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Arnold Gehlens Nicht-Alternative einer staatlich institutionalisierten Ethik

[Arnold Gehlen: Moral und Hypermoral. Eine pluralistische Ethik. Athenäum Verlag. Frankfurt a.M., Bonn- 1970]

Arnold Gehlen erkennt zwar den pluralisischen Charakter der postmodernen Gesellschaft und beschreibt insbesondere die ethischen Fehlentwicklungen treffend und detailliert - sucht aber leider die Lösung in einer elitären institutionalisierten "Verwaltungsmoral" und Gesinnungsvermittlung, also Ideologisierung, die a) dem Bild des freien und selbst denkenden (na ja ...) Bürgers widerspricht, b) der Volksverführung Tür und Tor öffnet.

1 Pluralität in Ethik und Gesellschaft

Arnold Gehlen erkennt eindeutig, dass Ethik und Moral derart unterschiedlichen Ausgangssituationen entspringen und derart unterschiedlicher freier Willensgestaltung unterliegen, dass eine Einheitsethik, das eine und selbe Gesetz für alle Menschen, praktisch ein Ding der Unmöglichkeit ist:

Denn jedes menschliche Verhalten untersteht einer doppelten Betrachtung: Es kann unter (spezifischen) biologischen Kategorien beschrieben werden, erscheint aber auf der anderen Seite als ein Produkt der geistigen Durcharbeitung, als ein Produkt auch der Tradition und Zeitlage, der geschichtlichen Konstellationen.

Dass die Moral des Menschen mit dem technischen Eiltempo nicht Schritt gehalten hat, ist nur ein Aspekt dieser Tatsache.

Er sieht mit äusserster Klarheit, dass Ethik und Moral von mehreren regulativen Einheiten abhängen:

Eine Ethik "aus einem Guss" ist immer eine kulturelle Stilisierung des Denkens, Fühlens und Verhaltens gewesen, plausibel aus einer kulturellen und politischen Lage heraus, eine überspannte Metapher der Wirklichkeit., wie die Kunst. Im gegenwärtigen Zeitpunkt ist, wenigstens in der westlichen Welt, davon keine Rede, der Pluralismus mitsamt den darin mitgeborenen Krisen und Reibungen tritt deutlich ans Licht. Soziologisch gesehen gibt es daher miteinander streitende moralische Gruppierungen, darunter laute und stumme, mit gedruckten und ungedruckten Katechismen, offziell akzeptierte und totgeschwiegene, dennoch lebende, mit allen Alltagskompromissen und den gelegentlichen Zusammenstössen, die die Stimme der Wahrheit sind, nämlich des Pluralismus. [S. 10]

Es gibt mehrere Fundamente der Moral, mehrere Quellen des Sollens, die durchaus unabhängig, ja sogar miteinander unverträglich sind; dies stellt sich erst dann heraus, wenn Situationen eintreten, die extreme Lösungen erfordern, so dass sich das Ethos radikalisiert. So führte bekanntlich eine verschärfte, radikalisierte Jenseits- und Erlösungsethik in der Regel zur kathegorischen Verwerfung bestimmter innerweltlicher Verhaltensweisen, einschliesslich des dazugehörigen Ethos, z.B. der Familiengründung oder des Kriegsdienstes. Es gibt somit ethische Impulse, die in Realrepugnanz stehen, in sachlichem Widerstreit, aber dies Intoleranzen treten erst unter bestimmten Bedingungen hervor.

