He www.brainworker.ch - Was soll das?

Obwohl viele Besucher meine Webbeiträge schätzen, fragt sich mancher, insbesondere wenn er vorne einsteigt: Was soll das? Was ist das? Wohin gehört das? Was macht der Typ eigentlich? Drum hier mal ein Versuch das etwas zu klären:

Das Leben ist kein Roman,
das Leben ist ein Haufen unfertiger Geschichten.

Leo Tuor

Der Ursprung der Site liegt in meiner Tätigkeit als Entwicklungsexperte im Jemen (88-94). Während 6 Jahren hab' ich versucht herauszufinden, welche Faktoren für die Entwicklung entscheidend sind - wie Entwicklung gesteuert werden kann. Es handelt sich also um eine Website zur Entwicklungsforschung.

Die Erfahrungen mit den traditionellen Wissenschaften waren hierbei recht betrüblich. Die Sache mit der Interdisziplinarität/Multidisziplinarität harzt immer noch, genau so wie die mit den komplexen Ansätzen und der Systemanalyse. Wer nicht bei seiner Disziplin bleibt arbeitet eben undiszipliniert, d.h. unwissenschaftlich. Die Philosophie, die eigentlich für ganzheitliche Ansätze zuständig wäre, überzeugt hier auch nicht unbedingt. Dazu kommt ein persönliches grosses Interesse an Forschung, und die harte Erfahrung des Berufsexpatriierten, dass man, wenn man nicht auf dem eigenen Gebiet, der Waldwirtschaft, tätig sein kann, immer wieder von vorne anfängt. Auf der andern Seite hat dies natürlich den Vorteil, dass man in der Lage ist, die nähere und fernere Welt aus unterschiedlichsten Perspektiven zu betrachten.

Entwicklung hängt erstens mal ab davon, woher wir kommen, von unserer Vergangenheit und Geschichte. Entwicklung hing also in erster Linie von lokalen und regionalen Bedingungen ab, wird aber zunehmend von globalen Entwicklungen überlagert, die ganz andern Gesetzen folgen.

Ebenso beeinflusst die natürliche Umwelt unsere Sicht der Dinge wie unsere Absichten für die Zukunft beträchtlich. Es ist interessant, wenn auch unüblich, sich mal darüber Gedanken zu machen, was unser Denken und Handeln beeinflusst, warum wir gewissen Aktionen mehr, andere für weniger wünschbar halten. Man überschreitet dabei das übliche Denken der Wissenschaftler, Planer, Wirtschaftsfachleute und Politiker massiv. Z.B. sieht man so, ohne eine Phalanx von Experten zu benötigen (Gruss an Bush), dass die Kultur eines Volkes ziemlich zentral für Wertungen und Entscheidungen ist. Um so schwerwiegender, wenn Kultur immer mehr zu Unterhaltung und Marketingevents wird?

Entwicklung basiert natürlich nach wie vor auf Wissen. Dieses darf aber keinesfalls auf wissenschaftliches Wissen begrenzt werden. Mit Intelligenz alleine lässt sich die Welt nicht verstehen und nicht zu einer besseren formen. Zumindest müssen Kreativität und Geist durch Intuition eine Pforte geöffnet werden. Noch wichtiger allerdings ist es, sich bewusst zu machen, dass die Zukunft nicht einfach automatisch aus der Vergangenheit und Gegenwart heraus wächst - ausser man glaube an die Vorherbestimmung. Die Zukunft entscheidet sich hier und jetzt. Um die richtigen Entscheide zu fällen und den Willen am rechten Ort durchsetzen, müssten wir aber einen Blick in die Zukunft tun, ein Blick, den uns die Wissenschaft nicht gewährt. Wir müssen also spekulativ und philosophisch werden.

