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Der Beitrag steht hier seit Sept. 03 - als Fragment. Zeit für ein Update (25.11.09). Werte scheinen laut Politikern und Presse das Höchste zu sein. Gerne redet man auch, gerade wieder im Zeichen der Abzocker, von denen, die den Preis von allem, aber den Wert von nichts kennen. Tja ... dummerweise lief die Geschichte aber gerade umgekehrt. Die Ökonomie musste sich erst vom Wertdenken befreien und zu Preisen finden. Bereits der Begriff "Werte" kam erst im 19. JH auf, und dies deutlich im Anklang an wirtschaftliche Werte. Wert war eine Qualitätsschätzung, persönlich eine Schätzung der Ehre, eine Geltung, ein Ausdruck der Güte der Qualität, ein Schätzwert eines sachkundigen Prüfers..
Das späte Aufkommen des Begriffs führt natürlich umgehend zur Frage: Ja moment mal, aber wie bezeichnete man denn das vorher? Ganz einfach, als "Das Gute". Zu einem bestimmenden Thema in der Philosophie werden Werte erst durch Lotzes teleologischen Idealismus: Das Sein wird durch das Sollen (des Guten) bestimmt, was eigentlich schon für Platon galt. Das Wahre, Gute, Schöne findet seine Wirkstätte in Denken, Wollen und Fühlen. Von Windelband wird die Philosophie zur "kritischen Wissenschaft der allgemeingültigen Werte" erklärt. Da sie mit den Werten auch Lebenssinn aufdeckt, ist sie zudem Weltanschauungslehre.
Weber allerdings hält er eine wissenschaftliche Vertretung von praktischen Stellungnahmen für letztlich unmöglich, «weil die verschiedenen Wertordnungen der Welt in unlöslichem Kampf untereinander stehen» [Historisches Wörterbuch der Philosophie, S. 50133]
Ehrenfels betrachtet Werte als Ausdruck des Begehrens, Meinong eher als Ausdruck von Gefühlen (Lieben <> Hassen = Wünschen <> Ablehnen). Objektive, die Gegenstand von Wertgefühlen als Seinsgefühlen sein können, nennt Meinong «Dignitative», und Objektive von Wünschen «Desiderative». Dignitative lassen sich vier Klassen zuordnen: dem Angenehmen, dem Schönen, dem Wahren und dem Guten; die Desiderative beinhalten «Sollungen und Zweckmäßigkeiten»
Die Höhe der W.e bestimmt sich nach Maßgabe der folgenden fünf Kriterien:
Ein Wert ist um so höher,
Scheler unterscheidet vier Wertarten («Wertmodalitäten»):
Werte haben als Geltung vor allem eine konstitutive Bedeutung. Sie formen Gefühle und Handlungen der Menschen. Folglich sind sie im Endeeffekt Resultat einer Auseinandersetzung um Interessen, also eine durch Kommunikation geschaffenen Ordnung (die nicht immer demokratisch war und ist, sondern ab und zu von denen durchgesetzt wird, welche die Mittel zur Durchsetzung, also die Macht haben).
Durkheim und Joas unterscheiden deswegen zwischen Normen und Werten: Normen sind das gesellschaftliche implizit oder explizit Gesollte, Werte sind dagegen das von Einzelnen und Gruppen Erstrebte.
Scharf kritisiert wurden Werte vor allem von Nietzsche und Heidegger. Dahinter steht allerdings nicht bloss Nihilismus und Boshaftigkeit, sondern die Erkenntnis, dass Werte anleiten, dass Werte An-Ordnungen ausdrücken, denen "freiwillig" Folge zu leisten sei. Werte können und müssen also vom "freien" Menschen frei gewählt werden können, dürfen also nie Objekt von Wissenschaft oder anderen diktatorischen Wahrheits- und/oder Geltungsbestimmungen sein. Dazu kommt eine Erfahrung, die wir heute dank Markt und Innovation fast täglich machen können: Das Bessere ist der Feind des Guten: Wenn man etwas zu einem Wert erkläre, werde das «so Gewertete seiner Würde beraubt»
Putnam kritisiert die Vernachlässigung von Werten, da es in der Ethik wie in der Wissenschaft Massstäbe brauche der rationalen Rechtfertigung: It is because we are too realistic about physics, because we see physics (or some hypothetical future physics) as the One True Theory, and not simply as a rationally acceptable description suited for certain problems and purposes, that we tend to be subjectivistic about descriptions we cannot 'reduce to physics. [Historisches Wörterbuch der Philosophie, S. 50174]
Rorty geht noch weiter und leugnet jede Differenz zwischen Wissenschaft und Moral:
Der Grund für diese Verschiebung liegt darin, daß Rorty die Sprache der Repräsentation ganz durch die Sprache des Handelns und der Konsequenzen aus Handlungen ersetzt sehen möchte, wenn es um Wahrheit geht. Weder die Natur noch irgendeine apriorische Ordnung kann die Suche nach Wahrheit anleiten. Das andauernde und prinzipiell nie vollendete Gespräch innerhalb der menschlichen Gemeinschaft muß diese Stelle einnehmen.
Moore (Analytische Philosophie) sieht das Problem der Ethik vor allem darin, dass wir nicht definieren können, was <Gut> ist. Werte entstehen also bloss durch Beeinflussung/Erziehung. Etwas als <gut> zu bezeichnen bedeute nicht mehr als: Ich tue das (oder sollte es tun ...), also tu es auch. (Stevenson). Kraft bezeichnet Werte als unpersönliche Form der Auszeichnung. etc.
Werte seien geeignete Objekte einer positiven Einstellung;Werte bringen dauerhafte Einstellungen, Aufforderungen, Präferenzen zum Ausdruck (Carnap); Werte sind Empfehlungen - die befolgt werden können, oder auch nicht. Werte sollen also Handlungsentscheidungen anleiten.
In der Gegenwart werden Werte zwar als wichtig betrachtet, aber nicht als Fakten die unabhängig von unserer Einflussnahme existieren (was der Realismus, ganz unrealistisch fordert). Werte entstehen auch dadurch, dass wir sie wahrnehmen und schätzen.
Für Kant war moralische Erziehung Disziplinierung (d.h. Bezähmung der tierischen Wildheit des Menschen), Kultivierung im Sinne der Bildung und Unterweisung, Zivilisierung als Einpassung in die Gesellschaft und Moralisierung. Durch die Moralisierung soll der Mensch «nicht bloß zu allerlei Zwecken geschickt sein, sondern auch die Gesinnung bekommen, daß er nur lauter gute Zwecke erwähle»
[Historisches Wörterbuch der Philosophie: Werterziehung S. 50230]
Moralische Erziehung ist dann weder – wie bei J. LOCKE – ein in früher Kindheit einsetzender stetiger Gewöhnungsprozeß, «Habits, woven into the very Principles of his Nature», noch vorzubereiten durch eine von der Gesellschaft abgeschirmte natürliche bzw. negative Erziehung wie bei J.-J. ROUSSEAU, noch – wie bei J. H. PESTALOZZI – ein durch die gelebte Ordnung der «Wohnstube» und des Dorfs [28] unterstütztes und von christlicher Liebe [29] und der Kraft Gottes [30] geleitetes Streben nach einem über Natur und Gesellschaft hinausgehenden Zustand der Sittlichkeit. [do]
Ziel der Erziehung in dieser Situation müsse es sein, wie A. TOFFLER dies exemplarisch für die 1970er Jahre eingefordert hat, «to increase the individual's 'cope-ability – the speed and economy with which he can adapt to continual change» [8]. Der Weg zu diesem Ziel ist das, was «values education» heißt, «broadly defined as the systematic effort to help students identify and develop their personal values ... to provide opportunities for students to choose between competing values and live with the consequences of their choice.
Unter Fichte begründen Werte eine Pflicht um der Pflicht Willen. #
Interessanterweise übernimmt gerade Frankreich, Erfeind Deutschlands, für einige Zeit (Ende 19. / Beginn 20. JH) dessen Pflichtethik für die Schulausbildung. Emil Durkheim (1858-1917) war da offenbar bereits vergessen gegangen:Es gibt keine menschliche Natur und keine allgemeine menschliche Vernunft und mithin auch keine «éducation morale pour l'homme en général, mais pour les hommes de notre temps et de notre pays» [57]. Erziehung ist die essentielle Voraussetzung für die Reproduktion der Gesellschaft, Erziehung muß darum diese kollektive Seite unseres Geistes betonen, das System der gemeinsamen Ideen, Gefühle und Praktiken, die uns als soziale Wesen definieren [58]. Allerdings heißt dies für Durkheim nicht – trotz der von ihm immer wieder betonten Bedeutung der nationalen Identität –, daß das Individuum völlig im Kollektiv aufzugehen hätte. Die Disziplin, welche moderne demokratische Gesellschaften ihren Bürgern abnötigen, erfordert Individualismus und offene Diskussion. Die aus der Disziplin resultierende Fähigkeit zur Selbstkontrolle und Selbstbeherrschung soll darum auch zum Widerstand befähigen und dem Individuum helfen, das Joch traditioneller Normen abzuschütteln [59]. Autonomie schließlich, der dritte zentrale Aspekt der modernen Moral, verlangt mehr, als überkommene Normen zu respektieren und der Gruppe verpflichtet zu sein. [Historisches Wörterbuch der Philosophie, S. 50239]
Ethische Gesellschaften (1894 Österreich, 1896 Zürich) sollten helfen, Werte zu fördern. F. ADLER begründet 1876 die Society for Ethical Culture, die sich, aus Sorge um Einheit und Erhalt des demokratischen Staatswesens, für einen konfessionslosen, aber «weder religionslosen noch religionsfeindlichen» Moralunterricht plädiert.