Er sieht auch deutlich die "Eventualisierung" und Kommerzialisierung der Kultur - und damit der Ethik, die Grundlage derselben war:

Dass Kultur gerade als Fassade transportabel wird, kennen wir, ein solcher Zustand ist seit langem erreicht; die künstlerischen Aeusserungstypen und Produkte der Resteverwertung werden seit Jahrzehnten über die halbe Welt hin- und hergezogen, wobei der zunehmden Degeneration der steigende Aufwand an Reklame, aber auch an öffentlichen Mitteln entspricht. [S. 28-9]

Ebenso bekannt ist ihm der Königsweg der Wissenschaftler, Forscher und Philosophen, sich vor dem Wahnsinn der zusammenhängenden - und doch widersprüchlichen, also absurden Systeme schützen [s. Kant und der schizoide Charakter]:

Autarkeia: Weg nach innen, bis zur Abdichtung gegen die äusseren und die eigenen psyschen, ohne Theologie und gelehrte Priester, mit rein individualistischer Tradition des höheren Denkens

 

2 Historische Entwicklung der Ordnungsbasen: Familie, Clan, Stamm, Volk, Staat

Gehlen beschreibt die Entwicklung der Organisationsform der Gemeinschaft ausgehend von Familie:

Die Familie brachte eine edle, ausweitungsfähige Binnenmoral hervor, sie ist unentbehrlich für eine lebenslange seelische Gesundheit; aber alles, was Grösse hat: Staat, Religion, Künste, Wissenschaften wurde ausserhalb ihres Bereiches hochgezogen, und selbst die Wirtschaft nahm erst grosse Dimensionen an, als sie sich aus ihrem Verbande löste. [S. 93]

Hier wird der Austausch bereits in Blutbeziehungen fundamental für die Organisation von Gesellschaft: Heiratspakte stabilisierten Herrschaft, der Austausch über Mitgift oder Brautpreis sicherte die wirtschaftliche Basis.

... über Clan, Sippe, Stamm:

Die Sippe ist, wie Max Weber schon erkannte, nicht so primitiv wie die Hausgemeinschaft. Vielmehr besteht ihre Besonderheit in einer Kombination abstrakter und naturaler Elemente, und die Ethnologie glaubt heute zeigen zu können, dass die Normierung von Heiratszuordnungen und -verboten nach Verwandtschaftsgraden (realer oder fiktiver Art), und die Zurechnung der Kinder zu stetigen Linien eine Aufgabe ganz elementarer Aufmerksamkeit war, wobei man nach den uns schon bekannten Grundsätzen der Gegenseitigkeit und des Tausches verfuhr.

In dieser Ur-Ordnung der Menschen dürfte die Herausragende Bedeutung der Sexualmoral liegen, die dieser zwar nicht von Ethikern ... aber vom Volk gegeben wird (Kinderschänder? Kopf ab, Schwanz ab, Kastrieren, einsperren. Vergewaltigung? Einsperren, Schwanz ab etc.). Dahinter steht nun eben DAS Fundament aller Verantwortung, die Verantwortung der Eltern für das Kind. Bei den meisten Stämmen war und ist es absolut verpönt, sich ausserhalb des Stammes zu verheiraten, was allerdings oft bloss für Frauen gilt, denn die Vererbung geschieht natürlich bloss über die Männer ... Im arabisch-islamischen Bereich ist die Vorzugsheirat sogar die des Neffen väterlicherseits, auch hier weil die weibliche Linie "die schwächere" ist. Andererseits waren einigen Völkern offenbar die Wirkungen längerfristigen Inzestes deutlich bewusst, so dass z.B. bei einigen Stämmen Vietnams sogar der Geschlechtsverkehr mit Frauen des selben Stammes per se als Inzest bestraft wurde, mit Verbannung äusserst hart bestraft. Aehnliches gilt für die Untreue. Diese ist bei Frauen verwerflicher, da sie den eigenen Besitz, den eigenen Herrschaftsbereich schmälert - ist bei Männern nachsichtiger beurteilt, weil der eigene Einfluss dadurch vergrössert wurde.

Brüderschaft, Solidarität, Nothilfepflicht, Loslösung der Pietät vom Haus erlaubten "väterliche und brüderliche" Beziehungen über die Familie hinaus zu transportieren und grössere Verteidigungs- wie Angriffsemeinschaften zu bilden.

Sippe, Clan und Stamm sind noch heute in vielen weniger entwickelten Weltregionen DAS Ordnungsprinzip, mit dem sich der Staat meist immer noch kriegerisch auseinander setzen muss (s. Jemen): Der Stamm ist die Quelle und die Grenze der politischen Verpflichtungen, jenseits des Stammes beginnt das Ausland ...

