Wissenschaft zwischen Sein und Sollen, zwischen Fakten und Werten

Der Positivismus, seine höchst negativen Folgen - und die Abkehr davon in der Nachhaltigkeitsforschung

Dass die Welt bloss eine physische, keine moralische, Bedeutung habe, ist der grösste, der verderblichste, der fundamentalste Irrtum, die eigentliche Perversität der Gesinnung, und ist wohl im Grunde auch Das, was der Glaube als den Antichrist personifiziert hat.

Schopenhauer, Pararerga und Paralipomena: Zur Ethik

Positivismus (s. auch Wissenschaft analysiert das Sein - sie prophezeit kein Sollen) tönt eigentlich viel zu positiv, um daran Kritik üben zu können - aber, es handelt sich dabei eigentlich bloss um eine sehr reduktionisitische, also eigentlich eher "unphilosophische" Wissenschafts-philosophie (s. Definition Philosophie), die Forschung auf das Positive, Tatsächliche, Wirkliche und Zweifellose beschränkt, sich allein auf Erfahrung beruft und jegliche Metaphysik als theoretisch unmöglich und praktisch nutzlos ablehnt. ....

 http://www.uni-essen.de/literaturwissenschaft-aktiv/Vorlesungen/literaturge/positivismus.htm

Wissenschaften, obwohl vorzugsweise wertfrei betrieben, basieren aber selbst auf Werten:

Insbesondere ist die Wissenschaft als Tätigkeit an ethische Postulate gebunden:
Sowie Max Webers Forderung:
Das Problem wertfreier Wissenschaft ist besonders ausgeprägt bei den Ingenieurswissenschaften, die ja mehr gestaltende als analytische Wissenschaften sind. (s. Rhetorik 3: Der Ingenieur als Bindeglied zwischen Homo sapiens und Homo faber, zwischen Wissenschaft und Handlung.) Hier bildet bereits eine zu wissenschaftliche Ausbildung ein Problem, denn der Ingenieur betreibt eigentlich keine Episteme, (erkenntnisorientierte Wissenschaft) sondern Poiesis/Poietik, also Gestaltung (s. System der Wissenschaften. Was heisst wissenschaftlich?).

Wenn Technikwissenschaften - bei aller Respektierung der Regeln des Wissenschaftsethos als Berufsethos - nur so vermittelt werden, daß die Aufgabe eines Ingenieurs allein darin besteht, zu fragen, welches das optimale Mittel zur Verwirklichung eines vorgegebenen Zieles sei (außer der Funktionsfähigkeit mag auch die Wirtschaftlichkeit als äußeres Bewertungskriterium hinzutreten), wenn also die Frage nach den Zielen selbst vollkommen ausgeklammert bleibt und Studierende geradezu auf das festgelegt werden, was Max Horkheimer "instrumentelle Vernunft" genannt hat, sind sie den Sirenengesängen einer Ideologie schutzlos ausgeliefert.

Hans Poser, s.u.

Dieses Wissenswachstum aber und die mit ihm verbundene Handlungspotenz stehen in umgekehrten Verhältnis zu unserer Prognosefähigkeit von Nebenfolgen; denn gerade die Folgen werden mit der gewachsenen Eindringtiefe um so vieles komplexer, daß sie sich zunehmend grundsätzlicher Erfaßbarkeit entziehen. Daraus erwächst eine Verantwortungsproblematik, die Studierenden explizit und nicht nur implizit vermittelt werden muß; und sie bezieht sich unmittelbar auf Werte. So treten Wertungen auf ganz verschiedenen Ebenen zu den beiden genannten hinzu, weil die technologisch zu lösenden Probleme externe Probleme sind: Wir, die Gesellschaft, verlangen heute von den Technologien:

Die eben skizzenhaft benannten Wertungen entstammen alle der VDI-Richtlinie zur Technikbewertung. Aus: Wissenschaft und Lehre - Wertfrei? Max Weber und die Ingenieurwissenschaften. Hans Poser (Technische Universität Berlin)

Problem:

Wertsetzende Wissenschaften - insbesondere die Ökonomik

In der Ökonomie existieren einfach zu wenig qualifizierte Theorien, die sich überprüfen liessen.

Ich mag ihn nicht, diesen Preis. Alfred Nobel war kein Ökonom. Er war ein Wissenschafter.

Michael Nobel

Da werden teilweise in komplizierten mathematischen Formeln angeblich fantastische Ergebnisse präsentiert. Wenn Sie diese in Worte fassen, sind sie geradezu banal.

Yi-Cheng Zhang, Prof. für theoretische Physik. Uni Freiburg

In der Wissenschaft, die der deutsche Volksmund seit je her und immerdar als Nationalökonomie bezeichnet, ist alles, was bestimmt sein sollte, unbestimmt: sogar der Gegenstand, mit dem sie sich beschäftigt.

Werner Sombart

 Verborgene Werte in der globalen Ökonomie. Aspekte impliziter Ethik.  Ethik-Letter LayReport Jg. 5, S. 4-11 folgender Artikel stammt:

Man kann ethische Systeme in zwei Schulen einteilen: Jene, in denen die Motivation einer Handlung als bestimmende Größe für die Beurteilung herangezogen wird, und die andere, die auf die Resultate des Handelns blickt. Beide Betrachtungsweisen haben mit Problemen zu kämpfen. Doch ein Problem schlummert verborgen in beiden Fragestellungen. Und diesem Problem möchte ich mich zuwenden.

Beide Betrachtungsweisen ethischen Handelns setzen stillschweigend etwas voraus: Einen Rahmen, ein Denkmodell, in dem ethisches Handeln beurteilt wird. Die Intention des Handelns ist nicht leer und unbestimmt. Sie bildet sich immer im Rahmen eines bestimmten Denksystems. Ein Moslem wird sein Handeln völlig anders begründen als ein Schüler des Gerechtigkeitstheoretikers John Rawls. Man hat ein gutes oder schlechtes Gewissen im Rahmen eines Denkmodells, das man für sein Handeln akzeptiert. Dasselbe gilt für die Beurteilung von Handlungsresultaten. Auch sie erscheinen in einem anderen Denkrahmen ganz anders. Jeder ethischen Entscheidung in einem bestimmten Rahmen geht dieser Rahmen, geht die Akzeptanz dieses Rahmens voraus. Um sich Entscheidungen gemäß einer christlichen Ethik zueigen zu machen, muß man erst Christ geworden sein.

