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MacIntyre und Polanys Ansichten zur Bedeutung der Tradition für die Moral in einer relativistischen Ethik:

Möglichkeiten den unmöglichen Dialog zwischen Tradition und Pluralismus zu führen

[Daniel Vokey: Moral Discourse in a Pluralistic World. University of Notre Dame Press. Notre Dame. Indiana. 200
John Flett: Alasdair MacIntyre’s Tradition-Constituted Enquiry in Polanyian Perspective.
Mark T. Mitchell: Michael Polanyi, Alasdair MacIntyre, and the Role of Tradition. Patrick Henry College]

Moral ist, da praktisch, da oft gleichbedeutend mit Sitte, eigentlich immer von einer bestimmten Gesellschaft abhängig, also von der sozialen Umwelt wie deren historischer Entwicklung, also vom "Horizont einer Gesellschaft", ihrer Tradition und ja Kultur - wie dem der Individuen, die diese gestalten. McIntyre benutzt den Begriff Moral mehr oder weniger synonym mit ethisch und meint damit die Beschäftigung mit der Identifikation und dem Leben des besten menschlichen Lebens - sowie der Identifikation und Beseitigung von Hindernissen, die sich einem guten oder besseren Leben in den Weg stellen: Alle menschlichen Interaktionen, eingeschlossen die in Wohnungen, Schulen, Arbeitsplätzen, politischen Büros, Gerichtshöfen, und Stätten der Andacht - werden versehrt durch ungleiche und ungerechte Strukturen in der politischen Gewalt, den kulturellen Privilegien und den wirtschaftlichen Möglichkeiten. Wir haben hier wieder das Kernproblem der Moral, dass diese zwar von Individuen getragen und zwecks Verantwortlichkeit auch verlangt wird, da es Individuen sind die Denken, Urteilen und Entscheiden - die Werte diesen aber oft von der Gesellschaft oder Teilen der Gesellschaft aufgedrängt werden. Dieses Aufdrängen nennen wir Kultur, oder besser Tradition: die Uebertragung. Gerade die relativistischen Ethikkonzepte von MacIntyre und Polany, die auf ein reiches Biotop von im Widerstreit kooperierenden Traditionen setzen, lässt sich diese Spannung zwischen Assimilation durch und an die Tradition oder gegenseitige Integration gut analysieren:
Eine Perle geht an eine Auktion. Niemand hat genug, so kauft sich die Perle selbst.

Rumi

Identität ist sozial zugeschrieben. ... Weil das moralische und praktische Leben der Gesellschaft immer Veranwortung  und Verantwortlichkeit verlangt, und weil das moralische und praktische Konzept einer Gesellschaft immer Teil ist eines mehr oder weniger kohärenten Sets innerhalb dessen die Nutzung von Variabilität bei evaluativen und praktischen Entscheidungen die Anwendbarkeit des Konzepts der Verantwortung voraussetzt, gibt es keine Gesellschaft in welcher der Besitz einer öffentlich anwendbaren, dritten Person, mehr oder minder komplexen Konzepts persönlicher Identität nicht im alltäglichen Diskurs vorausgesetzt wird.  [S. 117]

Für Aristoteles war Kontemplation die erste menschliche Aktivität, und Theorie die göttlichste menschliche Aktivität, da sie die grundlegende Orientierungen des Menschen festlegt. Hier müssen wir nun tendentiell (scharf wäre besser, geht aber meist nicht so ganz) unterscheiden zwischen reinem, objektivem Wissen (Episteme) und praktischem, angewandtem Wissen (Phronesis). Die Episteme (Wissenschaft) beschäftigt sich mit universellen und unveränderlichen Fakten der Erfahrung, und so erreicht sie belegbar gewisse Generalisierungen. Phronesis dagegen führt weder zu sicheren noch zu kontext-unabhängigen Urteilen, da sie sich mit dem speziellen und variablen Kontext aktueller Praxis befasst. In jüngerer Zeit zeigen Autoren oft den Kontrast zwischen dem wertgeladenen Prozess der praktischen Ueberlegung und der technischen Rationalität, die Entscheidungsfindung in praktischen und moralischen Dingen auf wissenschaftliche Theorie reduziert. [S. 22]

Die menschliche Entscheidung wird durch Verwissenschaftlichung und Technisierung ihrer ethischen Ausrichtung beraubt. Man glaubt objektiv zu handeln, verschliesst aber bloss die Augen vor den Folgen, lässt sie sich verschliessen durch die Heiligsprechung des Entscheides zur Objektivität - durch die Wissenschaften. Das Konzept der Phronesis, der praktischen Weisheit und Besonnenheit wird dadurch untergraben, wird noch mehr untergraben werden, je praktischer die Hochschulausbildung wird (FH), je geringer damit das Verständnis für die universellen Zusammenhänge.