Handlungsanweisungen können und dürfen weder Recht noch Aufgabe der Wissenschaft sein, so lange sich diese als wertfrei betrachtet, denn Handeln ist an Werte und Werten gebunden. Wissenschaft kann bloss Handlungsempfehlungen geben - die Wertung muss sie Gesellschaft und Politik überlassen, die das wissenschaftliche Wissen mit religiösem, ethischem und kulturellem wie Alltags-Wissen vergleicht.

Situationsanalyse: Vom Denken zum Handeln

Aber da fehlt irgend was, eine Wissenschaft oder Philosophie des richtigen (oder zumindest empfehlenswerten) Handelns, also das was früher Gegenstand der Phronesis war. Gegenwärtig ist alles "richtig, gut", wofür bezahlt wird - alles andere überflüssig, wenn nicht gar schädlich: Frühpension, Gerechtigkeit, Entwicklungszusammenarbeit, Kinder(horte), Kultur, Wald ... Hier fehlt diejenige Philosophie die früher die Königswissenschaft war, hier fehlt die Metaphysik, die durch die Erfolge der positiven Wissenschaften völlig verdrängt wurde - wie wenn es neben der physikalischen, also der körperlichen Welt, nichts gäbe. Als logische Folge ist auch die Gnosis als Erkenntnisart völlig verschwunden.

Die Postmoderne hat inzwischen die grossen Systeme der Meisterdenken, die Kathedralen des Wissens, wie die Verlässlichkeit des Wissens generell, zerstört, dafür aber deutlich gemacht, dass es eher das Handeln als das Wissen ist, welches die Welt formt. Handeln ist aber heute vor allem wirtschaftliches Handeln, und dieses wird vor allem durch Preise und Mengen bestimmt. Zudem ist es nur schlecht koordiniert, man denke etwa an das Bildungswesen (vor 4 Jahren schrie alles nach Informatikern, heute stempeln diese, kaum haben sie ihr Studium abgeschlossen), was immer wieder zu schweren Störungen führt (zur Zeit etwa die Überbetonung des Sparens, obwohl es Konsum und Investitionen sind, die fehlen, nicht eigentlich das Geld.

Die starke Zunahme interner Differenzierung, die Vielzahl an Strukturen und Funktionen die unsere Gesellschaft bilden, führen dazu, dass heute viel mehr Welt und Umwelt vom vom Menschen beeinflusst oder gar gestaltet werden kann. Mit der Zunahme der Machbarkeit nimmt aber auch die Verantwortung zu – und die Gnade des Hinnehmenmüssens oder -dürfens, welche Muslime durch inshallah ausdrücken.

Die Systemanalyse, insbesondere die Chaostheorie, hat zudem deutlich gemacht, dass sich komplexe Systeme gar nicht gezielt steuern lassen. Hier wird Steuerung ein Spiel des Zufalls, Trial and Error. Hier bleibt uns nichts anderes, als immer wieder anzustossen, und die Auswirken im und auf das gesamte System sorgfältig zu beobachten. Da sich die Auswirkungen erstens, wie beim Schmetterling, der durch seinen Flügelschlag in Südamerika einen Sturm in Europa auslöst, irgendwo zeigen können, und sich beim besten Wissen offensichtlich nicht immer vermeiden lassen, müssen wir vielleicht auch mal unsern Sicherheitswahn überdenken und ab und zu die Geschehnisse einfach hinnehmen, in bester buddhistischer und islamischer Manier: Inschallah.

Dies macht auch das fundamentale Problem von Wissensmanagement (knowledge management) deutlich. Es gibt kaum universell gültiges Wissen. Seit Einstein gilt dies ja sogar für einst verlässliche physikalische Parameter wie Zeit, Masse, Gewicht und Geschwindigkeit. Seit Heisenberg wissen wir, dass es sogar in der Physik Dinge gibt, die wir nicht wissen können, wie Ort und Impuls kleinster Partikel. Wissen ist immer situativ und vom Kontext abhängig. Deswegen die Abkehr von Speichersystemen und die Hinwendung zu lebenden Experten- und Diskussionsgruppen.

