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Sozialethik für eine desorientierte Gesellschaft:

Ethik als praktische Philosophie, also als <Systemorganisation des Guten>

[Nicolai Hartmann: Ethik. Walter de Gruyter & Co. Berlin. 1932]

Kommentare zur Idee <Blocher als Wirtschaftsethiker - Tettamanti als Staatsmoralist>: Wirtschaftsethik als Verarschung der Ethik.
Die Ethik der Griechen gipfelte in de Lehre von der Tugend. Nach Aristoteles ist Tugend die eigentümliche Qualität des Verhaltens (habitus)

Die praktische Philosophie (Ethik) kann kein Kodex von Verhaltensnormen und Gesetzen sein, sondern wendet sich an das Schöpferische im Menschen, zu erschauen, zu "divinieren", was denn da wohl zu tun sei. Dies liegt vor allem an der Komplexität der Frage nach dem Guten, das sich, was Aristoteles schon wusste, nicht bei Extremen, sondern immer im gesunden Mass findet. Das gute wird nicht erreicht durch fanatisches Verfolgen von einem Einzelwert, sondern durch die Begründung eines persönlichen Wertesystems und das Handeln in Einklang mit diesem. Hier kann der Mensch schöpferisch Tätig sein, nach den Werten streben, die ihm "heilig" sind. Ethik ist so freie Philosophie, nicht Vorschrift. Sie fordert den Menschen auf zur verantwortlichen Mitgestaltung der Welt, der Wirklichkeit, denn weder der Mensch noch die Welt sind vollendet (auch wenn da die meisten Religionen tendentiell eine andere Meinung haben: Es ist geschöpft und das Mass ist voll, pardon, gut.).

  1. Was können wir wissen,
  2. was sollen wir tun,
  3. was dürfen wir hoffen?

Die 1. Frage ist die wissenschaftlich.philosophische Grundfrage, die 2. Frage ist die ethische Grundfrage, welche die praktische Philosophie zu beantworten such, und die 3. die religiöse, heute eher ökonomische Grundfrage: Was können wir uns leisten?

 

1. Das individuelle Wertesystem als Kern von Person und Persönlichkeit

Hartmann macht in seinem System der Ethik, dass kein universales System ist, sondern ein System, das jedes Individuum für sich, aus seinen eigenen Erfahrungen und Zielen formen muss deutlich, dass nicht die Person die Werte konstituiert , sonder diese die Person. Die Autonomie der Person z.B. setzt die der Werte schon voraus; sie ist bereits Funktion der Werte - wenn auch gewiss nicht der Werte allein.

Person/Persönlichkeit: So sind die beiden Grundmomente der Personalität - das der Freiheit und das der sittlichen Wertträgerschaft - fest ineinander verwurzelt. Sie bilden gemeinsam einen einheitlichen metaphysischen Grundcharakter des personalen Wesens. Und da in beiden das ideale Seinsollen der Werte die Voraussetzung ist, so erweist sich hier die Metaphysik des Sollens als Metaphysik der Person. [S. 187]

Das ist der Grund, warum das sittliche Wesen des Menschen, die Personalität, ontologisch schlechterdings nicht zu bestimmen ist. Es ist eben kein rein ontologisches Wesen, sondern ein zugleich axiologisches. Es ist ein Wertwesen. Nicht die Werte also sind bestimmt durch das sittliche Subjekt, au das sie "relativ" sind, sondern das Subjekt ist bestimmt durch sein Verhältnis zu den Werten - durch die Art, wie es alleiniger Träger der sittlichen Werte ist. [S. 189]

Die in bisherigen Texten des öftern gestellte Frage, was den nun den Kern des Menschen ausmache oder bezeichne, die Identität, die Persönlichkeit, der Charakter, wird hier beantwortet: Es ist das eigene Wertesystem, die eigene Ordnung, die der Mensch sich gibt.

Der Wert ist zugleich Kraft und Richtpunkt. Er als das Substantielle treibt den Prozess nicht vor sich her und von sich fort, sondern er lenkt ihn auf sich zu. Er ist der Attraktionspunkt, auf den hin das Seinsollen weist, und auf den alle reale Tendenz geht, die dem Seinsollen folgt. [S. 191]

Die Zwecksetzung des Menschen ist die Tatsache. Die Ethik tut - und muss tun - was in den Augen des Frommen Gotteslästerung ist: sie gibt dem Menschen die Attribute der Gottheit. Sie gibt ihm wieder, was er, sein eigenes Wesen verkennend, von sich drücken will, sie lässt die Gottheit herabsteigen von ihrem Weltenthron und im Willen des Menschen wohnen. Dem Menschen fällt das metaphysische Erbe Gottes zu. [S. 199]

Von diesem <Kern des Menschen>, der seine Persönlichkeit, seine Identität formt, und auch als primäres Rollenskript fungiert, darf und muss man schon ein bisschen mehr erwarten, als dass dieser "herunter gekommene" Gott bloss mit Meinungen um sich wirft. Allerdings wird sich dieser Wertekern bei unterschiedlichen Menschen unterschiedlich und unterschiedlich weit bilden, ganz unterschiedlich vom Ich und/oder von aussen her geformt werden. (s. Kohlberg: moralische Entwicklungsstufen.)

Darauf beruht es, dass echte Persönlichkeit so hohen Reiz für die fremde Person hat. Die Teilhabe an ihr ist ein zweites Leben in einer zweiten Welt. Wer das Persönliche in den Menschen sieht und liebend erfasst - denn nur dem liebenden Blick wird es sichtbar -, der lebt in einer Wertfülle anderer Ordnung als der Persönlichkeitsblinde. Seine Welt ist axiologisch unendlich reicher, erfüllter, eine Wertmannigfaltigkeit höherer Mächtigkeit.

Hier vertritt nun z.B. unsere SVP einen gerade umgekehrten Grundsatz der einfachen, klaren, und damit eben recht engen, um nicht zu sagen einfältigen Werte (Anpassung, Ruhe, Ordnung, Fleiss, Leistung)

Zweitens aber tritt hierzu der Grad der Annäherung der realen Person an ihr ideales Ethos. Auch hier gibt es eine lange Stufenreihe. Dabei ist das Verhältnis zur ersteren ein indifferentes. Beide Arten der Abstufung variieren unabhängig voneinander. Es gibt hochindividuelles Ethos bei geringer realer Erfüllung, und wiederum hohen Erfüllungsgrad bei geringer Individuationshöhe des Ethos. Persönlichkeiten der ersteren Art haben etwas Zerrissenes, innerlich Verfehltes, Haltloses, besitzen aber trotzdem für den Feinsinnigen den ausserordentlichen Reiz der durch alle Disharmonie hindurchschimmernden Eigenart und Differenziertheit. Persönlichkeiten der letzteren Art dagegen zeigen umgekehrt Einheitlichkeit, Bestimmtheit, schlichte Harmonie des Wesens, erheben sich aber nicht oder nur wenig über das Typische, sind moralisch reizlos. (S. 521)

Dabei aber ist zu erwägen, dass im Leben der Persönlichkeitswert einen besonders schweren Stand hat. Im Gleichheitsethos der Gerechtigkeit stehen hier Alle gegen Einen.

Persönlichkeit, Individualität sind eben so rechtlos wie das Recht unpersönlich ist. Auch Kants Imperativ kann vom Individuum nicht gewollt werden: Er muss vielmehr zugleich wollen, dass über alle Allgemeingültigkeit hinaus noch etwas Eigenes in seinem Verhalten sei, was an seiner Stelle kein Anderer tun sollte und dürfte. Verzichtet er hierauf, so ist er eine blosse Nummer in der Menge, durch jeden Anderen ersetzbar; seine persönliche Existenz ist vergeblich, sinnlos. [S. 528]

1.1. Der <Edle> - Der "Gesetzgeber" nach Kohlbergs Moralstufen

Die Macht des Ethos im Menschen ist nicht in die Form abwägender Ueberlegungen und Wahl gekleidet. Und dennoch ist wertsuchendes und wertgerichtetes Bewusstsein das Leitende darin. Nicht ein Begreifen oder Verstehen, wohl aber ein hellhöriges Vernehmen, ein wissendes Fühlung-haben mit den transzendenten Mächten des echten und an sich seienden Idealen ist das bewegende Prinzip. Die aszendierende Tendenz, die hier wurzelt,ist darum dennoch eine echte vorsehende und sittlich schaffende Aszendenz - im Unterschied von aller natürlichen, die nur auf den Lebenswert des vital Tüchtigsten geht. Im natürlichen Lebgensprozess der Gattung Mensch geht alles blind nach Naturgesetzen; die Zwecktätigkeit in seiner Zweckmässigkeit ist nur eine scheinbare. Hier dagegen ist vorsehend gerichtete, geleitete, nach geschauten Werten gelenkte Zwecktätigkeit - ein vielleicht dünner und schwacher, aber deswegen nicht weniger bedeutsamer Faden geschichtlicher Teleologie in dem ungeheuren Geflecht blinder Notwendigkeit de zweckindifferenten Determinationsketten (und nicht der kausalen allein). [S. 397]

Dieses Voranschreiten ist die wegweisende Rolle des Edlen im Leben und Schaffen der Gesamtheit. Die Menge ist trägheitsstark, sie hält starr und schwerfällig an dem fest, was sie begreift. Der Edle schleppt diesen trägen Ballast nicht gleich im Vordringen mit sich; er lässt ihn ruhig hinter sich, eilt unbeschwert als Vorkämpfer des menschlichen Ethos voran. So kommt es zur Isolierung in der Gruppe, ja zur Gegensatzstellung gegen die Gesamtheit. Die Isolierung ist keine gewollte, sie ist notwendige Folge.