Phronesis und Kontext

Phronesis ist prudentia (Klugheit), d.h. die Anpassung genereller Prinzipien an die Bedürfnisse eine spezifischen Situation. In seinem kontext-empfindlichen Urteil vermittelt Phronesis zwischen dem Abstrakten und dem Konkreten, dem Universellen und dem Partikulären. Die Klugheit bedarf also primär der Orientierung an lokalen und zeitlichen Gegebenheiten wie Erfordernissen und ist weniger auf das Absolute oder Zukünftige gerichtet. Sie ist praktisches Denken, bei Aristoteles allerdings immer noch als Bestandteil der Ethik, der praktischen Philosophie, und nicht wie heute, als Dienerin der Wirtschaft. Hieraus nun schliessen nicht nur MacIntyre und Polany darauf, dass sie logischerweise stark von der lokalen Tradition bestimmt sein muss, sondern generell die Konservativen. [s. Wurzeln des philosophischen Konservativismus bei Burke].

The man pulling radishes pointed the way with a radish.

Issa

Wahrheit ist erst mal kontingent und partikulär, sie hat einen Aspekt der Relativität. MacIntyre sieht alle Wahrheitsforderungen begründet in historischen und kulturellen Gegebenheiten; die Wahrheit von Wissen wird nur erreicht durch die Teilnahme an einer Tradition. Definitionen davon, was Wahrheit sei sind traditionsspezifisch. Warheit, oder "erste Prinzipien", die eine rationale Tradition spezifizieren sind kontingenter Glaube mit ausgeliehener axiomatischer Autorität.

Lokales Leben formt eine Tradition spezieller Teleologie ... seine Fragen, Zwecke, Ziele und konzeptionellen Horizonte ... und liefert Betonungen wie Grenzen. Die rationale Tradition selbst organisiert Strukturen, und interpretiert Rohdaten so, dass sie die Gemeinschaft mit rationalen Gründen und philosophischen Lösungen versorgen kann.

Wenn wir spezifische philosophische Themen untersuchen, wie etwa Gerechtigkeit, können wir diese nicht verstehen, wenn wir sie von der Tradition isolieren. Eine Tradition ist ein umfassendes Denksystem welches spezifischen Themen Beschränkungen auferlegt und Standards liefert, auf die sich der Protagonist zur rationalen Begründung berufen kann.

Traditionen sind logischerweise etwas beharrlich - allerdings nicht starr, denn sonst wären die meisten innert kürzester Zeit tot, gestorben an den Widersprüchen zu ihrer sich dauern verändernden Umwelt. Auch Traditionen brauchen also im Innern eine gewissen Vielfalt, ja gar Kritik, um Veränderungen ausserhalb wahrnehmen zu können und sich selbst ebenfalls anzupassen. Die vulgärpopulistische Variante: Die müssen sich eben anpassen (meist auf Ausländer bezogen, die eben aus anderen Traditionen stammen) ist so generell nicht haltbar. Wir selbst würden uns weigern, so weit zu gehen, wenn wir in ein anderes Land ziehen. Wir müssen uns allerdings unserer kulturellen Voreingenommenheit (cultural bias) bewusst werden und uns für andere Wertesyteme öffnen, quasi einen hermeneutischen Zirkel beschreiten, nicht aber, alles zu vergessen woran wir glauben und was wir wissen:

Bei der Diskussion des für Kuhn, Feyerabend, Geertz, and Taylor wichtigen hermeneutischen Zirkels betont Bernstein, dass es nicht nötig ist die eigenen Annahmen zu vergessen oder zu verneinen um andere Standpunkte verstehen zu können. Im Gegenteil, vorhandene Rahmen und Perspektiven (Denkstrukturen) sind der notwendige Ausgangspunkt.

Ein falsches Bild wird erweckt, wenn wir denken, dass unsere Aufgabe sei, aus unserem eigenen sprachlichen Horizont herauszuspringen, unser Vorverständnis auszuzklammern und in eine total andere Welt einzutreten. Die Aufgabe besteht eher darin, Ressourcen innerhalb unseres eigenen Horizontes, sprachlichen Gebrauchs und Erfahrungen zu finden die uns erlauben zu verstehen, was uns da als Fremdes anspringt. [S. 41]

 

Tradition

Kein menschlicher Geist kann funktionieren ohne Autorität, Gebrauch und Tradtion zu akzeptieren: Er muss sich darauf verlassen und sei es nur für den Gebrauch der Sprache.