Nun scheint dieser Gedanke für religiöse Systeme leicht durchschaubar. Die Erfahrungen nicht nur der europäischen Geschichte haben gelehrt, daß es nicht so etwas wie ein verbindliches System der religiösen Werte geben kann. Demokratien sind nicht zuletzt auch Systeme der Pluralität religiöser Überzeugungen. Allerdings stellt sich auch und gerade in Demokratien die Frage nach allgemein gültigen Grundwerten, wie sie etwa im Menschenrechtskatalog vorliegen. Diese Grundwerte sind in der Regel - auch wenn sie nicht globale Anerkennung finden - in hohem Maße bewußt. Man akzeptiert oder relativiert sie als Folge ein in einer bewußten Werteentscheidung.

Neben diesen bewußten Grundwerten gibt es aber eine ganz andere Ethik, die - wiewohl vielfältig akzeptiert - nicht als Ethik erkannt und anerkannt ist. Ich habe dafür den Begriff der impliziten Ethik vorgeschlagen. Eine implizite Ethik ist nicht in Bewertungen und Entscheidungen innerhalb eines bekannten Katalogs moralischer Werte zu suchen, eine implizite Ethik ist im Rahmen, in den allgemein akzeptierten Denkmodellen, im »Paradigma« einer Zeit verborgen. Ganz anders als bei religiösen Systemen, ist dieser Denkrahmen allerdings - gerade weil er von fast allen akzeptiert wird - gar nicht als ethisches System erkannt.

Vor allem in unseren ökonomischen Denkmodellen verbirgt sich eine implizite Ethik. Die Schwierigkeit, diese Ethik zu erkennen, liegt in ihrer allgemeinen Verbreitung und ihrer perspektivischen Wirkung. Niemand scheint heute mehr daran zu zweifeln, daß die Marktwirtschaft das einzige Wirtschaftsmodell der globalen Ökonomie sein kann. Der marktwirtschaftliche Denkrahmen ist allgemeiner akzeptiert, als es je ein religiöses oder philosophisches System war. Die Marktwirtschaft ist aber - bereits seit ihrer Geburtsstunde im Fernhandel, z.B. entlang der Seidenstraße - immer schon latent globale Ökonomie gewesen. Und dieser mehr und mehr hervortretenden planetarischen Wirtschaftsweise wohnt eine eigentümliche perspektivische Verkürzung, eine kognitive Schranke inne. Wie der Pilot, der den Abwurf einer Bombe auf Belgrad aus seinem Flugzeug nur perspektivisch entfremdet als ferne Explosion beobachtet - obgleich er sie verursachte -, ebenso sind die Fernwirkungen wirtschaftlichen Handelns dem Handlungsbewußtsein entrückt. Nicht völlig entrückt - sie sind entrückt als Wirkungen des eigenen Handelns. Und hier wird eine besonders drastische Konsequenz der impliziten Ethik wirtschaftlichen Handelns deutlich.

Dabei sind diese Konsequenzen leicht zu durchschauen: Wenn wir in den Ländern des Nordens auf ganz alltägliche Weise Güter konsumieren, die aus oder mit knappen globalen Ressourcen erzeugt werden, dann erhöht unser Konsum die Preise für diese Ressourcen. Diese relative Preiserhöhung macht für weite Teile der Weltbevölkerung (wenigstens 800 Millionen) - vor allem bei Mißernten oder Naturkatastrophen - diese Ressourcen unerschwinglich teuer. Die Folge sind Hunger und Unterernährung. Allein 12 Millionen Kinder sterben jährlich vor dem fünfzehnten Lebensjahr. Sie sind der Kolateralschaden unseren ökonomischen Handelns.

In unserer Wahrnehmung sind dies fern liegende Ereignisse, nicht Folgen unseres Handelns. Die Anerkennung der derzeitig von uns praktizierten Weltökonomie - nicht durch einen Glaubensakt der Bekehrung, vielmehr durch den alltäglichen Einkauf - impliziert das, was wir als fernes Ereignis bedauernd auf den Fernsehschirmen zur Kenntnis nehmen. Die selbstverständliche Gewohnheit, den wirtschaftlichen Rahmen und die zugrunde liegenden Denkmodelle zu akzeptieren, führt aber global und ursächlich das herbei, was wir von ferne beobachten.

Das kognitive Fenster, das durch die akzeptierten ökonomischen Denkmodelle (und ihre wissenschaftlichen Begründungen) geöffnet wird, ist viel zu eng. Es verbirgt als implizite Ethik ein Handeln, das wir von in seinen Wirkungen als etwas Fremdes und Fernes bestaunen. Ethik heißt immer, Beurteilung von Handlungsresultaten oder jener Motive, die das Handeln lenken. In den Motiven wirtschaftlichen Handelns sind die Resultate des Handelns nicht enthalten, genauer: Das kleine kognitive Fenster, das unser wirtschaftliches Weltbild öffnet, blendet weite Teile dieser Resultate aus. Der Blick verengt sich auf das Nächstliegende: Das eigene Einkommen, die Börsenkurse jener Aktien, die man gekauft hat usw. Was aber für uns einfache Fakten zu sein scheinen, sind Elemente in einer globalen Verflechtung von Handlungen. Es gibt keine isolierten Fakten, es gibt nur abstrahierende, das heißt abschneidende und ausgrenzende Denkmodelle. Wer unschuldig ein Steak verzehrt und dafür mit »hart erarbeitetem Geld« bezahlt, der verzehrt indirekt Futtermittel, Getreide in einem vielfachen Umfang - Getreide, das so indirekt nachgefragt die Getreidepreise relativ auf ein Weltmarktpreisniveau anhebt, dem periodisch globaler Hunger folgt.

