Grundlagen der Aufklärung bei Kant: Kants <Kritik der reinen Vernunft> als kausale, die der <praktischen Vernunft> (Ethik) als final orientierte Wissenschaft.
______________________________________________________________________
[BS:
Baruch Spinoza:
ETHIK. Reclam. Universal Bibliothek Leipzig 1972
HJ: Hans Jonas:
Das Prinzip Verantwortung. Versuch einer Ethik für die technologische
Zivilisation.
suhrkamp taschenbuch1085. Insel Verlag Frankfurt a.M. 1984.]
Eigentlich sind Philosophie und Ethik das selbe, insbesondere die angewandte Philosophie, denn <praktische Philosophie> ist ein Synonym für Ethik, die so wiederum entsteht aus der Frage nach dem guten Leben, die nicht unbedingt eine Frage nach dem guten Leben nach dem Leben sein muss ... Ethik, also Philosophie, befasst sich nicht bloss empirisch mit der Vergangenheit, also Dingen die sich betrachten, analysieren und beweisen lassen. Sie werden natürlich durch die Vergangenheit wie die herrschenden Gesetze geprägt, richten aber ihr Augenmerk ebenso auf Gegenwart (Klugheit/Phronesis) und Zukunft (Hoffnung).
Wer keine Zukunft hat, kann auch seine Vergangenheit nicht bewältigen. [HJ S. 5]
[Ottfried Höffe: Lexikon der Ethik. Becks Schwarze Reihe. CH Beck. München 1977]
|
Wie jegliche Philosophie keine Rangordnung von "guter" oder "schlechter" Philosophie erlaubt, sondern bloss eine Beurteilung danach, wie gut ihre Darstellung der Realität oder Vorstellungen einer besseren Zukunft zum gegebenen Zeitpunkt sind, genau so wenig kann eine praktische Philosophie (Ethik) als ewig gültiges Rezeptbuch der Unterscheidung von Gut und Böse dienen:
Denn, erstens sind Klarheit und Deutlichkeit des Denkens, intuitive Gewissheit nicht das primäre Kriterium wahrer Erkenntnis, sondern die Praxis; zweitens aber ist das Erfassen von absoluter Wahrhei in einem geschlossenen metaphysischen System nicht möglich. Alle philosophischen Systeme tragen daher nur historisch-relativen Charakter. [BS S. 7]
Die wichtigsten Ordnungssysteme und Wertungssysteme die bestimmen, ob eine vorgeschlagene Ethik stimmt, funktioniert, passt, sind vor allem die Natur, Gott, die Gesellschaft und das Individuum selbst. Da jede Ordnung das Lernen und die Entwicklung behindert, muss jede, wirklich jede Ordnung (sogar der Herzschlag) über entsprechende Freiheitsgrade verfügen, die Anpassung an die sich immer ändernden Bedingungen erlauben.
ieses Un-Ordnungssystem, das Tohuwabohu, auf dem sogar Gottes Schöpfung basiert, bietet uns die Chance, Ordnung selbst zu schaffen, Ordnung so zu schaffen, wie wir sie für richtig halten.
Die Reduzierung der Freiheit auf Einsicht in die Notwendigkeit und Handeln gemäss der erkannten Notwendigkeit ist für Fichte gleichbedeutend mit der Negierung der Freiheit; hebt doch der Mensch, indem er seine notwendige Abhängigkeit von der Substanz erkennt, seine Unterwerfung unter diese Notwendigkeit nicht auf. Der Spinozismus ist daher für Fichte das System der Unfreiheit. Erst wenn mein empirisches Selbstbewusstsein, dem selbstredend die Abhängigkeit von der äusseren Natur fast ständig gegenwärtig ist, sich zum absoluten Selbstbewusstsein erhebt und von dieser Höhe aus alles dem empirischen Bewusstsein Aeussere und Fremde als Produkte der Tätigkeit des Ich begreift, also erkennt, dass ich nur vom Handeln von der Produktion und den Produkten meines wahren Selbstbewusstseins abhänge, ist nach Fichte Freiheit erreicht. Selbstbewusstes Handeln, produktive Tätigkeit realisiert Freiheit, nicht blosse Einsicht in die Notwendigkeit. [BS S. 13]
Freiheit orientiert sich allerdings bei Spinoza absolut an Gott, der DAS ABSOLUTE und Ewige ist - nicht an der beschränkten Rationalität von Wirtschaft oder gar bloss Technik und Verwaltungstechnik (Bürokratie. Mindestens seit Francis Bacon weiss man auch, dass der Berufung auf Autoritäten keine Beweiskraft zukommt.
Fünfter Teil: Ueber die Macht der Erkenntnis oder die menschliche Freiheit
Die Stoiker dagegen waren der Meinung, dass die Affekte absolut von unserem Willen abhängig seien und dass wir sie absolut beherrschen können. Die damit in Widerspruch stehende Erfahrung keineswwegs aber ihre Prinzipien, nötigte sie jedoch zu dem Geständnis, das es nicht geringer Uebung und Anstrengung bedürfe, um dieselben einzuschränken und im Zaum zu halten; was jemand (wenn ich mich recht erinnere) an dem Beispiel zweier Hunde, eines Haushunds und eines Jagdhunds, zu zeigen versucht hat. Er brachte es nämlich durch fortgesetzte Uebung so weit, dass der Haushund an das Jagen gewöhnt, dem Jagdhund dagegen die Verfolgung der Hasen abgewöhnt wurde.
Zu dieser Ansicht neigt sich auch Cartesius nicht wenig hin. Denn er nimmt an, die Seele oder der Geist sei hautsächlich mit einem gewissen Teil des Gehirns vereinigt, mit demjenigen nämlich, den man die Zirbeldrüse nennt, vermittels deren der Geist alle Bewegungen, welche im Körper erregt werden, und die äusseren Objekte wahrnimm und welche der Geist dadurch allein, dass er will, verschiedenartig bewegen kann. Diese Drüse schwebt nach seiner Annahme so in der Mitte des Gehirns, dass sie durch die geringste Bewegung der Lebensgeister bewegt werden kann. Ferner behauptet er, dass diese Drüse auf ebensoviele verschiedene Weisen in der Mitte des Gehirns schwebt, auf so verschiedene Weisen von den Lebensgeistern einen Anstoss empfängt, und dass ausserdem ebensoviel verschiedene Spuren in sie eingedrückt werden, soviel verschiedene äussere Objekte die Lebensgeister selbst gegen die Drüse stossen. Daher komme es, dass, wenn die Drüse später von dem Willen der Seele, der sie verschiedenartig bewegt, in diese oder jene schwankende Lage gebracht wird, in welche sie schon einmal von den Lebensgeistern gebracht worden war, die Drüse selbst dann wieder die Lebensgeister auf dieselbe Weise anstösst und bestimmt, wie diese früher von der ähnlich schwebenden Lage der Drüse zurückgestossen wurden. [BS S. 353]
Eine etwas seltsame, aber doch treffende Beschreibung der Funktionen des Nucleus accumbens .... die sich ideal eignet zur Dressur des Menschen.
Obwohl Spinoza nie so weit gehen würde wie die Humanökologie welche die Natur zur herrschenden Grundordnung erklären möchte, sieht er bereits klar, dass wir zwar gewissen Freiheiten haben - uns aber nicht ausserhalb der Natur stellen können.
30. Lehrsatz:
Kein Ding kann durch das, was es mit unserer Natur gemeinsam hat, schlecht sein, sondern sofern es für uns schlecht ist, insofern ist es uns entgegengesetzt.
