Diagnose -Design - Systemtherapie                                 

Planung und Management zwischen Sein und Sollen

  1. Wissenschaft analysiert das Sein - sie prophezeit kein Sollen
  2. Phronesis/Prudentia: Die praktische Weisheit bedachten und überlegten Handelns
  3. Die Theorie praktischer Weisheit: Die Wertphilosophie
  4. Planung als Diagnose und Design

Es geht also bei keiner der drei Bezeichnungen um wertfreie Erkenntnis, sondern um werterhaltende und wertschaffende Kunst und Technik. Auch wenn die Forstwissenschaften wissenschaftlich, also von Wertungen frei, betrieben werden können, die Praktiker können nicht handeln, ja nicht mal planen, ohne dauernd zu werten.

Die fehlende Klarheit des Begriffs Wissenschaften wie Management bringt uns auf ein zweites fundamentales Problem der forstlichen Bewirtschaftung. In den letzten Dekaden des vergangenen Jahrhunderts hat sich die positivistische Wissenschaftsbegriff noch die letzten, die Forstwirtschafter und Forstingenieure aufs Korn genommen, und als so genannte Forstwissenschaften klassifiziert. Aus lauter Euphorie über die Vortrefflichkeit und öffentliche Anerkennung der Wissenschaften wurde vergessen, dass Forstingenieure wie Forstwirtschafter in erster Linie ein Werk zu schaffen und zu unterhalten haben, also Praktiker sind.

 

1 Wissenschaft analysiert das Sein - sie prophezeit kein Sollen

Definition Positivismus:

Positivismus geht vom Gegebenen, Tatsächlichen, Sicheren, Zweifellosen aus, vom Positiven. Die Forschung beschränkt sich auf Gebiete und Fragen, zu denen sichere und prüfbare Antworten möglich sind, entspricht also voll dem Weltbild der Naturwissenschaften. So lehnt Positivismus nicht nur Idealismus und Spiritualismus, sondern auch Rationalismus ab und beschränkt sich auf reinsten Materialismus und Mechanismus (ist also weitaus weniger positiv als es der Begriff nahelegt).

Im religiösen Bereich bezeichnet Positivismus den Standpunkt der reinen geoffenbarten Religion, im Gegensatz zur Vernunftreligion der Rationalisten.

Der Positivismus ist dem Begriff und der Sache nach keine eindeutig bestimmbare Erscheinung neuzeitlicher Philosophie- und Wissenschaftsgeschichte.  [Historisches Wörterbuch der Philosophie].

Comte: Theologie und Metaphysik sind im Zeitalter des "positiven Geistes" als Theorien minderer Erklärungskraft überholt und haben nur noch historische Bedeutung. Klassische Erkenntnistheorie im Sinne einer Selbstreflexion des erkennenden Subjekts wird abgelöst durch eine Methodologie der Wissenschaften, als deren Sinnkriterium der technische-wissenschaftliche Fortschritt fungiert. Nicht Ursachen und Wesen beobachtbarer Phänomene, sondern ihre gesetzmässigen Zusammenhänge werden untersucht.

Vertreter des älteren, des logischen Positivismus sind in erster Linie Comte und Mach, aufbauend auf Bacon, Berkeley, Mill, Spencer, Hume und D'Alembert. Vertreter des logischen, oder Neopositivismus ist der Wiener Kreis (Wiener Schule) mit Carnap, Gödel, Wittgenstein ...

Jede Wissenschaft, sofern sie auf wirkliche Erkenntnis aus ist, hat sich an den Ergebnissen und Methoden der exakten Naturwissenschaften zu orientieren. Jede echte Erkenntnis muss prinzipiell intersubjektiv nachprüfbar und in einer Begriffsprache formuliert sein, die intersubjektiv auch verständlich ist. Wirklichkeitserkenntnis durch reines Denken ist unmöglich.

Alle unsere Erkenntnisse müssen sich als Instrument der Prognose von Tatsachen und als Mittel zur Maximierung menschlicher Verfügungsgewalt über Natur und Gesellschaft bewähren.

Eine nach Gegenstand und Methode prinzipielle Unterscheidung von Geistes- und Naturwissenschaften ist unbegründet.

Horkheimers Antwort: Positivismus ist philosophische Technokratie.

Positivismus zielt also eindeutig auf die Beherrschung von Natur und Mensch durch Wissen - und provozierte damit die liberale Postmoderne. Die Kritik am Positivismus beinhaltete vor allem, dass er das Rationale zu stark betont bis hin zu Despotismus, Servilismus, Illiberalismus, Irrationalismus, Supranaturalismus.

Die Wertediskussion (Werte gehören nicht zum Katalog des Sicheren und Gegebenen) in den Wissenschaften wurde von Max Weber angerissen und erlebte im Positivismusstreit der 60er ein Comeback.

Die  Kritik am Positivismus häufte sich,  aber die Gegenkräfte blieben Aussenseiter, wie Feyerabend (Wissenschaftsphilosophie) und Steiner (Humanökologie) und sie blieben oft genau so exklusiv wie die Positivisten mit ihrer, durch die Methode definierten Wissenschaften. Beispiel:  Humanökologie als ausschliessliches Arbeitsgebiet der Geographen. Es steht zu vermuten, dass die heute abtretende Generation von Professoren durch diesen Positivismus geprägt wurden, sei es direkt oder durch ihre Lehrer.

Durch diese Überbewertung abstrakter Wissenschaftlichkeit verpassen werkorientierte Experten ihr Ziel immer häufiger. Es ist höchste Zeit, mit einigen Irrtümern auzuräumen, die sich im Wissenschaftsbetrieb breit gemacht haben. Dies um so mehr, als Ernest Renan, der erst in L'avenir de la science ... "eine Bekenntnisschrift formuliert hatte, in der er die Wissenschaft zur Religion erhob, weil ihr Fortschritt zur vollständigen Kontrolle über die Erde, sogar über das Universum, zur Auflösung der Politik in die rationalen Entscheidungen der Fachleute und damit, wie er sagte, zur endgültigen Herrschaft des Geistes führen werde" - dies bereits 1892 widerrief!

Die Grundaussage Max Webers [folgende Zitate aus Max Weber: Wissenschaft als Beruf. Philip Reclam jun. Stuttgart. 1995] war nämlich nicht, dass wissenschaftlich ausgebildete um Wertungen einen hohen Bogen machen müssen. Die Aussage Max Webers war nicht, dass Wissenschaften sich nicht mit Werten und Wertungen befassen können und sollen. Die Aussage Max Webers war nicht, dass Wissenschaftler nicht werten dürfen und sollen. Die Aussage Max Webers war: Werte sollen nicht vom Katheder gelehrt werden! Wozu man nur JA sagen kann, drei mal ja, denn Wertungen sind Probleme der Wertphilosophie, nicht der Wissenschaften!

Webers bekannte Forderung der Wertfreiheit der Wissenschaft, also das Gebot, praktischen Wertungen nicht den Mantel der wissenschaftlichen Beweisbarkeit umzuhängen.