Je weiter wir uns in abstrakte Regionen der Wissenschaft begeben, desto weniger ist diese implizite Ethik erkannt und gedacht. Die implizite Ethik versteckt sich vor allem hinter und durch die These, Tatsachen und Werturteile seien klar zu unterscheiden. Während die Wirtschaftswissenschaften immer noch am Dogma der Trennbarkeit von Tatsachen und ethischen Werten festhalten, hat sich die analytische Philosophie - die dieses Dogma einst mit Nachdruck popularisierte -, davon längst getrennt. So sagt z.B. Hilary Putnam, der vielleicht wichtigste zeitgenössische Vertreter dieser philosophischen Strömung, »daß die Vorstellung von einem scharfen Schnitt zwischen ›Fakten‹ und ›Werten‹ grundfalsch ist.« [H. Putnam, Für eine Erneuerung der Philosophie, Stuttgart 1997, S. 173]. Das gilt für alle Wissenschaften, vor allem aber für die Ökonomie.

Wirtschaftswissenschaft ist implizite Ethik, sie beschreibt keine »objektiven« Tatsachen. Sie beschreibt und erzeugt jene »Tatsachen«, die sie als fremde bestaunt. Das trifft auch ganz unmittelbar zu: Studenten der Wirtschaftswissenschaften zeigen nach einigen Semestern in auffälliger Weise ein weitaus egoistischeres Verhalten als ihre Kommilitonen anderer Fachbereiche, wie einige Studien gezeigt haben. Es gilt aber auch dadurch, daß Ökonomen zu einem notorisch guten Gewissen beitragen, wenn sie Probleme internationaler Abhängigkeit ganz »wertneutral« als Frage der »Tauschrelationen« (terms of trade) abhandeln, in denen sich »nur« Marktprozesse abzeichnen sollen.

Daß Ökonomen jene Wirklichkeit, die sie beschreiben, mit erschaffen durch ihre Denkmodelle, vor allem dadurch, daß sie die Politik und die Öffentlichkeit in diesen Denkformen programmieren, das wird eher selten unmittelbar deutlich, wenn spürbare nachteilige Wirkungen wirtschaftspolitischen Handelns sich an öffentlich diskutierten ökonomischen Lehrmeinungen orientieren, wie jüngst die Zinspolitik der Zentralbanken im Streit mit den früheren Bundesfinanzminister oder, um ein Beispiel der jüngsten Vergangenheit aus dem privaten Sektor zu nennen, beim Zusammenbruch der Hedge-Fonds im Herbst 1998 in den USA. Viele dieser Fonds verwendeten in Computerprogrammen ein Modell, das noch ein Jahr zuvor durch den Wirtschaftsnobelpreis gekürt und von vielen Ökonomenen als »wunderbare Formel« (P. A. Samuelson) gepriesen wurde. Hier wandten Wirtschaftswissenschaftler ihre eigenen Modelle unmittelbar praktisch an, mit katastrophalen Folgen - Folgen, die durch sozialisierte Kosten die gesamte Gesellschaft tragen muß. In dieser von Black, Merton, Scholes entwickelten Formel kam die wichtigste Variable nicht vor: Jene Organisatoren der Hedge-Fonds, die eben diese Formal selbst praktisch anwandten.

Dieses Beispiel zeigt auf einen allgemeinen Sachverhalt in der Ökonomie, daß die Anwendung eines Denkmodells in der Regel ganz andere Konsequenzen hat, als innerhalb dieses Denkmodells erkannt und gesehen wird. Denkmodelle über wirtschaftliche Tatbestände sind wirksam, meist aber ganz anders, als von jenen vermutet, die sie wissenschaftliche Begründen. Die Unschuld des Kaufs und Verkaufs von Gütern hat jedoch immer viel weitreichendere Folgen als im unmittelbaren Umfeld erkannt ist oder erkannt sein kann. Das kognitive Fenster der alltäglichen wirtschaftlichen »Grundüberzeugungen« - wie

dieses kognitive Fenster ist stets eine Begrenzung der Erkenntnis. Jede Schranke aber, die praktisch wirksam wird, ist faktisch eine ethische Vorschrift. Sie aufzudecken ist die Aufgabe einer impliziten Ethik der globalen Ökonomie.

http://home.t-online.de/home/brodbeck/ethik.htm

Keine Tatsache dringt in jene Welt vor, wo der Glaube wohnt.

Paul Valéry

Mit der Dominanz der wirtschaftlichen Denkweise über alle anderen, ist es dem Neoliberalismus geglückt, Werte durch Preise zu ersetzen und seinem Ziel ein bedeutendes Stück näher zu kommen, nämlich eine Welt zu begründen, in der nicht politische Gruppen um ein Gesellschaftsmodell ringen, in der es keine Vertretung privater und gesellschaftlicher Interessen (von Umwelt nicht mal zu reden) mehr gibt, in der sich alles über Preismechanismen regeln lässt und in dem Kooperation störend (marktverzerrend) wirkt (Einen ebenso umfangreichen wie, für die Verfasser, blamablen Katalog neoliberaler Rezepte, finden Sie unter: Galileo: Und sie rotieren doch … Neo - (abernichtwirklich)liberale Strategien zur Rettung des Waldes). Dies ist eine ebenso deutliche wie, in jeder Hinsicht, beschränkte Weltanschauung, die sich nicht, wie es einer Wissenschaft angemessen wäre, darauf beschränkt, Werte allenfalls zu analysieren und zu kommentieren, sondern die Werte tatkräftig gestaltet. Präzise aus diesem Grund gehörte die Ökonomik eigentlich zu den theologischen Wissenschaften, denn sie will bestimmen, was für den Menschen gut ist. Wirtschaftssysteme, wie Geld an und für sich, sind keine gegebenen Fakten, sondern Glaubensbekenntnisse. Sie denken der spinnt, der Herzog? Sehen Sie sich die Börse oder die Devisenmärkte an. Wenn Menschen glauben, dass sich eine Entwicklung einstellt, kaufen oder verkaufen sie. Dass dieses Verhalten des Marktes nur wenig mit Rationalität und Fakten zu tun hat, hat ja insbesondere die Millenniums-Spekulationsblase gezeigt.

Das System der Wissenschaften ((1), 3. Ansatz (den zweiten finden Sie unter: He www.brainworker.ch - Was soll das? ) müsste hier erweitert werden um das Spannungsfeld Fakten <> Ziele.:

Im Spannungsfeld zwischen Fakten und Werten/Zielen sind die Naturwissenschaften kausal, nicht teleologisch. Sie erfassen also keine Ziele, sind damit aber auch für jeglichen sozialen und anwendungsorientierten Zweck unbrauchbar.