Der Satz sollte häufiger bei Stress, Mobbing, Burnout etc. angewendet werden ... Offensichtlich sitzen viele Menschen ganz einfach im falschen Boot. Oder, anders ausgedrückt: Auch Anpassung hat ihre Grenzen.
31. Lehrsatz:
Sofern ein Ding mit unserer Natur übereinstimmt, insofern ist es notwendig gut.
Spinoza kann, mit dieser Grundlage, also unmöglich eine Anpassung der Individuuen an die Masse wünschen oder begründen. Da es "die Masse" damals allerdings auch kaum gab ... Nebst Gott hilft hier offenbar auch noch die Natur, eine Integration zu erreichen:
35. Lehrsatz:
Sofern die Menschen nach der Leitung der Vernunft leben, insofern allein stimmen sie von Natur immer notwendig überein. [BS S. 292]
400 Jahre später sieht die Sache allerdings ganz anders aus ... oder der Mensch hat sich von der Vernunft abgewandt. Natur und Landschaft wurden in einem Ausmass in Anspruch genommen und zerstört, das damals wohl undenkbar war:
Der emanzipierte praktische Intellekt, den die "Wissenschaft", ein Erbe jenes theoretischen Intellekts, erzeugt hat, stellt die Natur nicht nur sein Denken sondern auch sein Tun in einer Weise gegenüber, die mit dem unbewussten Funktionieren des Ganzen nicht mehr vereinbar ist: Im Menschen hat die Natur sich selbst gestört und nur in seiner moralischen Begabung einen unsicheren Ausgleich für die Sicherheit der Selbstregulierung offengelassen. [HJ S. 148]
Die Gefahr geht aus von der Ueberdimensionierung der naturwissenschaftlich-technisch-industriellen Zivilisation. Was wir das Baconische Programm nennen können, nämlich das Wissen auf Herrschaft über die Natur abzustellen und die Herrschaft über die Natur für die Besserung des Menschenloses nutzbar zu machen, hat zwar in der kapitalistischen Durchführung von Anfang an weder die Rationalität noch die Gerechtigkeit besessen, mit denen es an sich vereinbar gewesen wäre; aber seine notwendig zur Masslosigkeit der Produktion und des Konsums führende Erfolgsdynamik hätte bei der Kurzfristigkeit menschlicher Zielsetzung, ja der wirklichen Unvorhersehbarkeit der Ausmasse des Erfolgs, vermutlich jede Gesellschaft überwältigt (denn keine besteht aus Weisen).
Die Katastrophengefahr des Baconischen Ideals der Herrschaft über die Natur durch die wisenschaftliche Technik liegt also in der Grösse seines Erfolgs. [HJ S. 251]
Die Bevölkeruungsexplosion, also planetarisches Stoffwechselproblem gesehen, nimmt dem Wohlfahrtsstreben das Heft aus der Hand und wird eine verarmende Menschheit um des nackten Ueberrlebens willen zu dem zwingen, was sie um des Glückes willen tun oder lassen konnte: zu immer rücksichtsloseren Plünderung des Planeten, bis dieser sein Machtwort spricht und sich der Ueberforderung versagt. Welches Massensterben und Massenmorden eine solche Situation des <rette sich wer kann> begleiten werden, spottet der Vorstellung. [HJ S. 252]
Die Baconische Formel sagt: Wissen ist Macht. Die parallel wachsende Notwendigkeit ihres Gebrauchs führte aber zu der wunderlichen Ohnmacht, dass dem immer weiteren und vorhersehbar selbstzerstörerischen "Fortschritt" kein Einhalt geboten werden kann.
Aus der Beherrschung der Natur ist ein Zwang zur Herrschaft geworden, zur Nutzung und Ausnutzung, der sich allerdings nicht auf die Natur beschränkt.
Gott ist für Spinoza DAS Ordnungssystem, DIE Ordnung, da Gott allumfassend ist.
I. Teil: Ueber Gott, 15. Lehrsatz:
Alles, was ist, ist in Gott, und nichts kann ohne Gott sein noch begriffen werden.
Gott war für die damalige Zeit noch irgendwie real und verstehbar. Es galt also als möglich, seinen Willen zu ergründen, um ihm folgen zu können:
II. Teil: Ueber die Natur und den Ursprung des Geistes, 47. Lehrsatz:
Der menschliche Geist hat eine adäquate Erkenntnis des ewigen und unendlichen Wesens Gottes. [BS S. 142]
II. Teil: Ueber die Natur und den Ursprung des Geistes, 29. Lehrsatz:
In der Natur gibt es kein Zufälliges, sondern alles ist vermöge der Notwendigkeit der göttlichen Natur bestimmt, auf gewisse Weise zu existieren und zu wirken.
I. Teil: Ueber Gott, 32. Lehrsatz:
Der Wille kann nicht freie Ursache, sondern nur notwendige heissen.
Hieraus (weil alles durch eine Ursache bestimmt wird, diese wiederum durch eine Ursache, der Wille aber so nicht frei, sondern bloss Bestandteil Gottes, der Ur-Ursache ist) erfolgt erstens, dass Gott nicht aus freiem Willen wirkt. (denn Gott IST DAS SEIN UND SEINE ORDNUNG)
Diese Anschauung widerspricht ein bisschen der Islamischen, in der Gott wirklich frei wirken könnte, also auch Aepfel vom Baum in den Himmel statt auf den Boden fallen lassen könnte, dies aber nicht tut, damit sich die Menschen besser orientieren und einrichten können.) Gott hat also die Natur, inklusive die in ihr herrschende Ordnung geschaffen - nach der sich die Natur weiter entwickelt. Dass diese Entwicklung nicht mit Adam und Eva, also dem Menschen angefangen hat, sondern mit Blaualgen oder so was (s. die Entstehung der Erde) und sich schrittweise weiter entwickelte, war bis in die Mitte des wissenschaftlich äusserst aktiven 19. Jahrhunderts ein Sakrileg, das auch Darwin erst nach seinem Tode veröffentlichte. Dass hier nicht bloss "Ordnung" und gezielte Entwicklung im Spiele ist, sondern sehr viel Zufall, galt sogar noch 1972 bei der Publikation von Jacque Monods <Zufall und Notwendigkeit> als Sakrileg.
Dass die Natur allerdings eine gewissen "Eigenwilligkeit" oder besser eigengesetzlichkeit hat, war auch bereits Spinoza bewusst, der deshalb unterschied zwischen der passiven, geschaffenen Natur (natura naturata) und der aktiven, schaffenden Natur (natura naturans). Auch diese Aufteilung ist logisch, denn:
II. Teil: Ueber die Natur und den Ursprung des Geistes, 36. Lehrsatz:
Es existiert nichts, aus dessen Natur nicht eine Wirkung folgte.
Noch heute interessant, quasi als Urquell der Psychologie, sind Spinozas Erklärungen zu den Faktoren, die den Menschen bestimmen, oder zumindest beeinflussen. Breits bei Aristoteles galt der Grundsatz, dass man zuerst wissen müsse wie die Menschen seien, bevor man ihnen erzähle, wie sie sein sollen:
Vierter Teil: Ueber die Menschliche Unfreiheit oder die Macht der Affekte
8. Unter Tugend und Vermögen (Fähigkeiten, Macht, Kraft) verstehe ich eins und dasselbe. Das heisst, die Tugend, sofern sie auf den Menschen bezogen wird, ist das eigentliche Wesen oder die eigentliche Natur des Menschen, sofern er die Macht hat, etwas zu bewirken, was durch die blossen Gesetze seiner eigenen Natur begriffen werden kann.