Ethische Kultur – so auch der Titel der von der D.G.E.K. herausgegebenen Zeitschrift – soll mithelfen bei der Überwindung des egoistischen und «materialistischen Zugs» der Zeit und der «geistigen Zerrissenheit» Deutschlands, dem «mangelnden Idealismus» und dem «Versinken in Klasseninteressen, worin Konservative und Liberale miteinander wetteifern», entgegenzuwirken. [HWPh, S. 50242]
Groß ist die Wirkung des 1896 in Zürich gegründeten internationalen Ethischen Bundes, eines Zusammenschlusses der ethischen Gesellschaften aus den USA und Europa. Unter G. SPILLER als Generalsekretär organisiert der Ethische Bund 1908 in London den ersten internationalen Kongreß für Moralpädagogik, dem 1912 ein zweiter größerer in Den Haag folgt. Es zeichnen sich insbesondere zwei Lager ab: Das eine, vor allem in Frankreich und teilweise auch in Deutschland angesiedelte Lager vertrete die Notwendigkeit direkter moralischer Unterweisung und lege «special stress upon the didactic power of the school», das zweite dagegen betone «the educative power of the varied activities of the school-community», jenen Gesichtspunkt also, der seinen «most persuasive advocate» in J. Dewey gefunden habe «and perhaps its most elaborate realisation in the University School, Chicago»
Dieser Unterschied muss etwas weiter gefasst werden. Es geht ja nicht nur darum, dass und ob in Schulen etwas erzählt, aber was ganz anderes gelebt wird, sondern dass dies in der Gesellschaft geschieht, in jeder Gesellschaft, dass aber kein Ethikkonzept, kein Wertekonzept, keine Moral irgend eine Chance hat auch nur im geringsten glaubwürdig zu sein, wenn sie sich auf rein verbalen Aeusserungen und Drohungen beschränkt. Was nicht gelebt wird, was nicht gelebt werden kann, ist eh zum Untergang verdammt.
Interessant hier auch der Zwiespalt, der die USA schon immer prägte. In Chicago kam nicht nur Dewey auf mit seinem pragmatischen moralischen Modell, sondern auch Jane Adams, die Begründerin der wissensbasierten Sozialarbeit; aber auch die Chicago Boys, die den Neoliberalismus begründeten.
In einem ersten Ansatz nannte man die Wertelehre Anstandslehre, Bürgerkunde. Sie war Folge der (in Europa) seit 1808 und 1849 angestrebten Trennung von Kirche und Staat und sollte, an Stelle religiöser Werte, die allgemein als wahr akzeptierten und unbezweifelbaren «Lehren der Humanität, allgemeiner Menschenliebe und Brüderlichkeit» unterrichten. Die USA tut sich bis 1962, dem Zeitpunkt eines abschließenden Richterspruchs des Supreme Court in bezug auf die Abgrenzung von Staat und Kirche, schwer, die Trennung zwischen einer säkularen moralischen Erziehung und der traditionellen christlichen Erziehung vorzunehmen.
In Deutschland wurde bereits damals eher Gesinnungsunterricht betrieben, in dem ganz klare Haltungen verpflichtend vermittelt werden sollten. W. FRICKE, der als Ersatz für den aus der Volksschule zu entfernenden Religionsunterricht für einen «obligatorischen Sittenunterricht» respektive eine «Sittenlehre für konfessionslose Schulen» plädiert, in der dem Schüler «mit deutlichen und bestimmten Worten» gesagt werden solle, «was gut und böse, erstrebenswert und verabscheuungswürdig sei». [HWPh, S. 50247]
Es ging um Moralunterricht, der nun genau das zu leisten hat, «was der Religionsunterricht von einst leistete, ... nicht einzig nur die Wegeleitung zur Seligkeit, sondern auch die Orientierung im Diesseits und vor allem das Wichtigste: die Anleitung zur sittlichen Lebensführung». Die Funktion der «Orientierung im Diesseits» übernimmt jetzt die Vermittlung eines einheitlichen wissenschaftlichen Weltbildes stehen, den Heranwachsenden Gelegenheit zu geben, sich über ihre eigenen Werte klar zu werden. [HWPh: Historisches Wörterbuch der Philosophie, S. 50256]
Ein (noch) deutsche(re)s Spezifikum ist der zu all diesen ethischreformerischen Bemühungen parallel laufende Versuch, dem Aufruf Kaiser Wilhelms II. auf der Dezemberkonferenz von 1890 zur Betonung des Vaterländischen im Unterricht durch Einführung einer «ethisch-staatsbürgerlichen Erziehung» nachzukommen. [HWP, S. 50250]
Das folgende "1000-jährige Reich" darf man getrost vergessen, was "Werte" betrifft. Ein liberaleres Konzept entstand dann aus den Forschungsergebnissen von Piagets zur kognitiven Entwicklung. Kohlbergs «Moral Development Approach» . Seine Grundidee: Das moralische Urteil entwickelt sich, analog zum kognitiven Urteil, über eine Sequenz verschiedener, hierarchisch geordneter Stufen hinweg bis hin zu jener Urteilsstufe, die dem Standpunkt der Kantischen Moralphilosophie entspricht. Ob die höheren Urteilsstufen erreicht werden können, hängt nicht von einem Reifeprozeß allein, sondern von entsprechender Stimulation in Form der Auseinandersetzung mit moralischen Dilemmata und der Konfrontation mit Argumenten der jeweils höheren Stufe ab. Die dieser Theorie folgende Praxis der Unterrichtsgestaltung hält spätestens in den 1960er Jahren in Teacher Training Colleges und in amerikanischen Schulen Einzug, begleitet von einer intensiven Wirksamkeitsforschung und einer kritischen Überprüfung der Grundannahmen.
Erste Konkurrenz erwächst dem Kohlberg-Modell in den 1970er Jahren durch den auf C. R. ROGERS zurückgehenden «Wertklärungsansatz» («Values Clarification»), der vor allem von S. B. SIMON, L. E. RATHS und anderen propagiert wird. Seine Grundprämisse lautet: Unklare Wertvorstellungen sind die Ursache von vielen Verhaltensproblemen, das Ziel moralischer Erziehung muß darum darin bestehen, den Heranwachsenden Gelegenheit zu geben, sich über ihre eigenen Werte klar zu werden.
Ebenfalls in den 1970er Jahren wird in England, als Reaktion auf die in Erhebungen festgestellten mangelnden sozialen Fähigkeiten junger Menschen, ein Moralerziehungsprogramm im engeren Sinn, eine «Morality of Communication» ins Leben gerufen, das Rücksichtnahme («consideration») auf seine Fahne geschrieben hat und vor allem auf die Schulung von drei Fähigkeiten abzielt:
Value Analysis und Critical Thinking werden entwickelt - und geschult mit dem Ziel, logisches Denken und wissenschaftliche Analyse der Faktenlage zur Lösung von Wertproblemen nutzbar zu machen. Die kritische Haltung soll auf umfassende Weise gefördert und in alle Unterrichtsfächer eingebracht werden. Schülerinnen und Schülern soll durch Schaffung von dialogischen Situationen die Möglichkeit gegeben werden, sich ihrer Überzeugungen bewußt zu werden, Fragen zu stellen, ihre Prinzipien zu formulieren und Gründe gegeneinander abwägen zu können.
In den USA passiert allerdings zum Teil ähnliches wie in Deutschland. Konservative Kreise wollen mit einem Rückgriff auf die sogenannte «great tradition» in der amerikanischen Erziehung die klassische «Character Education» als Anleitung zu einem glücklichen und erfüllten Leben auf der Grundlage fester Tugend- und Charaktereigenschaften und als Gegenmittel zu dem diagnostizierten erzieherischen Vakuum der amerikanischen Gesellschaft wieder einführen. Das zu diesem Zweck ins Leben gerufene Institute for Character Education (AICE) hat dieses Programm in gut aufgearbeitete Unterrichtspakete umgesetzt und weitflächig vertrieben. Diese – in den USA offensichtlich erfolgreiche – Betonung der inhaltlichen Seite der Moralerziehung könnte durchaus ein Korrektiv für die auch von liberalen Kritikern des Kohlbergschen Ansatzes hervorgehobenen Schwächen in bezug auf die Frage der Einübung von Haltungen abgeben.
Im deutschen Sprachraum jedoch scheint sich, wie L. MAUERMANN zu Recht konstatiert, «der liberale Kohlberg-Ansatz ... als stimulierender Ideenkomplex für Pädagogen, Psychologen, Philosophen und Theologen herauszukristallisieren» [HWPh: Historisches Wörterbuch der Philosophie, S. 50258]
Positiv gesehen daran muss auf jeden Fall der Versuch, das aristotelisch-hegelsche Motiv des Kollektivs wieder ins Spiel zu bringen. Dies geschieht vor allem durch die
Einführung sogenannter «Just Communities (s. Demokratische Erziehung», durch Schaffung einer gelebten partizipatorischen Demokratie.
Die in den letzten Jahren einsetzende Rückbesinnung auf die antike Tradition der Strebens- oder Willensethik wird aber auch in der Pädagogik zu einer Neuorientierung an einer integrativen Ethik führen müssen. [HWPh: Historisches Wörterbuch der Philosophie, S. 50260]
Ein weiterer Ansatz ist das Fach Lebenskunde, in dem willensethische Themen, sogenannte Lebensfragen behandelt werden. In den meisten Fällen tragen solch neu konzipierte Ersatzfächer, die längst Eingang in die Curriculae gefunden haben, den Namen Ethik oder Philosophie bzw. Praktische Philosophie, oder explizit auch «Lebensgestaltung – Ethik – Religion»; oder «Werte und Normen». Es geht dabei
«nicht in der bloßen Vermittlung von Wissen, sondern umfaßt auch die Unterstützung der Schülerinnen und Schüler bei dem Bestreben, die eigene Identität zu finden und dem Leben eine eigene Orientierung zu geben für das solidarische Zusammenleben in einer Gesellschaft, die vielfältige kulturelle Grundlagen in sich vereint».
[HWPh: Historisches Wörterbuch der Philosophie, S. 50261
Der beschleunigte gesellschaftliche Wandel in der zweiten Hälfte des 20. Jh., als dessen Folge die Werteforschung entstand, wird als Prozeß der Enttraditionalisierung, Entnormalisierung, Individualisierung, Pluralisierung von Lebensstilen oder als Entstrukturierung von Lebensverhältnissen bezeichnet, die Epoche als Postmoderne, Risiko-, Erlebnis- oder postindustrielle Gesellschaft.
