Philosophie ... was ist das? In 2500 Jahren vom Nichtwissen zur Explosion nichtigen Wissens[Bertrand Russell: Philosophie des Abendlandes. Ihr Zusammenhang mit der politischen und der sozialen Entwicklung.
Europa Verlag Zürich. 1950/2009]
Russell hat dieses monumentale Werk 1950 geschrieben und wurde dafür (inklusive der anderen die er verfasst hat) mit dem Nobelpreis für Literatut bedacht. Obwohl die Postmoderne damals noch erst in der Kunst diskutiert wurde, war sich Russell der Problematik grosser System bewusst, und sei es nur auf Grund der Probleme, die sich - und dem Leser - Hegel damit eingehandelt hat. Sein Fazit ist in etwa das selbe, dass ich ziehen würde, nähme ich die dauernden Anfeindungen wegen des enzyklopädischen Umfangs von Brainworker ernst: Bücher mit weitergezogenem Rahmen sollten gar nicht geschrieben werden, da der Einzelne unmöglich den selben Ein- und Überblick erhalten kann, wie der Spezialist. Gesamtschauen sollten also aus einzelnen Beiträgen der Spezialisten bestehen. Die einzelnen Spezialisten haben aber Probleme mit der Kooperation. Meist kennen sie kaum die Vor- und Nachperiode, und auch die nur aus eigener Interpretation. Es entsteht also ein enormes Stückwerk ohne Zusammenhang. Geht man von irgendeiner einheitlichen und geschichtlichen Entwicklung, einem inneren Zusammenhang zwischen dem Vorangegangenen und dem Nachfolgenden aus, so lässt sich das unbedingt nur darstellen, wenn sich die Synthese der früheren und späteren Perioden in einem einzigen Kopf vollzieht. [S. 9] s. Zeit und Geschichte
Die Philosophie ist nach meiner Auffassung ein Mittelding zwischen Theologie und Wissenschaft. Gleich der Theologie besteht sie aus Spekulation über Dinge, von denen sich bisher noch keine genaue Kenntnis gewinnen liess; wie die Wissenschaft jedoch beruft sie sich weniger auf eine Autorität, etwa die der Tradition oder die der Offenbarung, als auf die menschliche Vernunft. Jede sichere Kenntnis, möcht ich sagen, gehört in das Gebiet der Wissenschaft; jedes Dogma in Fragen, die über die sichere Erkenntnis hinausgehen, in das der Theologie. Zwischen der Theologie und der Wissenschaft liegt jedoch ein Niemandsland, das Angriffen von beiden Seiten ausgesetzt ist; dieses Niemandsland ist die Philosophie. [S. 11]
Da die Theologie, ja Gott, heute nicht mehr geeignet sind, der Welt einen verlässlichen Zusammenhalt zu schaffen (aufgrund der Akzeptanz für unterschiedliche Religionen, einer Vielfalt an Glaubensinhalten (s. Pluralismus), brauchen wir ein anderes Kon-Zept, das die Welt zusammen hält. Die letzten 100 Jahre hat man es fast weltweit inzwischen, mit der Ökonomie versucht. Vielleicht gerade darum diese "göttliche" Eifersucht, dass es nur ein System geben kann: delende Cuba! Die Philosophie steht also nicht mehr zwischen Wissenschaft und Theologie, Denn die ökonomische Theologie hat längst die Wissenschaft vor ihren Karren gespannt. Die Philosophie, wo sie sich nicht auch grad noch zwecks Marketing als Wirtschaftsethikverschaukelpferd vor den Wagen spannen lässt, ist nur noch eine lästige Fliege.
Russell teilt die Geschichte des klassischen Griechenlands in 3 Perioden:
Die Stoiker sahen das tugendhaften Leben weniger in einer Beziehung des Einzelnen zum Staat begründet, als in seiner Beziehung zu Gott. Das Christentum machte diese Anschauung populär und allgemeingültig, dass der Mensch wichtigere Verpflichtungen gegenüber Gott habe als gegenüber dem Staat.
Wissenschaft und Praxis: Bereits damals war das Wissen in zwei Klassen aufgeteilt, in praktisches und theoretisches (und ethisches, orientierungswissen, eine Klasse die im Westen längst vergessen ging, aber das Denken im Osten dominiert, teleologisch, final.). Euklid verachtete z.B. den praktischen Nutzen, der von Plato ausdrücklich betont worden war. Mathematik und Geometrie waren also DIE abstrakten Wissenschaften von Anfang an - was allerdings nur für Europa gilt. In den islamischen Ländern war sie Grundlage der Vermessungskunst (handasa, das der Bezeichnung für <Ingenieur>, muhandis, zu Gevater stand), die für Bewässerung überlebenswichtig war, also äusserst praktisch. Ein grosser Teil des Wissens, das hier den Griechen zugeschrieben wird, konnten diese allerdings bereits von den Arabern, über die Perser, übernehmen. So ist etwa der seltsame Brauch, Winkel in 360° pro Kreis aufzuteilen statt sagen wir 100 oder 1000, das Grad wiederum auf 60 Minuten und diese wiederum in 60 Sekunden, auf die Vorliebe der Babylonier für die Zahl 60 zurückzuführen.
Den rein rationalen Philosophen standen in Griechenland die Orphiker gegenüber, denn die reine Wissenschaft befriedigt nicht. Menschen brauchen auch Leidenschaft, Kunst und Religion. Die Philosophen erklärten die Ordnung, die Orphiker versprachen das ewige Leben, nach dem Leben. Sie hatten ein ähnliches System wie der Buddhismus, in dem der Mensch wiedergeboren wird, bis er entweder durch guten Lebenswandel diesem Kreislauf entkommt und die ewige Seligkeit erlangt - oder ewige Qualen erdulden muss. Die Orphiker waren Vegetarier. Ihr genereller Grundsatz: Nichts im Unmass! Sie hatten keine Kirche, sondern bildeten eine Gemeinschaft, in die jeder aufgenommen werden konnte - und unter deren Einfluss erkannt wurde, dass man sich auch von Philosophie leiten lassen kann.
Pythagoras (570-510): Die Mathematik, im Sinne des überzeugenden deduktiven Beweises, beginnt mit ihm und steht bei ihm in engem Zusammenhang mit einer besonderen Art von Mystizismus. Die Mathematik hat seither auf die Philosophie stets einen starken und verhängnisvollen Einfluss ausgeübt, was teilweise auf ihn zurückzuführen ist. [S. 51]
Diese Aussage verliert ihr Menetekelhaftes, wenn man sich bewusst macht, dass Russell gleichzeitig mit Wittgenstein lehrte, der ja in einem ersten Versuch (Tractatus logico-philosophicus) die gesamte Wahrheit formalisieren, also zum Kalkül machen wollte. Und der Kalkül hat sich noch immer als verderblich erwiesen, da er leicht - aber falsch - auch auf Gebiete sich anwenden lässt (Alle Dinge sind Zahlen. Pythagoras), die eigentlich ganz andern Regeln gehorchen. Auch für Platon war Gott ein Mathematiker. Die Mathematik wurde so zum Fundament eines Glaubens an ewige und exakte Wahrheit, ein Glaube, den erst das 20. Jahrhundert zerstörte dank Relativitätstheorie, Quantentheorie, Unschärferelation, Gödels Unvollständigkeitssatz etcetc., was uns direkchtemang in die Postmoderne geführt hat. Dennoch, trotz seiner eigenen Kritik, war Russells wichtigstes Werk eigentlich die mit Witehead verfassten Prinzipia Mathematica.
Bereits zur Zeit Russells hielten viele die Philosophie für überflüssig, da der Fortschritt durch die Wissenschaft gebracht wurde. Nach wie vor sind aber praktisch alle wichtigen Themen von den Griechen angedacht worden, die zugleich auch die Begriffe erstmals zur Verfügung stellten. Da die Welt der Griechen einfacher war als unsere heutige, geht heute einige Klarheit in Verwirrtheit oder Beliebigkeit über, was sich durch einen Rückblick manchmal korrigieren lässt. Allerdings belastet die Einseitigkeit des griechischen Denkens das primär auf Deduktion aus Selbstevidentem ausging, aber selten aus Induktion von Beobachtungen, noch heute den Diskurs über Wahrheit.
Im Umgang mit vergangenen Wahrheiten, zu denen fast alle Wahrheiten früher oder später ja gehören, meint Russell, dass man ihnen gegenüber zumindest mal mit einer Art hypothetischer Sympathie ansetzen sollte, dann, in der Annahme, dass der betreffende Philosoph kein Dummschwätzer gewesen sei, versuchen soll zu begründen, warum er - mit seiner Perspektive - zu seinen Schlüssen kam, warum ihm seine Anschauung die richtige erschien. Ein solches eher psychologisches Vorgehen erleichtert auch das Verständnis dafür, warum eigene Ideen von andern eventuell als verschroben angesehen werden.
Russell kommt zu diesen Aussagen auf Grund von Heraklit (540/35-483/75), der uns nicht all zu sympathisch erscheint mit Aussagen wie: "Der Krieg ist der Vater aller Dinge" oder Jedes Tier wird mit Schlägen auf die Weide getrieben".
Auch Mass halten war nicht immer Sache der Griechen, nicht mal ihrer Philosophen. So hatte Heraklit behauptet, dass alles sich wandle, währendem Parmenides dafür hielt, dass nichts sich ändere. Parmenides war jedoch aus Süditalien und die dortige Philosophische Schule neigte eher zu Mystizismus und Religion (wo sich echt nicht viel ändert), während dem die Ionier (die Halbinselgriechen) sich eher den Wissenschaften widmeten, die heute noch DER Motor der Veränderung sind. Parmenides schied seine Lehre in den Weg der Wahrheit und den Weg der Meinung, wobei ihn letztere ganz und gar nicht interessierte (er war eben kein Politiker). Mit dem Unterschied zwischen Schein und Wirklichkeit legt er die Basis für Platons Ideen.
Skepsis begleitet die Philosophie seit ihrer Entstehung. Zweifel an einer objektiven Wahrheit führen dazu, dass meist eher die Masse ihr Recht erhält als die Wahrheit (was heute bei Google noch genau so ist). Die Mehrheit entscheidet, was man glauben und tun soll. Eine gewisse Verlässlichkeit in diesen Dingen, vor allem in Moral und Gesetz, stabilisiert die Gesellschaft, bildet Tradition.
In Athen war Philosophie eine Art Zeitvertreib der jeunesse doré, die nicht darauf angewiesen war zu arbeiten. Dafür hatte man schliesslich Sklaven. Man beschäftigte sich also mit Wissenschaft, Mathematik, Philosophie; kennt Homer auswendig (nicht den Homer Simpson) und kritisiert seine Rezitatoren, betreibt also das Selbe, was Kulturschnösel heute noch so tun.
Diejenigen, die nicht reich waren und für ihren Unterricht Lohn forderten, nannte man Sophisten. Sie lehrten vor allem die Kunst des Argumentierens und so viel Wissen, wie es dieser Kunst dienlich sein konnte. Sie förderten also den Dialog durch Verbesserung der Kenntnisse in Rhetorik und Dialektik. Man würde sie heute vielleicht Moderatoren nennen ... hätten sie darüber hinaus nicht auch noch inhaltlich etwas zu sagen. Sie zeigten, wie heute Anwälte oder (gute) Journalisten, wie man für oder gegen etwas argumentieren kann - was natürlich für all jene entsetzlich ist, die ganz genau wissen, was - als Einziges, kategorisch - gut und richtig ist. Das Wissen das die Sophisten verkauften, war also kein theoretisches, sondern praktisch verwendbares - und es wäre dies heute noch.
Zur zweiteren Gattung gehörten eher die Spartaner. Eiserne Disziplin, härteste Härte, Gemeinschaft waren die Grundlagen, die in mancher nicht so angenehmen Utopie, speziell auch dem Kommunismus, immer wieder auftauchen. Sinnbildlich dafür die Inschrift „Wanderer, kommst du nach Sparta, verkündige dorten, du habest uns hier liegen gesehn, wie das Gesetz es befahl.“ Bis auf den letzen Mann hatten sie den Persern in der Schlacht bei den Thermopylen (480 BC) Widerstand geleistet. 5000 Griechen standen einem Heer von 50'000 Persern gegenüber. 4000 Griechen und 20'000 Perser starben. Für den Gesetzgeber Lykurg sollten Kinder nicht den Vätern eigen, sondern dem Staate gemeinschaftlich gehören. Dazu gehörte auch eine Eugenik, also eine Selektion und Zucht nach erstrebenswerten Merkmalen. Mit 7 Jahren wurden die Kinder aus dem Haus geholt und in ein staatliches Internat verbracht. Der Unterricht zielte auf Pünktlichkeit, Gehorsam, Ertragen von Strapazen, siegreich kämpfen. Ein Privatleben gab es kaum mehr. Spartaner durften auch nicht in die Fremde reisen, da fremde Sitten sich verderblich auf die spartanische Tugend hätte auswirken können. Man sieht hier die klare Übereinstimmung mit manchen Begebenheiten in kommunistischen Ländern, wo sogar die gemeinsame Aufzucht in orthodoxen Kreisen üblich war, z.B. in jener Gruppe die den Südjemen bis 1990 regierte. Was Pünktlichkeit und Gehorsam betrifft, so scheinen auch die heutigen Beschäftigungsprogramme für Arbeitslose sich noch an Sparta zu orientieren ... denn Arbeit hat noch keiner gefunden, einfach weil er pünktlich und gehorsam war.
Auch Plato (427/28-348/47) hielt sich bei seiner Staatsutopie politeia primär an das Modell Sparta. Demokratie schien den meisten griechischen Philosophen dubios - und dies nicht ohne Grund. Mehrheitsentscheidungen sind nämlich nicht einfach gute Entscheidungen. So war insbesondere der Tod des Sokrates der Entscheid einer Demokratie - und man könnte auch sagen, dass die Kreuzigung Jesu das Resultat einer Volksbefragung war. Auch heute liegt Lynchjustiz der Masse näher als die Anwendung eines gewogenen Rechtssystems.