Wiederholt insistiert MacIntyre, dass alles rationale Fragen notwendigerweise innerhalb der Grenzen einer Tradition stattfinden muss: Es gibt keinen neutralen Standpunkt, einen Ort für Rationalität als solche, der genügend Ressourcen liefern kann für Fragestellungen ausserhalb der Tradition. Diejenigen, die das dennoch behaupten, haben entweder verdeckt eine Position einen Standpunkt einer Tradition eingenommen und betrügen sich selbst und vielleicht andere ... oder sie befinden sich einfach im Irrtum. Der Person ausserhalb aller Traditionen fehlen ausreichende Ressourcen für die Suche und zum Vornherein zu Fragen in Bezug darauf, welche Tradition rational zu bevorzugen wäre. Er oder sie haben nicht passende und relevante Mittel einer rationalen Evaluation und können so zu keiner gut fundierten Schlussfolgerung kommen, inbegriffen den Schluss, dass keine Tradition sich gegen andere Verteidigen kann. Ausserhalb aller Tradition zu stehen bedeutet ausserhalb des Fragens zu stehen; es bedeutet, in einem Zustand intellektueller und moralischer Armut zu leben.

Gestaltung der Tradition durch ihre Träger:

Nach Polanyi sind Traditionen allerdings weitaus dynamischer als man es von ihnen, gemäss ihrer Bezeichnung, eigentlich erwartet. Zuerst interpretiert jede Generation die ihnen übermittelte Tradition und ändert sie, wie dann die Eigenheiten ihrer Träger die sich ihr anpassen. Zweitens fügt jeder Träger der Tradition einen Teil seiner eigenen Interpretation zu. Die Unterwerfung unter Autorität ist also nie total und absolut fraglos. Jedes Akzeptieren von Autorität wird durch eine Reaktion auf sie oder gar gegen sie qualifiziert.

MacIntyre und Polanyi glauben, dass es möglich ist, Traditionen zu ändern. Impliziert das, dass es möglich ist, Traditionen miteinander zu vergleichen? MacIntyre argumentiert dass es möglich sei, die "rationale Ueberlegenheit" einer Tradition über eine andere zu bestimmen, und beschreibt zwei Arten dafür. Erstens ist diejenige Tradition, die fähig ist eine 'epistemologische Krise' zu überleben wo andere untergehen überlegen und eine bessere Annäherung zu der Realität, nach der alle Traditionen streben. Zweitens kann man den beschwerlichen Weg des Lernens der Sprache des Suchens einer andern Tradition als zweite Erstsprache unternehmen.  s. Ethnologie: cultural bias

Die Entwicklungsstadien einer Tradition:

Alles Fragen beginnt eingehüllt in gewisse Begebenheiten: Eine spezielle Gemeinschaft mit etabliertem Glauben und Praktiken, die überlieferten Texten und Institutionen (z.B. Barden, Königen, und Propheten) fraglos Autorität zuweisen.

Das zweite Stadium beginnt wenn diese autoritären Texte systematisch untersucht werden und dabei neue, alternative Interpretationen stimuliert werden.

Wenn die Untersuchung in neuen, entwickelten Formulieren resultiert, die in der Lage sind, vorherige Unstimmigkeiten zu bewältigen, dann hat die Gemeinschaft das dritte Stadium erreicht.

Den Anstoss zu einer Veränderung, also Entwicklung, liefert meist eine epistemologische Krise:

Nebst dieser internen Dynamik schreitet traditionskonstituierte Suche fort über zwei Wege: Epistemologische Krise, und Konflikt zwischen zwei Traditionen. Jede Tradition wird in einem gewissen Stadium realisieren, dass sie, nach eigenem Standard rationaler Begründung, aufgehört hat Fortschritte zu machen. Konventionelle intellektuelle Ressourcen liefern nicht länger rationale Lösungen für ihre Probleme; vertraute Methoden der Suche (erweiterter Begriff der Forschung, die in ihrer heutigen Bedeutung ein viel zu enger Begriff wäre.) sind steril geworden (sic) und ihr Anspruch auf Wahrheit kann nicht aufrecht erhalten werden. Diese "Auflösung historisch fundierter Sicherheit" zeigt auf, dass die Tradition in ein Stadium "epistemologischer Krise" eingetreten ist.

Authentische Innovation wird durch drei Anforderungen definiert. Erstens, der neue konzeptionelle Rahmen muss systematisch diejenigen Probleme lösen, die vorher nicht zu bewältigen waren. Zweitens muss er die Gründe der Sterilität aufzeigen. Drittens muss er in Kontinuität mit den definitorischen Glauben und vorhergehenden Traditionen stehen.