Interdisziplinarität, Multidisziplinartität, Paradisziplinarität – basieren alle auf der Priorität des Disziplinären, sind also immer noch fraktioniertes, perspektivisches und nur beschränkt gültiges Wissen. Das Zusammenfügen zu einem Ganzen führt wieder zu … Philosophie. (s. INTERDISZIPLINARITAET - TRANSDISZIPLINARITAET - PARADISZIPLINARITAET ... Warum nicht einfach Philosophie?)

Historische, Kultur- und Sprachwissenschaften haben immer häufiger ganzheitliche Ansätze, da es hier weitaus schwieriger ist, ein System, eine wissenschaftliche Disziplin, sinnvoll abzugrenzen. Sie befassen sich allerdings wenig mit Gestaltung und Anwendung, sondern mit Erkenntnis des Bestehenden und Vergangenen. Da jedoch die Gegenwart aus der Vergangenheit und die Zukunft aus der Gegenwart erwächst, verfügen sie über ein Repertoire an Werkzeugen, insbesondere Rhetorik und Topik, das für gestaltende, künstlerische, poietische Wissenschaften äusserst hilfreich ist.

Keine dieser Wissenschaften hat eigentlich ein grösseres Problem mit Werten und Zielen, da sie sich mit Fakten befassen. Ganz anders wird es bei den technischen Wissenschaften (s. Ingenieur).
Technik ist nicht nur faktisch, sondern verändert die Gegenwart und Zukunft, setzt Werte und Ziele.

Keine Wissenschaft jedoch will oder darf werten. Auch Psychologie und Soziologie, sogar Politologie, setzt auf Objektivität. Objektivität bedingt aber laut Max Weber wie Schopenhauer [Pararerga und Paralipomena: Den Intellekt betreffende Gedanken] eigentlich Desinteresse: Ein richtiges Urteil über geschehene, einrichtiges Prognostikon über kommende Dinge können wir nur dann haben, wann sie uns gar nicht angehen, also unser Interesse durchaus unberührt lassen: denn ausserdem sind wir nicht unbestochen, vielmehr ist unser Intellekt vom Willen infiziert und inquiniert, ohne dass wir es merken.

Wie also kommen Werte und Wertänderungen in die Entwicklung?
Eben gerade weil sich die Wissenschaften gegen aussen höchst vornehm als objektiv geben, fallen die früher in der Metaphysik aufgehobenen Probleme der Finalität (s. dazu das Vorwort zur Jemen-Forschung), der Ziel- und Zwecksetzung, unter den Tisch und die Ziele führen sich quasi hintenrum als Sachzwang selbst ein. Ein einmal laufendes Wirtschaftssystem muss erhalten werden, koste es (die Armen) was es wolle. Eine zur Verfügung stehende Technik muss angewendet werden, Gentechnologie z.B., weil sie wirtschaftlich einiges verspricht, während die Risiken, da eh nicht versicherbar, unter Tisch und Bank fallen.

Immer mehr ist es ein SACHZWANG, der Ziele setzt. Politikverdrossenheit ist bloss die logische Folge davon. Immer mehr ersetzt das einfache, all zu einfache, aber volkstümlich wirksame, wirtschaftliche Argument die komplexe Argumentation.

Wir haben uns erfolgreich von der Diktatur der Aristokratie sowie derer der Kirche befreit – wissen aber je länger desto weniger, wie wir zu tragbaren, konsensfähigen und nachhaltigen Zielen kommen, die gleichzeitig mehreren Ansprüchen genügen müssen, insbesondere der sozialen Gerechtigkeit, der Wirtschaftlichkeit der Menschen- und Naturfreundlichkeit.

Wurden solche Ziele früher als himmlische (transzendentale), über göttliche Eingebung oder intuitive Gnosis, von der Religion gesetzt und die irdischen von mehr oder minder feudalen Herrschern, Umweltfakten - und ebenfalls der Kirche festgelegt, so bestimmen heute, wen wundert’s, immer noch die Herren, allerdings nur noch am Rande feudal, obwohl der Besitz von Produktionsstandorten an guter Lage immer noch sehr wichtig ist, sondern per Nutzung der Marktgesetze

Hier steckt eine ganze Reihe von Problemen drin. Die Mystik wurde durch den Positivismus verächtlich gemacht, Theologie auf das private Seelengelände verwiesen und Ethik zum PR-Instrument. Nicht nur, dass uns so alle Ziele die über Gelderwerb hinausgehen abhanden gekommen sind, auch wenn wir sie hätten, so wüssten wir kaum, wie sie zu verwirklichen, denn eine komplexe Welt lässt sich nicht per Diktat lenken (womit nicht bloss dasjenige der USA gemeint ist …) sondern muss therapiert werden (s. Beratung als Systemtherapie)..

 

Weiterführende Lösungsansätze

Resultate des Werturteilsstreits

Es geht bei dem Werturteilsstreit um den Einfluss von Werten auf die wissenschaftliche Arbeit. Üben normative Vorstellungen  einen Einfluss aus auf die Begründung von Theorien? Gibt es Gründe für die Akzeptanz einer Theorie die über die Übereinstimmung zwischen Theorie und Realität hinaus gehen?

1. Jegliche wissenschaftliche Beschreibung und Erklärung von sozialen Tatbeständen ist wertend.

2. Die Beschreibung und Erklärung von Tatsachen soll objektiv, d. h. wertfrei und nachvollziehbar sein. Wissenschaftliche Aussagen über die Realität dürfen nicht durch die Wunschvorstellungen des Wissenschaftlers beeinflußt sein.

3. Ergebnisse werden zur Erreichung von Zielen verwertet, ohne dass in den Ergebnissen Hinweise stehen, wie ein bestimmtes Ergebnis zu verwerten ist.

4. Wertungen können Gegenstand der wissenschaftlichen Arbeit sein. Wertende Aussagen können allenfalls auf ihre logische Konsistenz geprüft werden.