Aristoteles (384-322) stellte in seiner Ethik die angemessenenen Prinzipien der Lebensführung dar. Ob dies nun "wissenschaftlich" sei, oder Ertrag verspreche, oder auf Interesse stosse, war damals noch keine Frage, denn es gab das a Priorische, nicht nur für Faschisten. Die Seele bestand für ihn aus zwei Teilen, dem intellektuellen und dem ethischen. Die Essenz seiner Lehre von der goldenen Mitte ist hier längst dargestellt worden unter dem Wertekompass. Was in Aristoteles Schema, wie hier, fehlt, ist etwa die Ausrichtung auf Wahrhaftigkeit, die im polaren System zwischen Prahlsucht und vorgetäuschter Unwissenheit stehen würde. Tugenden sind für Aristoteles im übrigen keine Zwangsjacken, sondern ganz praktische Orientierungen, Mittel zum Zweck, zum Zweck des guten Lebens. Ebenso der Staat, der nicht bloss eine Gemeinschaft ist zur Organisation von Tausch und zur Verhütung von Verbrechen, sondern eine Vereinigung von Familien und Dörfern zu einem vollkommenen und selbstgenügsamen Leben, einem glücklichen und ehrenvollen Leben: Die staatliche Gemeinschaft ist um tugendhafter Taten willen, nicht wegen des blossen Zusammenlebens da. Der Staat wird also eindeutig nicht kausal bedingt, nicht durch Zwänge gesteuert (Wirtschaftszwänge z.B.), sondern durch teleologische Ziele, das Glück möglichst aller. Zins hielt er für widernatürlich. (Man kann die griechischen Philosophen allerdings kaum brauchen als Muster für ökonomisch vorbildliches Verhalten, denn einige von ihnen betrieben Dinge, die heute unter "Monopol" (kauf sämtlicher Oelmühlen auf Kredit), "Derivative", Insidergeschäfte (Ausnutzung von Informationen über gute oder schlechte Ernten, die sie durch ihr Beziehungsnetz erhalten hatten) und ähnliches fallen würden. Demokratie wie Oligarchie betrachtete er als schlechte Regierungsformen, da in der Oligarchie die Reichen regieren ohne an die Armen zu denken, in der Demokratie die Armen ohne an die Reichen zu denken. Die Idee einer Regierung aus gebildeten Gentlemen setzte sich vor allem im 18. JH durch. Dummerweise hielt diese Gesellschaft aber ihre Mehrheit, die Bauern, für zu dumm, ihre Interessen zu erkennen und durchzusetzen. Wie bereits erwähnt bei Pythagoras, sieht Russe auch bei Aristoteles die Gefahr einer übertriebenen "Philosophiegläubigkeit" (das damalige Pendant zur heutigen Wissenschaftsgläubigkeit, die bereits als Szientismus zu bezeichnen ist), die sich ausdrückt durch die Überschätzung des Potentials der Deduktion, der Syllogistik und generell der Logik. (Man darf daraus aber nicht den Schluss der Postmoderne ziehen, dass deshalb die Logik nicht gelte. Man darf sie bloss nicht auf Dinge anwenden, bei denen sie nichts zu suchen hat, das heisst, man muss viel präziser differenzieren als das allgemein üblich ist: Bei kausalen Bedingtheiten gilt Logik eigentlich immer, unter gewissen Bedingungen wie in der allgemeinen Relativitätstheorie allerdings mit Einschränkungen oder Transformationen). Bei finaler, teleologischer Bedingtheit ist sie allerdings auf den 2. Rang verwiesen, denn den 1. hat die (meist freie) Wahl des Ziels. Man muss das heute deutlicher und klarer sagen: Es gibt keinen Zwang, sich Zielen unterzuordnen, von denen man entweder nichts hält oder nichts versteht, wie speziell Wachstum, Wettbewerb, Fortschritt. Diese Ziele sind frei wählbar, kritisierbar, änderbar und eigentlich auch gar keine End-Zwecke, sondern Mittel, Mittel zur Erreichung eines guten Lebens (ich sage nur gut, weil es sich inzwischen längst fragt, ob hier das bessere wirklich besser ist als das gute. s. Easterlin Paradoxon).
Die monotheistischen Religionen der Perser, Juden und Buddhisten waren dem ägyptischen Polytheismus eindeutig überlegen und wurden von vielen Philosophen studiert. Unglücklicherweise hatten aber die Babylonier und Chaldäer am meisten Schriften hinterlassen ... denn sie waren diejenigen, die als erste die Schrift erfunden hatten. Sie hatten damit auch den stärksten Einfluss auf die Griechen - und die spätere Entwicklung des Christentums aus dem Neoplatonismus heraus. Eindrücklicher allerdings als die Möglichkeit Sonnen- und Mondfinsternis berechnen zu können, war für die Griechen die Astrologie und Magie der Babylonier. Auch heute noch gibt es ja mit ziemlicher Sicherheit viel mehr Menschen die Horoskope lesen als Philosophie oder gar Mathematik.
Diogenes (400-325), Fassbewohner am Marktplatz, bediente sich einer einfachen Sprache, da er sich nicht an Aristokraten, sondern an das gemeine Volk wendete. Er glaubte daran, dass alles was wichtig sei auch vom einfachen Manne verstanden werden könne. In einer Gesellschaft in der Luxus und Wohlstand eine beträchtliches Mass erreicht hatten, wünschte er sich wieder mehr Natur, auch mehr Natürlichkeit im Umgang miteinander: Was normal ist, soll man auch als Normales behandeln - womit er vor allem den offenbar bereits damals ziemlich verklemmten Umgang mit dem eigenen Körper und der Sexualität meinte. Er ist bekannt dafür, dass er sich ab und zu auf dem Marktplatz einen runterholte oder die Dienste des entsprechenden Gewerbes in Anspruch nahm. Er wollte keine Regierung, kein Privateigentum, keine Ehe, keine Religion, keine Sklaverei. Obwohl kein Asket, verachtete er die Jagd nach Wohlstand.
Sein Ansatz war der des Umwertens. Er wollte die gültige Münze (abstrakt gesprochen) umwandeln, denn jeder konventionelle Stempel war für ihn falsch. Er lehnte Konventionen aller Art ab, also Religion, Sitte, Kleidung, Wohnung, Ernährung, Anstand, Benehmen und wollte lieber wie ein Hund (kynos, darum Kyniker) auf der Strasse leben - aber frei von diesen Zwängen, frei von Wünschen und anerzogenen Bedürfnissen. Warum Kyniker so angefeindet werden, muss wohl kaum diskutiert werden. Sie sind, wie die Bettelmönche des Mittelalters, der Antichrist jeglichen Wohlstandsstrebens, also insbesondere des Kapitalismus.
> Warnung: Ich halte persönlich Esoterik, Alchemie, Astronomie, Magie und Spiritismus für ausgemachten Bockmist, habe aber doch eine gewisse Affinität zur Mystik , ja sogar Gnosis in der Form des. Sufismus - bin also auf dem Gebiet nicht ganz verloren ...
Skeptizismus wirft also eine Reihe von Problemen auf:
> Ergänzung: Auch für strengläubige Wissenschaftler wäre eine Pluralität der Wirklichkeit keine Beleidigung, denn, da die Wirklichkeit vom menschlichen Wirken abhängt, und dieses von den kulturellen Gegebenheiten, müssen wir unterschiedliche Wirklichkeiten akzeptieren. Hier hat auch Wittengestein recht, der philosophische Probleme zumeist auf sprachliche zurückführt: «Skeptizismus ist ... offenbar unsinnig, wenn er bezweifeln will, wo nicht gefragt werden kann». Noch härter E. M. CIORAN, ein tiefernster existentielle Skeptiker, über sich selbst: Als an sich selbst zweifelnder Skeptiker führt er ein «Dasein ohne Endergebnis» («l'existence sans résultat»)
Warum dem so ist? Ganz einfach, ein Skeptiker kann niemanden überzeugen, vor allem nicht von etwas Positivem, weil für ihn nichts gilt, also kein Argument, noch weniger ein Positivum. Ein Skeptiker kann vor allem keine konstruktive Kritik üben, denn da müsste man ja etwas aufbauen, woran man glaubt - denn sonst tut man's ja nicht. Ein Skeptiker lässt sich also so dahin treiben, ziellos (es könnte ja das falsche sein), orientierungslos (der Leuchtturm könnte einem Propagandisten gehören) - und treibt dabei andere in den Wahnsinn mit seiner dauernden Kritik an allem. Da eine konstruktive Diskussion unmöglich ist, ist eine Unterhaltung entweder Spiegelfechterei - oder ganz einfach banal, da ein "Argumentationskonzept" ohne Argumente, ohne Gründe die man zumindest für wahr hält, haben Beiträge von Skeptikern meist kaum mehr an Unterhaltungswert, als die Konfabulationen von Alkoholikern. Man kann's auch rein logisch erklären: Anhand der 1. Regel der Qualität betr. Syllogismen zur logischen Entscheidungsfindung ergibt sich bereits die Unmöglichkeit (oder besser erkenntnissmässige Nutzlosigkeit) des absoluten Skeptizismus: Wenn nichts stimmt lässt sich daraus auch nichts schliessen, nicht einmal, dass die Aussage stimmt, dass nichts stimmt. Noch härter die Regeln der Quantität. Nur wo allgemeine Aussagen vorhanden und verknüpfbar sind, lässt sich etwas schliessen. Aus lauter partikulären (individuellen, persönlichen, auf ein Einzelding bezogene) Aussagen lässt sich nichts schliessen. Generell lassen sich eh keine Verallgemeinerungen formulieren, wo nur partikuläre (individuelle) Aussagen vorhanden sind. Anders ausgedrückt: Eine demokratische Mehrheitsbeschluss ist noch lange kein sinnvoller Beschluss, bloss weil er eine Mehrheit hat. Der Beschluss muss auch sinnvoll allgemein anwendbar, zweckdienlich, nicht nur auf Grund der Macht durchsetzbar sein. Regeln der Qualität
Regeln der Quantität
Da weder aus rein skeptischer Verneinung noch aus persönlich-individueller Betroffenheit Erkenntnis resultiert, ist reiner Skeptizismus unergiebig. Dies um so mehr als er meist gleich noch verhindert, die richtige Frage zu stellen:
Kritizismus und extremer Skeptizismus sind also nicht bloss "second hand" (da immer wer anders erst die Arbeit machen muss um eine Aussage präsentieren zu können), sondern nihilistisch, sie lassen nicht mal mehr eine Frage nach Sinn und Lösung zu. Konstruktive Kritik hingegen ist zwar ebenfalls kritisch, schlägt aber Alternativen vor - oder benennt zumindest präzise, was warum kritisiert wird und wie der Kritik zu begegnen wäre, lässt also eine Lösung zu. Diese Art von Kritik ist in der Risikogesellschaft immer nötiger - fundamentalistischer Kritizismus jedoch dürfte bloss in einer generellen Depression oder Besäufnis enden. Nehmen wir als Beispiel doch mal die berühmte Frage, ob der Kapitalismus als System zerstört werden muss bevor es besser werden kann, oder ob man ihn entwickeln kann. Also Veränderung durch Umsturz/Revolution - oder Veränderung von innen. Also die 68er haben zwar schlagend bewiesen, dass eine Veränderung von Innen bloss sie selbst verändert hat, kaum aber das System, denn genau drum basiert es ja auf Institutionen (Betrieben), weil es seine Bestandteile nach seinen Anforderungen formt, nicht umgekehrt. Nun gibt es allerdings sogar im Rechtssystem ab und zu den Fall, dass die wortgetreue Befolgung des Gesetzes mehr Unrecht schaffen würde als vermeiden. Nach Kant muss das Gesetz den allgemein anerkannten Regeln der Vernunft folgen. Tut es dies nicht, wäre es ebenfalls ein Unrechtsgesetz. (s. Rechtsordnung - und ihre Begründung). Dies trauen sich die Rechtsgelehrten erst zuzugeben nach den Erfahrungen mit dem 3. Reich (war also doch zu was gute). In diesem Fall lautet die Empfehlung heute nach der sog. Radbruch'schen Formel: Der Konflikt zwischen der Gerechtigkeit und der Rechtssicherheit dürfte dahin zu lösen sein, dass das positive, durch Satzung und Macht gesicherte Recht auch dann den Vorrang hat, wenn es inhaltlich ungerecht und unzweckmässig ist, es sei denn, dass der Widerspruch des positiven Gesetzes zur Gerechtigkeit ein so unterträgliches Mass erreicht, dass das Gesetz als "unrichtiges Recht" der Gerechtigkeit zu weichen hat. (G. Radbruch: Rechtsphilosophie 1999) (In den USA gibt es zwar immer noch abweichende Meinungen. So hat kürzlich so eine Pfeife dort gefordert, dass sogar Todesurteile zu vollstrecken sind, wenn die Verurteilung erfolgt ist ... und sich im Nachhinein zeigt, dass ein Fehler drin war. Diese Anschauung würdigt den Respekt vor dem Gesetz und seinen Abläufen höher als das Resultat.) Im Kapitalismus ist dieser Zustand (leider?) noch nicht erreicht. Erst 10 bis 20% der Bevölkerung werden bei uns (Schweiz) ausgeschlossen vom Markt, gelten als arm. Demokratisch müssten die also warten, bis sie 50.0000x% erreicht haben. In der Realität dürfte sich die Sache aber schneller entwickeln, denn der Wettbewerb senkt die Margen auf ein Minimum. Wenn da noch immer grössere Bevölkerungsteile als Konsumenten ausfallen, zudem deren Beiträge zu Gesundheitssicherung, öffentlichem Verkehr, Mieten etc., dann klappt das System eh zusammen. Es wird versuchen dies zu verhindern durch Zwangsmassnahmen, bis hin zum Arbeitszwang. - Was allerdings nicht klappt, denn die Produktivität der Zwangsmassnahmen ist ja nahe bei Null. Irgendwann könnte dann die Erkenntnis auftauchen, dass Eigentum zwar net ist, wenn man's hat, dass es aber primär zum Mittel der Herrschaft über andere wird, wenn man zuviel davon hat, dass es in diesem Falle der Gemeinschaft nicht zuträglich ist - woraus sich eine Lösung ergeben könnte, so ähnlich wie in Ländern mit (einstmals) riesigen und sozialpolitisch problematischen Latifundien (Grossgrundbesitz). Dort musste der Gesetzgeber nämlich, ganz und gar nicht im Sinne der herrschenden Elite, verfügen, dass Landeigentum nur noch so gross sein darf, wie der Eigentümer es selbst nutzen, verwalten kann. Nicht genutztes Land musste also abgegeben werden. Heute kommen wir eben in eine ähnliche Situation mit den Latifundien des Geldes, des Kapitals. Eigentum verpflichtet ... das war mal ein geltender Grundsatz, fragen Sie ihren Grossvater. Aber der Neoliberalismus fand das wohl diskriminierend gegenüber den armen Reichen. Na, nach einer kurzen Kontrolle muss ich sagen, dass ich da daneben war. Den Satz gibt es noch, der wäre in Deutschland höchstes Recht, nämlich Grundrecht, Art. 14 des Grundgesetzes (GG): Absatz 2: Eigentum verpflichtet. Sein Gebrauch soll zugleich dem Wohle der Allgemeinheit dienen. Das müsste eigentlich ausreichen. Das dürfte eigentlich nicht zu so was wie HarztIV führen. Das sollte, tja, vielleicht mal wieder ernsthaft diskutiert werden.