Da Wissen Können ist  - braucht es meist einen Lehrer:

Die Teilnahme an einer rationalen Tradition bedeutet auch das Erlernen einer Kunst (was von Können kommt), was MacIntyre dazu brachte, sein Schema "kunst- oder können-basierte Befragung [enquiry]" zu nennen: Die Lehre installiert eine "vollendete" Kapazität; sie identifiziert Defekte und Beschränkungen, und erweckt im Lehrling die Tugenden die nötig sind um zu gesunden theoretischen wie praktischen Schlüssen zu kommen. Als Mitbewohner entwickelt der Wissend eine kohärentes gerichtetes Bewusstsein eines Ganzen, oder einer Gestalt.

Hier das Prinzip der partizipativen Beobachtung. Beobachtung und Zuhören, ja sogar das Lernen mit einem Meister, reicht allerdings kaum aus, eine andere Kultur wirklich so zu verstehen, dass man in sie eintreten kann, in ihr wohnen kann. Dazu braucht es auch eine Aenderung der Werte, des Glaubens:

So braucht der Wechsel von einer Tradition zur anderen nach Polany einen Schritt des Glaubens, aber dieser Schritt wird begleitet von einem Akt des Urteilens ist bedeutet so nicht einen Sprung ins Dunkle. Dies ist der Fall weil MacIntyre und Polyani daran festhalten, dass alles Wissen auch Können bedeutet, und weil jedes Können nur erlernt werden kann, wenn man sich der Autorität eines Meisters anvertraut, schliesst dies einen Schritt des Glaubens mit ein, wenn man sich der Lehrautorität eines andern fügt der zu einer anderen Tradition gehört. Nur durch den Prozess der Lehre kann man lernen in einer neuen Tradition zu hausen.

Polanys Perspektive unterscheidet sich etwas von MacIntyres Betonung des Rationalen, da Polyani die Bedeutung von Leidenschaft, Schönheit und Convivialität betont.

Die Frage: Warum sollte ein Suchender (Forscher, Fragender) zuerst zu einer kontingenten Tradition kommen? lässt sich auf Grund der Vorgänge beim Lernen eigentlich recht einfach beantworten. Lernen schafft oder verändert Strukturen des Gehirns. Wo noch keine Strukturen vorhanden sind, ist keine Evaluation neuen Wissens, keine Integration möglich, es handelt sich also um looses, eigentlich unnützes Wissen - was für den grössten Teil der Schulpaukerei zutrifft. Begreifen erfordert aber zuerst, dass der Gegenstand erkannt, ja gesehen wird, dann, dass er eine Form hat, die identifizierbar ist, dann, dass er sich einordnen lässt in bereits Gewusstes. Wir brauchen also für die Erkenntnis bereits ein wohlstrukturiertes Konzept für die Interpretation und Integration (Assimilation & Adaptation) von neuen Informationen, die erst so zu neuem Wissen werden. [s. strukturänderndes Lernen, DenkenI, DenkenII]

 

Postmoderner Pluralismus

Laut MacIntyre strebte die Aufklärung danach, die öffentliche Debatte auf Standards rationaler Begründung zu basieren ... Die Grundlagen dazu gingen allerdings mehr und mehr flöten:

Während dem die optimistischen Aufklärungstheorien des Wissens modern genannt werden, werden die eher pessimistischen, oder zumindest bescheidenen Reaktionen der Moderne als "postmodern" bezeichnet. Postmoderne Theorien des Wissens werden charakterisiert durch eine Betonung der Subjektivität und Partikularität, eher als Objektivität und Universalität, was zu einer gewissen Dubiosität führt was die Möglichkeit objektiver Wahrheit oder universell gültiger Schlüsse betrifft.

Kurzum, während moderne Theorien des Wissens enthusiastisch behaupten, universelles Wissen sei weder teleologisch noch theologisch begründbar, tendieren postmoderne Theorien des Wissens zu relativistischen Schlussfolgerungen,  weil unter dieser Perspektive die Partikularitäten von Religion, Sprache und Geschichte, wie der eigenen Subjektivität, schlichtweg nicht transzendiert werden können.

Abstraktion aber liefert dem Konsensus in der moralischen Debatte eine Fassade, indem sie wichtige Voraussetzungen und dahinter liegenden Glauben verbirgt. So sättigten die Aufklärungsideale die moderne Gesellschaft mit einem Amalgam sozialer und kultureller Fragmente, geerbt aus unterschiedlichsten Traditionen - aber fern davon moralische Urteile universell begründen zu können. Daraus entstand die Unfähigkeit der modernen Kultur Ueberzeugung und rationale Begründung verbinden zu können.

