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Richard Rorty: Philosophie als Kulturphilosophie

Richard Rortys Kulturphilosophie geistert seit einigen Wochen (Aug. 08) durch die Zeitungen, als innovativer Vorschlag, die Philosophie wieder in die Hufe zu bringen. Das begeistert ... auf den ersten Blick, aber werfen wir auch einen zweiten darauf:

Rorty vertritt den Neopragmatismus und steht zwischen der angloamerikanischen analytischen (atomistischen) und europäischen (holistischen) Philosophie. Er will Hegel <Philosophie ist ihre Zeit in Gedanken gefasst> mit Wittgesteins sozialer Praxis verbinden, die auf der Maxime basiert: Nicht nach der Bedeutung, sondern nach dem Gebrauch suchen. Rorty will so die Philosophie zu dem führen, was er als ihr Ziel sieht, einen Beitrag zum fortwährenden Gespräch der Menschheit über die eigene Zielsetzung zu leisten.

Die Professionalisierung verschafft den Atomisten einen Vorteil gegenüber den Holisten und somit einen Vorteil der Repräsentationalisten gegenüber den Nichtrepräsentationalisten. Philosophen mit Theorien über die Elementarteilchen der Sprache oder des Denkens und die Zusammensetzung dieser Teilchen wirken nämlich systematischer und daher auch professioneller als Philosophen, die behaupten, alles sei kontextrelativ.  Nach Ansicht dieser letzteren sind die sogenannten Elementarteilchen ihrer Gegner nichts weiter als Knoten in Gespinsten wechselseitiger Beziehungen

Wir haben hier bereits vier  unterschiedliche Ausrichtungen von Philosophien: Vergangenheit (historisch) < Gegenwart > Zukunft / atomistisch <> holistisch / analytisch <> dialogisch / pragmatisch <> idealistisch - es ist aber noch eine fünfte Unterscheidung hinzuzufügen: absolutistisch (dogmatisch) <> relativistisch. Kant, der seinen Begriff des Bösen aus der Theologie übernommen hat, vertritt hier eine dogmatische Richtung, die er ansonsten eigentlich konsequent bekämpft indem er auf individuelle Vernunft setzt: Moralität ist davon abhängig, dass man Prinzipien gehorcht, deren Wahrheit allen Vernunftwesen von selbst einleuchten. Rassisten und Kriminelle sind irrational ... Allerdings helfen einfache Regeln nicht bloss den (geistig) Armen - sondern sichern der Elite die Herrschaft (über die Dummen):

Traditional philosophical ethics sought to discover and justify fixed moral goals and principles by dogmatic methods. Its preoccupation with reducing the diverse sources of moral insight to a single fixed principle subordinated practical service to ordinary people to the futile search for certainty, stability, and simplicity. In practice, both traditional morality and philosophical ethics served the interests of elites at the expense of most people.

Man kann hier auch nicht einfach selektiv "das gute Prinzip" auswählen, und das andere verdammen. So hat der christliche (wie der Islamische) Glaube funktioniert: Glaube an Gleichheit und Brüderlichkeit - Gottes Existenz als Garantie für eine ideale Ordnung die dauerhaft bestehen bleibt.

Das Problem: Einerlei, welches die soziopolitische Organisationsform ist, auf die wir uns einigen - irgend etwas wird verlorengehen. [S. 146-7] betrifft alle Ordnungen, sogar die ganz privaten, ja sogar die persönliche Meinung: Das Recht zu sagen, was wir wollen - solange wir nicht mit Beschlag belegt sind, also und in einem wissenschaftlichen oder politischen Projekt engagieren. Dies gilt gerade auch für Gesetze, die an Stelle der Gepflogenheit treten, wenn sich die Gruppen vergrössern. Abstrakte Prinzipien ersetzen die Phronesis. Das abstrakte Prinzip (Gesetz z.B., betriebswirtschaftliche Gesetzmässigeiten) wird über die lokale Klugheit, die praktische Weisheit der Phronesis, gesetzt. Was wird durch Wie ersetzt, das Ziel durch die Methode.