Erst als Königtum mit gradueller Erweiterung des Sippenethos:

Noch im Französischen Reich während seiner luxuriösesten Periode, dem Königtum Ludwigs XIV, fungierte dieser als Vaterfigur, der etwa die Pflicht hatte, jede Heirat in seinem Staate zu genehmigen. Sein Palast stand dem Volke, insbesondere den Bettlern, immer offen. Seine Eingriffe gehen so weit, dass er z.B. am 14.12.1701 dem Polizeigeneral den Auftrag gibt, ein Haus von einer Dienerin zu befreien, die Unfrieden in der Familie stiftet, einem Provinzbarbier verbot, dass dessen Tochter weiterhin Kunden rasiere etc. Also so ähnlich wie die Imame noch bis 1962 im Jemen.

... dann zum Staat und der bürgerlichen Gesellschaft, mit dem Vorteil der Untertanen: :

Verteidigung, innerer Friede, dass man sein Vermögen, soweit es sich mit der öffentlichen Sicherheit verträgt, vermehren kann, dass man seine Freiheit so weit geniesst, dass daraus kein Schaden entsteht. [S. 104]

Erst mit Hobbes (1588-1679) wurde die Gegenseitigkeit im (freien) Vertrag Grundlage der bürgerlichen Existenz.

Robespierre, Saint-Juste und Babeuf verkündeten dann nach der Französischen Revolution einhellig "le bonheur de médiocrité - das Kleingärtnerglück. "Wir bieten euch das Glück, das aus der Freude ensteht, wenn man das Notwendige ohne Ueberfluss geniesst; das Gllück, frei und geruhsam zu leben, sich in Frieden an den Sitten und Erfolgen der Revolution zu erbauen und zur Natur zurückzukehren ... ein Pflug, ein Stück Feld und ein Häuschen, fern von der Gier des Räubers, dort ist das Glück.

... womit die französische Revolution aus heutiger sicht eigentlich eine kleinbürgerliche war.

 

3 Die Uebernahme der Herrschaft durch die Plutokratie

Zu dem Kernstück des ethischen Wandels der Neuzeit wurde die Ethisierung des Ideals des Wohllebens. Nicht bloss die Abweisung von Not und Leiden, sondern das Erfüllungsglück selbst, das Wohlhaben und Wohlleben werden hier zu Sollforderungen erhoben, und für jede Beeinträchtigung solcher Forderungen finden sich zurechenbare, haftbare Instanzen, die mit Empörung gemissbilligt werden.

Bereits Tocqueville (1805-59) legt das Fundament zu dem, was wir heute liberale Kritik am Wohlfahrtsstaat nennen würden. Nebst der drohenden Diktatur des Sozialen kritisiert wer aber auch die Privatisierung der Tugenden, denen die Privatisierung der Laster auf dem Fusse folgen wird. Er betrachtet den Liberalismus als optimistisch-verharmlosende Form des Individualismus.

Dies hat sich vor allem in dem Bereich durchgesetzt, in dem Moralisten am liebsten tätig sind (Warum das so ist hat uns ein Lehrer in der Sekundarschule bereits in den 60ern so erklärt: Da kann man sich mit eine Materie befassen die einen interessiert, die aber anrüchig ist, und nicht bloss ehrenwert bleiben, sondern sogar seine "ehrwürde" noch steigern). Adolf Portmann, Naturforscher und Philosoph aus Basel, machte schon vor über 30 Jahren auf die stetige dauernde Sexualisierung aller menschlichen Antriebssysteme aufmerksam. Die Durchdringung der sexuellen Aktivitäten mit den stetig wirkenden anderen Motiven menschlichen Verhaltens, u.a. produzieren aber auch wieder atavistische Agressivität, die im Menschen immer vorhanden ist, wie sich in geläufigen Ausdrücken: sich in ein Problem verbeissen, es in Angriff nehmen, deutlich zeigt. Der Mensch lebt also nicht von Freiheit allein - er bedarf auch der Kontrolle. Wie weit er sich nun selbst kontrollieren soll und kann, wie weit ihm Gesellschaft und Staat hier führen müssen, ist noch bei weitem nicht geklärt. Allerdings beobachtete und beschrieb bereits Arnold Gehlen den Verlust an lenkendem Potential beim Staat, das von der Wirtschaft, präziser dem Kapital übernommen wurde, also der Plutokratie. Wenn Gehlen im selben Abschnitt die Toleranz, ein Charakterzug der in jeder pluralistischen Gesellschaft von höchster Bedeutung ist, aufs härteste kritisiert, so wird dadurch vielleicht klar, dass sogar höchste ethische Werte die für einen Fall gelten, in einem andern sich katastrophal auswirken können:

Wer keine bitteren Erfahrungen und kein Leid kennt, der hat keine Malice, und wer keine Malice hat, bekommt nicht den Teufel in den Leib, und wer diesen nicht hat, der kann nichts Kernhaftes arbeiten.

Gottfried Keller

Die Disqualifizierung der moralischen Autorität des Staates ist in westlichen Gesellschaften weit fortgeschritten, und das hat Folgen. ... Wenn eine Gesellschaft tolerant wird, d.h. in ethischen Grundfragen Diskordanzen als erträglich proklammiert, dann muss sie entweder in sich oder ausser sich keine Feinde mehr haben oder ihre Beschwichtigungsformeln für ausreichend halten; sie mag auch von der Verharmlosung benommen sein, oder vielleicht hat sie bereits einen Tempel der Alleinherrschaft errichtet, in dessen Schatten alle anderen Werte bagatelisiert werden, wahrscheinlich dem Gotte Plutos, der übrigens den Alten als unmündig galt und als Kind dargestellt wurde. Der Uebergang von der Toleranz in den Nihilismus des Geltenlassens von schlechthin Allem lässt sich schwer abgrenzen, diese friedliche Tugend ist daher im öffentlichen Bereich ungewöhnlich zweideutig, so dass D.H. Lawrence (Die gefiederte Schlange) die Toleranz als eine "heimtückische moderne Krankheit" beschreiben konnte. [S. 40]

Mit der Herrschaft des Wohlstandes, der heute dominanter Wert des Masseneudaimonismus ist, wird Mdme de Staels Aussage Realität: Es gibt nur zwei wirklich dauerhafte und reelle Dinge: die Gewalt und das Wohlleben; demnach zwei fundamentale Wissenschaften: die Taktik und die Gastronomie. Die Taktik spielt heute vor allem im wirtschaftlichen Bereich mit Wachstum, Innovation, Uebernahmen, Preissenkungen etc - die Gastronomie in der Pazifierung der Ausgeschlossenen, denen ihr täglich Brot (samt Wurst darauf) heute vom Sozialstaat verabreicht wird. Dazu kämen allerdings noch die Spiele, denn ein Volk dem es langweilig wird, ist ein unruhiges Volk. Diese genügen allerdings ebenfalls nur dem einfachen Volk. Je schwieriger und aufwändiger jedoch die Ausbildung wird, um bei der Aufteilung des Kuchens noch mitreden zu können, um so mehr entwickelt sich ein anderes Problem auch bei den besser Qualifizierten: DER MANGEL AN SINNVOLLEN ZIELSETZUNGEN - also der Ausbildung und dem Wissen entsprechenden Arbeitsplätzen (s. Prekariat & Generation P):