Es gibt keinen festen Boden, keinen Platz für die Suche, keinen Weg begründete Argumentation voranzutreiben, zu bewerten, zu akzeptieren oder zurückzuweisen ausserhalb dessen was die eine oder andere spezielle Tradition liefert.

Anhand eines potentiellen Fokus, um den sich Moral kristallisieren könnte, nämlich der Gerechtigkeit, kann eben leicht gezeigt werden, warum sie dies dennoch nicht tut:

Für Aristoteles ist Gerechtigkeit eine Angelegenheit der Verteilung von Ressourcen und Belohnungen zwischen den Bürgern, gemäss ihres relativen Beitrags zur Polis, der politischen Ordung innerhalb derer Aktivitäten unterschiedlicher Praxis organisiert sind gemäss einer geteilten Anschauung zum bestimmenden menschlichen Guten. Konsequenterweise, um gerecht zu handeln, müssen die Mitglieder der Polis den relativen Beitrag jeder Tugend zum besten Leben kennen - und geneigt sein, entsprechend diesem Wissen zu handeln.

Heute ist dies leicht, denn seit dem Entstehen jeglicher bürgerlicher Gesellschaft, also seit den Griechen und Römern, wird der Beitrag in Geld gemessen, also am Erfolg in der Wirtschaft.

Die Postmoderne huldigt also vorwiegen dem Skeptizismus oder Vulgärzynismus (s. Sloterdijk), dessen extremste Form eben der Ersatz der Werte durch den Preis, also durch Geld ist. Während letzterer bloss noch grinst, huldigt ersterer einem eher absurden Glauben, genau wie A-Theisten:

Skeptizismus ist nach Polyanis Sicht unredlich, da Glauben immer eine Basis jeden Wissens ist. Wenn der Skeptiker insistiert, dass Zweifeln rational sei, so bestätigt er öffentlich seinen Glauben: "Weil der Skeptiker es nicht als rational betrachtet zu bezweifeln was er selbst glaubt, ist das Eintreten für 'rationale Zweifel' des Skeptikers Art seinen eigenen Glauben zu unterstützen.

Polany, MacIntyre und gerenell die Konservativen sehen hier aber doch noch optimistischere Möglichkeiten:

Weil sich Menschen nicht von ihren Eigenheiten befreien können, wird unser Wissen von der Realität immer von den Partikularitäten gefärbt bleiben in denen wir leben und die als Linse dienen durch die wir die Realtität sehen. Aber trotz der wenig perfekten Natur unseres Wissens, ist es nichtsdestoweniger Wissen. Obwohl dieser Ansatz weitaus weniger Sicherheit liefert als die Aufklärer hofften, hat es immer noch weitaus mehr Substanz als das, womit sich die Postmoderne zufrieden gibt.

Die gegenwärtige Gesellschaft hat eine gewaltige Aenderung ihres Paradigmas zwar weitgehend vollzogen, aber nicht bewältigt, nämlich den Wechsel von der objektivistischen Ansicht der Aufklärung zur postmodernen Anti-Grundsätzlichkeit. Eine offensichtliche Konsequenz ist die Erosion des epistemologischen "Glaubens" der Gesellschaft. Entferne die Sicherheit objektiver Neutralität und Vernunft scheint dazu bestimmt von Wellen des Subjektivismus und Parochialismus getrieben zu werden. Perspektivismus und Relativismus herrschen in der modernen Debatte vor.

Menschliche Rationalität kann nicht getrennt von einer Tradition existieren, die durch eine Gemeinschaft verkörpert wird, welche an dieser Tradition teil nehmen.

 

Aus-Wege zum unmöglichen Dialog: Der aufrichtige Dialog

Finding I could speak the language of ants, I approached one and inquired, "What is God like? Does he resemble the ant?" He answered, "God! No, indeed - we have only a single sting, but God, he has two!
 

Simab said: "I shall sell the Book of Wisdom for a hundred gold pieces, and some people will say that it is cheap."

Yunus Marmar said to him: "And I shall give away the key to understanding it, and almost none shall take it, even free of charge.

Idries Shah: Thinkers of the East

Es gibt heute keine Gesellschaft, die kritiklos und einhellig als bloss vorbildlich genommen würde. Gerade die USA hat diese Position bei vielen längst verloren, um so mehr sie sich zum Imperium entwickelte, das seine Marktideologie wie Vorherrschaft eben so unkritisch wie unzimperlich weltweit propagierte.  