Aber die Moral der Gruppe ist damit so wenig erfüllt als der Sinn des Edlen. Nicht in der Isolierung ist die Erfüllung; zuletzt kommt alles, was sie wirklich schafft, der Gesamtheit wieder zugute. Die Gruppe bildet hernach die Menge selbst zu sich um, sie zieht sie nach sich. Nachziehen ist ein anderes als Mitschleppen. Andere Kräfte wirken hier. Im Keime ist jede geistige Bewegung schwach, sie bedarf des Abschüttelns und der freien Beweglichkeit. Ist sie aber erstarkt und angewachsen, so bewegt sie die schwerste Masse. Darin liegt das Gesetz des Edlen und zugleich sein Recht auf Absonderung und Selektion.

Sein Streben geht immer über die Person - unt nicht nur über die eigene - hinaus. Desgleichen über gegebene Gemeinschaft. Er lebt in der Erhebung über das Alltägliche und moralisch Nichtige. Er ist erhaben über Verkennung und niedere Zumutung. Er schlägt nicht wieder, wo er den Gegner nicht achten kann. Er will auch den Feind sich selbst gleich. Den ebenbürdigen Gegener aber weiss er zu ehren und sieht sich selbst in ihm geehrt. Seiner äusseren Exponiertheit und gesteigerten Verwundbarkeit entspricht die innere Unberührtheit, an der das Gemeine abgleitet.

Die Stärke des Edlen liegt in seiner Beschränkung auf Vorzugswerte. Seine Schwäche ist die Einseitigkeit.

Wir haben hier in ein paar kurzen Auszügen recht viele Aussagen zu einem Typen, den wir ebenso als Aussenseiter, wie als Prophet oder Führer (Weber) bezeichnen könnten, aber auch als Lehrer (ev. Guru) oder Politiker. Es handelt sich um eine recht einprägsame Darstellung, warum einzelne sich aus der Gesellschaft zurückziehen müssen um wirken zu können, aber dennoch erst wirken können, wenn ihre Botschaft über eine Gruppe, die sie versteht, wieder in die Gesellschaft hinein kommt. Dieser Typ wurde anhand von Kant bereits detailliert beschrieben als schizoider Charakter, taucht in vielen Berichten generell auf als <Aussenseiter>.

 

1.2. Pluralismus und Antagonismus der Moralen (s. auch: Charaktertugenden (hexis))

Die Mannigfaltigkeit der Moral:
  1. Moral der Arbeit, des Schaffens
  2. Moral des Kampfes, Wettstreites, der Kraftentfaltung
  3. Moral de höchsten oder geheimsten Wünsche
     
  4. Moral der Autorität, der Unterwerfung unter erkannte und anerkannte Normen
     
  5. Moral der Gegenwart oder der nächsten Lebensgestaltung
  6. Moral der Handlung überhaupt, des tätigen Lebens
  1. und Moral der Genügsamkeit und Selbstbescheidung;

  2. und Moral des Friedens, des Ausgleichs, der Milde;
     

  3. und Moral allemeiner harter Forderungen, gegen die sich die eigene Natur mit ihren Neigungen und Wünschen auflehnt;

  4. und Moral des Suchens, Ausschauens nach neuen Normen und des Kampfes für sie (wobei das Suchen, Erfassen und Revolutionieren selbst zur Pflicht, das Gefundene aber und im Leben Vertretene selbst zum Gegenstand der Verantwortung wird);

  5.  und Moral der Zukunft, des Fernen, der Idee (wobei der letzteren die Gegenwart und die gegebenen Personen und Verhältnisse untergeordnet, ja geopfert werden.)

  6. und Moral der Auswertung und der Teilhabe am Wertvollen.
     

 

1.3 Der schöpferische Mensch als Mitschöpfer des Daseins: Ethische Divination als Sinngebung

Ethik und Moral sollen Willensleitung sein - nicht Willensunterordnung und Gehorsam. Der Mensch soll nicht in eine vorgefertigte Form gepresst werden, sondern zu dem er-wachsen, was in ihm angelegt ist an Begabungen und anderem Potential. Der Mensch sei:

Der schöpferische Mensch

Der Mensch ist moralisch nie fertig. Er baut mit seinem sittlichen Wachstum an sich selbst, ist sein eigenes Realisationsobjekt, auch ohne es zu intendieren. Er vollzieht seine eigene Synthese in seinem Gerichtetsein auf die Wertmannigfaltigkeit des Lebens, im Zunehmen seines Erfassens und seiner Teilhabe. In der auswertenden Welterfassung - und je objekthingegebener sie ist, um so mehr - gelingt ihm die Gestaltung des eigenen, einzigen, einmaligen Lebens zum vollen Zusammenklang, zur realen Symphonie der Werte.

Was von der Person gilt, das gilt mutatis mutandis vor allem ethischen Sein. Auch die menschlichen Verhältnisse lassen die gleiche Wertsynthese zu. Jede Situation zeigt Wertkeime, jede kann in ihrer Eigenart ausgewertet werden, kann auch unerfasst verkümmern. Auch in dieser Beziehung ist der Mensch verantwortlicher Mitschöpfer des Daseins, in dessen Hand aller Reichtum gegeben ist. Mitgestalter der ethischen Wirklichkeit, in der er lebt. Und ähnlich ist es mit der Synthese ethischer Ideale. Auch hier, in der prospektiven Schau, ist die reiche Mannigfaltigkeit wertvoll. Die Ideale der moralisch Engen und Armseligen sin selbst enge und armselige Ideale.

Dies gelingt ihm durch intuitives Erfassen der Situation - durch die Idee. Ethische Divination ist Sinngebung. Verharren bei bloss einer (fixen) Idee jedoch ist Ideologie.

 

2 Ethik für Viele: Gruppe, Menge, Masse - Staaten und Kulturen

Nebst der gegebenen Diversität moralischer Ausrichtung stehen vor allem partikuläre Interessen einer Einheitsethik im Wege. Diese Aussage wird gerne von Führern verwendet, die dann nach einem starken Staat und einem starken Führer (ihnen selbst) rufen. Gerade Hartmanns Aussage zu diesem Problembereich warnt uns aber davor, Chauvinismus zum Wertezentrum zu machen:

Ein Volk ist mit Blindheit geschlagen für Eigenarten und Weltberuf des anderen. Der Parteigeist ist blind für Berechtigung und politischen Wert der Gegenpartei. Jede Interessengemeinschaft kennt nur ihre eigenen Ziele.

Ebenso ist der Grundwert, der Gemeinschaft erst möglich macht, der Gemeinsinn, kein Wert, der von oben verordnet werden kann oder der sich institutionalisieren lässt. Sogar dieser braucht das Individuum, das sich nach von ihm selbst an-erkannten Werten richtet:

... Ein sittlicher Wert dagegen ist der Gemeinsinn, die bürgerliche und staatliche Gesinnung, die solche Früchte zeitigt. Diese Gesinnung aber ist die der Individuen, das Gemeinwesen als solches hegt keine Gesinnungen.

Dennoch versucht das Gemeinwesen alles, seine Mitglieder auf ein bestimmtes Verhalten festzulegen. Je nach Ausprägung der Gesellschafts- und/oder Staatsform zeigt es dabei mehr oder weniger Toleranz (wobei allerdings seltsam ist, dass in den letzten Jahren gerade die Gesellschaft die sich frei nennt, immer mehr auf Härte und Bestrafung von Abweichlern setzt) - obwohl es klar ist, dass diese die Ziele des Staates, der Mehrheit, nur mittragen können, solange ihre eigenen Werte darin noch Raum finden:

Ja, die Alleinherrschaft des Allheitswertes geht noch weiter. Die Gemeinschaft duldet nur Individuen, die ihren (der Gemeinschaft) Zwecke in ihrem Verhalten entsprechen; sie stösst die unbrauchbaren aus, stempelt sie zu Verbrechern, vernichtet sie durch ihre auf das Allheitsleben orientierte Jurisdiktion oder macht sie unschädlich. Ihr Hoheitsrecht tritt dem Individuum als Zwang, als Einschränkung der Handlungsfreiheit, gegenüber, das Individuum aber fügt sich diesem Zwang; ja es kommt dem Zwang zuvor, es ersetzt ihn durch freiwillige Unterwerfung unter die "höheren Ziele des Ganzen. Es erkennt damit zugleich die Unterordnung seines Wertes unter den der Gemeinschaft an. [S. 325-6]

Dieser bis ins Vorgeschichtlich-Patriarchalische zurückreichende Stammes-, Volks- und Sozialethik tritt das erwachende Selbstbewusstsein des Individuums entgegen mit der einfachen Erwägung: wie kann ich mich für Ziele einsetzen, die nicht die meinigen sind? Sie müssen wenigstens zugleich auch meine Ziele sein. Zwecke setzen und verfolgen kann nur das Individuum; aber es kann das nur, wenn es an ihnen interessiert ist, einen Wert für sich in ihnen sieht. Die Gemeinschaft muss also die Zwecke des Individuums respektieren, muss so geartet sein, dass sie das einleuchtende Mittel für diesen Zweck ist. Der Einzelmensch muss sich in ihr bejaht sehen, sonst kann er nicht umhin seinerseits sie zu verneinen. [S. 326] äusserst akute Situation in der Jugendarbeitslosigkeit, generell dem Ausschluss aus dem Erwerbsleben gewisser Bevölkerungsteile.