Die romantische Bewegung gab ihr Bestes, um zu zerbrechen, was Platon zusammengefügt zu haben glaubte. Sie verhöhnte Platons Versuch, mathematische Gewissheit und erotische Ekstase miteinander zu verschmelzen. Isaia Berlin:

Die Romantik (Def. bei Brainworker) untergrub die von Platon ebenso wie von Kant und Habermas unterstellte Voraussetzung, wonach es so etwas wie "das bessere Argument" gibt - wobei sich "besser" nicht auf die Fähigkeit bezieht, eine bestimmte Hörerschaft zu überzeugen, sondern darauf, dass das Argument allgemeingültig sei. [S. 150]

Die Romantik (Def. Wiki) untergrub die Vorstellung, dass es im Bereich der Werte, der Politik, Moral und Aesthetik so etwas wie objektive Kriterien gibt, die für die Menschen Gültigkeit erlangen, so dass jeder, der diesen Kriterien nicht Folge leistet, entweder ein Lügner ode ein Verrückter sein muss, was wohl nur für den Bereich der Mathematik und Physik gilt.  [S. 159]

Hieraus schafft Rortys Pragmatismus seine Ziele: Ideale wurden nicht entdeckt, sondern erfunden, erschaffen, wie Kunst. Vernunft ist lediglich ein verhüllter Versuch, Gewohnheit und Tradition zu verewigen. Wenn man die Vorstellung akzeptiert, dass nur das, womit jedermann übereinstimmen könnte, als wahr angesehen werde darf, kapituliert man vor der Tyrannei der Vergangenheit über die Zukunft. ... Aus der Innenperspektive einer literarischen Kultur gesehen, wirken Religion und Philosophie wie literarische Genres. In den letzten beiden Jahrhunderten wich die Frage "Ist das wahr?" der Frage "ist das neu?" ... Nach der romantischen Anschauung ist die Phantasie der Ursprung der Freiheit, denn sie ist der Ursprung der Sprache, nicht nur Blüte, sondern auch Wurzel.

Hier kommt auch etwas ins Spiel, das als Objekt wissenschaftlicher Forschung reiner Sachzwang bleibt, die Zukunft, und damit Begriffe wie Motivation, Intention, Ziele, Absichten, Interessen etcetc.

Dewey: Die Philosophie ist in keinem Sinne eine Form von Wissen, sondern vielmehr auf ein handlungsorientiertes Arbeitsprogramm reduzierte Hoffnung, eine Prophezeihung der Zukunft. Geschichte der Philosophie als eine Reihe von Versuchen, die Identitätsgefühle der Menschen, ihre Anliegen und ihre wichtigsten Bestrebungen zu modifizieren.

Daraus schliesst Rorty auf die Aufgabe der Philosophie:

Bewunderer Deweys wie ich selbst glauben, dass der Zweck der Lektüre philosophischer Bücher nicht Selbsttransformation ist, sondern kultureller Wandel. Es geht nicht darum, eine Möglichkeit zu finden, um den inneren Zustand seiner selbst zu verändern, sondern darum, bessere Möglichkeiten zu ermitteln, die dazu beitragen, dass wir die Vergangenheit überwinden, um den Menschen eine bessere Zukunft zu schaffen. [S. 293]

Die Philosophie soll bei Auseinandersetzungen Partei ergreifen und im Auge behalten, wie sich der Gang des Gesprächs verändern lässt. Sie soll sich fragen, ob die Entscheidungen für diese oder jene Seite Auswirkungen hat auf soziale Hoffnungen, Handlungspläne und Prophezeihungen einer besseren Zukunft.

Er übernimmt also die Grundlage der europäischen Philosophie: Das vernünftige, argumentative Gespräch.
Habermas:

Kommunikative Vernunft findet sich überall dort, wo die Menschen willens sind, auch die andere Seite anzuhören, die Dinge zu besprechen, argumentativ zu streiten, bis man sich in manchen Bereichen einige wird, und sich an die resultierenden Abmachungen zu halten.