Skepsis ist also genau so handzuhaben wie die Tugenden: Als rechtes Mass (s. Wertekompass). Zuwenig Skepsis, also Leichtgläubigkeit ist verderblich - zu viel Skepsis, also kein Glaube an nichts, ist ebenso verderblich, denn auch diese endet in irgend einem willkürlich übernommenen Aberglauben. Das richtige Mass an Skepsis entspricht dem angemessenen Mass an Kritik - für jeden spezifischen Fall. Da Kritik das einzige Mittel ist, Wahrheit von Irrtum zu unterscheiden, sollte man sie gekonnt einsetzen. s. Kritik / Argumentation / komplexe Argumentation Um das rechte Mass historisch einschätzen zu können müssen wir mal die Entwicklung vom wissenschaftsläubigen Konstruktivismus Descartes (ein schwarzer Schimmel), über den noch gläubigeren Positivismus und zurück zur Beliebigkeit der Postmoderne, Beliebigkeit kombiniert mit "Gruppenpositivismus", also einzelne Gruppen (auch wissenschaftliche Disziplinen) die ihre Wissensinhalte so fundamentalistisch für wahr halten, dass alles andere falsch sein muss, alle Kritik überflüssig bis unzulässig - einerseits, obwohl zur praktischen Problemlösung immer mehr Einzeldisziplinen so eng zusammen arbeiten müssten, als gäbe es sie gar nicht, so dass die alte Interdisziplinarität als vorzeitliches Verfahren erscheint, das eigentlich längst überholt ist - obwohl wir die noch nicht mal geschafft haben. Bei der Ueber-Betonung der Analyse über die letzten 300 Jahre wurde die eben so notwendige Synthese massiv vernachlässigt. Und Hegel, als wichtigstes Korrektiv, dermassen unverständlich und "eigenlogisch", dass er nicht wirken konnte. Und der Markt, dem wir die Integration der Einzelbeiträge in ein grosses Ganzes überlassen haben, hat da auch so seine liebe Mühe damit - abgesehen davon, dass er nur integriert, was Geld-Wert hat. Ein Skeptizismus der jedes angestrebte Ganze sofort aus allen möglichen Richtungen beschiesst, ist hier ganz und gar nicht hilfreich, denn die Zerbröselung des Wissens in abertausend Spezialbereiche ist mit ein Resultat desselben, ja bereits der (unersetzbaren akademischen) kritischen Methode. Zu ähnlichen Resultaten führt der Radikale Konstruktivismus, aber auch Falsifikationismus, da er sich damit begnügt, kleine Zusammenhänge zu konzipieren und zu widerlegen. Trotz Postmoderne sind allerdings die Zusammenhänge nicht ganz so klein, wie das die Wissenschaften gerne hätten, damit sie leichter damit umgehen können. Absoluter Skeptizismus, der darauf besteht, dass Wahrheit absolut unzugänglich ist, kann damit auch nicht entscheiden was bloss wahrscheinlich oder gar falsch ist, macht also den Menschen völlig orientierungslos - oder verwirft ihn auf Solipsismus, Eigenmächtigkeit, Egozentrismus, also Willkür. Es ist darum entscheidend zu wissen, woran ein Mensch wirklich glaubt: |
||||||||
| Wahrheit, das was ist - muss ent- oder aufgedeckt werden | das nicht existierende Dritte: tertium non datur | Unwahrheit, das was nicht ist - kann frei erfunden werden | ||||||
| Wahrscheinlichkeit, das was zu sein scheint - muss begründet werden | Das Unentscheidbare - Uninteressante | |||||||
| Realität Tatsache / Fakt Unwiderlegbarkeit Richtigkeit Wirklichkeit Wesentlichkeit Glaubwürdigkeit Fehlerlosigkeit Genauigkeit Echtheit Bestimmtheit Berechenbarkeit DASEIN |
WISSEN WISSENSCHAFT PHILOSOPHIE KUNST als Metapher GOTT |
Glaubhaftigkeit Glaubwürdigkeit Annahme Vermutung Erwartung Möglichkeit Geltung Mutmassung Ermessen Ansicht (Meinung, perspektivisch) Teilwahrheit, beschränkte Wahrheit: PRAGMATISMUS |
Politik "Wahrheit" durch Konsens - dialogische Wahrheit Wirtschaft alltägliche Handlung Wille Journalismus Kunst als Darstellung des Zeitbildes |
Ignoranz
|
Falschheit Täuschung Fehler Irrtum Trugbild Blendwerk Unrichtigkeit Lüge Märchen Erfindung Dichtung Glauben SKEPTIZISMUS |
Politik und andere Narreteien |
||
Dies war übrigens bereits die Meinung Pyrrhons, denn seine Methode, die übrigens heute noch verwendet wird, in der Rechtslehre, heisst Zetetik. Diese sucht nicht nach "ewiger und absoluter Wahrheit", sondern nur nach zeitlich verlässlicher - was der Definition von Wissenschaflichkeit nach Popper (Falsifikationismus) entspricht. Noch einfacher wird die Auflösung eristischer ergebnisloser Streitereien um Sein oder Nichtsein, wenn man sich Aristoteles' Topik in Erinnerung ruft. Die Topik ist eine Argumentationslehre. Sie lehrt, welche Themen und Aussagen im zwischenmenschlichen Dialog als Argumente taugen. Das sind a) Argumente die a) entweder allgemein als wahr gelten, b) den meisten, oder c) den Weisen wahr erscheinen. Wahrheit ist also DER Kern der Konsensfindung bei Aristoteles. Alternativ reicht es, wenn die Argumente zumindest von allen als zulässig und sinnvoll betrachtet werden. Wer weder an Wahrheit noch an Konsens interessiert ist, müsste also als dialogunfähig betrachtet werden. Wer auf Grund eines privaten, geheimen Sekten-Wissens argumentiert, kann unmöglich einen Konsens erreichen sondern will bekehren. Auch hier ist der "Dialog" eigentlich keiner, sondern die Argumentation bloss lästig und überflüssig. Da sich Menschen aber sehr gerne in nationalistischen oder sonstwie sektiererischen Partikularismus verkriechen um sich ihre Identität zu sichern, haben wir hier ein zunehmendes Problem - das zu lösen vielleicht wirklich nur die Suche nach "Verträglichkeit" löst, sicher aber nicht die Forderung von Anpassung oder Assimilation. > Ideologie des Gegenübers ergründen - beim Verkehr mit Fundamentalisten subversive Kommunikation nutzen, also die Unhaltbarkeit der Ideologie dadurch aufzeigen, dass man Widersprüche im gegenerischen Denksystem selbst ans Licht bringt. Man macht sich allerdings auch damit keine Freunde ... |
||||||||
Eigentlich waren ja die Philosophen generell Skeptiker, denn sie haben sich nicht als Wahrheitsträger oder -Vermittler bezeichnet, sondern eben als Philo-Sophos, als Wahrheits-Liebende, im vollen Bewusstsein das umfassende und/oder ewige Wahrheit eine Sache der Götter und nicht der Menschen ist. Entscheidend aber ist das Streben nach Wahrheit. Wird dieses aufgegeben verfällt der Mensch in dumpfes, orientierungsloses getrieben Sein, jede individuelle Neigung wird zur "Wahrheit", Dialog unmöglich.
Der Dialog um Wahrheit krankt daran, dass die Skeptiker eine "absolute Wahrheit" verneinen, obwohl die, ausser einigen Fundamentalisten, eigentlich niemand verspricht. Gott war, und ist für viele immer noch, das höchste Sein, also die höchste Wahrheit - obwohl an ihn geglaubt werden muss. In der heutigen, nicht mehr modernen, sondern postmodernen Welt, gilt vor allem das als wahr, was sich berechnen lässt, womit allerdings der Teufel mit Beelzebub ausgetrieben wird, denn gerade die Oekonomen berechnen zar alles ... dies aber auf Grund von Schätzungen, oft falschen Formeln, dauernd schwankenden Werten. Deshalb lebt der "normale" Mensch tunlichst im mittleren Bereich und überlässt das Streben, sei es nach Wahrheit, sei es nach Dichtung, den Forschern und Künstlern.
Wichtig ist, dass dem "normalen Menschen" aus dem Mittelbereich aber klar wird (es ist ihm dies je länger desto weniger), dass sich Pragmatismus und gemässigter Skeptizismus, der ganze Bereich der Wahrscheinlichkeiten, nicht mal am Rande dazu eignen, autoritär aufzutreten, was er dann eben doch gerne täte, immer häufiger tut. Zu verhindern, dass man sich selbst und andern das Leben schwer macht mit Meinungen, die gar nicht begründbar sind, mit einem Streit um "Wahrheit" nichts zu tun haben, war ja eigentlich präzise das Ziel Pyrrhons, des Begründers des Skeptizismus: Wo kein Wissen da ist, eine Meinung zu begründen, soll man sich der Meinung enthalten!
Verschwörungstheorie als Antwort auf übertriebenen Skeptizismus
Eine interessante Form des Skeptizismus ist hier die Verschwörungstheorie: Verschwörungstheoretiker sind der absoluten Ueberzeugung, dass ihnen etwas Falsches vorgegaukelt wird, oder dass ihnen die richtigen Informationen vorenthalten werden. Anders als die Skeptiker belassen sie es aber nicht bei der Kritik, sondern bauen ein alternatives Glaubensmodell, ein Gegenmodell, welches allerdings nicht auf Tatsachen, sondern auf dem Ziel aufbaut, eben zu belegen, dass was ganz anderes, eine andere Wahrheit, hinter einer Begebenheit stecke.
Wiki: Verschwörungstheorien vermengen bei ihrer Simplifikation zudem die Kategorien Sein und Sollen. Wenn Begriffe unterschiedlicher Kategorien durch Konjunktionen verknüpft werden, spricht man von einem Kategorienfehler. Ein wesentliches Merkmal von Verschwörungstheorien ist also das Vorhandensein eines normativen Maßstabes. Die als „Verschwörung“ bezeichneten Vorgänge werden nicht wertneutral konstatiert, sondern von einem normativen Standpunkt aus kritisiert. Verschwörungstheorien beschränken sich also nicht auf eine Diagnose, sie enthalten immer auch eine mitlaufende, aber nicht explizierte, meist weltanschauliche Beurteilung der Ereignisse. Abweichungen werden als absichtliche Manipulationen verstanden, die ihrerseits manipulativ verändert werden müssen. Vertreter von Verschwörungstheorien weigern sich – anders als Wissenschaftler, die Modelle vertreten –, ihre Hypothesen zu explizieren und überprüfbare Bedingungen zu nennen, bei deren Nachweis sie ihre Hypothesen für widerlegt betrachten. Es ist gerade das Charakteristikum von Verschwörungstheorien, dass sie von Gegenständen handeln, die sich tatsächlich oder vermeintlich jeder Nachprüfbarkeit entziehen. Verschwörungstheoretiker stellen also den Zustand her, der für Pyrrhon ursächlich war bei der Entwicklung des Skeptizismus: Sie machen die Fakten abhängig vom Lieferanten und vom "richtigen Denken", richtig in ihrem Sinne. Gegenargumente führen bloss zu unendlichen Diskussionen, die mit immer und immer den selben Argumenten aufwarten (Ich hab hier so einen, der mich seit etwa 2 Jahren davon zu überzeugen sucht, dass 9/11 so nicht stimmt wie reportiert, dass es die Gaskammern nicht gegeben haben kann, dass Hitler gar nie Krieg geführt hat etc. Mit fundamentalen Skeptikern wie Verschwörungstheoretikern ist kein rationaler Dialog möglich. Da bleibt nix als irgendwann einfach abzuklemmen. Der wiki-Beitrag zum Thema Verschwörungstheorie gehört zu den besten. Er ist äusserst umfassend - und vor allem zeigt er auch das Problem der Banalisierung, mit dem die meisten Populisten arbeiten: Grundlage vieler Verschwörungstheorien ist ein dezidiertes und vereinfachendes Welt- und Geschichtsbild, das auf der Grundannahme basiert, dass Strukturen der sozialen Wirklichkeit durch Handlungen von Personen direkt steuernd beeinflusst werden können. Vor dem Hintergrund der gegenseitigen strukturellen Abhängigkeiten und hochgradigen Vernetzungen komplexer sozialer Systeme gilt diese Voraussetzung heute jedoch allgemein als unplausibel. Sozialwissenschaftliche Modelle zeigen, dass sich weitreichende Ereignisse in Gesellschaft, Wirtschaft oder Staat nicht allein durch das zielgerichtete Handeln von Personen oder Personengruppen verursachen lassen. Man geht hier vielmehr vom Zusammenwirken vieler verschiedener subjektiver Gründe und objektiver Bedingungen aus, die aus Strukturen, Konjunkturen, Absichten, Gegenabsichten, Irrtümern und schlichten Zufällen bestehen und sich zudem gegenseitig beeinflussen. Die Auffassung, eine relativ kleine Personengruppe könne wichtige gesellschaftliche Ereignisse zentral steuern, gilt daher als unterkomplex. Einfacher ausgedrückt: Auch wenn sie wollten, auch wenn es sie gäbe, so könnten weder 3, noch 7, noch 700 Weise die Weltregierung im Geheimen veranstalten, denn a) hören die Menschen schon mal nicht auf Menschen die sie sehen und hören, b) braucht es dazu mehrheitsfähige Akzeptanz, Motive, c) sitzt das Böse, genau wie das Gute, überall in komplexen Systemen. Keiner von beiden kann sich aber zielbewusst durchsetzen, da ihn all die Zwischenwirkungen und unvorhersehbaren Störungen vom Ziel ablenken. Das Resultat einer hochkomplexen Reaktion lässt sich nur dann berechnen, wenn alle Faktoren, bis ins letzte Detail bekannt sind, also praktisch nie - erste und wichtigste Erkenntnis der Chaosforschung. |
||
Anthroposophie als Schein-Antwort auf die Zersplitterung des Wissens durch Kritik und die analytische Methode:
Eine weitere, relative seltsame Methode des Skeptizismus, vielleicht eben eher eine Folge übertriebener Skepsis gegenüber allem Wissen, sind Sekten. Hier ein Beispiel einer relativ gut integrierten, anerkannten und gerade im Raum Basel sehr verbreiteten Sekte, die Anthroposophie Rudolf Steiners. Es handelt sich um eine neumystische Einheitskonzeption, die jede Form von Logik ebenso ablehnt wie Gnosis und Religion. Steiner erhebt dennoch für seine Anthroposophie den Anspruch der Wissenschaftlichkeit, da seine Forschungen in der übersinnlichen Welt in methodischer Weise durchgeführt würden. Daher bezeichnet er seine Lehre an verschiedenen Stellen als „Geisteswissenschaft“ oder „Geheimwissenschaft“, seine eigene Tätigkeit als „Geistesforschung“. (s. Kritik an Steiners Anthroposophie). Für Kritiker handelt es sich bei Steiners als synkretistisch verstandener Weltanschauung also um eine Spielart der Esoterik, die ihren Wissenschaftsanspruch zu Unrecht vertritt. Esoterik ist ein innerer, spiritueller Erkenntnisweg, etwa synonym mit Mystik, der auf ein „höheres“, „absolutes“ Wissen zielt. Deren zentrale Postulate zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie nicht wissenschaftlich überprüfbar sind (d.h. nicht intersubjektiv, falsifizierbar, empirisch überprüfbar und allgemein zugänglich). Steiners Lehre bezeichnet sich ja auch höchstselbst des öftern als Theosophie (göttliche Weisheit), als esotherische Schule - betreibt also reinsten Okkultismus. Im Gegensatz zur Theologie, die religiöse Inhalte rational-reflektierend bearbeitet und ihre Aussagen aus der Auseinandersetzung mit religiösen Dokumenten gewinnt, sucht diese „traditionelle“ Theosophie nach individuellen göttlichen Eingebungen oder einem „geistigen Schauen“ und will damit die Prinzipien des Erfahrens und Erkennens auf das Feld des Religiösen ausweiten. Wiki. Das wäre aber falsch, denn das ist eindeutig Gnosis, - die von Steiner eben so eindeutig abgelehnt wird. Das Spezifische am steinerschen Theosophie, basierend auf der Lehre Helena Petrovna Blavatskys ist die Offenbarung höherer Wahrheit aus einem göttlichen Zentrum im Inneren des Menschen. Well, OK, damit wäre der Mist eigentlich gefahren, denn A) fragt sich da erst mal: Von welchem Gott stammt das göttliche Zentrum? Der dreifaltige christliche? Mit gleichen Anteilen? (Da es sich hier eindeutig um einen primär männlichen Gott handelt (Vater, Sohn), fragt es sich auch, wie das der Weiblichkeit bekommt. So ein Anteil könnte doch zu verstärktem Bartwuchs führen ...). Oder Allah, Shiva, Thor, Athene, Dinonysos (wobei dann wiederum eine Frage auftaucht: Dionysos besoffen, also im Normalzustand, oder ausnahmsweise nüchtern? DAS könnte natürlich schon den Zustand gewisser Leute erklären .....) B) fragt sich dann, ob die Anthroposophen wirklich lauter kleine Propheten, Hellseher sind (2 - ohne Witz: Anthroposophie ist offenbar die Kunst des Hellsehens, Geisteswissenschaft hier etwas ganz anderes als das, was Universitäten lehren.), die gleich dem Papst einen direkten Draht zu Gott haben - oder ob ihre "göttliche Erkenntnisse" doch eher individuelle, persönliche Träumereien sind. Ich neige dazu, zweiterem den Vorzug zu geben ... Ist ja logisch, Okkultismus bedeutet verborgen, verdeckt, geheim. An die Anthroposophie sollte also nur glauben, wer auch Dinge wie Alchemie, Astronomie, Magie und Spiritismus für glaubwürdig und sinnvoll hält. s.
