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Der Geist, seine Elemente und Inhalte:

1. Theorie - 2.Idee - Gedanke - 3. Aesthetik Bereich des sinnlich Erfahrbaren - 4. Wissen - 5. Wahrheitoberstes Ziel der Philosophie

Bereits aus der Ueberschrift ergibt sich eine interessante Erkenntnis:

Wir haben also zumindest 3 Gebiete, in denen Geist zur Entfaltung gebracht wird. Alle arbeiten mit höchst unterschiedlichen Zielen, also auch mit eben so unterschiedlichen Methoden. Bereits innerhalb der Wissenschaften als einigermassen monolithischem Block, der durch universitäre Tradition recht streng normiert und diszipliniert ist, verstehen die einen Spezialitäten/Disziplinen die andern kaum. Insbesondere herrscht eine enorme Kluft zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, bei der die überbrückenden Sozialwissenschaften diese Rolle kaum zu erfüllen vermögen, eben so wenig wie die eigentlich rein Geisteswissenschafliche Rechtslehre, die allerdings mit strengster "naturwissenschaftlicher" Logik arbeitet (wo die Juristen ihr Werk fachgerecht errichten).

Der Grund dafür ist einfach. Jeder der mal ein Fach, sein Fach, studiert hat, ist heilfroh das endlich bestanden zu haben, um damit seinen Lebensunterhalt verdienen zu können (inshallah muss man heute dazu sagen, auch und gerade bei uns; nicht der Islamisierung wegen, sondern auf Grund fehlender, der Ausbildung wirklich entsprechender bezahlter Einsatzmöglichkeiten, also Arbeitsplätze). Man versteht also nicht recht, was die andern Wissenschaften eigentlich so treiben ... und im Prinzip ist es einem ja auch ziemlich egal. Dazu kommt, dass jeder in seinem Fach dieses Wissen natürlich energisch verteidigt gegen Usurpatoren und Alleswisser, die ohne Studium über "sein" Fachgebiet lästern oder auch bloss sich auslassen wollen. Das ist auch recht so, führt aber zu üblen Folgen, denn unter diesen Umständen hat eben auch niemand so recht eine Ahnung, in welcher Ecke denn sich nun Wissen finden würde, das für das anstehende, reale Problem, das ja meist recht undiszipliniert daher kommt, nun zu finden wäre. Man würfelt also im besten Fall einige Spezialisten des disziplinären Generalismus zusammen und produziert eine Kompilation, eine Zusammentürmung.

Würden wir uns darum bemühen, mal im Kern zu verstehen, wodurch sich unterschiedliche Wissensbereiche auszeichnen - könnten wir auch besser verstehen, wie, wo und warum sie eigentlich leicht kombinierbar wären, eine sinnvolle Synthese ergäben. Damit wäre, wollte, sollte, möchte auch die Postmoderne überwunden sein: Das richtige Wissen - und Fühlen - am richtigen Ort.

Bis hin zum Wissen waren Sie vermutlich noch dabei, beim Fühlen - am rechten Ort, dürften Sie gestolpert sein, denn hier haben wir einige massive Probleme:

Wittgenstein: Will Sprache auf eine absolut eindeutige Formelsprache reduzieren, die in allem wo wir wirklich wissen können, eben wahre Aussagen herzustellen vermag. Das Konzept scheitert aus mehreren Gründen. s.

Technik: Will praktische Anwendbarkeit von Wissen, desinteressiert sich fälschlicherweise um Ganzheit und Wahrheit, besonders seit die nicht mehr Aequivalentezur Schönheit sind, , d.h. präziser - mit der Schönheit keine Gestalt dreifaltiger Einheit mehr bilden. Technik will Machbarkeit - Machen ist aber nicht Handeln, denn letzteres muss die Verantwortung für das Resultat tragen.