Etwas mehr ins Detail geht DAS WERTFREIHEITSPOSTULAT von Matthias Kuchenbrod

http://people.freenet.de/matkuch1/tutwert.htm

Nach der klassischen Formulierung des Wertproblems in der Wissenschaft, die Max Weber zu Beginn unseres Jahrhunderts aufgestellt hat, impliziert eine praktische Wertung das Postulat, daß eine bestimmte Situation oder Entwicklung als wünschenswert zu erachten ist, daß sie "sein soll", da sie in dieser Form als ethisch wertvoll erscheint. Der Wissenschaft stehen aber keine konsensfähigen Wahrheitskriterien zu Gebote, auf die sich derartige Postulate stützen könnten. Die Wissenschaft kann mit ihren erprobten und anerkannten Methoden lediglich die Existenz von Tatsachen nachweisen, diese dann begrifflich ordnen und sie kausal miteinander verknüpfen. Wertungen dagegen sind letztlich eine Sache individueller Entscheidungen, die nicht in der Wissenschaft, sondern in der politischen Öffentlichkeit vertreten werden muß. Diese Sphäre besitzt ihre eigenen, minder effizienten Konsensmechanismen (argumentative bzw. rhetorische Überzeugung, Abstimmungen, Verfahrensnormen etc.).

Das Hineintragen von Werten in die Wissenschaft schadet dementsprechend beiden Sphären, der Praxis wie der Wissenschaft. Die Werte hindern die Wissenschaft daran, einen objektiven, jenseits von Interessen liegenden Standpunkt zu gewinnen und umgekehrt führt die wissenschaftliche "Absegnung" von Wertstandpunkten zu gefährlichen Illusionen über deren praktische Folgen.

Freilich bedeutet dies nicht, daß die Wissenschaft den verschiedenen Werthaltungen steril gegenüberstehen muß. Sie kann mit ihren Mitteln:

Verbindlich feststellen läßt sich nur der Unterschied zwischen Tatsachen- und Werturteilen. Die Frage, ob man sich der Werturteile enthalten soll ist dagegen ohne Rückgriff auf ethische Postulate nicht zu beantworten.

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Als praktisches Beispiel zur Entwicklung komplexer anwendungs- und umsetzungsorienterter, damit auch wertabhängiger und/oder wertsetzender Wissenschaft:

Nachhaltigkeitsforschung

Aus: Methodenfragen der Nachhaltigkeitsforschung. Normativ, integrativ, partizipativ - aber wie? Von Doris Hayn, Benjamin Nölting und Jan Peter Voß. Veröffentlicht in: Volkens, Annette et al. (Hrsg.): Orte nachhaltiger Entwicklung: Transdisziplinäre Perspektiven. Tagungsband zum Kongress 20. bis 22. Juni 2003 in Hamburg. Schriftenreihe Vereinigung für ökologische Wirtschaftsforschung. VöW . Berlin, 4-9

1. Zum Charakter der Nachhaltigkeitsforschung

Nachhaltigkeitsforschung befasst sich mit Problemen der Lebenswelt. Diese muss sie in eine wissenschaftlich bearbeitbare Form übersetzen und zugleich Wissen entwickeln, das außerhalb der Wissenschaft wirksam ist. Nachhaltigkeitsforschung bewegt sich damit an den Schnittstellen zwischen Wissenschaft, Politik, Wirtschaft und Öffentlichkeit und sitzt quasi zwischen allen Stühlen. Um ihre vielfältigen Inhalte zu verdeutlichen, ist die analytische Unterscheidung von drei Ebenen hilfreich:

Auf der normativen Ebene geht es darum, die Ziele nachhaltiger Entwicklung zu klären, den Nachhaltigkeitsdiskurs mit seinen unterschiedlichen Bewertungen empirisch zu beschreiben und zu seiner Weiterentwicklung beizutragen (Orientierungs- und Zielwissen).

Auf der analytischen Ebene werden die Beziehungen zwischen Gesellschaft und natürlicher Umwelt als Gesamtheit erfasst und ihre Entwicklungsdynamiken untersucht (Systemwissen).

Auf der operativen Ebene geht es darum, wie nachhaltige Entwicklung durch gesellschaftliches Handeln verwirklicht werden kann (Gestaltungswissen).

Wie wirken sich diese unterschiedlichen Fragestellungen auf die methodischen Zugänge und die Vorgehensweisen der Nachhaltigkeitsforschung aus? Das lässt sich unseres Erachtens thesenartig mit drei Begriffen beschreiben:

 Nachhaltigkeitsforschung ist normativ, integrativ und partizipativ.

Nachhaltigkeitsforschung bewegt sich im Rahmen der gesellschaftlichen Debatte über eine zukunftsfähige Entwicklung. Deren Ziele sind untrennbar mit Wertsetzungen verknüpft und entsprechend umstritten. Nachhaltigkeitsforschung muss aufzeigen, wie sie sich auf konkurrierende Ziele bezieht und die unterschiedlichen Interessen der beteiligten Akteure in Rechnung stellen, um Lösungsansätze zu verwirklichen. Daraus ergeben sich drei Konsequenzen:

Erstens sind Nachhaltigkeitsforscherinnen bedeutende Akteure im Prozess nachhaltiger Entwicklung mit eigenen Vorstellungen und Interessen. Damit lässt sich die „traditionelle Fiktion einer Trennung von Fakten und Werten" nur schwerlich aufrechterhalten4. Wenn Nachhaltigkeitsforschung aber weder „wertfrei" noch „demokratisch legitimiert" ist, dann müssen die Forschungsprojekte auf jeden Fall offen legen, wie sie sich auf kontrovers diskutierte Ziele nachhaltiger Entwicklung beziehen und auf welchen Bewertungen ihre Ergebnisse aufbauen.

Zweitens sind Ziele und Werte innerhalb des gesellschaftlichen Diskurses über nachhaltige Entwicklung ein Untersuchungsgegenstand der Nachhaltigkeitsforschung. Auf diese Weise gewinnt sie Wissen über Bewertungen, das mit anderen Formen empirischen Wissens über Technik, Ökologie und Gesellschaft für das Verständnis von sozial-ökologischen Transformationsprozessen zusammengeführt werden muss.

Zugleich stellen sich organisatorisch-methodische Aufgaben. Hierfür sind Integrationsmethoden notwendig, die neben kognitiven Konzepten auch Formen der sozialen Integration umfassen.

