1. Postmoderne - Die Herrschaft der zynischen Vernunft!

  2. Definitionen des Denkens: Denken ist Argumentation mit sich selbst.

  3. Intellektuelle - sind meist auch Zyniker, die gezielt auf die Nerven gehen.

  4. Das Argument als Grundelement kommunikativer Rationalität - Politik als argumentativer Wettstreit um die bessere Lösung.

  5. Webphilosophie II: Konstruktivismus als Grundlage eines evolutiven Systemwechsels durch Rekonstruktion von Teilsystemen

Oeffentliches philosophisches Forum für Gegenwartsfragen
Basel [oepfel]

Web-Philosophie I:

Wahrheitssuche in intuitivem und anderem zerstreutem Wissen

Gegenwärtige Probleme mit der Wahrheitssuche [engl. Text]

Philosophische wie wissenschaftliche Wahrheit wird begründet durch Analyse, Synthese, Kritik und Dialog. Vorstellungen über die Realität, die durch Spekulation, Inspiration, Deduktion oder Induktion entstehen, werden von allen Seiten, aus den unterschiedlichsten Perspektiven, mit kritischen Fragen beschossen. Nur das garantiert, dass das Modell eine einigermassen verlässliche Repräsentation der Realität darstellt. Je schärfer die Kritik, je  härter die Niederlage der Kritik, um so verlässlicher dürfte die vorgeschlagene Lösung sein. Hierin besteht der wichtigste Unterschied zwischen Wissenschaft und Propaganda, wie reiner Meinung.

Truth is stranger than fiction, but it is because Fiction is obliged to stick to possibilities; Truth isn't.

Mark Twain

Tis strange — but true; for truth is always strange; Stranger than fiction

Lord Byron

Wissenschaft ist also nicht der einzige Weg zu Wahrheit. Eine Wissenschaft, die das Resultat der Forschung bereits kennt, kennen muss, wenn sie ein Finanzierungsgesuch einreicht, ist eine schwache, eine bürokratisierte Wissenschaft. Eine Wissenschaft die in erster Linie auf kommerzialisierbare Produkte sieht, verliert die Objektivität, da die bestimmenden Werte hier wirtschaftliche Werte sind, welche den Drang nach Erkenntnis beengen und begrenzen. Politik kümmert sich nicht gross um Wahrheit, ihr Geschäft ist es, die Macht zu erlangen und zu erhalten. Die einzige Wahrheit welche die Wirtschaft interessiert heisst Gewinn, der durch Wirtschaftsmacht und Gerissenheit leichter zu erreichen ist als durch die Suche nach optimalen und richtigen Lösungen bestehender Probleme. Die Medien, Hüter der öffentlichen Information und Wahrheit, müssen ihre Produkte verkaufen und tun dies, indem sie unterhalten. Nur unterhaltsame Wahrheit ist Wahrheit, die in die Medien kommt. Eine Tatsache die man nicht bloss negativ auffassen muss. Auch Wissenschaft und Philosophie können unterhaltsam dargestellt werden! Und vermutlich sollten sie das vermehrt, denn gerade die Philosophie hätte heute so viele Aufgaben zu erfüllen und hätte eine Bedeutung für die gesellschaftliche Entwicklung, der ihr gegenwärtiger Status als universitäre Disziplin nicht im geringsten gerecht wird.

Im 20. Jahrhundert wurde die Philosophie durch die Wissenschaften verdrängt. Insbesondere ihre metaphysischen Aspekte galten als weder verifizierbar noch falsifizierbar, also als irrational. Diese Rationalisierung hat aber die Tendenz, ihre starke eigene perspektivische Beschränktheit zu vergessen. So kümmern sich Ökonomen bloss um Wissen, das ihnen hilft, zu produzieren und zu verkaufen; so interessiert sich der Politiker bloss für Wissen, das ihm hilft, an die Macht zu kommen; so kümmert sich der Naturwissenschaftler bloss um die Dinge, die in der Natur vorkommen; so beschäftigt sich der (karriereorientierte) Wissenschaftler bloss mit den Dingen, mit denen sich seine Disziplin eben zu beschäftigen pflegt und die geeignet sind, seinen Ruhm zu fördern (oder zumindest die Anzahl seiner Publikationen). Aus diesen Gründen bleibt wissenschaftliches Wissen Inselwissen, genau so wie persönliche Meinungen und Argumente.