Die Wertedefinition ist vor allem durch die Rezeption von T. PARSONS' strukturell-funktionaler Gesellschaftstheorie bestimmt. Allerdings geht es hier weniger um den Wert als um die Stabilität garantierende Funktion bestimmter als weitgehend wandlungsresistent geltender Grundwerte. Als Wert gilt dabei für Parsons «ein Element eines gemeinsamen Symbolsystems». Wir finden hier einen starken Trend zum Funktionalismus.
R. INGLEHART vertritt die empirisch gestützte These, daß sich in den entwickelten westlichen Gesellschaften eine Verschiebung von 'materialistischen zu 'postmaterialistischen Werten ausmachen läßt. Der älteren Generation, auf Grund ihrer Sozialisation in wirtschaftlich schwierigen Zeiten an 'materialistischen Werten (wie Leistung, Pflichterfüllung, Lebensstandard, Erfolg usw.) orientiert, steht eine jüngere gegenüber, die sich mit einer Wohlstandserfahrung konfrontiert sieht und sich an 'postmaterialistischen Werten (wie Selbsterfüllung, Autonomie, partizipativem Engagement usw.)
ährend «Pflicht- und Akzeptanzwerte» (wie Disziplin, Gehorsam, Treue, Unterordnung) rückläufig sind, gewinnen «Selbstentfaltungswerte» (wie Autonomie, Partizipation, Individualismus, Emanzipation) an Bedeutung. H. Klages identifiziert
vier Wert-Typen:
Was von Kant und seinen Anhängern als Unheil beklagt worden wäre, die heutige Werteflexibilität als grundsätzlich rational-reflexive Einstellung gegenüber Werten, schafft aber eben auch die notwendige Freiheit und Flexibilität, sich in einem äusserst komplexen und wandelbaren System immer wieder neu einbringen zu können. Sie erlaubt es dem Individuum, anders als die traditionalistische Haltung, vorgegebenen Werten gegenüber situativ oder lebensphasenspezifisch je unterschiedliche Werthaltungen einzunehmen. [HWPh: Historisches Wörterbuch der Philosophie, S. 50281]
Der Werturteilsstreit entzündet sich an M. WEBERS These der Wertfreiheit der Wissenschaften: «wir sind der Meinung, daß es niemals Aufgabe einer Erfahrungswissenschaft sein kann, bindende Normen und Ideale zu ermitteln, um daraus für die Praxis Rezepte ableiten zu können». Eine wissenschaftliche Behandlung der Werte ist nach Weber durchaus möglich, aber nur in einem deskriptiven Sinn, denn «eine empirische Wissenschaft vermag niemanden zu lehren, was er soll, sondern nur, was er kann und – unter Umständen – was er will. [HWPh: Historisches Wörterbuch der Philosophie, S. 50294]
Für Weber ist die Beurteilung der Soll-Geltung von Werten Sache des Glaubens, der dem Leben einen Sinn geben möchte. Unter Wert versteht Weber «das und nur das, was fähig ist, Inhalt einer Stellungnahme: eines artikuliert-bewußten positiven und negativen 'Urteils zu werden, etwas, was 'Geltung heischend an uns herantritt, und dessen 'Geltung als 'Wert 'für uns demgemäß nun 'von uns anerkannt, abgelehnt oder in den mannigfachsten Verschlingungen 'wertend beurteilt wird». Die Wissenschaft nimmt nicht ihrerseits Stellung zur normativen Dignität von Werten, sondern transformiert «normativ gültige Wahrheiten in konventionell geltende Meinungen», d.h. sie behandelt Werte «als 'seiend, nicht als 'gültig».
[ HWPh: S. 50295]
H. Albert vertritt die These, daß sich Webers Prinzip der Wertfreiheit ohne weiteres aufrechterhalten lasse, insofern «eine kognitiv-informative Zielsetzung Werte innerhalb sozialwissenschaftlicher Aussagenzusammenhänge entbehrlich macht» bzw. vorhandene Werte «ohne Verlust von Informationsgehalt neutralisiert werden» könnten.
[HWPh: S. 50298]
Der Werturteilsstreit wird als Positivismusstreit in den 1960er Jahre weitergeführt zwischen Popper und Adorno/Habermas: Der objektive und der wertfreie Wissenschaftler ist nicht der ideale Wissenschaftler. ... Objektivität und Wertfreiheit sind ja selbst Werte. [HWPh: S. 50299)]. Während dem Karl Popper eine neopositivistische Ansicht (Wiener Kreis, logischer Empirismus) vertrat, mit der Idee, Wissen sei eh nicht verifizierbar, sondern allenfalls durch Falsifikation zu widerlegen, sind die Sozialwissenschaften auf ein aktives Eingehen auf Werte angewiesen:
Aufgabe einer normativ orientierten Sozialwissenschaft sei es, die Vermittlungszusammenhänge aufzuzeigen zwischen Handlungssituationen und den Interessen und Bedürfnissen der von diesen Situationen betroffenen Personen oder Gruppen. In Abhängigkeit von den verfolgten Interessen könne nun für oder gegen vorgeschlagene oder unternommene Handlungen argumentiert werden. Im Falle einer Interessenkollision – wenn keine Handlungsweisen zur Verfügung stehen, die es gestatten, alle Interessen der Beteiligten oder Betroffenen zu realisieren – könne das von der Erlanger Schule vorgeschlagene interessenkritische Verfahren zur Anwendung kommen, das darin besteht, «kollidierende Interessen zunächst als abgeleitete Interessen zu begreifen und dann durch äquivalente Interessen zu ersetzen, für die keine Kollision mehr besteht». [HWPh: Historisches Wörterbuch der Philosophie, S. 50303]
Werte als Orientierungspräferenzen
Da der Begriff Werte erst vor gut 100 Jahren aufkam, fragt es sich natürlich, ob's denn das vorher nicht gab, oder unter welchem Begriff das lief. Und natürlich gab es Werte, an denen man sich orientierte. Man nannte das <Das Gute>. Interessant daran ist heute auch, dass genau diejenigen, die am lautesten nach "Werten" schreien, UNSEREN ALTEN WERTEN, gleichzeitig diejenigen, die sich an Werten orientieren wollen die über Preise hinaus gehen, als <Gutmenschen> veräppeln.
Nichtsdestoweniger war auch <Das Gute> nicht über jeden Verdacht erhaben, denn es bezeichnete in erster Linie etwas, das der Bewunderung wert war, etwas, das " hervorragend tauglich zu etwas" war. Und dies auf ganz banale Art, so wie der Fruchtbaum zum Tragen von Früchten, das Pferd zum schnellen Transport von Menschen, der Acker zur Erzeugung von Nahrung etc. Auch hier war also von Anfang an ein Element der Funktionalität drin. Gut sein heisst brauchbar sein.
Die Bedeutung die uns lieber ist, die des Erstrebenswerten, des Bewunderungswürdigen, ist ebenfalls janusköpfig, denn meist wird ja das bewundert, was einem fehlt. Es gab aber auch das "gut sein für einen andern", das sich speziell durch Gerechtigkeit ausdrückt.
Die persönliche "Brauchbarkeit" bedingte außer bloßer Fähigkeit auch Willenseinsatz,Selbstbeherrschung, Ausdauer und Fleiß - und der gute Mensch verliess sich primär auf die Vernunft.
Für Platon war das Gute die Einheit von Ebenmass, Schönheit und Wahrheit.
Gut war natürlich auch immer das Göttliche und Heilige, dem Ehre gebührt. Das höchste Gut, das summum bonum, das war Gott.
Unter Cicero bedingte gut sein vor allem die Erfüllung der Pflicht, eine Haltung die also nicht erst von den Deutschen im 19. JH. gefördert (und ziemlich übertrieben) wurde. Der Massstab des guten Menschen ist das Gewissen, seine Triebkraft der Wille - sein einziges Ziel die Erfüllung der Pflicht.
In der Neuzeit wird diese Ansicht gekippt: Gut sind die Dinge, die erstrebt werden; gut ist also relativ auf den Erstrebenden - und das Streben gilt primär der Selbsterhaltung - womit gut (oder eben Werte) genau der Antrieb wären, der das Leben erhält und fördert.
Bei J. St. Mill wird das Gute zur Glückseligkeit (happyness), allerdings nicht der individuellen, sondern im Hinblick auf das allgemeine Wohl der Menschen in ihrem sozialen Zusammenleben.
Bei Spencer ist es grade noch das Erfreuende und bei Nietzsche «was das Gefühl der Macht, den Willen zur Macht, die Macht selbst im Menschen erhöht».
Mit Pflicht und Auftrag und Gehorsam wurde im letzten Jahrhundert so viel Unfug getrieben, dass heute damit kein Staat mehr zu machen ist. Die Priorität menschlicher Freiheit bedingt, dass Pflichten vom Einzelnen selbst erkannt und angenommen werden. Es ist also immer darauf zu achten, wer und warum Pflichten formuliert.
Als Fundament des Verpflichtungsverhältnisses entdeckt sich damit ein Herrschaftsverhältnis, die Herrschaft Gottes über den Menschen.
Dominante Pflichtfelder der letzten 2000 Jahre:
Unter 1 wie 2 fungieren könnten Werte/Gutes die auch aus rein psychologischen oder sozialpolitischen Gründen verständlich sind:
Traditionell, also unter dem Aspekt der herrschenden Wertordnung, wurden diese Gebote natürlich religiös unterlegt. Die Befolgung derselben war also nicht rein rational begründet, sondern eine Verpflichtungals Willenslenkung durch Nachteilsfurcht und Vorteilshoffnung. [HWPh: S. 25857]. Weitere solche christlichen Pflichten waren Menschlichkeit, Liebe, Frömmigkeit, Ehrfurcht, Dankbarkeit ...
Thomasius erkannte allerdings bereits im 17. JH, dass es zwei Arten von Pflichten gibt:
Die «obligatio interna» wurzelt in einem «consilium» der Vernunft, die dem Handelnden die naturgesetzlich eintretenden Folgen der beabsichtigten Handlungen vor Augen führt; die «obligatio externa» gründet dagegen in einem «Imperium», einem zwangsbewehrten Herrscherbefehl.
