Der Geist, seine Elemente und Inhalte:

5. Wahrheit - das Kernthema der Philosophie

1. Theorie - 2. Idee und Gedanke - 3. Aesthetik -4. Wissen

[nach: Historisches Wörterbuch der Philosophie: Wahrheit]

Wahrheit (griech. aletheia; hebr. æmæt; lat. veritas; engl. truth; frz. vérité; ital. verità)

Wahrheit als Uebereinstimmung der Aussage mit dem Bezeichneten (so das geläufige) Korresponenzargument) grenzt sich nicht nur ab von Un-Wahrheit, Täuschung, Lüge, Meinung (subjektive Ansichten und Wertungen), und Glauben (zwei Varianten: Wahrscheinlichkeitsvermutung / Hingabe an göttliche, unzweifelhafte, absolute Wahrheit), sondern hat von Anfang an auch die Bedeutung intersubjektiven Nichtverhehlens. Es geht bei der Wahrheit also nicht nur darum, von dem was ist zu sagen dass es sei, von dem was nicht ist zu sagen dass es nicht sei, sondern auch, das zu sagen, was für den oder die anderen (Zuhörer) von Bedeutung ist, was sie für ihre Entscheidungen wissen müssten. Gerade auf diesem Prinzip, auf vollständiger Information, baut ja, theoretisch, die Marktwirtschaft .... aber eben bloss theoretisch.

Probleme:

Der fundamentalistische Kritizismus macht Orientierung an Wahrheit fast eben so unmöglich wie der sich automatisch daraus ergebende blinde Glaube und die Beschränktheit der zweiwertigen Logik, die inzwischen sogar in der Algebra überwunden wurde. s. mehrwertige Logik

Die Analyse der Maeutik z.B. zeigt z.B. auch, dass hier eigentlich von Anfang an Konstruktivismus vorliegt - nicht Suche gott-gegebener Wahrheit: «Muster und Meisterstücke» einer solchen «Herausbildung» der Wahrheit sind «die platonischen Gespräche, wo immer gewisse Annahmen (Setzungen, Thesen) vorausgehen, die im Verlauf aufgehoben werden», so daß sie sich am Ende «in stetig zusammenhangende Voraussetzungen des allein wahrhaft und bleibend zu Setzenden» verwandeln, «in das sie zuletzt eingehen». Die «dialogische Methode» Platons ist deshalb «nicht beweisend sondern erzeugend; sie ist die, in welcher die Wahrheit erzeugt wird».

HERAKLIT (520-460 BC): Wahrheit als einheitlicher, allgemeiner und ewiger Logos hebt sich gegen die gewöhnlichen Meinungen der Menschen ab.

Bei PARMENIDES (540/35-483/75) rücken aletheia und alethes, sowie deren Antithese Meinen und Scheinen, ins Zentrum der philosophischen Reflexion. Der erste Teil des Lehrgedichtes beansprucht, daß die Worte der Göttin das «wohlgerundete Herz der unerschütterlichen Wahrheit.» erschließen sowie «wahre Gewißheit» (pistis alethes) und ein «verläßliches Reden und Erfassen hinsichtlich der Wahrheit» enthalten, während durch den «trügerischen Schmuck der Worte» im zweiten Teil des Lehrgedichtes die Plausibilitäten eines nicht verläßlichen Meinens/Scheinens (ta dokoynta) entfaltet werden.

Platon (428/27-348/47) betrachtet Wahrheit als Korrelativbegriff zu Wissen – als Inbegriff der erkennbaren, geistig faßbaren Wirklichkeit. Sein Anspruch war noch hoch, denn als Wahrheit sollte nicht nicht einfach das hinreichend begründete Für-wahr-Halten eines Sachverhaltes gelten, sondern nur die das Wesentliche erschließende, bleibend gültige und von (argumentativ ausweisbarer) Einsicht getragene kognitive Vergegenwärtigung eines Gegenstandes oder eidetischen Gehaltes.

Aristoteles (384-322): «Von etwas, was ist, zu sagen, daß es nicht ist, oder von etwas, was nicht ist, zu sagen, daß es ist, ist falsch.

Aristoteles betrachtet Wahrheit auch als die spezifische Leistung der Verstandestugenden («dianoetische Tugenden» wie – Klugheit, Kunstfertigkeit, Vernunft, Weisheit, Wissenschaftlichkeit. Die Ergänzung dazu wären die Charaktertugenden: Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit und Mäßigung. Wir sehen bereits hier, durch dies doppelte Vertretung der Klugheit, von welcher Bedeutung und von welchem Umfang Wissen sein sollte.). Er unterscheidet dabei zwei grundlegende kognitive Bezüge: die wissenschaftliche Erkenntnis (Theoria), die notwendige Sachverhalte zum Gegenstand hat, und die praktische Kompetenz, die im Bereich des Veränderlichen und Kontingenten agiert. Durch die diesen Grundbezügen zugeordneten höchsten kognitiven Tugenden der Weisheit und Phronesis ist der Mensch jeweils am meisten der Wahrheit teilhaftig. Die praktische Wahrheit definiert er als Übereinstimmung von praktischer Vernunft und rechtem Begehren.

Der Begriff <Begehren> wäre, insbesondere für die Weiterentwicklung der Oekonomie, weitaus umfassender, also zutreffender, als der beschränkte Begriff "Bedürfnisse", der zu einer eben so verlogenen Theorie wie Praxis führt - gerade in einer Ueberfluss- und Ueberschussgesellschaft.).