Rudolf Steiner mit seinen eigenen Worten: PHILOSOPHIE UND ANTHROPOSOPHIE
Anthropo-Sophie, also die Kenntnis und Lehre vom Menschen, behauptet nicht nur den Menschen besser zu verstehen als etwa Psychologie und Soziologie (der Anthropo-Soph ist der Menschen-Kenner, nicht der, der die Menschen liebt, das wäre der Phil-Anthrop), sondern gar, ihm eine direkte Erkenntnis zu ermöglichen, also den (von allen Philosophien als unmöglich erkannten) direkten Zugriff zum Kern des Seins, zu seinem Wesen. Man könnte vermuten, es handle sich um ein spezifisches Gebiet der Gnosis ... aber nein, auch diese wird verworfen:
Tja, wenn man hier" indem" durch "wenn" ersetzt, so erkennt man, dass das Problem der Anthroposophie eben das selbe ist: Sie kann durch ihre subjektiv-intentional-künstlerische Methode nur ein sehr subjektives Innenleben erfassen, das sich allenfalls als Kunst weiter vermitteln lässt, aber untauglich ist für eine geteilte Erkenntnis der Welt. Anthroposophie sucht nicht nach äusserem Wissen, sondern nach Einsicht in die wahre Wirklichkeit, also nach dem höchsten Wissen, das für die griechischen Philosophen den Göttern vorbehalten, für die Postmoderne schlicht und einfach obsolet ist. Noch klarer wird der dunkle, mystische, esotherische Charakter dieser "Wissenschaft" in folgender Aussage (apropos Esotherik und Mystik: Beide sind dadurch definiert, dass sie ein "höheres Wissen" suchen, die Zuordnung ist also eindeutig):
Anthroposophie ist also zugleich Weg und Ziel, Methode und Resultat, was sie mit der Wissenschaft gemein hat. Allerdings würde die Wissenschaft heute "dunkle Gefühle, unbewusstes Seelenleben" allenfalls durch Psychoanalyse zu begründen suchen, und von den Resultaten nie behaupten, sie seien "höheres Wissen". Ist doch echt sympathisch von der Wissenschaft, nicht? Steiner scheint keinen blassen Dunst zu haben von Logik und Wissenschaft. Er behauptet z.B. dass seit Aristoteles die Logik eigentlich um keinen einzigen Satz fortgeschritten sei. In Anbetracht der Resultate von Boole, Frege, Russell etcetc. muss man wirklich sagen, dass er einfach keinen blassen Dunst von dieser Materie hatte. Er setzte also nicht in seiner Zeit an, sondern in grauer Vorzeit:
Na Gott-sei-Dank würd ich doch da sagen. Mysterienweisheit, basierend auf "innerem Schauen durchsetzt von instinktiver Logik, also Intuition, produziert eben - Mythen, nicht Wissen. Das hat übrigens schon Ockham erkannt, inmitten des finsteren Mittelalters, zu Beginn des 14. JH! Nicht genug, dass Steiner die Anthroposphie damit aus der Wahrheitssuche der Philosophie hinaushebelt, er schmeisst den letzten Rettungsanker der ihn noch bleibt gleich mit über Bord. Hätte er Anthroposophie als Kunst der individuellen Gnosis entwickelt, chapeau, dann hätten wir heute vielleicht die Gnosis noch, anwendbar auf persönliche, inshalla gesellschaftliche, und nicht bloss göttliche Erkenntnis. Hat er aber versaut, da er es ablehnt dem übersinnlichen ein Gehalt zu geben der wirklich ausserhalb der Reichweite von Wissenschaft und Philosophie - zugleich aber in Reichweite individueller Intuition ist. Was er nun sucht, erreicht diese nicht, nämlich die Erkenntnis der Form als Wesen, gelöst von der Materie:
Anstelle des in den Geisteswissenschaften gebräuchlichen Zirkels (besser fortschreitende Spirale) zwischen Materie und Geist, will er Form als Universalie begreifen:
Hier setzt er sich und seine Anhänger nun endgültig in die Nesseln, denn eine Erkenntnis von Kategorien ist a) nur möglich als Konstrukt, das sich bewährt oder eben auch nicht, ist b) extrem absolutistisch. Kategorien gelten absolut, da gibt es nur schwarz und weiss. Kategorische Erkenntnis endet also entweder im Selben wie absoluter Skeptizismus: im blinden Glauben, oder im unversöhnlichen Streit, in der Abspaltung, denn Kategorisches erlaubt keinen Kompromiss. Die Lehre führt zu fundamentalistischer Intransigenz, zu Unverträglichkeit und zum Abheben der Adepten, die sich der Illusion hingeben, sie hätten das einzig echte, das wahre Wissen, dem sich die andern fügen müssten. Denk mal ... Es gibt eigentlich nur einen Bereich für den die Anthroposophie taugt, nämlich dort, wo sie als Methode wie als Wissen einzig verlässlich ist, in der Selbsterkenntnis und Selbstgestaltung. Seit 250 Jahren richtet sich unsere Philosophie, unsere Wirtschaft, unsere Politik immer mehr auf Freiheit als den höchsten Wert ein. Freiheit ist das höchste Rechtsgut. Aber selbst das beste Recht kann diese Freiheit nur schützen gegen Uebergriffe von aussen. Dummerweise ist sie aber am meisten bedrängt durch innere Hemmungen und Aengste (s. Spinoza) - Ängstlichkeit gegenüber diesen Gefühlen. Könnte man diese Ängstlichkeit überwinden, so würde man sehen, dass eine rückhaltlose Erkenntnis des menschlichen Wesens, nicht äußerliche Mittel, zur Abhilfe führt. Da der Trieb nach Selbsterkenntnis in jedem Menschen ist - und es für das Ich nicht gleichgültig ist, was das reine Denken tut, denn das reine Denken ist der Schöpfer des Ich, vermag Anthroposophie doch einiges zur Selbsterkenntnis und Selbstentwicklung beizutragen. Problematisch sind hier allerdings zwei Dinge, 1. die Ablehnung des Unbewussten durch die Anthroposophen, 2. das kritiklose Selbstvertrauen in die Verlässlichkeit der (eigenen) Erkenntnis. ... Weiterentwicklung dieses Potentials Der Bereich in dem die Anthroposophen anerkannt sind, sind ihre Schulen, Rudolf-Steiner-Schulen mit Waldorf-Pädagogik. Der Hauptgrund allerdings warum Steinerschulen recht geschätzt sind, ist eigentlich, dass auf Kinder individuell eingegangen wird und insbesondere das Musische gefördert wird. Das pädagotische und didaktische Konzept ist allerdings ärmlich in seiner strukturellen Armut, denn es beschränkt sich immer noch auf die alten 4 Temperamente: Melancholisch, Phlegmatisch, sanguinisch und cholerisch (da steigt mir doch die Galle ...) und simplizistischmit seien vier Phasen der Leibbildung in je 7 Jahren:
Die religionsschulmässige Vermittlung der anthroposophischen Grundhaltung mit ihren unhaltbaren Glaubenssätzen betrachte ich als Verirrung, im Vergleich zu der sogar der Islam als aufgeklärt wirkt. Kritische Anmerkungen zur Anthroposophie Rudolf SteinersRavagli Zit : "Steiner erhebe nur scheinbar den Anspruch der Voraussetzungslosigkeit: in Wahrheit sei sein Stil des Philosophierens"ganz und gar von spekulativer Metaphysik durchwaltet". Er lege in seiner Philosophie eine "pantheistische Ontologie, Kosmologie, Anthropologie und Ethik" dar. Zu seinen metaphysischen Voraussetzungen könne man nicht "induktiv gelangen", sondern nur durch Glaubensvoraussetzungen. Steiner liefere keine voraussetzungslose Erkenntnistheorie, sondern eine "spekulative Deduktion aus dogmatischer Metaphysik". Eduard von Hartmann, deutscher Philosoph (23.2.1842 - 5.6.1906), über die "Philosophie der Freiheit", das Hauptwerk Steiners: Vor allen aber ist übersehen, daß der Phänomenalismus mit unausweichlicher Konsequenz zum Solipsismus, absoluten Illusionismus und Agnostizismus (*7) führt, und nichts ist getan, diesem Rutsch in den Abgrund der Unphilosophie vorzubeugen, weil die Gefahr gar nicht erkannt ist". Und Beckmannshagen schreibt, Karl Rogers zitierend,"Der wahre Gläubige ist auch der Feind des Wandels [....] ... solche
Nikolai Berdjajew: "Gläubige Anthroposophen sind viel dogmatischer, viel autoritätsgebundener als die orthodoxesten Orthodoxen und Katholiken." Ulrich: "Auch Steiners Verständnis der intellektuellen Anschauung sei Dokument einer unkritischen Verfehlung. Während Kant dargelegt habe, daß der Begriff der intellektuellen Anschauung lediglich ein Grenzbegriff sei, weil der Intellekt keine eigenständigen Objekte besitze, die er anschauen könne, Schelling und Schopenhauer intellektuelle Anschauung als "künstlerischen Prozeß der Ideenerfassung" verstanden hätten, meine Steiner, daß diese "Form der willenlosen, die Individuation momentweise aufhebenden Anschauung der Ideen" als Selbstbeobachtung des Denkens "für jedermann" zugänglich sei. Für die Romantiker sei die intellektuelle Anschauung ein Vorgang der Begnadung, für Steiner sei, weil er ja die dritte und die vierte Stufe des plotinischen Erkenntniswegs in eins setze, Ideenschau und ekstatische unio mystica dasselbe. Dadurch verletze er aber auch alle normativen Standards der Mystik, denn während Mystik "im hergebrachten Sinn" "Selbstaufgabe in die Unsagbarkeit des Einen" sei, wolle er die Mystik rationalisieren oder die Anschauung der Ratio zum mystischen Erlebnis deklarieren." Tja, offenbar noch schlimmer, nicht nur Wissenschaft, Philosophie und Gnosis sind abgesagt, sondern auch die Mystik, eben durch die Aufgabe des Kerns, oder das Ersetzen des traditionellen Kerns der Mystik, also Gott, durch das Individuum, dummerweise das "anderes erkennende Individuum. Wäre Steiner beim Individuum geblieben, wäre das System gerettet, zumindest als Mystik. So scheint es sich doch eher um ein phantastisches Konvolut zu handeln. Ulrich scheint so ziemlich der selben Meinung zu sein: Im Gegensatz zur bewußten methodischen Selbstbegrenzung, zur Pluralität und Unabschließbarkeit moderner Wissenschaftlichkeit wollen Steiner und seine Schülerschaft das wohlgeordnete Ganze der Welt gleich einer ewig unwandelbaren Wahrheit dogmatisch wissen bzw. schauen… Ihre Denkform ist degenerierte Philosophie, ist Weltanschauung… Dass Intuition keine immer verlässliche Methode ist sondern ab und zu halt auch Bockmist liefert, wissen Sie, falls Sie sich ab und zu bei Brainworker umtun. Intuition spielt hier immer mit - und auch ich erzähle ab und zu Käse, woraus sich rein logisch, induktiv ableiten lässt: Intuition kann Käse produzieren. Bei Steiner z.B. Aussagen, die nicht anders klassifiziert werden können als rassistisch: Ein paar äusserst zweifelhafte Beispiele steinerscher direkter Form-Erkenntnis:Steiner, also die Anthorposophie und die Anthroposophen sind der Ansicht, dass sowohl der Idealtypus einzelner Menschen als auch die Idealtypen von Völkern für einen - natürlich nach den Vorgaben der Anthroposophie - entsprechend trainierten Geist unmittelbar anzuschauen seien, sie also in einem gewissen Sinne erkennbar sind. Steiner selbst:
Bockmist in Reinkultur ... mehr davon
Fritz Mauthner:
Zusammenfassung der konkreten und ernsthaften Probleme welche die Anthroposophie aufwirft:
|
Amüsant ist hier, dass das Leitbild von Skeptizismus und anderem beschränktem Gruppen- und Individualwissen, also vielmehr Meinung, eben nicht eine tolerante Ordnung ist (wie die der Hippies z.B), sondern die Berufung auf die unübertreffliche Qualität und globale, ja universelle Gültigkeit der eigenen Meinung: Doxosophie, der <Weisheitsdünkel>, der Meinung als Wissen verkauft (s. auch Scientology)
