Forstethik als Grundlage einer generellen Wirtschaftsethik - corporate social responsibility (csr)
Grundlagen der Aufklärung bei Kant: Kants <Kritik der reinen Vernunft> als kausale, die der <praktischen Vernunft> (Ethik) als final orientierte Wissenschaft.
[Michael Wörz: Wirtschaft, Ethik und Moral. Das Verhältnis von Wirtschaft, Ethik und Moral in der Systemtheorie Niklas Luhmanns und der Sozialphilosophie Emmanuel Levinas`. Ein Ansatz für die Wirtschaftsethik als Dialog, Selbstorganisation und Beratung. Dissertation Philosophie Tübingen1993.]
| Kommentare zur Idee <Blocher als Wirtschaftsethiker - Tettamanti als Staatsmoralist>: Wirtschaftsethik als Verarschung der Ethik. |
Das Problem der Inkommensurabilität in der moralischen Diskussion: Wer sich moralisch engagiert, kann schwer nachgeben, weil in der Mitteilung von Achtungsbedingungen auch die eigene Selbstachtung auf dem Spiel steht. (Zit. Luhmann S. 123) Hier haben wir auch den Grund, warum es immer mehr religiöse Fundamentalisten unterschiedlichster Provenienz gibt: Diese, ihre Grundlage, kann und darf nicht in Zweifel gezogen werden - also ist jede Kritik untersagt, damit jede Kritik am <Träger der Wahrheit> quasi Gotteslästerung. Fundamentalisten usurpieren die Wahrheit und verstecken sich hinter ihr als unangreifbare, wollen sich mit ihr auf die Höhe der Propheten erheben ... obwohl ihr Wissen bloss second hand ist. Das zu behebende Problem das hinter dem Fundamentalismus steckt ist also nicht Gewalttätigkeit, sondern das Gefühl von Minderwertigkeit (s. A. Adler). In Diskussionen um Moral geht es um die Grundlagen der Persönlichkeit, also um die ganze Person. Moralische Aechtung führt zum Ausschluss der Person aus der Kommunikation. Auch dies ist allerdings ein zweischneidiges Schwert, denn es gibt keinen Grund, in jeder Gruppe mit jeglicher Gesinnung teilhaben zu wollen. Von manchen Gruppen sollte man sich gerne ausschliessen lassen. s.o. Weil aber die Identität der Person auf dem Spiel steht, trägt moralische Kommunikation streitentfachende und konfliktverstärkende Züge. Die Moral tritt nicht zu den Tätigkeiten des Ich hinzu, um sie zu ordnen oder dem Urteil zu unterwerfen - sie stellt das Ich selbst in Frage und distanziert es von sich. Moral ist also keine Haltung und keine Perspektive, wofür oder wogegen das Ich sich entscheiden könnte. Das Phänomen des Moralischen ist mithin die Infragestellung des Ich. Der Wettbewerb von Moralen (und damit die Kränkung) könne jedoch mit Rückgriff auf die Kantische Ethik vernünftig gestaltet werden, und zwar so, dass jeder sich bemüht, von der eigenen Individualität abzusehen, die des anderen aber nicht zu verletzen. . Das ist so möglich, dass jeder prüft, ob seine Moral auch allen anderen zuzumuten wäre. [S. 222] Die Idee ist vielleicht etwas ideologisch, denn kaum je hat jemand zweifel daran, dass sein eigenes Verhalten eigentlich vorbildlich sei und leicht zum allgemeinen Gesetz erklärt werden könnte ... |
Wörz nimmt sich eines zwar relativ "einfachen" Problems an, der Unvereinbarkeit von Ethik und Wirtschaft, die er anhand eines Zitats darstellt: Ein Wirtschaftsprofessor wurde von einem Studenten mit der Frage konfrontiert: "Kann ich bei Ihnen auch Wirtschaftsethik studieren?" - "Nein!" habe dieser kurz und barsch zur Antwort gegeben und diesem abschlägigen Bescheid noch eine Begründung beigefügt, auf die es uns hier besonders ankommt: "Da müssen Sie sich schon entscheiden". Auch im Alltag gelten wirtschaftliches und moralisches Handeln in aller Regel als zwei Paar Stiefel. Einerseits ... andererseits handelt es sich auch hier recht offensichtlich um ein Problem des Gleichgewichts, der Balance. Sowohl in der Ethik wie in der Wirtschaft treten massive Funktionsstörung auf, wenn sich das entsprechende System zu sehr an das andere Konzept annähert, zu viel von diesem übernimmt (Ethik? Was kostet die? Wie viel bringt die?). Dennoch gibt es keine Oekonomie ohne Ethik - aber auch keine Ethik ohne Oekonomie. Voll die Härte ... würde man heute vermutlich sagen.
Normalerweise wird Unvereinbares in der Philosophie per Dialektik bearbeitet, also Pro<>Kontra>Synthese. Da die Welt aber nicht von Philosophien regiert wird, herrscht häufig dann ganz einfach Gesprächsverweigerung - oder noch schlimmeres wie Erristik, das Lächerlich machen der andern Meinung, wie etwa durch den gerne dabei verwendeten "Gutmenschen".
In den 80ern stiessen ethische Probleme auf zunehmendes Interesse, vor allem weil die zerstörerische Wirkung einer zu dominanten Wirtschaft auf die Umwelt sichtbar, riechbar und fühlbar wurde. Daraus erwuchsen Ansätze wie der Risikodialog (sie sehen dort, dass ich hier ein bisschen übertreibe ...), der sich stark "verwissenschaftlicht" hat und so heute meist hinter verschlossenen Türen stattzufinden scheint.Noch besser zeigt sich das Problem allerdings am Begriff <Innovationsfolgenabschätzung>, denn dazu gibt es unter Google nicht einen einzigen brauchbaren kritischen Text und man wird auf "Inflationsfolgen" verwiesen.
Ein boomender Bereich war und ist seit dieser Zeit auch die Wirtschaftsethik, allerdings vor allem für philosophische Berater, welche die Philosophie dazu nutzen, die armen Unternehmer zu trösten, dass Härte, Entlassungen, Geiz, Ausrichtung auf Gewinn etc. eben das Wirtschaftssystem bestimmen und den Führern keinen Ausweg erlauben. Da wurde und wird viel Schabernack getrieben - da leiden aber auch viele ernsthafte Berater, die wirklich versuchen einen ethischen Dialog in die Wirtschaft zu bringen, sozusagen Höllenqualen. So sind viele Unternehmensgrundsätze, Leitlinien, Leitsätze, Betriebsphilosophien in erster Linie zwar schon moralisch formulierte Zielsetzungen, die über rein ökonomische Zwecke (etwa der blossen Umsatzsteigerung) hinausgehen - aber logischerweise immer solche, die und letztere legitimieren sollen.
| Es gibt keine direkte Verbindung
von einer politischen, rechtlich oder moralisch motivierten
Lenkbewegung zu einer wirtschaftlichen Veränderung - all dies
ist der Wirtschaft fremd, beeinträchtigt also ihr "rein
wirtschaftliches" Funktionieren. Deshalb wehrt sie sich ebenso
gegen moralische wie gegen politische Einflüsse. Moral muss sich meist dort tummeln, wo Zahlungsfähigkeit fehlt, wo sich ein spezifisches Verhalten nicht auszahlt. |
Wichtig hier, darum kurz vorweggenommen, worum es bei der Moral eigentlich geht, wie sie sich durchsetzen kann, obwohl sie eigentlich "unrentabel" ist. Moralisches Verhalten fördert oder vernichtetAchtung! Wer die Achtung seiner Mitmenschen verloren hat, steht gleichsam ausserhalb der Gesellschaft, verliert also auch die Möglichkeit, zu wirken, tätig zu sein. Gerade hier haben Ethik und Moral ihre Chance Einfluss zu nehmen, denn ein Betrieb welcher sein Ansehen, seinen "guten Namen", sein Renommé verliert, verliert auch Geld. Gerade wo Betriebe auf Aktzeptanz oder gar Vertrauen (s. Kindermilch in China) in der Oeffentlichkeit angewiesen sind, kommen sie nicht darum herum, sich auch mit der verm.... Ethik herumzuschlagen, ob es ihnen passt oder nicht.
Dies ist allerdings ein typisches Beispiel dafür, wie die "Sprache" eines Systems in die des andern übersetzt wird, das eine also Anschluss an das andere erhält und so Einfluss nehmen kann. Wirkt sich Moral auf Preise, Umsatz, Absatz etc, also in Geld aus, wirkt sie auch im Wirtschaftssystem. Ohne diesen Einfluss steht sie aussen vor. Und da lauern noch beträchtliche praktische, philosophische, also ethische Probleme betr. der Grundfragen unseres Daseins: Was wollen wir? Was ist das gemeinsam erstrebte Gute? Gibt es ein höchstes Ziel? Und leicht sophistisch-zynisch daraus abgeleitet: Ist Wachstum wirklich der höchste aller Werte?