Dies liegt nicht nur an den akademischen Lehrern allein. Weber stellte bereits fest, es sei ein Irrtum der Jugend, in die Vorlesung zu kommen um etwas anderes zu erleben als nur Analysen und Tatsachenfeststellungen: "Der Irrtum ist der, dass sie in dem Professor etwas anderes suchen als ihnen dort gegenübersteht, - einen Führer und nicht: einen Lehrer. Aber nur als Lehrer sind wir auf das Katheder gestellt." [p 35]

Aufgabe der akademischen Lehre ist die Vermittlung von:
1 Kenntnissen über die Technik, wie man das Leben, die äusseren Dinge sowohl wie das Handeln der Menschen, durch Berechung beherrscht
2 Methoden des Denkens, das Handwerkszeug und die Schulung dazu.
3 Klarheit

Allerdings erlangte diese, von Metaphysik gereinigte Lehre (Leere wäre in dem Falle eben so richtig), bald selbst fundamentalistisch-religiöse Züge, denn sie nährte den Glauben (s. insbesondere Ernst Mach als prägnantes Beispiel: Erkenntnis und Irrtum. Skizzen zur Psychologie der Forschung. Ambrosius Barth. Leipzig 1906), mit wissenschaftlicher Methodik und Rationalität die Gesellschaft und deren Zukunft objektiv lenken zu können. Aber auch sie stellte den Menschen eine einheitliche, bewusste Lebensführung in Aussicht, freilich mit anderen Mitteln. Denn sie versprach, die Menschen in dem Masse zur Klarheit und Gewissheit zu führen, wie sie die wahre Ordnung der Welt entdecken werde. Damit war der Fortschritt der Wissenschaft zur sittlichen Aufgabe der innerweltlichen Erlösung der Menschheit geworden, die Arbeit des Wissenschaftlers somit zum Dienst an diesem Werk und die Teilnahme der Bürger am Fortschritt der Erkenntnis der Weg zum eigenen Leben in Klarheit und Wahrheit. [p 55] Dabei hatte sie aber den wichtigsten Faktor individueller und gesellschaftlicher Entwicklung vergessen, die Motivation, den Antrieb zur Handlung, sowie Ethik und Weisheit, die Orientierung der Handlung an Werten.

Tolstoi: "Wer beantwortet, da es die Wissenschaft nicht tut, die Frage: was sollen wir denn tun? und: wie sollen wir unser Leben einrichten? ... Nur ein Prophet oder ein Heiland.  Sie (die Wissenschaft) ist sinnlos, weil sie auf die allein für uns wichtige Frage: "Was sollen wir tun? Wie sollen wir leben? keine Antwort gibt." [p. 25:]

Die Neuzeit hat sich im Verlass auf die Wissenschaft entfaltet, von der man Antwort auf alle Kulturfragen und Auskunft über die Werte erwartete, also in Deutschland Bildung durch Wissenschaft. Der fällige Abschied von dieser Illusion ist deshalb nicht nur ein innerwissenschaftliches Ergebnis, sondern ein Kulturproblem. Denn die Entzauberung der Welt lässt die Menschen schutzlos im Kampf der Ordnungen und Werte, zwischen denen die Wissenschaft nicht entscheiden kann. Die schiebt uns die Frage zu, woran wir und woran unser Handeln noch Halt finden kann. Darauf antwortet der Vortrag in einem so mächtigen wie schwierigen Schluss.
Das Leihwort heisst Selbstbesinnung und mündet in die Forderung, sich selbst Rechenschaft zu geben über den letzten Sinn seines eigenen Tuns. [
p 72-3: ]

Bereits Weber hatte sich gefragt, wie die Wissenschaft der Öffentlichkeit noch zur Klarheit helfen könne, wo sie dieser Öffentlichkeit doch nur die endlose Beliebigkeit ihrer Perspektiven vorführe? Offenbar ist die Wissenschaft in den Zustand geraten, wo sie mehr produziert als sie selbst verarbeiten kann, und die Verarbeitung  ihren Hörern und Lesern und der Öffentlichkeit aufbürdet.  [nach p 76:]
...
Im Zeitalter der Massenmedien ist die Eitelkeit geradezu in den wissenschaftlichen Betrieb eingebaut, und im Fernsehen muss der Wissenschaftler ja fast als Impresario auftreten. Im Terminkalender fehlt die Zeit zur Besinnung, ... Die Massenforschung, unter Zeit- und Gelddruck, hat gar keine Möglichkeit mehr, Irrtümern und Irrwegen nachzugehen und sie zuzugeben.

Verwissenschaftlichung, parallel zur Individualisierung in der Masse, führte in eine moralische Krise. Werthaltungen wurden unwissenschaftlich und zudem, in bester liberaler Manier, privatisiert. Ethisches Denken, ethische Argumentation verlor ihre Legitimität, oder, noch schlimmer, wurde zum Marketingfaktor. Rationalismus und Wissenschaften haben jedoch nichts geliefert, was ethische Systeme auch nur ansatzweise ersetzen könnte.

Als Antwort auf die Entwertung, äh, tja, na na ... Befreiung der Wissenschaften von Werturteilen ... fiel weder Weber noch seinen Nachfolgern mehr ein, als die Verantwortung für ethische Belange auf das eigenen Werte des Individuums zu verlagern. In der entzauberten Welt ist sie nur noch durch Besinnung auf die letzten eigenen Werte möglich, entsprechend schwierig, aber nötig, wenn, wie Weber schreibt, das Leben "nicht wie ein Naturereignis dahingleiten, sondern bewusst geführt werden soll".

 Damit schiebt Weber dem Wissenschaftler ein sittliches Gebot zu. Denn zur geforderten Klarheit kann er nur helfen, wenn er sie selbst besitzt. D.h., wenn er seine Wissenschaft nicht nur nach ihren Methoden richtig betreibt, sondern sich selbst zur Herausforderung für die Rechenschaft über den Sinn seines eigenen Tuns werden lässt. Das aber ist, wie Weber unter anderem feststellt, nur möglich, wenn die Philosophie in der Wissenschaft im Spiel bleibt, und die Einzeldisziplinen die dem Wesen nach philosophische Erörterung ihrer prinzipiellen Probleme nicht umgeht. [p 74:]

Weber hat also nicht die Metaphysik durch Wissenschaften ersetzt, sondern ihre Methoden und Arbeitsgebiete getrennt. Wissenschaft ist ein fachlich betriebener Beruf im Dienste der Selbstbesinnung und der Erkenntnis tatsächlicher Zusammenhänge - nicht Heilsgüter und Offenbarung spendende Gnadengabe. Wissenschaftler sind keine Propheten [p 40:] Dass die ETH sich in ihrer Jubiläumsbroschüre ... na ja, 530 Seiten, also -buch, als "Zukunftsmaschine" bezeichnet, ist ein Witz."Zukunftsmaschine" ist eh ein Unwort, und gleich doppelt unsinnig, wenn sie für die rein technische Forschung der ETH angewendet wird.

Falls Sie vor lauter Rhetorik den Einstieg bereits wieder vergessen haben: Weber hat nur gesagt - Wissenschaftler sind keine Propheten. Dies waren erst die positivistischen Wissenschaftsfundamentalisten, die Szientisten. Er hat nicht gesagt, Propheten und Heilsprediger wären dank der Wissenschaften überflüssig! Sie denken doch? Gut. Dann ersetzen Sie doch mal Propheten durch Wirtschaftsexperten und Heilsprediger durch Werbefachleute. ... Wie sieht die Sache jetzt aus? Predigen die Ökonomen nicht seit dem Niedergang der UDSSR die Wohltaten des freien Marktes ... die dann, nach vorübergehenden harten Zeiten mal kommen werden - also genau so, wie die Marxisten es ihren Arbeitern gepredigt haben? Halten sie uns nicht andauernd dazu an, das Gemeinschaftliche zu vergessen und voll auf privaten Eigennutz zu setzen? Sind Ökonomen also Wissenschaftler oder Propheten?

 

2 Phronesis/Prudentia: Die praktische Weisheit bedachten und überlegten Handelns

Wisset, ein erhabner Sinn

Legt das Grosse in das Leben

Und er sucht es nicht darin.