Präzise dieser Raum, in dem der Mensch wirken kann, wird als Wirklichkeit bezeichnet. Er deckt sich mit dem Raum, in dem der Mensch rational denken kann. Verlässt der Mensch diesen Raum, so holt ihn die Natur meist "therapeutisch" zurück, indem sie unrealistische Ideen von sich abprallen lässt oder ins geistig-esotherische Exil zwingt.
Die menschliche Ohnmacht im Mässigen und Einschränken der Affekte nenne ich Unfreiheit. Denn der den Affekten unterworfene Mensch steht nicht unter seinen eigenen Gesetzen, sondern unter denen des Schicksals, dessen Macht er dermassen unterworfen ist, dass er oft gezwungen ist, dem Schlimmeren zu folgen, obelich er das Bessere sieht.
Tucht, die Tapferkeit, aus dem sicht tüchtig eigentlich ableitet, ist bei Spinoza noch lange nicht auf die heutige Bedeutung von "produktiv" beschränkt, also auf die Fähigkeit zu erkennen, was sich verkaufen lässt (die wichtigste Wirkung des heutigen Homo oeconomicus), sondern bedeutet: "das Gute bewirkend". Sie hängt also in erster Linie von der, durch den Verlust des Paradieses erworbenen menschlichen Fähigkeit ab, zwischen GUT und BOESE zu unterscheiden:
19. Lehrsatz:
Jeder verlangt oder verschmäht nach den Gesetzen seiner Natur notwendig das, was er für gut oder für schlecht hält.
Defininitionen:
- Unter GUT verstehe ich das, von dem wir gewiss wissen, dass es uns nützlich ist.
- Unter SCHLECHT aber verstehe ich das, von dem wir gewiss wissen, dass es uns hindert, ein Gutes zu erlangen.
| Wir treffen hier auf gleich 3 "Spezialphilosophien" Utilitarismus, Pragmatismus und Existentialismus), wie sie heute bekannt sind. Diese wurden also weder entdeckt noch stellen sie etwas grundsätzlich Anderes oder Neues dar. Sie waren im alten Denken enthalten - und wurden isoliert, ganz in der Manier der Wissenschaften. Aehnliches passierte der spekulativen Philosophie, alias Kritik (s. Kant), die sich heute, wissenschaftlich genehmer, Konstruktivismus nennt, noch post-moderner: Dekonstruktion. |
Auch hier greift Spinoza eigentlich der zukünftigen Philosophie voraus, indem er bereits Mitte des 17. JH einen eigentlich utilitaristischen (um 1800) bis pragmatischen (um 1900) Denkansatz wählt, und dessen Funktionalität doch recht detailliert ausarbeitet:
Die Erkenntnis des Guten und Schlechten ist der Lust- oder Unlustaffekt selbst, sofern wir uns desselben bewusst sind.
Die Tugend ist das menschliche Vermögen selbst, welches aus dem Wesen des Menschen allein erklärt wird, welches allein aus dem Bestreben, womit der Mensch in seinem Sein zu beharren strebt, erklärt wird. Je mehr also jemand sein Sein zu erhalten strebt und vermag, um so tugendhafter ist er, und demgemäss, sofern jemand sein Sein zu erhalten unterlässt, insofern ist er unvermögend. W.z.b.w. [S. 280]
Macht und Möglichkeiten des Menschen waren und sind allerdings immer relativ, d.h. beschränkt durch äussere Umstände:
Dritter Lehrsatz:
Die Macht (Kraft), mit welcher der Mensch im Existieren verharrt, ist eine beschränkte und wird von dem Vermögen der äussern Ursachen undendlich übertroffen.
Wir haben im Folgenden eine weitere, äusserst interessante Aussage, die eigentlich bereits auf Ansichten des Existentialismus verweist: Kein Sein ohne Dasein. In allen vorhergehenden Lehrsätzen fehlt allerdings die Beziehung der Menschen untereinander, also die Sozialethik.
21. Lehrsatz:
Niemand kann begehren, glückseelig zu sein, gut zu handeln und gut zu leben, ohne dass er zugleich begehrt zu sein, zu handeln und zu leben, d.h. zu existieren.
Die mittelalterliche absolute Gottgläubigkeit, die Untwerfung unter die Autorität der Schrift, wurde durch die Aufklärung gebrochen, durch Herrschaftsglauben (Faschismus), Wirtschaftsglauben (ewiges Wachstum) und Technikgläubigkeit (immerwährender Fortschritt) ersetzt. Dieser Mangel an Sozialethik wurd e bei Spinoza offensichtlich noch dadurch behoben, als die gesamte Orientierung des Menschen auf Gott ausgerichtet war. Religiöse Normen sind fast immer prioritär auf die Organisation der Gemeinschaft ausgelegt, was ganz extrem auf den Islam zutrifft. Der Markt hingegen scheint kaum zu taugen als Lieferant ethischer Normen:
|
DIE ZEHN GEBOTE gestern und heute |
|
| alte, biblische Version | aktuelle, marktkonforme Version |
|
|
Im Naturzustand kann daher kein Verbrechen begriffen werden, wohl aber im bürgerlichen Leben, wo durch allgemeine Uebereinstimmung entschieden wird, was gut und was schlecht ist, und jeder verbunden ist, dem Staat zu gehorchen.
Verbrechen ist somit nichts anderes als Ungehorsam, welcher nur nach dem Staatsgesetze strafbar ist, wogegen der Gehorsam des Bürgers als Verdienst angerechndet wird, weil er durch denselben für würdig erachtet wird, der Vorteile des Staates sich zu erfreuen. [BS S. 300]
Die Natur war kein Gegenstand menschlicher Verantwortlichkeit - sie sorgte für sich selbst und, mit entsprechender Ueberredung und Bedrängung, auch für den Menschen: nicht Ethik, sondern Klugheit und Erfindungsgabe war ihr gegenüber angebracht. Aber in der Stadt, das heisst im gesellschaftlichen Kunstgebilde, wo Menschen mit Menschen umgehen, muss Klugheit sich mit Sittlichkeit vermählen, denn diese ist die Seele seines Daseins. [HJ]
Ein Rechtsstaat ist besser als ein Staat der Willkür, Gleichheit vor dem Gesetz besser als Ungleichheit, Recht des Verdiesternstes besser als Recht der Geburt, offener Zugang zu ersterem besser als durch Privilegien vorsortierter, Stimme in eigener Sache und Mitbestimmung der öffentlichen besser als ihre permanente Ueberlassung an amtliche Treuhänder, individuelle Mannigfaltigkeit besser als kollektive Homogenität, daher Toleranz für Andersheit besser als obligate Konformität - usw. usw.
aber keiner dieser Fortschritte garantiert, dass das System nicht instabil wird und regressiv re-agiert.
Obwohl Hans Jonas den Staat und Fortschritt über den grünen Klee lobt und Kritik (noch) auf Kritik an Umweltzerstörung und technischen Risiken beschränkt, sind wir heute, ein Vierteljahrhundert später, so weit, dass massive Instabilitäten sich häufen und Repression von vielen zur gelobten Ordnung erklärt wird. Vermutlich stehen wir gerade heute, wo alles nach härteren Gesetzen für "Verbrecher" - und der Abschaffung einschränkender Gesetze und Steuern für die Wirtschaft ruft, in dieser Zeit, vor der Jonas gewarnt hat.