Zu diesen bisher unbeantworteten Fragen gehört auch, zunehmend mit
zunehmender
Arbeitslosigkeit und Ausschluss, die Frage, ob der von der
Wirtschaft selbst festgelegte Leistungsbegriff wirklich reicht, eine
lebenswerte und halbwegs gerechte Gesellschaft zu schaffen, eine
Gesellschaft an der eben alle mit wirken, mit organsieren, also
partizipieren und der Homo ludens, der schöpferische, nicht bloss der
funktionierende Mensch ein würdiges Leben führen kann.
Ethik ist die theoretische Reflexion über Moral,
Moral die praktische Orientierung des tatsächlichen Handelns und Urteilens
an gut und böse, lebensdienlich und lebensfeindlich.
Heutige Funktionen und Aufgaben der Ethik in der Gesellschaft:
Ethik als Warnung vor unreflektiertem Gebrauch der moralischen Unterscheidung bei der Diagnose von Problemlagen. Da Ethik die Theorie der Moral ist, also laut Kant die Kritik der Moral, obliegt ihr, diese vor Verirrungen und Missbrauch zu schützen, besonders dort, wo "Werte" vorgeschoben werden um eigentlich Schlechtes oder zumindest Fragwürdiges zu propagieren.
Ethik als Kritik der Moralbegründung zugunsten der Grenzlinienermittlung der guten und schlechten Verwendung der Unterscheidung von gut und schlecht. Auch hier hat die Ethik eine hohe Bedeutung, da zwar viele Menschen von sich behaupten, sehr wohl zwischen gut und böse unterscheiden zu können, der Eigennutz hier aber gerne als Scheuklappe dient und die Perspektive der eigenen Tätigkeit in einer hochspezialisierten Untergruppe der Gesellschaft dem Ueberblick über die Gesamtwirkung nicht eben förderlich ist.
Ethik als Aufklärung über abgeblendete Bedingungen von Universalisierungsansprüchen. Diese Forderung wird im folgenden noch mehrfach auftauchen und im Detail besprochen. Es geht darum, dass Moral ein Abwägen bedeutet zwischen Extremen, also eigentlich nie einem Einzelwert folgen darf, und sei der als Begriff noch so gut. Es geht immer um das rechte Mass - nicht um absolute, nicht um fundamentalistische Werte. (Wobei gerade hier z.B. der Geldwert als dominanter Wert weitaus mehr Schaden anrichtet als ein paar bekloppte Bombenleger ...)
Ethik als Suche nach dem Ort der Moral in der funktional differenzierten Gesellschaft, in der Moral nicht ersetzt werden kann. Pluralität führt zwar zu mehr Freiheit - aber zu Mangel an gemeinsamer, gemeingültiger Orientierung. Die Gesellschaft kann durch Moral genau so wenig gesteuert werden wie Heranwachsende durch moralische Erziehung [nach Luhmann, zit. S. 82]. Auch Luhmann übertreibt hier ein bisschen, denn man kann natürlich weder Jugendliche noch die Gesellschaft als Ganzes durch Moral, ja nicht mal durch Gesetze, auf ein Verhalten unumstösslich festlegen - man kann sie aber beeinflussen, also lenken, mit einer gewissen Abweichungstoleranz, mit der man beim Versuch der Steuerung aller komplexen Systeme rechnen muss.
Ethik als Ausdifferenzierung von Achtungsbedingungen, die die Komplexität der modernen Gesellschaft berücksichtigen.
Eine Kommunikation nimmt moralische Qualität an, wenn und soweit sie menschliche Achtung oder Missachtung zum Ausdruck bringt. [Lumann, zit. auf S. 91]
Typen der Ethik:
Gut sind Handlungsgrundsätze, die sich logisch widerspruchsfrei verallgemeinern lassen bzw. gut ist dasjenige, was die potentielle Zustimmung aller Betroffenen erhält. [S. 41]
1.3 Wirtschaft
Niklas Luhmanns Systemtheorie sieht in der Produktion von Realgütern absolut nichts anderes als ein Mittel zum Zweck der Erhaltung und Steigerung der Zahlungsfähigkeit der Unternehmen.
Der Ansatz ist äusserst interessant, da er mehr als hinreichend erklärt, warum Wachstum unabdingbar und Gewinne eine Leidenschaft werden: Wer zahlungsfähig ist herrscht, wer zahlungsunfähig wird, wird beherrscht, übernommen, verkauft, liquidiert, flüssig gemacht - verliert also Form und Substanz. Unternehmen orientieren sich fast ausschliesslich daran, was ihre Zahlungsfähigkeit verbessert oder schwächt. (Hohe Börsenkurse verstärken sie, da sie Kredite leichter erhältlich und billiger machen).
Als ihr ausgezeichneter Gegenstandsbereich erweisen sich all diejenigen moralisch motivierten und ethisch begründeten Zielvorstellungen, deren Realisierung Zahlungsfähigkeit erfordert. [S. 105]
Die Vor-Sorge für zukünftige Bedürfnisse wäre eben Aufgabe der Wirtschaft. Durch den Vor-Griff auf zukünftige Gewinne verursacht diese in letzter Zeit allerdings eher Sorgen - wer denn die Ent-Sorgung der Schäden bezahlen soll. Notwendig: ein stabiles, berechenbares Modell dass Verteilung mit zukünftiger Versorgung verbindet - und Aspekte der Gerechtigkeit, des Sinns, etc, also ethische Aspekte mit einbezieht.
Die Funktion der Wirtschaft besteht in der Entsorgung der Sorge um die Zukunft durch die Sicherung von Zahlungsfähigkeit. [S. 88]
Man zahlt, um Zahlungsfähigkeit zu steigern und um wiederum in gesteigertem Masse zu zahlen. Mithin zahlen um des Zahlens willen? Die Geschlossenheit des Systems führt zu einer tautologischen Zielformulierung: Das autopoietische System der Wirtschaft reproduziert sich selbst, um sich selbst zu reproduzieren. Damit ist zwar ein Ziel angegeben, auf das hin alle wirtschaftlichen Handlungen ausgerichtet sind, es ist jedoch ein systemimmanentes Ziel. [S. 88]
Die Kritik an diesem Modell, verursacht durch Unbehagen, Motivmangel und Sinnprobleme, wird durch den Begriff "Bedürfnisse" aufgefangen und anschlussfähig gemacht. Auch dieses Unterfangen ist zyklisch, da meist diese "Bedürfnisse" durch Werbung erst geweckt werden müssen - bevor man sie dann befriedigen kann.
These zur Seinsweise des ökonomischen Subjekts:
Die Seinsweise des ökonomischen Subjekts ist eine Aktivität des Könnens. Es kann sein Verhältnis zu sich, zur Welt und zu den anderen selbst bestimmen und zwar in der Perspektive des Genusses. Es kann sich von seinem Hunger ernähren, indem es sich im verlässlichen Rythmus von Bedürfnis und Befriedigung orientiert und dadurch stabilisiert.
Das Haus (oikos) ist der Ort der Selbstgenügsamkeit, der Selbstgewissheit, in das es sich aus der unendlichen Zerstreuung in der Welt zur Sammlung zurückzieht, dort wohnt und geniesst.
Das ökonomische Ich ist in dem Masse einsam, als es die Regeln, nach denen es sein Leben führt, selbst bestimmt und es ist in dem Masse einsam, als es seine Identität durch Ausübung seiner Herrschaft zu stabilisieren trachtet. [S. 195]
Das ökonomische Subjekt, d.h. wir alle als Avatare des Homo oeconomicus, haben inzwischen der gesamten Lebenswelt durch quantitative Ausdehnung der Märkte kolonialisiert: In der permanenten Reproduktion von Bedürfnis und Befriedigung im Genuss erkennt Lévinas die Immanenz des Wirtschaftens und den Egoismus des ökonomischen Subjekts.
Zum Zwecke der Beschreibung der Funktion des Geldes führt Lumann die Unterscheidung der 'symbolischen' und 'diabolischen' Funktion ein. Die spezifische Form der Kommunikation, die das Geld als ein integrierendes symbolisches Medium ermöglicht, besteht darin, "Einheit anzustreben und bei Verschiedenheit zu bleiben." Das symbolische Moment geld-codierter Kommunikation vermag Individuen in die Einheit der gesellschaftlichen Kommunikation zu integrieren, ohne ihne ihre Individualität zu rauben. Das diabolische Moment ökonomischer Kommunikation wird hinreichend deutlich, wenn man sich klar macht, dass man ohne Geld nicht an der integrierenden 'symbolischen' Wirkung dieser Kommunikation teilhaben kann, sondern in die Position des aussenstehenden Beobachters gezwungen wird. Man kann dabei die trennende, ja ausschliessende 'diabolische' Wirkung geld-codierter Kommunikation erleben. [S. 120]
Die ökonomische Kommunikation integriert die inkommensurablen Einheiten der Individuen, weil sie in der Frage des Tausches von Gütern lediglich eine Einigung über deren Preis voraussetzt, während die potentielle Differenz in der individuellejn Bewertung des Wertes nicht berücksichtigt werden muss. Diese Integration ist jedoch eine Generalisierung im Sinne eines Vergleichs. Geld ist also das Kommensurabilisierungsmedium par excellence.