Dass man deren Vertreter nicht Doxologen (Gotteskenner/Wahrheiskenner, Kenner des rechten Weges) nennt sondern Doxosophen (Gotteslober), zeigt a), wie doch relativ selten und unbedeutend diese Richtung war, und dass man sie nie wirklich ernst genommen hat, b) dass diese Grundhaltung auf reinem Glauben und Meinen beruht und mit Tatsachen meist nicht viel zu tun hat. Vor Leuten, die genau wissen wie die richtige Ordnung aussieht und wie man sie durchsetzt (gegenüber den andern), muss man sich eh immer in Acht nehmen. Dies um so mehr, als der Wahrheitsgehalt von Meinungen eigentliich gleich Null ist. Hier nochmals die Tabelle aus Das Argument als Grundelement kommunikativer Rationalität - Politik als argumentativer Wettstreit um die bessere Lösung. Beim Meinen ist weder objektive Wahrheit noch subjektive Gewissheit vorhanden, was das Meinen vom Glauben unterscheidet, wo dann nur noch die objektive Wahrheit zweifelhaft ist. Doxa ist der griechische Begriff für Meinung. Doxologie also die Lehre von den Meinungen, Doxosophie die Verehrung der Meinungen. Da Doxa für Lehre steht, können und müssen wir aber gleich noch etwas daraus lehren: Lehren (sind oft leer, wie mancher anfangs begeisterte Anhänger aus Erfahrung weiss) sind immer autoritär. Sie bestehen (fast) immer darauf, die einzig richtige und wahre (orthodoxe, rechte) Lehre zu sein. Was früher als Orthodox bezeichnet wurde, läuft heute meist unter "fundamentalistisch" (ausser es handle sich um die eigene Gruppe). Lehren sind also, wie Orthodoxien/Fundamentalismen immer perspektivisch, sie trennen unterschiedliche Anschauungen, was nicht schlecht wäre, solange die andere Anschauung nicht permanent zur Sau gemacht würde. Unterschiedliche Lehren gab und gibt es ja nicht nur in der Religion, den Religionen, um präziser zu sein, sondern auch in praktisch allen Wissenschaften, wo sie "Schulen" genannt werden (Frankfurter Schule, Bereits bei den Griechen gab es ja 4 philosophische Schulen:
Epikur gehörte also ebenso dazu wie die Stoa, was zu einem Oekotop an Meinungen führt, solange eine gewisse Toleranz vorhanden ist. Diese war aber für die Griechen selbst in der höchsten Doxa eigentlich vorgegeben, denn auch der Olymp wurde nicht nur bewohnt von Athene, der Göttin der Weisheit, Hestia, der Göttin des Herdes, und vor allem Zeus, der den ganzen Sauhaufen leiten sollte, sondern auch von Dionysos, dem Gott des Weines und Aphrodite, der Göttin der Liebe und der Lust. Heute besteht eigentlich noch weniger Anlass und Erfahrung, eine einzige Lebensweise als die rechte vorschreiben zu wollen - und dennoch wird dies massiv getan:
|
Plotin hatte gestaltenden Einfluss auf das Christentum, das Mittelalter und die katholische Theologie. Man muss allerdings beachten, dass die christliche Glaubenslehre enorme Veränderungen durchgemacht hat, wenn sie sich auch immer der selben Bücher bediente. So fehlt den synoptischen Evangelien eigentlich die Metaphysik fast ganz. Im modernen Amerika der Evangelisten gleicht es dem Urchristentum. Dem populären Denken und Fühlen der Vereinigten Staaten ist der Platonismus fremd; die meisten amerikanischen Christen sind weit mehr mit ihren Pflichten hienieden und dem sozialen Aufstieg in der Alltagswelt beschäftigt als mit den Jenseitshoffnungen, die die Menschen trösteten, wenn alles Irdische sie mit Verzweiflung erfüllte. [S303]
Philosophie ist bedeutend, weil sie klar zum Ausdruck bringt, was Menschen in gewissen Stimmungen oder unter bestimmten Umständen zu glauben geneigt sind. [S. 303] So überlebte, gerade bei den unteren Klassen, die heidnische Ueberheblichkeit, die ihren Ausdruck findet in Zweikämpfen, Kampfproben,Turnieren und persönlicher Rache. All diese Dinge überlebten aber die Christianisierung bis weit über das Mittelalter hinaus.
Bereits das 3. JH war eine Epoche der Katastrophen, in der das Wohlstandsniveau extrem sank. Nach dem Untergang Roms vernichtete der Krieg zwischen Byzanz und den Langobarden das meiste, was an Kultur in Italien noch übrig geblieben war. Im Osten, in ganz Afrika, in Spanien, ja sogar Sizilien setzten sich die Araber fest, bedrohten Frankreich und plünderten gelegentlich sogar Rom. Die Dänen und Normannen richteten in Frankreich, England, Sizilien und Süditalien Verwüstungen an - Hoffnung bot nur noch das ewige Leben ... danach: In der sublunarischen Welt war nichts Wertvolles denkbar ausser beharrlicher Tugend, die schliesslich zur ewigen Seligkeit führen musste. [S. 321]
Ende der Geschichte Roms: Eine Gesellschaft die sich als die gelungenste empfindet, die keinen Elan mehr aufbringt zur Entwicklung, ist am Ende, nicht bloss der Geschichte. Der Begriff müsste also eigentlich eher als Warnung denn als Lob einer Gesellschaft verstanden werden.
Diese ist die Philosophie einer Institution, der katholischen Kirche, also eines Machtapparates, der die Menschen in eine doppelte Loyalität zwängte, die unterschied zwischen Gott und Staat. s. Geschichte der Befreiung des Staates aus kirchlicher Vormundschaft
Die christliche Religion, wie sie den "Barbaren" im spät- und nachrömischen Reich übermittelt wurde, bestand aus 3 Elementen:
Die Sache mit dem auserwählten Volk wurde ergänzt um den einen und einzigen Gott, der keine anderen neben sich duldet. Bereits hier sehen wir das Problem, dass dieser, der ein Volk vorzieht, irgendwie sehr menschlich riecht. Die Propheten waren fanatische Nationalisten und legten damit die Basis für einen Krieg der Kulturen. Götter und Religionen sind fast immer eine sehr kategorische Sache - und Kategorien sind halt eben die Dinger, die kategorisch Trennen, was jeweils zu ihnen gehört. Es sind immer kategorische Götter, die Krieg schaffen, sogar wenn sie als Gott der Liebe, des Friedens, der Vergebung auftreten. Ein sehr deutliches Beispiel für die Bedeutung des "nationalen Gottes" liefern die Mormonen, da Das Buch Mormon von zerstreuten Babyloniern nach der Zerstörung ihres Turms direkt in den USA (Cumorah) deponiert worden waren, also wieder mal für ein exklusives Volk.
Den Auftrag, ihren Glauben mit dem Schwert nicht nur zu verteidigen, sondern zu verbreiten, hatten eigentlich alle. Insbesondere lässt sich anhand der Geschichte des Christentums die These nicht halten, dass der Islam hier besonders aggressiv verfahren sei. Die Juden etwa lebten über Jahrhunderte, zwar als Unterklasse, aber ansonsten unbehelligt, in verschiedensten islamischen Gesellschaften (im Jemen heute noch ...), während dem sie in den christlichen Ländern regelmässig verfolgt oder gar vernichtet wurden. Es brauchte nicht mal Andersgläubige. Kaum hatten die Christen die Macht, begannen sie gegeneinander zu wetteifern und sich in verschiedenste grössere und kleinere Sekten aufzuspalten (dieser "Gruppenglaube" ist heute noch stark. Zur Zeit (Jan. 10) hauen gerade die neuen Ukrainer Orthodoxen mit dem Kiever Patriarchat die Kirchen des Moskauer/Konstantinopler Patriarchats zu Bruch) :
Die Normannen eroberten allerdings Sizilien zurück und schützten Italien vor den Sarazenen. Zwischendurch liefern sie sich allerdings einmal eine Schlacht mit den Byzantinern, dann mit dem Papst, den Franzosen, Schotten, Engländern und auch den Osmanen.
Die Kultur des Römischen Imperiums prägte Europa also noch fast zwei Jahrtausende, doppelt so lange wie es bestanden hatte. Russell warnt hier einerseits, am Beispiele Roms, dass Imperien wie das Westeuropäisch-Nordamerikanische, das im 19. und 20. JH die Welt beherrschte, wirtschaftlich zumindest, nicht auf Ewigkeit bestand haben müsse. Allerdings sei der Kulturimperialismus längerdauernd als der Machtimperialismus, was üble Folgen haben könnte. Denn wenn sich China und Indien nun auf den von uns produzierten Wirtschaftskrieg (Wettbewerb genannt) einlassen, und auf Deibel komm raus immer mehr immer billiger produzieren, dann kommt die Erde nicht mehr mit mit dem Schlucken der Abfälle, Abwässer und Abgase, um so mehr als sie rasant verbaut, genutzt, übernutzt wird.
Die Überlegenheit des Westens seit der Renaissance beruht teils auf der Wissenschaft und wissenschaftlichen Technik, teils auf politischen Institutionen, die während des Mittelalters allmählich aufgebaut wurden. Er erwarte allerdings von der Indischen Kultur nach der Befreiung von England eine Entfaltung der Kulturen wie in Europa zur Zeit der Renaissance. Da hat er offensichtlich die kulturell nivellierende Macht der Wirtschaft noch nicht erkannt. Aber dafür war es 1950 auch definitiv noch zu früh, denn die Globalisierung war noch weit weg.
Kommentar am Rande: Scholastik, also ein ganzes Zeitalter, benennt sich als "schulisch". Das notwendige Wissen wurde also gelehrt, allerdings auch kritisiert und diskutiert, aber nicht neues Wissen begründet, da dies ein Sakrileg gegenüber den Alten, den Weisen, besonders Aristoteles gewesen wäre. Heute haben wir wieder ein ganzes Volk, dass sich als Schüler bezeichnet, und die ganze Welt richtet sich gegen sie, die Taliban, Schüler des Koran. Die Geschichte entwickelt sich ganz offensichtlich mit ganz anderen Abläufen in unterschiedlichen Ländern und Kulturen.
Hier entstand diejenige Sekte, die religiösen Abweichlern den Namen gab, die Katharer > Ketzer - obwohl der Begriff eigentlich "Die Reinen" bedeutet (wie Pakistan: Land der Reinen). Sie waren Dualisten, hielten den alttestamentarischen Gott für einen Demiurgen (einen ungeschickten Bastler. Ja sogar Götter bedienen sich des Konstruktivismus!) und erst den neutestamentarischen für den wahren. Sie hielten Materie an und für sich für schlecht und glaubten nicht an eine Auferstehung, nahmen aber ansonsten das Neue Testament wortwörtlich, also fundamentalistisch. Schwören lehnten sie ab, das Geschlechtliche war ihnen zuwieder, Selbstmord tolerierten sie.
Als Hüter der rechten Ordnung taten sich vor allem die Dominikaner und Franziskaner hervor.
Ockham's Messer ist zwar äusserst hilfreich, leistete aber einer Verwissenschaftlichung Vorschub, die sich auf Kenntnisse von Details beschränkte und leicht den Überblick verliert. Ockham ist wieder arg im Trend, da er natürlich auch erlaubt, "ökonomischer" zur Forschen. Er widerspricht aber der Erkenntnis der Systemforschung, die, etwas metaphysisch und äusserst schwer verständlich, von Hegel vorweggenommen worden war mit der Erkenntnis, dass nur die Kenntnis der Gesamtheit auch die Einzelteile im richtigen Licht erscheinen lässt. Ockham war auch der letzte grosse Scholastiker.
Der Verfall des Papsttums:
Das 13. JH. hatte eine grosse philosophische, theologische, politische und soziale Synthese zur Vollendung gebracht, die das Zusammenwirken von Elementen allmählich aufgebaut hatte. Das erste dieser Elemente war eine griechische Philosophie. Dann erfolgte auf Grund der Eroberungen Alexanders ein grosser Zustrom von Religionen au dem Orient. Aus Syrien, Ägypten, Babylonien und Persien kam die Institution einer von der Laienbevölkerung abgesonderten Priester-Institution, die mehr oder weniger mit magischen Kräften ausgestattet, beachtlichen Einfluss auszuüben vermochte. Denselben Quellen entstammten eindrucksvolle Riten, die in hohem Masse mit dem Glauben an ein Leben nach dem Tode zusammenhingen. Aus Persien besonders kam der Dualismus, der in der Welt den Kampfplatz zweier grosser Heere sah, eines guten, das von Ahura Mazda, und eines bösen, das von Ahriman geführt wurde.
Das Christentum vereinigte in sich starke Elemente aus unterschiedlichen Kulturen. Von den Juden übernahm es, genau wie später der Islam, das heilige Buch und die Doktrin, dass es nur eine echte und wahre Religion und nur einen Gott gäbe. Nicht übernommen wurde die Unbequemlichkeit der Thora und seine rassistische Ausschliesslichkeit. Im Osterfest zur Auferstehung vereinigte sich das jüdische Pessah mit andern traditionellen heidnischen Feiern des Frühjahrsbeginns (die früher gelehrte Frühlingsgöttin Astarte schein zwar ein bisschen dubios auf grund der Datenlage). Die Macht und Vorherrschaft der Priesterschaft wurde vom Orient übernommen, uns verstärkt durch Herrschaftsmethoden welche die Kirche im römischen Reich gelernt hatte.