Dem <einen> Gesetz, der <einen> Moral, der <allgemein verbindlichen und gültigen> Ethik, also der Effizienz der Monokultur, steht aber auch im geistigen Bereich die Diverstität mit all ihren Vorteilen gegenüber:

Für die antimoralischen (oder auch nur aussermoralischen) Triebfedern machte man dann das "Naturwesen" im Menschen, oder gar einen ihm angeborenen 'Hang zum Bösen' verantwortlich. Die Antike erblickte ihren Grund vorwiegend in den "Affekten", christliche Ethik vorwiegen in einer Art passiven Widerstandes, der "Schwäche des Fleisches". In allen diesen Ansichten ist etwas richtig Gesehenes. Es gibt den Konflikt zwischen Naturtrieb und Wertbewusstsein. Und er macht tatsächlich einen Teil der konkreten sittlichen Probleme aus. Aber er erschöpft sie nicht.

Es gibt daeben - oder darüber hinaus - noch einen Konflikt anderer Art, den Konflikt der Werte untereinander.

 

2.1 Diversität der Gesellschaft

Die Allheit hat selbst ein Interesse nicht nur am Individuum als ihrem Gliede, sondern auch an der Höhe der Individualisierung. Je mannigfaltiger und reichhaltiger differenziert die Einzelpersonen, um so reicher und werterfüllter das Ganze der Gemeinschaft.

Eine prinzipielle, allgemeine Lösung nun kommt hier nicht in Frage, weil die Einheit der Werte nicht erschaubar ist. Das konkrete Leben aber heischt nichtsdestoweniger ständige Lösungen von Augenblick zu Augenblick. Jede neue Situation stellte den Menschen vor neue Entscheidung, und nie kann er sich dieser Notwendigkeit entziehen. Die Aufgabe aber ist eben deswegen eine unbegrenzbare, weil unendlich aus der qualitativen Unendlichkeit der Situationsmannigfaltigkeit heraus neue. Und eben das ist wiederum wertvoll für die Gesamtentfaltung des moralischen Lebens. Denn die Grösse der Spannung im durchgehenden Wertkonflikt macht das stärkste innere Stimulans menschlichen Schaffens, menschlicher Verantwortungsfähigkeit aus. [S. 331]

Ungeachtet ihrer Antithetik fordern sie einander als Ergänzung. Die Idee der Menschheit selbst kann die völkische Individualität so wenig entbehren wie der Staat die persönliche Individualität. Die Mannigfaltigkeit und selbständige Wertdifferenz ists für die Entfaltung des Menschentums und seines Ethos nicht weniger wesentlich als die überragende Einheitsperspektive. [S 334]

Ein Volk kann seine innere Bestimmung, seine spezifischen Werte, seinen Weltberuf auch verfehlen. Es kann fremden Idealen nachhängen, kann sich durch übermächtige Einflüsse aus seiner Eigenrichtung bringen, sich geistig vergewaltigen lassen.

Tja ... da begründet also einer vor einem halben Jahrhundert ein Gebot der Vielfalt, das heute im Rahmen der Globalisierung wie des "Kampfes der Kulturen" grossräumig ausgehoben wird. Präzise Harmanns hier rot eingefärbte Aussage ist der Hauptgrund, warum es überhaupt Terroristen islamischer Provenienz gibt. Es ist die Abwehr der grossen Einheitskultur amerikanischen Ursprungs, der grossen, weltumspannenden Konsumkultur. Es ist die verzweifelte und fast aussichtslose Gegenwehr gegen globale Herrschaft der Konzerne wie der kapitalistischen Ideologie, die alle Werte durch Preise ersetzen will.

 

3. Freiheit - der freie Wille - und seine Bestimmungstücke:

Der freie Wille des Menschen war für die alten Philosophen vermutlich darum kein Problem, da sie eh unterschieden zwischen Menschen, die der Freiheit fähig waren, weil sie Geld, Macht und Geist hatten - und unfreien, ja sogar Sklaven. DER Mensch der frei sei, war also nur ein Teil der Menschheit.

Die ältere Ethik hat es sich mit der Willensfreiheit erstaunlich leicht gemacht. Die antiken Denker lassen sie mit einer Selbstverständlichkeit als ausgemacht gelten, die deutlich zeigt, wie wenig sie die metaphysischen Schwierigkeiten kennen, üer die sie sich damit hinwegsetzen. Sie fühlen mit Recht, dass es ohne die Freiheit  nicht geht, dass der Sinn von moralischen Qualitäten, Tugend, Billigung, Missbilligung gebieterische die Freiheit involviert; und sie tragen diesem geschauten Sachverhalt Rechnung, indem sie eben einfach den Menschen als frei gelten lassen. [S. 630]

 

Gott - die abgehalfterte causa prima:

Genauer besehen ist nun dieser teleologische Gottesbegriff in allem das getreue Abbild des Menschen, nur ins Absolute gesteigert. Zumal Vorsehung und Vorbestimmung sind als gesteigerte, undendliche, vollkommene gefasst. Gott als Vehikel der Weltzwecke ist in allem die Projektion des menschlich-personalen Wesens ins Uebermenschliche und Kosmische hinaus. [S. 203]

In einer durchgehend teleologisch determinierten Welt ist ein sittliches Wesen ein Dinge der Unmöglichkeit. Die konsequente Welttheleologie hebt die Ethik schlechterdings auf. Sie ist Prädestinationstheorie - einerlei ob theistisch, pantheistisch oder atheistisch -, sie lässt dem Menschen als Standpunkt einzig den Fatalismus übrig. [S. 204]

 

Bereits mit Spinoza wurde dann auch Gott zum Abstraktum, quasi zum Naturgesetz. Erst damit wurde die Freiheit des Menschen langsam Realität - und damit zum Problem:

Der personale Charakter Gottes ist gefallen; Gott und Natur - letztere im eminenten Sinne der natura naturans - sind nicht mehr zu unterscheiden. Keine Finalabsichten der Gottheit lähmen mehr das endliche Geschöpf. Es steht nur noch der blinden Kausalität einer Welt gegenüber, deren durchgehende Determiniertheit sich durch sein Innenwesen, sein Bewusstsein und seinen Willen hindurch erstreckt. Dieser zugleich kosmologische und psychologische Determinismus ist es, der schliesslich das ethische Freiheitsproblem spruchreif macht.

Kant wie Spinoza ergründeten bereits die menschliche Psyche, in der Hoffnung, daraus Motive und Verhalten quasi berechnen zu können. Wie sich zeigte, ein Irrtum:

Wer sich von der Psychologie als einer Wissenschaft von den Gesetzlichkeiten seelischer Zusammenhänge, Abläufe oder Vorgänge eine Lösung des Freiheitsproblems im positiven Sinne verspricht, der sieht sich hier grundsätzlich getäuscht.  ... Man braucht sich nur der Lehre Spinozas von der "mathematischen Folge" der modi im Attribut der cogitatio zu erinnern, oder des Kantischen Wortes, das eine menschliche Handlung so gut wie eine Mondfinsternis vorausberechenbar wäre, wenn wir alle seelischen Faktoren, die sie bestimmen, voraussehen könnten.

Dass diese Aussage per se nicht stimmt, liegt nicht nur daran, dass wir a) nie alle Faktoren kennen können, b) die Willkür uns immer einen Strich durch die Be-Rechnung machen kann, sondern vor allem c): Der Nicht-Determinierbarkeit komplexer Prozesse, wozu der Bereich Interesse-Motivation-Entscheidung.Handlung ganz sicher gehört.

Dennoch: Es gibt keine Freiheit des Willens vom Ablauf des inneren Geschehens. Womit Hartmann die Erkenntnisse der Hirnforschung lange vorwegnimmt. Aber:

Es soll sie auch gar nicht geben. Es liegt zugleich mit der äusseren Situation auch allemal eine ebenso bestimmte innere Situation vor. Und von ihr kann der Mensch noch viel weniger loskommen als von jener. Er trägt mit ihr die ganze Sphäre der Unfreiheit in sich. Und er trägt sie in seine Entschlüsse, seine Stellungnahme, sein inneres seelisches Verhalten it hinein. Dieses ist immer schon mit bestimmt durch sie.