Die ökonomische Kommunikation isoliert alle Individuen, die kein Geld haben von dieser Kommunikation im Sinne einer Exklusion; sie isoliert jedoch auch die Individuen in dieser Kommunikation, weil sie deren Individualität durch Generalisierung und Kommensurabilisierung ausschliesst.
Ein Grund der Expansion der ökonomischen Kommunikation in der modernen Gesellschaft liegt in ihrer 'Leichtigkeit' der Entscheidung bei Handlungsalternativen. Ob ich dies oder jenes tun oder lassen soll, reduziert sich auf die Frage, ob ich bezahlen kann oder nicht. [S. 122]
Hiermit wird die Moral substantiell untergraben.
Die moderne Gesellschaft habe bemerkt, dass in der Gesellschaft mit (inkommensurabel) verschiedenen Leitdifferenzen beobachte und kommuniziert wird, und es dadurch keine absolut sicheren, unabedingten Beobachtungspositionen mehr gibt. Polykontexturalität, Positionalität und Perspektivität der Beschrebungen, d.h. die prinzipielle Bedingtheit von Aussagen über Wirklichkeit und Gesellschaft wird begriffen. [S. 62]
Damit haben die meisten Menschen, obwohl ebenfalls die meisten Menschen ganz klar auf ihre Individualitiät bestehen, als der Nicht-Zugehörigkeit oder Abhängigkeit ein Problem. Man will selbst anders sein, besonders, distinguiert - will dies aber zugleich den andern verwehren, die sich "anpassen" sollen. Man sieht die Gesellschaft als normgebend, normanwendend und zugleich richtend. Die Gesellschaft kennt also keine Gewaltentrennung ...:
Der Mensch empfängt das, was ihn zum Menschen macht, von der Gesellschaft. ... Mit dem Interesse an Identität und Einheit der Konstitutionsregeln des Menschen und der Gesellschaft korrespondiert eine Allergie gegen die Andersheit und Differenz. [S. 66]
... wohl aber eine Abstufung der Macht, die Hierarchie:
Die Stabilität der alteuropäischen Gesellschaft gründet in der Stabilität ihrer Individuen und in der Stabilität von Herrschaftsverhältnissen, die sich in der Form einer hierarchischen gegliederten Gesellschaft manifestieren. ... Mensch und Gesellschaft unterscheiden sich als System voneinander durch ihre unterschiedliche 'Systemdifferenz', d.h. durch die Art und Weise, wie sie sich auf ihre Umwelt und auf sich selbst beziehen und ihre Differenz zur Umwelt in sich selbst verarbeiten. Damit ersetzt Luhmann die traditionelle Differenz von Mensch und Gesellschaft durch die Differenz von personalem und sozialem System und setzt damit voraus, dass personale und soziale Systeme wechselseitig füreinander Umwelt sind. [S. 67]
Luhmanns Systemkonzept der Gesellschaft bricht nun diese bürokratisch wie lebensweltlich, oft auch militärisch und wirtschaftlich gestützte Hierarchie auf, da in einer komplexen systemisch organisierten Welt der Mensch nicht mehr Rädchen sein kann, also nicht vollständig funktionalisiert werden kann - sondern immer auch < Umwelt> (Umfeld) ist für andere Systeme. Gerade dieser Punkt ist bei der dialogischen Einbringung moralischer Prinzipien in Wirtschaft, Politik und Gesellschaft von äusserster Bedeutung - was von Wörz, beim Verfassen seiner Dissertation, offensichtlich noch nicht in voller Tragweite gesehen wurde. Jedes System und Teilsystem ist bis zu einem gewissen Grad von seiner Umwelt abhängig, kann also über diese gelenkt werden.
Denkt man sich zu dieser sachlichen Komplexität nun noch die persönliche Komplexität hinzu, die z.B. vorliegt in den zu berücksichtigenden Zielen seines Geschäftspartners, mit dem er freundschaftlich sein Unternehmen aufgebaut hat, sodann die beruflichen und privaten Vorstellungen seiner Frau, der als Leiterin der kaufmännischen Abteilung eine doppelte Rolle zugewachsen ist, schliesslich die seiner Kinder, denen er Ausbildungs-, Berufs- und Lebenschancen in seinem Unternehmen eröffnen möchte und nicht zuletzt die Ansprüche des Unternehmers an sich selbst, sich nicht von der Heterogenität der Ansprüche zerreissen bzw. auflösen zu lassen, sondern ein integres Leben führen zu können, dann kann man sich ein ungefähres Bild von der Komplexität der Situation machen, in der unternehmerische Entscheidungen getroffen werden müssen. [S. 234]
Spätenstens in diesem Moment, mit dem Auftauchen der Frage, worin eigentlich ein gelingendes Leben besteht, welches Ziel er verfolgt, also im Versuch der Lösung des Problems der Unsicherheit zweiter Ordnung, kann eine philosophische Beratung ansetzen, ...
Innerhalb der Funktionssysteme kann also massive moralische Aechtung beobachtet werden, wenn z.B. Wissenschaftler Untersuchungsergebnisse und Politiker Wahlergebnisse fälschen, wenn Wirtschaftler Zahlungsbereitsschaft vortäuschen und Gläubiger falsches Zeugnis ablgegen, wenn Richter parteiisch urteilen, um sich Achtung zu verschaffen; - Ebenso ziehen sich Wissenschaftler , Politiker, Richter, Wirtschaftler und Theologen innerhalb ihres Funktionssystems moralische Missbilligung zu, wenn sie die immanenten Verfahren an externen Codes ausrichten: z.B. wenn ein Wissenschaftler seine Untersuchungsergebnisse fälscht, um die politische oder finanzielle Förderung zu sichern, wenn ein Politiker seine Macht zur Steigerung seiner Zahlungsfähigkeit einsetzt oder seine Auffassungen mit wissenschaftlicher Wahrheit schmückt, wenn ein Richter sein Urteil an biblischen Geboten oder an Zahlungsversprechen ausrichtet, wenn Wirtschaftler Zahlungen in Aussicht stellen, um Rechtssprechung oder politische Entscheidungen zu beeinflussen, wenn Theologen ihre Auslegung der Schrift an politischer Opportunität anpassen. Die moralische Aechtung taucht also in dem Moment auf, in dem die Selbständigkeit des Funktionssystems durch heimliche Einschleusung systemfremder Codes und Programme gefährdet wird. Moral wirkt in diesen Fällen systemfunktional! Der Rückgriff auf Moral stabilisiert das System offenbar dort, wo es der Glaubwürdigkeit und des Vertrauens bedarf. [S. 109]
Die ernüchternde Konsequenz dieser Beschreibung besteht nun darin, dass es keine übergeordnete Kommunikation, und damit keine integrierende Super-Perspektive mehr geben kann! (s. Postmoderne) Auch eine ethisch verbesserte moralische Kommunikation kann diese Integrationshoffnung nicht erfüllen. Diese Hoffnung selbst bezeichnet Luhmann als ein überholtes Relikt unserer alteuropäischen Denktradition, das wir nur noch nicht recht abgestreift haben. Wir müssen vielmehr bei der Analyse gesellschaftlicher Problemlagen davon ausgehen, dass wir nebeneinanderstehende, sich wechselseitig interpretierende Perspektiven haben. Möglicherweise verdanken wir dieser funktionalen Differenzierung die Errungenschaften der modernen Gesellschaft durch die Leidensfähigkeit der Funktionssysteme, die man ja bei aller Sorge um die 'Umwelt' nicht vergessen darf.
Die von den antiken Philosophen Platon und Aristoteles ausgehende 'alteuropäische humanistische Tradtion' setzt den Menschen als vernünftiges und politisches Lebewesen voraus, das einen selbständigen und gestaltenden Beitrag zur Polis oder der bürgerlichen Gesellschaft zu leiten vermag. Die Strukturen der Gesellschaft, ihre Verbindlichkeiten, Institutionen und Zweckbestimmungen werden auf die Natur oder das Wesen des Menschen gegründet. Der Mensch ist der Stoff, aus dem die Entwürfe einer humanistischen Gesellschaft gemacht sind. Der Mensch, oder wenigstens die Grenze seiner Variabilität, muss 'festgelegt' werden, damit er als tragfähiger Baustein des Gebäudes der Gesellschaft verwendet werden kann. ... Sowohl die Differenzen der Menschen untereinander als auch die Differenzen des Einzelnen zum Ganzen werden durch die Annahme eine gemeinsam zugrundeliegenden teleologischen Strukturiertheit integriert.