 

Das Individuum, dass seinen Platz in der Gesellschaft sucht, in der es, über die Politik, eine gemeinsame Zukunft gestalten will, braucht Orientierung in dieser komplexen und verwirrenden, oft auch zynischen, Welt. Je komplexer ein System, desto höher sein Bedarf an Koordination und Integration.  "Der Markt" ist da nur ein billiger, oft nicht begehbarer, Ausweg, da er meist bedeutet: Überlasst die Probleme denen, die sie lösen müssen, weil sie betroffen sind [Umwelt, Arbeitslose, Ausgeschlossene ...]. Die simplizistische Marktideologie ist nur eine der Simplifikationen des öffentlichen Medienmonologs. Andere wären "links gegen rechts", Freiheit gegen Staat" etc. Dass die Medien, genau wie die Politiker, Banalisierung der Analyse vorziehen, liegt am Mehrheitsprinzip. Es ist einfacher mit banalen Schlagwörtern die Mehrheit der geistig minder bemittelten hinter sich zu scharen, als durch intelligente Argumentation eine kritische Mehrheit zu überzeugen. Es ist wirtschaftlicher, dem Massengeschmack entsprechend zu schreiben und zu argumentieren, denn die Masse bringt das Geld. Das erklärt, warum nur 1/4 der Presseartikel und nur 1/5 der Medienberichte Begründungen angeben für politische Meinungen und Aktivitäten. Meist begnügt man sich mit Feststellungen, Äusserungen, wie x sagt, y ist der Meinung - und erspart sich wie dem Leser Argumentationsketten.

Philosophie müsste also nicht bloss das zersplitterte Wissen der Wissenschaften wieder zu einen versuchen, sondern, fast wichtiger, gegen die grassierende Gleichgültigkeit und Ohnmacht, die durch "Unwissen durch Vielwissen" verursacht wird. Ohne Philosophie gehen wir in den Wissensbröseln der Wissenschaftler unter. Philosophie versucht, das Ganze zu verstehen. Ganzheitliches Denken ist eigentlich philosophisches Denken. Grundlage der Philosophie ist, dass nichts, was für die Orientierung der Allgemeinheit von Bedeutung ist, sich der philosophischen Suche nach Wahrheit entziehen soll. Also:

Vernetztes Denken ist das beste Mittel gegen die Gewalt der Banalität.

Vernetztes Denken bedeutet, nicht auf Grund selektierter Perspektiven oder vorgefasster Meinungen zu urteilen. Dies ist für viele eine Zumutung, denn dies bedeutet, wie die Postmoderne generell, das Ende aller klaren Positionen. Dabei steht doch bereits in der Bibel: Deine Antwort sei, ja, ja; nein, nein: denn alles was darüber hinaus geht ist von übel. [Mathäus 5:37].