MacIntyres zweite Behauptung ist, dass der Liberalismus nicht bloss versagt weil seine Verteidiger unfähig sind ihre Dispute zu lösen oder zu erklären, aber auch weil sie unfähig sind die moralischen Prizipien denen sie folgen eine Art und Weise zu rechtfertigen, die neutral ist in Bezug auf andere Inhalte des Guten. Ein Recht zu verlangen in einem sozialen Kontext der kein Konzept von Recht hat ist wie zu versuchen einen Check einzulösen in einer Gesellschaft die weder Geld noch Banken kennt.  [S. 165]

Mit der Ablehnung jeglichen Einflusses der Politik auf den Glauben derjenigen die partikulären (um nicht zu sagen eigenartigen Konten) des menschlichen Guten zuneigen, privilegiert der Liberalismus sein eigenes Schema moralischen Glaubens, inbegriffen seine eigenen Sicht des besten menschlichen Lebens.  [S. 165]

MacIntyre stipuliert deswegen, dass alle Traditionen sich signifikant bereichern müssen, wenn sie eine Verständigung über linguistische und kulturelle Grenzen hinweg erreichen wollen, denn dazu müssen sie die für die Gegenseite charakteristischen Positionen repräsentieren können, und diese Bereicherung wird sowohl konzeptionelle wie linguistische Innovation, als auch soziale Innovation umfassen.

Eine produktive dialektische Debatte findet mit höherer Wahrscheinlichkeit statt, wenn zumindest eine der Traditionen durch eine epistemologische Krise hindurch musste. Wir haben hier den typischen therapeutischer Anstoss, der selbstorganisierende Systeme eben anregt, sich mit einem Problem verstärkt zu befassen und es zu lösen - ihm aber keine systemfremden Organisations- oder Steuerelemente "aufs Auge" drückt.

Hier kommt die Gegenseite des Pluralismus ins Spiel, also nicht die problematische, sondern die positive. Pluralismus bedeutet Vielfalt, bedeutet einen Reichtum an unterschiedlichen Lösungen für das "Problem" Leben, Organisation des guten Lebens. Je vielfältiger die Lösungen, desto reicher das Angebot an Andockstellen für die Individuen, desto höher die Lebensqualität. Allerdings ist das Leben in einer pluralistischen Gesellschaft vielleicht doch etwas anspruchsvoller als das in einer traditionellen. Galt es in letzterer vor allem seine Rolle anzunehmen und erfolgreich zu spielen, als Schicksal hinzunehmen, gilt es in dieser, sich seine Rolle zu schaffen und zu vertreten, so zu vertreten dass sie unterschiedlichen Traditionen verständlich und akzeptabel ist. Dies bedingt nun dummerweise wieder eine ganze Menge an Wissen, kontextuellem Wissen:

Ein inkommensurables Schema in seinen eigenen Begriffen anzunehmen heisst zu verstehen, auf welche Art es eine Antwort ist auf Interessen, Themen und Probleme seines umfassendsten sozialen und historischen Kontextes.

Dies, Das Leben in einer pluralistischen Gesellschaft bedingt aber auch Akzeptanz von Andersheit und Toleranz, den unabdingbaren Willen, den Dialog auch mit "solchen" aufzunehmen, die ganz anders sind und denken und handeln (und kochen).

Aufrichtiger Dialog passiert auf zwei Ebenen. Erstens charakterisiert jede Tradition mit ihren eigenen Begriffen, Fragen und Standards die Position des Rivalen. Dies identifiziert kontrastierende Strukturen und macht grundsätzliche Unstimmigkeiten des Rivalen klar. Es klärt auch die Möglichkeit gemeinsamer Bedeutungsinhalte.

Der Vorteil davon? Andere Systeme lösen Probleme die in einem System unlösbar sind oft mit links, ganz einfach weil sie es schon gar nicht verursachen:

Ein zweites, noch fundamentaleres Niveau des Dialogs scheint auf, wenn die Protagonisten in der gegnerischen Tradition zwingend einen Ansatz erkennen müssen, der Probleme löst, die sie nicht im Stande waren zu lösen.

MacIntyre liefert hier sogar noch ein Raster, nach dem unterschiedliche Traditionen (inkommensurable Schemen) beurteilt werden können und sich Vorteile anderer Organisationsformen aufdecken lassen:

Charakterisierung eines inkommensurablen Schemas und Kriterien für Uebereinkünfte die in einer wahrheitssuchenden Gemeinschaft geteilt werden:
 
  1. Logische Kompatibilität:
  2. Internte Kohärenz:
     
  3. Externe Kohärenz:
     
  4. Uebereinstimmung mit "akzeptierter Weisheit":
  5. Oekonomie:
     
  6. Performative Konsistenz:
  7. Machbarkeit:
     
  8. Vollständigkeit:
     
  9. Empirische Unterstützung:
     
  10. Generische Verdienste:
     
  11. Intuitive Attraktvität:
  12. Aesthetische Werte:
  13. Fruchbarkeit:
  14. Erfolg:
     
  15. Die Fähigkeit zur Selbstreferenz:
  16. Die Fähigkeit, neue Perspektiven mit einzubeziehen:
  17. Die Fähigkeit, rivalisierende Ansprüche zu integrieren und zu verantworten:
  18. Freiheit von Störungen oder Verschiebungen (bias):
     
  1. Wurden alle logischen Schlussfolgerungen dieser Gemeinschaft geprüft, und sind sie kompatibel?

  2. Gibt es zumindest eine lockere Verbindung zwischen implizitem und explizitem Glauben, Einstellungen, Interessen, Normen und Prioritäten?