Der für die humanistische Tradition kennzeichnende protagoräische "homo-mensura-Satz, wonach der Mensch das Mass aller Dinge und damit auch der Gesellschaft sei, übte, bis in unsere Gegenwart hinein, einen starken Einfluss auf die Konzeptionen der Gesellschaft aus. Die Erziehung der Menschen (Normierung durch moralische Masstäbe) zielte genau darauf abzielt (sic), sie zu verlässlichen Bausteinen (Personen, Bürgern, Funktionsträgern etc.) des Gebäudes der Gesellschaft zu 'bilden'
Der Mensch ist ein vernünftiges, in der politischen Gemeinschaft lebendes Wesen, der Mensch ist von Natur aus ein staatliches Wesen.
Als Reaktion auf den Verlust der Plausibilität der teleologisch strukturierten und damit positiv bestimmbaren Ordnung des Kosmos, hat die neuzeitliche Antropologie die Frage nach dem Menschen mit negativen Bestimmungen beantwortet: er ist nicht festgelegt, sein Spezifikum besteht gerade darin, von Natur aus nicht bestimmt zu sein, sonder er muss sich selbst bestimmen und sich das Erreichen dieser Bestimmung zur Aufgabe machen. Der Mensch und die Gesellschaft werden zum Programm permanenter Verbesserung bzw. notwendiger Revolution der bestehenden Verhältnisse hin zu einer humanen Gesellschaft. Die humane Gesellschaft wird zum Zukunftsprojekt schlechthin, das Gute wird vom Sein ins Sollen verlagert. Die ontologische Ethik Aristoteles' wird von einer deontologischen Ethik Kants abgelöst, und das Gute im Menschen und die gute Gesellschaft werden auf eine kontrafaktische, erfahrungsunabhängige Position gebracht, von der aus die faktische, d.h. die erfahrbare Wirklichkeit nur noch kritisiert werden kann.
Humanistische Gesellschaftstheorien funktionalisieren den Menschen, weil sie ihn als Ganzes, gleichsam mit Haut und Haaren in die Einheit der Gesellschaft integrieren wollen und ihn im Namen der Vernunft und der Moral zu 'perfektionieren' trachten. Sie veranlassen die Bildung des konkreten 'nicht-perfekten' Menschen am Mass eines 'perfekten' Menschen und legitimieren die Struktur der Gesellschaft, ihre Institutionen und Zwänge mit ihrer Funktion: Sie dienen der Perfektionierung des Menschen! ... Die Systemtheorie dagegen entfunktionalisiert den Menschen in Bezug auf die Gesellschaft. Die Funktionsbedingungen der Gesellschaft ermöglichen es vielmehr, auf Grund des Wechsels der Relation von Integration hin zu Interpretation, dass Abweichung und Differenz zwischen Mensch und Gesellschaft besser verkraftet werden können. Die erhöhte Variabilität der funktional differenzierten Gesellschaft wirkt sich dadurch aus, dass sie mit sogenannten 'abweichenden Verhalten' plötzlich etwas produktives anfangen kann.
Da die humanistischen Gesellschafts- und Geschichtstheorien der Komplexität immer weniger gewachsen waren und sich in Kritik der Gesellschaft erschöpften, ohne die systemischen Probleme wirklich analysieren zu können (oder wollen), ist hier laut Luhmann eine grundlegende Aenderung im Denkansatz nötig, ein Uebergang zur Theorie selbstreferenzieller Systeme, die ihre Entwicklung weitgehend selbst bestimmen, sich auf eigenen Regeln aufbauen - aber dennoch auf die andern Systeme, als Aussen- oder Umwelt bezeichnet, eingehen müssen. Dieses Selbstverständnis als aktiv wirkender Teil in einem Subsystem schlägt, ähnlich wie in der Individalpsychologie, gesellschaftlich allerdings oft regressiv zurück auf das Niveau der Segmentation (Nationalismus, ja Chauvinismus, Lokal-Patriotismus, Standesdünkel etc.) Diese Erscheinungen sind also quasi ein Quängeln von Teilgesellschaften, die mit ihrem Status unzufrieden sind. Zur ultima ratio in einer unverstandenen Komplexität der Welt wird dann der starke Führer, eine Funktion die von der Moral übernommen werden kann, oft auch schon übernommen worden ist, aber praktisch immer in moralistischer Diktatur endet, eben gerade weil die Wertorientierung sehr tief in der Psyche des Menschen ansetzt:
Er räumt der Moral zwar "eine spezifische Funktion im sozialen System der Gesellschaft" ein, gleichwohl lässt sie sich "nicht als Teilsystem der Gesellschaft ausdifferenzieren." Für diese erstaunliche Unmöglichkeit nennt Lumann unseres Erachtens noch erstaunlichere Gründe: die Moral sei "zu sehr mit den Prozessen der Bildung sozialer Systeme verquickt", ihrer (sic) Funktion liege ferner "zu tief" und "zu zentral". [S. 115]
Auch aus andern Gründen (s. auch Angriff auf die Identität) warnt Luhmann davor, die Moral selbst "funktionell" einzusetzen, da sie dann in Abhängigkeit gerät:
Wer Moral oder moralische Kommunikation gegen die fortschreitende Funktionalisierung der menschlichen Lebenswelt, bzw. Kommunikationsformen einsetzen will, erreicht damit genau das, was er gemäss seiner Problemdiagnose nicht wollen kann: er funktionalisiert dann auch noch die Moral! Von Interaktion abgelöste Moralität, etwa in Gestalt vertexteter Unternehmensleitlinien, kann nur funktional sein. Moral wird so selbst zum Mittel der Erhaltung und Steigerung spezifischer Funktionssysteme. Auf diese Weise wird die Moral ihrer wie auch immer zu bestimmenden 'Eigenart' beraubt.
Dadurch, dass Verhaltensweisen nicht generell, sondern spezifisch nach der notwendigen Einstellung der Spezialisten betrachtet und bewertet werden, kann sozial oder psychologisch gerügtes Verhalten nun "produktiv" werden. > s. Aussenseiter, Kant als extremes Beispiel des schizoiden Wissenschaftlers.
Die humanistische
Tradition funktionalisiert,
die Systemtheorie entfunktionalisiert den Menschen in Bezug auf die
Gesellschaft. [S. 69]
Wichtigste Bedingungen in einem komplexen differenzierten System wird vor allem die Anschlussrationalität oder Anschlussfähigkeit
- aber auch ausreichende Freiheitsgrade der selbstorganisierten Entwicklung, die vor allem dann gestört wird, wenn einzelne Subsysteme zu sehr wuchern und die Herrschaft übernehmen:
Wenn dies so ist, kann die Aufgabe der Ethik nicht mehr darin bestehen, ein höchstes moralisches Ziel begründen zu wollen, auf das hin die Gesellschaft zu steuern wäre. Sie hätte vielmehr darauf zu achten, dass sich keine der Perspektive von den übrigen isoliert. sich über sie erhebt und zu diktieren beginnt, welche Informationen relevant sind und welche nicht. [S. 110]
Eben dies ist längst geschehen, da die Oekonomie die Werte durch Preise ersetzt hat und es kein höheres Ziel mehr gibt, als wirtschaftliches Wachstum. Dass das Subsystem Finanzmärkte übermässig Ressourcen an sich gezogen hat und damit übermässig Probleme verursacht, dürfte zur Zeit nur von wenigen bezweifelt werden. s. Die aktuelle Finanzkrise und einige Schlüsse die daraus zu ziehen sind.
Die moralische Absicht der Unternehmensethik, eine optimale Gestaltung der Unternehmensorganisation, d.h. der optimalen Vermittlung individueller, unternehmerischer und gesellschaftlicher Lebensinteressen zu erzielen, kann nur die Systemtheorie einlösen, in dem sie durch die Erforschung der Bedingungen der Selbstorganisation die Spielräume für den Prozess der Selbstorganisation eröffnet. "Die Systemtheorie als neues Paradigma schüttelt Systemzwang ab und verheisst neue Handlungsspielräume in den Unternehmungen. Die Selbstorganisation diagnostiziere und löse die Probleme zu einem frühest möglichen Zeitpunkt und öffne durch den "Wettbewerb von Ordnungen" ein "Evolutionsfenster, das zukunftsgerichtetes Handeln möglich macht." [S. 221]
Die vorgeschlagene Differenzierung der Systemebenen zur Analyse macht auch deutlich, warum den heutigen Problemen mit reiner Individualethik nicht beizukommen ist:
Aus diesen Aspekten lässt sich im Horizont der funktionalen Systeme Luhmanns Konzeption einer Ethik als funktionaler Analyse und Reflexionstheorie der Moral genauer bestimmen. [S. 110-11]
Eine systemtheoretische Wirtschaftsethik hätte folgende Aspekte anzunehmen:
Moral kann die inkommensurabel verschiedenen Funktionssysteme nicht integrieren, sondern es ist davon auszugehen, dass wir nebeneinander stehende, sich wechselseitig interpretierende inkommensurable Perspektiven haben.