Unglücklicherweise erlauben komplexe Systeme solch einfache Antworten eben meist nicht, sondern verlangen Antworten wie: "vielleicht, unter Bedingung a,b,c; aber unter Bedingung a,b,d kann's das Gegenteil sein. Dieser Verlust an Klarheit ist nicht ganz so tragisch wie er auf den ersten Blick aussieht, insbesondere wenn wir Wissen eher als Orientierung, als Leuchtturm, denn als gepflästerten Weg, ansehen. Seeleute fahren auch nicht alle in den Norden, bloss weil der Kompass dorthin zeigt. gute Seeleute sind auch ohne Kompass nicht verloren, da sie sich an Sonne, Mond, Polar- und andern Sternen orientieren können. Auch Menschen brauchen verschiedene Orientierungsmöglichkeiten und sollten sich nicht alleine nach dem ökonomischen Nordpol ausrichten. Sie müssen aber zur Orientierung auch wissen, wo sie sind und wohin sie wollen. Ohne dieses Wissen taugt kein Kompass. Es gibt also unterschiedlichste Ziele, und es gibt viele Wege die zum gewünschten Ziel führen. Zwischen ja und nein, zwischen schwarz und weiss, zwischen gut und böse, gibt es weitaus mehr Raum als die Pole selbst andeuten können. Das tönt ein bisschen relativistisch, sicher, aber lassen Sie mich ein Beispiel zeigen aus den Gebieten Politik, Wirtschaft, Gesellschaft und Individuum:

Sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern, sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen, Verantwortung übernehmen für die eigenen Handlungen und für die eigene Familie, das tönt gut. Wirtschaft, Gesellschaft, Staat und Religion würden da vermutlich zustimmen. Und dennoch macht die Kombination sofort ein paar Probleme deutlich, die trotz klarer Orientierung anstehen: Was ist wichtiger für mich? Meine Familie oder meine Firma, mein Job, meine Karriere? [Vorwiegend noch, aber doch nicht ausschliesslich, ein Problem für Frauen]. Ziehen wir noch Staat und Gesellschaft mit ein, wächst das Problem massiv, denn dann sind Familie und Firma bloss noch zwei Elemente und Argumente unter vielen, Elemente, die sich gegenseitig bedingen und voneinander abhängig sind. Nichtsdestoweniger opponiert die Wirtschaft gegen den Staat, setzt ihre Interessen über die der Individuen, der Gesellschaft, der Natur - sobald diese mehr Respekt oder gar Für-Sorge, also kultivierten Umgang, fordern. Zwischen den vier Elementen herrscht ein dauernder Kampf um unterschiedliche Interessen. Sollte aber ein Element den Kampf gewinnen, dürfte das System zusammenbrechen. Keiner der Teilnehmer darf also Ausschliesslichkeit oder Dominanz erreichen - obwohl alle dauernd dafür kämpfen. Das selbe Problem hat übrigens der Markt. Jeder versucht den andern zu übertrumpfen, zu übernehmen, grösser zu werden. Gelingt dieser Kampf, ist das gut für die Gewinner - aber der freie Markt ist tot. [s. economy of scale]. Die Geschichte liefert uns viele Beispiele für das Misslingen solch einseitiger Dominanz. Für die Dominanz der Politik z.B. der Kommunismus oder Faschismus, für die Dominanz der Wirtschaft der Manchester-Liberalismus, für die Dominanz der Gesellschaft jede kleinkarrierte Dorf- oder Stammesstruktur, für die Dominanz der Individuen jede Anarchie und Diktatur.

 

Web-Philosophie ist eine Philosophie intuitiven Denkens

Mr. Cole's Grundsatz:

Es gibt keine Antworten, nur Querverweise.

"Hältst Du mich für einen gelehrten, belesenen Mann?"
"Gewiss" antwortete Zi-gong. "So ist es doch?"
"Keineswegs," sagte Konfuzius. "Ich habe einfach einen Faden aufgegriffen, der mit dem Rest zusammenhängt."

