Rhetorik

home
search

Ein Betrag von Brainworker's Denkwerkstatt und Webdesign

Von Diogenes' Kynikern zum modernen Zynismus

[nach: Heinrich Niehues-Pröbsting: Der Kynismus des Diogenes und der Begriff des Zynismus. Wilhelm Fink Verlag München, 1979]

Der kynische Philosoph Diogenes, (geb. ca. 400 v.Chr. in Sinope, gest. 325 in Korinth) lebte in Athen. Er gilt als Verächter der Kultur und wirkte in seiner Philosophie mehr durch den praktischen Vollzug, denn durch Lehren. Von den über ihn überlieferten legendären Anekdoten sind am bekanntesten sein Leben in der Tonne. Bundeskanzler Schmidt's Meinung dazu war laut Spiegel: Diogenes konnte in der Tonne leben und war damit zufrieden. Aber er war Philosoph, und das sind wir meistens alle nicht. Des weitern sein einziger Wunsch an Alexander den Grossen: "Geh mir aus der Sonne", der von Alexander quittiert wurde mit: "Wäre ich nicht Alexander, wollte ich Diogenes sein".

Kynismus, als philosophischer Vorgänger des Zynismus, war die von Diogenes entwickelte und gelebte Philosophie. Für die Kyniker ist der letzte Zweck des menschlichen Strebens diejenige Tugend, die mit Glückseligkeit zusammenfällt. Die kynische Tugend ist Bedürfnislosigkeit und Vermeidung des Bösen und des Übels. Die Tugend ist lehrbar, bedarf aber zu ihrer Verwirklichung mehr der Tat und Willenskraft als des Wissens.

Ihre Basisorientierung bezogen die Kyniker aus der Natur: Was natürlich ist kann weder schlecht sein, noch ein Grund, sich zu schämen. Die Stoa übernahmen einiges aus dieser Haltung. Epiktets Meinung von Männern ohne Bart war, dass sie sich doch lieber grad alles entfernen sollen, was sie zum Manne macht, wenn sie schon lieber eine Frau wären.

Ich gestehe, dass ich viel auf Müßiggang und Ergötzlichkeiten halte. Arbeit ist ein Mittel zum Zweck unsers Daseins; aber sie ist nicht der Zweck selbst.

Diogenes

Die Bedürfnislosigkeit sichert die Unabhängigkeit, sie stellt aber bei den Kynikern auch eine Negation der Kultur, Kunst, Familie, Staat, Gütern, Wissenschaft und öffentliche Sitte - und zwar bis zur Erregung öffentlichen Ärgernisses - dar.

 

Glück beruht nach der kynischen Lehre auf innerer Unabhängigkeit und Autarkie. Dieser Freiheit stehen vor allem drei Hindernisse im Weg: Angst (z.B. vor Schicksalsschlägen), Begierde nach äußeren Gütern und Unwissenheit. Damit war Diogenes noch vor Rousseau ein Kritiker von Kultur und gesellschaftlichen Normen und der erste Begründer einer subsistenzorientierten Wirtschaftsform.

Cynicism is merely the art of seeing things as they are instead of as they ought to be.

Oscar Wilde

Bedürfnislosigkeit sowie körperliche und geistige Askese sind die Wege zur Erlangung der inneren Freiheit. Das Streben der Kyniker nach Bedürfnislosigkeit ist ihre Antwort auf das Elend breiter Volksmassen, die Widerspiegelung der Perspektivlosigkeit derselben und ihrer praktischen Ausgeschlossenheit aus der bestehenden Gesellschaft.

Die Kyniker forderten die Aufhebung aller Schranken des Eigentums, der Stände, der Nationalität im kosmopolitischen Sinn. Die Ablehnung der kynischen Lebenshaltung durch die besitzenden Schichten führte zu den abwertenden Begriffen Zyniker und Zynismus.

nach: http://land.heim.at/waldviertel/240628/zynismus.htm

Der Kyniker lässt sich nicht von der Disziplin, dem Kettenhund der Autorität, in die Enge treiben. Er beisst selbst. Er beisst zu, wenn er sich beengt fühlt. Was ihn vom Durchschnittshund unterscheidet: Er beisst Herren, nicht Knechte, die tretenden, nicht die getretenen..