Friedrich Schiller: Die Huldigung der Künste

Aristoteles identifizierte drei intellektuelle Werthaltungen (denn auch Positivismus ist bereits eine Wertung!):

Phronesis lässt sich definieren als: Bedachtheit, Besonnenheit, praktische Weisheit. Phronesis ist das, wonach der Philosoph strebt, das was er liebt, also in gewisser Weise ein Synonym für Sophia (Weisheit), in ihrer irdisch-realistischen Form als sorgfältige Überlegung und Betrachtung von Tatbeständen und Handlungsabsichten. Ohne Phronesis ist Wissen nutzlos, erst diese macht Wissen anwendbar. Als Verb verwendet, phronein, steht es quasi synonym für Denken, allerdings für ein Denken, dass für gute und praktische Zwecke verwendet wird. Ein Denken, das für schurkische Zwecke angewandt wird heisst panurgia. Aber nicht nur diese, sondern auch Dummheit, Torheit, Geistlosigkeit, und das Nichtwissen, die Unkenntnis, stehen der Phronesis im Wege, die ein Streben nach dem richtigen Ziele bedeutet. Die Fähigkeit, jedes gegebene Ziel, unabhängig von seiner Richtigkeit zu erreichen, ist blosse "Cleverness". [Aristoteles]

Phronesis ist bedachtes und realistisches Handlungspotential mit Zielen, die für Menschen gut sind. [Nikomachische Ethik]. Phronesis als praktische Weisheit beinhaltet Urteilsfindung, Verstehen und Begreifen, muss aber in Handlung münden.

Aristoteles zeigte auch die nahe Verwandtschaft zwischen politischer Weisheit und Phronesis. Beide zielen auf das Gute, politische Weisheit auf das Gute für die Gemeinschaft, Phronesis auf das Gute für das Individuum. Man könnte politische Weisheit (die eh schwer zu finden ist) auch als erweiterte Phronesis betrachten, als Wissen über die Führung von Gemeinschaften, über die erfolgreiche Lenkung menschlicher Entwicklung.

Die drei Hauptcharakteristiken von Phronesis sind:

  1. Die Fähigkeit zu darüber zu urteilen, was in einer bestimmten Situation moralisch nötig ist
  2. Phronesis übernimmt keine universelle Rolle der Verhaltenssteuerung [ > Dies bleibt Aufgabe der Ethik - womit die Wertfreiheit der Wissenschaft ausreichend gewahrt bleibt.]
  3. Phronesis wird durch andauernde Praxis und Erfahrung erlangt.

http://ccat.sas.upenn.edu/bmcr/1999/1999-03-15.html

Phronesis ist also präzise das, was Weber als Ergänzung zu den Wissenschaften gefordert hat: Persönliche Wertung und Verantwortung bei Handlung. Phronesis ist situationsbezogen. Da Phronesis weder eine Wissenschaft der Werte ist, noch Theologie, muss sie auf bestehende Wertebestände zurückgreifen können, also auf Ethik oder Religion. Ohne Bindung an ein transzendentales Paket moralischer Werte, wird auch Phronesis zu nicht viel mehr als Schlauheit und Gerissenheit im Erreichen von Zielen. Wahres Wissen ist Wissen, das zu Handlung führt, Handlung die das gemeinsame Gute fördert. Dieses Wissen heisst Phronesis, es ist das Wissen von Werten. Werte lassen sich jedoch nicht in einem technischen Training vermitteln. Sie entstehen aus Kontemplation oder gar Gnosis. Doch hier nun, mit einem Zielpublikum von Ingenieuren, noch auf die 3. Erkenntnisart nebst Logik  und Philosophie (früher Philosophie, Theologie und Gnosis), die Gnosis, einzugehen, wäre wohl im Moment etwas zu viel. (Mehr dazu unter 3.6 Orientational Knowledge - the Need for a Science that Accepts Transcendental Questions and Answers (ETHICS)

Phronesis ist im übrigen nicht nur eine Angelegenheit spinnerter Wissenschaftstheoretiker und Philosophen, sondern mit Grundlage der Demokratie. Demokratieermöglichende Haltungen und Tugenden wie Toleranz, Friedensliebe, Gerechtigkeit, Verantwortlichkeit, Klugheit etc. sind nicht verordnenbar. Sie müssen eingeübt und gelebt werden und brauchen dafür Traditionen und Institutionen als Räume der Wertvermittlung. Das daraus entstehende Ethos der Demokratie verdankt seine Realisierbarkeit und Beständigkeit folglich nicht nur dem realen Wertverhalten seiner Bürger, sondern auch institutionellen Stabilisierungs- und Realisationsformen, die Werte wachhalten und fördern und in der Lage sind, Wertorientierung in sich historisch und kulturell wandelnde Bedürfnisstrukturen zu implementieren (intermediäre Institutionen: Verfassungen, Kirchen, Verbände, Familie, Bildungs- und Erziehungssysteme, Parteien etc.). Trotz der Orientierung an gemeinsamen Werten bleibt die genaue Bestimmung wie deren Einordnung in eine Wertehierarchie zumeist Gegenstand des politischen Diskurses und führt daher nicht von selbst schon zu konsensfähigen konkret-situativen Handlungsstrategien.

 [Werte/Wertediskussion von Armin G. Wildfeuer]

Zur Praxis praktischer Weisheit

Es wird seit über 20 Jahren argumentiert, rationale Wissenschaftlichkeit und Technik seinen schlecht für die Demokratie, denn sie empfehlen Lösungen die, als wissenschaftliche Wahrheiten ausgezeichnet, nicht politisch demokratisch diskutiert werden. Wissenschaftliche Autorität umgeht oft die Akzeptanzbildung über politische Verfahren (oder sie versucht es zumindest, s. Gentechnologie) . Experten behaupten, zum öffentlichen Handeln legitimiert zu sein, weil sie diejenigen sind, die wissen. Um von dieser Expertokratie weg zu kommen, wird ebenfalls die Phronesis herangezogen, denn was Handeln betrifft, sind wissenschaftliche Resultate nur Argumente, die gleichwertig mit moralischen, finanziellen, persönlichen, umweltschützerischen etc. im Wettbewerb stehen. (s. komplexe Argumentation).

Die Griechenhaben mit der Episteme die Grundlage aller Wissenschaften geschaffen, indem sie den Begriff, als Mittel wissenschaftlichen Erkennens klar fassten. Das war das ungeheure Erlebnis, das den Schülern des Sokrates aufging. Und daraus schien zu folgen, dass, wenn man nur den rechten Begriff des Schönen, des Guten, oder auch etwa der Tapferkeit, der Seele - und was es sei - gefunden habe, dass man dann auch ihr wahres Sein erfassen könne, und das wieder schien den Weg an die Hand zu geben, zu wissen und zu lehren: wie man im Leben, vor allem: als Staatsbürger, richtig handle. Denn auf diese Frage kam den durch und durch politisch denkenden Hellenen alles an. Deshalb betrieb man Wissenschaft. [p 21-22:] Die Wissenschaft der Griechen, der Araber und des Mittelalters war eine Wissenschaft die in erster Linie nach Orientierungs- und Handlungswissen suchte, nicht nach abstrakten Gesetzen.

Als die ständigen Fortschritte der Natur- und Geisteswissenschaften, der Medizin und der Technik durch gesellschaftliche Arbeit genutzt und verbreitet wurden; verstärkte sich dieser Glaube an die Verheissung der Wissenschaft alsbald zur Gewissheit ... Weil man glaubte, die Vernunft sei in der modernen Wissenschaft endlich zu sich selbst gekommen, sah man in Europa auf dem sicheren Weg zu einer Kultur, die sich selber begründen und rechtfertigen können. In Staat, Recht, Wirtschaft und Technik glaubt man bereits solche überzeugenden und gültigen Institutionen geschaffen zu haben."