Sima Quian: Konfuzius

Der Positivismus hat sich aller Suche nach ersten Gründen und letzten Zwecken entledigt zugunsten der Erklärung von Strukturen, Beziehungen und Prozessen. Philosophische Spekulation und religiöse Gnosis machten der Entdeckung von Naturgesetzen platz. Die Dominanz der Wissenschaften führte zu einer Dominanz abstrakten Denkens. Aber rationales Denken ist nicht die einzige Art zu denken und nicht der einzige Weg, zu Wahrheit zu kommen. Präzise weil sich die moderne Wissenschaft auf das enge akademische Feld beschränkt, dass sie mit beschränkter Methodologie (s. Feyerabend) bearbeitet, verliert sie Unmengen an Wissen. Insbesondere das von Romantik und Gnosis favorisierte intuitive Wissen, das Emotionen und spirituellem Streben (Platos Ideal z.B.) Raum liess, ging verloren. Ebenso ging die Einheit von Gott und Welt, wie von Sinn und Tradition, verloren.

Intuition löst manche Probleme von selbst, wenn ihr Zeit und entspannte Arbeitsbedingungen (s. Meditation) gewährt werden. Intuition ist nicht gar so mystisch, wie es tönen mag, denn sie schafft neue Gedanken aus bestehenden Informationen - ohne vorherbestimmtes, meist ohne vorhersagbares, Resultat. Da dieses von den im Hirn präsenten, bewussten wie unbewussten, Denkstücken abhängt, kann das Resultat je nachdem recht unterschiedlich heraus kommen und auch plötzlich kippen. Intuitives Wissen ist also ein bisschen sprunghaft.

Intuitives Wissen scheint von der rechten Gehirnhälfte verarbeitet zu werden und wird oft mit weiblichem Denken assoziiert. Dem komplementär gegenüber stünde das männliche, das rationale Denken der linken Gehirnhälfte. Dies erklärt, warum Männer oft Schwierigkeiten haben, Frauen zu verstehen (und warum sich Frauen gegenseitig auch nicht unbedingt besser verstehen und oft Schwierigkeiten haben, in Wirtschaft oder Politik eine gemeinsame Plattform zu erarbeiten). Intuitives Wissen arbeitet ein bisschen wie neuronale Netze, hat aber ein weitaus grösseres Potential zur Selbstorganisation (autopoiesis).

Eine weitere interessante Form des Denkens ist das Denken aus dem Bauch heraus. In der Tat finden sich im Bauchraum über 100 Millionen Neuronen, mehr als in der Wirbelsäule, aber nur 1% dessen, was im Gehirn tätig ist. Diese Nervenzellen speichern unbewusste Erinnerungen über Wohlsein, Erfolg, Freude und Schmerz. Das Denken aus dem Bauch heraus wird meist überschätzt, speziell durch Populisten und Frauen, denn da jeder Bauch seine eigenen Erfahrungen hat, handelt es sich höchst selten um allgemein gültiges Wissen (Zudem hängt es stark davon ab, was eine(r) gerade gegessen oder getrunken hat..

Webphilosophie hat eine grossen Vorteil vor Wissenschaft und Logik: Sprunghafte, unsystematische und (auf den ersten Blick) zusammenhangslose Ideen die nicht aus logischen Beziehungen oder wissenschaftlich-disziplinärer Analyse entstanden sind, lassen sich verknüpfen, zu einem Ganzen verbinden und auf Konsistenz überprüfen.

Widersprüche und Fehler werden so rasch sichtbar und führen zu Ergänzungen (Kontextbeschreibung), Umformulierung, Refokussierung der Denkstücke die ja meist Beschreibungen sind, die aus einer bestimmten Perspektive heraus gemacht wurden.

Web-Philosophie kann also genau so gut auf Wahrheit und logischen Zusammenhang getestet werden, wie wissenschaftliche oder philosophische Aussagen. Dazu sind nicht bloss die Verknüpfungen von Bedeutung, sondern auch die Bestimmung der entscheidenden Denkstücke zu zu intuitiven Erkenntnissen geführt haben. Die Bestimmung derselben ist eine Art Psychoanalyse. Die Abhängigkeit intuitiven Wissens von Denkstücken zeigt aber auch dessen Grenzen: Ein hohler Kopf wird nur hohle Gedanken kreieren. Wie schnell er das tut (IQ), ist dabei ohne Bedeutung.