Denn eine produktive Kommunikation und Zusammenarbeit von Personen mit unterschiedlichen Interessen und aus verschiedenen Kulturen ergibt sich nicht von allein.

Nachhaltigkeitsforschung muss Zusammenhänge, die ansonsten ausgeblendet werden, bearbeiten und hierfür unterschiedliches Wissen zusammenführen.

  • Sie muss die Balance zwischen Integration und Spezialisierung bzw. Fokussierung halten.

  • Nachhaltigkeitsforschung muss Zusammenhänge, die ansonsten ausgeblendet werden, bearbeiten und hierfür unterschiedliches Wissen zusammenführen.

  • Sie braucht Methoden für die kognitive und die soziale Integration der Forschung. (= Vermittlung, Anwendung, Umsetzung, also Handlung)

  • Sie muss die Balance zwischen Integration und Spezialisierung bzw. Fokussierung halten.

Bei der Produktion von Zielwissen können durch die Einbeziehung betroffener Akteursgruppen deren unterschiedliche Bewertungen abgebildet und robuste Zieldefinitionen entwickelt werden.

Für die Produktion von Gestaltungswissen sind die Fähigkeiten, Ressourcen und die Motivation der Akteure von Bedeutung. Durch die gemeinsame Erarbeitung von zielgruppenspezifischen Problemlösungsstrategien soll die Unterstützung der maßgeblichen Praxisakteure gesichert werden. Dafür ist es wichtig, diejenigen zu beteiligen, die entsprechenden Einfluss besitzen.

Neben der Auswahl der Praxisakteure stellt sich die Herausforderung, geeignete Verfahren zu finden, in denen die heterogenen und teilweise konkurrierenden Ziele gesellschaftlicher Akteure miteinander in Beziehung gebracht werden können. So können z. B. konsensorientierte Diskurse angemessen sein, oder es genügt, gegensätzliche Werte der Akteure transparent zu machen und Lösungsalternativen nebeneinander zu stellen.

Dies repräsentiert in etwa den Standard internationaler Entwicklungsforschung (social forestry) der 90er Jahre, wie er beim Aufbau der Forstdirektion des Jemen 1988-94 angewendet wurde. [s. interdisciplinarity, extension [a locally very well adapted extension model for somaliland forestry with camel brigades!], orientation, consensus, action and many more. Insbesondere ist es erfreulich, dass seither Zielwissen, also der Unterschied zwischen kausaler und finaler Orientierung und damit auch normative Aspekte endlich Eingang gefunden haben in die wissenschaftstheorietische Diskussion. Es ist auch erfreulich dass sich was tut, auch wenn dies nicht an der ETH und noch weniger an der dortigen Abteilung für Forstwissenschaften geschieht. Auch bei ihren neuesten Entwicklungen setzt die ETH unbelehrbar auf das positivistische Wissenschaftsmodell und stellt quantitative Analysen und Modelle, zu unrecht, weit über qualitative. Bevor man jedoch was quantitativ berechnen und modellieren kann, müsste man es qualitativ verstanden haben, ein Zustand von dem wir eigentlich bei allen komplexen Systemen noch weit entfernt sind.

Während das Forschungsmodell Bura' auf die Bedeutung einer integrierten gleichzeitigen Analyse und Bearbeitung der Straten Natur(wissenschaften), Sozi-Ökonomie, Kultur(wissenschaften) und Politischer Ökonomie hinwies, geht das im folgenden kurz angetippte Kollektive Experiment doch einen deutlichen Schritt weiter

Systems, Systems Levels and for development relevant steering principles:

integrative levels: main levels: factors / main steering principles: types of systems / models:
NATURE 1 physical

water

structural - functional
2 biological
SOCIO-ECONOMICAL 3 rural economy - agriculture survival / profit functional - structural
CULTURAL 4 social - tribal meaning
POLITICAL - ECONOMICAL 5 organisational (state - business) aims prospective - operative
6 legislative ethics (traditions, norms, religion) normative

1 Description of the Case (the Pre-Knowledge of the System) & Research Design: The Bura' Research Model (established 1990!)

KOLLEKTIVES EXPERIMENT - WISSENSCHAFTSGESELLSCHAFT  

 Wissenschaft ist kein Wahrheit und Ordnung stiftendes Unternehmen mehr. Sie ist zur Forschung geworden, die untrennbar mit der Gesellschaft, ihren Ideologien und Werten verwachsen ist.

BRUNO LATOUR heureka! 4/98

Die wissenschaftliche Entwicklung in den letzten eineinhalb Jahrhunderten war atemberaubend, aber auch das Verständnis dieses Fortschritts hat sich dramatisch gewandelt. Die Kultur der "Wissenschaft" geht über in eine Kultur der "Forschung". Wissenschaft bedeutet Gewißheit, Forschung Unsicherheit. Wissenschaft gilt als kalt, klar und entrückt, Forschung ist warm, engagiert und riskant. Wissenschaft beendet Streit, Forschung erzeugt Kontroversen. Wissenschaft schafft Objektivität, indem sie sich bemüht, den Fesseln von Ideologie, Leidenschaften und Gefühlen zu entkommen; Forschung bedient sich all dessen, um ihre Untersuchungsgegenstände bekannt zu machen.
Es gibt eine Wissenschaftstheorie, aber unglücklicherweise keine Forschungstheorie. Es gibt viele Repräsentationen und Klischees, um Wissenschaft und ihre Mythen darzustellen. Im Gegensatz dazu wurde sehr wenig getan, um die Forschung zu erforschen.
Im traditionellen Modell war die Gesellschaft das Fleisch eines Pfirsichs und die Wissenschaft ihr harter Kern. Die Wissenschaft sah sich umgeben von einer Gesellschaft, der die Funktionsweise der wissenschaftlichen Methode fremd blieb: Die Gesellschaft konnte die Ergebnisse der Wissenschaft zurückweisen oder akzeptieren; sie konnte deren praktischen Konsequenzen gegenüber feindlich oder freundlich eingestellt sein. Aber es gab keine direkte Verbindung zwischen wissenschaftlichen Erkenntnissen und dem größeren Zusammenhang einer Gesellschaft. Galilei beschäftigte sich mit dem Schicksal fallender Körper in einem Palast, während in einem anderen Kardinäle und Philosophen sich mit dem Schicksal der menschlichen Seele befaßten. Der einzige Weg für die Wissenschaft, ihre Ergebnisse, ihre Ethik und ihre Methode zu verbreiten, bestand darin, so viele Mitglieder der Gesellschaft wie möglich zu erziehen. Wie anders sieht die Verbindung von Wissenschaft und Gesellschaft heutzutage aus!