Gefühlswelt: ist privat. Insbesondere wo Aesthetik zu äussserlichem Aesthetizismus wird, kein Konzept der Ganzheit, der Gestalt mehr. Das Scheitern des ästethisch-philosophischen Konzepts zeigt sich bereits daran, dass die Gefühlswelt selbst missverstanden wird. Von der Wahrheitssuche wird sie - ganz im Zeichen der Objektivität - bewusst bei Seite geschoben. Von Menschen wird sie gelobt - obwohl die Hälfte der Gefühle negativ sind. Jedem schönen Gefühl steht ja sein teuflischer Counterpart gegenüber, der Liebe der Hass, der Freude der Verdruss, dem Glück der Schmerz, der inneren Ruhe die Wut ... Man (besser frau, dort kommt das öfter vor) sollte also "Gefühle" nicht einfach so loben, ohne klarer auszudrücken, was sie will - allerdings mit dem Problem, das von aussen gewollte Gefühle dann eben keine wahren Gefühle mehr sind.

Die 5 Aufsätze Theorie - Idee - Gedanke - Aesthetik Bereich des sinnlich Erfahrbaren - Wissen - Wahrheit gehören also zusammen, mussten aber zerlegt werden, da diese verm... spry tabbed pannels schon wieder mal einfach einen beträchtlichen Teil davon weggefressen haben. Da steckt echt der Wurm drin.

1. Theorie

[Historisches Wörterbuch der Philosophie: Theorie.]

Theorie (griech. theoria; lat. contemplatio, speculatio, meditatio, theoria; engl. theory; frz. théorie; ital. teoria) kommt vom griechischen theoria, das 'Anschauen, 'Betrachtung, und 'Erkenntnis bedeutet.

Während dem HERODOT (490/80-424 BC) die theoria an die Weisheit (sophia) angenähert und damit ihren Erfahrungs- und Erkenntnissinn betont, so wird theoria bei PLATON zum Terminus technicus, also zum eigentlichen Inhalt philosophischen Wissens. (s. auch Idee)

Theorie bezeichnet im emphatischen Sinn den Blick für das Ganze und Umfassende. Die kontemplative Betrachtung des unveränderlichen Göttlichen, der Idee des Guten, die für alles andere Seins- und Erkenntnisprinzip ist, nennt Platon im Höhlengleichnis eine theia theoria (göttliche Schau).

> Wir haben also das, was ich später anhand der Anthroposophie kritisiere, eigentlich von Anfang an drin.

Ziel der theoretischen Wissenschaft, die nach dem Seienden als Seienden fragt, ist die Erkenntnis der Wirklichkeit von ihren Erklärungsgründen her. Aristoteles unterscheidet drei Gattungen theoretischer Wissenschaft: Mathematik, Physik, d.h. Naturphilosophie, und Theologie, die ihm als die vornehmste Wissenschaft gilt, da sie vom ehrwürdigsten aller Dinge handelt

Das 'theoretische Leben (bios theorethikos, lat. vita contemplativa), das Leben in, mit und für die Philosophie, nimmt seit Platon und bis gegen Ende des Mittelalters (Renaissance) den höchsten Rang ein, höher als

Die theoria als Tätigkeit des Nus (noys), die der Mensch mit den Göttern teilt, stellt für Aristoteles nicht nur die höchste Stufe des Wissens, sondern auch die höchste Form der Praxis (s.d.) dar.

Im Gegensatz zu heute, wo Theoretiker ein Schimpfwort ist, galt für die Griechen, insbesondere Proklos noch, dass Theoretisieren eigentlich die Suche nach der Einheit (Gott) sei: Das Streben nach dem theorein ist letztlich motiviert im Verlangen nach einer Einheit mit dem in sich verharrenden Urgrund des Einen selbst.

> Die Theorie in ihrer Urbedeutung ist also vermutlich der Grund für heute seltsam anmutende "Wissenschaften" wie etwa die Anthroposophie und andere mystische Theologien, welche Gott direkt sehen wollen. Dieser Sinngehalt von theoria a.s geistige Schau des Unsagbaren, die im Schweigen endet(im Gegensatz zu heute also nicht in Geschwätz), drückt sehr früh das aus, womit Wittgenstein 2000 Jahre später berühmt wurde: Wovon man nicht reden kann, darüber müssen man schweigen.