Web-Philosophie: Ein Netz braucht Stützen

Nun, lassen Sie mich anhand eines Beispiels erklären, warum ich den Pleonasmus Web-Philosophie geschaffen habe. Es ist ein Pleonasmus, da Philosophie die Dinge immer in Beziehung setzt, also unterschiedliche Perspektiven verwebt, und das Ganze zu fassen versucht. Aber - Philosophie (besser: die Philosophen) scheint diese Aufgabe nicht mehr leisten zu wollen oder zu können. Der zunehmend anomische Zustand unserer Gesellschaft wird durch polemisch und populistisch agierende Politiker für ihre Zwecke genutzt, scheint aber die Philosophen nicht dazu anzuregen, neue Orientierung zu schaffen.

Die traditionellen Tugenden waren nicht Pole der Wahrheit, sondern Orientierungsfelder:

Hier wird nun deutlich, dass uns auch die Werte keinen billigen, einfachen und lernbaren Ausweg aus Chaos und Unsicherheit bieten. Das Leben erfordert andauernd Entscheidungen zwischen Extremen. Jede Philosophie die einzelne Aspekte als wichtigste verkauft, sei es nun die Heimat, die Gottesfurcht, Intelligenz, der materielle Wert, ist keine Philosophie mehr sondern PR, Sektierertum, beschränkter Fundamentalismus - eine Erkenntnis, die eigentlich schon Grundlage traditioneller Dialoge und Konfliktlösungen ist: Entwicklungsdialog entscheidet nicht zwischen Gegensätzen, sondern findet den Mittelweg zwischen entgegengesetzten Polen. Weisheit, also die ethische Grundhaltung, ist die Kunst des rechten Masses

Der Wertekompass der Tugenden zeigt, dass es kein klares ja, ja - nein, nein, kein klares Gut und Böse, gibt, sondern nur Hinweise darauf, was richtig sein könnte und wie die richtige Entscheidung aussehen könnte. Der freie Mensch muss sich entscheiden, welchen Weg er nehmen will. So sollte man Menschen nicht fragen, zu welcher Partei sie gehören, welchen Extremen sie nachhängen, sondern: Zwischen welchen Polen hängt die Matte Ihrer Werte und Ihres Denkens. Je grösser das Denknetz, je mehr Pole es halten, um so freier ist der Entscheidungssuchende.

Wenn Sie sich das nun bildlich vorstellen können mit dem Denk- und Entscheidungsnetz, das zwischen extremen Polen aufgehängt ist, dann verstehen Sie, was ich mit Web-Philosophie meine. Das Internet, Hypertext generell, erlaubt uns das Aufspannen unglaublicher Wissensnetze. Das Aufspannen ist zudem gleich eine erste Prüfung der "Haltbarkeit". Hypertext-Präsentationen erlauben es, Dinge aus den unterschiedlichsten Perspektiven zu sehen und mehrdimensional zu beschreiben. Die meisten Institutionen bleiben allerdings weiterhin bei ihren eindimensionalen Präsentationen und beschränken sich auf ihr Fachgebiet. Gut so, denn der Job eines Universalgenies ist heute fast unmöglich, man muss sich mehr oder minder spezialisieren. Die Philosophen allerdings können von diesen Spezialperspektiven profitieren. Deren Verknüpfung hat zwei positive Effekte:

  1. Die Verknüpfungen erlauben es zu prüfen, unter welchen Perspektiven, Annahmen, Kontext - eine Theorie, eine Meinung, eine Aussage, gültig sein kann.

  2. Das Einbetten philosophischen Denkens in aktuelle Probleme der reellen Welt gibt den Philosophen eine neue Chance ihren Job zu tun - und der Welt zu mehr Weisheit zu verhelfen.