 

Trotz klar vertretener Forderungen sah Sokrates seine Aufgabe nicht darin, den Staat oder Private zu belehren, aktiven Einfluss auf die Politik zu nehmen, Richtlinien mit zu bestimmen und zu realisieren. Seine Haltung war vielmehr eine indirekte. Er gab dem Staat kritische Impulse, begriff sich als Fremdkörper und Störfaktor im Staat, vergleichbar der Pferdemücke. Hier liegt der wichtigste und wohltuende Unterschied zwischen Philosophen und Wissenschaftlern. Philosophen lieben die Wahrheit und widmen ihr Leben der Suche nach ihr, Wissenschaftler behaupten, sie zu besitzen. Der Zynismus ist der Kampf gegen verkrustete und verkrümmte Gebräuche und Sitten, die ihren Sinn und Zweck längst verloren haben. In seinem ursprünglich fruchtbarsten Feld, der Sexualmoral, hat er heute kaum mehr zu tun, dafür dort, wo immer mehr seltsame Moralapostel auftauchen, in Politik, Wirtschaft und Wissenschaft.

Diogenes, der am hellichten Tage mit der Laterne in Athen einen Menschen sucht, hat übrigens eine "Schwester" im Irak. Die Mystikerin Rabi'a al-'Adawiyya antwortete, als sie mit einer Fackel in der einen und einem Eimer Wasser in der andern Hand durch die Strassen Basras zog und gefragt wurde, was das denn bedeuten solle:

Ich will Wasser in die Hölle giessen und Feuer ans Paradies legen, damit diese beiden Schleier verschwinden und niemand mehr Gott aus Furcht vor der Hölle oder in Hoffnung aufs Paradies anbete, sondern nur noch um Seiner ewigen Schönheit willen.

Abdur Rahman Dschami aus Herat, Afghanistan, zeigte allerdings auch Grenzen und Beschränktheit des Individualismus: Weltentsagung hat keinen Sinn, wenn sie weiter mit Selbstsucht verbunden ist. Mit dem Scheich der in die Tonne kroch wird allerdings offenbar bei den Arabern meist Platon gemeint. 

Was fiel ein dem Scheich, dass er gekrochen in die Tonnen,

Umgang mit der Welt gemieden, und mit sich begonnen!

Jeden Faden der Verbindung, den er brach mit andern,

Hat er wie der Seidenwurm all' um sich selbst gesponnen.

Selber ist er Welt, und möchte doch der Welt entrinnen;

Doch wie kann der Welt entrinnen, wer nicht sich selbst entronnen!

Gärten der Erkenntnis. Annemarie Schimmel. Diederichs Gelbe Reihe. 1982.

Der Zyniker strebt nach der Erkenntnis von Gott, und wird dabei wieder und wieder frustiert - der Häretiker, und viele Schwätzer, behaupten Gottes Willen präzise zu kennen, und werden zu Spiessern, wenn nicht gar Faschisten (wozu die meisten Fundamentalisten gehören).

Man könnte Zynismus und den ihm verwandten Existenzialismus auch als "minderen" Teil des Neoplatonismus von Porphyrios betrachten, der das Sein des Geistes als absolute Gegenwart und Einheit aller Ideen sah. (Ideen nach Platon, also ohne Einbezug von Furzideen, Einfällen jeglicher Art). Die Ordnung des Kosmos wird hier durch die Weltseele garantiert; die der Einzelwesen durch die abgestiegenen Einzelseelen. Der Wille hat hier die Funktion, als freier Entschluss darüber zu bestimmen über den Aufstieg der Seele zum Sein oder über ihren Abstieg ins Werden. [Franco Volpi: Grosses Werklexikon der Philosophie. Kröner 2004. S. 1216]. Der Existenzialismus setzt die Priorität auf das körperliche Sein und die dadurch erst mögliche Entfaltung des Seins. Die Vorgabe einer Weltseele, als Idee des Seins, bedeutet nicht mehr und nicht weniger, als Gott zu anerkennen. Und hier geraten wir in die Bredouille, da es doch recht unterschiedliche Erkenntnis von Gott gibt, was, wen fundamentalistisch betrieben, zu gegenseitigem Ausschluss, Krieg und Terror führt. Das Problem ist allerdings eigentlich ein kleines, denn wer, ausser dem Papst, möchte behaupten können, er sei in seiner Erkenntnis unfehlbar? (Und sogar dem haben das die Christkatholiken nicht abgekauft. Zu recht, denn unter den Päpsten gab es zwar einige Heilige, aber auch eine Menge Schwätzer ... und sogar einige, die man nur als Kriminelle bezeichnen kann.