Es genügt für einen guten Techniker nicht, ein guter Techniker zu sein."

Ortega y Gasset 1949

Technikwissenschaften sind Wissenschaften von der Gestaltung von Technik. Sie stellen ein praktisches Wissen und die erforderlichen Bestandteile des Könnens bereit. Insofern seit einigen Jahrzehnten – z.B. im Kontext der Diskussion um die VDI-Richtlinie zur Technikbewertung – gefordert wird, dass die Technikwissenschaften sich stärker auch auf außertechnische Anforderungen und Erwartungen einlassen sollen, stellt sich die Frage, welche Implikationen und Folgen ein solches erweitertes Verständnis von Technikgestaltung für die Technikwissenschaften hat. Insofern es nicht mehr nur darum geht, technisches Wissen und Können bereitzustellen, sondern um die explizite Verbindung technischen Wissens mit gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Werten, hat dies Auswirkungen auf das Selbstverständnis der Technikwissenschaften. Zum einen ist eine diskursive Öffnung der Technikwissenschaften gegenüber der gesellschaftlichen Technikdiskussion (Werte, Nebenfolgen, Nachhaltigkeit etc.) erforderlich; zum anderen sind erweiterte Bestände an Wissen und Orientierung in die technikwissenschaftliche Arbeit einzubeziehen.

Oekonomismus:

Unser ökonomisch bestimmtes Zeitalter, egal ob links oder rechts, meint: Der Wert ist eine Bestimmung der Ware, ohne Waren gibt es auch keinen Wert -

So zeigt der Positivismusstreit zu Beginn wie in den 60er Jahren des 20 JH., dass diese Definition eindeutig zu kurz greift:

Das Wohlergehen einer Gesellschaft kann aber nicht nur durch individuelles Gewinnstreben erreicht werden.

Werturteile entspringen subjektiver Wertschätzung, Idealen. Ökonomie ist also keine ethische Wissenschaft, wenn überhaupt eine.

Letzteres ist übrigens nicht bloss eine Vermutung von linksaussen, sondern wurde durch eine in Nature publizierte Studie aus den USA belegt. Die überbezahlten Wertschriftenhändler erzielen nämlich mit ihren Analysen präzise die selben (oft sogar schlechtere) Resultate, als z.B. Affen die Aktien mit Wurfpfeilen auslesen, oder eine Wahl von Kaufen und Verkaufen auf rein zufälliger Basis. Börse = Glücksspiel, wissenschaftlich bewiesen! Wenn aus Gründen der Kurspflege also Entlassungen stattfinden, verlieren Menschen ihren Unterhalt nicht auf Grund der in Boomzeiten oft betonten höheren ökonomischen Vernunft der Finanzmärkte. Sie werden Opfer von Glücksspielern.

Diese, von den Wissenschaften nicht beantworteten Grundfragen sind Sache der Philosophie

[nach: GEP/Schregenberger, J.W.(ed): Die Zukunft beginnt im Kopf. Wissenschaft und Technik für die Gesellschaft von morgen. p 26-7:]

"Jedenfalls scheint es an einem vernünftigen Modell dessen zu fehlen, was das Wissen des Staatsmannes ausmacht.
Max Webers donquichotehafte Zuspitzung des Unterschiedes zwischen wertfreier Wissenschaft und weltanschaulicher Entscheidung macht diese Fehlen offenkundig. Das Ideal des Herstellens, das dem Konstruktionsgedanken der modernen Welt zugrunde liegt, führt hier in eine Aporie. Vielleicht könnte es diese Lücke schliessen, wenn man an die Stelle des Modells des Machens das alte Modell des Steuerns setzt. Denn Steuern ist nicht Machen - eher ein Sich-Anpassen an Gegebenheiten."
[GEP: p 165:]

 

3 Die Theorie praktischer Weisheit: Die Wertphilosophie

Suchen Sie präzises Detailwissen zu Werten, Werterziehung, Wertewandel, konsultieren Sie bitte das Historische Wörterbuch der Philosophie. [Bdl 12: W-Z]. Ritter-Gründer-Gabriel. Schwabe Verlag. Basel. Neuauflage des Wörterbuchs der philosophischen Begriffe von Rudolf Eisler. Mehr als 1500 Fachgelehrte haben seit 1960 dazu beigetragen, dass die Entstehung, Verwendung und Änderung des Gehalts philosophischer Begriffe in bisher 12 Bänden dokumentiert werden konnte.

Weitere Literatur:

  • H. Lotze: Grundzüge der Logik. 1883
  • Ch. von Ehrenfels: Werttheorie. [Hrsg. Fabian] 1982
  • A. Meinong: Abh. zur Werttheorie [Hrsg. Kindinger] 1968
  • H. Münsterberg: Philosophie der Werte 1908
  • J. Cohn: Wertwissenschaft (1932)

Obwohl in der Gegenwart bereits der Ruf nach Wertorientierung in einem Artikel zur Ethik (geschweige denn eine Dissertation) auf wenig Verständnis stösst, ist die Wertphilosophie eigentlich bereits eine gewaltige Redimensionierung und Rationalisierung der dafür eigentlich zuständigen Metaphysik. Wer aber wollte es in unserer Zeit wagen, in der Gutmensch ein Schimpfwort ist, nach einer metaphysisch begründeten Ethik zu fragen?

Der Begriff Wert (valeur, value) stammt aus dem ökonomischen Bereich und bedeutete: auf die Stirn geschrieben / Preis / Kaufsumme / Geltung / Wertschätzung / Güte & Qualität.

Der Philosoph Rudolf Hermann Lotze (1817 – 1881) hat den Wertbegriff zum philosophischen Grundbegriff erhoben. Er schied streng das Sein der Dinge vom Gelten der Sinngehalte und Werte! Dies konnte, so Theodor Adorno, nur in einer ökonomisierten, bürgerlichen Welt geschehen. Die Folge war eine „Verdinglichung" im ethischen Bereich. Die Werte treten an die Stelle des Guten und werden als „höchste Werte" so hoch angesiedelt, dass sie als „absolute Werte" den Platz einnehmen, der bisher von religiösen Inhalten besetzt war. Da die Naturwissenschaften den Himmel abgeräumt hatten, selbst aber keine sinnstiftenden Beiträge für die ethische Existenzgewissheit des Menschen in der Welt bereitstellen konnten, entstand ein Vakuum, dass die Wertphilosophie mit religiös-metaphysischen Versatzstücken auszufüllen bemüht war.

Lotze versteht die Wertphilosophie konsequent als „Ausfüllung des Vakuums, das die mechanistische Weltsicht hinterlässt.

Das Zitat zeigt auch gleich, wie man von Werten redete, bevor der Begriff aufkam. Man redete vom Guten. Dies wiederum macht klar, welchen Schabernack die Politik mit Sprache, Logik und Inhalten betreibt. Sieht sich doch die Rechte als Partei der (traditionellen) Werte [Güte], beschimpft sie die Linken als Gutmenschen [Menschen, die sich für Werte einsetzen].