[HWPh: S. 25858, S. 411)].
Da wir in einer Demokratie wenig geneigt sind, Herrscherbefehle hinzunehmen, es sei denn, es seien unsere eigenen, als Souverän erlassenen Gesetze, war Kant schon ein bisschen hintendrein mit seinem kategorischen Imperativ. Bei KANT steht die Pflicht wie bei keinem anderen Philosophen im Mittelpunkt der moralphilosophischen Überlegungen. Er wurde dafür auch vielfach kritisiert:
SCHOPENHAUER bezeichnete es als «despotischen Imperativ» und «System des moralischen Fatalismus». Wie schon Schiller und der junge Hegel kritisiert Schopenhauer auch die Sympathie und Mitmenschlichkeit sittlich entwertende Forderung der reinen P.-Gesinnung;
Hobbes unterschied zwischen Pflichten gegenüber Gott - und "Pflichten" gegenüber Menschen, die sich eigentlich immer über Verträge (Gesellschaftsvertrag oder privater Vertrag) ordnen lassen:: Die Gehorsams-Pflicht wurzelt in der faktischen menschlichen Ohnmacht; hinter dem natürlichen Verpflichtungsverhältnis verbirgt sich die absolute Herrschaft Gottes. Die im zwischenmenschlichen Bereich geltenden Verbindlichkeiten sind allesamt das Produkt menschlicher Willenshandlungen, d.h. selbstgemacht: «all obligation derives from contract» . [HWPh: S. 25894]
> "Mitarbeiter" in einem Wirtschaftsbetrieb haben also keine Ver-Pflicht-ung, ihren Chef glücklich zu machen, indem sie für wenig Lohn oder überhaupt gratis arbeiten, indem sie die internationale Wettbewerbsfähigkeit fördern, die Flexibilität oder was auch immer ihnen zugemutet wird. Es geht um Verträge, Verträge darüber, wie man wieviel Geld verdient. That's it. Die moralische Verpflichtung der Angestellten auf eine höhere Marktvernunft ist ein Schwindel.
Die bedeutende Funktion der Pflicht innerhalb eines Gemeinwesens mach Hegel in seiner Rechtsphilosophie deutlich. Pflicht ist hier der Inbegriff aller institutionellen Verhaltensregulierungen eines Gemeinwesens. [HWPh: S. 25874]
Nietzsche war solch generellen Pflichten völlig abgeneigt, da sie die Wissenschaftlichkeitsmerkmale der Allgemeinheit und Notwendigkeit auch im Lebenspraktischen zur Geltung bringen möchte, aber «ein Volk geht zu Grunde, wenn es seine Pflicht mit dem Pflicht-Begriff überhaupt verwechselt. Nichts ruiniert tiefer, innerlicher als jede 'unpersönliche Pflicht, jede Opferung vor dem Moloch der Abstraktion». Kant ist für Nietzsche der «Fanatiker des Formalbegriffs 'du sollst»; die Lehre von der «Pflicht an sich» feiert die «machinale Existenzform als höchste, ehrwürdigste Existenzform, sich selbst anbetend» : Der der sittengesetzlichen Pflichten eignende «Charakter der Unpersönlichkeit und Allgemeingültigkeit» ist abzulehnen; die kantische Ethik mache aus dem Menschen einen «Automaten der 'Pflicht', fördert Heerdeninstinkt».
Es gilt darum, dem «Du sollst» ein «Ich will» mit dem «Geist des Löwen» entgegenzustellen, «Freiheit sich [zu] schaffen und ein heiliges Nein auch vor der Pflicht.» [HWPh: S. 25878]
Man mag Nietzsche als "asozial" kritisieren, aber gerade die Sozialphilosophie unterstützt seine Begründung: Ist die Pflicht in der faktischen Sozialnatur des Menschen verankert und durch das Gruppen- und Gesellschaftsinteresse inhaltlich bestimmt, dann ist – nach L. LÉVY-BRUHL – die Moralphilosophie als eigenständige normative Begründungswissenschaft obsolet geworden. [HWPh: S. 25882]«Les choses qu'il faut faire ou ne pas faire, nos rapports avec nos parents ..., nos devoirs et nos droits dans les questions de propriété ..., ne dépendent pas de la théorie morale à laquelle la réflexion peut nous conduire. Nos obligations sont déterminées à l'avance, et imposées à chacun par la pression sociale». [HWPh: S. 25883]
Die Kritik von Pflicht- und Arbeitsheroismus in der Ethik Kants, Kritik an Rigorismus, Formalismus, Unpersönlichkeit und Pflicht-Zwang, wird von M. SCHELER gebündelt und auf einen letzten Höhepunkt gebracht.
Die Pflicht ist einmal Nötigung und Zwang gegen die Neigung und den individuellen Willen; zum anderen gehört es «zum Wesen des Wollens aus Pflicht, daß es die auf Einsicht gerichtete sittliche Überlegung gleichsam abschneidet»; das Pflicht-Sollen «ist nicht auf klarem und evidentem Fühlen des Wertes des Wollens und Handelns gegründet, sondern seine 'Notwendigkeit ist das Erlebnis eines gleichsam blinden inneren Kommandos»; viertens schließlich besitzt die Pflicht «einen wesentlich negativen und einschränkenden Charakter» . Diese Merkmale verbieten, das Pflicht-Bewußtsein der sittlichen Einsicht gleichzustellen: «Einsichtsethik und Pflicht-Ethik ... widerstreiten sich»
Deontologie, Pflichtethik, Sollensethik, deontologische Ethik:
Den Begriff Deontology hat J. BENTHAM 1748-1838) in die moralphilosophische Terminologie eingeführt. Gegenstand der Deontologie ist für ihn ganz allgemein to deon, das, was erforderlich und schicklich, «fit, fitting, becoming, proper» ist.
Im Gegensatz zur teleologischen Ethik, die, endzustandsorientiert, die moralische Richtigkeit von Handlungen nach Maßgabe ihrer Zweckgerichtetheit bestimmt
und damit die Handlungsfolgenbetrachtung in den Mittelpunkt der moralischen Überlegungen rückt, macht die deontologische Ethik die moralische Qualität von Handlungen abhängig von ihrer Normgerechtheit und ihrem intuitiv erfaßbaren Gebotensein
[HWPh: S. 26005]
Th. Reid: «Regard to duty, to rectitude, to propriety of conduct ... is a moral obligation which obliges a man to do certain things because they are right, and not to do other things because they are wrong» Eine Handlung für moralisch richtig zu erkennen und trotzdem noch nach Ausführungsgründen Ausschau zu halten ist für einen Mann von Ehre undenkbar.
[Historisches Wörterbuch der Philosophie: Pflicht. HWPh: S. 25902]
Es ist präzise diese Art von Regeln und Normen, die eigentlich jeden denkenden Menschen (ausser Beamte, denen eben dies Pflicht ist) zur Rage bringen: Etwas tun müssen, einfach weil es es irgendwo so festgelegt wurde. Dem entsprechend hat sich die moderne Philosophie, speziell die analytische Philosophie, völlig vom Begriff Werte distanziert: Ethische Begriffe wie gut und Pflicht sind nichts anderes als «instruments used in the complicated interplay and readjustment of human interests» [Stevenson, in HWPh: S. 25914]
Trotz Wertezerfall und Postmoderne: Das Bewusstsein, dass sich Interessen, persönliche oder gruppenbezogene Ansprüche hinter Werten und Pflichten verbergen, dürfte befreiend sein.
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A Study on the Hierarchy of Values. Tong-Keun Min. Chung Nam
National University http://www.bu.edu/wcp/Papers/Valu/ValuMin.htm
Höhere Werte lassen sich in 5 Kategorien unterteilen:
(1) absolute Werte (Ideale) wie absolute Wahrheit, absolute Güte, absolute
Schönheit und absolute Heiligkeit
(2) Handlung, als Beitrag zur Entwicklung und zum Wohle der Menschheit
(3) Handlung als Leistung an Nation und Staat
(4) Leistungen für die regionale Gemeinschaft
(5) die Pflege des ich und das gute Management der Familie
Walter Goodnow Everett klassifizierte Werte in 8 Kategorien:
(1) Ökonomische Werte
(2) Körperwerte
(3) Erholungswerte
(4) Vergemeinschaftungswerte
(5) Charakterwerte
(6) Aesthetische Werte
(7) Intellektuelle Werte
(8) Religiöse Werte
Diese Klassifikation deckt nicht alle Werte in unserem Leben ab. Sie muss um politische, soziale, rechtliche, kulturelle, moralische, erzieherische, wissenschaftliche, industrielle, athletische, lebens-, medizinische, sprachliche, technische und emotionelle Werte ergänzt werden. Zudem hat die Natur Werte, die nicht direkt an menschliche Werte gebunden sein müssen, aber als Grundlage menschlicher Existenz unverzichtbar sind.
Ein qualitatives Wertesystem könnte aus folgenden Spannungsfeldern aufgebaut werden:
(1) individuelle und soziale Werte
(2) natürliche Werte und künstliche (kulturelle) Werte
(3) physische Werte und mentale Werte
(4) instrumentelle Werte und innere Werte
(5) temporäre Werte und permanente Werte
(6) exklusive Werte und universale Werte
(7) tiefere und höhere Werte
(8) unproduktive und produktive Werte
(9) aktive Werte und inaktive Werte
(10) persönliche Werte und unpersönliche Werte
(11) theoretische Werte und praktische Werte
(12) relative Werte und absolute Werte
Scheler klassifizierte die Werte nach folgenden 4 Kategorien:
(1) die emotionalen Werte des Vergnügens
(2) die Werte des Sinns des Lebens (verbunden mit sozialer Sicherheit
(3) mentale Werte (Wahrnehmung, Schönheit,
Gerechtigkeit)
(4) der Wert der Heiligkeit
Nicolai Hartmann schlug als die vier fundamentalen ethischen Werte vor:
Diese mögen einem heutigen Betrachter reichlich abgehoben erscheinen, liessen sich aber leicht mit neuen Inhalten füllen, wenn wir Fülle z.B. als Oberbegriff der Diversität nehmen, die auch kulturelle Diversität behinhaltet und der selbst Oberbegriff der Biodiversität ist. Reinheit als platonisches Ideal, als Oberbegriff von Wahrheit, Logik, Weisheit. Es liesse sich also auch heute noch was draus machen, allerdings mit beträchtlichem Aufwand.