Zu den Schwächungen der Staatsautorität (dadurch dass er durch die Sozialpolitik zur Milchkuh wird, der Pflichtethos verschwand - und er zum Vollstreckungsorgan der Wohlstandsvermehrung wurde) , zumal in den westlichen Ländern, trug der Umstand bei, dass sie als Neutralisationskraft entbehrlich schien, zumal wenn man den steigenden Lebensstandard selber als ein solches Mittel ansah; dann würden, wie manche glaubten, die gesellschaftlichen Gegensätze im Wohlstand ertränkt werden. Diese rein materielle Ansicht erwies sich als falsch, denn nicht nur der Hunger macht aufsässig; auch Statusfragen, auch der Mangel an sinnvollen Zielsetzungen oder das Gefühl, man sei Opfer moralisch argumentierender Feindseligkeit, schaffen Unruhe. Ausserdem bildete sich eine neue Opposition, die sog. Intelligenz, deren Machtbedürfnisse in keiner Weise abgesättigt sind, eine Quasi-Aristokratie, die den Ansturm auf die schon unstabile Staatsautorität führte: Theologen, Soziologen, Philosophen, Redakteure und Studenten bilden den Kern. "Von allen Aristokratien die perfideste und härteste ist die Talent-Aristokratie" sagte schon Sorel, und da diese Gruppen sämtlich, von den vordringenden Bedürfnissen der Wirtschaft aus gesehen, produktionsunwichtig sind, können sie gar nicht befriedigt werden, ausser durch Herrschaft, und so wird die Ungeduld und Aggressivität immer drängender.

Gehlen & Co, wie die heutigen Neoliberalen, kritisieren diese Aspekte des Sozialstaates als Dekadenz des Humanitarismus: soziale Ressentiments, Krankheit der Energielosen, Entdifferenzierung des Sippen-Ethos - denn man hätte zwar gerne die Eigenverantwortung wieder, wo man Leute aus dem Erwerbsleben ausschliesst, als bei den Ausgeschlossenen und deren Familien natürlich - nicht aber bei den Verursachern. Dummerweise haben aber auch "rechte" Gesellen manchmal recht, die parteipolitische Banalisierung in rechts schlecht - links gut (oder umgekehrt), taugt also rein gar nix:

Die Anerkennung der Menschheit, des Menschenrechts und der menschlichen Würde in jedem Menschen, welches auch seine Rasse, Farbe, der Grad seiner Intelligenzentwicklung und sogar seine Moral sei (zit. Hugo Ball 1956). Das war die Stimme Bakunins. Der Alleinherrschaft dieses Ethos sehen wir solange mit Besorgnis entgegen, als es keine Weltgesellschaft in einem Weltstaat gibt und es daher noch offenbleibt, welcher Kontinent einmal seine Eigeninteressen als die der Menschheit ausgeben wird. [S. 84]

zumindest die Frage wurde inzwischen geklärt: Es ist Nordamerika, mit einer gewissen Mitsprache von Europa (und allenfalls Australien, so ganz am Rande ...)

 

4 Die Bedeutung der Institutionen - und der Vermittlung der rechten Gesinnung

Institutionen haben für Gehlen eine zentrale Bedeutung für die Vermittlung von Werten, Haltungen, also Ethik - allerdings in einer heute (posthitlertraumatische Aera)etwas problematischen Form, als "Gesinnung".

Der Mensch weiss nicht, was er ist, daher kann er sich nicht direkt verwirklichen, er muss isch it sich durch die Institutionen vermitteln lassen. Gegensätze und Spannungen bedürfen nicht der Versöhnung, sondernder Institutionalisierung, um sie geregelt auszutragen, und gegen den gewaltigenAnprall der Gleichheitsregie, die herrschen will, findet man nur Schutz in Einrichtungen, die sich verteidigen lassen. [S. 100]

Unter diesem Gesichtspunkt erscheinen die Institutionen einmal als <Betriebe>, als geschichtlich bedingte Weisen der Bewältigung lebenswichtiger Aufgaben und Umstände, so wie die Ernährung, die Fortpflanzung, die Sicherheit ein geregeltes und dauerndes Zusammenwirken erfordern; sie erscheinen von der anderen Seite als stabilisierende Gewalten und als die Formen, die ein seiner Natur nach riskiertes und unstabiles, affektüberlastetes Wesen findet, um sich selbst und um sich gegenseitig zu ertragen, etwas, worauf man in sich und anderen einigermassen zählen kann. Denn "wenn jemand voll Welterneuerungslust sich ans Erneuern macht, wird leicht augenfällig, dass ein Ende da nicht abzusehen ist. (Laotse).