Pazifizierung des westlichen <Industrieproletariats>
Der ökonomische Klassengewinn dieser reformerischen Entwicklung, die der anderen Seite teils durch Zwang, teils durch eigene Klugheit (und sogar Moral) abgewonnen und politisch im Recht gesichert wurde, ist wohlbekannt: Der Lebensstandard des Arbeiters im heutigen kapitalistischen Westen , gemessen nach Genussgütern wie nach Arbeitsbedingungen und -zeit, übertrifft den der meisten bescheidenen Bürger und Bauern der Vergangenheit vor dem Schicksal der Proletarisierung, und den Opfern des erbarmungslosen Frühkapitalismus wäre der heutige Zustand als Paradies erschienen. Es ist zu bezweifeln, dass sie sich von einer Revolution mehr versprochen hätten. Ueberdies haben <sozialistische Aspekte der öffentlichenWohlfahrt, wie Gesundheits- und Altersversicherrung, einen guten Teil der Existenzunsicherheit früherer Zeit beseitigt.
Mangels unterdrückter Klasse findet die Revolution nicht statt. [HJ S. 317-8]
II. Teil: Ueber die Natur und den Ursprung des Geistes, 48. Lehrsatz:
Es gibt im Geiste keinen absoluten oder freien Willen; sondern der Geist wird zu diesem oder jenem Wollen von einer Ursache bestimmt, welche auch wieder von einer andern bestimmt worden ist, und diese wieder von einer andern, und so ins unendliche.
Nun zittern wir in der Nacktheit eines Nihilismus, in der grösste Macht sich mit grösster Leere paart, grösstes Können mit geringstem Wissen davon, wozu. Es ist die Frage, ob wir ohne die Wiederherstellung der Kategorie des Heiligen, die am gründlichsten durch die wissenschaftliche Aufklärung zerstört wurde, eine Ethik haben können, die die extremen Kräfte zügeln kann, die wir heute besitzen und dauernd hinzuerwerben und auszuüben beinahe gezwungen sind. [HJ S. 17]
Den dort ausgehungerten, mit Atrophie bedrohten Fakultäten, die ausserdem, zur Ehre der Menschen, Bedürfnisse sind, muss denn Ersatz ausserhalb der Arbeit geschaffen werden: den kynetisch- muskulären in Athletik und Sport (da wird der Geistesarbeiter, mit weniger Freizeit, mittun), den sensorisch-perzeptiven in üppiger, passiv genossener Bildfütterung, den intellektuellen in Kreuzworträtseln und Schachproblemen. Das ist nicht so wegen kapitalistischer, sondern wegen technologischer Entfremdung und Entäusserung der Arbeit, welche mit ihrer anders nicht erreichbaren Produktivität für die Utopie, als Bedingung von Musse in Reichlichkeit, so nötig ist wie für den Kapitalismus aus Profitgründen. [HJ S. 352-3] Anders ausgedrückt: durch dauernd neue und kommerzialisierte <EVENTS>
Sinnvolle Arbeit, bezahlte Arbeit, wird immer knapper, da alles was rentiert nach dem Effizienzgebot möglichst rasch, also mechanisch produziert, möglichst gross und zentral verwaltet. Ueberall wo eine zahlungswillige und zahlungsfähige Klientel vorhanden ist, winkt Profit, bleibt dem Hobby, dem Hand-Werk, dem tätigen Menschen also wenig Chance.
Dieses gesamte Arsenal kann heute 1:1 beobachtet werden bei der Verwaltung der Arbeitslosigkeit (RAVs) und der mehr oder minder definitiv Ueberflüssigen (Sozialämter) oder verbrauchten (IV). |
Die erste - wenn auch nicht einzige - Verantwortung des Menschen ist:
Dass es in alle Zukunft eine solche Welt geben soll - eine Welt geeignet für menschliche Bewohnung - und dass sie in alle Zukunft bewohnt sein soll von einer dieses Namens würdigen Menschheit, wird bereitwillig bejaht werden als ein allgemeines Axiom oder als übereugende Wünschbarkeit spekulativer Phantasien.
Ethik scheint
sich also tendentiell immer auf die Zukunft zu beziehen, was ebenfalls nichts
als logisch ist, da es bei ethischen Fragen darum geht, wie der Mensch richtig
(gut) handeln soll.
Eine frühe Formen der
"Zukunftsethik" ist auch die religiöse Ethik, die allerdings die Zukunft etwas
gar weit weg schiebt, und erst das nach-irdische Leben, das ewige Leben als
relevant für die Existenz und Tätigkeit des Menschen errachtet. Die Ethik der
<jenseitigen Verantwortung> basiert(e) auf der
Qualifizierung durch ein gottgefälliges Leben, das sich insbesondere durch
Gerechtigkeit, Nächstenliebe und Lauterkeit ausprägt(e,
denn diese Werte sind in der Wettbewerbsgesellschaft nicht eben förderlich ....).
2.1 Die Macht des Menschen - Wurzel des Soll der Verantwortung:
Verantwortung ist eine Funktion von Macht ... Das rechte Tun aber ist am besten aufgehoben beim rechten Sein: darum hatte die Ethik es vornehmlich mit der <Tugend> zu tun, die eben das bestmögliche Sein des Menschen darstellt und wenig über ihre Betätigung hinaus auf das entferntere Danach blickt.
Alle Tugenden - Weisen persönlicher Vortrefflichkeit - zeigen diesen Doppelaspekt. Der Mut stellt dem Staate die Verteidiger gegen äussere Feinde zur Verfügung und das Ehrgefühl die Anwärter auf die höchsten Aemter, die Besonnenheit hält ihn vor willkürlichen Abenteuern zurück; die Mässigung zügelt die Gier, die dazu treiben könnte; die Weisheit wendet den Blick auf Güter, deren Besitz nicht präemptiv ist, also nicht Streitobjekt werden kann (dies hat später die <alleinwahre> Religion gründlich geändert!); die Gerechtigkeit, die <jedem das Seine gibt>, verhindert oder vermindert die Unbilligkeitsgefühle, die zu Empörung und Bürgerkrieg führen können. [HJ S. 223-4]
Auch hier sehen wir leicht, welche Tugenden für die heute herrschende Marktgläubigkeit obsolet, ja schädlich geworden sind:
Die religiöse Ausrichtung ist zwar hilfreich - aber nicht unbedingt nötig, um ethische Grundsätze begründen zu können, denn sogar die Psyche wird durch zukünftige Erwartungen stark beeinflusst (s. auch Börse):
III. Teil: Ueber den Ursprung und die Natur der Affekte, 18. Lehrsatz:
Der Mensch wird durch die Vorstellung eines vergangenen oder zukünftigen Dinges mit dem gleichen Affekt der Lust und Unlust erregt wie durch die Vorstellung eines gegenwärtigen Dinges.