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Die gesamte Wirtschaft und die Hälfte unseres Lebens dreht sich um diese materiellen Werte - obwohl wir das, was wir damit eigentlich erreichen wollen, nämlich Glück, nicht erreichen, obwohl wir das, was uns am wichtigsten ist, nämlich Gesundheit, nicht kaufen können. Zudem hat gerade die Spekulationsblase des Jahrtausendwechsels gezeigt, dass die materiellen Werte auch nicht so hart und real sind, sondern genau so luftig sein können, wie ideelle Werte.
Ein praktischer, und so weit recht erfolgreicher Versuch, Preise durch Werte zu ergänzen, sind soziale und Umweltlabels:
Umwelt- und Social-Labels: Tools for Ethical Trade. Final report prepared
by Simon Zadek, Sanjiv Lingayah, and Maya Forstater of the New Economics Foundation
for the European Commission Industrial relations and industrial change European
Commission Directorate-General for Employment, Industrial Relations and Social
Affairs
Directorate V/D.1 Manuscript completed in 1998. 125 S, 1/2 MB http://europa.eu.int/comm/employment_social/soc-dial/sociallabels/finreport_en.pdf
Es gibt etwa 5 Kategorien sozialer Labels:
Naturwerte sind Angelegenheit der ökologischen Neuen Ethik: Die Vertreter der Neuen Ethik kritisieren das neuzeitliche Naturbeherrschungskonzept und weisen darauf hin, daß das Regenerationsvermögen der Natur und ihr unbegrenztes Vorhandensein an Grenzen gestoßen sind. Naturalistisch ist die Neue Ethik, weil ihre Vertreter nicht einsehen können, daß die Natur, für die sie sich so engagiert einsetzen, im Grunde nur eine Chiffre für eine geänderten kulturell- gesellschaftlichen Umgang mit der Natur ist, dem sie zur Geltung verhelfen möchten.
[http://www.capurro.de/ethikskript/kap2.htm ]
Werte sind subjektiv und wandelbar:
- Natürlichkeit <> Kultiviertheit / Sein <> Schein / Sandale <> Anzug und Krawatte - ein seit Diogenes immer wiederkehrendes Problem.
- männliche <> weibliche: Härte, Einsamkeit, Herrschaft <> Zartheit, Gesellschaft, Konsens (in der Postmoderne zeigt sich eine Umkehrung dieser Ordnung, in der die Männer zu Softies und die Frauen zu knallharten Unternehmerinnen und Politikerinnen werden - was allerdings auch nicht die Lösung des Problems sein dürfte.)
- Sicherheit <> Risiko und Chance
- Alter <> Jugend: Seriosität <> Coolness. Auch dies kann sich in der Midlifekrisis, bei Männern wie Frauen, umkehren, was allerdings eher peinlich ist.
- Macht & Grösse <> Freiheit, Gleichheit & Brüderlichkeit / Schwesterlichkeit: Ungelöstes Problem zwischen Links und Rechts
Das Beispiel Gesundheit und Hiob wirft doch die Frage auf, ist die medizinische Wissenschaft wertfrei? Hiob litt, weil er sein Leiden als Prüfung oder sogar als Geschenk Gottes ansah, dass ihn zu einer Erkenntnis verhelfen sollte, die er nicht vorhersehen konnte. Medizinische Wissenschaften setzen aber den Wert Gesundheit und Leben über alles und verursachen oft durch unnötige Eingriffe oder unerwünschte Lebenserhaltungsmassnahmen mehr Leid.
Das Beispiel Wirtschaft zeigt ebenfalls, dass hier der Wert der Befolgung wirtschaftlicher Gesetze, vor allem der menschliche Drang nach materiellen Gütern, nach immer mehr, nach Beherrschung Anderer, nach Wettbewerb, über andern Werten wie Bescheidenheit, Freiheit (der Angestellte hat sämtliche persönlichen Interessen, inklusive Familie, Gemeindearbeit und Engagement für den Staat den betrieblichen Interessen hintan zu stellen. Die Wissenschaftler der Wirtschaft, die Ökonomen, denken nicht im Traume daran, sich an die Wertungsfreiheit zu halten.
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"Die Wissenschaft hat nicht nur die Aufgabe, die Ideale der Gerechtigkeit zu formulieren, sie muss auch die Wege und Mittel zu ihrer Realisierung beschreiben." Leon Walras, Markttheoretiker, quantitativer Oekonom (1834-1910) |
Jeder, ob links oder rechts, macht Propaganda für sein System, macht Handlungsempfehlungen, verhält sich also als Prophet, ohne die Verantwortung für die Resultate übernehmen zu müssen. Die selben Ökonomen beklagen jegliche Begrenzung der Wirtschaftsfreiheit als schädlich, obwohl sich das enorme Schadenspotential einer ungehemmten Wirtschaftsentwicklung bereits überall zeigt: CO2, globale Erwärmung, Erschöpfung der Fischbestände, Verschmutzung der Meere, des Bodens, der Luft; Zerstörung der kulturellen Vielfalt, Begünstigung von Machtballung und damit Behinderung von Kleinbetrieben und individueller Existenzgründung - und zwar in nicht geringerem Masse als Staaten dies zu tun pflegten.
Die Wirtschaft ist nach wie vor ein wildes Tier, das sich nach den Gesetzen der Wildniss verhält: Der Grosse frisst den Kleinen. Die Wirtschaft ist noch bei weitem keine Kultur, die den Anforderungen der Nachhaltigkeit oder einer auch nur halbwegs humanistischen Einstellung gerecht würde. Für die Zähmung und Kultivierung dieses Tiers, braucht es ganz offensichtlich eine Wissenschaft im Sinne der Poietik, die sich, im Gegensatz zur aktiv gestaltenden Ökonomik, jedoch eher an Werten als an Preisen orientiert. Die Lösung alleine durch Umweltbildung erzielen zu wollen, wie das der wwf anstrebt, reizt zwar, aber vor allem zu einem zynischen Lachen ... Die Forschungsarbeiten Rainer Brämers lassen vermuten, dass die Erziehungsbemühungen der letzten Jahre in die falsche Richtung gegangen sind. Interesse an und Wissen über die Natur schwindet bei der Jugend. Natur wird als langweilig empfunden - aber zugleich idealisiert: Natur darf nicht gestört werden (Keine Nutzung, keine Holzerei, keine Jagd!). Die fundamentalistische Polemik nutzen oder schützen verstärkt sich, was nicht das geringste zur Erhaltung der Natur beiträgt, eher im Gegenteil.
Zwischen Individuum und Gesellschaft:
Persönliche Werte bestimmen die Werte der Gesellschaft
Wirtschaftliche Werte bestimmen über persönliche Werte
Aus diesem Grund ist hier, zwischen Individuum und Gesellschaft, eine kurze Betrachtung angebracht zu den Faktoren, die Charakter, die persönliche Werthaltung, und damit auch die Grundlage der gesellschaftlichen Werte bestimmen. Waren dies früher die Autoritäten in Kirche, Politik, Schule und Heim, so ist es heute in erster Linie die Wirtschaft. Deren nicht gerade kulturbildenden Beitrag haben Veblen und Sombart analysiert.
Thorstein Veblen's (1857-1929) Werk zeigt den Kampf zwischen Barbarei und den Interessen der Allgemeinheit. Sein Theorem sagt, dass reiche Leute teure Güter nicht wegen ihres Gebrauchswertes schätzen, sondern vor allem deswegen, weil Ärmere sie nicht bezahlen können. Entgegen der Lehrbuchweisheit steigt also die Nachfrage nach solchen Gütern mit dem Preis. Veblens "feine Leute" kennen keine echten Bedürfnisse mehr. ... Nichts erfreut sie mehr als der Neid der anderen. (Und so sehr sie gegegen staatliche Lenkung sind, genau so gerne beanspruchen sie den Staat zum Schutz ihres Eigentums und ihrer eigenen Vorteile (Bankgeheimnis z.B.).
Menschen sind in seinen Augen absolut unfähig, rational zu handeln. Instinkte und Institutionen steuern das menschliche Handeln, führen zu ständigen Konflikten, die natürlich der Starke für sich entscheidet.
| Thorstein Veblen: Theorie der feinen Leute. Fischer, Frankfurt a.M. 1992 |
Werner Sombart (1863-1941) gehörte mit Schopenhauer, Burckhardt, Nietzsche und Dilthey zur heute geächteten historischen (nicht historizistischen!) Schule. Sie erachteten die Wechselwirkungen zwischen Ökonomie und den Kulturwissenschaften als bedeutend. Sie kritisieren die Ökonomen dafür, dass sie nicht Gegenwart und Vergangenheit interpretieren, sondern sich berufen fühlen, Gegenwart und Zukunft zu gestalten.
Sombart beschreibt die Entwicklung von vorräuberischen Wilden, die er charakterisiert als: schwache Taugenichtse mit ungenügender Leistungsfähigkeit, Mangel an Initiative und Erfindungsgeist - aber übermässiger Nachgiebigkeit und träger Liebenswürdigkeit. - Allerdings, diese wiesen in hohem Masse für das kollektive Leben förderliche Eigenschaften auf wie: Wahrheitsliebe, Friedfertigkeit, guter Wille, Interesse an Menschen und Dingen, das weder vom Wettbewerb noch von Neid gefärbt war.
Mit dem Wettbewerb beginnt die räuberische Phase der heutigen Marktwirtschaft, die sich auszeichnet durch: Gewalttätigkeit, Selbstsucht, Cliquengeist und Unaufrichtigkeit - die List und Betrug Tür und Tor öffnen.