Gerade weil sich aber Philosophen nur selten durch die Kunst des Schweignens ausdrücken, sondern lieber doppelt so lange unverständliches vor sich hin bröseln, kriegte der Begriff Theoria auch schon bald die Bedeutung eines Studiums der Schrift. Für PS.-DIONYSIUS AREOPAGITA ist die Bedeutung von theoria als Schau geistiger Wesen zwar maßgeblich. Allerdings kann theoria aber auch das Studium der Schrift bedeuten, das Erfassen des geheimen Sinnes.

> Auch hier eine Verdeutlichung der Kritik der Anthroposophie als "Geheimwissenschaft": Es geht nicht darum, eh unsagbares noch mehr zu vernebeln und okkultistisch als Geheimnis zu verdunkeln, sonder es geht bei allen Geisteswissenschaften wie der Philosophie darum, die Welt zu verstehen, verständlich zu machen mit Hermeneutik, also Auslegung.

Episteme, gnosis und noesis können wie theoria die Schau Gottes bezeichnen. Im Anschluß vor allem an Dionysius entwickelt JOHANNES SCOTUS ERIUGENA die ihm eigentümliche Denkform einer «doppelten Sicht» («duplex theoria») im Bewußtsein der Differenz und Insuffizienz menschlicher Begriffe und Aussagen gegenüber dem Sein des absolut Unendlichen

Als Synonym für das Theoretisieren (theorein) wurde auch die Spekulation ( speculari- (ursprüngl. 'erspähen) gebräuchlich. Hier erhält die Theorie bereits etwas Hypthetisches, das was ihr als einziges heute noch bleibt (s. Wissen als vorläufig gültige Hypothese):

Die Theoretiker der Neuzeit stellen das kontemplative Wissensideal der Antike in Frage und begründen die «moderne Theorie», die H.-G. GADAMER als «Konstruktionsmittel» beschrieben hat, «durch das man Erfahrungen einheitlich zusammenfaßt und ihre Beherrschung ermöglicht»

HUGO VON ST. VIKTORS summiert, was damals für das Mittelalter als höchstes Wissen galt:

Kritik des Theoretisierens und ihre Wendung zum Hilfsmittel der Praxis einerseits, des Konstruktivismus andererseits

Die «theorica» erfährt eine spürbare Abwertung, am krassesten bei G. GALILEI, der abschätzig von «fabbricatori di teoriche» spricht und diesen Teil der Astronomie als rein fiktiv bezeichnet

Der mittelalterliche Vorrang von Theorie (oder Spekulation) gegenüber der Praxis wird in der frühneuzeitlichen Philosophie, die hier die humanistische Kritik fortsetzt, vielfach umgekehrt. So spricht F. BACON, obgleich er selber auch eine «Theory of Heaven» konstruieren will, von Theorien und Philosophien eher polemisch im Rahmen seiner Lehre von den «Idola Theatri, sive theoriarum» und wartet auf jemanden, der den Mut besitzt, «Theorien und Allgemeinbegriffe völlig abzuschaffen». Ebenso stark insistiert TH. HOBBES auf der Nutzenbindung alles Wissens. G. W. LEIBNIZ nimmt eine vermittelnde Stellung ein. Für ihn ist es wichtig, «Theoricos Empiricis felici connubio zu conjugiren und mit einem des andern Defecte zu suppliren» [4]. Es gehe darum, «theoriam cum praxi zu vereinigen» - also Theorie und Praxis zu verbinden, was im 19. und 20. JH im technischen Bereich fulminant geglückt ist - was aber im geistigen und sozialen Bereich immer noch auf sich warten lässt.

Um die gleiche Zeit ist zu beobachten, daß der Theorie-Begriff in Verbindung mit dem Hypothesenbegriff tritt. Nach R. BOYLE. I. NEWTON spricht statt von Hypothese meist von «Theorien». Wie stark sich der Theorie-Begriff vom 17. zum 18. Jh. im allgemeinen ausbreitet, kann z.B. daran abgelesen werden, daß das erste Buch von Newtons Philosophiae naturalis Principia Mathematica: Von der Bewegung der Körper (1687) in C. MACLAURINS Newton-Darstellung von 1748 [11] Of the theory of motion, or rational mechanics übertitelt wird.
Andere wie G. CH. LICHTENBERG halten dieser Kritik aber entgegen: «Man muß Hypothesen und Theorien haben um seine Kenntnisse zu organisieren, sonst bleibt alles bloßer Schutt, und solche Gelehrten gibt es in Menge». Praxis ohne Theorie kann zwar manchmal funktionieren - macht aber die Vermittlung schwierig, da das Wissen unsystematisch und ohne die wichtigen logischen Verknüpfungen dargestellt wird. Die Bedeutung der Theorie für die Weitergabe von Wissen hat J. G. FICHTE am ausgeprägtesten formuliert. Für ihn sind «Lehre» und «Theorie.» gleichbedeutend: «Die Wissenschaftslehre soll, wie die Zusammensetzung des Worts zeigt, seyn eine Lehre, eine Theorie. des Wissens, welche Theorie. sich nun ohne Zweifel auf ein Wissen vom Wissen gründet».