Fragen wir uns, wer uns heute sagt, was wir können, sollen oder müssen, so ist es in erster Linie die Wirtschaft, allenfalls noch die Gesetze. Da letztere aber auf Politik basieren (Parlamente), und die Politik ebenfalls längst zur Dienerin der Wirtschaft geworden ist, sehen sich auch Politik und Rechtssprechung ausser Stande, ihrer Herrin zu gebieten und Grenzen zu ziehen. Hier herrscht Orientierungslosigkeit, d.h. vielmehr eine verkehrte Orientierung, die Wachstum und Grösse zu absoluten Zielen erklärt hat die nicht hinterfragt werden können, was sich am besten durch den absurden Ausdruck "nachhaltiges Wachstum" ausdrückt. Jonas bezeichnet diese Orientierungslosigkeit sogar als Ohnmacht, insbesondere gegenüber den Fragen: Wer wählt die Ziele? Wer sagt uns, was wir tun sollen? Er sieht (noch, vor 25 Jahren ...) eine Chance in der asketischen Moral bei den Massen im Kommunismus, wobei er sich allerdings auch schon fragt, wie lange diese wohl noch anhält:
Nun ist aber Macht wesentlich mitbedingt von der Bereitwilligkeit der Geführten sich führen zu lassen; und obwohl wir das Vermögen des Terrors, solche Bereitwilligkeit zu erzwingen, nicht unterschätzen wollen, so ist er doch nicht nur unerwünscht an sich, sondern auf die Dauer auch ein zweifelhaftes Mittel zum Zweck. [HJ S. 263]
Noch kritischer ist, dass sich Sozialismus und Kommunismus in Sachen Technikgläubigkeit zwar wohl über den Kapitalismus erheben ... aber dummerweise mit der falschen Ausprägung:
Aber was wirklich über die bürgerlich-liberale Einstellung hinausgeht, ist der fast religiöse Glaube an die Allmacht der Technik zum Guten. (im Sozialismus)
Da diese Alternative in der Zwischenzeit sich selbst erledigt hat, müssen wir dringend andere Lösungen suchen. Jonas beschrieb bereits 1984 das Wohlstandsversprechen nicht als Segen, sondern als Gefahr für die Umwelt wie für die Psyche:
Dass wir uns im Weltdurchschnitt eine Steigerung des Wohlstandes nicht mehr leisten können, wurde im vorherigen hinreichend ausgeführt. [HJ S. 287]
Sollte es aberr der Fall sein, dass die langfristige Umgestaltung der Lebensbedingungen und -gewohnheiten durch die Technik zu einer typologischen Veränderung <des Menschen> dieses plastischsten der Geschöpfe, führen wird (keine grundlose Vorstellung), so wird diese Veränderung kaum in die Richtung eines ethisch-utopischen Ideals gehen. Der überwiegende Vulgarismus des technologischen Segens allein macht dies mehr als unwahrscheinlich. (Der enormen Entmündigung des Einzelnen durch den - faktischen und psychologischen - Massenzwang der technologischen Ordnung als solcher brauchen wir nicht erst zu gedenken.) [HJ S. 297]
Wer hat Macht über die Macht des Faktischen, das eigentlich bloss konstruiert ist, aber wirkt, als Sach-Zwang?
Wer werden die <Bild>Macher sein, nach welchen Vorbildern, und auf Grund welchen Wissens?
Wovon ist diese Macht dritten Grades zu erwarten, die den Menschen wieder - und noch rechtzeitig - in die Kontrolle "seiner" Macht einsetzt und deren tyrannisch gewordene Eigenmacht bricht? Sie muss nach Lage der Dinge von der Gesellschaft ausgehen, da keine private Einsicht, Verantwortung oder Angst an ihre Aufgabe heranreicht. Und da die "freie" Wirtschaft der westlichen Industriegesellschaft gerade der Herd der Dynamik ist, die der Todesgefahr zutreibt, so richtet sich der Blick natürlicherweise auf die Alternative des Kommunismus. [HJ S. 254]
Eine Sozialethik ist also nicht nur eine Ethik, die die Gesellschaft organisiert und stabilisiert, ihr Orientierung gibt, eine Sozialethik ist zugleich die Ordnung, die notgedrungen von der Gesellschaft selbst etabliert werden muss, um Subsysteme mit zerstörerischer Eigendynamik unter Kontrolle bringen zu können. Diese Ordnung darf sich die Gesellschaft also nicht von Subsystemen, auch nicht vom Subsystem Wissenschaft aufschwatzen lassen oder gar vom Subsystem Wirtschaft als Sachzwang ans Bein ketten lassen.
Spinozas III: Kapitel: Ueber die Ursprünge und die Natur der Affekte - würde heute unter Psychologie der Emotionen und Motivation laufen. Teilweise nimmt er, wenn auch etwas seltsam begründet, Erkenntnisse moderner Hirnforschung (Steuerung durch Erfahrungen, das Unbewusste, Hormone) voraus. Auch wenn diese Voraussetzungen auf eher metaphysischer Basis begründet wurden, treffen Spinozas Schlussfolgerungen heute um so mehr zu, als die Grundlagen "wissenschaftlich" bestätigt sind.
III. Teil: Ueber den Ursprung und die Natur der Affekte, 1. Lehrsatz:
Unser Geist tut manches, manches aber leidet er. Sofern er nämlich adäquate Ideen hat, insofern tut er notwendig manches; und sofern er indadäquate Ideen hat, insofern leidet er notwendig manches.
III. Teil: Ueber den Ursprung und die Natur der Affekte, 12. Lehrsatz:
Der Geist ist bestrebt, soviel er vermag, das vorzustellen, was das Tätigkeitsvermögen des Körpers vermehrt oder fördert.
III. Teil: Ueber den Ursprung und die Natur der Affekte, 19. Lehrsatz:
Wer sich vorstellt, dass, was er liebt, zerstört wird, der wird Unlust empfinden; stellt er sich aber vor, dass es erhalten wird, so wird der Lust empfinden.
Hier zeigt sich die Begrenzung des Glücks durch Einkommen und besonders Vermögen, denn je grösser das Vermögen - desto grösser die Unlust, es eventuell zu verlieren.
Anmerkung zum 27. Lehrsatz:
Wenn wir einen Gegenstand unseresgleichen, für den wir keinen Affekt empfinden,von irgendeinem Affekt erregt vorstellen, so werden wir eben dadurch von dem gleichen Affekt erregt.
III. Teil: Ueber den Ursprung und die Natur der Affekte, 28. Lehrsatz:
Alles, wovon wir uns vorstellen, dass es zur Lust beiträgt, suchen wir zu fördern, um seine Verwirklichung herbeizuführen. Alles hingegen, wovon wir uns vorstellen, dass es jenem widerstrebt oder dass es zur Unlust beiträgt, suchen wir zu entfernen und zu zerstören.
Die Lust, womit wir uns die Tat einesandern vorstellen, mit welcher er uns zu erfreuen bestrebt war, nenne ich Lob; die Unlust dagegen, womit wir die Tat eines andern missbilligen, nenne ich Tadel.
III. Teil: Ueber den Ursprung und die Natur der Affekte, 29. Lehrsatz:
Alles das, wovon wir uns vorstellen, dass es die Menschen mit Lust ansehen, werden wir ebenfalls zu tun bestrebet sein; dagegen das, wovon wir uns vorstellen, dass die Menschen ihm abgeneigt sind, werden wir zu tun abgeneigt sein.
III. Teil: Ueber den Ursprung und die Natur der Affekte, 32. Lehrsatz:
Wenn wir uns vorstellen, dass jemand sich eines Dinges erfreut, das nur Einer allein besitzen kann, so werden wir zu bewirken suchen, dass jener dieses Ding nicht besitzt.
Hier die Grundlage des Neides - allerdings weniger des Neides der Armen auf die Reichen, sonder der Antrieb der Oekonomie unter der Elite: Einzigartiges besitzen, um sich abzuheben, auszuzeichnen, zu distinguieren. Drei weitere dieser wirtschaftlich motivierenden Triebe bei Spinoza:
XXXIII: Wetteifer ist Begierde nach einem Ding, welche in uns dadurch erzeugt wird, dass wir uns vorstellen, andere hätten diese Begierde.