Der Schwerpunkt der kollektiven Interessen jeder modernen Gesellschaft liegt in der industriellen Leistungsfähigkeit. Der einzelne dient den Zielen der Gesellschaft um so besser, je höher seine - um einen vulgären Ausdruck zu gebrauchen - produktive Leistung ist. Was dem kollektiven Interesse am besten dient, sind Ehrlichkeit, Fleiss, Friedfertigkeit, guter Wille, Altruismus, die Fähigkeit, Kausalzusammenhänge zu erkennen und sich ein Denken anzueignen, das frei ist von animistischen Überzeugungen oder vom Gefühl der Abhängigkeit von übernatürlichen Mächten, die in den Verlauf der Ereignisse eingreifen. [S. 219-20]
Andererseits ist dem unmittelbaren individuellen Interesse unter der Herrschaft des Wettbewerbs am besten durch schlaues und skrupelloses Verhalten gedient. Die obgenannten der Gesellschaft förderlichen Merkmale taugen nicht für das Individuum, weil sie seine Energien einerseits anderen als den Zielen des finanziellen Gewinns zuleiten, und weil sie es andererseits dazu verführen, seinen Gewinn auf dem indirekten und mühseligen Weg der Arbeit anstatt mit Hilfe von rücksichtslosen Schlichen auf dem Weg einer freien Karriere zu suchen.
Sombart betont, ähnlich wie Veblen, die herausragende Bedeutung der Motive Ehrgeiz, Prunksucht, Protzerei und Machttrieb für die moderne Wirtschaftsform, sowie deren neue Zeremonialität, die sich als gute Sitte tarnt oder gar sakramentalen Charakter erwirbt: "... Manieren, gute Erziehung, Höflichkeit, Anstand, kurz, das gesamte formelle oder zeremonielle Verhalten, das der Beobachtung in hohem Masse unterliegt und auf das man deshalb als Beweis von Musse und Ansehen um so grösseres Gewicht legt. Es loht sich zu bemerken, dass all das förmliche Gebaren, das man als Manieren bezeichnet, auf jener Kulturstufe, auf der der demonstrative Müssiggang das beliebteste Merkmal des Prestiges darstellt, einen bedeutsameren Platz in der Meinung der Leute einnimmt als auf späteren kulturellen Stufen.. [S. 60: ] Verstösse rufen Widerwillen hervor. Äusserlichkeit wird zum "inneren Wert".
Die müssige Klasse, Jagd und Sport
Sombart betont die wichtige Bedeutung, von Jagd und Sport für die müssige Klasse, die sich jedoch als Hochleistungsathleten sieht. Für ihn erfolgt der Eintritt in die müssige Klasse über die Finanzberufe. Da bei den pekuniäre Tätigkeiten gewisse räuberische Fähigkeiten und ein gewisse räuberische Geisteshaltung bewahrt und gepflegt werden, gleicht der Finanzmann dem Kriminellen, beide haben verwandte Temperamente: Vorliebe für Sport und Glücksspiel, Freude am Wettbewerb um seiner selbst willen, Abergläubisches Vertrauen auf Glück und Schicksal (servile Frömmigkeit). [S. 229]
Die Art und Weise, wie sich der Hang zum Sport im modernen Leben äussert, scheint keine schwerwiegenden wirtschaftlichen Folgen zu haben. Für sich allein betrachtet, übt er auch tatsächlich keine irgendwie beachtliche direkte Wirkung aus auf die industrielle Leistungsfähigkeit oder den Konsum eines gegebenen Individuums aus; die dominierende Stellung und Zunahme jenes Menschentyps, der von der Vorliebe für den Sport gekennzeichnet ist, besitzen hingegen gewisse Folgen. Dieser Typus beeinflusst das Wirtschaftsleben der Gesellschaft in doppelter Hinsicht, einmal was das Tempo der ökonomischen Entwicklung betrifft (... und dann ... den Einfluss auf die Umwelt).
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Die beiden barbarischen Eigenschaften, nämlich Grausamkeit und Verschlagenheit, bestimmen zusammen die späträuberische Gesinnung oder geistige Haltung; sie sind Ausdrucksformen einer eng begrenzten selbstsüchtigen Denkgewohnheit. Beide sind von hohem Wert für ein Leben, das ausschliesslich nach vom Neid gezeichneten Erfolg trachtet; beide weisen auch eine hohen ästhetischen Wert auf und beide werden von der auf Geldbesitze beruhenden Kultur gefördert. Und beide besitzen nicht den geringsten Nutzen für die Zwecke des kollektiven Leben. Die müssige Klasse hemmt also die kulturelle Entwicklung I. unmittelbar durch die ihre eigene Unbeweglichkeit, 2. durch ihr verbindliches und allgemein gültiges Beispiel der demonstrativen Verschwendung und einer konservativen Haltung, und 3. mittelbar durch jenes System der ungleichen Verteilung von Reichtum und Besitz, das recht eigentlich ihre Existenzgrundlage bildet. [S. 200:] " |
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Werner Sombart: Liebe, Luxus und Kapitalismus. Über die Entstehung der modernen Welt aus dem Geist der Verschwendung. Wagebach Berlin 1992. |
Sombarts (wie Veblens) Buch ist äusserst lehrreich, äusserst aktuell und äusserst lesenswert, da leicht verständlich, spannend geschrieben und dennoch reich an Inhalt. Bemerkenswert auch, dass Sombart das Problem der Gefährdung der Umwelt durch die Technik bereits vor über 50 Jahren klar erkannte und so etwas wie Technikfolgenabschätzung vorschlug.
Der Ansatz von Sombart und Weblen zeigt auch, dass die Schuld für die Fehlentwicklung nicht alleine karriere(undsonstsowieso)geilen Männern in die Schuhe geschoben werden kann, auch wenn Frauen eine ausgeprägtere Tendenz zur Subsistenzwirtschaft haben. Warum denn plustern Pfauen ihre Federn, schleppen Hirsche ihr Geweih, enttarnen sich männliche Fische, Schmetterlinge und Vögel durch ihr buntes Gewand? Oder wie Schopenhauer es per Zitat von Huarte ausdrückte:
... sondern die Weiber sind und bleiben, im Ganzen genommen, die gründlichsten und unheilbarsten Philister: deshalb sind sie, bei der höchst absurden Einrichtung, dass sie Stand und Titel des Mannes teilen, die beständigen Ansporner seines unedlen Ehrgeizes; und ferner ist, wegen derselben Eigenschaft, ihr Vorherrschen und Tonangeben der Verderb der modernen Gesellschaft.
Frauenfeindlich? Na ja, mit Huarte spricht halt quasi noch das Mittelalter, aber sehen Sie erst mal, was der Kerle über Männer mit Bärten gesagt hat! Wichtiger aber als beleidigt zu sein, ist es, zu erkennen, dass Ehrgeiz, das Streben nach Rang und Geld nicht immer und nicht von allen als edler Trieb, als Auszeichnung der Elite, betrachtet wurde und wird. Und was sagt der Spruch aus: Hinter jedem starken Mann steht eine starke Frau! Nicht eben dies?
Das Beispiel Politik zeigt, dass Heimat und Nation zwar Werte sind, sein können, aber kaum glaubhafte Leitwerte darstellen, die sich über alle andern stellen, denn den Staat gibt es ohne ethisch handelnde Individuen und ohne funktionierende Gesellschaft und Kultur nicht. Er ist ein Kunstprodukt, gehört also zur Kultur.
Das Beispiel Sozialwissenschaften zeigt, dass Wissenschaften sich eigentlich kaum an ihre eigenen Regeln halten, von denen die wichtigste die Distanzierung von - nicht wissenschaftlich fundierbaren - Werturteilen wäre. Für die Ökonomie in ihrer verbreitetsten Variante, dem Neoliberalismus, gibt es z.B. keine Gesellschaft, nur Individuen, die rational und eigennützig entscheiden. Für die Sozialwissenschaften ist das Individuum nur das aufbauende Element der Gesellschaft, mit einem Drang zur Sozialisierung.
Soziologie erforscht u.a. die Moral spezifischer Gruppen sowie Herkunft und Wandel von Werten. Lebensweltliche Veränderungen haben Auswirkungen auf die Werthaltungen und Leitbilder der gesellschaftlichen Gruppen.
Die Psychologie erforscht u.a. die Motive moralischen Verhaltens. Zum Verständnis der Beweggründe müssen biologische Aspekte einer Person, ihre Persönlichkeit, ihr soziales Umfeld sowie ihr Denken und Wissen einbezogen werden.
Die Soziobiologie untersucht die biologische Verankerung moralischen Agierens und inwieweit dem Menschen bei seiner Suche nach Normierungen seines Verhaltens und der Organisation seines Gemeinwesens biologische Grenzen gesetzt sind. Sie hat herausgefunden, dass Organismen sich nicht art-, sondern generhaltend verhalten. Auf diese Weise lassen sich kooperative Verhaltensformen, die wir im Tierreich und beim Menschen finden, erklären, ohne dass wir eine altruistische Intention im eigentlichen Sinne bei den sich so verhaltenden Individuen annehmen müssten. Die Kenntnis unserer genetisch bedingten Verhaltensdispositionen hat für die Aufstellung von Normen Orientierungswert
Piagets Moraltheorie geht ab von der traditionellen (religiösen) Zwangsmoral und begründet eine Kooperations- und Gegenseitigkeitsmoral. Seine Leitidee ist, dass sich normative Ideen in einer durch Fairness charakterisierten, egalitär angelegten, demokratischen Kommunikation und Lebensform, als gerechte Problemlösung möglich ist. Bedingung dazu ist allerdings, dass dabei die beteiligten Individuen konventionenkritisch und mit einer großen Sensibilität für unterschiedliche Perspektiven und Standpunkte kooperativ interagieren, sich gegenseitig achten und respektieren.
Piaget gehört also mit zur Diskursethik, die im praktischen Diskurs in einer herrschaftsfreien Atmosphäre argumentiert, um verallgemeinerungsfähige Normen und Handlungsweisen zu finden. Vorgeworfen wird diesem Ethikkonzept, es sei konsensfixiert, fördere also die Tyrannei des Konsenses.