Allerdings:

Die kommunikative Vernunft ist keine Quelle, sondern eine Form der Rechtfertigung von Ansprüchen durch Begründungsangebote statt durch Drohungen. Es ist ein grundlegender Wunsch von uns, in der Lage zu sein, unsere Handlungen anderen gegenüber mit Gründen zu rechtfertigen, die sie vernünftigerweise nicht zurückweisen können. [S. 99]

Also nicht: Deine eigenen Interessen verlangen, dass ... sondern: Die zentralen Ueberzeugungen die Du vertritts - also jene Ueberzeugungen, die für deine eigene moralische Identität massgeblich sind , deuten darauf hin, dass du unserem Vorschlag zustimmen solltest.

Kommunikative Wahrheit ist also als etwas, das bei frei und fantasievoll geführten Gesprächen herauskommt. Wissen gilt hier als Errungenschaft des Konsenses. Auf diesem Prinzip beruht etwa John Rawls Ansatz in Das Recht der Völker:

Statt unverselle moralische Pflichten der Spezies Mensch zu stipulieren (Menschenrechte z.B.) - eine Gemeinschaft des Vertrauens zwischen uns und anderen aufbauen.

Die meisten Intellektuellen haben in der Postmoderne utilitaristische und experimentalistische Positionen eingenommen, die utopische Vision eines globalen Gemeinwesens kreiert, in dem die Menschenrechte respektiert werden, die Chancengleichheit sichergestellt ist und die Aussicht auf menschliches Glück besser geworden ist. Bei politischen Auseinandersetzungen geht es heutzutage um die Frage, wie dieses Ziel am besten zu erreichen sei. ...Durch diesen Konsensus der Intellektuellen ist die Philosophie an den Rand der Kultur gedrängt worden. [S. 134]

Dewey zur Bedeutung der Philosphie für die Kultur: http://plato.stanford.edu/entries/dewey-moral/:

Die Philosophie nimmt in unserer Kultur nur dann einen wichtigen Platz ein, wenn alles zusammenzubrechen scheint, also wenn seit langem gehegte und weithin geschätzte Ueberzeugungen gefährdet sind. In solchen Zeiten beziehen sich die Intellektuellen auf eine imaginierte Zukunft, um die Vergangenheit umzudeuten. Sie machen Vorschläge und empfehlen, was erhalten bleiben kann und was preisgegeben werden muss. Diejenigen, deren Vorschläge besonders einflussreich gewesen sind, haben einen Platz auf der Liste der "grossen Philosophen" errungen. Um Beispiele zu nennen: Als man begann, Gebete und Priestertum mit Argwohn zu betrachten, fanden Platon und Aristoteles Mittel und Wege, wie wir an der Vorstellung festhalten können, dass die Menschen - im Gegensatz zu den vergänglichen Tieren - in einem Sonderverhältnis zu den herrschenden Mächten des Universums stehen. Nachdem Kopernikus und Galileo mit dem für Thomas von Aquin und Dante tröstlichen Weltbild aufgeräumt hatten, lehrten Spinoza und Kant die Europäer, wie man es macht, die Liebe zu Gott durch die Liebe zur Wahrheit und den Gehorsam gegenüber dem göttlichen Willen durch moralische Lauterkeit zu ersetzen. Als wir durch die demokratischen Revolutionen und die Industrialisierung dazu gezwungen wurden, das Wesen des gesellschaftlichen Zusammenhanges neu zu durchdenken, traten Marx und Mill auf den Plan und machten einige nützliche Vorschläge. [S. 133]

Eines der Hauptprobleme heute wäre nun eben, genau diese "nützlichen Vorschläge" zu überdenken, denn eigentlich sind beide gescheitert, der eine an der ungerechten Herrschaft der Bürokraten, der andere an der ungerechten Herrschaft des Geldes.

Martin Herzog, Basel, 4.8.08