Nun kommen wir zu dem Feld, das heute die grössten Problem verursacht, die Vermengung von wissenschaftlichem Wissen, also meist kausalem Wissen, mit sozialen Zielen und geistigen Orientierungen, Werten:

Für I. KANT ist das Feld der Theorie auf die Naturbestimmungen eingeschränkt: «Alles Praktische, was nach Naturgesetzen möglich sein soll ..., hängt seiner Vorschrift nach gänzlich von der Theorie der Natur ab; nur das Praktische nach Freiheitsgesetzen kann Principien haben, die von keiner Theorie abhängig sind; denn über die Naturbestimmungen hinaus giebt es keine Theorie

«Man nennt einen Inbegriff selbst von praktischen Regeln ... Theorie, wenn diese Regeln als Principien in einer gewissen Allgemeinheit gedacht werden, und dabei von einer Menge Bedingungen abstrahirt wird, die doch auf ihre Ausübung nothwendig Einfluß haben».

Noch reduktionstischer als Theorien sind Prinzpien:

Principien (die eigentlich das ausmachen, was man Theorie nennt) zu sammeln und ohne sich ein Ganzes (welches, wenn dabei methodisch verfahren wird, System heißt)

Hier macht Kant ebenfalls auf etwas aufmerksam, das 200 Jahre später die Risikogesellschaft begründet. Wissenschaften disziplinieren sich darauf, das zu tun, was ihr Fachgebiet ist, und das zu tun, mit den Methoden die zu ihrem Fachgebiet gehören. Da in der realen Welt die Dinge höchst selten nach diesen Fachgebieten gegliedert sind, produziert solch reduktionistisches Wissen eben nur Teilwissen, das zu Störungen führt. (Wobei zu sagen ist, dass bei komplexen Systemen auch umfassendes Wissen nicht mehr vermag vorherzusagen, wie die Reaktion des Systems auf einen Eingriff definitiv und verlässlich aussehen wird.) Dieses Problem wird erst viel später durch den Theoretiker dialogischer Wahrheit angegangen: J. HABERMAS prägt den «Typus von Gesellschaftstheorie, den wir zuerst bei Marx ausgebildet finden», und der sich dadurch auszeichnet, «daß die Theorie in doppelter Hinsicht reflexiv ist. ... Mit der Reflexion ihres Entstehungs- und der Antizipation ihres Verwendungszusammenhangs begreift sich die Theorie selbst als ein notwendiges katalysatorisches Moment desselben gesellschaftlichen Zusammenhangs, den sie analysiert»
Das war vor gut 30 Jahren, aber daran arbeiten wir noch, d.h. wir sollten eigentlich, denn zur Zeit bemühen wir uns erst diese Arbeit durch ergebnislose fundamentale Streitereien zwischen Parteien und volkstümlichem Palaver (Populismus) zu vermeiden.