Synthese des 13. JH, Hochmittelalter:
Die Feudalaristokratie war im grossen und ganzen ungebildet, beschränkt und barbarisch gewesen; das gewöhnliche Volk hatte sich auf die Seite der Kirche gestellt, weil sie dem Adel an Intelligenz , Moral und der Fähigkeit die Anarchie zu bekämpfen, überlegen war. Der neue Kaufmannstand war so intelligent wie der Klerus und in weltlichen Angelegenheiten ebenso unterrichtet; doch verstand er es besser als die Geistlichkeit, dem Adel die Stirn zu bieten, und galt bei den unteren Schichten der städtischen Bevölkerung für geeigneter, die bürgerlichen Freiheiten zu verteidigen.
Dass in Frankreich, England und Spanien starke nationale Monarchien entstanden, war eine weitere Ursache, die das Ende des Mittelalters bewirkte. Nachdem die Könige die innere Anarchie unterdrückt und sich mit den reichen Kaufleuten gegen die Aristokratie verbündet hatten, waren sie in der zweiten Hälfte des fünzehnten Jahrhunderts mächtig genug, den Papst im nationalen Interesse bekämpfen zu können.
Und so zerstörten Renaissance und Reformation die mittelalterliche Synthese, die in ihrer augenfälligen Vollkommenheit und Sauberkeit bisher ohnegleich geblieben ist.
Das ganze 14. JH hindurch war der Papst ein Werkzeug französischer Könige. Von 1309 bis herrschte ein Schisma, und ein "französischer" Papst residierte in Avignon bis 1378. Aufgelöst wurde der Zustand aber erst definitiv durch das Konzil von Konstanz (1414-1418).
Noch wirksamer war allerdings das Aufkommen eines reichen Kaufmannsstandes und die zunehmende Bildung der Laien durch Universitäten, insbesondere in den Stadtstaaten Norditaliens.
Mit der Renaissance verliess zumindest die städtische Oberschicht das Tränental und wandte sich irdischen Freuden zu, suchte den Rausch von Ruhm, Schönheit, Kunst, Poesie, Freude und Abenteuer. Savonarola versuchte umsonst mit kirchlichem Terror die Entwicklung zu stoppen. So ähnlich wie Savonarola damals dürften viele gläubige Muslime die Gefahr heute sehen, in der sich ihr Glaube befindet. Allerdings mit dem Unterschied, dass sich die Renaissance mit einem Rückblick auf vergangene eigene Kultur wie Phoenix neu aus der Asche erheben konnte, während dem die heutigen Marktfreuden mit denen alle Entwicklungsländer beglückt sind, eher einem westlichen Danaergeschenk ähneln.
Die Kirchenspaltung, gegen die sich das ganze Mittelalter gewehrt hatte, war dennoch, oder gerade darum, das Resultat. Damit brach auch die philosophische Synthese dieser Zeit zusammen. Der Nationalstaat gewann, grossenteils dank dem Schiesspulver, auf das Denken und Fühlen der Menschen einen zuvor unerreichten Einfluss, der allmählich zerstörte, was noch von dem römischen Glauben an die Einheit der Kultur übrig war. [S. 17] Der Krieg der Staaten ging dem Krieg der Kulturen also lange voraus. Die Einheit durch dominante Staaten, immer noch der Traum der USA wie auch Chinas, lässt sich heute jedoch nicht mehr mit Gewalt, weder mit Schiesspulver, noch mit Kanonen, noch mit smart bombs herstellen.
Russell sieht einen starken Grund für die Reformation nicht bloss in den Missständen des damaligen Papsttums, sondern in der Chance für die Herren, über jeweilige Landeskirchen das Volk leichter beherrschen zu können. Dieses Konzept hatte sich Ende des 30-jährigen Krieges mit cujus regio - eijus religio, eindeutig durchgesetzt. Die Kirche war damit zum weltlichen Herrschaftsinstrument geworden, gab dem Glauben also eine ähnlich bestimmendee Funktion für das gesamte Leben, wie wir sie heute am nicht-säkularen Islam kritisieren. Wir fordern von den Muslimen, unser Konzept sofort und unbefragt zu übernehmen, als bestes, obwohl ihnen die 200 Jahre Krieg und Querelen fehlen, die wir gebraucht haben, um so weit zu kommen (wobei so weit eben nicht mehr heisst, das Staat und Kirche getrennt sind, sondern dass Kirche und Glaube eigentlich bedeutungslos geworden sind, sich allenfalls noch zu privaten Seelenpflege eignen.)
In diesen Jahrhunderten der Querelen entwickelten sich unterschiedliche Alternativen zur Herrschaft "des einen, echten, richtigen, alles umfassenden katholischen (oder eben reformierten) Glaubens":
Zwischen diesen Extremen, der klaren Herrschaft des einen "richtigen" Systems - und der absoluten Freiheit des Individuums in der Herrschaftslosigkeit (Anarchie) siedelte sich erfolgreich der Liberalismus an ... der inzwischen allerdings bereits die selbe Herrschaftsmacht ausübt wie anno dazumals der Nationalstaat oder zuvor die Kirche: Kein Geld - kein Recht! Wer arm ist, ist nichts. (Darum stören die Armen das heutige System auch nicht übermässig, solange sie sich nicht in Bahnhöfen oder auf anderen öffentlichen Plätzen rumlungern.)
Die Neuzeit ist weniger geistlich als weltlich geprägt. Der Feudaladel der sich nördlich der Alpen bis zum 15. JH. gegen die Zentralregierungen hatte halten können, verliert erst seine politische, dann seine wirtschaftliche Bedeutung. An seine Stelle tritt der König im Verein mit reichen Kaufleuten - die dann oft zu neuem Adel werden.
Mit Kopernikus (1473-1543), der allerdings sein heliozentrisches Weltbild erst posthum publizierte, begann der ernsthafte Angriff der Wissenschaft auf das zuvor geltende Wahrheitsmonopol der Kirche. Obwohl der ehemalige Dogmatismus auch gerne von Wissenschaftlern betrieben wird, ist das übliche Verfahren doch eher, dass man was vermutet, prüft, d.h. zu widerlegen oder zu belegen sucht. Da sich der Erkenntnis im Laufe der Geschichte immer neue Möglichkeiten eröffnet haben, müsste jedem Wissenschaftler auch klar sein, dass seine "Wahrheit" keine ewige, sondern meist nur eine vorläufige ist, die früher oder später durch neue Mittel verbessert, wenn nicht völlig umgekrempelt wird. Wissenschaft muss also, im Gegensatz zu Philosophie, ihre "Wahrheit" nicht für erhaltenswert unter allen Umständen und mit allen Mitteln erachten, sondern immer als veränderbar, verbesserbar.
Die andauernde Querele zwischen der Priorität von Theorie oder Praxis, die ja bereits bei den Griechen vorhanden war, und es heute noch ist, zeichnete sich damals dadurch aus, dass die meisten Wissenschaftler sich ihren Lebensunterhalt mit der Erfindung von Kriegsgeräten, speziell Artillerie (Galileo, Leonardo) oder Verteidigungsanlagen (Leonardo, Descartes) verdienten. Die Wissenschaft verdankt ja auch ihren Sieg, ihre Dominanz, der praktischen Verwertbarkeit ihrer Erkenntnisse, also primär der Technik. Ein grosser Teil der Wissenschaftler des 17. JH. lebte so von der Herstellung von Fernrohren, Lupen, Mikroskopen und dergleichen. Hier war es allerdings nicht der "praktische" Nutzen der Geräte, auch nicht für die Theorie, sondern ganz einfach die Lust am Spiel, an Unterhaltung, über die sich die Forschung finanzieren konnte.
Wissenschaft und Technik hatten auch jenen erwünschten Effekt, der die Gesellschaft heute, trotz fast überbordender Konkurrenz, zusammenhält: Die wissenschaftliche Technik bedingt die Zusammenarbeit einer grossen Anzahl Einzelner unter einheitlicher Leitung. Sie ist infolgedessen gegen den Anarchismus, ja selbst gegen den Individualismus eingestellt, da sie einer wohlgefügten sozialen Struktur bedarf. Im Gegensatz zur Religion ist sie moralisch neutral: sie versichert den Menschen, dass sie Wunder vollbringen können, verrät ihnen aber nicht, welche Wunder sie vollbringen sollen. ... Dem Machttrieb ist somit ein Spielraum geboten wie nie zuvor. Die von der wissenschaftlichen Technik inspirierten Philosophien sind Machtphilosophien und neigen dazu, alles Nichtmenschliche als blossen Rohstoff anzusehen. Ziele und Zwecke werden nicht mehr beachtet; nur die Tauglichkeit der Methode wird gewertet. Auch das ist eine Art Wahnsinn, und zwar die heutzutage gefährlichste Form des Wahnsinns, gegen die eine gesunde Philosophie ein Gegengift erfinden sollte.
Zwei Richtungen die sich seltsamerweise beide als exklusive Vertreter eines Freiheitsideals sehen, stehen einander unversöhnlich gegenüber:
| Ich denke hier liegt der blinde Fleck, na, ja, zumindest einer, bei Russell. Bei Leuten die viel sagen und/oder schreiben verbirgt sich das meiste oder wichtigste oft eben dadurch, dass es nicht geschrieben ist (ähum ...). Wovon Russell berichtet ist das Ende des Absolutismus, der seinen grössten Repräsentanten in Louis XIV. gefunden hat - wovon Russell schweigt, ist die Entstehung des Absolutismus und dessen Folgen. Abgesehen von einigen spinnerten Kaisern in China (the land far far away) dürfte im Westen die erste absoltutistische Regierung diejenige von Elisabeth I. (1533-1603) gewesen sein, passenderweise unterstützt von Morus. (Die offizielle Geschichtsschreibung nennt hier zwar Jakob I. Sohn von Maria Stuart, aber wohl bloss, weil er das System Frankreichs übernahm. Die Grundlagen waren allerdings von Elisabeth weitgehend geschaffen worden. Tochter von Heinrich VIII, dem gewalttätigen, murkst sie Maria Stuart ab, die ebenfalls Anrecht auf den Thron hatte, löst die Englische Kirche vom Paps los - und beschlagnahmt deren Eigentum (die Puritaner, die auch ihr nicht so ganz geheur waren, entlässt sie dummerweise nach Nordamerika ....), lässt sich, ganz in Machiavellis Sinn, von Piraten und Korsaren unterstützen. Sie verweigert sich einer politischen Heirat mit einem der grossen Staaten, also Spanien, Frankreich oder Deutschland, weil sie nicht in Abhängigkeit leben will. Die grosse Spanische Armada wird zwar eher durch die Stürme im Kanal geschlagen als durch militärische Macht, aber sie ist erledigt. Der Grundstein für das Empire ist gelegt, das Empire das die Welt von Nordamerika über Indien bis nach Australien zu beherrschen versuchte, also mit den andern Kolonialmächten nicht gerade für die Verbreitung von Recht sorgte, aber für jede Menge an Entwicklungsproblemen. |
Russell allerdings sieht in der Anarchie die erste Art des Wahnsinns - obwohl er sehr wohl "den Puck" sieht, was die bis dahin herrschenden Alternativen angeht: Zur Zeit scheint die moderne Welt einer Lösung ähnlich der antiken zuzustreben: auf eine gewaltsam aufgezwungene soziale Ordnung, die stärker den Willen der Mächtigen als die Hoffnungen der gewöhnlichen Menschen repräsentiert. Das Problem einer dauerhaften (so sagte man noch bevor "nachhaltig" in Schwang kam) befriedigenden sozialen Ordnung lässt sich nur lösen, wenn es gelingt die Solidität des römischen Imperiums mit dem Idealismus des augustinischen Gottesstaates zu vereinen. Dazu wird es einer neuen Philosophie bedürfen.
> Tönt harmlos, vielleicht etwas historisch verschwurbelt, enthält aber Zündstoff, bei dem wir etwas verharren müssen: Die gewaltsam aufgezwungene Ordnung ist heute eben nicht aufgezwungen durch Armee und Polizei wie im 19. JH, sondern durch die "Anpassung" an die Produktion, die immer, immer schneller, ohne Unterlass, laufen muss und dauernd die Anforderungen ansteigen lässt, so dass sie heute immer mehr und immer rascher Überschuss erzeugt, und dies nicht bloss bei Wahren und Dienstleistungen. Wo aber das herrschende Ordnungssystem, also der Produktvismus, Menschen überflüssig macht, kann nicht von einer nachhaltigen Ordnung gesprochen werden, geschweige denn von einer guten. Diese straffe produktive Ordnung, die bei den Römern durch Armee und Gesetz und, recht bedeutend, Sklaven gewährleistet wurde, muss ihre Ergänzung in einer geistigen, d.h. heute auch freien Ordnung finden. Muss, müsste, sollte, wird bedürfen - hat aber noch nicht. Die Aufgabe steht immer massiver vor uns, je mehr sich wichtige Vorräte an Rohstoffen (nicht bloss Erdöl) dem Ende zuneigen, je enger die Menschen einander auf den Leib rücken, je höher die Bauten werden (gerade wurde das Burgh Dubai, neu Burgh Khalifa, 828 m hoch, eröffnet. Babyl lässt grüssen, derweil Dubai bankrott ist.
Obwohl die Furcht vor Anarchie bei Russell recht ausgeprägt immer wieder aufscheint, formuliert er an einer, nur einer Stelle doch leicht zweideutig: Wie viele Morde, wieviel Anarchie wären wir wohl bereit zu ertragen um so grosser Leistungen willen, wie sie die Renaissance hervorgerbracht hat? In der Vergangenheit war man gewillt, weit mehr dafür auf sich zu nehmen, als wir es heute zu tun vermögen. Dieses Problem hat sich bisher nicht lösen lassen, obwohl die zunehmende soziale Organisation die Bedeutung des Problems immer stärker unterstreicht. [S. 511]
Aus historischer Perspektive sind also nicht dann die höchsten Leistungen erbracht worden, wenn sich alle angepasst haben, pünktlich und gehorsam waren, sondern wenn sie sich in einem wilden, chaotischen Gebrodel der Entwicklung durchsetzen mussten. Von daher hätten wir eigentlich die besten Voraussetzungen für ähnliche Leistungen wie damals.
Mit dem 17. Jahrhundert (s. auch M. Foucault: Die Ordnung der Dinge, das weitgehend auf dem 17. und 18. JH basiert) kommt ein für die Wissenschaften glorioses Jahrhundert mit den grössten Namen und den philosophisch wie wissenschaftlich grössten Fortschritten (vor allem in den Naturwissenschaften) seit den Griechen. Soweit es sich um die geistige Haltung und deren Ablösung vom mittelalterlichen Denken, also der fast vollständigen Prägung durch Religion handelt, wurde das Mittelalter erst mit dem 17. JH beendet.