Diese Aufgabe bleibt bei der Philosophie, weil Wahrheit weder für Wissenschaft noch für Politik oder Wirtschaft den Schwerpunkt darstellt. Wahrheitsorientierte Ansätze wären in allen Gebieten von Bedeutung, in denen es um gesellschaftliche Entwicklung geht, so auch in Politik und Wirtschaft. Ich verstehe den Staat heute idealerweise (nach einer anarchischen Phase) als Forum, in dem sich die Bürger selbst organisieren. Da dieses Forum mit immer höherer Komplexität umgehen muss, erhöht sich der Bedarf an Dialog. Weil diese Art von Mediation, von Konsensfindung, meist an Werthaltungen gebunden ist, ist sie kein Spielfeld für Wissenschaften, sondern eher Aufgabe der Philosophie.  

 

Das gegenwärtige Chaos zwischen epistemischem, poietischem und praktischem wissen - und einige soziologische Theorien zur Re-philosophierung dieser Wissenschaft. 

Aristoteles' Systematik der Philosophie umfasst folgende Disziplinen:

"Die Wissenschaft hat nicht nur die Aufgabe, die Ideale der Gerechtigkeit zu formulieren, sie muss auch die Wege und Mittel zu ihrer Realisierung beschreiben."

Leon Walras, Markttheoretiker, quantitativer Oekonom (1834-1910)

Gegenwärtig ist Ökonomie die Leitwissenschaft. Forschung die Vermarktbares erzeugt, Forschung die Wirtschaftswachstum verspricht, ist gute Forschung. Unglücklicherweise wurde Aristoteles Systematik völlig vergessen. Sonst hätte sich die Ökonomie, die eigentlich eine Form der Praxis ist, nicht die Autorität als Wissenschaft aneignen können. Diese Autorität ist gefährlich, weil sie Wahrheit beansprucht für Gebiete, in denen es keine Wahrheit, speziell keine wissenschaftliche Wahrheit, gibt, wie überall dort, wo es um Zukunft und Ziele gesellschaftlicher Entwicklung geht. Aber aus der Vermengung von Praxis und Erkenntnis entstehen weitere Probleme. Eine Wissenschaft, deren höchstes Ziel wirtschaftliche Innovation, also Nützlichkeit, Verkaufbarkeit, Profitabilität ist, macht Wahrheit zum (überflüssigen) Nebenprodukt. Wir können dies bei den meisten neuen Forschungsfeldern beobachten, speziell bei Gentechnik und Nanotechnologie, die jegliche Kritik und Einschränkung der Anwendung zur Bedrohung der Forschungsfreiheit erklären, obwohl es eigentlich um die Verhinderung der breiten kommerziellen Anwendung und entsprechender Risiken geht. Hier wird die primäre Aufgabe der Wissenschaft, Sachverhalte so treffend zu beschreiben, dass die Beschreibung sich praktisch, für Vorhersagen z.B., nutzen lässt, durch wirtschaftliche Tätigkeit ersetzt. Forscher werden zu Wissensproduzenten.

Techniker versuchen zumeist die Risiken und Schäden die ihre Technik mit sich bringt auf die Besteller und Nutzer abzuwälzen. Diese faule Entschuldigung kann und darf aber nicht für Wissenschaften gelten, die Orientierungswissen erzeugen. Politik, Ethik, Wirtschaft und Bildung sind praktische Tätigkeiten mit reellen Auswirkungen auf die reelle Welt. Sie müssen als dem freien Willen und der freien Entscheidung der betroffenen Menschen unterworfen bleiben und dürfen sich nicht auf die Autorität wissenschaftlicher Gesetzmässigkeiten berufen.

Eine äusserst interessante Form von Wissenschaft ist hier die Soziologie, die quasi die Konter-Wissenschaft zur Ökonomie bildet und oft die Position einnimmt, die früher die Philosophie innehatte [s. Optimale Gesellschaftsmodelle aus der Perspektive der Sozialwissenschaften]:

Soziologie ist die Königin der Wissenschaften.
Ungleich den andern Wissenschaften, die kleine Segmente des Lebens analysieren, integriert Soziologie alles Wissen über die Menschheit.