Verlust der Wahrheitsgewissheit - wissenschaftiches Wissen als (vorerst) nicht widerlegte Hypothese

W. WHEWELL (1794-1866), der sich intensiv mit der Induktion beschäftigte, beschreibt «a Theory (that is, a true Theory) ... as a Thought which is contemplated distinct from Things and seen to agree with them; while a Fact is a combination of our Thoughts with Things in so complete agreement that we do not regard them as separate». «A Fact is a familiar Theory» – und umgekehrt: «a true Theory is a Fact»

Eine Induktion ohne Hypothese ist für JEVONS (1835-82) eine Contradictio in adjecto, besteht doch der Prozeß der Induktion wesentlich in dem der Hypothesenbildung. Das Jevons Paradoxon, welches besagt, dass bessere Ausnutzung eines Rohstoffs meist nicht in weniger, sondern in mehr Verbrauch endet, hätte längst eine Warnung sein sollen:

Es sind zwar die Fakten, mit denen der Forscher beginnt, und es sind die Fakten, mit denen er seine Untersuchung abschließt. Dazwischen aber liegt das große Gebiet der «freedom of theorizing», bei dem «fertility of imagination and abundance of guesses at truth are among the first requisites of discovery»

Im 19. Jh. findet der Umschlag vom sog. klassischen zum sog. modernen Wissenschaftsbegriff statt, der als Hypothesierung oder als «Wahrheitsgewißheitsverlust» angesehen werden kann. Charakteristisch sind für ihn der Rückgang des Euklidianismus in der Mathematik (vor allem durch Riehmann und die nicht-rechtwinklige riemannsche Geometrie), der Zusammenbruch des Mechani(zi)smus in der Physik sowie die Entstehung und Ausbreitung des Darwinismus in der Biologie und des Historismus in den Geisteswissenschaften. Die Pluralisierung der Theorien bzw. des Theorie-Begriffs schreitet auch in den einzelnen Disziplinen fort.

Wissenschaftlich geprüftes Wissen, eben in der Form der Theorie, wird aber auch für die Politik wichtig: Die «echte Theorie», als «Anschauung» bzw. «lebendige Ansicht» gefaßt, sucht nach L. VON RANKE (1795-1886) das «innere Wesen des Daseins und seine Gesetze zu begreifen» und fördert als solche den Staatsmann.

Wenn J. S. MILL (1806-73) das Wort theory nur selten, meist nur in speziellen Zusammenhängen gebraucht, so zeigt dies an, daß für ihn das zentrale Problem innerhalb der «philosophy of science» darin besteht, «to give a correct account of the function of the particular facts of observation and experiment», ganz im Gegensatz zu WHEWELL, dem es darum geht, «to give a correct account of the function of theory» [53]. Für MILL ist der Naturforscher eben nicht «interpreter» (wie für Whewell), sondern «spectator»

Der Grundsatz des «experimentellen Determinismus» führt den Physiologen und medizinischen Forscher C. BERNARD (1813-78) zur Einsicht, daß

W. DILTHEY (1833-1911): «Durch die Theorie wird also die Philologie erst wirklich zur Kunst».

«Das letzte Ziel der Theorie ist ... ein allgemeingültiger Zusammenhang zwischen allgemeinen Wertbestimmungen, Zwecksetzungen und Regeln».

Theorien verschaffen uns nach Haeckel (1834-1919) zwar nur eine «Annäherung an die Wahrheit» und können stets revidiert werden. Gleichwohl sind sie für die wissenschaftliche Arbeit «unentbehrlich».

Für E. MACH (1838-1916) - Urvater des Positivismus, fällt der Vorgang der Bildung einer Theorie zusammen mit dem Vorgang des Überganges von einer indirekten zu einer direkten Beschreibung: «Aller Fortschritt zielt darauf ab, die Theorie immer mehr der Wirklichkeit anzuschmiegen». Eine Theorie im vollwertigen Sinne hat alles Hypothetische abgelegt und gründet sich auf Tatsachen, die begrifflich rein formuliert vorliegen. Damit ist das Ziel der Naturwissenschaft, «den Zusammenhang der Erscheinungen» darzustellen, erreicht.

Beide primären Logiken der Ableitung von Wissen werden (noch) anerkannt: #

Die Zweideutigkeit des Begriffs tritt wieder deutlicher zutage. Theorie ist für die einen eine Struktur, welche die richtigen Zusammenhänge aufzeigt, f'ür die andern bloss ein vorläufiges oder eh auf Unkenntnis der Fakten beruhendes Produkt - das allerdings seine wichtige heuristische Funktion immer behält: Im gewöhnlichen Sprachgebrauch bezeichne Theorien oft «den Mangel an Bekanntschaft mit Thatsachen und Naturgesetzen», also «gerade das Gegentheil von Erfahrung oder Praxis», im wissenschaftlichen Sinne dagegen «ist die Theorie die Summe aller Praxis, sie beruht auf der genauesten Kenntniss der Thatsachen und der Naturgesetze und ist aus dieser Kenntniss hervorgegangen». Seine Bacon-Kritik resümiert Liebig im Satz: «Ein Experiment, dem nicht eine Theorie, d.h. eine Idee, vorhergeht, verhält sich zur Naturforschung wie das Rasseln mit einer Kinderklapper zur Musik».