Dem tut es durchaus keinen Abbruch, dass der Mensch die innere Situation in ihren Elementen nicht durchschaut, dass er sich über die Konstellation der Motive in seinem Entschluss nichts weniger als klar ist. Die Unklarheit kann ihm den Schein der "inneren Freiheit" vortäuschen - denn wo er seine Bestimmungsgründe nicht kennt und selbst ihr Vorhandensein nicht ahnt, da muss er sich freilich für unabhängig halten -, aber solcher Schein der Freiheit ändert nichts an der tatsächlichen psychisch-realen Unfreiheit. ...

Die Handlung des Menschen wird also durch zwei Dinge bestimmt: Die Situation (äusserlich gegebene Fakten) - und Disposition (innere Einstellung, Antriebe (Motive) Werte, Absichten (Intentionen):

 

3.1 Motivation als causa finalis

Psychologie portierte Motivation als quasi psychische Kausalität, eine Kausalität des wozu eher als des warum, eine final orientierte Kausalität - und damit das eigentliche Gebiet der Ethik:

Man hat dieses auf eine einheitliche Formel zu bringen gesucht - im Gesetz der "Motivation", welches besagt, dass alles in unseren Entschlüssen bis ins Kleinste "motiviert" ist, seine Bestimmungsgründe hat. Wo der Mensch z.B. vor gegebener Alternative - gleichsam am Scheideweg - steht, da ist auch bei scheinbarem Gleichgewicht doch etwas vorhanden, was schliesslich den Ausschlag gibt. Das Ausschlaggebende aber ist ebensosehr "Motiv" wie die Seiten der Alternativen, mag es nun in natürlicher Neigung, Wertgefühl oder sonst etwas liegen. Das Wort "Motiv" freilich besagt wenig und ist weit entfernt eine Lösung der verwickelten psychologischen Fragen zu bedeuten, die man mit ihm lösen wollte. Sieht man aber von der Unklarheit des Terminus ab, so ähnelt das Gesetz der inneren Determination, das man mit ihm lose umreisst, auffallend dem Kausalgesetz. "Motivation" ist eine Art "psychischer Kausalität" und  offenbar an der Analogie der phyischen Kausalität gewonnen. Das ist die Schwäche des Motivationsbegriffs.

Einflüsse auf den Willen gehören zur Entscheidung, denn ohne Einflüsse, gerade auch sich widerstrebende Einflüsse, wäre ja eine willentliche, also will-kürliche (Kür des Willens = Wahl des Willens) Entscheidung gar nicht nötig:

... Könnte der Mensch jemals einer Alternative gegenüber in völliger Unbestimmtheit, also im Status eines idealen liberum arbitrium indifferentiae dastehen, so hätte er in diesem Zustande jedenfalls keinen freien Willen. Er hätte vielmehr gar keinen Willen. Sobald aber der Wille in ihm einsetzte, könnte er wiederum nur als bestimmter, nach der einen oder anderen Seite der Alternative ausschlagender Wille einsetzen, also jedenfalls nicht als indifferenter.  Im Sinne der sognannten "Motivation" wäre er alsdann doch wieder unfrei, es gäbe ein Motiv des Ausschlages für ihn. Allgemein gesprochen: denkt man den Willen von einem "Einfluss" befreit, so verfällt er sofort anderen Einflüssen; denkt man aber alle "Einflüsse" beseitigt, so hat man auch die Bestimmtheit des Willens, also in Wirklichkeit auch den Willen selbst beseitigt.

Dies gilt nicht nur für äussere Einflüsse, also ein Eingehen auf die Situation, sondern auch für innere, die sich meist als "Gefühle" ausdrücken. Die Freiheit des Menschen ist so allerdings nicht reiner Genuss, sondern oft Pflicht, harte Pflicht der Wahl, der richtigen Wahl, der Wahl des Guten:

Es ist hiernach mit der inneren Situation genau ebenso bestellt wie mit der äusseren. Es hat weder Sinn zu sagen, der Mensch könne von ihr unabhängig "wollen", noch auch er solle von ihr unabhängig "wollen". Sinnvoll ist in jeder Beziehung nur ein Wollen in ihr und bestimmt durch sie. Jede Ausschaltung der Situation, der inneren wie der äusseren, verkennt deren positiven Sinn, ihre notwendig materiale Zugehörigkei zur Willensbestimmtheit. Der mensch soll gar nicht unabhängig von ihr sein, er soll ihr Rechnung tragen. Aber damit sit nicht gesagt, dass er restlos ihr Sklave sein solle. Er soll viemlehr die innere Situation beherrschen, ebenso wie die äussere, soll in ihr schöpferisch sein. Seine Freiheit also kann nur darin bestehen, dass er neben ihr noch andere Determinanten in sich selbst hat, die er von sich aus in die innere Situation hineinträgt, gleichsam in die Wagschale der Alternative wirft, vor die er sich innerlich wie äusserlich gestellt sieht.

Weil aber auch das Gute je nach Perspektive anders aussehen kann, darf es nicht befohlen werden, sondern muss autonom aus dem in der Persönlichkeit angelegten Wertesystem herauswachsen können:

Damit aber wird es immer deutlicher, dass der Begriff der Feiheit - d.h. der einzig haltbare und ethisch sinnvolle - sich wesenhaft verschiebt. Freiheit kann nicht in negativer Indifferenz bestehen, sondern nur in einer eigenartigen positiven Bestimmtheit, in einer dem Willen selbst eigentümlichen Determination, einer Autonomie des Willens. [S. 643-45]

3.1.1 Kausaldeterminismus und Finaldeterminismus

Wären Werte eine Sache, die sich per Gesetz fordern und der Gesellschaft eintrichtern liessen, geht die Vielfalt verloren, es herrscht Monokultur, was bei Werten eben so verderblich ist wie in der Forst- und Landwirtschaft. Zudem konnte bis anhin nie die Frage beantwortet werden, ausser durch den Einsatz von Ueber-Macht, warum die Werte der einen mehr gelten sollen als die Werte der anderen Menschen:

Der Kausaldeterminismus wie der Finaldeterminismus begehen, wo sie absolut genommen, d.h. monistisch auf das Ganze des Weltgefüges bezogen werden, ein und denselben Fehler, nur in umgekehrter Richtung. Beide machen die Welt uniform, geben ihr den relationalen Einheitstypus, der die Freiheit ausschliesst. Der universale Kausaldeterminismus macht den Menschen zum blossen Naturwesen, setzt ihn herab; der universale Finaldeterminismus macht die Natur zweckgerichtet gleich dem Menschen, hebt sie zu ihm empor. Beide Theorien bringen alles auf einen Nenner. Sie vernichten damit die Sonderstellung des sittlichen Wesens in der Welt. Und damit wiederum vernichten sie seine Freiheit; mit ihr zugleich aber auch die Sittlichkeit selbst. Der positive Sinn eines freien Wesens in einer determinierten Welt kann eben in nichts anderem als in seiner Vorzugsstellung bestehen, in jenem heterogenen Plus an Determination , das es vor den übrigen realen Wesen voraus hat.

Der Fehler liegt also beidemal nicht in der Determiniertheit selbst, sondern im Monismus der Determination. [S. 666]

Der Causalnexus, also das Re-Agieren auf Sachzwänge, ist der niedrigere, Der Finalnexus, also das Streben nach Zielen, wie insbesondere den Werten, der höhere Determinationstypus für den Menschen. Diese Erkenntnis war die Ausgangslage für den Forschungsansatz im Jemen: Wie kann Waldbewirtschaftung sinnvoll gemacht werden, obwohl sie nicht rentiert. El khabat ma fish faide. Wald macht keinen Sinn, als Grundproblem - ein Problem, unter dem heute, im weiteren Sinne, immer breitere Gesellschaftskreise leiden, denn inzwischen rentiert sich nicht bloss Wald des öftern nicht, sondern sogar die höchste aller Oekonomien, das Investmentbanking. Grundfrage jeglicher Entwicklung (Entwicklungshilfe/Entwicklungszusammenarbeit) und ihrer Motivation ist für mich der SINN - als Summe der Werthaltungen. Denn schon immer waren Menschen bereit, sich zu opfern für ihre Ideale - schon immer aber versuchten sie alles, die Naturgesetze (grösseres und/oder schnelleres Tier frisst kleineres oder langsameres) zu überwinden, mit mehr Erfolg als sie zu bewältigen vermögen.