Heidegger beschreibt die Werte sarkastisch als „positivistischen Ersatz für das Metaphysische". C. Schmitt spricht von einer "Tyrannei der Werte", da Werte durch ihre subjektive Prägung in einem wechselseitigen Ausschlussverhältnis zueinander stünden. Der Wertbegriff gilt ihm nicht zuletzt wegen seiner wenig personal-orientierten Struktur als ein „ethisches Abstraktum". In der gegenwärtigen Philosophie - nicht nur in Wissenschaft und Wirtschaft ! -  wird ein allgemeiner Wertbegriff als hochproblematisch betrachtet und die Beschäftigung mit ihm zumeist zugunsten einer direkten Auseinandersetzung mit den klassischen Termini der ethischen Tradition vernachlässigt.  [nach: Werte/Wertediskussion von Armin G. Wildfeuer, wie folgendes:  

Definition des Begriffs WERT - das Wünschbare:

a) Unter Werten versteht man im allgemeinen grundlegende, konsensuelle Zustimmung einfordernde , normierend und motivierend wirkende Zielvorstellungen, Orientierungsgrößen und Qualitäten, die – weil sie sich mit Bezug auf anthropologische Grundkonstanten als unabdingbar oder mit Blick auf kontingent (historisch, situativ, kulturell) bedingte Bedürfnis- und Handlungskontexte als zuträglich erwiesen haben – auch tatsächlich angestrebt und gewünscht werden, so dass sich Individuen und Gruppen von ihnen bei ihrer Handlungswahl und ihrer Weltgestaltung leiten lassen.

b) Funktion: Die primäre Orientierungsleistung von Werten besteht in der Bildung von Präferenzen. (was für Planungswissenschaften bedeutet, dass sie sich primär mit Werten auseinander zu setzen haben, womit die wertfreien Wissenschaften meist um einiges überfordert sind ...)

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts in den „Werturteilsstreit" in der Soziologie mündet (bei dem es um die Frage ging, ob das von M. Weber vertretene Postulat der "Wertfreiheit der Wissenschaft" haltbar sei), und die im sog. Positivismusstreit zw. Th. W. Adorno und J. Habermas einerseits, K. Popper und H. Albert andererseits eine Fortsetzung gefunden hat..

Ungeachtet des Unbehagens am Begriff hat sich die Rede von Werten inflationär in alle Lebensbereiche implementiert und zu einer wolkigen Unbestimmtheit des Begriffs geführt, die vor allem von Juristen beklagt wird. Bezweifelt wird auch die tatsächliche Orientierungsleistung einer Werteordnung. Denn in der Wertehierarchie eines Individuums fließen subjektive und situative, soziale und kulturspezifische Aspekte ein; die Chancen für eine objektive oder wenigstens intersubjektiv verbindliche Werteordnung scheinen daher eher ungünstig.

Unstrittig ist, dass Werte normierend für die Personen wirken, die unter ihnen handeln, und dass sie als geschichtlich gewachsene und soziokulturell vermittelte „Konzepte des Wünschenswerten" faktisch den Charakter von obersten „Zielen" haben. Sie fundieren und rechtfertigen daher in sinngebender Weise die mehr konkret ausgeprägten sozialen Normen, die für ein gegenseitig abgestimmtes, berechenbares Verhalten der Angehörigen einer Gesellschaft in den mannigfaltigen Situationen des Alltagslebens unerläßlich sind (Legitimationsfunktion). Insofern Werte dabei als Standards selektiver Orientierung für Richtung, Ziele, Intensität und Auswahl der Mittel des Handelns wirken (Orientierungsfunktion), können sie als „Orientierungsstandards" und „Zielgaranten bezeichnet werden. Sie können mithin auch als Regeln der Identifizierung von Zwecken begriffen werden, also als Regeln des Strebens, die in bestimmten situativen Kontexten Ziele des Handelns (auch des Erkennens) selektieren. Ihr Regelcharakter und der darin implizierte Zwang zu vernünftiger, mithin intersubjektiv nachvollziehbarer Rechtfertigung hebt sie aus dem individuellen in den gesellschaftlichen Bereich.

Wertphilosophie (von Wertlehre und Werttheorie axiology/ie nicht getrennt): Der Begriff des Wertes bildet sich erst im 17. und 18. Jahrhundert im Rahmen der Wertedebatte in der Ökonomie aus, in der sich der Gegensatz zwischen der von A. Smith begründeten objektivistischen Werttheorie (klassische Kostentheorie, später: D. Ricardo, J. St. Mill, K. Marx) und der „neoklassischen" subjektivistischen Werttheorie (C. Menger, L. Walras, S. Jevons) auszubilden beginnt, wobei letztere zur Wertbestimmung nicht von den Produktionskosten (Arbeit, Kapital, Boden), sondern vom Gebrauchswert (Bedürfnis, Nützlichkeit, relative Seltenheit) eines ökonomischen Gutes ausgeht.

Da die wertfreie Wissenschaft die Leuchte ihrer Erkenntnisart so hoch über die Intuition des Künstlers und die Gnosis des Gläubigen stellt, muss in diesen Werten doch ganz gewaltig was drinstecken.

Bibliographie Werte / Wertsystematik [Fragment, in Bearbeitung]

 

4 Planung als Diagnose und Design

Die Reiche der Zukunft sind Reiche des Geistes.

(Winston Churchill, brit. Staatsmann, 1874-1965)

Man könnte als Planer auch die Wertfreiheit der Wissenschaften an und für sich kritisieren. Es wäre aber müssig, eine dritte Welle der Positivismusdiskussion anzustossen. Da es nur darum ging, Wissenschaft von Philosophie und Gnosis zu trennen, ist das Problem eigentlich keines. Denn wer möchte schon allen Ernstes in Gefahr geraten, von Wissenschaftlern, ohne politische Diskussion, auf den "rechten Weg" gewiesen zu werden?

Planungs- und Managementwissenschaften stehen hier noch voll im weberschen Minenfeld: Die Wissenschaft ist eben nicht einfach da, geschieht nicht einfach, sie lebt stets unvermeidlich im Vorgriff auf ihre Zukunft, ihre Bedeutung und ihren Sinn. Kein Forscher, wenn er nicht bloss Knecht ist, kann seinen Weg gehen, ohne den Glauben, das er wichtig und richtig ist, ohne Gedanken, wie es mit seinem Fach weitergehen kann, wird und soll, ohne Vorstellung vom Sinn und Wert der Wissenschaft für die Kultur und das Schicksal des Menschen, auch wenn er sich darüber nicht bewusst Rechenschaft gibt; keine Wissenschaft ist ohne solche - lauten oder stillen - Annahmen über ihren Fortschritt, ohne Erwartungen über ihre zukünftige Leistungen und ohne Einschätzung ihrer Wirkungen möglich. In dieser Weise lebt alle Wissenschaft stets vom Vorgriff auf ihre Zukunft und insofern vom Glauben. ...  [p 56-7:]

Da Planung und Management in die Zukunft gerichtet sind und Handlung motivieren sollen, ist ihr Handwerkszeug eher die qualitative als die quantitative Soziologie. Qualitative Forschung zeigt nur wie etwas geschieht, quantitative Forschung zeigt jedoch, warum etwas geschieht. Die quantitative Forschung bestimmt die Bedeutung von Meinungen und Motiven innerhalb gegebener Strukturen und Kategorien - die qualitative macht verständlich, warum diese Strukturen und Funktionen bestehen. Der Sinn dahinter klärt sich meist erst durch die Einbeziehung des Kontextes, also durch Hermeneutik, nicht durch die quantitative Analyse der Inhalte.

2.3.3 Qualitative Sociology - Topics

Man darf allerdings die qualitative Soziologie nicht der Phronesis gleichsetzen, denn auch ihr geht es in erster Linie um Erkenntnis - der Phronesis jedoch um richtiges Handeln. Max Weber zum akademischen Lehrer: Verlangen kann man von ihm nur die intellektuelle Rechtschaffenheit: einzusehen, dass Tatsachenfeststellung, Feststellung mathematischer oder logischer Sachverhalte oder der inneren Struktur von Kulturgütern einerseits, und andererseits die Beantwortung der Frage nach dem Wert der Kultur und ihrer einzelnen Inhalte und danach: wie man innerhalb der Kulturgemeinschaft und der politischen Verbände handeln solle - dass dies beides ganz und gar heterogene Probleme sind. Fragt er dann weiter, warum er nicht beide im Hörsaal behandeln solle, so ist darauf zu antworten: weil der Prophet und der Demagoge nicht auf das Katheder eines Hörsaals gehören. Dem Propheten wie dem Demagogen ist gesagt: "Gehe hinaus auf die Gassen und rede öffentlich." Das heisst das, wo Kritik möglich ist.