Heute ist zwar die Angst vor dem Tode weitaus weniger verbreitet, dafür wird a) die Angst vor Kranhkeiten andauernd verbreitet ... und dennoch wundert man sich immer wieder, warum denn die Gesundheitsausgaben so stiegen. Noch mehr verbreitet wird allerdings die Angst vor Arbeitslosigkeit, denn die hält a) die Löhne tief, immer tiefer als der Produktivitätsfortschritt, und b) die Arbeitnehmer in immer fügsamer Strebsamkeit, mit ihrem Wissen und ihrer Erfahrung auf Dauer von den Produzenten begehrt zu werden..
> Man sollte die Theorie mal anwenden auf die Wirtschaft ... gerade weil Leibniz nicht von der Überlegenheit des Stärksten spricht (was eh eine falsche Übersetzung von fittest ist, das eigentlich der Passendste bedeutet, sondern von Verträglichkeit. Und diese kommt gerade in dem System das sich als durchsetzungsfähiger als Kommunismus und Sozialismus erwiesen hat, also dem Kapitalismus, doch immer mehr unter Druck, nicht nur von Seiten der Natur und ihrer Ressourcen. Eben so hilfreich wäre der Begriff in einer Neudefinition von Anpassungsleistungen wie sie von Immigranten gefordert werden: Beide Seiten müssen dafür sehen, dass sie sich gegenseitig ertragen können. Beide Seiten müssen also fundamentalistische, imperative, kategorische Forderungen vergessen, wie sie in den Religionen und andern Ideologien verbreitet sind. Verträglichkeitsförderung statt Integration!
Locke sieht die historische Entwicklung der Beziehung zwischen Kirche und Staat sich in 3 Schritten entwickeln:
- Unter Eduard IV und König Ludwig XI schlossen sich der König und der Mittelstand gegen die Aristokratie zusammen
- Unter Ludwig XIV gingen König und Aristokratie gemeinsam gegen den Mittelstand vor
- In England vereinigten sich 1688 Aristokratie und Mittelstand gegen den König - und von der Unterschicht redet keine Sau. Also Glorios war diese Revolution auch hier vor allem für die Elite.
Zur Beschreibung unterschiedlicher Auffassungen vom Naturrecht bediente sich Locke des Zinses als Beispiel. Zu Zeiten der Evangelien, als die Bibel kritisch gegenüber Wucher war, waren die Menschen Bauern. Genau wie der Kirche (allerdings als Grossgrundbesitzerin) waren sie zwar "begütert", aber immer short in cash, mussten sich also Geld ausleihen, was sie natürlich lieber gratis taten. Der Protestantismus von Calvin war städtisch-bürgerlich, da hatte man Geld, das man auch gerne verlieh - wenn was dabei rausschaute. Beides war für die entsprechenden Interessen - Naturrecht.
Klugheit ist die Fähigkeit zu angemessenem Handeln im konkreten Einzelfall
unter Berücksichtigung aller für die Situation relevanter Faktoren, individueller Handlungsziele und
sittlicher Einsichten.Mit Locke begann das Bewusstsein, dass Menschen primär vom Streben nach (dem eigenen) Glück angetrieben werden, also der Wirtschaftsliberalismus. Da gegenwärtige Lust immer stärker gewichtet wird als bloss mögliche zukünftige, müssen sich Menschen (und Unternehmen müsste man heute zufügen) sich aber von möglichst langfristigen Interessen leiten lassen. Dem würden wir, nach einer ganzen Serie von Börsenproblemen die alle auf kurzfristige Booms zurückzuführen waren, aber doch zumindest mittelfristige Probleme hinterlassen haben, voll zustimmen. (s. Finanzkrise 08). Wir sehen auch anhand der Definition von Klugheit, dass es präzise die Orientierung am konkreten Fall (nicht an der Komplexität des Gesamtsystems) und der Beschränkung auf die Gegenwart ist, die Langfristigkeit im Widerspruch steht, also dazu führt, dass eine "kluge" Entscheidung zwar Geld bringen kann, aber nicht unbedingt intelligent, und schon gar nicht weise ist. Es wird daraus aber auch sofort klar, warum jemand der weise, oder sagen wir mindestens mal intelligent zu handeln bestrebt ist, in der Wirtschaft an den Rand gerät.
Der wichtigste Grund, sich zu einem Staat zusammen zu schliessen ist hier nicht mehr die Sicherheit des Individuums und der Familie, sondern die Garantie des Eigentums. Von Locke wurden Besitzlose und Frauen also von den Bürgerrechten ausgeschlossen.
Ein weiterer Punkt,ein kritischer Punkt, wird von ihm angetönt, das Problem der Klugheit (also nicht der Intelligenz und noch weniger der Weisheit): Der Kluge wird reich, der Unkluge wird oder ist arm. [S. 623] Die Liberalen, zu denen Russell eindeutig gehört, wie auch Locke, hatten allerdings den Eindruck, dass sich private und öffentliche Interessen decken, eine Annahme die gegen Ende des 20. JH sich nur noch schwer beibehalten lässt.
Wichtigste Entdeckungen und Erfindungen des 17. JH: Mikroskop, Fernrohr, Luftpumpe, Thermometer, Uhr (erst halbwegs präzise nach der Formulierung der Pendelgesetze durch Galileo, Magnet und Kompass; Blutkreislauf, Boylsche Gesetze, analytische Geomentrie, Differential- und Integralrechnung, etcetc. - nicht zu vergessen, der Flaschenkork, ohne den es auch keinen Chateau Haut Brion gäbe! Viele dieser Geräte, insbesondere das Fernrohr und Mikroskop, wurden von Privaten gekauft, zur Unterhaltung. Viele Forscher verdienten sich mit der Produktion von Linsen (Spinoza) oder ganzen Geräten ihr Auskommen. Das ist (mit ausnahme des Verdienens der Wissenschaftler) heue noch genau so. Computer wären nie so rasch entwickelt und so billig geworden, würden sie nur von denen genutzt, die das damit machen, wozu sie gedacht sind, also Daten speichern und verarbeiten. Es ist genau die Spielindustrie, die die Entwicklung zu immer grösseren und besseren Bildschirmen gedrängt hat, wie zu leistungsfähigeren, schnelleren Computern mit mehr Speicher. Die Forschung alleine hätte diese Entwicklung nie finanzieren können.
Mit oder ohne Haut-Brion: Die Westeuropäer wurden zusehends reicher und standen im Begriff, sich zu Herren der ganzen Welt zu machen: Sie hatten Nord- und Südamerika erobert, herrschten in Afrika und Indien, waren in China angesehen und in Japan gefürchtet. [S. 547] Dazu brauchen sie heute a) die USA, b) Atombomben oder zumindest smart bombs.
Rousseau betonte, gegenüber den bisherigen kalten Wissenschaften, das Gefühl, la sensibilité, vergisst aber offensichtlich, dass mindestens die Hälfte der Gefühle sehr hässlich sind (Angst, Hass, Neid, Unlust, Zorn etc), da Gefühle, zwischen Lust und Unlust, eben so polar ausgerichtet sind wie Werte und praktische alle Orientierungen des Menschen. Präzise aus diesem Grund nennen sich Weisheit wie Diplomatie auch - die Kunst des goldenen Mitte.
Die Romantik spielte zu Beginn des 19. JH eine grosse Rolle, gerade weil die einsetzende Industrialisierung dreckig, laut, der individuellen Freiheit abträglich und allem Gefühlsmässigen (ausser dem Gefühl für den potentiellen Profit) abträglich war. Die wichtigsten Autoren der Romantik waren in Frankreich: Victor Hugo, in den USA: Melville, Thoreau (Amerikanischer Urvater aller Anarchisten), Emerson, in England vor allem : Coleridge's Ancient Mariner, Byron, Shelley (Frankenstein), Keats.
Russell kritisiert zwar nicht die Psychologie der Romantik, aber ihren Wertemassstab: Sie bewunderten jede starke Leidenschaft, gleich welcher Art und ungeachet ihrer sozialen Folgen. [S. 689]. Nicht nur die romantische Liebe galt als romantisch, sondern viele Gefühle die etwas Zerstörerisches haben: Hass, Empfindlichkeit, Eifersucht, Reue, Verzweiflung, übertriebener Stolz, die Raserei der unrechtmässigen Unterdrückung, Kampfesfreude, Verachtung für Sklaven und Feiglinge. Der durch die Romantik, bes. Byron, geförderte Menschentyp ist leidenschaftlich und asozial, es ist der Typ des anarchischen Rebellen oder des tyrannischen Eroberers. Schwärmerei! Bankrott der Vernunft!!
Russell gibt hier auch hinweise auf andere seltsame Erscheinungen in der Literatur, insbesondere die, na sagen wir mal "übermässige" Schwesternliebe wie sie sich bei Wagner (Siegmund und Sieglinde), Nietzsche, und etwas später ganz ausgeprägt bei Musils "Mann ohne Eigenschaften" findet. Die Ursache liege darin, dass man in der Freundschaft sein Spiegelbild suche (etwas, das heute mit ziemlicher Sicherheit als Narzissmus diagnostiziert würde, und der ganz dominant in der Gefühlswelt mit rumort), was insbesondere bei Blutsverwandtschaft gegeben sei. Aus diesem Grund habe auch die Bedeutung der Rasse derart zugenommen. Etwas gemässigter ausgedrückt könnte man sich hier natürlich mit dem Drang zur Aufrechterhaltung der eigenen Identität anhand der äusseren Zusammengehörigkeit begnügen. Allerdings hatte auch diese ins Mystische übertriebene Identität ähnliche Folgen. Die Freiheit des eigenen Volkes wurde überbetont, fremde Völker abgelehnt, insbesondere die Juden. Das machte die internationale Kooperation schwierig wenn nicht gar unmöglich, was vielleicht doch mit ein Grund ist für den Zerfall des Vielvölkerstaates Oesterreich-Ungarn. Dem Christentum war es bis zu einem gewissen Grade gelungen, das Ich zu bändigen. Die Romantik unterstützte ein zügelloses ich, das die soziale Zusammenarbeit unmöglich machte und die Anhänger vor die Alternative Anarchie oder Despotismus stellte. Wie heute noch erwarteten die Romantiker damals, dass sie von "gefühlsstarken" Menschen Zärtlichkeit zu erwarten hätten, mussten aber feststellen, dass die andern eben genau die selben Egoisten waren. Das enttäuschte Zärtlichkeitsbedürnis wandelte sich in Hass und Gewalttätigkeit.
Ein grosser Teil der Kritik an Rousseau die dann nochmals aufgenommen wird ist ziemlich polemisch, lass ich aus. Der einzig sachlich bedeutende Hinweis ist der auf die Schwäche der Bestimmung des Volkswillens bei Rousseau: Der Souverän sollte allmächtig sein. (Offenbar ist er auch der grosse Vor-Vater der SVP). Der allgemeine Wille könne aber nur zum Ausdruck kommen, wenn es innerhalb des Staates keine Teilgesellschaften gäbe, so dass jeder Bürger nur seine eigenen Gedanken haben könne. Rousseau argumentiert also ähnlich wie der Neoliberalismus, der jede Kooperation (ausser der wirtschaftlichen), jede Interessensvertretung (ausser der wirtschaftlichen) als schädlich für den Markt ansieht. Der Staat müsste also, dass sich der Volkswille ungetrübt ausbilde, die Kirchen, politischen Parteien, Gewerkschaften und anderen sozialen Organisationen mit gleichgerichteten wirtschaftlichen Interessen verbieten. Dieser Staat wäre also ein kooperativ totalitärer Staat. Russell schiebt Rousseau unverblümt die Schuld an der Tyrannenherrschaft Robespierres ebenso in die Schuhe wie die für den Gröfaz (Grösster Führer aller Zeiten).
Kant, Fichte (1762-1814) und Hegel entwickelten eine subtilere Form der neuen Philosophie, obwohl der Idealismus eine gewisse geistige Verwandtschaft hat mit der Romantik: Heftig wird jede utilitaristische Moralauffassung zugunsten von Systemen abgelehnt, die durch abstrakte philosophische Argumente als bewiesen gelten. Hier erklärt Russell auch grad noch, wo er die Ursache dafür sieht, dass die Deutschen Philosophen die unverständlichsten Texte geschafffen haben, während die Engländer verständlich, oft gar volkstümlich blieben, die Franzosen aus der Philosophie Literatur machten. Diese Deutschen Philosophen waren Professoren, richteten sich also fast ausschliesslich an ein Fachpublikum. Sie waren nicht wie die Engländer von einer Rente lebende Gentlemen, die sich an der Philosophie vergnügten und diese unter das Volk brachten. Sie hatten auch keine umstürzlerischen oder gar literarischen Absichten sondern waren streng staatskonform und eben ... wissenschaftlich. Am schwersten tat sich, nebst Hegel, Kant damit, seine Gedanken klar und verständlich auszudrücken (s. Schwadronieren):
Kant (1724-1804): In der Kritik der Vernunft suchte Kant zu beweisen, dass Erkenntnis niemals über unserer Erfahrung hinaus gehen kann, aber zum Teil bereits a priori besteht, also nicht induktiv von Erfahrung abgeleitet ist. Zu diesem apriorischen Teil der Erkenntniss gehört speziell die Logik. Alle mathematischen Sätze sind apriorisch. Sie erklären sich quasi aus sich selbst, was man dummerweise, s. Wittgenstein, auch als Tautologie bezeichnen kann: Der Satz sagt (nichts aus als) sich selbst.
Tugenden sind für Kant nicht vom Resultat abhängig, sondern nur von der Absicht, vom Prinzip. Auch aus diesem Grund taugt der kategorische Imperativ nicht viel, denn gerade unsere "Technikfolgengesellschaft" oder Risikogesellschaft (Beck) leidet ja vor allem an nicht gewollten Folgen guter Absichten.
Auch Kants Theorie von Raum und Zeit ist das Papier nicht wert auf dem sie geschrieben steht. (Lesen Sie's selbst nach, S. 720-26, sonst komm ich wieder mal in den Ruf des Grössenwahns ... Aber ich hab schon ein bisschen den Eindruck, dass Kant, teilweise auch Hegel, vor allem darum so bekannt und hoch geschätzt sind, weil sie kein Schwein versteht.) Als bedeutend sieht Russell jedoch den Ausbau des kantschen Systems durch Hegel an ... den er allerdings genau so in die Pfanne haut.