Das fluide Medium der Moral kann nur dort in Funktionssysteme eindringen, wo diese der Moral eine Funktion geben können.
Wenn die Eigenständigkeit der Moral vor der vollständigen Funktionalisierung bewahrt werden soll, muss sie aus den Funktionen zurückgezogen werden, in denen funktionale Aequivalente genügen. Es müssen statt dessen unersetzbare Funktionen (z.B. Vertrauen oder Glaubwürdigkeit) als Ort der Moral in den Funktionssystemen ausgewiesen werden.
1. ergibt sich automatisch aus der Existenz der multikulturellen, pluralistischen Gesellschaft, die mit der Globalisierung einfach da ist, ob einzelnen das nun gefällt oder nicht. Das dominante Handeln, das wirtschaftliche Handeln, spielt sich also in einem Raum ab, in dem es unterschiedliche staatliche Normvorstellungen, und noch viel mehr individuelle Vorstellungen über "das richtige Handeln" gibt. Das bisher einzige Staatsmodell, das halbwegs mit diesen Bedingungen zurecht kommt, ist die Demokratie - solange die Mehrheit sich nicht zur moralischen Vormundschaft der Minderheit macht, als Demokratie zu Demokratur wird. Die zunehmende Freude daran, alles mit Gesetzen lösen zu wollen, zeigt schon einen ziemlichen Trend in diese Richtung: Betteln verboten > Armut verboten, Rauchen verboten > Krankheit verboten, Schulbesuch sobald ein Baby lallen kann > Dummheit verboten, etcetc.
Zusammenfassung der Aufgaben der systemtheoretischen Wirtschaftsethik:
Wirtschaftsethik als funktionale Analyse der Moral beobachtet die gegenseitigen Anschlussmöglichkeiten von moralischer und ökonomischer Kommunikation und klärt darüber auf, unter welchen Bedingungen und an welchen Orten Moral in der Wirtschaft funktionalisiert wird. Sie hätte darzustellen, ob die Wirtschaft die Art und Weise ihres Wirtschaftens ändert oder nur ihre Beleuchtung.
Wirtschaftsethik als Reflexionstheorie der Moral hätte zu beobachten, welche Funktionssysteme in bezug auf Wirtschaft (einschliesslich der Wirtschaft selbst) die moralische Unterscheidung strategisch aktivieren. Die Beobachtung wäre gleichsam moderierend in die Kommunikation wiedereinzuführen, um damit den streitentfachenden und perspektivenisolierenden Zug der Moral zu dämpfen.
Die Ethik bekommt auch hier ganz allgemein die Aufgabe der Transformation, d.h. die Aufgabe, die wechselseitige Isolierung der Systeme und Kommunikationen zu vermeiden. Dies lässt sich umso eher erreichen, je besser diskursiv ermittelte Problemdiagnosen, Zielvorstellungen und Lösungsvorschläge in die jeweils anderen Perspektiven übersetzt, d.h. für sie anschlussfähig formuliert werden können. Mehr scheint aus dieser systemtheoretischen Perspektive nicht möglich, aber wenn allein dies gelänge, wäre es schon viel. [S. 114]
Wirtschaftsethisch unbrauchbare Modelle:
Unterdrückungsmodell: Die Wirtschaft hat sich gänzlich nach dem kategorischen Imperativ zu richten
Rechtfertigungsmodell: Freisetzung und Isolierung des Funktionssystems Wirtschaft von moralischer und religiöser Bevormundung - ja sobar vor staatlicher Steuerung.
Gleichgültigkeitsmodell: Abstrakte Moralprinzipien im Raum erfahrungsunabhängiger Einsichten - situative Anwendung vernachlässigt
Die drei verschiedenen Modelle haben eines gemeinsam: sie sind monologisch strukturiert und wiederholen den Fehler der Isolierung. Damit sind sie selbst zu den Ursachen einer Krankheit zu zählen, deren Therapie zu sein sie beanspruchen. [S. 213-14]
Ablauf des Dialogs
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Während die Wirtschaft bislang leicht die Führung erlangen und erhalten konnte, da sie immer weiteren Fortschritt und immer mehr Wohlstand und Wohlleben versprach, leidet Letzteres aber zunehmend unter ihren eigenen Aktivitäten (Umweltzerstörung und Landschaftsverbrauch), strukturellen Bedingungen (ungleiche Verteilung nach Pareto) und Sachzwängen, die den Menschen zum Mittel statt zum Zweck machen. Der Sinn, die oberste Orientierung des Menschen, geht dem ganzen Gehetze mehr und mehr verloren:
Das Unbehagen an der Vorstellung, dass die soziale und natürliche Umwelt immer mehr durch das 'Subjekt' des wirtschaftlichen Entwicklungsprozesses zum 'Objekt' nutzbarer Ressourcen zum Zwecke ihrer eigenen Selbstreproduktion wird, verstärkt sich auf der Meso- und Mikroebene: Belegschaften und einzelne Individuen geben sich immer weniger mit der Rolle des zuverlässigen Rädchens im Getriebe zufrieden. Die Teilhabe soll zur Teilnahme ausgeweitet werden, die Subjektivität des Menschen im Arbeitsprozess soll durch Mitbestimmung und Mitgestaltung zur Geltung gebracht werden.
Mitsprache und Mitgestaltung werden allerdings nicht nur durch die Arbeitsteilung generell unterlaufen, sondern vor allem durch den Unterschied zwischen praktischer Ausführung und strategischer Ausrichtung, insbesondere der heute (noch) dominierenden finanzwirtschaftlichen Orientierung.
Der Ursprung der Probleme, deren Lösungsbedürftigkeit die Notwendigkeit von Ethik, Oekonomie und Politik begründen, scheint in dem Umstand zu liegen, dass sich die Lebensinteressen und -bedingungen von Individuen, Unternehmungen und der Gesellschaft nicht in einer natürlichen Harmonie befinden, sondern sich unterscheiden und gegenseitig beeinträchtigen. Die friedliche Interessens- und Handlungskoordination bleibt deshalb eine beständige Aufgabe. In dem Masse, wie bei dieser Aufgabe Staats-, Rechts- und Marktversagen diagnostiziert werden, kommt der Unternehmung als 'produktivem sozialen System' eine wachsende Bedeutung zu, weil sie gleichsam im Schnittfeld individueller und gesellschaftlicher Lebensinteressen liegt. S. 218]
Während dem sich die Produktion per se offenbar immer weiter rationalisieren lässt, schafft sie damit gleichzeitig einen zunehmenden Bedarf an Interessen- und Handlungskoordination, insbesondere aber im Bereich Gerechtigkeit. Innerhalb des Betriebes selbst, zum Teil sogar was Kunden und Teilhaber betrifft, ist hier Anschlussfähigkeit des moralischen Diskurses gegeben, eben weil der Betrieb nur so lange funktioniert und was wert ist, solange er weder von Mitarbeitern noch Investoren noch Kunden moralisch oder sonstwie (qualitätsbezogen ...) geächtet wird:
Ulrich: In modern geführten Unternehmen kann wohl vom beginnenden Abschied von der Führungstechnokratie in der Managementlehre gesprochen werden, weg von tayloristischen, d.h. wissenschaftlich-technischen Management hin zu einem "Konsensus-Management, dem es in erster Linie auf eine Verbesserung der Kommunikationskultur im Innen- und Aussenverhältnis des Unternehmens ankommt. Es bestätigt sich zunehmend, dass der Aufbau von kommunikativen Verständigungspotentialen sich in der rein betriebswirtschaftlichen Perspektive als höchst funktional erweist. Ein langfristig erfolgreiches Unternehmen ist dasjenige, das die heterogene Zielsetzungen seiner Anspruchsgruppen am besten erfüllt. [S. 57]
Schliesslich könnte eine ethisch reflektierte Planung dazu beitragen, dass technische Grossprojekte in ihrer faktischen Gestaltung (und nicht nur in ihrer rhetorischen Darstellung!) auf eine höhere Sozialverträglichkeit und damit auf eine höhere Akzeptanz in der davon betroffenen Bevölkerung stossen, womit einer pauschalen Technik- und Wirtschaftsfeindlichkeit entgegengewirkt werden könnte. [S. 249]
Auch hier ist die Ethik offenbar erst so weit vorgedrungen, wie ihre Interessen sich mit den Interessen (der Sprache, der Geldsprache) der Wirtschaft übereinstimmen. Nicht an Geld orientierte Interessen wabern fluide und unterfinanziert vor allem im Gebiet der Kunst und Kultur, die sich zunehmends der Wirtschaft annähert, also verkaufbar wird, als Wertspeicher oder gar Wertvermehrer taugt. (s. Kultur ist etwas, das sich verkauft).