Quasi als Warnung an all die "gesetzestreuen Bürger", die fundamentalisten geschriebenen Rechtes, die glauben, dass dieses heilig und alleiniger Massstab menschlich rechmässigen Handenls sei, bemerkte er, daß die für rechtes menschliches Handeln maßgebliche Klugheit (Phronesis) sich nur im Zusammenspiel mit der natürlichen Teleologie des Begehrens (orexis) angemessen entfaltet.

Er war hier also bereits so weit wie Schopenhauer und Nietzsche, die dem Willen wieder sein Recht zusprechen wollten, ging allerdings noch deutlich darüber hinaus, denn es ist nicht nur der Wille, sondern alle Zielstrebigkeit, Zielorientiertheit, die Klugheit erfordert, also eine an Raum, Zeit und Ziel angepasste <Wahrheit>. THOMAS VON AQUIN übernimmt den Ansatz nochmals: «Die Wahrheit der praktischen Vernunft wird erlangt durch Übereinstimmung mit dem rechten Begehren». Dann scheint er gestorben (der Ansatz des rechten Begehrens mitsamt dem Thomas).

Plotin (205-270): Was wahrhaft ist, ist Eines, reine Aktualität, zeitlos, selbstursprünglich.

AUGUSTINUS (354-430) verkündet im Anschluß an die antike platonische Tradition tröstliche Wahrheit, nämlich:

  1. daß erstens das Wissen des sinnlich Wahrnehmbaren «verisimile» ein Wissen um dessen jeweiliges Urbild, das rein intelligible Wahre, voraussetzt,
  2. zweitens erst der Wahrheits-Besitz glücklich macht und dieser
  3. drittens möglich ist, weil es erfahrungsunabhängig gültige Wahrheiten wie etwa mathematische Sachverhalte gibt, die von der Dialektik als dem vollendeten Wissen der Wahrheit gelehrt werden.

Vinzenz von Lerins (?-434/450): Wirkungsgeschichtlich bedeutsam ist hier zweierlei: Zum einen ist die theoretische Grundlage geschaffen, um der Tradition die Rolle eines theologischen Erkenntnisprinzips zuzuweisen: Ihre Allgemeinheit («universitas»), Einstimmigkeit («consensio») sowie ihr Alter («antiquitas»)

Einzigkeit, Transzendenz und Absolutheit der Warheit kennzeichnet jetzt den herausragenden, aber eben auch legitimationsbedürftigen Anspruch einer bestimmten Religionsgemeinschaft.

Die Sache mit der religiösen Wahrheit ist ja unsere eigentlich nicht, aber immer noch die der Muslime, was einen grossen Teil des westlichen Zorns vielleicht zu erklären vermag. Weiteres zur "Wahrheit" der Religion s. unter <Idee>

In der Philosophie der Renaissance erfährt der Glaube an die Erkennbarkeit der Wahrheit eine Erschütterung, die als Reaktion auf die Widersprüchlichkeiten der spätscholastischen philosophischen und theologischen Systeme verstanden werden kann, auf die innere Kritik an der die Wahrheit sichernden Institution der katholischen Kirche und schließlich auf die Wiederentdeckung der antiken pyrrhonischen Skepsis. Die Wahrhaftigkeit von «unitas», «veritas», «bonitas» (der Einheit des Waren und Guten) zerbrach, fügte sich später aber, mit der philosophischen Aesthetik neu zur Einheit des Wahren, Guten und Schönen.

Humanismus: – Die Humanisten reagieren auf die Verunsicherung hinsichtlich der Wahrheits-Erkenntnis mit einer Abkehr von dem Begriff der Wahrheit und werten dagegen die Begriffe des Guten, Praktischen, Nützlichen, Wahrscheinlichen und Glaubwürdigen auf.
Im Kontext der Moralphilosophie stellt F. PETRARCA (1304-74) den Nutzen der Erkenntnis der Wahrheit für das glückliche Leben in Frage.

> Diesem Prinzip folgen ... im Prinzip ... der Pragmatismus: Hauptsache, es funktioniert, wie auch der Liberalismus, als Grundlage einer Wirtschaft, der es nur noch um die Befriedigung von - zuerst durch Werbung erweckten - "Bedürfnissen"geht. Obwohl mit "persuit of happiness" ursprünglich schon was Umfassenderes gemeint war. Wichtig ist zu anerkennen, dass "Glück" eben eine höchst individuelle Sache ist - die den individuellen Charakter von anfang an durch Ausschüttungen von Glückshormonen formt. Wird diese Steuerung misbraucht, etwa durch direkte Verabreichung entsprechender Drogen - oder durch Geld, das einen ähnlichen Einfluss hat, kann nicht mehr von natürlicher Charakterbildung gesprochen werden. Der ganze Mensch wird dadurch "unwahr".

Luther (1483-1546) / Reformation: «Christus ist die Wahrheit» bzw. «Gott ist die Wahrheit». Auch hier eine klare Rückkehr ins Mittelalter.

Montaigne (1533-92): «Le premier traict de la corruption des moeurs, c'est le bannissement de la verité». Montaigne ist der Begründer der Essayistik, die danach von vielen Philosophen - wie vom Journalismus - breit angewendet wird.