XLIV: Ehrgeiz ist unmässige Begierde nach Ehre.Dieses Bestreben, etwas zu tun wie auch zu unterlassen, bloss aus dem Grunde, damit wir den Menschen gefallen, heisst EHRGEIZ, besonders wenn wir so übermässig der Menge zu gefallen streben, dass wir etwas tun oder unterlassen, selbst wenn es uns oder andern zum Schaden gereicht; andernfalls pflegt man es MENSCHENFREUNDLICHKEIT zu nennen.
XLVII: Habsucht (Geiz) ist unmässige Begierde und Liebe zu Reichtum.
Da eben dieser Wetteifer, wie auch der Zufall, Fortuna, Gottes Walten, die Vermögen recht ungleich verteilt, dies aber ungerecht und damit demotivierend ist, damals oft sogar tödlich, machte sich auch Spinoza Ueberlegungen zur Unterstützung der Armen. Er stipulierte bereits eigentlich eine kollektive Zuständigkeit - und nicht die heute wieder belobigte private Wohltäterei:
ANHANG:
Die Menschen werden ausserdem durch Freigebigkeit gewonnen, diejenigen besonders, welche nicht in der Lage sind, das zum Lebensunterhalt Notwendige sich zu verschaffen. - Doch übersteigt es weit die Kräfte und den Nutzen eines Privatmannes, jedem Bedürftigen Hilfe gewähren zu können, da der Reichtum eines Privatmannes lange nicht hinreicht, dies zu leisten. Zudem ist auch die geistige Fähigkeit eines einzelnen viel zu beschränkt, um auch alle in Freundschaft verbinden zu können. DARUM LIEGT DIE SORGE FÜR DIE ARMEN DER GANZEN GESELLSCHAFT ob - und gehört nur zum Gemeinwohl. [S. 345-6]
III. Teil: Ueber den Ursprung und die Natur der Affekte, 58. Lehrsatz:
Ausser der Lust und der Begierde, welche Leiden sind, gibt es aber noch andere Affekte der Lust und der Begierde, die sich auf uns beziehen, sofern wir tätig sind.
Wenn der Geist sich selbst und sein Tätigkeitsvermögen begreift, empfindet er Lust. Der Geist aber betrachtet sich selbst notwendig, ewil er seine wahre oder adäquate Idee begreift. Nun begreift der Geist einige adäquate Ideen. Folglich empfindet er auch insofern Lust, sofern er adäquate Ideen begreift, d.h. sofer er tätig ist. - Ferner strebt der Geist sowohl sofern er klare und deutliche als auch sofern er verworrene Ideen hat, in seinem Sein zu verharren. Unter Bestreben verstehen wir aber die Begierde. Folglich bezieht sich die Begierde auf uns, auch sofern wir erkennen oder sofern wir tätig sind. W.z.b.w.
61. Lehrsatz: Die Begierde, welche aus der Vernunft entspringt, kann kein Uebermass haben. [BS S. 326]
Wir haben hier eine Erklärung des aha-Effektes, der Belohung von Denkern und Philosophen, wie von Erfindern nicht vermarktbarer Erfindungen. Wichtiger aber ist, dass eben dieser Antrieb über die vom Nucleus accumbens durch Hormone gesteuerte Lust, über die sich der Mensch trefflich konditionieren, ja dressieren lässt:
III. Teil: Ueber den Ursprung und die Natur der Affekte, 59. Lehrsatz:
Unter allen Affekten, die sich auf den Geist, soferern er tätig ist, beziehen, gibt es keine andern als solche, die sich auf die Lust oder die Begierde beziehen.
Dahern empfindet der Geist insofern Unlust, sofern sein Erkenntnisvermögen, d.h. sein Tätigkeitsvermögen, vermindert oder gehemmet wird.
d.h. je umfassender die Ausbildung und das Wissen, desto frustrierender geistig beschränkte Tätigkeit in Verwaltung oder überflüssiger Produktion.
Der Mensch wird also "gesteuert" durch drei Hauptaffekte: Begierde und Lust - wie verschiedenste Formen der Unlust.
Die Begierde ist des Menschen Wesen selbst, sofern es als zu irgendeiner Tätigkeit bestimmt begriffen wird. [BS S. 232]
Hierin liegen "die unendlichen Bedürfnisse" der Oekonomie also begründet, die eine Oekonomie der Bescheidenheit, der Subsistenz, laut aktuelle herrschender Wirtschaftstheorie verunmöglichen soll.
Aus Spinozas Ethik lassen sich aber noch weitere Rückschlüsse auf den heutigen Zustand der Welt ziehen:
Definitionen der Affekte:
II: Lust ist Uebergang des Menschen von geringerer zu grösserer Vollkommenheit.
III: Unlust ist Uebergang des Menschen von grösserer zu geringerer Vollkommenheit.
Auch können wir nicht sagen, dass die Unlust im Mangel grösserer Vollkommenheit besteht. Denn Mangel ist nichts, der Affekt der Unlust aber ist ein Vorgang und kann daher nichts anderes sein als der Vorgang des Uebergangs zu geringerer Vollkommenheit, d.h. der Vorgang, durch welchen das Tätigkeitsvermögen des Menschen vermindert oder gehemmt wird. [BS S. 233]
41. Lehrsatz:
Lust ist an und für sich nicht schlecht, sondern gut; Unlust hingegen ist an und für sich schlecht.
Beweis: Lust ein ist ein Affekt, durch welchen das Tätigkeitsvergnügen des Körpers vermehrt oder gefördert wird. Unlust hingegen ist ein Affekt, durch welchen das Tätigkeitsvermögen des Körpers vermindert oder gehemmt wird. Daher ist Lust an und für sich gut usw. - W.z.b.w.
42. Lehrsatz: Wohlbehagen kann kein Uebermass haben, sondern ist immer gut; Missbehagen dagegen ist immer schlecht.
Gerade in Zeiten in denen Autoritarismus wieder erblüht und ein gewisses Chaos durch stramme Ordnung und strenge Strafen geordnet werden soll, ist darauf hinzuweisen, dass Demotivation generell schlecht ist, Strafen also generell von Uebel sind! Dies war Grundlage der 68er, der flower power und der antiautoritären Erziehung, deren Vertreter 40 Jahre später aber mehrheitlich als <realitätsfremde Versager> oder gar fahrlässige Jugendverderber bezeichnet werden. Wenn es darum geht, Menschen, insbesondere die Jugend zu demotivieren, dann verschärft die Strafen und führt Autoritarismus ein, Autoritarismus ohne wirkliche Autorität des besseren Wissens. Noch einfacher kann man eine Gesellschaft nicht zur Sau machen.
Spinoza geht hier noch weiter und begründet gar einen der wichtigsten
Grundsätze von Adam Smith
(1723-1790) wie auch des späteren
Utilitarismus:
|
Vernunft
37. Lehrsatz: Das Gut, welches jeder, der der Tugend nachwandelt, für sich begehrt, wünscht er sich auch den übrigen Menschen, und um so mehr, je grösser seine Erkenntnis Gottes ist.
Wer bloss aus Affekt danach trachtet, dass die andern lieben, was er selbst liebt, und dass die andern anch seinem Sinne leben, der handelt bloss ungestüm und ist deshalb verhasst, besonders denjenigen, die etwas anderes gutheissen und die daher ebenfalls streben und ebenso ungestüm danach trachten, dass die andern nach ihrem Sinne leben.
Wer dagegen aus Vernunft bestrebt ist, die andern zu leiten, der handelt nicht ungestüm, sondern menschenfreundlich und milde und ist im Geiste mit sich vollkommen einig.
