Sozialethik
für eine desorientierte Gesellschaft: Grundlagen der Individual- und
Sozialethik bei Spinoza (1632-77) - und ihre Weiterentwicklung zur
Verantwortungsethik der Technikgesellschaft bei Hans Jonas (1903-93)____________________________________________________
[Karl Vorländer: Immanuel Kant. Der Mann und das Werk.
marix verlag. Wiesbaden 2004. Ueberarbeitung des Werkes von 1924
Immanuel Kant: Kritik der reinen Vernunft.
Reclam.Universal Bibliothek Nr. 646. Stuttgart 1985.
Kritik der praktischen Vernunft. No 1111. Philipp Reclam Jun. Stuttgart 2005.
Die Metaphysik der Sitten. Reclam 4508.
Stuttgart2007.]
Immanuel Kant wurde 1724 in Königsberg geboren, wo er Zeit seines Lebens wirkte und auch 1804 verstarb. Ostpreussen war damals noch eine alte deutsche Kolonie, allerdings mit globalen Beziehungen. Engländer, Schotten, Holländer, Franzosen, Dänen, Polen, Littauer und Juden trieben weit reichenden Handel von hier aus. Sogar Kant selbst liebte es, seine Vorfahren als Schotten zu bezeichnen, wofür es allerdings keine Belege gibt. Friedrich Wilhelm I. hatte auch vielen Einwanderern aus der französischen Schweiz Privilegien verliehen, so etwa den de Pourtalès aus dem Val de Travers, die dann ihre Vertreibung nach dem 2. Weltkrieg allerdings als arges Unrecht beklagten.
Die Trennung der Stände war zwar stark (Grossbürger und Kleinbürger feierten getrennt), aber nicht undurchlässig. Auch die grossen Kaufleute suchten Umgang mit Vertretern der Wisssenschaft, und Kant, ein Kind geringer Leute (sein Vater war Riemer, also einfacher Handwerker) konnte ohne Zwang in den vornehmsten Kreisen verkehren. (Ersteres ist heute zwar immer noch der Fall, im Sinne des Wissenstransfers und der Innovation, zweiteres allerdings für "arrivierte" Wissenschaftler.)
Die Schule war eine reine Paukschule. Römische und griechische Autoren wurden im Sprachunterricht bloss als Mittel zum Zweck gelesen, nicht aber des Inhaltes wegen (na ja, das dürfte heute nicht viel anders sein ...). Deutschunterricht gab es kaum. Der Geschichtsunterricht richtete sich nach der Bibel. Allerdings hatte gerade die pietistische Prägung Ostpreussens zur Folge, dass Realien wie Physik, Geographie und Geschichte so langsam in den Unterricht augenommen wurden. Polnisch und Litauisch wurden nur gegeben, wenn genügend Interessenten da waren (so viel zur "Integration": Nur Untertanen müssen sich integrieren, Herren nicht). Für Kant besonders mühsam war auch die Ueberfütterung mit religiösen Themen. 1740, also mit 16, wurde er als Student in die Akademie aufgenommen. Als Hobby betrieb er z.B. intensiv Billiard - mit dem er auch Geld verdiente.
1746 veröffentlichte er seine Schrift Gedanken von der wahren Schätzung der lebendigen Kräfte. Wegen des Todes seines Vaters und weil jenes Werk von seinem pietistischen Professor Knutzen nicht als Abschlussarbeit anerkannt wurde, unterbrach Kant sein Studium. Er verließ Königsberg und verdiente sich seinen Lebensunterhalt bis 1754 als Hauslehrer. All diese Jahre bezeichnete er sich als Studiosus Philosophiae.
1754 kehrte Kant nach Königsberg zurück und nahm sein Studium wieder auf. Schon 1755 veröffentlichte er mit der Allgemeine Naturgeschichte und Theorie des Himmels seine erste wichtige Schrift. Es folgte außerdem noch im selben Jahr die Habilitation mit dem Thema Die ersten Grundsätze der metaphysischen Erkenntnis (Nova dilucidatio). Damit wurde er 1755 Privatdozent in Königsberg und nahm eine umfangreiche Lehrtätigkeit auf. Zu seinen Lehrfächern gehörten Logik, Metaphysik, Anthropologie, Moralphilosophie, Natürliche Theologie, Mathematik, Physik, Mechanik, Geographie, Pädagogik und Naturrecht.