Die Idee, die längst von Heinrichs in seinem Modell des Vierfachen Pfades ausgearbeitet wurde, ging hier völlig unter.
Heinrichs führt den florierenden ideologischen Ethik-Boom in Individual-Ethik für alle Lebenslagen und Berufsrollen darauf zurück, dass nun dem Einzelnen aufgeladen werden soll (s. Eigenverantwortung!) was Gesellschaft und Politik nicht (mehr) zu leisten vermögen - macht aber klar, dass der Einzelne innerhalb des nun mal gegebenen komplexen Systems kaum mehr weiss, wie sich seine Handlung schlussendlich auf das Gesamtsystem auswirkt, und so noch weniger für diese Wirkungen verantwortlich gemacht werden kann. Komplexität und Differenzierung erleichtern also auch, sich der Verantwortung zu entziehen. Um dies zu verhindern muss die Ordnung innerhalb und zwischen den Systemen bestimmt werden, die die Selbstentwicklung bestimmt.
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Dass diese Systeme unterschiedliche Sprachen sprechen, dürfte einer der wichtigsten sekundären Gründe sein, warum von diesem Konzept kaum gehört wird in der Oeffentlichkeit. Die vier Parlamente würden aneinander vorbei reden, wo nicht müsste auf diese zentralistische Art ja fast eine Kulturdiktatur entstehen. Die Lösung hat also ihre Schwächen. Ah ... bon ... warum sekundäre Gründe: Der primäre, solches zu verhindern, ist natürlich der, dass die Wirtschaft (sprich: das Kapital) ihre Interessen am besten verfolgen kann, wenn ihr niemand reinschwätzt, also andere Interessen, die eben in Gerechtigkeit, guter Ordnung, Wissen, Forschung, Kunst, Ethik, Religion etc. bestehen, nur so weit ans Tageslicht treten, als sie sich den Regeln des Wirtschaftssystems unterwerfen, also kommerzialisierbar sind.
Als Grundlage des Denkens würd' ich mal die 4 Basissysteme im Kopf behalten, die Lösung weiterhin über das <Palaver>, also den Dialog suchen - aber eben nicht zentralisiert,sondern pluralistisch, was bedingt, dass sich auch geschlossene Teilsysteme mit fundamentalistischen Ansprüchen demselben öffnen. Wörz schildert einen solchen Planungsdialog anhand eines technischen Grossprojektes:
Die Ethik erhält in diesem letzteren Sinne die Aufgabe, die Kommunikation und Verständigung zwischen den Perspektiven zu gewährleisten. Die ethischen Aspekte bei der Planung eines Grossprojektes zielen mithin auf die Gewährleistung des rechtzeitigen Einflusses möglichst vieler relevanter Vorstellungen in die Planung. Eine Planung wäre dann ethisch legitimiert, wenn der Grad der Zustimmung für die Realisierung des Projekts für alle anderen Aspekte ein Optimum erreicht hat. Die Mitarbeit des einzelnen Ingenieurs oder Oekonomen wäre dann ethisch legitimiert, wenn er sich selbst sagen kann, er habe im Rahmen seiner ihm zur Verfügung stehenden Handlungsspielräume alles ausgenützt, seinen Beitrag zu dieser Art der Entscheidungsfindung zu leisten. [S. 248]
Interessanterweise wird dieses Konzept des <participatory planning and action> seit ca. 20 Jahren in der Entwicklungszusammenarbeit eingesetzt, konnte sich in den "entwickelten" Ländern aber nicht durchsetzen (Begründung s.o.), ausser dieser Prozess diene der Konsens- und damit der Absatzförderung.
Die Innovationsfähigkeit eines Unternehmens basiert dabei auf dem Innovationspotential seiner Individuen. Es ist deshalb umso innovativer, je mehr es zentralistische und fremdbestimmte Steuerungen minimierut und durch die Möglichkeit der Selbstbestimmung seiner Mitarbeiter deren individuelle Kreativität freisetzt. Die Gestaltung der erweiterten Handlungsspielräume wird durch Selbstorganisation der Abteilungen und Individuen geleistet. Der Verlust zentraler Steuerung kann mit der Erstellung und Veröffentlichung identifikationsfähiger Unternehmensleitlinien kompensiert werden. Die Bedingung der Identifikation ist jedoch der Bezug der Leitlinie auf das Ethos der Gesellschaft, aus dem die Mitarbeiter stammen und dem das Unternehmen sein Produkt anbietet. - In diesem Sinne könnten (idealistischerweise dialogisch) ermittelte und wirtschaftsethisch reflektierte Unternehmensleitlinien einen Beitrag dazu leisten, den strukturellen Dauerkonflikt zwischen individuellen Lebensinteressen der Individuen, den Lebensbedingungen des Unternehmens, der Funktionsbedingungen des Wirtschaftssystems und dem Ethos der Gesellschaft friedlich zu koordinieren. [S. 219]
Innovation ist also immer darauf angewiesen, dass Individuen mit ihren Ideen ausreichen Freiraum finden. Das Kriterium des Konsenses liegt in dem gemeinsamen Sinn, d.h. in der Identität der Standpunkte, Perspektiven und Kriterien, nach denen über Bestimmtes moralisch geurteilt wird. Bedingung dafür ist aber, dass die Differenz ethischer und ökonomischer Rationalität in Spannung bleibt, so dass aus dieser situationsgerechte Normen entstehen können.
Konsens wird, ungleich der moralischen Haltung der Individuen, NICHT mit Achtung honoriert - das wäre überflüssig und banal - sondern honoriert wird der gelungene Einbau des jeweiligen Alter in die operative Identität des eigenen Ich. Der Differenz der anderen Perspektive wird genau dann Achtung erwiesen, wenn ihre Differenz produktiv in die eigene Perspektive eingebaut werden kann. Volkstümlich ausgedrückt: Gegensätze ziehen sich an ... Gleich und Gleich gesellt sich bloss gern.
Ein Konsens besteht nicht in der Identität von Meinungen und Urteilen aller Beteiligten, sondern vielmehr darin, dass am Ende eines Diskurses sich alle darin einig sind, dass sie mit dem Besprochenen 'etwas' anfangen können, und zwar jeder auf seine spezifische Weise.
d.h. die Perspektive des Andern wird verstanden und akzptiert, aufgrund anderer Entstehungs- und/oder Umweltbedingungen, sie wird aber genau so wenig wie die eigene zur einzig zulässigen Perspektive erklärt. Hier wird in vielen Konsensgruppen ein horrender Schabernack getrieben, indem die Mitglieder auf einen Konsens eingeschworen werden, der eigentlich von wenigen führenden Mitgliedern vorgegeben ist.
So ähnlich steht es um die Wirkung des moralischen Diskurses:
Der Einfluss der gesellschaftlichen Subsysteme auf die Wirtschaft ist damit ein mittelbarer. Moralisch vorgetragene Belange oder Proteste müssen auf Resonanz stossen um Wirkung zu zeitigen. Aufgabe einer systemtheoretisch arbeitenden Wirtschaftsethik ist dann u.a. die Moralfolgenabschätzung - also umgekehrt die Abschätzung, wo und wie moralische Anliegen die höchsten Kosten verursachen, moralisch richtiges Verhalten also zu den höchsten Einsparungen führt.
Lévinas beginnt seine Analyse der Beziehungen mit der erotischen Beziehung, die als ursprüngliche Beziehung gilt: Sie erreicht ihren Höhepunkt, wenn der sich dem Anderen Nähernde die Wechselseitigkeit der Beziehung vergisst. In der Beziehung der Nähe wird also weder die Andersheit des Anderen annulliert, noch löst sich das Ich in das Andere auf.
Es gibt eine Beziehung zum anderen, in der das Subjekt seine Autonomie verliert, und dennoch als Ich erhalten bleibt und tätig ist, ohne in seinem Verhalten durch den Anderen 'gesteuert' zu werden: die erotische Beziehung.
Die erotische Beziehung nährt sich von der Spannung einer unaufhebbaren Differenz zwischen dem Ich und dem Anderen; sie entzieht sich deshalb jedem Versuch vergegenwärtigender Thematisierung. Die Nähe zum Anderen wahrt diese Differenz und eröffnet eine Beziehung des Ich zum inkommensurablen Anderen, ohne ihn zu kommensurabilisieren.
Die Erfahrung der Vertiefung der Bezogenheit auf den Anderen, über die das Ich nicht verfügt, ist eine Form des Verstehens seiner Andersheit. Die Nähe ist die Erfahrung sich verstärkender Spannung, die sich ohne Aktivität des Subjekts aufbaut. [S. 153]
Lévinas sieht den Grundzug dieser Erfahrungskonzeption darin, dass bei allen ein primär aktives, sich in den Widerfahrereignissen selbst bestimmende, autonomes Ich vorausgesetzt wird, das als unbedingtes Ich seine Erfahrungen und damit die Veränderung seiner selbst auch selbst bedingt.