Der Soziologe Max Weber (1864-1920) prägte den Unterschied Gesinnungsethik und Verantwortungsethik, d.h. zwischen einer Ethik die sich nach den Absichten oder nach den Auswirkungen unseres Handelns orientiert. Rawls formulierte als erster eine Verantwortungsethik, die auf zwei fundamentalen Gerechtigkeitsprinzipien basiert:
a) jedermann soll gleiches Recht auf das umfangreichste System gleicher Grundfreiheiten
haben, das mit dem gleichen System für alle anderen verträglich ist;
b) soziale und wirtschaftliche Ungleichheiten sind so zu gestalten, daß
erstens vernünftigerweise zu erwarten ist, daß sie zu jedermanns
Vorteil dienen, und zweitens sie mit Positionen und Ämtern verbunden sind,
die jedem offenstehen. (Gil, Ethik, S. 131-132)
Radikal modernekritisch sind auch die Ansätze einer weiblichen Moral. Caro Gilligans z.B. will auf die, im männlichen ethischen Diskurs verdrängte Stimme des weiblichen Fürsorgeverhaltens aufmerksam machen.
Als gemeinsame Grundprinzipien der verschiedenen normativen Entwürfe
finden sich:
|
http://www.capurro.de/ethikskript/kap2.htm
| Jonas räumt ein, dass seine Philosophie eine metaphysische Orientierung voraussetzt, hält diese aber angesichts der Bedrohung des Menschen für erforderlich. |
Hinduismus und Buddhismus gründen ihre Ethik auf den Glauben an eine der Welt immanente sittliche Ordnung. Dem Menschen als Daseinsform des Kosmos kommt dabei insofern eine privilegierte Stellung zu, als er seine weltliche Situation überwinden kann. Für Hinduismus und Buddhismus ist in allen Dingen und Wesen ein ewiges Gesetz, Dharma, wirksam, welches sich u.a. als sittliche Ordnung manifestiert, indem es allen Wesen ihr richtiges Handeln vorschlägt.
Theozentrische Ethik gründet dagegen die moralische Qualität
menschlichen Handelns auf eine Übereinstimmung mit dem Willen Gottes. Oberstes
Moralprinzip ist die Forderung, dem Willen Gottes zu gehorchen, als Grundtugenden
gelten Ehrfurcht und Demut, als Grundverfehlung Gottlosigkeit. Vor allem für
die monotheistischen Religionen ist die Annahme einer vom Göttlichen angeordneten
und sanktionierten Gebotssammlung kennzeichnend.
http://www.capurro.de/ethikskript/kap2.htm
Die Tugenden - als beständige Ausrichtung auf das Gute, sind
selbst ein ethischer Wert
Hier wird nun deutlich, dass uns auch die Werte keinen billigen, einfachen und lernbaren Ausweg aus Chaos und Unsicherheit bieten. Das Leben erfordert andauernd Entscheidungen zwischen Extremen. Jede Philosophie die einzelne Aspekte als wichtigste verkauft, sei es nun die Heimat, die Gottesfurcht, Intelligenz, der materielle Wert, ist keine Philosophie mehr sondern PR, Sektierertum, beschränkter Fundamentalismus - eine Erkenntnis, die eigentlich schon Grundlage traditioneller Dialoge und Konfliktlösungen ist: Entwicklungsdialog entscheidet nicht zwischen Gegensätzen, sondern findet den Mittelweg zwischen entgegengesetzten Polen. Weisheit, also die ethische Grundhaltung, ist die Kunst des rechten Masses. Dieses rechte Mass ist als mittlerer Weg zwischen extremer Askese und Genusssucht auch ein Grundpfeiler des Buddhismus, der ebenfalls vom Neokonfuzianismus übernommen wurde. Dessen Bestreben war es in erster Linie, Staat und Gesellschaft zu verbessern, nicht sie auf maximale Produktion zu trimmen.
| traditionelle Werte [http://www.gp.org/tenkey.html] | rotgrüne Werte |
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Autorität, Hierarchie |
grassroot Demokratie |
Lakoff: konservative Moral
|
Lakoff: linke Moral
|
Bei der Betrachtung dieser Definitionen fällt auch auf, dass es offenbar gar nicht darum geht, dass Tugend von jemandem nicht primär ein spezielles Verhalten fordert, im Sinne eines DU SOLLST - DU SOLLST NICHT, sondern im Gegenteil, ein Abwägen, ein Suchen des rechten Masses, also eine Wertorientierung. Der Ausdruck Mass leitet sich im Übrigen etymologisch (begriffsgeschichtlich) ab von einem altnordischen Adjektiv mit der Bedeutung <zuverlässig> [Ulrich Charpa: Wissen und Handeln. Grundzüge einer Forschungstheorie. J.B. Metzler. Stuttgart, Weimar. 2001. S. 47]. Die Vielfalt an Tugenden und Werten zeigt ebenfalls, dass es nichts als Verschwendung ist, sich auf Fehler zu konzentrieren: Warum bist Du nicht ...? Warum bin ich nicht ....? Zeitverschwendung. Jeder sollte, auch was Wertstreben und Tugend betrifft, in erster Linie die ihm eigenen Stärken so gut es geht nutzen, und sich nicht als Tätigkeitsschwerpunkt mit dem Grämen über eigene Schwächen, oder, noch beliebter, der Kritik von Schwächen anderer, aufhalten. Heute ist uns bereits der Begriff Moral verdächtig, was zum grossen Teil eben präzise an derartigen Moralaposteln und Spiessern lag, die lieber nach Schwächen bei andern suchten, als bei sich selbst und andern Kräfte zu fördern. Zudem befassten sie sich lieber ausgiebig mit der Sexualmoral, die ja wirklich Privatsache ist, als sich der Handlungsprobleme dort anzunehmen, wo sie die Welt verunstalten, nämlich in der Wirtschaft.
Bereits E. Durkheim(1858-1917), ein positivistischer französischer Soziologie, hatte die duale Natur des Menschen erkannt. Der Mensch ist nicht nur ein selbstsüchtiges Wesen mit unersättlichen Wünschen (Homo oeconomicus), sondern auch ein moralisches, religiöses Wesen. Einerseits an Sinn und Sinnen orientiert, andererseits raisonierend und konzeptionell denkend, immer im Spannungsfeld zwischen Heiligkeit und Schmutz, Individualismus und Gesellschaft.
Ohne eine Wertorientierung, ohne die Optimierungsfunktion der Tugenden, die Kunst des rechten Masses, siegt die Dummheit, da im Wettstreit der Ideen ja bekanntlich der Klügere nachgibt ... So betrachtet können wir nun die in erwähnte Lifestile Optimierung präziser fassen als als Optimierung der persönlichen und gesellschaftlichen Wertesysteme, denn diese bestimmen ja weitgehend darüber, was wir als erstrebenswert erachten und wofür wir uns einsetzen.
| Unser Geiz beim Kaufen nimmt mit
der Wohlfeilheit der Gegenstände zu - warum? Ist es, dass die kleinen
Preisunterschiede eben erst das kleine Auge des Geizes
machen? Friedrich Nietzsche: Morgenröte 305 |
In diesem Sinne ist der Werbespruch: Geiz ist geil, eben ganz und gar nicht geil (was laut Meyers Grossem Taschenlexikon übrigens bedeutet: Übermäßig geschlechtlich erregt, vom Geschlechtstrieb völlig beherrscht) sondern genau so dümmlich wie er tönt. Auch wenn man den heute vorwiegend asexuellen Gebrauch des Wortes hin nimmt (ich erinnere mich noch an einen Verkäufer im Globus, der 1981 fast aus den Schuhen kippte, als zwei Jugendliche eine Lampe als geil bezeichneten ...), so ist Geiz auch rein sachlich keinesfalls attraktiv und wünschenswert, denn er führt dazu, dass Geld gehortet wird statt im Umlauf bleibt, ist also mit eine Ursache für Deflation. Geiz führt, nebst anderen Gründen natürlich, dazu, dass Grossbetriebe wie Wallmart, Aldi & Co weiter wachsen und den Markt beherrschen. Warum Geiz aber nicht nur ethisch total uncool ist sondern vor allem wirtschaftlich, liegt in der Tatsache, dass tiefere Preise für Produzenten und Händler auch tiefere Löhne bedeuten. Wir leben nicht in einer Wirtschaft der Knappheit, in der Geiz als übermässiges Sparen vielleicht noch eine Bedeutung haben könnte, sondern in einer Wirtschaft der Überproduktion und des Überflusses.
Definition Geiz:
Meyers Lexikon (1888) über den GeizGeiz kommt mit dem Erwerbstrieb darin überein, daß er auf die Vermehrung, mit der Sparsamkeit darin, daß er auf die Erhaltung des Besitzes bedacht ist, unterscheidet sich aber von beiden dadurch, daß jenes Streben nicht, wie bei diesen, Mittel, sondern, wie bei der Habsucht, die Vermehrung und, wie bei der Sparsucht, die Erhaltung des Besitzes selbst Zweck ist, daher er, wie jene, auch unerlaubte Erwerbsmittel nicht scheut und, wie diese, auf die Befriedigung auch notwendiger Bedürfnisse Verzicht leistet. Geringerer Grad von Geiz ist die Kargheit, die sich auf das unentbehrliche Maß von Genüssen beschränkt und zur Knickerei wird, wenn sie auch wirkliche Bedürfnisse übersieht, zur Knauserei aber, wenn sie darauf ausgeht, andre auf kleinliche Weise in dem ihnen Gebührenden zu beeinträchtigen oder zu beschädigen. |
Mit Geiz (mittelhochdeutsch gīte: Gier, Habgier) bezeichnet man das zwanghafte oder übertriebene Sparen, meist von Geld. In der Umgangssprache bezeichnet man auch Menschen, die das, was sie haben, nicht teilen, als geizig. Es ist eine der aus der christlichen Überlieferung bekannten sieben Todsünden der römisch-katholischen Kirche, wobei dies die populäre Kategorisierung ist, die von der theologischen abweicht.