Aus dem oben Gesagten ist ferner der Unterschied zwischen der währen Tugend und dem Unvermögen leicht ersichtlich. Die wahre Tugend ist nämlich nichts anderes, als nach der Leitung der Vernunft allein leben. Somit besteht das Unvermögen darin allein, dass der Mensch von Dingen, die aussser ihm sind, sich leiten lässt und von ihnen bestimmt wird, das zu tun, was die gemeinschaftliche Beschaffenheit der äusseren Dinge fordert, nicht aber das, was seine eigene Natur selbst, für sich allein betrachet, fordert. [S. 298]
Spinoza wird ja vorgeworfen, dass seie Freihheitsbegriff Unterwerfung unter die Einsicht in Notwendigkeit erfordert, also Anpassung an die Umstände. Dem, gerade dem, widerspricht er aber selbst andauernd, gerade hier. Es gibt kaum eine härtere Kritik als die oben formulierte an der blindwütigen Anpassung, die gerade heute die Wirtschaft von ihren Untergebenen fordert - im Namen von nichts als "äusseren Dingen", heute Sachzwang genannt.
VI: Liebe ist Lust, verbunden mit der Idee einer äusseren Ursache.
Diese Definition drückt das Wesen der Liebe vollständig klar aus. Die Definition jener Schriftsteller aber, welche lautet: Liebe ist der Wille des Liebenden, sich mit dem geliebten Gegenstand zu verbinden, drückt nicht das Wesen der Liebe, sondern eine Eigenschaft derselben aus. [BS S. 235]
52. Lehrsatz: Selbstzufriedenheit kann aus der Vernunft entspringen und nur diese aus der Vernunft entspringende Zufriedenheit ist die höchste, welche es geben kann.
Selbstzufriedenheit ist in Wahrheit das Höchste, was wir hoffen können.
| Le bonheur n'est pas chose aisée:
il est très difficile de le trouver en nous, et impossible de le trouver ailleurs. Chamfort |
Hier erhält der Satz vom Streben nach dem Nützlichen eine Korrektur. Neid und permanente Unzufriedenheit sind nicht gut. Mit sich selbst zufrieden sein ist Glück, also gut. Diese Wertung wurde von der Marktwirtschaft total untergraben, ja ins Gegenteil verkehrt: Zufriedenheit mit dem was man hat und ist darf es nicht geben. Selbstzufriedenheit steht heute für eine unkritische Haltung, insbesondere selbst-unkritisch, die keine Kriterien ausserhalb des Selbst akzeptiert, also eigentlich als autistisch klassifiziert werden müsste. Selbstzufriedenheit im Sinne Spinozas meinte dagegen, mit seiner Existenz und seinem Sein und Streben in Harmonie, also eben zufrieden, oder gar glücklich zu sein, ein Zustand, der nicht zum wirtschaftssystem permanenten Strebens nach mehr, also permanenter Unzufriedenheit passt. Selbstzufriedenheit ist im Prinzip eigentlich die Lösung des Problems, dass sich Glück niemals ausserhalb des Selbst finden lässt.
Ideale bilden sich im Kontext des eigenen Handelns heraus, in dem wir emotional bejahend oder verneinend Stellung nehmen. Die persönliche Wertung steht dabei im Zusammenhang gesellschaftlichen Wertens, in dem bestimmte Handlungsweisen als besonders trefflich und gelungen und die Handelnden selbst als Vorbilder ausgezeichnet werden. Sieht man von den einzelnen gelungenen Handlungen oder vortrefflichen Personen ab und fasst abstrakteren Eigenschaften auf, dann kann man sie als allgemeine Werte, Normen, Tugenden oder Ideale aussagen. Die Ideale nehmen somit eine vermittelnde Stellung zwischen der realen Handlung und der Idee des Guten ein, indem sie diese durch modellhafte Handlung oder allgemeine Eigenschaften erläutern. Die Psychologie der Idealbildung zeigt, dass diese an eine Sozialisationsphase anknüpft, in der das Kind die äusseren Versagungen dadurch zu meistern versucht, dass es narzisstische Allmacht- und Grössenphantasien ausbildet. Neben diesem gesteigerten Selbsterleben beginnt es auch, die Macht der Eltern zu überschätzen und zu idealisieren. Um diese idealisierte Elternimago kristallisieret sich der Teil des Gewissens, in dem die Gebote der Vorbilder enthalten sind. In ihm sedimentieren sich auch alle späteren Erfahrungen von Autorität und Idolen. Die Bedeutung der Ideale ist darin zu sehen, dass sie Modelle gelungenen Handelns darstellen, die jedoch nur dann sittliche wirksam werden, wenn sie an frühere affektive Erlebnisse anknüpfen und in ein ausgewogenes Verhältnis zu den realen Handlungsmöglichkeiten gebracht werden (relativ autonomes Selbst).
[Otfried Höffe: Lexikon der Ethik. C.H. Beck. München 1977]
Eine Orientierung an Idealen wird gerne als Idealismus lächerlich gemacht, was allerdings, in Anbetracht der Bedeutung und insbesondere der Verbindung zur Praxis recht dämlich sein dürfte. Die Orientierung an Idealen, also an Modellen guten Handelns das gelingen kann ist eigentlich auch Ziel der Phronesis, der Klugheit - und diese wiederum, nach Kant, das pragmatische Wissen zur Beförderung der eigenen Glückseeligkeit.
45. Lehrsatz: Hass kann niemals gut sein.
Einen Menschen, den wir hassen, streben wir zu vernichten, wir streben also nach etwas, das schlecht ist.
Missgunst, Verhöhnung (Spott), Verachtung, Zorn, Rachsucht und die übrigen Affekte, die sich auf den Hass beziehen oder aus ihm entspringen, sind schlecht ...
Eifersucht
III. Teil: Ueber den Ursprung und die Natur der Affekte, 35. Lehrsatz: Wenn sich jemand vorstellt, dass der geliebte Gegenstand mit einem andern durch ein gleiches oder engeres Band der Freundschaft, als das was, wodurch er allein dasselbe in Besitz hatte, sich verbindet, so wird er von Hass gegen den geliebten Gegenstand erregt werden und jenen andern Gegenstand beneiden.
Anmerkung: Dieser Hass gegen den geliebten Gegenstand, der mit Neid verbunden ist, heisst EIFERSUCHT. ... Dieses Verhältnis findet meistens in der Liebe zu Frauen statt. Denn wer sich vorstellt, dass eine Frau, die er liebt, sich einem andern preisgibt, wird nicht bloss Unlust empfinden, weil sein Verlangen gehemmt wird, sondern er verabscheut auch diese Frau, weil er gezwungen wird, die Vorstellung der Geliebten mit den geheimen Körperteilen und Exkremementen eines andern zu verbinden.
Randbemerkung: Exkremente heisst Ausscheidungen. Hier gemeint Ejakulat. Erst 199.. wurde durch einen Gerichtsentscheid festgelegt, dass Ejakulate nicht mehr zu den Ausscheidungen gehören, deren Abbildung als verbotene Pornographie zu werten ist.
III. Teil: Ueber den Ursprung und die Natur der Affekte, 43. Lehrsatz:
Der Hass wird durch Erwiderung des Hasses verstärkt, kann dagegen durch Liebe getilgt werden.
Neid
Trost für Unglückliche ist's, Genossen im Unglück zu haben.
Umgekehrt wird er um so mehr Unlust empfinden, je geringer er sich gegen andere wähnt. Daher kommt es, dass niemand mehr zum Neid geneigt ist als die Kleinmütigen; dass sie mit Vorliebe das Tun und Lassen anderer beobachten, mehr um zu nörgeln, als um zu bessern; und dass sie endlich nur den Kleinmut loben und sich dessen rümen, aber so, dass sie dabei doch den Schein des Kleinmuts bewahren. [S. 320]
XXIX: Kleinmut ist, aus Unlust eine geringere Meinung von sich haben, als recht ist.