R. DESCARTES (1596-1650) gibt der Diskussion um Ursprung und Wesen göttlicher Werte eine epochale Wendung. Er erklärt die ewigen Wahrheiten für geschaffen und hinsichtlich ihres ontologischen Ranges den empirischen Dingen gleich. Damit bestreitet er die von AUGUSTINUS vollzogene Integration der platonischen Tradition in die christliche Schöpfungslehre. DESCARTES hält die ewigen Wahrheiten zwar für denknotwendig, metaphysisch jedoch sind sie disponibel, weil nicht zum göttlichen Wesen gehörig.

Pascal (1623-62): Zentral wird für Pascal die Wahrheits-Suche nicht mit der Vernunft, sondern mit dem Herzen, das die Möglichkeit habe, die Wahrheit dort zu erkennen, wohin die Vernunft nicht ausgreifen könne, nämlich auf die Wahrheit der ersten Prinzipien. Pascal ist zwar nicht so "gradaus", spricht aber ein Problem an, dem Wittgenstein noch aufgesessen ist und das bis heute nicht gelöst ist: Die Trennung der Welt der Gefühle, des Lebens - von der abstrakten Welt der Wahrheit. Im 18. und 19. JH wurde dieser Bereich durch die philosophische Aesthetik bearbeitet.

N. KOPERNIKUS (1473-1543) stellt die Behauptung auf, die Hypothesen müßten nicht wahr sein, sondern nur eine mit der Beobachtung übereinstimmende Berechnung ermöglichen; hier wird ein Wahrheits-Begriff zugrunde gelegt, der von der Kenntnis der Ursachen ausgeht. Diese Auffassung ist äusserst "modern", denn heute geht es bei der Forschung ja kaum mehr darum, irgend welche ewigen Wahrheiten zu finden oder Orientierungspunkte für menschliches Handeln zu finden (obwohl ... theoretisch wäre das immer noch Aufgabe der Geisteswissenschaften), sondern es geht um Produkte und Dienstleistungen. Wissenschaft soll also Dinge und Verfahren berechenbar, vor allem vorhersehbar, zumindest extrapolierbar machen, weshalb sich die Hirnforschung vor allem mit der Förderung der Kauflust abgibt, und dabei einen unfrei entscheidenden Menschen praktischer findet.

GALILEI (1564-1642) fordert, die Wahrheit nicht durch Textvergleiche, sondern durch die Untersuchung der Naturphänomene zu ergründen. Das wäre die Loslösung von der mittelalterlichen Scholastik, die offenbar doch um einiges über das Mittelalter hinaus gedauert hat - und mit Begehren wie dem nach lebenslangem Lernen wieder vor der Tür steht.

Bacon (1561-1626) beschreibt den schrittweisen Aufstieg der Erkenntnis von den Sinnesdaten bis hin zu allgemeinen Sätzen. Er schafft auch die Grundlagen des späteren (Hobbes (1588-1679), Bentham (1748-1832), Mill (1806-73)), heute fundamentalistischen Utilitarismus:

Ziel der Wissenschaften sei nicht die Betrachtung der Wahrheit («contemplatio veritatis»), sondern der Nutzen («utilitas»).

Na, da hätten wir's doch, damit wären auch die heutigen Neoliberalen zufrieden.

Die von E. HERBERT VON CHERBURY (1538-1648) 1624 vorgelegte Theorie der Wahrheit findet bei Descartes, dem Verfechter des Lumen naturale, nicht das geringste Verständnis. Herbert hatte nämlich den «consensus universalis» zur obersten Norm der Wahrheit erklärt. Im einzelnen unterscheidet Herbert vier Erfassungsweisen («acceptiones») der Wahrheit. Sie stellen gleichzeitig Stufen der Wahrheit dar und bauen aufeinander auf:

  1. «veritas rei»: Übereinstimmung [«conformitas»] eines Dinges mit sich selbst,
  2. «veritas apparentiae»: Übereinstimmung der Erscheinung mit dem Ding bzw. dessen Urbild,
  3. «veritas conceptus»: Übereinstimmung der Vorstellung mit der Erscheinung,
  4. «veritas intellectus»: Übereinstimmung der Vernunft mit dem Ding, seiner Erscheinung und seiner Vorstellungskraft der eigenen Wahrheiten der Vernunft: der Allgemeinbegriffe.

J. LOCKE (1632-1704) unterscheidet 1690 drei Bedeutungen von Wahrheit:

  1. Die metaphysische Wahrheit besteht in der «real Existence of Things»; sie kommt allen Dingen zu.
  2. Die moralische Wahrheit liegt dann vor, wenn die Worte der eigenen Überzeugung entsprechen, auch wenn sie nicht mit der «reality of Things» übereinstimmen. Heute würde man solche Personen als "authentisch" bezeichnen. Gerade in der Kindererziehung ist das äusserst wichtig, denn ein leicht zynischer didaktischer Lehrsatz lautet: Es bringt nichts, den Kindern etwas beizubringen, sie machen doch das, was sie bei den Eltern und Alten sehen.
  3. Die Wahrheit von Propositionen – und diese sind der eigentliche Ort der Wahrheit – zerfällt in die verbalen Propositionen, die dann wahr sind, wenn die Worte den Ideen korrespondieren, und in die mentalen Propositionen, die dann wahr sind, wenn die Ideen entweder den real existierenden Dingen korrespondieren oder wenn sie untereinander übereinstimmen

Zwischen den Gegenständen und ihren Zeichen (mögen diese als solche auch willkürlich sein) besteht ein Verhältnis der Repräsentation, das die feste Grundlage der Wahrheit darstellt. Vorauszusetzen ist dabei allerdings, daß die verwendeten Begriffe «möglich» sind, d.h. keinen Widerspruch einschließen.