Der Sufi Mansur al Hallaj sagte: Ana al Haq - ich bin der Glaube. Da dieser Satz damals von den Herrschenden so interpretiert wurde, als sage Hallaj: Ich bin Gott - wurde er als Häretiker scheibchenweise ins Jenseits befördert. Auch dies ein Beispiel von anmassendem Spiessertum, denn er hatte das Recht zu sagen, ich bin der Glaube, da der Glaube, im Gegensatz zum Wissen, individualistisch, einseitig, verfehlt, daneben sein darf. Glauben heisst streben. Häretiker waren in dem Falle eigentlich seine Richter, denn sie massten sich an, Gott und seinen Willen besser zu kennen als Hallaj, und über dessen Glauben zu richten. Sie massten sich die Rolle Gottes an. Deswegen die Warnung in der Bibel: Richte nicht, damit du nicht gerichtet werdest, denn kein Mensch hat allumfassendes Wissen. Der Mensch ist ein unvollständiges Wesen und kann nur nach Ganzheit streben, sie aber nie sein. Darum ist der Zyniker meist zynisch... Hallaj aber gab sich voll und ganz dem Glauben hin, mit seinem ganzen Geist und Körper. Mehr kann keine Religion und kein Gott von einem Menschen verlangen.

Zynismus heute

Zyniker, ein Begriff der sich aus dem Kynismus entwickelt hat, bezeichnet einen bissigen Spötter, als Zynismus ein herausfordernd verächtliches Verhalten gegenüber den geltenden Moralnormen und Anstandsregeln. Der Zyniker macht nicht nur gegnerische Meinungen, sonder auch ihre Vertreter, lächerlich oder versucht dies jedenfalls. Kynismus entstand als Reaktion auf den Zerfallsprozess der Polis (Stadt). Der Zynismus dagegen ist laut Heinrich eher eine Form individueller Selbstbehauptung angesichts einer allgemeinen Sinnlosigkeit, welche die Ursache der Existenz bedrohenden Angst in unserer Situation ist. (Niehues-Pröbsting S. 11)

Oppenheimer's Observation:

The optimist thinks this is the best of all possible worlds ...

and the pessimist knows it.

Zynismus ist eine Form der Moral- und Zivilisationskritik. So sehr Kultur und Ethik die Fundamente der Gesellschaft sind, so mehr bedürfen sie der Kontrolle ihrer Verlässlichkeit und Stabilität, also der Kritik. Da für den Zyniker die Werte Ehre, Würde, Ansehen - keine verlässlichen sind, verzichtet er darauf. Sein Glück besteht im Ärger der Philosophen (Wissenschaftler und anderer "Kultivierter") über ihn. (s. auch Intellektuelle).

Der Zyniker sieht zwar den Menschen nicht mehr als Tier, aber auch noch nicht als Menschen, sondern als lachendes, oft aber auch als lächerliches Tier. Wie Camus' Sisyphos akzeptiert er aber dieses Schicksal ohne Grimm, das Schicksal, in einem unendlichen Projekt der Menschwerdung, im unendlichen Rad der Wiederkehr, sich dauernd drehen und bemühen zu müssen, wissen, das alles Bemühen nichts fruchtet, denn der Prozess der Menschwerdung beginnt mit jeder Geburt eines Menschenwesens von neuem.

Zynismus finden wir aber auch bei den gängigen Wissenschaften, die moralische Subjekte oder Sachverhalte zu Objekten wissenschaftlicher Beschäftigung machen, und eine moralische Beurteilung neben oder über sich ausschliessen. Aktuelle Bezüge finden sich hier insbesondere bei Expertenberichten zu Gentechnik, Verkehr, Landnutzungsplanung, Wirtschaftspolitik -die eigentlich insgesamt politische und nicht wissenschaftliche Angelegenheiten sind.