Den Monismus der Determination erleben wir heute krass, und durch Globalisierung weltweit: Nur noch Oekonomische Gesetze bestimmen über mögliche Finalitäten. Krieg der Kulturen ist Atavismus pur, allerdings nicht bloss der einen, sondern aller Beteiligten. Diese monistische Ausrichtung wurde begünstigt durch das Fehlen erkennbarer sinnvoller und humaner Ordnung in den Kausalgesetzen:

In dieser teleologischen Zufälligkeit des kausal Notwendigen besteht die kategoriale Freiheit der finalen Determination inmitten einer durchgehend kausal determinierten Welt. Man kann das auch so ausdrücken: eine durchgehend kausal determinierte Welt ist an sich noch teleologisch undeterminiert; ein bloss kausaler Determinismus also, solange er nicht monistisch absolut gemacht und widersinnigerweise auf gänzlich unkausale Verhältnisse ausgedehnt wird, ist zugleich teleologischer Indeterminismus. Hier kommt also der Indeterminismus wieder zu einem bedingten Recht. Sein legitimer Sinn ist einfach der Spielraum der höheren Determination über einer gegebenen niederern. Und das heisst, dass die Welt unter bloss kausal geformten Naturgesetzen der Zwecksetzung und Zwecktätigkeit eines der Teleologie (Vorsehung und Vorbestimmung) fähigen Wesens offen steht.

Hier zeigt sich die Freiheit des Menschen als ontologische Funktion seiner einzigartigen Stellung im Schichtungsverhältnis der beiden Determinationstypen. Es ist eine Doppelstellung; er steht unter zwiefacher Determination.

Als Naturwesen ist er bis in seine Neigungen und Abneigungen hinein kausal determiniert, ein Spielball der gewaltig überlegenen,über ihn hinweg und durch ihn hindurch wirkenden ewigen Naturmächte.

Als "Person" aber ist er Träger einer anderen Determination, die aus dem idealen Reich der Werte herstammt. In seinem Wertgefühl findet er sich durch die Sollensforderung der Werte mit bestimmt. Und diese Bestimmtheit ist es, die sich in seiner Zwecktätigkei auswirkt.

Er kann nur zu Zwecken machen, was er als Wert empfindet. Indem er es aber zu seinen Zwecken macht, setzt er es in Realität um. So schafft er positiv, was kausale Notwendigkeit nie schaffen könnte, eine Welt ethischer Wirklichkeit inmitten der Naturwirklichkeit. [S.671]

 

3.1.2 Die freie Gestaltung der causa finalis - und die Bedeutung des freien Willens für die Realisierung der Werthaltung

Nicht erst die moderne Hirnforschung, sondern bereits Altertum und Neuzeit fragten danach, ob und wie weit der Wille frei sein könne, da er doch so unendlich viele Bestimmungsfaktoren hat (oder ganz dominante, wie Gottes Wille, dem unbedingt Gehorsam zu leisten war), welche die Vernunft festlegen.

Der freie Wille ist nicht unbestimmter Wille, sondern gerade ein bestimmter und bestimmt wählender. Nun ist aber im positiv bestimmten Willen die Entscheidung immer schon gefällt. Dass er die Wahl nachträglich noch frei vollziehe, ist offenbar eine verkehrte Vorstellung, die subjektiv leicht erklärlich ist - aus der eigenen Unkenntnis der determinierenden Faktoren. [S. 646]

Hartmanns Lösung dieses Problems ist eben so zutreffend wie genial, sie beruht auf der Erkenntnis, dass Entscheidungsgrundlagen eben vielfältig sind - und gerade dadurch vermutlich kaum je vollständig. Durch die richtige Auswahl, oder die richtige Ergänzung der Auswahl, also kritischen Kontstruktivismus, lässt sich dennoch Freiheit wahrnehmen. Auch Kant geht von der Voraussetzung aus, dass die Gesamtheit der Weltprozesse durchgehend kausal determiniert ist (kein Zufall, sondern Wirken der höchsten Vernunft, also Gottes). Allerdings stellt er dem Naturwesen Mensch, dass durch die Natur bestimmt wird, das Vernunftwesen gegenüber, das über geistige Freiheit verfügt, sich weder kirchlichen, noch metaphysischen oder als Wissenschaft verbrämten Dogmen unterwerfen soll, ohne diese kritisch zu beleuchten:

Legt man einen idealen Querschnitt durch das Bündel von Kausalfäden, so ergeben die Bestimmungstücke, die in dieserSchnittfläche liegen, zwar allemal eine totale Determination aller nachfolgenden Stadien des Prozesses und bilden in diesem Sinne freilich selbst eine Totalität. Aber diese Totalität ist niemals eine absolut geschlossene, sie widersetzt sich nicht dem Hinzukommen neuer Bestimmungstücke - wenn es solche gibt ; und er Prozess wird ruch solches Hinzukomen nicht unerbrochen, sondern nur abgelenkt. Das eben ist das Eigentümliche des Kausalnexus, dass er sich zwar nicht aufheben oder abbrechen, wohl aber ablenken lässt. Der weitere Verlauf des Prozesses ist dann ein anderer, als er ohne die neue Determinante gewesen wäre; aber von den ursprünglichen Kausalmomenten in ihm ist deswegen keines verkürzt, sie wirken sich im abgelenkten Prozess alle ebenso hemmungslos aus, wie sie es im nicht abgelenkten getan hätten.

Es handelt sich um eine recht präzise Schilderung der therapeutischen Lenkung komplexer Prozesse! Es zeigt sich hier auch das Problem geschlossener Denksysteme (Fundamentalismen), die Argumente, also neue Bestimmungstücke, die aus andern Denkweisen (Disziplinen bei den Wissenschaften) stammen, rundweg ablehnen. Deshalb dürfen beschränkte Denksysteme, seien es persönliche Meinungen, Parteimeinungen, Erkenntnisse wissenschaftlicher Disziplinarität nie als alleinige Autorität zugelassen werden.

Man kann das auch so ausdrücken. Der menschliche Wille ist eine Erscheinung unter Erscheinungen , hat dieselbe "empirische Realität" wie Naturprozesse. Also unterliegt er der vollständigen Determination durch sämtliche Kausalreihen, die sich in ihm schneiden. Aber mit ihnen ist die Möglickeit seiner Bestimmtheit überhaupt noch nicht erschöpft. Er kann auch darüber hinaus bestimmt sein, wenn nämlich es Determinationen anderer Art gibt. Gesetzt nun, es gäbe sie, so ist seine totale Determination eine doppelte, komplexe, in sich qualitativ heterogene: nämlich eine Synthese kausaler und unkausaler Determinanten. Die ersteren kommen aus de Unendlichkeit des kausalen Weltnexus her; die letzteren aber setzen erst im Willen ein und treten damit est in den Weltnexus ein, in dem sie fortan weiter wirken. In ihnen liegt also genau das, was die Thesis der Autonomie behauptet: "eine absolute Spontaneität der Ursachen, eine Reihe von Erscheinungen, die nach Naturgesetzen läuft, von selbst anzufangen. In den ersteren dagegen kommt die Antithesis zu ihrem Recht. {S. 450]

Denn der Menschenwille ist immer schon kausal mannigfaltig determiniert. Die positive Freiheit aber besteht darin, dass er über diese Determiniertheit hinaus noch ein Plus an Determination erfährt, welches in den Kausalmomenten nicht enthalten ist, eine Determination durch das Sittengesetz.

Das wahre Verdienst Kants besteht darin, gezeigt zu haben, dass der wahre Sinn der ethischen Freiheit nicht der einer negativen Wahlfreiheit ist, sondern positive Freiheit unter einer Gesetzlichkeit sui generis, die der Kausalität autonom gegenübertritt und sich dennoch ihrem die reale Welt beherrschenden Gefüge einfügt, ohne es dabei zu zerreissen. [S. 655]

Zur Freiheit des Denkens und des Willens muss allerdings auch, s. Nietzsche, der freie Wille aktiv werden, soll das Gute geschaffen und nicht bloss geträumt oder beredet werden. Hier geht die praktische Philosophie, wenn auch als spekulative aber dennoch kritische Philosophie, nun eben doch weit über Wittgenstein und die (theoretische) analytische Philosophie hinaus und lässt sich nicht durch jene ersetzen.

Diese Teleologie teilt das reale Verhalten des Menschen keineswegs mit den idealen Werten. Werte zeigen wohl die Tendenz zu teleologischer Determination, aber sie determinieren von sich aus nicht wirklich; sie fordern wohl gewisse Zielrichtung des Willens, aber sie haben nicht die Macht, sie durchzusetzen. Der Wille dgegen - wenn man von den Grenzen äusserer Ausführbarkeit absieht - hat wohl die Macht, sich für bestimmte Ziele einzusetzen. Er also ist gerade derjenigen Teleologie mächtig, deren die Werte nicht mächtig sind. [S. 792]

Die neue Problemlage betr. des Wesens der Willensfreiheit:
  1. Die Kausalantonomie (zwischen Sollen und Wollen) zeigte, es muss positive Freiheit sein, nicht Unbestimmtheit, Determination eigener Art.
  2. Das Determinierende darf nicht ausserhalb des Subjekts (und damit der Person) liegen, also auch nicht in den Werten oder sonst welchen autonomen Prinzipien.
  3. Das Determinierende darf auch nicht unbegrenzt tief in das Subjekt hinein verlegt werden, sondern gerade nur in die bewusste Schicht; sonst ist es keine sittliche Freiheit (der Fichtesche Fehler). Die Freiheit darf also weder diesseits noch jenseits des Bewustseins  liegen, sondern einzig in ihm selbst.