G. VICOS (1668-1744) Satz «verum et factum ... convertun - («Wahres und Gemachtes fallen ineinander») und «verum esse ipsum factum» (Das Wahre selbst ist ein Gemachtes) entspringen Vicos Erfahrung, dass wir Dinge die wir selbst hergestellt haben am besten beschreiben können: Je materiell-konkreter eine Wissenschaft ist, um so weniger kann der Mensch sie erschaffen – und damit wahre Erkenntnis gewinnen. Dies gelingt ihm am besten in der Geometrie und Arithmetik als den abstraktesten Disziplinen. Schon die Mechanik ist weniger sicher, die Physik wiederum weniger sicher als die Mechanik.

Neuartig ist die Unterscheidung zweier Arten der Wahrheit: der unstreitigen Wahrheit und der Wahrscheinlichkeit, was auf ältere Unterscheidungen zwischen notwendigen und kontingenten Wahrheiten zurückgeht. Zwar scheint das «primum principium» (der «Begriff aller Wahrheiten») eine Bekehrung zu Tschirnhaus (1651-1708) zu bedeuten: «Was mit des Menschen Vernunfft übereinstimmet, das ist wahr, und was des Menschen Vernunfft zu wieder ist, das ist falsch». Da die Vernunft jedoch nicht nur aus den Ideen, sondern auch aus den «Sinnen» besteht, die «mir lauter individua» vorstellen, gilt: «Was der Menschliche Verstand durch die Sinne erkennet, das ist wahr, und was denen Sinnen zu wieder ist, das ist falsch».

CH. WOLFF (1669-1754) füllt die traditionelle Begrifflichkeit mit neuem Inhalt, und dies äußerst gründlich und ausführlich. Er unterscheidet zwischen der metaphysischen bzw. transzendentalen Wahrheit, der logischen und der moralischen Wahrheit (= Wahrhaftigkeit). Erstere besteht in der inneren Ordnung der Dinge, zeigt also deren ontologische Beschaffenheit auf. Weil in jedem Ding (mehr oder minder) Ordnung herrscht, ist jedes Ding (mehr oder minder) wahr. Das Prinzip des zureichenden Grundes ist der Ursprung der transzendentalen Wahrheit der Dinge; sie wird dadurch erkannt, daß man aufgrund der Ordnung im Ding den Grund für dessen «Möglichkeit» erkennt. Dazu tritt zweitens das Prinzip des ausgeschlossenen Widerspruchs, das dafür sorgt, daß die Wesensbestimmungen eines Dinges («essentialia») einander nicht widersprechen.

FICHTE (1762-1814) nennt den Urquell, der die Menschen zur Einigkeit der Gesinnung verbindet, «ewige Werte.»

Kant (1774-1804): Wahrheit und Irrtum sind «nur im Urtheile, d.i. nur in dem Verhältnisse des Gegenstandes zu unserm Verstande anzutreffen».

Hegel (1770-1831): Die Kunst soll den «Gegenstand nicht in seiner empirischen, sondern in seiner absoluten Wahrheit befreit von den Bedingungen der Zeit, in seinem An-sich» darstellen.

«Absolute Wahrheit» ist zunächst die «absolute», «unendliche Idee», «in welcher Erkennen und Thun sich ausgeglichen hat, und die das absolute Wissen ihrer selbst ist»

Hegel wird noch detaillierter besprochen unter dem Thema "Geist", denn es scheint, dass wir ihm die entwas unglückliche deutsche Bezeichnung "Geisteswissenschaften" verdanken, die um so problematischer wird, je weniger wir überhaupt an Geist-er glauben.

Schelling (1775-1854) formuliert aber auch die durch Fichte bewirkte Verschiebung der systematischen Bedingungen des Wahrheits-Begriffs durch dessen Verlagerung in das Ich provokativ: Er stellt der «hergebrachten Unterwürfigkeit unter die Herrschaft objectiver Wahrheit» den Primat der Freiheit entgegen und sucht «den Sclaven objectiver Wahrheit durch Ahnung der Freiheit zu erschüttern».

Als Idealist verwarf allerdings weder Schelling noch Hegel weder eine absolute, quasi gottgegebene Wahrheit, noch die Möglichkeit, diese zu finden. Nach Schelling setzt die absolute Wahrheit ein höheres bzw. zeitloses und nicht auf Zeit bezogenes Erkennen voraus, das schlechthin ewig ist: «Die Dinge mit absoluter Wahrheit erkennen» heißt, sie «in ihren ewigen Begriffen erkennen».

Idealismuskritik: Wenn es «keinen Irrthum gibt, so gibt es auch keine Wahrheit» (s. auch Anthroposophie)

Schopenhauer (1788-1860): Denn erst mit dem Willensbezug kommt für Schopenhauer zur Sprache, was der eigentliche Sinn einer vorgestellten Wahrheit ist, d.h. jener eigentümlich subjektiv-praktische Aspekt, durch den die Vorstellungen «nicht, wie es außerdem seyn müßte, völlig fremd und nichtssagend an uns vorüberziehn, sondern unmittelbar uns ansprechen, verstanden werden und ein Interesse erhalten, welches unser ganzes Wesen in Anspruch nimmt».

Systematische Pointe: Die bewußte Reflexion auf die Abhängigkeit des Erkennens vom Wollen bildet nämlich den Ansatzpunkt, um die «sekundäre» Erkenntnis vom eigentlich «primären» Willen zu emanzipieren.