Da hätten wir's. Die Lösung des Problems Wissenschaft und Handlung:

Dort wo Wissenschaft Handlungsempfehlungen erlassen will,

muss sie sich der Kritik stellen!

Und auf dem Gebiet waren die in der Moderne viel geschmähten Gelehrten des Mittelalters, die Scholastik, unserer Zeit weit voraus. Sie mussten sich mit ihren Thesen der Kritik auf dem Markt stellen, also ihre Erkenntnis so formulieren, dass nicht nur ein Kreis auserwählter sie noch verstehen konnte, sondern so, dass Bauern, Kärrner und Händler mitreden konnten, denen dann auch Antwort zu geben war.

Der Platz der Planungswissenschaften ist also weder das Labor noch irgend ein Forschungsinstitut. Der den Planungswissenschaften gerechte Ort ist der Marktplatz. Das Hauptziel jeglicher Planung ist schliesslich nicht ein wissenschaftliches Ist festzustellen, sondern ein Soll zu realisieren. Planung kann damit nur zur Hälfte, was die Analyse betrifft, wissenschaftlich sein, zur andern ist sie sozio-politisch-ethisch und muss sich der Kritik stellen.

Die beliebtesten Mittel der Planung sind Szenarien, die ihrerseits eigentlich wieder zur: Zukunftsforschung gehören (wobei der Ausdruck Zukunftsforschung eigentlich ein Unding ist, denn da wir heute erst grad dran sind, die Zukunft zu gestalten, können wir sie frühestens morgen erforschen.

Szenarien, Modelle und andere Planungsmethoden sind also für die Anwendung nicht als Blueprints, als Vorlagen aufzufassen, sondern nur als Diskussionsbeiträge, Beiträge zu einer zukunftsgerichteten komplexen Diskussion allerdings. Da es dabei gilt, zwischen verschiedenen Optionen zu wählen, zu werten, kommen die Wissenschaften als Entscheidungsträger selbst nicht in Frage, sondern wir müssen politisch-diskursiv Konsens schaffen.

  1. Der Planer wird hier, auf dem Markt der Meinungen, zum Propheten einer besseren Welt, d.h. er muss reden (kommunizieren) können.

  2. Der Forstmanager als Unternehmer muss sich dafür einsetzen, Gewinne zu erwirtschaften. Wenn er nur studiert, wie man das machen könnte, wird der Waldbesitzer keine Freude an ihm haben.

  3. Der Forstmanager als Fürsprecher des stummen Waldes in der Gesellschaft muss sich aktiv für die Erhaltung und Pflege des Waldes einsetzen. Wenn er zwar die Techniken der Waldbewirtschaftungen kennt, aber diese aus ökonomischen, politischen oder sozialen Gründen nicht in Anwendung bringen kann, hat er seinen Beruf (soll, so scheint es, mal von Be-Rufung gekommen sein, nicht von Nach-Frage) verfehlt.

Da sich die Autorität der Forstbeamten angesichts immer roter werdender Betriebsergebnisse der gesellschaftlichen Achtung nähert, die Rote etwa im Kanton Aargau geniessen, müssen sich die zukünftigen Forstmanager den Respekt gegenüber ihrer Person und dem Wald neu erarbeiten, indem sie die Anliegen der Bevölkerungsmehrheit aufnehmen und vertreten, indem sie dabei den Wald aber nicht jedem Ökonomenfurz (s. 8 Thesen, Galileo) opfern.

Das hierarchische, von oben bestimmende Beamtenmodell das dem Wald über die letzten 150 Jahre nicht mal so schlecht bekommen ist, muss einem neuen, aktiveren Modell weichen. Der Prophet und Heiland entspricht diesem Modell allerdings nicht, denn der Prophet und Heiland weiss was zu tun ist, wir armen Forstexperten müssen jedoch die Lösung in einem komplexen Umfeld von Gesetzen, Meinungen und Ansprüchen erst suchen. Unverzichtbare Aufgabe des Forstexperten wird jedoch sein, sein Wissen zum höchst komplexen System Wald klar und verständlich einzubringen, und sich nicht von Partikularinteressen überrennen zu lassen, weder von links noch von rechts. Er weiss, wie sich der Wald entwickeln kann, welche Leistungen er bringen kann, welcher Gegenleistungen er bedarf.

 Da sich komplexe Systeme generell nicht in eine bestimmte Richtung lenken lassen, wird er eher zum Therapeuten als zum Direktor. In dem Sinne sind die wichtigsten Qualifikationen von "Therapeuten":

  • - dass sie sehen wo andere nichts sehen,
  • - dass sie in der systemeigenen Sprache, vor allem aber der systemeigenen Semantik kommunizieren können!
  • - dass sie lernfähig und offen bleiben:

Das besondere Geschick von Beratungsexpertinnen besteht wohl zu einem guten Teil darin, ihre Diagnose tatsächlich als vorläufige Konstruktion zu behandeln, (eben gerade nicht als wissenschaftliche Wahrheit, sondern als Argument, dass sich je nach Situation anpassen lässt) und auf bestimmte Anzeichen hin zu revidieren - und dies so lange, bis sich jene besondere Qualität einer wechselseitig akzeptablen und brauchbaren Systemdiagnose herauskristallisiert, welche die Eigen-Operationen dieses Systems bezeichnet und generiert.

Die Formulierung ist zur Hälfte übernommen, etwas Soziologendeutsch. Also zweiter Versuch: Die Gesellschaft oder die Waldeigentümer formulieren einen Anspruch, der vom Angestellten, dem Forstexperten, gefälligst auszuführen sei. Der (oder die) Waldexpertin, als TherapeutIn, entwickelt dazu ein Modell, wie das erwünschte Ziel zu erreichen wäre, unter Berücksichtigung der Gesetze des natürlichen Baum- und Waldwachstums. Die Auftraggeber erheben den Anspruch, ihr Auftrag (zum Problem Auftrag) sei nicht zu kommentieren, sondern durchzuführen, aus Gründen a), b), c) etc. Der Systemtherapeut zeigt die möglichen Folgen und Auswirkungen. Erneute Diskussion. Erneute Zyklen von Diagnose und Design - bis sich Anspruch und Realität nach bestem Wissen und Gewissen entsprechen (sehen Sie, da hat der Volksmund doch Wissenschaft und Phronesis schon längst verbunden, ohne langfädige Abhandlung).