    Hiergegen verstösst vor allem die Wirkung des Geldes, auch in seiner eher abstrakten Form als Kapital, Beteiligung, Aktie etc, die direkt auf die Ganglien des Gehirns wirkt. Alle Kräfte die hier ausgelöst werden, sind nach ihrem Sinn und ihrer Wirkung, also ethisch, zu hinterfragen.

  4. Das Determinierende darf aber auch nicht in einem überindividuellen Bewusstsein, also etwa in der "praktischen Vernunft" angenommen werden (der Kantische Fehler), sonst ist es keine Freiheit der Person. Es gilt also das Kantische Motiv der Bewusstseinsfreiheit mit dem Leibnitzschen der individuellen Selbstdetermination zu vereinen. Es muss eine Freiheit des individuellen bewussten Willens sein.
  5. Es muss Freiheit in doppeltem Sinne sein: nicht nur Freiheit gegenüber der Naturgesetzlichkeit (dem Kausalnexus und den sonstigen ontologischen Determinationen), sondern zugleich auch Freiheit gegenüber den sittlichen Prinzipien und ihrer Sollensforderung - sei es nun ein Imperativ oder den Werten gegenüber (die Sollensantinomie).

    Der Wille muss gerade denjenigen Prinzipien gegenüber Spielraum haben, von denen er als sittlicher Wille sich bestimmen lassen soll. [S. 706]

Autoritarismus, Gesetz und Polizei schaffen keine bessere Gesellschaft. Jede/r muss sich selbst seine moralische Orientierung schaffen. Der Mensch, frei geboren, kann und soll nicht darauf dressiert werden - er soll Sinn und Zweck ethischer Orientierung verstehen und sich eine entsprechende schaffen. Das Anhängen an bestehende Normen ist eine Notlösung für Unmündige. [s. Stufen der moralischen Entwicklung bei Kohlberg].

Die Entwertung des Individuellen ist eine heillose Wertverirrung des Menschen. In Wahrheit liet es ja umgekehrt: das Individuelle ist keine Erniedrigung, kein Abstieg, kein Kompromiss, sondern gerade eine Erhöhung, ein Aufstieg, eine Steigerung zur höheren Form, auch gerade zum höheren und strukturell überlegenen Wert. [S. 755]

 

3.2. Werte / Axiologie - als System

Während dem sich die Ontologie (und damit die Wissenschaften) mit dem Sein befasst, ist das Sein sollen Sache der Ethik. Hartmanns Aussage gilt so immerwährend, da jeder Fortschritt, jede Lösung eines Problems, zumindest ein neues verursacht:

Die reale Welt nun ist an sich weder wertwidrig noch wertvoll.
Sie ist weder ganz, wie sie sein soll, noch ganz, wie sie nicht sein soll.

Damit erhalten die Dinge, die den Kern von Ethik und Moral bilden, die Werte, eine zentrale Funktion im menschlichen Leben, denn der Mensch orientiert sich an ihnen, richtet seine Zukunft aus auf sie, nutzt sie alltäglich, ja stündlich bei der eigenen Beurteilung seiner Motive, Intentionen und schlussendlich Handlungen:  Die Tendenz auf schöpferische Auswirkung haben alle ethischen Werte. Wir stossen damit auf ein gewaltiges Problem das sei Max Webers Trennung der Wissenschaft von der Metaphysik und Wertschau im Werturteilsstreit ungelöst blieb: Die Wissenschaft wertet nicht. Politiker werten nach Vorgabe der Interessen ihrer Anhänger und der Partei, Priester werten nach Vorgabe der jeweiligen heiligen Schrift. Gesetze werden von Politikern erlassen, folgen also der Werthaltung, die sich im politischen Machtkampf mehrheitlich durchgesetzt hat, womit sie eben dank des Massencharakters der Weisheit der Vielen nicht immer die besten Gesetze, sondern einfach die populärsten sind. Ueberall wo Wissen gestaltet, kommen Werte in irgend einer Form ins Spiel:

Gestaltendes Wissen unterliegt aber der praktischen Philosophie (Ethik)
und sollte nicht primär durch Kausalitäten begründet werden.

Dies erinnert nun stark an den Demiurgen, den bastelnden Gott, der auch den Menschen noch Arbeit übrig lässt, die Welt zu dem zu machen, was sie sich erwünschen. So werden die höchsteigenen Werte eines jeden Menschen zu dessen Anteil am Göttlichen, zu seinem Kern.

Werte bilden den innersten Kern des Menschen, durch den der Mensch Gesetzgeber seiner selbst ist.

3.2.1 Werttafel - Spannungsfeld der Werte - Wertesystem

Obwohl die Einheitlichkeit von Wertesystemen immer wieder behauptet wird, meint jedoch jedes Volk damit seine höchst eigenen Werte und diskreditiert die anderer Völker und Kulturen als barbarisch, oder heute als "menschenrechtsverletzend" oder antidemokratisch.

Es fehlen die übergreifenden Gesichtspunkte, und alle bisherigen Versuche sie zu gewinnen haben etwas blind Suchendes, Tastendes, entbehren jeglicher Gewissheit.

Solange ganze Wergebiete, wie das der ästhetischen Werte, trotz ihrer offenkundig zentralen Stellung, so gut wie unerforscht daliegen, kann sich das auch nicht prinzipiell ändern.

Man muss die Konsequenz ziehen: das Gute ist nicht definierbar - weder einfach, per genus et differentiam, noch mittelbar. Genau genommen sind freilich alle Werte undefinierbar. [S. 374]

Es gibt schlechterdings keine Situation, in der einfach Wert gegen Unwert stünde; es steht immer Wert gegen Wert. Und das Interesse am niederern Wert ist nicht nur ethisch berechtigt - etwa weil es natürlich ist -, sondern es ist auch sittlich wesentlich für den Wertcharakter des Guten in der Entscheidung für den höheren. Je mehr die Entscheidung für den höheren Wert auf der anderen Seite preisgibt, je grösser die Ueberwindung "natürlichen" Begehrens oder Interessiertseins ist, um so plastischer tritt der Charakter des sittlich Guten in der Entscheidung selbst hervor.

Die Verleugnung tieferer Werte, z.B. sexueller Begierde, durch Verbot von Pornographie, Prostitution etc., vertreibt diese bloss ins Dunkle, führt also zu einer verlogenen Gesellschaft. Gut und Böse ist ein duales System, ein Spannungsfeld, in dem es das Eine ohne das Andere nicht gibt. (Eine Erkenntnis die etwa der Glaubensrichtung der Yessiden, der sog. Teufelsanbeter im Irak. Diese denken zwar nicht im Traume daran, den Teufel als Herrn anzubeten, aber sein Name ist ihnen genau so heilig und unaussprechbar wie der Name Gottes, da er die immer wirkende Gegenkraft darstellt (s. die teuflische Mitte).

Auch das Gute ist also Auslese der Werte selbst nach dem Prinzip der Werthöhe - innerhalb der Wertmannigfaltigkeit, die jeweilig in einem vorliegenden Fall tangiert ist; eine Auslese also, die nicht semel vitae oder gar theoretisch ein für allemal getroffen werden kann, sondern jedesmal von Grund aus neu, aus immer lebendiger Wertfülle heraus, getroffen werden muss, für die es also kein Schema und keine Entlastung durch Vorschriften oder Lebensregeln geben kann; eine Auslese nicht in den Formen kontemplativen Abwägens, sondern als intuitives, in den wertgerichteten Akten (Gesinnung, Wollen, Handeln) immer schon vollzogenes - oder negativen Falls verfehltes - Moment der Tendenz zum Höheren. [S. 386-7]

3.2.1.1 Spezielle sittliche Werte 1. Gruppe: Der elementarste Wert der ersten Reihe ist der Wert des Lebens

Bekanntlich bestimmte auch Aristoteles die Tugend als ein "Mittleres" zwischen den Extremen (s. auch den Wertekompass), die beide Schlechtigkeiten sind. Die eine der letzteren ist allemal ein Zuviel, die andere ein Zuwenig. Den Nachweis für diese These gibt einzig die inhaltliche Analyse der Werte selbst. Das bekannteste Beispiel liefert die:

In Wirklichkeit ist aller Mut zur Tat (Aktivität) zugleich Miut zum Leiden, zum Tragen von Konsequenzen, Missgeschick und Schuld. Der moralisch Feige wird immer geneigt sein, sich passiv zu verhalten, die Dinge gehen zu lassen, nicht bedenkend, dass er sich auch damit - und zwar erst recht - schuldig macht. Das sittliche Leben ist Wagnis und erfordert Mut in allen Stücken. Neben dem Mut zur Tat steht der Mut zum Wort, zur eigenen Ueberzeugung, Meinung, der Mut zur Wahrheit, zum Bekenntnis, ja schon zum Gedanken; nicht weniger der Mut zum eigenen Selbst und seinem wahren Empfinden, zur Persönlichkeit, der Mut zum grossen Gefühl, zur Liebe, zur schicksalhaften Leidenschaft (hier besonders gibt es die falsche Scham, Menschenfurcht, das feige Sichverstecken);

Aristotelische Tugenden:

Die populäre Moral ist daher oft genug in den Fehler verfallen, die "Zucht" für die Sittlichkeit überhaupt zu halten. Das ist ebenso falsch wie die einseitige Moral der Gerechtigkeit oder Tapferkeit. Eine ernstere Gefahr der Erziehung liegt aber in der rein äusserlichen Dressur, etwa der des blossen Gehorsams. Mit der Fähigkeit der Willensunterordnung allein, so wertvoll sie sein mag, ist dem ins Leben tretenden Menschen nicht gedient, wen ihr nicht die Fähigkeit selbständiger Willensleitung zur Seite steht.