Psychologisch betrachtet ist Geiz meist auf eine kindliche Entwicklungsstörung in der analen Phase (2-3. Altersjahr, nach oral, vor phallisch) zurückzuführen, in der das Kind lernt, seine Ausscheidungsfunktionen zu beherrschen und in der das zurückhalten des Stuhls Freude bereiten kann. Da der Stuhl aber bei übermässiger Rückhaltung verhärtet, schmerzt die spätere Ausscheidung, zumindest so sehr wie Dummheit ....
Auf eine ebenso infantile Herkunft des Spruchs deuten Piagets Entwicklungsstufen. Danach wird diese präoperational-egozentrische Entwicklungsstufe von Kleinkindern durchlaufen, wenn sie langsam anfangen, zwischen sich und der Umwelt zu unterscheiden, wenn sie langsam zu erkennen beginnen, dass es andere Standpunkte gibt als den eigenen und dass sich die Welt nicht nur um sie dreht.
Geiz wie geil stammen also klar aus dem selben analerotischen Bereich, aber nur grosse Arschlöcher können an so was Spass haben.. Diese Art Werbung sollte man als "intellektuelle Umweltverschmutzung" behandeln und sie, oder besser noch ihren Urheber, gleich ignorieren.
Die Komplexität der Werte und der Wertorientierung macht auch sofort klar, das Fundamentalismus nicht bloss eine Angelegenheit der Religion oder sogar des Islam ist, sondern dass dieser sich genau so, und oft mit noch weiter tragender Wirkung, in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik findet. Eben diese Bereiche kritisieren dann umgekehrt jegliche Wertsetzung, die ihrem eigenen Wertesytem entgegen läuft (Musterexemplar s. unter Wirtschaftsliberales Halali gibt Waldgesinnung zum Abschuss frei.) Natürlich können Werte der freien Nutzung von Umwelt und Gesellschaft hinderlich sein. Aber -
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Martin Herzog, 1. Oktober 2003
Ideen zur Weiterentwicklung werden begrüsst .... hewww@brainworker.ch
Der folgende Wertekompass sollte, als
Wertorientierung, helfen, wirtschaftliche und
damit materielle Faktoren nicht zu einseitig als Richtschnur des Handelns zu
nehmen, also die Erlösung z.B. alleine durch mehr
Wettbewerb zu erwarten. Wir
stehen immer in Spannungsfeldern wie Kultur<>Natur, Geist<>Materie,
Kooperation<>Wettbewerb. Aristoteles bestimmte die ethische Tugend als
Mitte zwischen Extremen. Die Glückseligkeit in der Harmonie, in der
Einstimmigkeit mit der Natur zu Leben, war auch das Ziel der Stoiker. E. von
Hartmann nannte seine Wertlehre auch Wägungslehre. Das extremste Beispiel dürfte
Machiavelli sein, der klarstellt, dass ein gütiger aber schwacher Fürst, dessen
Güte und Schwäche zum Zusammenbruch des Reiches führen, ein grösseres Übel ist
als ein unbeliebter - aber starker Herrscher, dessen Reich gedeiht.
Die Lehre der Optimierung einer Position in Spannungsfeldern, der Suche nach Harmonie zwischen gegensätzlichen Werten und Bestrebungen, wurde aber besonders im Fernen Osten weiter entwickelt, während der christlich geprägte Westen die Lehren von Zarathustra übernahmen, nach denen im Kampf zwischen Gut und Böse am Ende das Gute siegt und ein Weltgericht halten wird. Yin steht für das weiblich, weiche, dunkle; Yang für das männlich, feste, helle. Sie müssen sich in Harmonie befinden - nicht im Wettbewerb, in dem das eine das andere zu verdrängen sucht. Dieser westliche Wertewettbewerb erschafft den Spiesser. Wer sich eine Nadel des Wertekompass herauspickt um andere, die solch fundamentalistischen Ansprüchen nicht genügen, damit aufzuspiessen, ist nicht moralisch, sondern schlichtweg ein Spiesser.
| Maxime peccantes,
quia nihil peccare conantur Wer nicht zu sündigen wagt,
Erasmus von Rotterdam. Humanist. Basel. 16. JH. |
Diese Pole bedingen sich meist gegenseitig. Idealismus ohne Wirtschaft, der brotlose Künstler oder Erfinder ist die eine, der knickerige Geldsack dem anderen Extrem. Eine Gesellschaft aus lauter Einsiedlern bleibt eine Gesellschaft ohne Kultur. Wettbewerb ohne Kooperation wird zum Darwinismus. Die Natur bildet die Grundlage jeglicher Kultur. (Umgekehrt allerdings, die einzige Ausnahme: Der Natur ginge es wohl besser ohne den Menschen. Allerdings wäre auch das eine kulturlose und unmenschliche Angelegenheit). Einseitige Empfehlungen sind Schwindel, egal ob sie von Seiten der Kirche (das echte Leben kommt erst nach dem Tod), der Wirtschaft (wenn ihr noch mehr kämpft und produziert wird alles besser), der Masse (die je nach Gusto der einen oder andern Propaganda hinterher läuft) oder der kulturellen Elite (die ihre eigene Position sichern will) kommen. Ebenso darf allerdings der Ruf nach dem rechten Mass mit einem Aufruf zur Mittelmässigkeit verwechselt werden, die ebenfalls ihre Spiesser hat. Dazu gehört auch die in der Schweiz beliebteste Spiesserei: Man muss sich halt anpassen! ... wobei mit dem man allerdings immer die andern gemeint sind: Ausländer in der Schweiz müssen sich anpassen, logisch. Ländern in denen Schweizer als Touristen weilen müssen sich anpassen, sonst kommen die Gäste nicht mehr, logisch. Europa muss sich an die Schweiz anpassen, sonst können wir nicht beitreten, logisch. Die Welt muss sich an die Schweiz anpassen, denn so gut wie bei uns ist ja sonst nirgends - oder öbbe nid?!
| Es gibt jetzt
der Vorschriften, was man sein soll, so mancherlei Arten, dass es kein
Wunder wäre, wenn die Menge auf den Gedanken geriete, zu bleiben, was sie ist. Lichtenberg |
Spiesserei liegt nicht nur vor, wenn das Spannungsfeld zwischen Extremen auf die Extreme selbst reduziert wird, sondern auch, wenn einzelne Werte aus dem Wertesystem herausgepiekt werden. Piekte der klassische Spiesser vor allem mit Sexualmoral, guten Sitten, Kleidung, Verhalten, Zucht, Ordnung, Gehorsam, Unterwürfigkeit unter Autoritäten, vor allem des Alters - so pieken die modernen Spiesser mit Monomoralismen wie Wettbewerb (der den notwendigen Gegenpol sozialen Zusammenhang vergisst), Solidarität (die wenig bringt, wenn nichts da ist, das man solidarisch teilen könnte), aber auch mit ganz klassisch-banalem wie Kleidung (brands, Mode), Aussehen, sportlichem Engagement, sexuellem Verhalten (heute wird von Spiessern nicht mehr der Homosexuelle gepiekt, sondern der, der es wagt, Homosexualität nicht so grandios zu finden). Wertorientierung verlangt damit eine ganzheitliche Sicht, also etwas ganz anderes als die spezialisierten Wissenschaften.
B. Bauch beschrieb in "Wahrheit und Wirklichkeit" (1923) Werte als "Aufgaben", die nach Erfüllung in der Wirklichkeit verlangen. Voraussetzung hierfür ist, dass die verschiedenen Werte nicht isoliert und beziehungslose nebeneinanderstehen, sondern ein sich wechselseitig umfassendes "Wertganzes" bildet. J. Cohn [Wertwissenschaft. 1932] vertrat ebenfalls die Auffassung, dass sich jeder einzelne Wert nur im Zusammenhang mit anderen Werten fassen lässt und jedes ideale Gut seine Wahrheit erst in der Verwirklichung findet. Deshalb gehörte zu Cohns Wertwissenschaft neben Axiotik und Systematik auch eine Lehre der Wertverwirklichung (Ergetik).
Eine scharfe Kritik der Wertlehre verfasste Heidegger: Wenn man etwas zu einem Wert erklärt, wird es seiner Würde beraubt. Statt dass man es sein lässt, was es ist, wird es nur noch als Gegenstand für die Schätzung des Menschen zugelassen. Gott als den höchsten Wert verkünden, ist darum eine Herabsetzung des Wesens Gottes. Heidegger macht also darauf aufmerksam, dass wer Werte zuordnet, wer wertet, klassiert, verengt und richtet.
Da sich Wertsätze nicht empirisch verifizieren lassen, hielt Wittgenstein sie für sinnlos. Nach Nozick haben sie keine kausale Kraft, da sie, um ins Leben zu treten, unserer Wahl bedürfen. Um diese Wahl kann der Mensch sich aber nicht drücken. Diese Wahl bestimmt sein Lebensziel, seine innere Verfassung, seinen Charakter. Wer nicht wählt, oder die Wahl nach Belieben und Erfolgsaussichten ändert, wie das im Zeichen der Flexibilität und Anpassung gerne gefordert wird, vertritt die Werte eines Haderlumpen.
Der Wertekompass macht aber auch klar, was die drei Fragen im gelben oben Feld schon antönen, nämlich dass man Leistung nicht zu einseitig nach wirtschaftlichen Aspekten beurteilen darf :

Eine wissenschaftliche Begründung von Moral (obwohl ich die selbst mal suchte), macht so viel Sinn wie ein Gottesbeweis: Sie würde die Freiheit zu Grabe tragen und uns zu Marionetten machen. Auch Kant's kathegorischer Imperativ: Handle so, daß die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne - wurde aufgelöst - was sogar was Positives hat, wie präzise die Figur des Zynikers zeigt. Leben braucht Unterschiede, Freiheitsgrade, Varianz. Gleichförmigkeit ist der Tod. Die Suche nach der Weltformel, dem Weltgesetz - ist der Traum eines "Wissen-ist-Macht-Diktators, ein Albtraum für den Rest der Bevölkerung.
Zusammenfassend, frei nach Markus Aurelius 10.16:
Renn nicht rum und
diskutiere,
was denn den guten Menschen ausmache;
sei einer!