Ich wiederhole: Im Dialog ist nicht die Einheit der Meinung und Anschauungen voraussetzung - sondern gerade die Begegnung unterschiedlicher Sinne, Zwecke, Werte. Einheit ist Unfreiheit und taugt allenfalls in der Schlacht, das Leben aber wird von Spannungen angetrieben:
Im Dialog befindet sich das Ich trotz absoluter Distanz zum Du in seiner Nähe, aus dem unvermittelbaren Verhältnis der Individuen entsteht im Dialog eine aussserordentliche und unmittelbare Beziehung zwischen Ich und Du, und dies ohne ein vermittelndes Drittes, ohne ein gemeinsames Mass, ohne einen "Kon-sens". Der Dialog transzendiert die absolute Distanz und inkommensurable Differenz der Individuen, ohne sie zugunsten einer Einheit oder 'ihrer' Gemeinsamkeit aufzuheben. Im Dialog ist eine Beziehung gestiftet, die im wörtlichen Sinne ein ausserordentliches Verhältnis bedeutet, das mithin jenseits jeglicher Ordnung und 'jenseits von Sein und Zeit' liegt. Das mit all diesen 'ausserordentlichen' Termini gemeinte erscheint uns im Begriff der Spannung am anschaulichsten darstellbar. [S. 175]
Spannungsfelder sind auch die Grundlage von Lewins Feldtheorie, wie schlussendlich vermutlich die Lösung der Frage, wie moralische (und andere) Werte wirken. Lévinas charakterisiert unter dem Titel des 'egoistischen', nach 'Glück' strebenden Lebens die Seinsweise des ökonomischen Subjekts folgendermassen: "Was ich tue und was ich bin, ist zugleich das, wovon ich lebe." Allerdings stellt diese Aussage in Zeiten der Flexibilität eine schwere Hypothek dar, da nun eben mit dem Beruf, der Arbeit, auch die Identität schwindet oder höchst wandelbar wird. Einerseits. Andererseits stellt die Aussage aber vermutlich auch eine übermässige Flexibilität in Frage, denn wenn der Mensch alles lernen und tun soll, was der Markt begehrt, sein tätiges Da-Sein also äusseren Anforderungen unterwirft, bleibt ihm für das Sein nur noch Feierabend, Wochenende, Ferien - die zumeist wieder von andern geplant und organisiert werden, also bloss noch Konsum sind.
Oekonomische Verantwortung besteht in der Realisierung abschliessender Antworten und Handlungen als Reaktion auf Fragestellungen und Problemdiagnosen; ethische Verantwortung besteht in der prinzipiellen Ungewissheit über die Angemessenheit der gegebenen Antworten und der realisierten Handlungen.
Die Oekonomie und die ökonomischen Beziehungen sind solange ethisch gerechtfertigt, solange sie die Spannung zur ethischen Beziehung aufrechterhalten und aus dieser Wuelle die Impulse schöpfen auf die sie durch beständige Modifikation ihrer Formen reagieren.
Die allgemeinen Strukturen der ökonomischen, rechtlichen und politischen Institutionen sind gerechtfertigt, wenn auch sie auf der ethischen Ordnung gründen. Dies ist zu verstehen als Aufrechterhaltung der Spannung zwischen den durch unzählige Stationen kommunikativer und institutioneller Vermittlung entwickelten universalen Prinzipien einerseits und der Erfahrung der unmittelbaren Verantwortung für den Anderen andererseits. [S. 205]
Es ist also nicht die unüberbrückbare Spannung zwischen Wirtschaft und Ehik zu beklagen, sondern nur der Fall, wo er eintritt, in dem die Wirtschaft der Ethik das die Mitsprache oder gar das Existenzrecht abspricht. Wirtschaft und Ehik schaffen beide Werte, aber substantiell unterschiedliche Werte. Gleich daran ist, dass sich der Mensch an Werten orientiert, problematisch daran ist, dass der Geldwert längst dominiert.
In ihrer Geordnetheit erscheint die Welt der Oekonomie, des Rechts und der Politik in dieser Perspektive im weitesten Sinne als das Haus, das den einzelnen Individuen Gastfreundschaft gewährt und ihnen dadurch das Ereignis ihrer Begegnung ermöglicht. In ihm knüpfen sich die ethischen Beziehungen der Individuen im Dialog von Angesicht zu Angesicht und wirken modifizierend zurück auf den weiteren Ausbau der ökonomischen, rechtlichen und politischen Institutionen, auf die sowohl das gelingende Leben des Einzelnen als auch das der Gemeinschaft angewiesen bleibt. Die ökonomisch, rechtlich und politisch geordneten Beziehungen der Individuen untereinander und ihre ausserordentliche ethische Beziehung erweisen sich als füreinander konstitutive, aber gleichwohl bedingte Bedingungen. Die Aufgabe der Ethik bestünde positiv in der Aufrechterhaltung der Spannung in dieser wechselseitigen Bedingtheit, sie bestünde negativ in der Vermeidung, dass sich weder die Funktionalität von Systemen noch die Individualität der Menschen als ungedingte Bedingung behauptet und damit isoliert. [S. 205]
Die primäre Aufgabe der Ethik wäre also, das gesunde Mass zu
erhalten, d.h. Weisheit zu fördern
... weshalb sie ja eben praktische
Philosophie genannt wird ... weshalb also Menschen die Philosophie für
überflüssig halten, für masslos dämlich gehalten werden dürfen. Ethik muss Spielräume des Dialogs eröffnen
und Räume der Begegnung schaffen, Räume in denen sich verhandeln lässt, welche
"Werte" nun welche Geltung haben sollen.
Wichtiges Teilgebeit dieser Begegnungsräume ist die Unternehmensethik. Sie ist reflexive Begleitung des Prozesses der Selbstorganisation des Zusammenspiels von Individuen und Unternehmen, Wirtschaft und Gesellschaft. In diesen Prozess der Selbstorganisation sind sowohl die betriebs- und volkswirtschaftlichen Ordnungen als auch die Moralen der Individuen und das Ethos der Gesellschaft einbezogen.
Einer kommunikativen Unternehmensethik käme die Aufgabe zu, die Unternehmensverfassung auch als Verfahrensordnung zu entwickeln, die die Regelnd der kommunikativen Ethik, d.h. der kommunikativen Interessenvermittlung und friedlichen Koordination der "konfliktrelevanten auswirkungen des Gewinnprinzips" und die Verfahren konsensueller Entscheidungsfindung für möglichst viele Anspruchsgruppen verbindlich festlegt. [S. 56]
Fazit:
Wirtschaftsethik als Dialog vermag auf direktem Wege weder Ozonlöcher zu stopfen, noch Hungersnöte zu lindern oder Verteilungsgerechtigkeit herzustellen, sondern sie vermag in erster Linie Interpretationshorizonte von Individuen zu bewegen. Solange es aber Individuen sind, die im institutionellen Rahmen der Politik, des Rechts, de Wissenschaft und nicht zuletzt der Wirtschaft Problemlösungen entwerfen und Entscheidungen fällen, solange es auch Individuen sind, die angesichts neuer Realitäten Veränderungen blockieren, solange erscheint uns eine am Individuum ansetzende Ethik als eine Ergänzung für die universal, bzw. institutionell ansetzenden wirtschaftsethischen Theorien notwendig.
Je weiter der Prozess der Ausdifferenzierung unserer modernen Gesellschaft in immer feinere inkommensurable Funktionssysteme voranschreitet, desto mehr wird es gerade auf Beweglichkeit und Inegrationskraft der Individuen ankommen, die an diesen Systemen partizipieren. Da einerseits eine alles integrierende und auf ein Ziel ausgerichtete Universaltheorie weder möglich noch nötig erscheint und andererseits die Isolierung der Funktionssysteme und Individuen gegeneinander fatale Folgen zeitigen würde, scheint uns gerade der Dialog von Individuen ein Bindeglied zu sein, in dem all die inkommensurablen Relate zueinander in einer dialogischen Beziehung bleiben können, ohne einander zu vereinnahmen, sondern um einander zu befruchten. Was dann jedoch als fruchtbar und lebensförderlich bezeichnet wird, müssen wir letztlich der reflektierenden Urteilskraft des betroffenen Individuums überlassen Diese Urteilskraft durch didaktische Vermittlung ethischer Reflexionskompetenz zu stärken, betrachten wir als eine der wichtigsten zukünftigen Aufgaben wirtschaftsethischer Praxis. [S. 250]
pluralis majestatis: Wir, die Wissenschaften - aber doch partizipativ im Ansatz, da nicht Werthaltungen, sondern Reflexionskompetenz, also die Fähigkeit selbst zu denken, vermittelt werden soll. Dieses Lernen ist vermutlich das einzige, das zu recht auf lebenslänglich plädiert.