Besonders kritisch für das Selbstbild der Wissenschaft sind deshalb immer Kritiken, welche die Grundlage der Mathematik selbst erschüttern, also sogar klar definierte mathematische Symbole als Mehrdeutig betrachten, so dass auch die Schlüsse fehlerhaft sein können. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts hatten sich solche Paradoxien zu wahren Bergen aufgetürmt:

Was die wissenschaftstheorie angeht, so entdeckt (P. DUHEM: 1861-1916) die Unmöglichkeit des bacon'schen experimentum crucis, was die Forschungstätigkeit enorm erschwert - und/oder die Resultate eben doch einem immerwährenden Verdacht unterstellt, sich eines Tages doch als falsch zu erweisen. Duhem geht es insbesondere um die Geschlossenheit der Theorien, die für ihn, wie dann auch für H. HERTZ (1857-94), logische Geschlossenheit bedeutet:

Die Duheme-Quine-These besagt, dass sich einzelne Teile einer Theorie nicht widerlegen lassen, sondern nur das kohärente Ganze. Die Folgen, die sich für die Wissenschaft daraus ergäben, wären horrend. Jegliche Disziplinarität hätte längst zu Systematizität mutieren müssen ... was nun ganz und gar nicht heisst, dass die These falsch war, sondern bloss, dass man sie bis heute nicht wirklich ernst genommen hat, dass wir die notwendigen Schlüsse daraus noch kaum gezogen haben.

O. NEURATH(1882-1945) und W. V. O. QUINE (1908-2000) übernahmen später diese These und verfolgten sie weiter. Ein Resultat war der positivistisch-.... Ansatz zur Einheitswissenschaft, der 1939 wegen des Krieges nicht weiter verfolgt wurde. O. NEURATH (lange vor der New Philosophy of Science) darauf hin, daß ein Verständnis der Ausbildung von Theorien als «Hypothesensystemen» ohne Berücksichtigung der «gesamten Weltanschauung» nicht möglich sei - anders ausgedrückt, dass Wissenschaft eben doch nicht so objektiv sei, wie man sie gerne hätte. Der Philosophie spricht er die Aufgabe zu, eine systematische Ordnung aller Theorien zu schaffen: «So wie wir Theorien brauchen, um die Dinge zu ordnen, so brauchen wir Theorien, um die Theorien zu ordnen».

Rudolf Carnap (1891-1970) entwickelte mit Russell, Wittgenstein, Mach den logischen Empirismus, auch Logischer Positivismus oder Neopositivismus genannt. Eines der Hauptanliegen des logischen Empirismus war es, genaue Kriterien angeben zu können, nach denen man philosophische Methoden als gültig bzw. ungültig beurteilen kann. Dass die Wissenschaften im 17. - 19.- JH enorme Fortschritte erziehlt hatten - während dem die Philosophie noch immer mit Bewunderung Aristoteles und Platon rezitieren konnen (und mussten), führten sie darauf zurück, dass es eben kein Kriterium gab, woran sich in der Philosophie das Wahre vom Falschen (und Ueberflüssigen, eine noch gewaltigere Sammlung) befreien liesse.

H. ALBERT (1921-): «Die Theoriebildung ist also eine schöpferische Tätigkeit, keine passive Schau, bei der 'Gegebenes gespiegelt wird»

Abgesehen von der Weiterführung der 'apodiktisch-apriorischen Linie durch die konstruktivistische Wissenschaftstheorie im Anschluß an H. Dingler (1881-1954), die «der internen Struktur wissenschaftlicher Theorien bisher wenig Aufmerksamkeit geschenkt und keinen eigenen Theoriebegriff entwickelt» hat, werden Theorien in der Folge fast durchgehend als rein hypothetische Satzsysteme mit Erklärungs- und Prognosefunktion verstanden.