Helvetius (1715-71)
Bei Byron sehen wir die romantische Form in unphilosophischem Gewand, bei Schopenhauer und Nietzsche jedoch in der Sprache der Philosophie. Sie betonten den Willen stark auf Kosten des Verstandes. Ihre Philosophie tritt so gerne in Gemeinschaft mit Nationalismus auf, bekämpft die Vernunft und neigt zu Wissenschaftsfeindlichkeit. Die extremsten Formen nahm sie allerdings (für Russell) bei den Russischen Anarchisten an.
| Dem lässt sich Leibnitz' Konzept der Verträglichkeitgegenüberstellen, das weitaus geeigneter ist, eine Gesellschaft auf humaner Basis zu begründen, und dennoch selektiv. |
Was Galileo und Newton für das siebzehnte Jahrhundert, war Darwin für das neunzehnte. Nicht nur die Willensphilosophen, sondern auch der Liberalismus nahmen Wettbewerb und Selektion des Tauglichsten gerne an, da sich bereits dadurch ein Fortschrittsglaube anregen liess: So entsteht bei Menschen, die in leiternder Stellung sind oder die mit solchen Menschen in Berührung kommen, ein neuer Glaube an die Macht: Zunächst an die Macht des Menschen im Kampf mit der Natur, dann an die Macht der Herrscher über Menschen, deren Ueberzeugungen und Wünsche sie durch wissenschaftliche Propaganda, besonders durch Erziehung, zu beherrschen suchen. Dadurch wird alles unbeständiger; kein Wandel scheint mehr unmöglich. Die Natur ist nur Rohstoff; dasselbe gilt von dem Teil der Menschheit, der nicht an der Regierung beteiligt ist.
Ein philosophisches System aufzustellen, das einerseits dem von den Aussichten einer fast unbegrenzten Macht hervorragerufenen Rausch der Menschen, andererseits der Apathie der Machtlosen entgegenzuwirken vermag, ist die dringliche Aufgabe unserer Zeit.
Obwohl noch viele aufrichtig von der menschlichen Gleichheit und der theoretischen Demokratie überzeugt sind, ist die Vorstellung der modernen Menschen tief beeindruckt von dem Vorbild für die soziale Organisation, das die im wesentlichen undemokratische Industrie-Organisation des neunzehnten Jahrhunderts lieferte. Auf der einen Seite stehen die Industriekapitäne, auf der anderen die Massen der Arbeiter. Diese innere Spannung der Demokratie haben die durchschnittlichen Bürger in demokratischen Ländern noch nicht erkannt; doch hat ihr das Hauptinteresse der Philosophen seit Hegel gegolten; der scharfe Gegensatz, den sie zwischen den Interessen der breiten Masse und den Interessen einger weniger feststellten, hat seinen praktischen Ausdruck im Faschismus gefunden. Von den Philosophen stand Nietzsche ganz offen auf Seiten der Wenigen, Marx uneingeschränkt auf seiten der Massen. Vielleicht war Bentham der einzige Philosoph von Bedeutung, der einen Ausgleich der entgegengesetzten Interessen angestrebt hat; die Folge war, dass er sich die Feindschaft beider Parteien zuzog.
Hegel (1770-1831): Hegels Philosophie ist von allen grossen Philosophien die am schwersten verständliche, weil man sie nur verstehen kann als Ganzes, und nur wenn man dessen Fundament annimmt: Aus seinem Interesse für das Mystische blieb ihm der Glaube an die Unwirklichkeit alles Einzelseins. Er fasste jedoch das Ganze nicht als Summe von Einzelteilen auf, sondern als Organismus, in dem jeder Teil Wirklichkeit hat, ein Aspekt des Ganzen ist. Das Ganze, in seiner ganzen Kompliziertheit, ist für Hegel das Absolute. Als Einstieg sollte man aber unbedingt erst die beiden Logiken lesen ... und verstehen. s. Hegelwerkstatt Hegel kam durch seine Logik zu der Überzeugung, dass ein Ganzes mehr Wirklichkeit oder Vollkommenheit besitzt (diese beiden Bezeichnungen sind bei ihm Synonyma) als seine Teile sowie das Ganze an Wirklichkeit und und Vollkommenheit gewinne, je organischer es werde. Das berechtigte ihn, dem Staat vor einer anarchistischen Menge von Einzelwesen den Vorrang zu geben, hätte ihn aber ebenso veranlassen sollen, den Weltstaat einer anarchischen Menge von Staaten vorzuziehen. ... Die "Ganzen" von denen er redet sind aber nicht Ganze, in denen das Individuum verschwindet, sondern stärkere Wirklichkeit durch seine harmonische Beziehung zu einem grösseren Organismus gewinnt.
> Den Spruch mit dem Weltstaat meinter er allerdings nicht zynisch, sondern offenbar ernst. Er begründet sogar die Notwendigkeit einer US-Hegemonie.
Aus Hegels Prinzipien sollte man schliessen, das jedes Interesse, das der Allgemeinheit nicht schadet und durch Zusammenarbeit gefördert werden kann, seine eigene Organisation haben sollte, und dass jede derartige Organisation ein bestimmtes Mass von Unabhängigkeit zu besitzen habe.
Hegel glaubte, alle Eigenschaften eines Dinges könnten logisch gefolgert werden, wenn man über dieses Ding nur genug wüsste, um es von allen anderen Dingen unterscheiden zu können. Das war ein Irrtum, und auf diesem Irrtum baute sich das ganze imponierende Gebäude seines Systems auf. Hier zeigt sich eine bedeutende Wahrheit: Je fehlerhafter die Logik, um so interessanter die sich aus ihr ergebenden Konsequenzen. [S. 752] Fieser Kerle, ich sag's doch ...
Einerseits, andererseits fehlt uns ja zunehmend der Zusammenhalt, da es nur noch das Hamsterrad ist, das uns in Gang hält. Religion kann nicht mehr einigen, da heute viele Religionen nebeneinander her leben (müssen). Der Geist, die Kultur kann nicht einigen, da heute ... eben so. Dennoch wächst die Welt offensichtlich irgendwie zusammen und explodiert nur ab und zu lokal, was man dann als Terrorismus bezeichnet. Hegel hat's mit einem Total_Welt-System versucht. Ein ähnliches Unterfangen ist das von Teilhard de Chardin mit seiner Noosphäre, der sich allerdings um einiges verständlicher ausdrückt.
Schopenhauer (1788-1860). Mit diesem alten, aber amüsanten Nörgler und Pessimisten begann die Betonung des Willens, die für die jeweiligen philosophischen Systeme des 19. und 20. Jahrhunderts charakteristisch ist. Sein Werk ist primär aphoristisch. Zitate daraus sind weit gestreut in Brainworker zu finden.
Nietzsche (1844-1900). Auch bei ihm steht der Wille ethisch wie metaphysisch an erster Stelle. Offenbar wird er gerade heute wieder sehr stark gelesen in ... Frankreich. Er ist in erster Linie allerdings nicht Philosoph, sondern Ethiker (na ja, man kann das Gute eben unterschiedlich definieren. Die heute geltende Definition der Neoliberalen ist kaum erfreulicher als die von Nietzsche.), Literat, und Geschichtskritiker.
Bentham: Das Glück der grösstmöglichen Zahl schien ihm vor allem erreichbar über Bildung. Lehnte die Menschenrechte ab, aber das Zivilrecht sollte laut ihm vier Ziele verfolgen: Existenzmöglichkeit, Überschuss, Sicherheit und Gleichheit. Auffallend ist, dass gerade er, mit einer der Gründerväter des Liberalismus, die Freiheit nicht erwähnt. Er bewundert Aristokraten, wie sie in Frankreich vor der Revolution herrschten, Katharina die Grosse und Kaiser Franz.
Karl Marx (bei Brainworker): Für Russell sind solche Arbeiten wie die von Marx, Nietzsche etc. nicht Philosophien, sondern irrationale, instrumentalistisch bis propagandistisch eingesetzte Voreingenommenheiten. Ein bisschen war solche Voreingenommenheit allerdings auch in der Philosophie immer mit dabei.
Bergson (1859-1941), der führende französische Philosoph (nach Russell, aber nur im 1., einleitenden Satz) war ein leidenschaftlicher Syndikalist. Mit bergsonschem Irrationalismus bewies er, dass eine revolutionäre Arbeiterbewegung kein bestimmtes Ziel zu haben brauche (was der Schwarze Block ja immer wieder beweist).
Das Gute liegt für Berson im Handeln. Kontemplation nennt er Träumen - platonisch, statisch, mathematisch, logisch, intellektuell. (Logisch, dass er da von einem Mathematiker und Philosophen der Logik abgeschossen wird): Wer schon in Aktivität an sich ohne besonderes Ziel befriedigt, der wird in Bergsons Büchern ein ansprechendes Bild des Universums finden. Wenn man das hört, müsste man allerdings doch annehmen, dass Bergson wirklich eine Philosophie der heutigen Zeit mit all ihren Leerläufen geschrieben hat.
James (1842-1910: Seine Philosophie kling an beim Instrumentalismus, entwickelt sich aber hin zum Pragmatismus: Eine Idee ist solange wahr, als es für unser Leben nützlich ist, an sie zu glauben. Dennoch gab es einen Menschen, mit dem er sich gar nicht vertrug, Santayana, was aber offenbar daran lag, dass dieser gläubiger Protestant und jener eher ungläubiger Katholik war. Seine Dissertation bezeichnete James als "Gipfel der Verdorbenheit".
Dewey (1859-1952) war damals (1950) der führende Philosoph Amerikas. Als er 1894 Professor der Philosophie in Chicago wurde, entwickelte er vor allem die Pädagogik, mit hervorragenden Konzepten.
Russell unterschiebt allerdings auch in diesem Artikel grosse Teile seiner eigenen Meinung, sein Anliegen: Zu den Mitteln der Philosophie, der Menschheit das Element der Demut einzuprägen, gehörte der Begriff der Wahrheit, und zwar jener Wahrheit, die auf weitgehend ausserhalb des menschlichen Herrschaftsbereichs liegenden Fakten beruht. Wenn dem Stolz nicht mehr auf diese Weise Einhalt geboten wird, dann ist ein weiterer Schritt getan auf dem Weg zu einer bestimmten Form von Wahnsinn - zum Machtrausch, der mit Fichte in die Philosophie eindrang und zu dem moderne Menschen neigen, Philosophen wie Nichtphilosophen. Nach meiner Überzeugung liegt in diesem Rausch die grösste Gefahr unserer Zeit, und jede Philosophie, die - wenn auch unabsichtlich - dazu beiträgt, verstärkt die drohende Gefahr einer ungeheuren sozialen Katastrophe. [S. 835]
Eine Meinung, die er im letzten Kapitel, die Philosophie der logischen Analyse, zu Ende ausführt. Russell verdichtet erst einmal quasi die gesamten Erfahrungen Wittgensteins auf einen Satz.
Jedes Wissen ist nur mit Hilfe der Wissenschaft möglich;
alle Dinge aber die von Rechts wegen das Gefühl angehen, liegen ausserhalb ihres Bereichs.Im Chaos der widerstreitenden fanatischen Überzeugungen ist eine der wenigen einigenden Kräfte die wissenschaftliche Wahrheitsliebe; ich verstehe darunter die Gepflogenheit, unsern Glauben auf Beobachtungen und Schlüsse zu stützen, die so unpersönlich und von Veranlagung und Umgebung so unbeeinflusst sind wie nur menschenmöglich. Die Einführung dieses Verfahrens in die Philosophie durchgesetzt und eine brauchbare Methode, sie fruchtbar zu machen, gefunden zu haben, sind die Hauptverdienste der philosophischen Schule, der ich angehöre. Die aus der Anwendung dieser philosophischen Methode gewonnene Gewöhnung an strenge Wahrhaftigkeit lässt sich auf den ganzen Bereich des menschlichen Tuns ausdehnen; sie bewirkt allenthalben, dass der Fanatismus nachlässt und die Bereitschaft wächst, einander Sympathie und Verständnis entgegenzubringen. Wenn die Philosophie auch einen Teil ihrer dogmatischen Ansprüche aufgibt, so wird sie doch weiterhin den Weg zur rechten Lebensführung aufzeigen und die Menschen dafür begeistern. [S. 843. Schlusssatz.]
Wir sind hier nun effektiv in der selben Lage, in der sich Wittgenstein befand nach Abschluss seiner logischen wie aphoristischen Philosophie. Es scheint, dass alles, was Wahrheit betrifft gesagt und berechnet ist. Was aber bleibt ist das Reich der Gefühle, des Individualismus, der Macht, des Handelns, ein Reich das meistens nicht dasjenige der Philosophie war. Dieses Reich können wir zwar nicht mit der Logik erschliessen, denn hier kommen Zwecke, Ziele, und damit Werte ins Spiel. Es ist das Reich des Finalen, der Attraktion der Ziele, das zwar bis zum Geht-Nicht-Mehr durch Werbung und Wirtschaft ausgreizt wird, aber der Philosophie verschlossen sein soll? Chutzemischt!
Weiteres dazu demnächst wieder aus dem Wald:
|
Contribution to IUFRO-conference in Casablanca, from 25 to 27 May 2010: "PEOPLE, FORESTS AND THE ENVIRONMENT: COEXISTING IN HARMONY" Abstract: A new paradigm, new categories, needed in multidisciplinary forestry. Manifold wishes and demands are tearing our forests apart. Is forestry research fit to encounter that threat?
Inter-/pluri-/transdisziplinarity … Forestry is dependent on reliable knowledge (=scientific knowledge) from very different sources. As other applied sciences it can neither define an all-around scientific system, nor can it define the contributing sciences as there are:
The interaction between science and action, the practical, but knowledge-based utilization of forests is the core problem. All forestry-administrations have to deliver services, services for the government, services to the users of wood and the users of the forests. Not enough that such a knowledge-system is complex and complicated, there is the fact, that action demands reflection on the potential, not only on the intended results. The second part, the social and spiritual part can't be solved by classical causal sciences, but is a matter of choosing purposes, targets, aims, a matter of values, so oriented not towards unavoidable causal conditioning, but towards free final choice. The lack to differentiate between those two main fields of science leads to the bulk of problems occurring in applied sciences. Beck's terms risk-taking society, reflective modernity show, that the ever increasing activities create not only what they are thought for, but have in the meantime many side-effects. Since 25 years in Germany, 35 years in the USA, the increase in wealth does not enhance happiness, but turned into a constant rat race. (Easterlin Paradox). Under those conditions, forestry sciences have a very high potential to produce something meaningful, if they succeed in organizing the cooperation between the whole bunch of scientific disciplines under synoptic and coordinating new categories. |