Die Ethik für das wirtschaftende und von der Wirtschaft betroffene Individuum tritt dann nicht mehr normativ auf, sondern lässt sich im Arrangement der Beratung auf die konkrete Situation der Individuen ein und versucht in der Inszenierung von Dialogen zwischen den Individuen einen Prozess der Selbstorganisation in Gang zu setzen, der ihre funktional verhärteten Perspektiven in Frage stellt, sie aneinander verflüssigt und so für die Berücksichtigung neuer Realitäten und neuer Entwicklungsmöglichkeiten öffnet.
Die mit Hilfe der Systemtheorie Niklaus Luhmanns mögliche Beobachtung ökonomischer und moralischer Kommunikation und die mit Hilfe der Sozialphilosophie Emmanuel Lévinas entwickelte Sensibilität für die Andersheit des Anderen, scheint uns eine Chance zu bieten, als ethisch Reflektierender in der konkreten Praxis des Wirtschaftens auch etwas zu bewegen, d.h. die inkommensurablen Differenzen in Wirtschaft, Ethik und Moral durch die Spannung des Dialogs zwischen Individuen einem wechselseitig befruchtenden Verhältnis näher zu bringen. Wir tun dies, indem wir das zu stärken versuchen, was unterhalb der funktionalen Notwendigkeit einer modernen Wirtschaftsgesellschaft die Lebensbedingungen von Individuen ins Spiel zu brigen vermag, und dies ist: der Dialog als Argumentation unter Ansehung der Person. [S. 251]
Das Fazit von Wörz heisst also: Dialog über Ethik. Allerdings beschränkt er diesen Dialog auf Ethiker, was meines Erachtens ein Fehler ist, eine übermässige und schädliche Verengung. Nicht bloss Ethikfachleute, sondern Interessenten und Kenner anderer verfolgbarer Ziele, d.h. Ziele mit positivem moralischem Status, können, wollen und tun hier beitragen: Umweltverbände, Wirtschaftsverbände, Politiker, spezifische Interessengruppen, Intellektuelle - alle wollen für etwas einstehen, das ihnen als Ziel wichtig ist, an dem sie ihr persönliches, mehr oder weniger moralisches Verhalten ausrichten. Gestört wird der Dialog über Moral eigentlich bloss dann unzulässig, wenn
Hier gilt es einen deutlichen Schritt weiter zu gehen, denn ethische Anliegen werden heute eigentlich nur selten von Ethikern formuliert, sondern meist von sog. NGOs (Nichtregierungsorganisationen) oder NPOs (nicht profitorientierte Organisationen). Wie wirksam diese sind, also wie sehr sie die ungehinderte "Wertvermehrung" der Wirtschaft stören, zeigt insbesondere der Wunsch, diesen in der Schweiz den Verbänden das Einspracherecht abzusprechen. (s. Verbandsbeschwerderecht).
Die Beobachtung, dass der Staat zunehmend Macht an Teilorganisationen verliert, wurde vor allem von Gehlen sehr ernst genommen, ja als Problem gesehen. Darüber sind wir inzwischen etwas hinaus - ohne allerdings die daraus entstandenen Probleme gelöst zu haben:
In diesem Gesellschaftskonzept und der dazugehörigen Antropologie kündigt sich bereits der Uebergang von der hierarchisch zur funktional differenzierten Gesellschaft an: Es beginnen sich neben der noch zentralen Funktion der Politik, vor allem die Erziehung, die Wissenschaft und die Wirtschaft als gesellschaftliche Teilsysteme auszudifferenzieren. Der Uebergang ist in dem Masse vollzogen, als diese Teilsysteme sich von der Politik abkoppeln und sich selbständig reproduzieren und steuern.
Problematisch daran, insbesondere weil kaum bemerkt, auch von Wörz und Luhmann geflissentlich umgangen, ist das Problem, dass sich diese Teilsysteme zwar weitgehend von der Politik befreit haben - aber nicht vom Geld, der Steuerung durch Geld:
Die Politik sollte die Wirtschaft beherrschen und durch zentrale Verwaltung steuern (Idee zu Beginn des 19. JH. oder nach wie vor im Sozialismus), was jedoch im Umschlag der Bedingungsverhältnisse endete. Die Funktionserfordernisse der Wirtschaft begannen zunehmend die Politik zu bedingen. [S. 70]
Der Buchtitel: Der systematische Ort der Moral in einer Marktwirtschaft ist die Rahmenordnung [Homann/Blome-Drees: Wirtschafts- und Unternehmensethik. Göttingen 1982] steht irgendwie für die Illusion der sozialen Marktwirtschaft - macht aber doch deutlich, dass, falls wir keinen darwinistischen Ueberlebenskampf von Wirtschaftsmächten als Grundordnung der Gesellschaft wollen, die "anderen" Interessen halt eben doch über die Politik, also eine Art von Politik, eingebracht werden müssen. Diese "Art von Politik" muss nicht unbedingt parlamentarischer Art sein, sie kann auch durch Einflussnahme von ethisch orientierten Gruppen geschehen, wie eben die NGOs und NPOs, durch Wissenschaft, Kultur, Philosophie etc., insbesondere auch etwa durch die Sozialwissenschaften und ihre Praxis, die Sozialarbeit.
Nähmen wir den Satz von der Beherrschung der Wirtschaft duch die Politik ernst, dann wäre also die Politik, präziser die Politiker, präziser die Parlamente für den jeweiligen Zustand der Moral in einer Demokratie zuständig. Abgesehen davon, dass sich hier die Politiker wie die Wirtschaft gleichsam wehren werden, wären wir vermutlich arm dran, sollten wir uns darauf verlassen, dass das funktioniert. So ähnlich sieht das auch Wörz:
Wirtschaftspolitische Massnahmen, die sich in aller Regel in der Form von Entwürfen und Gegenentwürfen, parlamentarischen Diskussionen und Modifikationen und schliesslich mehrheitlicher Verabschiedung wirtschaftsrechtlicher Gesetze und Vorschriften realisieren, kommen aufgrund des langwierigen Prozedere und angesichts sich beschleunigender Wirtschaftsdynamik im Wettlauf mit der Beseitigung unerwünschter Nebenfolgen immermehr in zeitlichen Rückstand. Die Politik in Gestalt der Legislative, Exekutive und Judikative bestimmt aufgrund dieser Geschwindigkeitsdifferenz die lebenspraktisch erwünschte Entwicklung immer weniger, und kommt so immer mehr in den Zustand des Reagierens auf die 'Sachzwänge' und 'Funktionsimperative' des Wirtschaftssystems. [S. 55]
Für eine proaktive Politik sind Parlamente und insbesondere das Gesetz also kaum mehr zu brauchen. Hier sind andere Lösungen zu finden. Gehlens Vorschlag zielt auf Dialog in wohlgeordneten Sachgruppen. Aehnlich liegt es hier eigentlich mit dem Vorschlag Heinrichs' zu einem Kulturparlament. Die Convivialidad Ivan Illichs ist hier noch einen Sprung voraus, da sie nicht bloss auf Dialog und Partizipation basiert, sondern auch auf der Gastfreundschaft - ohne die eine multikulturelle pluralistische Welt wohl kaum auskommen wird. Vielleicht sollte man mal die "Flüchtlingsprobleme" unter dem Aspekt durchdenken ...
Das Fehlen einer obersten Perspektive, eines dominanten Leitwertes, einer Einheitskultur, wie es für Kant noch die übergeordnete Kommunikation, von ihm <transzendentale Kritik> genannt und die Super-Perspektive alias <kritische Metaphysik> ist ja eigentlich kein all zu grosses Problem, denn begriffen haben diese Superkonzepte eh die wenigsten - aber dafür ausgenutzt zum Zwecke der Herrschaft. Ein Ethos der Gesellschaft ist heute mit der Globalisierung nicht mehr relevant. Hier ist eben bereits eine "multikulturelle Ethik" nötig, im Sinne einer Systemethik, die dann eben nicht mehr auf Brauchtum und Sitte basiert sein kann.
Der Antagonismus zwischen Wirtschaft und Ethik, wie die multiplen Antagonismen innerhalb einer multikulturellen Gesellschaft, sind also nicht eigentlich ein Problem - sondern präzise DIE Energie, DIE SPANNUNG - die Vielfalt und Reichtum schafft nach dem Motto: Leben und Leben lassen, ein Motto das erst der Neoliberalismus untergräbt, da dort, wer nicht erfolgreich produziert, anständigerweise auch gleich sterben sollte, da irgendwelche Ausgleichszahlungen oder Unterstützungen ja den Markt verfälschen ...
Martin Herzog, Basel, 28.9.08