Damit legt Schopenhauer den Grundstock für den bald folgenden Psychologismus, der alle Erkenntnis auf psychische Tätigkeiten und Empfindlichkeiten reduzieren wollte, aber auch für einen fast nihilistischen Skeptizismus, der ausser Interessen keine Wahrheit an-erkennt. Er bringt Descartes' Position in Anschlag: «Wie über die Götter der Alten noch das ewige Schicksal herrschte, so herrschten über den Gott der Scholastiker noch jene aeternae veritates», die der Idealismus als «Satz vom Grunde» übernommen hat. Kant habe ihm den Boden entzogen, indem er ihn als Form unseres Verstandes erkannte.

Marx (1818-83): «Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme», ist somit für Marx «keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, i.e. Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen».

Kierkegaard (1813-55): Wahrheit kann nur als erkannte Wahrheit überhaupt thematisch werden: «Das Wie der Wahrheit ist gerade die Wahrheit». Die stets von einem Subjekt zu leistende Wahrheits-Erkenntnis hat somit nicht nur die Wahrheit des Erkannten zur Bedingung, sondern mehr noch die Freiheit des Erkennenden.

«Das Wahre hat bis jetzt wunderlicherweise den Vortritt gehabt, sofern man die Dreiheit des Schönen, des Guten und des Wahren – im Wahren (in der Erkenntnis) erfaßt und dargestellt hat. Das Gute läßt sich schlechterdings nicht definieren. Das Gute ist die Freiheit ... Aber die Freiheit ist nie im Abstrakten»

Nach S. KIERKEGAARD ist die «ewige wesentliche Wahrheit selbst das Paradox», das von der idealistischen Dialektik aufgelöst wurde – paradox deshalb, weil sie «in der Zeit» geworden sei und deshalb das «Absurde» darstelle. Christus ist dieses «absolute Paradox» und das einzige, «was sich glauben läßt».

Auch hier wird also nicht unmittelbar die (objektiv verstandene) Wahrheit zum Problem, sondern der (subjektive) Wille zur Wahrheit, weil Nietzsche (1844-1900) davon ausgeht, daß Wahrheit allein im reflexiven Rekurs auf die subjektiven Bedingungen ihrer Erkenntnis angemessen zu thematisieren ist.

Tatsächlich ist der Wille zur Wahrheit jedoch weit eher ein «Sinn für Sicherheit» oder sogar «ein versteckter Wille zum Tode». Dem «wissenschaftlichen» Willen zur Wahrheit liegt «versteckt» eine fundamentale Verneinung der faktischen Realität, d.h. eine Aversion gegenüber Leben, Natur und Geschichte, zu Grunde.

Es macht daher für Nietzsche «den erheblichsten Unterschied, ob ein Denker zu seinen Problemen persönlich steht, so dass er in ihnen sein Schicksal, seine Noth und auch sein bestes Glück hat, oder aber 'unpersönlich: nämlich sie nur mit den Fühlhörnern des kalten neugierigen Gedankens anzutasten und zu fassen versteht. Im letzteren Falle kommt Nichts dabei heraus.

Der Erkenntnisvollzug der Kunst wird durch den der Philosophie des Begriffs überboten. Die Kunst als «große Ermöglicherin des Lebens» bezeugt dagegen nach F. NIETZSCHE den «Willen zum Schein, zur Illusion, zur Täuschung»: «wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehn».

Schließlich stößt F. NIETZSCHE über das 19. Jh. hinaus. Die Ablehnung der Wahrheit als Hoheitsprädikat des Wirklichen trifft vor allem den Menschen. Er ist Teil des Veränderlichen, keine «aeterna veritas». Seine Erkenntnis ist kulturrelativ und kontingent. Daher ist der «Mangel an historischem Sinn ... der Erbfehler aller Philosophen».

Für E. LAAS (1837-85) ist das Urteil das «psychische Gebilde, an welches sich die Frage wegen der Wahrheit ausschliesslich heftet». Dabei ist Wahrheit «'Uebereinstimmung mit einem 'objectiven Sachverhalt», wobei dieser als «'Norm» fungiert, «nach der sich das Urtheil zu richten hat». Der höhere Wert wahrer Urteile zeigt sich in ihrem auf die Zukunft gerichteten Nutzen.

Avenarius (1843-96): Bald wird das 'Seiende überhaupt als 'Wahrheit charakterisiert sein, bald auch jede 'Dasselbigkeit bez. 'Übereinstimmung».

Natorp (1854-1924): Wissenschaft besteht daher auch nicht «in einer geschlossenen Summe fertiger Wahrheiten ..., die eines Tages bis zu Ende erkannt sein könnten» ... Nicht nur die Wissenschaft, sondern auch Religion, Kunst und Mythos verfügen über eine je eigene Wahrheit.

Cassirer (1874-1945): betont wieder mal die Bedeutung der Integration, der Gesamtheit, des Systems: Die Möglichkeit der Einordnung in den systematischen Gesamtzusammenhang fungiert dabei geradezu als Kriterium der Wahrheit der Einzelerkenntnis.

In der Kritik der Beschränkung von Wahrheiten auf Naturtatsachen insbesondere im Psychologismus berührt sich der Neukantianismus mit E. HUSSERLS (1859-1938) Versuch einer Neubegründung der reinen Logik als einer Wissenschaftslehre: Daß die «Geltung» bzw. «Wahrheit» ihrer Sätze a priori begründet ist, legitimiert für das Gebiet der «rein begrifflichen» (d.h. vor allem der logischen) Erkenntnis die emphatische Rede von der «einen und alleinigen Wahrheit, die jede andersartige Möglichkeit ausschließt».