Die Wissenschaft ist nicht mehr dazu da, in einer chaotischen Gesellschaft Ordnung zu stiften und deren Auseinandersetzungen zu beenden. Wissenschaft wirkt in die Gesellschaft, aber um neue, unsichere Zutaten zu all den anderen Ingredienzen hinzuzufügen, die dieses kollektive Experiment ausmachen.

Anforderungen an gelungene Nachhaltigkeitsforschung

  1. Wichtige Kriterien bzw. Standards für Nachhaltigkeitsforschung
    • Klare Problemdefinitionen erarbeiten und dynamische Problementwicklung berücksichtigen, wobei auch Grenzen des Gegenstandsbereiches definiert werden sollen. 
    • Akteursanalysen vornehmen. 
    • Mehrdimensionalität erreichen. 
    • Koordination und Kooperation: Frühzeitig eigene Ergebnisse "verwandten" Forschungsprojekten/Instituten bzw. Anwendern/stake-holdern präsentieren und erhaltene Hinweise einarbeiten.
    • Kollegiale Selbstevaluation im Team (mit eigenvereinbarten Maßstäben) vorsehen.
    • Das Projektmanagement soll berücksichtigen bzw. sicherstellen: Interdisziplinäre Teamzusammensetzung, interne Evaluierung, Abschneidekriterien zur akademischen Forschung, eine Phase für Qualitätssicherung, Schlußkolloquium mit Integration der regionalen Akteure, Öffentlichkeit etc.
  2. Nachhaltigkeitsforschung kann anhand von vier Ebenen charakterisiert werden und soll die folgenden Eigenschaften aufweisen. Sie soll sein:

(1) Wissenschaftliche Ergebnisqualität (integrativ, transparent dokumentierend, hypothesengenerierend, an Langfrist-Perspektive orientiert). 

(2) Wissenschaftliche Prozeßqualität (interdisziplinär konvergenzfördernd, diskursfähig und diskursfördernd, wechselseitig, d. h. auch von Praxispartnern lernend, kommunikationsfördernd, selbstrefelexiv, zielanpassungsfähig).

(3) Praktische Prozeßqualität (informations- und kommunikationsfähig, akteursorientiert, nachfrageorientiert, nach Akteursgruppen differenzierend).

(4) Praktische Ergebnisqualität (impulsstiftend, zukunftsgerichtet aber handhabbar, auf institutionelle Reformen gerichtet, gesellschaftsbezogen, diffusionsfördernd).

http://www.nachhaltig.org/quer/tagungen/wsdata/anfordws2.htm

Fassen wir diese unterschiedlichen Ansätze zusammen, so wird klar, dass unsere Probleme, zu deren Lösung die Wissenschaft ja eigentlich da ist, viel mehr des Dialogs, der Kommunikation und des Konsenses bedürfen als des Messens. Unsere Probleme sind weniger Probleme des Erkennens als Probleme des Optimierens. Hier stecken wir mit unserem Wirtschaftssystem, dass ja über das politische wie das Bildungssystem dominiert, in einem Dilemma. Wer versteht denn die integrale Komplexität unserer Gesellschaft, Wirtschaft und Umwelt überhaupt? Wer soll der Allgemeinheit, die ja, insbesondere als Konsument, überall Entscheidungsträger ist, die komplexen Probleme verklackern? Wer soll professionelle Denker und "Schwätzer" (Diskursförderer, zu denen ich mich wohl auch zählen muss, kann oder darf) bezahlen? Wie sollen sie bezahlt werden, ohne dass durch die Bezahlung das Resultat bereits gekauft wird (auch ein akutes, aber kaum je offen diskutiertes Problem der Wissenschaft, ein Problem, das Resultate aus Think Tanks zum Vornherein zu Ideologie macht). Der Markt, wie er von Neo_Liberaler Seite als Problemlöser so gelobt wird, führt eben diesen Dialog nicht, er optimiert bloss nach Preisen und betrachtet politischen Dialog geradezu als wirtschaftsschädigend.

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Links:

Martin Herzog, Rheinfelden, 19. Juni 2004


Ergänzungen 28. Februar 2006

Problemfall Schweiz - Die Rückkehr des MGU (Mensch-Gesellschaft-Umwelt) zur reinen Wissenschaft:

Woran es heute fehlt, ist nicht der geniale neue Einfall oder gar das avantgardistische Experiment - davon haben wir eher zu viel - sondern die Disziplin des Denkens und des Redens, die uns endlich ermöglichen würde, unsere hoffnungslos gegeneinander aufgefahrenen Standpunkte und Meinungen abzubauen und, in aller Ruhe sozusagen, miteinander, in vernünftigem Gespräch, einen neuen Anfang zu machen.

Wilhelm Kamlah & Paul Lorenzen

Diese Art kommunikativer-anwendungsorientierter, gesellschaftsgestaltender Forschung fehlt in der Schweiz immer noch weitgehend. Es wird zwar nach wie vor das MGU (Mensch-Gesellschaft-Umwelt) der Uni Basel dafür gehalten und gelobt, aber seitdem diese Institution 2003 nicht mehr als Stiftung betrieben wird sondern and die Universität Basel überging, verlor sie auch ihr ursprüngliches Ziel aus den Augen:

Wunsch:

 Prof. Jenni formulierte noch 2001 die Aufgabe von MGU als:

Eine der zentralen Aufgaben des Stiftungsprogramms ist die  Entwicklung und Realisierung eines tragfähigen Modells für  transdisziplinäre Forschung zur nachhaltigen Entwicklung in der  Region - ein spannender Prozess mit etlichen Besonderheiten.  Transdisziplinarität zeichnet sich hier dadurch aus, dass die  Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Gesellschaft verbunden mit  einem Umsetzungsauftrag für die Resultate ein zentrales Kriterium  für die Forschungsprojekte darstellt. Dies verlangt, dass die für  die Themenbearbeitung im Bereich MGU benötigte interdisziplinäre,  innerwissenschaftliche Kooperation zwischen Disziplinen mit  ausserwissenschaftlichen Partnerinnen und Partnern eine  "Doppelträgerschaft" für ein Projekt bildet. Weiter kommt dazu, dass  MGU-Forschungsprojekte eine ausserwissenschaftliche Problemstellung  als ihren Ausgangspunkt haben und die auf Lösungsvorschläge  ausgerichtete Leitfrage des Forschungsprojekts von allen am Projekt  Mitbeteiligten gemeinsam formuliert werden.

http://www.ngib.ch/archiv/winter%200102/view

MGU Sustainability Studies heute:

Im Rahmen des Programmes MGU erhalten Studierende die Möglichkeit, Kenntnisse über ökologische ebenso wie umweltrechtliche, umweltökonomische, -soziologische und -psychologische Zusammenhänge zu erwerben. Sie können weiter Einblick in historische, ethische, wissenschaftsphilosophische und erkenntnistheoretische Aspekte der Sustainability-Thematik erhalten. Schliesslich werden auch Chancen und Risiken des Einsatzes von Technologien in diesem Bereich thematisiert. Diese heterogenen thematischen Gebiete werden in den MGU Sustainability Studies zu einem inter- und transdisziplinären Lehrangebot zusammengefügt. MGU legt zudem Wert auf die Vermittlung von Schlüsselkompetenzen für komplexe Kooperationen. Teamentwicklung, Projektmanagement, Kommunikation und Präsentationstechniken sind feste Teile des MGU-Curriculums.

Gemessen an dem was MGU auf dem Internet zeigt, offensichtlich ein Anspruch, dem das Institut nicht gewachsen ist. Auf der Website immer noch Call for Papers von 2001: http://www.programm-mgu.ch/de/home/Forschung/resinfo.html und zeigt seit 2003 einen ziemlichen Stillstand.

 

Memorandum "Hochschule neu Denken" der Gruppe 2004:

Fremdsteuerung durch Hochschulentwicklungs-, Evaluations- und Akkreditierungsagenturen: An dieser Situation ist die Hochschule nicht schuldlos. Sie hat sich dem Diktat der Ökonomisierung unterworfen, obwohl sie kein Unternehmen ist. Sie verleugnet ihr eigenes Profil und lässt sich an Harvard und MIT messen, obwohl doch die Masse der US-Universitäten keineswegs Klasse ist. Das sind Symptome für den dramatischen Selbstverlust der deutschen Hochschule.

 An jüngsten Beispielen fehlt es nicht: Eilfertig springt sie auf den Elitezug auf, obwohl sie weiß, dass dieser Zug sein Ziel nicht erreichen wird, und sie verstümmelt sich selbst, indem sie ihre geistes- und sozialwissenschaftlichen Standbeine amputiert.

Dies ist auch eine äusserst akute Bedrohung der Forschungskultur an der ETH. Der Artikel macht, als grosse Ausnahme vom Mainstream, auch mal darauf aufmerksam, dass Spitzenforschung und Spitzenbildung nicht nur Spitzenstudenten, sondern auch Spitzenprofessoren erfordern würde. Wie der Zustand ist  ... da fragen sie mal die Studenten ...

Benötigt wird ein neues ökonomisches und soziales Wissen, um die global vernetzte Wirtschaft und deren Krisendynamik zu begreifen und um deren ökologische und soziale Folgeprobleme eindämmen zu können. Benötigt wird aber auch ein neues ökologisches Wissen, um die Beziehungen zwischen gesellschaftlichen Veränderungen und ökologischen Gefährdungen auf globaler, regionaler und lokaler Ebene erfassen zu können – und um verlässliche Pfade einer nachhaltigen Entwicklung zu erkunden.

Benötigt wird schließlich ein neues Wissen über das Wissen, um in der allgemeinen Informationsflut überhaupt urteils- und handlungsfähig zu bleiben. Dieses Metawissen umfasst auch das Wissen um Geltungsgrenzen des Wissens und um die aus der Unsicherheit und Unvollständigkeit des Wissens zwangsläufig resultierenden Risiken des Handelns.

Hier besteht die alte, aber heute besonders dringliche Herausforderung, die Geistes-, Sozial und Verhaltenswissenschaften mit den Natur- und Technikwissenschaften wieder zu verbinden, statt sie, wie es gegenwärtig geschieht, gänzlich auseinanderzudividieren. Die Integration ist die Voraussetzung dafür, aus der bisher vorherrschenden Multi- und günstigenfalls Interdisziplinarität eine transdisziplinäre, problemorientierte Mensch-Umwelt-Wissenschaft werden zu lassen. Eine solche Wissenschaft muss in der Lage sein, die Gefährdung der Lebensgrundlagen für den Menschen und seine Mitwelt nicht nur als Problem zu erkennen und zu analysieren; sie müsste auch geeignete Sanierungskonzepte und Zukunftsperspektiven bereitstellen können. Dazu wird sie in stärkerem Maße als bisher verschiedene Wissenstypen (insbesondere Erklärungs-, Handlungs- und Orientierungswissen) kombinieren und diese gesellschaftlich und politisch nutzbar machen müssen.

http://www.uni-lueneburg.de/gruppe2004/

So weit so gut. Aber suchen Sie nun mal im Internet nach einer Definition des Orientierungswissens. Da können Sie alt werden, bis, wenn überhaupt, sie auf die MGU stossen.

 

Wirklichkeit:

Der äusserst interessante Ansatz der Basler Denkanstösse ging offensichtlich verloren und das Programm wurde reduziert auf systemorientierte Naturwissenschaften. Was in den nächsten 3 Jahren laufen wird zeigt sich ganz klar anhand der offenen Stellen:

Na ja, vielleicht orientiert sich das MGU am Menschenfischer und versucht erst mal mit den Fischen zu reden ...  Ansonsten kann hier nicht im geringsten von Kommunikationsförderung und Impulsstiftung gesprochen werden. Handlungs- und Orientierungswissen kommt in der heutigen MGU nicht mal an Rande vor.

 

"Alternativen":