§ 22: Im Kleinmut (Demut, Selbsterniedrigung) steckt eine Art von Frömmigkeit und Religion. Und obgleich der Kleinmut dem Hochmut gegenübersteht, so steht doch der Kleinmütige dem Hochmütigen am nächsten.
48. Lehrsatz:
Die Affekte der Ueberschätzung und Unterschätzung sind immer schlecht.
56. Lehrsatz: Der grösste Hochmut und der grösste Kleinmut bekundet das grösste geistige Unvermögen.
Die erste Grundlage der Tugend ist, sein Sein zu erhalten, und zwar nach der Leitung der Vernunft. Wer sich selbst nicht kennt, kennt nicht die Grundlage aller Tugenden selbst. Die Hochmütigen und die Kleinmütigen sind den Affekten am meisten unterworfen.
57. Lehrsatz: Der Hochmüthige liebt die Nähe von Schmarotzern oder Schmeichlern, hasst aber die Edelmütigen.
Hochmut ist Lust, daraus entsprungen, dass der Mensch eine bessere Meinung von sich hat, als recht ist. Diese Meinung strebt der hochmütige Mensch, soviel er vermag, zu nähren. Daher wird der Hochmüthige die Nähe der Schmarotzer oder Schmeichler lieben, die der Edelgesinnte aber, welche keine bessere Meinung von ihm haben, als recht ist, fliehen.
Indessen darf hier nicht verschwiegen werden, dass auch derjenige hochmütig genannt wird, der von anderen Menschen eine geringere Meinung hat, als recht ist. [BS S. 319]
Trost für Unglückliche ist's, Genossen im Unglück zu haben.
Umgekehrt wird er um so mehr Unlust empfinden, je geringer er sich gegen andere wähnt. Daher kommt es, dass niemand mehr zum Neid geneigt ist als die Kleinmütigen; dass sie mit Vorliebe das Tun und Lassen anderer beobachten, mehr um zu nörgeln, als um zu bessern; und dass sie endlich nur den Kleinmut loben und sich dessen rümen, aber so, dass sie dabei doch den Schein des Kleinmuts bewahren. [S. 320]
§ 21: Auch die Schmeichelei erzeugt Eintracht, aber durch das hässliche Laster der Knechtseeligkeit oder durch Heuchelei. Denn niemand lässt sich mehr durch Schmeichelei einnehmen als die Hochmütigen, welche die ersten sein möchten, aber nicht sind.
Furcht
Mitleid63. Lehrsatz: Wer von der Furcht geleitet wird und das Gute tut, um das Schlechte zu verhüten, der wird nicht von der Vernunft geleitet.
67. Lehrsatz: Der freie Mensch denkt über nichts weniger als über den Tod; und seine Weisheit ist nicht ein Nachdenken über den Tod, sondern über das Leben. [S. 332]
69. Lehrsatz: Die Tugend des freien Menschen zeigt sich ebenso gross in Vermeidung als in Ueberwindung von Gefahren. [BS S. 334]
50. Lehrsatz: Mitleid ist bei einem Menschen, der nach der Leitung der Vernunft lebt, an und für sich schlecht und unnütz.
Diese Nachahmung der Affekte heisst, wenn sie Unlust betrifft, MITLEID. Betrifft sie aber die Begierde, so heisst sie WETTEIFER. Diese ists also nichts anderes als die Begierde nach einem Ding, welche in uns durch die Vorstellung erzeugt wird, dass andere unseresgleichen diese Begierde haben.
... denn Mitleid erzeugt Unlust - Hilft dem Bemittleideten aber nicht aus seiner misslichen Lage. Aber auch im "positiven" Fall, dem Wetteifer, handelt es sich offenbar um blosses Nachahmen einer Begierde, die bei andern beobachtet wird: Er hat - ich muss auch haben, mehr haben, mehr sein,mehr können, mehr dürfen (kaum aber: mehr sollen).
Reue
XXVII: Reue ist Unlust, begleitet von der Idee einer Tat, die wir aus freier Entschliessung des Geistes getan zu haben glauben. [BS S. 242]
Scham
XXXI: Scham ist Unlust, verbunden mit der Idee einer eigenen Handlung, die wir uns von andern getadelt vorstellen.
FAZIT: Summe der anstehenden Probleme einer Sozialethik
|
Das dürfte allerdings nicht alles sein. Vor ca. 15 Jahren kam, als Antwort auf die Bedrohung durch die Technik, der Risikodialog auf- quasi als moderne Form rationaler Ethik. Inzwischen hat sich dieser allerdings weitgehend des Dialogs entledigt und wurde zur wissenschaftlichen Risiko-Forschung (s. etwa Nanotechnologie, Gentechnik), zu Risiko-Management (wiki) und -verwaltung, zu Technik-Folgen-Abschätzung und dergleichen, allerdings eben nur was technische Risiken betrifft. Was soziale Risiken angeht, so ist hier der Dialog immer noch weitgehend ein populistisches Tummelfeld von Parteiquerelen und Vorurteilen. Die Sozialarbeit, welche die Folgen der Entwicklung für die Gesellschaft kennt, ist immer noch, immer mehr, Auftragnehmer von Staat und Gesellschaft, nicht aber gesellschaftliche Entwicklungsinstanz. Während dem in Wirtschaft und Technik Innovation alles ist, re-agiert die Sozialpolitik immer regressiver und autoritärer auf Störungen. Sozialethik täte not, aber bereits Spinoza starb schon im Alter von 45 an Lungentuberkulose, weil er sich sein Brot als Glasschleifer verdienen musste ... Da es zwar um Zukunftsorientiertes gutes Handeln geht, könnte man denken, dass hier vielleicht die Zukunftsforschung hilfreich wäre, aber auch diese beschränkt sich meist auf technisches, noch lieber darauf, irgend einen Trend loszutreten, der sich dann verkaufen lässt. think tanks sind meist klar propaganstisch, und wenige auf "Denken" ausgerichtet. Utopien (politische) ... sind eben Utopien, Ideen ohne reellen Raum in dem sie verwirklicht wurden.
Was mir persönlich vorschwebt wäre eine Art Zukunftsforen, so ähnlich dem Club of Rome (Die Grenzen des Wachstums - praktisch der einzige Bereich, zu dem der Club "öffentlich" wurde) - aber weniger elitär, also auch für Normalbürger offen die sich um die Zukunft sorgen machen und diese mit gestalten wollen, sich dabei aber nicht auf ein ja oder nein so ab und zu bei Abstimmungen beschränken wollen, und auch keine Lust haben, eine bereits vorgekaute Parteimeinung zu übernehmen und zu verbreiten. Gerade dies muss möglich sein, da es eben nicht darum geht, die Zukunft zu erforschen oder gar zu berechnen, sondern so zu gestalten, dass sie - wo weit es die durch Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft gegebenen Grenzen erlauben - unsern Wünschen gemäss sich entwickelt.
> s. Oeffentliches Philosophisches Forum für Gegenwartsfragen, Basel (OEPFEL), Weiterentwicklung: Club of Basel
Martin Herzog, Basel, 24.8.08
Wirtschaft: Auch Wirtschaftsethik muss Sozialethik sein, denn sonst ist sie allenfalls Politik, in der über Willen per Machtposition verhandelt wird, oder gleich ein Herrschaftssystem der Stärkeren, d.h. der Begüterten, also Plutokratie.