Hartmann versucht im weiteren das, was bei Aristoteles bereits als duales System angelegt ist, weiter zu entwickeln - trotz, oder eben gerade mit den Schwächen (und Stärken) der Menschen:

Stolz ohne Demut ist immer auf der Kippe nach Hochmut und Eitelkeit zu, Demut ohne Stolz nach Selbsterniedrigung, Würdelosigkeit oder Heuchelei zu. Beide sind für sich labil, ohne Gegengewicht. Erst zusammen, in der Synthese, weden sie stabil, gewinnen Halt aneinander. [S. 477]

Zu dieser prinzipiellen Unbegrenztheit steht in krassestem Widerspruch die Tatsache, dass der Mensch im allgemeinen geneigt ist, sich auf das Nächstliegende, Aktuellste, dicht Bevorstehende zu beschränken. Der denkt über die nächsten Tage nicht hinaus.

Dazu kommt die natürliche Tendenz zum trägen Sichtreibenlassen.

Er setzt dabei nicht alleine auf Verantwortung wie Jonas zur Rettung der Natur - und damit auch des Menschen selbst, der immer Teil der Natur bleiben wird, betont aber die Bedeutung der Werte für die Gestaltung der Zukunft - und damit auch die Verantwortung des Menschen für zukünftige Entwicklungen die von seinen gegenwärtigen Handlungen abhängen:

Das Leben kann nur rückwärts verstanden werden, aber es muss vorwärts gelebt werden.

Kierkegaard

Alles ethisch aktive Leben ist ein vorausschauendes, ein Leben in der Zukunft und für die Zukunft. Das liegt im Wesen der Aktivität. Nur die Zukunft gehört dem Streben. Ueber das schon Gewordene und einmal so Seiende hat kein Wille Macht. Die hohe Gabe der Vorsehung und der Vorbestimmung (Teleologie), die dem Menschen eigen ist, hat etwas tief Verpflichtendes. Sie lädt ihm Verantwortung auf für das Künftige, soweit es in seiner Macht steht.

Kritisch ist er gegenüber Ethiken die nur auf die Zukunft setzen, seien es irdisch-materialistisch-dialektische oder Endzeitliche, die ein gutes Leben erst im Jenseits versprechen:

Zukunftsideale können - auch abgesehen von ihrer Ungewissheit - nicht das Letzte sein. Es müssen in ihnen selbst absolute Gegenwartswerte mit enthalten sein; sonst ist die im Ideal erschaute Zukunft selbst wertlos. Man kann den Sinn von sittlichen "Aufgaben" nicht wiederum in Aufgaben suchen. Irgendwo im Aufgegebenen mus ein anderer Wert stecken, ein greifbarer Erfüllungswert. Ein solcher aber ist seinem Wesen nach Gegenwartswert. ... Alles jeweilige Menschentum muss einen Teil seines Wertes auch in sich selbst tragen. Sonst wird die ethische Idealbildung unglaubwürdig. [S. 503]

Der <Auftrag> ist also als ethische Orientierung unbrauchbar und meist auch keine Entschuldigung, wenn daraus Schuld entsteht (Haftpflicht). Im Gegenteil, nur streng individuelle Persönlichkeitswerte sind Selbstgesetzgebung:

Im Sinne solcher höchster Differenzierung eigenwertiger axiologischer Richtung des Ethos - freilich auch nur in diesem Sinne - sind sie die höchsten sittlichen Werte und bilden zusammengefasst eine ganze Schicht des Wertreichs, welche die der allgemeinen Tugenden durchgehend überbaut.

In diesen die "Tugenden" überbauenden Werten ist der Einzelmensch als solcher axiologisch autonom, spontan, schöpferisch. In ihnen ist er, was er in jenen nicht ist, Gesetzgeber des sittlichen Seins im strengsten Sinne des Wortes.

Der Wert des Individuums aber ist demgegenüber leicht zu erschauen und hat immer wieder die Opposition gegen die klassische Moral der Allheit hervorgerufen. Denn Träger des vollen Menschentums ist niemals die Gemeinschaft. Sie hat nicht Personalität im vollwertigen kategorialen Sinn des Wortes. Zur Person gehört ein Subjekt, ein Bewusstsein, mit aller nur ihm eigentümlichen Akt und Inhaltsfülle. Das hat nur das Individuum.

Obwohl nun dieses einzige Wahrheit, diese ausschliesslichen Werte, die den guten Menschen definieren sollen, ganz offensichtlich nicht zu haben sind, gibt es eben so wenig Grund zum Nihilismus - oder zur Postmoderne, die eigentlich eine Form des Nihilismus ist, verkittet durch den Glauben an die Vermarktbarkeit.

Der Gedanke Hegels, dass in allen philosophischen Systemen ein Stück ewiger Wahrheit stecke, und dass es die Aufgabe der Philosophie sei, diese Bruchstücke der einen absoluten Wahrheit im idealen System des Philosophie zu vereinigen (s. Webphilosophie), muss mutatis mutandis auch für die Ethik fruchtbar werden. Auch das ideale System der Werte muss als Einheitsaufgabe möglicher oder geschichtlicher Teilsysteme vorschweben, und zwar unabhängig davon, ie nahe oder fern wir vom Ziel sein mögen. Die Ueberwindung der "Ismen" ist auch hier eine greifbare Aufgabe. [S. 393]

Einer der wichtigsten sittlichen Werte der 1. Gruppe bleibt aber, nebst Beherrschung (Augen-Mass) und Tapferkeit - die  Gerechtigkeit:

Das platonische System der Tugenden gipfelt in der Gerechtigkeit, denn da Tugend rechtes Verhalten zu seinen Mitmenschen bedeutet, ist es sinnvoll, Gerechtigkeit als Summe aller Tugenden gelten zu lassen. Andererseits kann Gerechtigkeit auch als niederster, elementarster Tugendwert aufgefasst werden, da sie niedere elementare Güter schützt: Leben- und Eigentum, Familie etc. Geht die Gerechtigkeit darin auf, so ist sie nur ein Mittelwert für jene Güterwerte. Allerdings sind diese, l'existence précède l'essence, Vorbedingung für die Entstehung höherer Güter: Alle höheren geistigen, alle eigentlichen Kulturwerte, können nur erblühen, wo Leib, Leben, Eigentum, persönliche Handlungsfreiheit usw. sichergestellt sind. Nur da ist eben Spielraum für höheres Streben.

Der erste, rohe Sinn der Gerechtigkeit ist die dem groben Egoismus des Einzelnen entgegenlaufende Tendenz. Der Egoist steht in bezug auf die Lebensgüter auf dem Standpunkt: alles für micht, einerlei was für den Anderen bleibt.

Die erste Gruppe ziehlt auf dîe Selbsterhaltung und die Selbstentwicklung, also die erste Vernantwortung des Menschen, sich und sein Leben zu erhalten. Allerdings wird hier auch klar, dass etwa im Egoismus mehr liegt als "Erhaltung", nämlich die Tendenz, sich selbst durchzusetzen, somit in die Freiheit anderer einzugreifen. Die zweite Gruppe zielt also auf den Umgang mit andern, den Mit-Menschen:

3.2.1.2 Spezielle sittliche Werte 2. Gruppe: Nächstenliebe: Egoismus und Altruismus.

Genau wie bei Gott und Teufel ist auch hier meist eine Prise vom "Bösen" nötig, um das Gute überhaupt sehen zu können:

Wer keinen Stolz hat, wird die Verletzung fremden Stolzes nicht begreifen; wer nie geliebt hat, lacht über fremde Eifersucht oder Sehnsucht. Das eigene Empfinden des "Ich ist und bleibt der Boden für das Empfinden des "Du". Do: Liebe deinen Nächsten wie dich selbst. Nicht mehr, nicht anders.