Steven Seidman: Contested Knowledge. Social Theory Today. Blackwell Publ. Malden, Oxford, Victoria. 1994, 98, 2004 (sec. ed.) [p 18:]

Das neue Millennium konfrontiert uns mit einer Menge komplexer Probleme deren Lösung das Engagement von Kopfarbeitern und Philosophen braucht. Es stellt uns aber mit dem Web auch ein hilfreiches Mittel zur Verfügung.

Der häufigste Grund für sozialen Niedergang ist, nein, nicht Nullwachstum und Rezession, die Anomie, das Fehlen verlässlicher Orientierung, oder die Vorherrschaft falscher Orientierungen. Deswegen sind die meisten Fundamentalismen, Populismus, banalisierende Polemik, kurz jeglicher Terror der Dummheit, abzulehnen. Diese Aufgabe kann nicht durch Politik und Wirtschaft erfüllt werden, da sich beide präzise dieser Volksverdummungsmethoden ach so gerne bedienen.

Dieser Kampf gegen den Zerfall verlässlicher Orientierung wurde nicht erst durch die Postmoderne nötig. Bereits Plato focht ihn als Kampf gegen den Tod der Vernunft, gegen die Misologie. Die Vernunft muss immer kämpfen, wo unterschiedliche Meinungen aufeinander treffen, wo Entscheidungen zwischen Alternativen zu treffen sind. Vernunft hat, wie Philosophie, eine starke Beziehung zu Handlung, versucht aber eine gewisse Distanz zu wahren, um nicht von Sachzwängen überwältigt zu werden.

Um im gegenwärtigen babylonischen Chaos neue Orientierungen entwickeln zu können müssen wir die Teilsysteme besser und intensiver vernetzen. Weil die Wissenschaften selbst in unzählige Subsysteme zerfallen, könnte es eher die Aufgabe der Philosophie sein, den ehrgeiz- und forschungsbudget-orientierten Monolog der disziplinär-wissenschaftlichen Stämme durch einen Dialog der Wahrheitssuche zu ersetzen.

Seidman schrieb [p. 282-83:]: Die meisten Probleme und Debatten lassen sich nicht einer einzelnen Disziplin zuordnen, sondern bilden Klumpen (cluster). Die Diskussion über Globalisierung oder die Zivilgesellschaft findet nicht in soziologischen Zeitschriften statt, sondern unter den Titeln Public culture, social text, theory, culture, society, constellation. Um an diesen Dialogen teilnehmen zu können, deren unterschiedliche Teilnehmer ganz verschiedene Fachsprachen reden, ist Vertrautheit mit der klassischen Soziologie, Neo-Marxismus, Identitätstheorie (wie Feminismus), Poststrukturalismus, Kritischer Theorie, psychoanalytischer Theorie und oft auch postkolonialer Theorie und Rassentheorie nötig.

Well, das sagen die Soziologen. Bei einem generellen Entwicklungsdialog geht es aber nicht nur um die Gesellschaft, sondern um die heilige, pardon, nachhaltige Dreifaltigkeit: Natur, Wirtschaft und Gesellschaft. Da diese sich dank des babylonischen Sprachgewirrs all der Sondersprachen nicht mehr verstehen (Unsinn? Wie viele ergiebige Dialoge zwischen Geistes- und Naturwissenschaftlern haben Sie schon gesehen oder gehört?), müssen wir vermutlich einen grossen Schritt rückwärts machen um schneller voran zu kommen und die philosophische Kunst der Rhetorik, speziell der Topik und Argumentation wieder zu beleben. Zu fördern sind vor allem:

Martin Herzog, Dipl. Ing. ETH, Rheinfelden, 20. März 2005