Für ihn ist die Welt weder rational noch irrational. Sie ist unvernünftig,
nichts weiter. Die straffe Logik Descartes macht schafft keinen existentiellen
Sinn mehr. Die neue Losung des Zynikers lautet:
| Ich revoltiere, ich lehne mich auf - also sind wir. |
Anders als Descartes begründet diese Losung auch nicht mehr die Existenz aus individuellem Denken, aus dem Ich, sondern aus der Beziehung, dem wir, wobei sie allerdings den zivilisierten Bürger, das Ge-Schöpf [das Geschaffene] das sich Gesellschaft, Staat und Betrieb unterordnet, durch ein widerstrebendes, argumentierendes, widerspenstiges, eigenwilliges, eigenständiges, selbstorganisierendes und kreatives Schöpf ersetzt. [Schöpf, kein Schöpfer, kein Schöpfsie, kein Schöpfes, erlaubt so wahlweise die Artikel der, die oder das, da es nicht nur Männer und Frauen, sondern auch Tiere, Pflanzen, Mineralien und Gestirne beschreibt, denen ein selbstorganisierendes Prinzip innewohnt, früher Gott genannt.
Das bedeutet nun beileibe nicht, dass wir alle zu Zynikern werden müssen. Aber man sollte zumindest nicht den Boten erschiessen, wenn die Botschaft gemeint ist. Zyniker decken rücksichtslos die Realität auf, chaotisch und absurd wie sie ist, aber, sie sind nicht die eigentlichen Urheber dieses Chaos. Dieses undisziplinierte Verhalten einiger, die Kritik von Aussen, von Layen, wird um so wichtiger, je stärker sich ein System aufsplittert, sei es Gesellschaft, Wirtschaft oder Wissen. Ein trauriges Beispiel für sektorielle Besserwisserei ist z.B. das forstwirtschaftliche Konzept Galileo, das deutlich macht was geschieht, wenn Experten ihre Wissenschaft nicht in die Welt integrieren, sondern die Welt in ihre kleinkarrierten Konzepte packen wollen. Am gefährlichsten ist hierbei die Oekonomie, insbesondere wenn sie sich als handlungsanleitendes und damit zukunftsbestimmendes Expertenwissen verkauft.
So weit zu den modernen Zynikern, welche die Welt als Chaos mit Humor hinnahmen. Als nächstes wäre noch die Postmoderne zu analysieren, in der die Einen immer noch versuchen, das Chaos zu kartieren, während die andern eher lässig auf den Wellen surfen dieses wirft. Wie Klaus Theweleit, Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Karlsruhe, in der WOZ No 39 vom 11. September 2003 aufführt, wird heute die Philosophie gerne als rückständig, verstaubt und unergiebig bezeichnet: Die Denkerinnen spüren, dass sie mit ihrer Sprache und aus ihrem Denksystem heraus nichts zu sagen haben. Sie benutzen das Kino wie ein Rettungsboot in einem Meer von Sprachlosigkeit. Weil sie merken, dass ihre Sprache nicht trägt. Weil die Philosophie am Ende ist, und zwar durch die denkerische Überlegenheit anderer Medien wie Kino und manche Arten von Musik. ... Um 1800 wird das literarische Wort ein Hauptmedium der Wirklichkeitsauffassung und -bearbeitung. Das war es 200 Jahre vorher nicht, das ist es 200 Jahre danach auch nicht mehr. Ein Mensch der heute vernünftig denkt, würde sich nie freiwillig als Philosoph bezeichnen, weil das Wort "objektiv" eine Rückständigkeit benennt.
Wie sollten die DenkerInnen sich bezeichnen?
Ich bezeichne mich als Diskursmischer, als Arbeiter und Monteur in und zwischen den alten und neuen technischen Medien. Als lebenslänglichen Sachbearbeiter von Wirklichkeiten, wie Gottfried Benn sich gerne nannte.
Mit dieser offensichtlich kynischen Grundhaltung bleibt auch Theweleit der Philosophie verhaftet, er betreibt sie bloss mit andern Mitteln als dem Text. Zum Medium Film wäre noch zu sagen, dass es dem entspricht, was man in den Wissenschaften Fallstudie nennt, in der Rhetorik Kasuistik. Natürlich sind diese verständlicher und eindrucksvoller darzustellen, natürlich sind diese Zusammenhänge eindrücklicher als Worte - es sind Fälle die es zu interpretieren gilt, nicht (oder selten) die Suche nach dem Verständnis des Ganzen, nach Sinn und Weisheit, aber auch nicht allgemeine Gesetze, Orientierungen, Handlungsanleitungen, wie sie die Wissenschaften zu liefern versuchen. Dazu kommt, dass viele Menschen bereits Mühe haben, den Inhalt eines einfachen Textes zu erfassen. Um wie viel anspruchsvoller ist doch die Interpretation von Musik? Kunst ist als Medium der Erkenntnis sicher stärker zu nutzen als wir dies während der vergangenen Jahrhunderts der Verwissenschaftlichung getan haben, aber - Film und technische Medien können kritisches rationales Denken, das immer an Worte gebunden ist, also Philosophie, nicht ersetzen. Im Gegenteil. Die Zeiten der Verwissenschaftlichung werden gegenwärtig nämlich nicht durch eine neue Aera der Aufklärung und Emanzipation über den Film abgelöst, sondern durch eine zunehmende Ökonomisierung und Kommerzialisierung sämtlicher Lebensbereiche. Und dabei spielen Massenmedien, Film und neue Medien eine äusserst kritische, d.h. nicht nur positive, Rolle.