Waldprojekte sind, genau wie Entwicklungsprojekte:

  1. Kaum von aussen operationalisierbar. s. Waldbau
  2. Immer kontextabhängig, d.h. lokal. Die systemeigene Sprache und Logik muss verstanden werden, denn die Systeme in denen Projekte wirken sollen, lesen diese in ihrer eigenen Denkweise und interpretieren sie in ihrem eigenen Sinn.
  3. Immer eine Einmischung in "innere Angelegenheiten" von Biotopen, Gemeinden, Besitzern, Nutzern ....
  4. Immer langfristig, da als Erkenntnis und Lernprozess an die systemeigene Geschwindigkeit gebunden: Gebot des "Geschehen -Lassens", des zyklisch-reflexiven Ent-Lernens und Neu-Lernens - bis sie an den Kontext angepasst sind und sich das System selbst mit seinen eigenen Strukturen, in seiner eigenen Sprache und Logik operationalisiert. Projekte sind so nur ein Anreiz zur Selbststeuerung.
  5. Beziehungsabhängig, zumindest was die gesellschaftlich-politischen Aspekte betrifft: Der sachliche Konflikt aus dem Vergleich der therapeutischen Fremddiagnose mit der Selbstbeschreibung muss über die persönliche Beziehung gepuffert werden. Der Therapeut muss am therapierten System Interesse haben, er muss sich darauf einlassen wollen und können, sachlich wie persönlich.
  6. Projekte und damit ihre "Therapeuten" sind dem Therapierten verantwortlich für ihre Eingriffe - mit deren Wirkungen und Folgen.
  7. Entwicklungsprojekte (- wie auch die Agenda 21 und die langfristige forstliche Planung) sind eine ethische, und somit weder eine rein wissenschaftliche noch rein wirtschaftliche Angelegenheit, denn sie beinhalten immer Aspekte der zukünftigen Entwicklung und damit des Sollens.

Details s. Soziale Forstwirtschaft als kulturelle Umorientierung Herzog 1995

Die Ausbildung höherer Kader der Forstwirtschaft muss also weder Forscher noch Propheten erzeugen - sondern Systemtherapeuten

Die wichtigsten Kenntnisse die sich die Experten zu erwerben haben wären damit:

Da gerade Forstpolitik und Forstökonomie, dazu noch Forstrecht zur Zeit von der selben Professur gelehrt werden, hier noch einige Bemerkungen dazu. Forstpolitik, Forstrecht und Forstökonomie sind drei unterschiedliche Gebiete mit unterschiedlichen Methoden und unterschiedlichen Zielen.

Die bisherige Organisation wird diesen Anforderungen nicht gerecht. Wissenschaftliches Denken wie wie das Denken in Kategorien rechtlicher Verbindlichkeit dürften Kreativität und Engagement ziemlich abträglich sein. Die Vermengung derart unterschiedlicher Fachgebiete führt zu einem dubiosen Brei an Wissenschaftlichkeit ohne Praxisbezug.

FAZIT

Eine derartige Ausbildung scheint zu komplex, zu kompliziert ... aber ist sie nicht eben gerade so komplex und kompliziert wie die Realität? Würde eine derartige Ausbildung an die Hochschule gehören, wäre ihr Inhalt nicht recht anspruchsvoll? Wäre es nötig, eine derartige Ausbildung an einer Hochschule zu platzieren, die Lehre und Forschung vereinen soll, wenn die Lehrinhalte bereits in Lehrbüchern vorhanden wären? Würde eine solche Ausbildung nicht gerade den Anforderungen der Nachhaltigkeit entsprechen, nämlich der integralen und langfristigen Behandlung (= Management) von Fragen der verknüpften Bereiche Wirtschaft - Gesellschaft - Umwelt?

Da es keine Wissenschaft und Wirtschaft gibt, die derart langfristig planen muss wie die Forstwirtschaft, könnten die Forstwissenschaften hier (wieder) zu einer wirklich zukunftsweisenden Wissenschaft werden, was auch ganz im Interesse der ETH läge, die ja Spitzenforschung bieten will.

Martin Herzog, Dipl. Forsting. ETH, 1. Entwurf 27.9.03

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Nereu Feix: Werturteil, Politik und Wirtschaft. Werturteilsstreit und Wissenschaftstransfer bei Max Weber. Studien zum Wandel von Gesellschaft und Bildung im Neunzehnten Jahrhundert. Band 17. Vandenhoeck & Ruprecht. 1978

Der stärkste Gegner Webers im damaligen Streit war der Ökonom Gustav Schmoller, Begründer des heute noch existierenden Vereins für Socialpolitik [Im Jahr 1956 wurde dem traditionellen Namen der neue Name "Gesellschaft für Wirtschafts- und Sozialwissenschaften" hinzugefügt.]. Er gehörte zu der heute arg in Verruf gekommenen historischen Schule. Schmoller, Brentano und weitere wollten nicht bloss nach Art der Manchesterschule die Gesetze des Marktes erkennen, sondern diese, wo es nötig schien, auch korrigieren. Hier wird der Sprung von Wissenschaft der Erkenntnis zu einer gestaltenden Wissenschaft, der Poietik, offensichtlich. Sie verlangten nach dem Homo humanus als einem Bindeglied zwischen Wissenschaft und Politik.

Auch hier ist eine Klärung dringend nötig. Einerseits gibt es die historizistische Richtung, die aus der Geschichte die Zukunft deterministisch bestimmen will, was besonders dem Marxismus eigen ist. Andererseits - wer würde wagen zu behaupten, dass Wirtschaft nur aus dem Moment entspringt, ohne Wurzeln in der Vergangenheit, ohne Einbindung in die lokale Kultur und Gesellschaft? (Es gibt solche, die das behaupten, aber diese stossen sich zur Zeit gerade im Irak die Hörner ab.) Mit der Entfernung historischer Erkenntnis aus der Wirtschaftswissenschaft wurde, wie des öftern in den Wissenschaften, das Kind mit dem Bade ausgeschüttet.

Der Historizismus war als teleologische Wissenschaft ein Irrlauf. Teleologie ist der Gegenpol zu Kausalität. Während in den Wissenschaften nach Ursachen von Reaktionen geforscht wird, sieht die teleologische Richtung Finalitäten, also Ziele, als Ursache, was insbesondere für Handlungen zutrifft. Motive sind eigentlich meist auf Ziele gerichtet, erfordern also einen andern Ansatz, als die klassische Ursache-Wirkungsforschung. Die Antwort auf die Frage warum, ist im Falle der Physik eine kausale Ursache, im Falle einer Handlung ein Sinn, ein Ziel, meist in Form eines materiellen oder (seltener) immateriellen Wertes. Während die Ziele durch die Wissenschaft nicht bestimmt werden können, ist es doch möglich, die Abhängigkeiten, Beschränktheiten und Chancen (System-Umwelt-Wirkungen) von Zielsetzungen zu erfassen. Weber verlangte gegenüber Zielen vom Wissenschaftler aber keine Abstinenz, sondern nur, dass er diese nicht wissenschaftlich bestimme, sich also nicht aus dem Gebiet der Erkenntnis auf das Gebiet der Macht begebe.

Et voilà. Ich denke, da waren die meisten unsere verknorzten Wissenschaftler doch mal wieder päpstlicher als der Papst.

Der Wissenschaftler:

  • analysiert politische Ziele

  • beurteilt diese kritisch

  • verifiziert die Logik der Ideen

  • Überprüft die Widerspruchslosigkeit

  • erläutert unbewusste, versteckte Werthaltungen

Dieses Vorgehen ist dort eh angebracht, wo es um handelnde, um poietische, Wissenschaften geht, die alle weniger durch Ursachen als durch ihre Ziele zu verstehen sind. ... Allerdings, bei genauerer Betrachtung sehen wir, dass hier die Funktion der Wissenschaft auf Kritik reduziert wird. Kritik alleine ist jedoch ein second-hand-Produkt. Der Kritiker schafft nichts Neues, er bewertet nur, so wie die Börse, was andere geschaffen haben. Trifft dieses Bild vom Wissenschaftler und Forscher? Wohl kaum. Wir erwarten doch von der Forschung, dass sie Neues schafft, lieber neue Lösungen als neue Probleme, aber doch immer Neues, und da kann der Forscher eigentlich nicht mit der Kritik beginnen, sondern muss mit Phantasie, heuristisch-philosophisch, offen fragend, einsteigen. Die Kontrolle des Wahrheitsgehalts seiner Entdeckung durch Kritik ist erst der zweite, und um einiges einfachere Schritt. Der erste braucht eine gewisse Ingeniosität, für den zweiten reicht meist das Schulwissen (weshalb wohl der zweite derart überbetont wird von den hohen Schulen).