Beeinflußt von Positivismus bzw. Phänomenalismus, aber auch von den Revolutionen in der 'Leitdisziplin Physik, macht sich dabei in der philosophisch-wissenschaftstheoretischen Diskussion zunehmend eine 'antitheoretische oder zumindest 'theorieskeptische Haltung geltend. L. WITTGENSTEIN (1889-1951) etwa knüpft an den Machschen (antimetaphysischen) Deskriptionismus an: «wir dürfen keinerlei Theorie aufstellen. Es darf nichts Hypothetisches in unsern Betrachtungen sein. Alle Erklärung muß fort, und nur Beschreibung an ihre Stelle treten». Wittgenstein verlangt nicht nur von der Sprache algebraische Klarheit, sondern unterscheidet dazu zwischen:

  1. Beobachtungssprache, deren Sätze allein durch die Sinneserfahrung prüfbar sind,
  2. Theoriesprache, gegeben durch die Aussagenlogik erster Stufe
  3. vermittelnder Prinzipien, die die theoretischen Terme in 1. eindeutig festlegen und der Theorie insgesamt empirische Bedeutung verleihen.

Falsifikationistische Auffassung des kritischen Empirismus. K. R. POPPER (1902-94)

«Beobachtung ist stets Beobachtung im Licht von Theorien». Erfahrungswissenschaften sind für ihn «Theoriensysteme».

Die Theorie ist «das Netz, das wir auswerfen, um 'die Welt einzufangen, – sie zu rationalisieren, zu erklären und zu beherrschen. Wir arbeiten daran, die Maschen des Netzes immer enger zu machen».

Historische Auffassung.Als historisch läßt sich die Theorie-Auffassung von S. TOULMIN (1922-2009), N. R. HANSON (epistemischer Holismus, basierend auf der Duheme-Quine-Hypothese), M. POLANYI (1891-1976) und P. FEYERABEND (Dauerkritiker, grenzt an endemischen Meckerismus, wollte aber vor allem die Wissenschaft von oft übertriebenen systemischen und organisatorischen Zwängen, vor allem dem Zwang zur "bewährten" Methode befreien. Hab ich 4 Jahre lang gehört ....) beschreiben.

Am beeindruckendsten waren allerdings die Untersuchungen von TH. S. KUHN (1922-96), die zum Resultat führten, dass Theorien ganz klar durch die herrschende Philosophie, das wissenschaftliche Glaubens- oder Traditionssystem der entsprechenden Disziplin geprägt sind. Nach einem Paradigmenwechsel (s. auch Paradigma) sind Theorien, auch wenn zum selben Objekt, also oft nicht mehr vergleichbar. Es sind «theoretical ideals» bzw. «ideals of natural order», «patterns» bzw. «'conceptual Gestalt», «paradigms» und auch «ordinary beliefs ..., myths ..., religious beliefs, etc.» welche die Ausformung von Theorien bestimmen.

Die historische Auffassung lehnt (wie die neuere analytische) die Unterscheidung von Theorien- und Beobachtungssprache ab und behauptet eine Theorie-Abhängigkeit der Bedeutung aller Ausdrücke einer Wissenschaftssprache. Sie betont des weiteren die «Theorie-Geladenheit» («theory-ladenness») von Beobachtung wie auch von wissenschaftlichen Tatsachen selbst.

> Wir müssen also, sogar bei "harten" Wissenschaften wie eben den Naturwissenschaften, in einer hermeneutischen Spirale zu ergründen versuchen, wie die Tatsachen die Theorie bestimmen - und die Theorie die Tatsachen.