Das «Sein oder Gelten» der Wahrheit besitzt «den Wert von idealen Möglichkeiten», ist ein «ideales Sein», «eine Geltungseinheit im unzeitlichen Reiche der Ideen».

Mit der scharfen Trennung des «Guten und Wahren» bereitet der frühe M. SCHELER (1874-1928) seine Kritik an Windelbands werttheoretischer Bestimmung des Wahrheits-Begriffs vor: Weil Wahrheit nur «Sätzen» zukommt, weil also «wahr» kein (wie «gut» oder «schön») «mögliches Merkmal eines Gegenstandes oder einer Person» ist, deswegen läßt sich «wahr» auch nicht dem Begriff des Wertes unterordnen.

Zur Phänomenologie, die das Konzept der absoluten Wahrheit wieder belebt: «Absolute Wahrheit» kann demnach «nur persönlich», d.h. «personalgültige Wahrheit» sein.

Heidegger (1889-1976): Sein und Zeit: Das Seiende wird der Verborgenheit entrissen. Allerdings auch: «Daß es 'ewige Wahrheiten gibt, wird erst dann zureichend bewiesen sein, wenn der Nachweis gelungen ist, daß in aller Ewigkeit Dasein war und sein wird».

Horkheimer (1895-1973): So wird Wahrheit mit Gerechtigkeit «identisch», mithin zu einem «Moment der richtigen Praxis». Schon das war nicht im Sinne des Pragmatismus zu verstehen, gegen dessen Auflösung von Wahrheit in bloße Nützlichkeit oder Berechenbarkeit Horkheimer immer mehr das Moment der Objektivität von Wahrheit, ihren Selbstzweckcharakter, ihren Gehalt an Vergangenheit, später dann ihre Entzogenheit herausarbeitet. - Das läßt Wahrheit entweder nur indirekt zugänglich – als Kritik von Unrecht bzw. Unwahrheit – oder zu einem Gegenstand bloß von «Sehnsucht» werden.

ADORNO (1903-69): Entscheidend ist das «Verweilen», der «lange, kontemplative Blick», so daß Wahrheit vor allem als das Intentionslose erscheint. Auch das bedingt die Affinität der Philosophie zur Kunst. Falsch, weil «beschränkt», ist zunächst die «szientifische» Wahrheit, als deren Kritik Philosophie auftritt

Auch K. JASPERS (1883-1969) denkt «Wahrheit als Mitteilbarkeit», arbeitet jedoch gegenüber der Dialogphilosophie die Pluralität von Wahrheits-Weisen stärker heraus. Bei E. LEVINAS (1906-95) schließlich wird der Bezug von Wahrheit und Sprache, Kommunikation im Sinne einer symmetrischen Ich-Du-Beziehung, unter dem Eindruck von F. ROSENZWEIG bewußt aufgelöst zugunsten einer «Achtung» («respect») gebietenden «Unterweisung» («enseignement») durch den «Anderen», mit dessen «Vorrang» («privilège d'autrui») und «Herrschaft» («maîtrise») «Gerechtigkeit»justice») erneut zur eigentlichen Voraussetzung der Wahrheit avanciert. * Solche 'Relativierung von Wahrheit verschärft sich unter dem Einfluß Nietzsches bei M. FOUCAULT (1926-84), so daß hier die «Wahrheits-Abhängigkeit der Macht» sich geradewegs in eine «Machtabhängigkeit der Wahrheit» umzukehren scheint

Diese Zitate aus dem philosophischen Wörterbuch sind äusserst dicht, also gehaltvoll, und erfordern weitere Interpretation und Auslegung. Gerade Levinas Ansatz, der Wahrheit über Respekt und Achtung vor dem Anderen und Herrschaft (maîtrise - als Herrschaft über Menschen wie über das Sachgebiet) mit Gerechtigkeit verbindet, könnte das durch wirtschaftliche und betriebliche Bedürfnisse getriebene "lebenslange Lernen" als "lebenslänglichen Zwang zur marktorientierten Fortbildung" deutlich relativieren. Denn dieses Zwangskonzept des Lernens zeigt weder Achtung vor dem Wissen, noch Achtung vor dem, der Wissen erwerben will, sondern nur zwangshaftes Reagieren auf Sytemzwänge. Und eben diese Systemzwänge sind die Wahrheit, die uns heute beherrscht, die an der Macht ist.

Arendt (1906-75): «Wahrheit könnte man begrifflich definieren als das, was der Mensch nicht ändern kann; metaphorisch gesprochen ist sie der Grund, auf dem wir stehen, und der Himmel, der sich über uns erstreckt».

Freud (1856-1939) zeigt sich zugleich skeptisch darüber, inwiefern die «unerwünschten Wahrheiten», die der Analytiker dem Individuum wie der Gesellschaft zu sagen habe, Gehör finden nicht primär auf historische Wahrheit abzielen, sondern «Wahrheit konstruieren, und zwar im Dienste der Kohärenz des Selbst».