Die Bedeutung der Imagination (oder Ingeniosität, s.o.) und die Tatsache, dass gestaltende Wissenschaften einen ganz andern Ansatz als den epistemischen brauchen, wurde bereits 1995 in Topik, eine archaische Forschungsmethode zur Erschliessung des Gemeinsinns beschrieben:

Philosophie und Wissenschaft suchen nach Wahrheit und Sachlichkeit. Die Forschung beschäftigt sich mit dem was ist, nicht mit dem was sein soll (Ethik) oder sein könnte (Utopie). Die Philosophie hat es mit dem Zusammenhang von Aussagen zu tun, die wahr oder falsch sein können (oder gegebenenfalls wahrscheinlich), die Rhetorik mit dem Überzeugen anderer." Die wissenschaftliche Frage ist die geschärfte Frage, die analysierbar ist und von der eine klare, wahre (oder zumindest überprüfbare und widerlegbare) Antwort zu erwarten ist. Dieser Ansatz beschränkt die möglichen Fragen und die Antworten gewaltig. Viele, und vor allem die wichtigste Frage des Sein-Sollens, die Frage nach der Verwirklichung des Sollens in der Zukunft, lassen sich nicht wissenschaftlich stellen. Das heisst auch, sie lassen sich nicht allgemeinverbindlich und global formulieren.

Die mangelnde Phantasie ist aber nicht das einzige, woran eine positivistische Wissenschaft krankt. Das Hauptproblem ist, dass sie Wissen zur Verfügung stellt, das Teilbereichen entstammt und dort zwar stimmt, dass die praktische Anwendung dieses Teilwissen aber für das Gesamtsystem schädliche Folgen zeigen kann, welche die Wissenschaft nicht mal mehr als Kritik aufzudecken wagt (s. z.B. das Gesetz der economy of scale)..

_____^_______

KAUSALITAET

FINALITAET -->

Was die Teleologie betrifft, sind vielleicht doch noch ein paar zusätzliche Bemerkungen nötig. Teleologie kommt von telos, Ziel, und hat somit nichts mit Theologie zu tun. Da jedoch im Mittelalter die Theologie weitgehend die Ziele bestimmte, welche die Menschen gefälligst zu haben hatten, besteht doch eine gewisse Beziehung. Viele Wissenschaften basierte damals nicht auf kausalen Ursachen, sondern auf finalen, da erwartet wurde, die natürliche Entwicklung werde durch ein von Gott vorgegebenes Ziel bestimmt. Diese Haltung prägte viele Wissenschaften, bis weit ins 20 Jahrhundert hinein. Weswegen sonst hätte sich der Wertphilosoph Hartmann veranlasst gesehen, eine Schrift zur Klärung über derart teleologische Irrtümer zu verfassen? [Teleologisches Denken. Nicolai Hartmann. Walter de Gruyter & Co. Berlin 1951]. Diese Haltung ist heute in den meisten Wissenschaften überwunden, mit Ausnahme der Ökonomie vielleicht, wo weiterhin die Ziele über die Mittel bestimmen: Wir brauchen mehr Wettbewerb, globalen Wettbewerb, damit die Monopolbildung durch Restrukturierung sich beschleunigt. Dies obwohl bereits Stiegler und Myrdal darauf aufmerksam gemacht hatten:

Georg J. Stiegler (1911-1991) avoids to get aim-oriented (teleological) too: "The true purpose of the economist is not to tell to society what to look for. It consists rather in assisting the society to reach its aims more efficiently."

Gunnar Myrdal (1898-1987) proofed that the laisser-faire principle leads to an unstable order, to cumulative growth or decay. In spite of this, the "stable equilibrium" has become something like a general thought form. Instead of staying an arbitrary theoretical tool, it is loaded with teleological orientation and hidden values. It is dictating national policies! While "economic theory is only a segment of the total culture." [Myrdal (1957) p. 159:].]

[Aus: Shrubland Management in tribal Islamic Yemen: 2.5 Specific Principles at the Economic Level.]

Das Leben der Menschen sollte jedoch, nach der Befreiung von Höllenangst und Himmelsstreben,  nicht mehr durch teleologischen Determinismus festgelegt werden, sondern durch frei gewählte Motive (- soweit die materiellen Bedingungen diese Freiheit erlauben, was der Ökonomie eine besondere ethische Bedeutung gibt).

Es gibt kein Wesen, keine essentia ,
der das menschliche Dasein, die menschliche Existenz
zu entsprechen hätte;
vielmehr ist der Mensch das, wozu er sich macht.

Sartre: Ist der Existentialismus ein Humanismus?

Allerdings:

Die Systemtheorie hat uns ohnehin gelehrt, dass in komplexen Systemen überhaupt kein Determinismus möglich ist. Wir können ihre Entwicklung also nicht gezielt so beeinflussen, dass sie einen bestimmten Zustand erreichen - womit der Traum der rationalen Planung einen massiven Dämpfer erhält und womit auch Gott wieder im Spiel wäre, auch wenn man ihn heute zumeist wohl Zufall nennen würde.

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Vertiefung Weber & die Wertfreiheit:

Weber hatte eine starke Abneigung gegen die prophetische Haltung politischer Theologie katholischer, protestantischer, marxistischer oder anarchistischer Richtung.

Kommentar: Gesiegt hat inzwischen die Marktanarchie, ohne deren Prophezeiungen (Wirtschaftsanalysen: Es wird alles besser) und Predigten (Inserate) Zeitungen, Zeitschriften wie Fernsehen sofort in wirtschaftliche Bedrängnis kommen.

Weber verlangte auch die sprachliche Trennung zwischen Wissenschaft und Politik. Der Wissenschaftler richte sich an die Ratio, der Politiker an das Volk.  Er war jedoch nur für eine Trennung der Rollen, nicht gegen die politische Tätigkeit der Wissenschaftler, die er sogar für nötig hielt.

Kommentar: Deshalb sind die Verfasser wissenschaftlicher Texte heute noch (zumindest ausserhalb Englands) gehalten, neutral zu schreiben, und so, dass es möglichst nur die verstehen, die's eh schon wissen. Wissenschaftler machen also keine Untersuchungen und beurteilen sie, sonder es ist ein man, ein es, ein Neutrum und Abstraktum ... das allerdings die oft höchst subjektiven Entscheide der Wissenschaftler nur rhetorisch versteckt. Eigentlich ein rhetorischer Betrug und der Nutzung wie auch der Kontrolle wissenschaftlicher Resultate äusserst abträglich.

Wolfgang Schluchter: Wertfreiheit und Verantwortungsethik. J.C.B. Mohr, Tübingen 1971:

Dem - Wir kennen keine wissenschaftlich beweisbaren Ideale - steht auf der andern Seite die Sachzwänge schaffende moderne Technologie und Wirtschaft entgegen: Im technokratischen Modell ist politische Teilnahme nicht einmal mehr politische Akklamation, sondern Einsicht ins technisch Notwendige. Das Sollen sollte aber von der Politik festgelegt werden und die Wissenschaften sollten dazu das notwendige Wissen liefern.

Kommentar Herzog: Schwierig wird dies, wenn eine Politik herrscht, die sich primär am wirtschaftlichen Machen ausrichtet und jegliches Sollen ignorieren will, wie sich das zur Zeit in den Diskussionen um die Zukunft des BUWAL (Bundesamt für Wald und Landschaft) abzeichnet. Seltsam auch, dass Parteien, welche das Wort Werte am häufigsten im Munde führen, sich primär an Preisen, und am Sparen statt an Wertschöpfung, orientieren.