Hier widmet sich Hartmann ausgiebig dem Begriff des Eudämonismus, also dem Streben nach Glück(seeligkeit), welches selbst in der Amerikanischen Verfassung als Recht aller Bürger verankert ist. Das Resultat lässt sich allerdings kurz fassen:

Die gewöhnliche Verwürfelung von Eudämonismus und Egoismus, also die Verwechslung von Glück mit materiellem Wohlstand, von Sein mit Haben, ist ein verhängnisvoller Irrtum.

Der Eudämonismus spiegelt sich aufs deutlichste im christilichen Asketentum, Anachortetentum, Märtyrertum. Sich Schätze im Himmel sammeln ist dem Christen tatsächlich das wichtigste Anliegen im Leben und keineswegs nur ein Gleichnis. Selbst die Paulinische Rechtfertigung durch den Glauben, die aller Werkheiligkeit und eigenem Verdienst des MEnschen entgegentritt, ändert hieran nichts. Ob Gnade oder Verdienst, das Ersehnte bleibt Jenseitsherrlichkeit.

Neuzeit: Der Mensch macht sich zum Sklaven der Nützlichkeit, aber er weiss gar nicht mehr, wem zunutze nun alles geschieht. Er hat die Fühlung verloren mit dem Wert, de dahinterstand und allem einen Sinn gab.  ... Es herrscht die Praxis der Mittel, wo immer im Leben es sich um um Erreichung von Zwecken handelt.

Spezielle Sittliche Werte (3. Gruppe)

Thomas Nagel: Innen- und Aussenperspektive

Gegensatzverhältnis und Wertsynthese

Solidarität: Die Solidarität, die im unbedenlichen Einstehen des Einzelnen für das Ganze besteht, ist ein echter Tugendwert. Denn er sit ein Gesinnungswert de einzelnen Personen, wie sehr auch die Grösse seiner Schlagkraft erst in der grossen Gesamtwirkung zutage tritt.

Isoliert genommene Wertelemente haben ihren Widerhaken, sind tyrannisch. Zu ihrer wahren Sinnerfüllung gehört immer noch ein inhaltliches Gegengewicht.

3.3. Weisheit = Wertschau

Der ethisches Mensch ist der Wertsichtige, der sapiens im ersten Wortsinn: der "Schmeckende" - also der Weise. Er ist es, der das Organ hat für die Wertfülle des Lebens.

Die Instanz kann einzig Philosophie sein. Jede andere wäre wieder angemasste Autorität. Philosophie ist ihrem Wesen nach die aus Einsichten und Gründen ermessende Instanz.

Weisheit (sapientia): Im lateinischen Ausdruck klingt sapere, das Schmecken durch. Die Sapientia ist der ethische Geschmack, und zwar der feine, differenzierte, wertunterscheidende, kultivierte Geschmack, die Kultur des moralischen Organs, sofern es, auf die Lebensfülle gerichtet, Fühlung mit allem bedeutet und bejahende, auswertende Einstellung auf alles, was wertvoll ist. Das ist grundsätzlich etwas anderes als Wissen, Einsicht, Vorsehung, Umsicht. Es ist die Durchdringung des Wertgefühls ins Leben, in alle Sachfühlung, alles Reagieren und Agieren, bis in die spontanen, alles Erleben begleitenden "Wertantworten" hinein, die Durchsetzung des ganzen eigenen ethischen Seins mit seinen Gesichtspunkten, sie wertbezogene stationäre Grundhaltung des praktischen Bewusstseins. In einem streng antiintellektualistischen Sinne könnte man es wohl die ethische Geistigkeit nennen, nämlich die das ganze Leben beherrschende Stellung des Ethos überhaupt als geistigen Grundfaktors des Menschentums.

Die Stellung des Weisen zum fremden Leben und zur fremden Person geht nicht entfernt im rechtlichen Verhalten auf. Sie ist Interesse an der Eigenart, ein Erfassenwollen gerade des Fremdartigen, ein Hingegebensein an fremde eigentümliche Werte. Der Weise hat die seltene Tugend des Verstehenwollens vor dem Verstehen, des Geltenlassens, auch wo das Verstehen versagt. Bedenkt man, wieviel menschliches Verstehen an mangelndem Verstehenwollen scheitert, und wie gross andererseits die seelische Not aller derer ist, die sich lebenslänglich vergebens sehnen von einer Seele verstanden zu werden, so ist es leicht zu ermessen, wie erlösend, befreiend, beglückend ein wahrhaft Weiser unter Unweisen ist. ... Die Leitung fremden Lebens besteht nicht in der Aufbürdung von Forderungen, sondern in der Hinlenkung auf die eigenen unverstandenen Werte der Person. Auch hier ist es ethische Divination, die den Wertblick über die Grenzen eigentlichen Verstandes hinaus erweitert. [S. 431]


3.4 Wille

Werte sehen, fühlen oder auch haben reicht aber nicht - man muss sie zur Realisation bringen. Es braucht also definitiv nebst den wirtschaftlichen Unternehme(r)n wieder mehr moralische Unternehmer und Unternehmen:

Schwacher Wille nämlich, auch wo er wohlgeleitet und in der Tendenz schaffend ist, bleibt doch sittlich minderwertig, ja verächtlich, und zwar abhängig von Wert und Unwert des Zieles. Die Regsamkeit allein macht es nicht; die Beharrung beim Ziel, die Ueberwindung des Widerstandes, ja das eigene Wachsen mit dem Widerstande ist es erst, was den Willen als blossen Willen (ohne Rücksicht auf das Ziel) wertvoll macht. [S. 350]

An allen drei Stufen (oder Schichten) des finalen Nexus haftet der Wert seiner Teleologie: an der Fähigkeit Zwecke zu setzen, Inhalte vor ihrer Realisation einem Geschehen als Zielpunkt vorzuzeichnen; an de Fähigkeit, die Mittel zu ihrer Verwirklichung zu finden und zu gebrauchen; und an der nicht geringeren Fähigkeit, durch sie den realen Prozess auf ds vorgesteckte Ziel hinzulenken.

Der Wille zur Macht - den Nietzsche mit Recht über den Willen zum Leben stellte - ist eine Triebfeder sui generis im Menschenleben, wenn auch gewiss nicht - wie Nietzsche wollte - die einzige.

Es ist eine triviale Lebensweisheit, dass grosse Machtstellung den Sinn verwirrt, das Werturteil verfälscht.

 

4. Zu einer Ethik der Systeme, also einer pluralistischen Ethik

DIE Frage, die auch und gerade nach Hartmann noch besteht: Wie kommen wir von Hartmanns System der Ethik zu einer Ethik der Systeme?

Die wichtigste Norm die hier als Grundlage gelten könnte, sind die Menschenrechte - denen allerdings noch die Menschenpflichten, also die zugehörige Verantwortungsethik fehlt.

Die immer als gegeben und eigentlich kaum ernsthaft in Frage zu stellende Einheit und Einheitlichkeit der Ethik, ihr oberster Gesichtspunkt selbst  - fehlt noch. Die Einheit kann nur Systemeinheit sein. Denn sie darf nicht ausschliessende Einheit sein. Sie muss einzig sein, ohne tyrannisch zu sein. Diese Frage ist eine typische Systemfrage.

Axiologie: Wertlehre: Hartmanns Ehik basiert auf Wertphänomenologie, dem Fühlen der Werte. Wertforschung ist Prinzipienforschung - wobei man allerdings den Ausdruck Prinzip (Anfang, Ursprung) nicht quasi theologisch oder gar fundamentalistisch auslegen darf, denn:

Die Enge des Gesichtskreises ist der Krebsschaden der Philosophie. Der Fehler aller "Ismen" - ob Rationalismus, Empirismus, Sensualismus, Materialismus, Psychologismus oder Logizismus - ist die Enge der Problemstellung. Ueberall wird die Mannigfaltigkeit der Phänomene verkannt und fälschlich über einen Leisten geschlagen. [S. 63]

Orientierung an ethischen Werten ist nicht zwingend wie die Gesetze der Natur. Sie ist blosse Forderung. Freiheit in komplexen Systemen, also speziell in multiethnischen, multikulturellen, also generell pluralistischen Systemen bedeutet also zweierlei:

  1. Das Recht, nach den Regeln des eigenen Systems zu leben
  2. Das Recht, diese Werte auch diskursiv (nicht unbedingt mit Bomben und Raketen) in andere Denksysteme (Kulturen) hineinzutragen, jene danach zu bewerten - ohne rassistisch zu werden.

DAS Problem das sich hier ergibt ist, dass klare und wirklich allgemein gültige Kriterien für gut und böse, ja bereits richtig und falsch, verloren gehen. Das ist aber im Prinzip bloss der bereits herrschende Zustand der Postmoderne.

Lösungsansätze:

Während diese bisher vor allem in einer Hiearchie der Werte, einem unumstösslichen gemeinsamen Kanon an Werten, Rechten und Pflichten gesucht wurde, wie eben den Menschenrechten, gilt es heute eine echte Systemethik zu begründen. Ansätze dazu finden sich in:

demnächst mehr dazu in diesem Theater

Martin Herzog, Basel, 18.9.08