Hier entsteht ein Konflikt zwischen der menschlichen Wahrheits-Suche auf der einen und den vielfältigen Formen der Realitäts- und Wahrheits-Verleugnung auf der anderen Seite. Wo sich die Wahrheit selbst nicht mehr zu einem Ganzen fügt, zerbröselt auch die Identität des Menschen, seine Persönlichkeit, und er sucht oft Schutz vor diesem Zerbröseln in neuen, eindeutigen Gefässen, auch wenn diese eigentlich als Krankheit definiert sind, wie Neurose, Psychose etc.: In neuer Weise wird sichtbar, daß die Fähigkeit des Menschen, Wahrheiten über sich selbst zu ertragen, fragil ist, daß diese Wahrheiten als Quelle von Schmerz gerade vermieden werden.

J. LACAN (1901-81) antwortet mit der Analogie, wonach das Unbewußte wie eine Sprache strukturiert sei: «C'est même pourquoi l'inconscient qui le dit, le vrai sur le vrai, est structuré comme un langage». In den Produktionen des Unbewußten, in den Symptomen, Entstellungen und Fehlleistungen taucht Wahrheit auf und 'spricht sie.

Der Wahrheits-Erfahrung kommt nach Bion (1897-1979) die entscheidende Funktion im Prozeß der Entstehung und Entwicklung des Denkens zu. Wahrheit sei «conducive to mental health» . Sie sei für psychisches Wachstum («healthy mental growth») so notwendig wie Nahrung und Luft für den Körper. «If it [sc. truth] is lacking or deficient the personality deteriorates» [12]. Wahrheit heilt, so eine der zentralen Einsichten Bions, «weil sie aus Verstehen besteht».

Für B. BOLZANO (1781-1848), den 'Urgroßvater der Analytischen Philosophie, sind die primären Träger der Eigenschaften Wahrheit und Falschheit Sätze an sich oder Propositionen. Wahr ist ein 'Satz an sich immer dann und nur dann, wenn er «von seinem Gegenstande aussagt, was demselben zukommt». Genauer: «Ein Satz [an sich] ist wahr, wenn jeder Gegenstand, der dem Subjecte des Satzes untersteht, eine Beschaffenheit hat, die dem Prädicate untersteht».

Auch für G. FREGE /1848-1925) sind Propositionen, die bei ihm «Gedanken» heißen, die primären Wahrheitswert-Träger.

CH. S. PEIRCE (1839-1914). Nach seiner Konzeption fallen die Grenzen der Wahrheit mit den Grenzen dessen zusammen, worüber in der Forschergemeinschaft irgendwann ein Konsens, ein «general agreement», ein «catholic consent» erzielt werden wird.

W. JAMES /1842-1910) führt seine Wahrheits-Auffassung als eine Auslegung der Korrespondenz-Formel ein: «Truth ... is a property of certain of our ideas. It means their 'agreement, as falsity means their disagreement, with 'reality». «What does agreement with reality mean? It means verifiability. Verifiability means ability to guide us prosperously through experience».

Nach O. NEURATH (1882-1945) besteht die Wahrheit einer Aussage darin, daß man sie in die «Gesamtheit der vorhandenen, bereits miteinander in Einklang gebrachten Aussagen ... eingliedern kann», und sie kann eingegliedert werden, wenn jene Gesamtheit nach der Hinzufügung der neuen Aussage «widerspruchslos» bleibt. «Was man nicht eingliedern kann, wird als unrichtig abgelehnt.

> Hier wieder die Bedeutung des Systems, das entscheidet ob etwas passt oder nicht, also stimmt oder nicht. Wo Wissenssysteme löcherig oder zerknittert aussehen - oder gleich von Anfang an als "Geheimwissenschaft" deklariert werden, ist das meist darauf zurückzuführen, dass zwanghaft vermieden werden soll, dass eben solche Unstimmigkeiten aufscheinen.

Für F. H. BRADLEY (1846-1924) ist Kohärenz die «Vereinigung» von Konsistenz und «comprehensiveness», das wichtigste Kennzeichen von Wahrheit. Die Kohärenz von Informationen reicht nicht aus, die Sammlung von Aussagen muss auch umfassend sein:

  1. Ein System A ist 'umfassender (und insofern kohärenter) als ein anderes System B, wenn A nicht nur alle Fragen beantwortet, die in B beantwortet werden, sondern mindestens eine weitere Frage, die in B unbeantwortet bleibt.
  2. Außerdem ist A inferentiell besser integriert (und insofern kohärenter) als B, wenn zwischen den Elementen von A mehr deduktive, wahrscheinlichkeitsverleihende und explanatorische Beziehungen bestehen als zwischen den Elementen von B.
  3. Schließlich ist A besser durch Erfahrung kontrolliert (und insofern kohärenter) als B, wenn A mehr Wahrnehmungsurteile akzeptiert als B.

    Kohärentismus basiert auf der Tatsache, daß keine einzelne Aussage die ganze Wahrheit (über ihren Gegenstand, geschweige denn über alles) enthält. Hier findet die Forderung nach höchstmöglicher Einfachheit einer Aussage oder Theorie ihre Grenze.

Seit Kant ist Wahrheit eine Sache des Urteils. Ein Urteil braucht aber einen Rechtssatz, ein Kriterium, um zu Urteilen. Dummeweise gibt es kein allgemein gültiges Wahrheitskriterium, keinen absoluten Massstab:

K. R. POPPER (1902-94):

«Yet we cannot have a general criterón of truth»

Hier enden wir vorerst mit dieser postmodernen Haltung. Kommentare zur sog. "objektiven Wahrheit" bezeigen nochmals, warum diese Haltung nicht nur negativ zu werten ist:

Objektive Wahrheit

Die Geschichte des Begriffs objektive Wahrheit zerfällt in drei Zeitabschnitte:

  1. 1600–1700 mit dem Gegenbegriff formale Wahrheit;
  2. 1730–1900 mit dem Gegenbegriff subjektive Wahrheit
  3. ab 1900 unter Eliminierung des Gegenbegriffs.