p.s: Das Absurde in Religion und Glauben gibt's ja auch, gerade in der christlichen Religion, mehr als zu Genüge. Die Sufis haben darauf Antwort:
* Al Chidr, der Grüne, ist ein mythischer Prophet und Heiliger, der aus der Lebensquelle trank, also ewiges Leben hat. Er hat also einen gewissen Bezug zu Gilgamesch, wird im Jemen als Hud verehrt und hier oft mit Merkur gleichgesetzt. Apropos Yemen. Da sich dort das ca. 20 Fuss lange Grab des Chidr befindet, wurde er offenbar selbst zum Opfer eines übersteigerten Glaubens an die "Pharmaindustrie" und passt in dieses Kapitel des Zynismus. ... Na ja ... ich werd wieder zynisch, denn eigentlich war die Geschichte ja auch anders verlaufen. Gilgamesch hatte zwar den Lebensquell gefunden, seine Schale mit dem Lebenswasser, die er auf einem Brunnenrand abgestellt hatte, wurde aber von einer Schlange getrunken, von denen man auf Grund ihrer Häutung lange Zeit annahm, dass sie ewig leben würde. Gilgamesch aber blieb die Erkenntnis, eine wirklich tiefe philosophische Erkenntnis, die in der großen Tontafelbibliothek des Assyrerkönigs Aschurbanapli (669-627 v.Chr.) schriftlich festgehalten wurde - eine Weisheit mit der heute noch fast jeder Weltenbürger ringt:
|
"Gilgamesch, das Leben das
Du suchst, das wirst Du nicht finden!" Und er begriff. Welches Leben hatte er gesucht? Die ewige Jugend hatte er gesucht, das Unveränderliche, Bleibende. Welch einen Weg war er dafür gegangen? Wie viele Wandlungen hatte er durchgemacht? Plötzlich erkannte er, dass er mehr war als die Schlange, dass die Verwandlung die sich an Ihm vollzogen hatte, nicht die äussere Hülle, sondern ihn selbst betraf, seine Seele, sein Wesen, das verwandelt doch er selbst blieb, und dass dies das eigentliche Leben war. Es erschien ihm nicht mehr erstrebenswert, immer gleich in ewiger Jugend dahinzuleben. Er begriff, dass so, wie er durch den Schlaf gegangen und verwandelt er selbst geblieben war, er auch durch den Tod gehen würde, verwandelt und doch er selbst in einer neuen Daseinsform. Er fürchtete den Tod nicht mehr und wusste nun auch, dass er dann mit seinem Freund Enkidu wieder vereint sein würde."
[Als die Götter noch mit den Menschen sprachen. Gilgamesch und
Enkidu. |
p.s: Die verschiedenen Gedanken passe eigentlich alle relativ gut in das Konzept des Existenzialismus, das man kurz so fassen könnte, als Hierarchie: Erst kommt das Überleben, dann das Leben, dann das angenehme Leben, und erst dann das ewige Leben. Anders formuliert: Wer im Hier- und Da-Sein keinen Sinn findet, wird ihn auch im ewigen Leben nicht finden.
_______________________________
|
Brainworker's WEBDESIGN & WEBVERLAG für Wissensanbieter Durch
Bannerwerbung und Verlinkung bei Brainworker |
Muster aus Brainworker's Webverlag:
![]() |
Zynismus heisst: Den Ernst der Lage
erkennen - und trotzdem den Humor behalten.
Das E-Book fasst alle Artikel von Brainworker zu
dem Thema zusammen und liefert: Eine Analyse des Wissens das dumm macht, weil es die Welt so beschreibt, wie wenn es verschiedene davon zur Auswahl und als Ersatz gäbe. Eine Kritik von Sloterdijks Kritik der zynischen Vernunft. Eine Lösung zur Aufgabe einer postmodernen Philosophie, das Ganze zu sehen, zu verstehen, trotz inhärenter Widersprüche und Unbestimmbarkeiten. |
Martin Herzog, Rheinfelden, Dipl. Ing. ETH. Sept. 03/1.12.04