Das selbe gilt für die neuere analytische Auffassung. – Die Kritik der klassischen Auffassung durch H. PUTNAM (1926-) verlängert W. V. O. QUINES Zurückweisung der Unterscheidung von analytischen und synthetischen Sätzen. Zusammen mit der Adaption des Holismus von P. DUHEM führt die Aufgabe dieser Unterscheidung bei QUINE dazu, einerseits Theorien und Sprache als eine Einheit zu betrachten und andererseits nur einer Theorie als Gesamtheit von Sätzen (einschließlich logischer und mathematischer Sätze) empirischen Gehalt zuzuschreiben: «Die Theorie als ganze ist ein Gewebe aus Sätzen, die durch den Mechanismus der Konditionierung vielfältig miteinander und mit nichtverbalen Reizen verknüpft worden sind». Quine folgt Popper darin, daß Theorien «nicht verifiziert, sondern nur widerlegt werden können». Beobachtungssätze sind insofern «mit Theorien befrachtet» («theory-laden»), als sie – «Wort für Wort» genommen – mit theoretischen Sätzen ein gemeinsames Vokabular teilen.

do: Semantische und strukturalistische Auffassung:

Eine Theorie ist demnach keine sprachliche, durch ein axiomatisch geordnetes System von Aussagen (im Sinne der klassischen Auffassung) bestimmte, sondern eine nichtsprachliche, nämlich durch eine Menge von Modellen bestimmte Entität.

do: van FRAASSEN (1941): Konstruktiver Empirismus: The models occupy centre stage» - woraus sich allerdings auch ergibt: Daten sind also nicht 'theorieunabhängig, sondern werden in Hinblick auf eine bestimmte Theorien gewonnen.

STEGMÜLLER (1923-91) hat vor allem mit seinem Werk Hauptströmungen der Gegenwartsphilosophie einer deutschsprachigen Leserschaft den Zugang zur Analytischen Philosophie geöffnet.

SNEED (1938- ) - Wissenschaftstheoretischer Strukturalismus: Der Strukturkern ist als Mathematisches Modell per Definition widerspruchsfrei. Zudem hat der Strukturkern selbst allgemein nur wenig bis gar keinen empirischen Gehalt und ist damit weitgehend immun gegenüber Falsifikation. Empirischen Gehalt erhält eine Theorie erst durch Einführung von Spezialgesetzen und Querverbindungen zu anderen Theorien (Theoriennetze). Die Menge der intendierten Anwendungen kann modifiziert werden, wenn sich abgeleitete empirische Sätze (Spezialgesetze) aufgrund der Datenlage als falsch herausstellen. (wiki)

Theorienanalyse und Theorienwandel als Fortschritt zum besseren Verständnis:

Zusammenfassend kann man sagen, dass historische wie konstruktiv-empirische Richtung und Strukturalismus (nicht, nie und auf keinen Fall zu verwechseln mit dem von Levi Strauss) nicht nur eine befriedigende Klärung ihrer jeweiligen Theorie-Konzeption, sondern auch historisch adäquate Erklärungen des Wandels und der Ablösung von Theorien anstreben und so eine 'Dynamisierung des Theorie-Begriffs betreiben: Die späteren Beiträge zur klassischen Auffassung (1.) stellen dabei die «Reduktion» von Theorien und theoretischer Terme in den Vordergrund, wodurch nachfolgende Theorien als 'fortschrittliche, wissenserweiternde Verallgemeinerungen vorhergehender Theorien rekonstruiert werden. Innerhalb der neueren analytischen Auffassung will QUINE mit dem (an Tarski anknüpfenden) Verfahren des «semantischen Aufstiegs» einen Weg aufzeigen, «die neue Theorie. und die alten Theorien als Symbolstrukturen miteinander zu vergleichen und zu würdigen, daß die neue Theorie die einschlägigen Daten auf eine einfachere Weise systematisierte». POPPERS falsifikationistische Theorie-Auffassung hält dafür, daß Theorien-Entwicklung durch kritische Prüfung und Widerlegung von Theorien gekennzeichnet ist und sich begründen läßt, «daß wir uns der Wahrheit ein Stück genähert haben; das heißt, daß die Theorie T2 ihrem Vorgänger T1 vorzuziehen ist». Diese Fortschrittskonzeptionen theoretischen Wandels werden von der New Philosophy of Science einhellig kritisiert. Sie hat ihrerseits sowohl 'evolutionäre (TOULMIN) als auch 'revolutionäre (KUHN) Entwicklungsmodelle des Theorien-Wandels hervorgebracht.

Martin Herzog, Basel, 30.1.10