Als Diogenes der Wissenszunft wurde etwa Paul Feyerabend von Wolfgang Tonninger bezeichnet: Paul Feyerabend war wohl das, was man "kynisch" nennt. Ein Querulant im Wissenschaftsbetrieb, ein trotz seiner Berühmtheit machtlos Gebliebener. Eine auf den ersten Blick vielleicht tragisch anmutende Autorität, die zeitlebens dazu verdammt war, sich selbst zu untergraben, gäbe es da nicht die schmunzelnde Gebärde der "Fröhlichen Wissenschaften", den Dadaisten Feyerabend, der diesen innersten Widerspruch auszuhalten, zu leben und immer wieder spielerisch zu inszenieren verstand.
Dabei basierte seine radikale Wissenschaftskritik durchaus auf historischen Beobachtungen, die er jedoch im Unterschied zu seinem großen Lehrer Karl Popper gegen den Strich des rationalen, aufklärerischen Diskurses deutete. Feyerabend spürte dem "Außerordentlichen" bis in die hintersten Winkel der Wissenschaftsgeschichte nach und fand heraus, daß den großen Leistungen Regelverletzungen vorangingen, kühne Hypothesen, die sich außerhalb des wissenschaftlichen Diskurses und der institutionalisierten Ordnung gestellt haben.

http://www.supervisor.com/channel/faces_voices/feyerabend.html

Am weitesten verbreitet ist Zynismus bei Medizinern, die ihre Unfähigkeit den Tod zu besiegen, Tag für Tag verdrängen müssen. Eben so häufig dürfte er bei Entwicklungshelfern sein, die oft (zumindest diejenigen, die sich länger mit lokalen Problemen auseinander gesetzt haben) über äusserst brauchbare Lösungen verfügen, aber aus politischen, institutionellen, personellen, finanziellen und GottweisswasnochfürProblemen, nur äusserst selten wirklich die Wege gehen können, die das Problem lösen würden.

Nebst solch besondern Gruppen wird jedoch auch die gesamte Gesellschaft von inhärenten Zynismus unseres Wirtschaftsystems durch und durch getränkt. Ebenfalls von Oscar Wilde stammt nämlich die Definition des Zynikers: A cynic is one who knows the price of everything, the value of nothing. Die selbe Nivellierung, der der Zyniker bewusst veraltete Werte und Normen unterwirft, geschieht durch die immer ausschliesslichere Orientierung an Geld, die sämtliche Werte und Ziele ausserhalb der Ökonomie verdrängt (s. Simmel: Philosophie des Geldes. S. 263 ff.): Einer solchen Nivellierungstendenz kommt in einzigartiger Weise die Fähigkeit des Geldes entgegen, ansonsten inkommensurable Werte auf eine einzige "Wertform" zu reduzieren und dadurch auf dasselbe "prinzipielle Niveau" zu bringen. Die "Pflanzstätten des Zynismus" seien daher die Umschlagplätze grosser Geldmengen wie etwa die Börsen; je mehr das Geld zum Mittelpunkt des Interesses werde, umso spöttischer und leichtfertiger gehe man mit den "höheren Lebensgütern" um, die wie Wahren des Wochenmarktes einen Preis erhielten. Wie Oscar Wilde definiert Simmel den Zynismus vom Begriff des Preises her: "Der Begriff des Marktpreises für Werte, die ihrem Wesen nach jede Schätzung ausser der an ihren eigenen Kategorien und Idealen ablehnen, ist die vollendete Objektivierung dessen, was der Zynismus in subjektivem Reflex darstellt.

Nicht weniger zynisch ist eine Politik, welche, ganz im Sinne Machiavellis, die Erhaltung der Macht als oberstes Ziel setzt.

Klaus Heinrich interpretiert den Zynismus der Gegenwart als Selbstbehauptungsphänomen, Selbstbehauptung im Angesicht der Sinnlosigkeit, die allerdings oft in Selbstaufgabe umschlägt. Diese Sinnlosigkeit entstand dort, wo der Glaube der Aufklärung an eine universelle Harmonie aufgegeben wurde. Zynismus wurde auch als resignierende Form des Existenzialismus interpretiert, denn beide halten erst der aus Sinnlosigkeit entstehenden Angst stand. In einer zweiten Phase flieht der Zyniker unter Aufgabe des Selbstverwirklichungsanspruchs in die blosse Selbstbehauptung und schliesslich in die Selbstaufgabe.