Auf der einen Seite werden in diesen Institutionen die Zwecke des Lebens gemeinsam angefasst und betrieben, auf der anderen orientieren sich die Menschen zu genauen und abgestimmten Gefühlen und Handlungen, mit dem unschätzbaren Gewinn einer Stabilisierung auch des Innenlebens, so dass sie nicht bei jeder Gelegenheit sich affektiv verwickeln oder sich Grundsatzentscheidungen abzwingen müssen.
 

Die Geschichte zeigt, dass die Regierungen, die Religionen und Kirchen, alle die grossen Institutionen die einzigen Mittel sind, durch die der tierische und wilde Mensch seinen kleinen Teil an Vernunft und Gerechtigkeit erwirbt.

Taine

Dazu eine weitere, im Gegensatz zu obiger auch heute noch teilweise (erster Teilsatz) zutreffende Aussage:

Mächtig ist aber nur, wer organisiert ist, organisiert ist bei uns nur die Armee und das Proletariat. [S. 101]

Inzwischen gilt die zweite Satzhälfte ja für die Armee der Schweiz ganz und gar nicht mehr, denn diese ist zur Zeit eine der ohnmächtigsten und desorganisiertesten Organisationen der Schweiz - ebenso wie das Proletariat - organisiert bis ins Kleinste ist aber - nein, nicht die staatliche Bürokratie - die betriebliche Bürokratie, also das Kapital.

Während dem etwa Mme de Stael noch eine Positive Ansicht betr. der Aufklärung und der Befreiung von Institutionen hatte: Die Aufklärung ist kurz gesagt, die Emanzipation von den Institutionen, beklagt Gehlen die Auflösung derselben, die Uebernahme des Staates durch das Volk, also die Demokratisierung:

Der Staat rinnt aus objektiven Gründen mit der Gesellschaft zusammen, ist auf bestimmte, im wesentlichen wirtschaftliche und soziale Aufgaben hin zweckrationalisiert, er verzichtet auf den moralischen Schutz der Staatsbürger voreinander und wird gegenüber der Gesinnungs-Unterwanderung wehrlos, die er bei Mächten wie Kirche, Presse und Rundfunkanstalten selbst privilegiert hat. Folglich entfallen schon von dieser Seite des Staates her die Gegenhalte, die eine Gesellschaft verhindern könnten, das entgegengesetzte Extrem zu erleiden, nämlich die volle Aggressivität der guten Sache. [S. 182]

Mei, hatte der noch Aengste ...

Der Humanitarismus liefert nun nicht nur eine solche, sondern er verlangt auch nichs, weder Steuern noch Wehrdienst, und er geht dazu noch mit allen wünschbaren Dingen zusammen, mit dem Vorrang der privaten Interessen des Familienlebens, mit der ethischen Auszeichnung des Wohlstandes, der endlich nach langer Einspruchszeit des askesegeneigten Christentums sein gutes Gewissen bekommen hat, und mit dem gerade bei uns verbreiteten abstrakt egalitären Sozialismus, den Karl Marx in den weisen Worten voraussah, dass Deutschland einen ebenso klassischen Beruf zur sozialen Revolution habe, wie es zur politischen unfähig sei. [S. 182]

Die Menschheit entsteht durch Propaganda.

Gottfried Benn

Welch üble Folgen muss da die Werbung zeitigen ...

Kurzum, Gehlen will die die Probleme des Pluralismus beheben durch die Herrschaft einer auserwählten institutionalisierten Gesinnungs-Elite, welche die Hypermoral repräsentieren - mittels des Staates. Das tumbe Volk wird geführt. Es handelt sich um einen konservativ-autoritären Ansatz in dem staatlich-elitär definierte Ethik über Organisationen vermittelt wird. Nein danke, denn damit bleibt das Individuum Vorgaben von Institutionen verpflichtet, die Eigeninteressen (Machtpositionen) institutioneller wie persönlicher Art verallgemeinern. [s. Kommunikationsanalyse]
 

Bessere Alternative:

Martin Herzog, Basel, 21.9.08