«Jeder philosophische Skeptiker muß ... die subjektive von der objektiven Wahrheit unterscheiden, und jene anerkennen, damit er diese läugnen könne». «Die Wahrheit, die er bekämpft und allein bekämpfen kann, ist die objektive." "Die Unerweislichkeit der objectiven Wahrheit ist das Dogma dieser Sekte." [K. L. REINHOLD: Ausführl. Darst. des negat. Dogmatismus oder des metaphys. Skepticismus]

Fichte: Insofern sei «alles, was einer richtigen Wahrnehmung gemäß durch die nothwendigen Gesetze unseres Erkenntnisvermögens zustandegebracht wird, objektive Wahrheit.»

Konsensustheorie: Die Konsensustheorie der objektiven Wahrheit, derzufolge die objektive Wahrheit eine kollektive Kultstätte ist («Tempel der objectivischen Wahrheit») und man statt von objektiven Wahrheiten überhaupt besser von «intersubjektiven» Wahrheitenen spräche.

Existentialismus: J. G. FICHTE perhorresziert den (vorkritischen) Begriff der objektiven Wahrheit aus politischen Gründen: Er legitimiere Zensur. Ähnlich entlarvt F. H. JACOBI die objektive Wahrheit als «hypostasierten Eigendünkel», d.h. die Berufung darauf als Ausdruck der Intoleranz.

Die subjektive Wahrheit, d.i. der Glaube im Gegensatz zum Wissen, habe «mit der objectiven nichts gemein», sondern sei «die Trägerin unserer eigenen inneren Lebendigkeit». «Will man noch den Glauben zu einem Knecht des Vorstellungsvermögens, zu einem unkräftigen Supplement objektiver Wahrheit machen? Nein!».

Vollends für S. KIERKEGAARD trägt die objektive Wahrheit das Stigma der Selbstentfremdung und des 'vergegenständlichenden Denkens: Subjektivität und Wahrheit fallen zusammen.

Auch so jedoch ist für den späten G. SIMMEL jede objektive Wahrheit durch den Kulturprozeß dazu bestimmt, irgendwann «wieder als subjektiv erkannt» zu werden.

Problem und Ursache für die Elimination der subjektiven Wahrheit:

Im 20. Jh. ist die objektive Wahrheit eben «zugleich Wert»
Problem und Ursache für die Elimination der absoluten Wahrheit im Gesetz: s. Probleme des Rechtspositivismus - mehr individuelle Gerechtigkeit durch richterrechtliches Eingehen auf Besonderheiten des Falles.

Wahrscheinlichkeit / Stochastik

In Antike und Mittelalter sind verisimilitudo und probabilitas eng miteinander verbunden und werden oft synonym gebraucht.

In Auseinandersetzung mit J. LOCKE, der «probability» und «likeliness to be true» gleichsetzt, verwendet G. W. LEIBNIZ die Begriffe Wahrscheinlichkeit oder Probabilitätle probable», «la probabilité») und Wahrheit («la vraisemblance», «la verisimilitude»), wobei Wendungen wie «le probable ou le vraisemblable» zeigen, daß er zwischen den beiden keine scharfe Bedeutungstrennung vornimmt.

Der Philosoph muß sich mit der Scheinbarkeit, einem bloß subjectiv und praktisch hinreichenden Fürwahrhalten begnügen.

CH. S. PEIRCE, ihrem wichtigsten wissenschaftsphilosophischen Vertreter am Ausgang des 19. Jh. Aber auch Peirces Charakterisierung wissenschaftlicher Theorien als «likely or verisimilar» («I call that theory likely which is not yet proved but is supported by such evidence that if the rest of the conceivably possible evidence should turn out upon examination to be of a similar character, the theory would be conclusively proved») bleibt' doxastisch geprägt und gründet – trotz seines Fallibilismus – letztlich in seinen Wahrscheinlichkeitsüberlegungen zur Induktion und in seiner Voraussetzung kognitiver Evolution.

I. NIINILUOTO teilt die moderne Geschichte der Wahrheit in drei Perioden ein:

  1. nach Poppers Begriffseinführung und
  2. deren grundsätzlicher Infragestellung durch frühe Kritiker sieht er dabei
  3. die dritte, etwa Mitte der 1980er Jahre einsetzende Periode gleichsam durch 'Irreversibilität ihrer begrifflichen Grundlegung innerhalb der Wissenschaftstheorie gekennzeichnet: «it is now obsolete to claim that truthlikeness with reasonable properties cannot be defined at all». – «Diese Vermutung ist wohl, [wie] ich denke, der Wahrheit recht ähnlich».

Generell wird die Wahrscheinlichkeitsrechnung/Stochastik eben so stark unterschätzt von den einen, wie missbraucht, der zumindest fahlässig bis falsch angewendet von den andern. Generell gilt hier, was die Griechen von anfang an wussten: Wenn die Wahrheit verbogen oder verschwiegen wird, kann Wahrheit nicht ans Licht kommen. Da ändert die beste Statistiksoftware nichts daran.

Martin Herzog, Basel, 6.2.10