  3. Sind diese Uebereinkünfte und Verpflichtungen konsistent mit dem weiteren Rahmen implizitem und explizitem Glaubens, Einstellungen, Interessen, Normen und Prioritäten, in den sie eingebettet sind?

  4. Sind diese Uebereinkünfte und Verpflichtungen konsistent mit dem, was als wahr akzeptiert ist, weil es Teil einer durch die Zeit geprüften Tradition ist.

  5. Wird dadurch die Menge der angenommen oder postulierten nicht bewiesener Grundlagen minimiert?

  6. Sind die angenommenen Verpflichtungen der Gemeinschaft konsistent mit deren Praxis?

  7. Können diese Verpflichtungen praktisch umgesetzt werden ohne die beschränkten Ressourcen auf untragbare Weise zu beanspruchen?

  8. Umfasst das theoretische oder konzeptionelle Gerüst der Gemeinschaft ein grösseres Feld menschlicher Erfahrungen als das der Konkurrenz?

  9. Sind die empirischen Ansprüche der Theorie diese Gemeinschaft kompatibel mit Resultaten, zu deren Erklärung die Theorie nicht geschaffen wurde?

  10. Repräsentieren diese Theorien ein Gleichgewicht aus Einfachheit, Verallgemeinerungsfähigkeit, und Präzision die dem Umfang der spezifischen Form der Erkundungsgemeinschaft angemessen ist?

  11. Fühlen sich die Annahmen und Verpflichtungen, einzeln oder zusammen, richtig an, tönen sie wahr?

  12. Sind sie (z.B.) elegant, schön, verwegen, symmetrisch?

  13. Entzünden sie innovative Ideen, Lösungen, und/oder Weisen des Denkens?

  14. Wenn sie in die Praxis umgesetzt werden, fördern die Annahmen und Verpflichtungen diejenigen Interessen oder Zwecke zu welchen sie entwickelt wurden?

  15. Begründen sie, oder sind sie konsistent mit einem Kontext in dem ihre Entwicklung und Erfolg verständlich ist?

  16. Ist das konzeptionelle Schema der Gemeinschaft elastisch genug und seine Mitglieder kreativ genug, den Glauben aus radikal unterschiedlichen Perspektiven in die eigene Sprache zu übersetzen?

  17. Erklärt das Set der Ubereinkünfte der Gemeinschaft die Plausibilität kompetitiver Theorien oder Perspektiven auf eine Art und Weise, die konsistent ist mit diesen Theorien oder Perspektiven? Enthalten sie alles was "gesund" ist bei ihren Rivalen?

  18. Ist es möglich die Motive hinter den Annahmen und Verpflichtungen zu kennen, und dennoch daran festzuhalten? Oder würden diese Verworfen, wenn die Gründe oder Motive bekannt wären, aus denen sie gepflegt werden? [S. 95/96]

Während dem sich Punkt 1 bis 7 vor allem mit der logischen Konsistenz und Kohärenz von Traditionen befassen, kommen wir bei Punkt 8 auf ein interessanten Punkt: Welche Kultur ist der Komplexität historischer Entwicklung und der gegenwärtigen Welt besser angepasst? Man sollte hier nicht einfach defensiv grad mal die eigene Loben, sondern all die unzähligen Paradoxien ja Perversionen nicht vergessen, die sie schafft. Punkt 13 betont die Bedeutung der Entwicklungsfähigkeit, Punkt 16 und 17 Bedingungen der Interaktion mit anderen Traditionen. Amüsant für mich, da leicht zynisch und daher um so wirksamer, ist insbesondere Punkt 18: Würden wir unsere Tradition auch dann noch verehren und weiter pflegen, wenn wir wüssten, aus welchen oft niedrigen Gründen (Eigennutz, Abwehr der Fremden, Herrschsucht etc.) sie eigentlich entstanden ist?