Die Wirtschaft wird von Managern gelenkt, worüber sich die Shareholder ja zunehmend beklagen, Manager, deren Hauptziel die Effizienz ihrer Organisation ist - nicht das Wohlergehen der Belegschaft, der Standortsgemeinde, des Staates oder sonst irgend was ausserhalb des Betriebes.

Der Markt und die Wirtschaft sind eh als Lieferanten von Zukunftsorientierung nicht brauchbar. Dient die Wirtschaft dem Zweck, den Wohlstand zu mehren? Dann sollten die Löhne vielleicht etwas gerechter verteilt sein. Bedeutet Wohlstand, ein angenehmes Leben zu führen? Dann sollte man eigentlich nicht dauernd immer mehr Umsatz und Arbeit anstreben. Oder zwingt sie uns nun selbst ihre Ziele auf, wie insbesondere Wachstum? Die Schweiz wurde zwischen 1950 und 1973 zum reichsten Land der Welt ... und lässt in den letzten 10 Jahren, wie Japan, etwas nach. Den alten Vorsprung aber durch Wachstum wieder zu erlangen, ein Wachstum das bedeutet: Arbeiten bis 67 oder länger, die Erwerbsquote erhöhen, obwohl sie mit 79.1% weltweit schon Spitze ist, die Arbeitszeiten zu verlängern, die Flexibilität zu erhöhen, die auch Aufwendungen für Bildung stark erhöht; dabei die Umwelt-, Bau- und Sozialgesetzgebung, ja sogar die direkte Demokratie (Borner) als Hemmschuh zu bezeichnen, das macht doch wohl aus dem Begriff Wohlstand ein Scherzprodukt. Oder soll Wohlstand nicht bedeuten, über mehr Freizeit und Genuss zu verfügen, weniger und weniger hart arbeiten zu müssen? Wohlstand durch mehr und härtere Arbeit zu fördern entbehrt etwas der Logik, scheint mir. Das kommt davon, wenn man sich von Buchhaltern rechter wie linker Provenienz vorschreiben lässt, wie die Welt auszusehen hat.

Gerade weil komplexe Systeme sich nicht zielgenau steuern lassen, ist es um so wichtiger, System und Umwelt im Auge zu behalten. Man darf sich also nicht auf strukturelle Änderungen und Auswirkungen beschränken, wie es die Ökonomen gerne tun: Strukturänderung, mehr sparen, weniger konsumieren, neue Technologien - sondern muss gleichzeitig die Systeme Funktionen und Normen (Gesetze, Werte, Kultur ...) im Auge behalten (s. Forschungsansatz Jemen). Ein schönes Beispiel für ökonomische Einäugigkeit sind zur Zeit die Entwicklungen in der Waldwirtschaft. Aus ökonomischer Sicht werden Pflege und Erhaltung des Waldes offenbar überflüssig, wenn sie mehr kosten als durch Holzerlös gedeckt wird.

Die letzten Ziele können auch so nicht punktgenau bestimmt werden, zumindest nicht in einer Gesellschaft, die ihren Individuen die Freiheit lässt, sich ihre persönlichen Ziele selbst zu wählen. So werden wir weiter suchend irren zwischen Lust und Pflicht, Zufall und Plan, Eigennutz und Nächstenliebe, Gott und Teufel.(s. Zyniker, Stoiker und Epikuräer) und manchmal in Zynismus Zuflucht suchen müssen.

Die Site ist zugegebenermassen weder was Vollständigkeit, noch was System, noch was Präsentation anbelangt, wirklich befriedigend. Wenn Sie dies kritisch würdigen, bedenken Sie, dass es sich um eine persönliche, interessensgetriebene Leistung, ohne irgend welches Entgelt handelt.

Die meisten Stichworte auf folgender Graphik sind anklickbar:

Martin Herzog, WEBDESIGN, Rheinfelden, 10.5.04