Nid eso, nei nei, nid eso hani gseit
Nid eso, nei luegit, nid eso, nei nei, nid eso hani gseit
Stelle
U nid lege

U när löht ders la loufe
Eifach la fahre
La loufe
He, nüt dranne mache

U när Znüni näh
Znüni näh

Stiller Has: Znüni näh

Heinrich sieht drei Spielarten des zynischen Postexistentialismus:

  1. die offen eingestandene Resignation
  2. der Fanatismus - hinter dem sich stets Resignation verbirgt, die aber nicht eingestanden wird
  3.  die Indifferenz - durch Anpassung an ein inhumanes System, durch Einpassung in die Karriere

Während der philosophische Zynismus standhaltendes Erkennen bedeutet [Die Welt sehen wie sie ist, nicht wie sie sein sollte], versucht der resignierende Zyniker eine Position zu beziehen, in der keine Enttäuschung mehr möglich ist, nicht unähnlich dem Buddhismus oder Zen, wie der Grundhaltung der Stoiker: Man soll sich dort (auf-)regen, wo man etwas bewirken kann, und die Dinge, auf die man keinen Einfluss hat, eben als gegeben hinnehmen - und im Rahmen des Möglichen auch das Leben geniessen.

Die kritische Auseinandersetzung des Zynikers mit Werten und Normen, bedeuten eigentlich nicht, dass er die Moral verachtet. Im Gegenteil, es ist die enttäuschende Erfahrung mit der Wirkungslosigkeit der Moral, mit der Tatsache, dass eine moralische Haltung für gewöhnlich eher schadet als nützt (was speziell in der modernen Geschäftswelt gilt und ein US-liberales (dümmliches) Grundprinzip ist: Fair is foul and foul is fair. Der Zyniker kritisiert (oder verachtet gar) die Moral wegen ihrer Schwäche. Zynismus ist eigentlich die Grundhaltung der Postmoderne, in der alles und nichts gilt.

 Der Kyniker der seinen Anspruch behält, gleicht hier dem Arzt, der die Gesellschaft von ihren Illusionen heilen will

Eine etwas mildere Vorstufe des Zynismus wäre die Ironie (von gr. eironeia "Verstellung"), als Äußerung, die das Gegenteil von dem Gesagten meint, die mit scheinbarer Ernsthaftigkeit den gegnerischen Standpunkt ins Widersprüchliche zieht. Im Gegensatz zum Humor ist Ironie eher kritisch und nicht um Zustimmung bemüht.

Sokrates lehrte Ironie als Mittel zur Entlarvung vermeintlichen oder angemaßten Wissens, jedoch nicht mit dem Ziel des Lächerlichmachens. Der Dialogpartner wurde vielmehr durch das scheinbar selbstständige Auffinden eigener Widersprüchlichkeiten in die Lage gebracht, diese zu durchschauen. Er und die Kyniker benutzten zu diesem Zwecke gerne die verschiedensten Formen des Humors, von Selbstironie und Scherz, über Komik, Witz und Satire, bis hin zu Sarkasmus und Zynismus. Von Nietzsche wurden sie deswegen geradezu als die Humoristen des Altertums bezeichnet.

Einschub 30.9.04: Wenn wir ernst nehmen, was uns die Theorie komplexer Systeme lehrt, nämlich dass diese nicht gezielt steuerbar sind, es aber nach Willkes Rat dennoch versuchen sollten, dann verstehen wir, warum unser Zeitalter der Postmoderne ein derart zynisches ist. (s. Wie lässt sich Politik betreiben, wenn sich komplexe Systeme nicht lenken lassen?)



Wir stehen selbst enttäuscht und sehn betroffen
Den Vorhang zu und alle Fragen offen
.
Euripides

 

Zyniker: Schuft, dessen mangelhafte Wahrnehmung Dinge sieht, wie sie sind, statt wie sie sein sollten.
(Ambrose Bierce, am. Journalist, 1842-1914 [verschollen])

 

Es muß Arme geben, damit die Reichen das Gebot der Nächstenliebe überhaupt erfüllen können.
(Aus einem Hirtenbrief der Bischöfe Spaniens, 1954)

Martin Herzog, professioneller Entwicklungs- und Forstzyniker ETH, WEBDESIGN; Rheinfelden, 21. August 2003.