Auch für die Philosophie ergibt sich hier ein reges Tätigkeitsfeld, denn - Nichts ist praktischer als eine gute Theorie:

Philosophische Theorien geben Konzepten und Theorien, wie sie in der Form von Praxis und Typen der Gesellschaft verköpert werden, organisierten Ausdruck. So machen sie diese sozial verkörperten Theorien und Konzepte verfügbar für rationale Kritik und weitere rationale Entwicklung. Formen sozialer Institutionen, Organisationen, Praxis sind immer bis zu einem gewissen Grad sozial verkörperte Theorien, und, als solche, mehr oder weniger rational entsprechend dem Standard diesen Typs der Rationalität der durch den spezifischen Typ der "traditionsbedingten Suche" vorbedingt ist. Diesen ausserhalb einer Tradition mangelt es an ausreichender Rationalität, in der Tat an moralischen Ressourcen für die Suche. MacIntyre verwirft losgelöste Obektivität. Tradition ist die Form der rationalen Suche und Fortschritt kann nur durch Teilnahme an der internen Dialektik, oder Konflikt, der Tradition geschehen. MacIntyre umfasst hier sein epistemologisches Schema als "traditionsbedingtes und traditions-bedingendes Suchen". [S. 153]

Dummerweise hat die Philosophie heute genau so wenig zu melden wie die Philosophen oder andere "unproduktive" (und unbeherrschbare, nicht ausnutzbare) Wissenschaften:

Denken als Beschäftigung wurde zur Verantwortung derer, mit speziellen sozialen Rollen: Der professionelle Wissenschaftler, zum Beispiel. Aber diese Themen, über die nachzudenken gesellschaftlich äusserst wichtig wäre, Denken über das Gute, über das Verhältnis zwischen Gerechtigkeit und Effizienz, den Platz des Aesthetischen im menschlichen Leben, des Tragischen, des Komischen, des Absurden nicht bloss in der Literatur, aber auch in Politik und Wirtschaft, wird entweder gewissen Disziplinen übergeben, die aber durch ihre professionelle Spezialisierung limitiert sind, oder in Foren behandelt, in denen im Gegensatz dazu nun disziplinierter Austausch (von Argumenten, Wissen) nun fast völlig fehlt. [S. 279]

Philosophie als Denken des Ganzen, als Ueberblick, auch als Werten, findet also kaum, d.h. vor allem in höchst ungenügendem Masse statt. In den zwar zahllosen Diskussionsforen wird zwar unentwegt über Gott und die Welt referiert (weniger diskutiert), aber es fehlt die systemische Verknüpfung. Vor allem wird durch eine Ueberbetonung der persönlichen Meinung und des Erheischens von Achtung für die eigene Person der sachliche Diskurs meist völlig verschüttet. Dabei wäre gerade in einer multikulturellen, pluralistischen, d.h. multitraditionellen Welt das Lernen voneinander von höchster Priorität:

Mein Anliegen hier ist es, Situationen zu vermeiden in denen die Anhänger unterschiedlicher Traditionen sich in feindliche Lager spalten, von denen jedes denkt, es hätte vom andern nichts zu lernen. Solch schrille Polarisationen sind häufig in gegenwärtigen moralischen und politischen Debatten. MacIntyre ist ein starker Befürworter des Lernens von Menschen die andere Ansichten haben als wir. "Bei der Suche des Guten ist jeder ein potentieller Lehrer und muss deshalb so behandelt werden wie einer, von dem ich noch was zu lernen habe. Sogar so befürchte ich, dass Tendenzen zur Polarisierung sich durch seinen Vorschlag verschärfen, dass eventuell ein konzeptionelles Schema die "einzig wahre Ansicht" in einer speziellen Domäne menschlicher Erfahrungen repräsentieren könnte. Ich denke darum, dass es wichtig ist anzuerkennen, dass "rivalisierende inkommensurable Schemata" auf unterschiedliche Weisen in Verbindung gebracht werden können - schief, genetisch, sogar komplementär - und nicht bloss antagonistisch.   [S. 78]

Wir gelangen hier also, vorerst zum Schluss, zu einer ganz anderen Form der Argumentation als sie bisher hier und anderswo gepflegt wurde, zu einer Form die Logik und vorgegebene Strukturen überschreiten muss, zu einem Dialog zwischen inkommensurablen Identitäten. Das mag zwar kompliziert und unmöglich tönen - ist es aber nicht, denn genau dieser Dialog findet tagtäglich milliardenfach statt, wenn das Ich mit einem Du, Männer mit Frauen, Weisse mit Schwarzen, Kapitalisten mit Kommunisten, Inländer mit Ausländern - oder die Wirtschaft mit der Ethik reden. Der unmögliche Dialog ist also möglich - wenn auch nicht einfach.

Martin Herzog, Basel, 6.10.08