Kant wollte sich der reinen Wîssenschaft widmen, hatte aber weder Neigung noch Begabung für die Schriftstellerei, wobei also nur der Beruf zum Dozenten blieb. 1755 vollendete er seine Magister-Arbeit (die heute Doktorarbeit, Dissertation genannt würde), mit dem Thema: Ueber das Feuer - allerdings auf lateinisch: Meditationum quarundam de igne succincta delineatio. Von seinen wissenschaftlichen Arbeiten ist insbesondere auch noch seine kosmologische Theorie bekannt: Jeder Fixstern ist wiederum das Zentrum von einem neuen Sonnensystem. Eine Reihe von Jahrmillionen vielleicht hat es gedauert bis die Welt zu ihrem heutigen Zustande gelangte; denn die Schöpfung ist nicht das Werk von einem Augenblick. (s. Kant-Laplace-Theorie)
Eine erste Bewerbung auf den Lehrstuhl für Logik und Metaphysik im Jahre 1759 schlug fehl. Einen Ruf auf einen Lehrstuhl für Dichtkunst lehnte Kant 1762 ab. In den Jahren von 1766 bis 1772 arbeitete Kant als Unterbibliothekar der königlichen Schlossbibliothek, was seine erste feste Anstellung war. (Im Gegensatz zu heute fand er also den Einstieg in die berufliche Karriere erst mit 42, einem Alter, in dem sie heute fertig ist, wenn man nicht fest "drin" sitzt.) Die königliche Schlossbibliothen war aber vor allem besser als die Stadt-, unvergleichlich besser als die Universitätsbibliothek.
Kant schlug außerdem auch die Gelegenheiten aus, 1769 in Erlangen und 1770 in Jena zu lehren, bevor er im Jahr 1770 im Alter von 46 Jahren den von ihm immer angestrebten Ruf der Universität Königsberg auf die Stelle eines Professors für Logik und Metaphysik erhielt. Seine Vorlesungen, weitaus verständlicher als seine Texte, füllten nicht bloss den Saal, sondern auch Nebenräume und Treppenhaus, was wegen seiner leisten Stimme (und den damals noch nicht existierenden Möglichkeiten medialer Uebertragung) doch recht mühsam war. Es wird allerdings bereits damals vermutet, dass viele bloss in die Vorlesung liefen, um sich ein Ansehen zu geben. Der Unterricht in Philosophie war bisher eher kläglich, wenig inspirierend und eher einem Schulbetrieb zu vergleichen gewesen.
Die Professoren waren, ausser der ersten 3 von 9 Ordinarien der juristischen Fakultät, überhaupt nicht besoldet, wurden aber wie Schuljungen zu eifriger Erfüllung ihrer Pflicht angespornt. Ihren Lebensunterhalt mussten sie sich mit Nebenerwerb durch Privatunterricht oder Untervermietung von Zimmern verdienen.
Er wollte, um es mit seinen eigenen Worten zu sagen, aus dem "ersten Zustand der Natur", die "Bildung der Weltkörper selber und den Ursprung ihrer Bewegung", kurz die ganze "Verfassung des Weltbaues, und zwar bloss durch mechanische Gesetze herleiten: Gebet mir Materie, ich will euch zeigen, wie eine Welt daraus entstehen soll.
1776 wurde er dann zum Dekan, 1780 in den Senat der Universität gewählt.
| Deutsche Sprache, Schreibstil Kants: Zur berühmt-berüchtigten Unverständlichkeit seiner Texte ist entschuldigend zu sagen, dass es noch schlimmer wäre, hätte er den Gebräuchen der Zeit gehuldigt, und auf lateinisch publiziert (zudem war sein Latein noch lausiger als sein Deutsch). Er wollte keine schöne Literatur schreiben, sondern verstanden sein - erwartete aber vom Leser, dass er sich anstrenge, weigerte sich also konsequent, die Dinge volkstümlich vorzukauen. Hauptursache für den kantischen Stil ¨dürfte allerdings das damalige Gymnasium sein, an dem Disputation auf lateinisch möglichst schwülstig und verzurrt sein mussten, um Eindruck zu machen (falsch verstandene Rhetorik, die Gedanken verhüllt durch Verzierung statt sie klar zu machen). Ein Brimborium an gelehrten Kunstausdrücken, Tropen, Figuren und Chrien wurde den Studenten andressiert. Dieses Verständnis von Wissenschaft prägt leider den deutschen Sprachraum heute noch, ganz anders als im englischen. In ersterem gilt als wissenschaftlich was den meisten unverständlich, im zweiteren das, was Forscher sachlich aber verständlich berichten. Umgekehrt macht auch der Anspruch aus Seriosität die wissenschaftliche Literatur heute noch weitgehen unverständlich - im deutschsprachigen Raum. Die Engländer legen da schon lange mehr Gewicht darauf, dass Gedachtes auch verstanden werden kann, als bloss wichtig (wissenschaftlich) zu tönen. In Kants <Beobachtungen über das Gefühl des Schönen und Erhabenen> haben wir einen ganz anderen Kant vor uns als den heute dem grösseren Publikum bekanten. Schon in der äusseren Form. Hier schreibt er in kurzen, leicht verständlichen Sätzen, anmutig, witzig, geistreich, ja poetisch, so dass der an die Lektüre schwierigen kritischen Hauptwerke gewöhnte Schiller sogar den Stil "für die ernsthafte Materie etwas zu spielend und blumenreich" fand. Dass er nicht überall auf Begeisterung stiess, liegt aber - nicht bloss - an seinen mühsamen Kettensätzen. Napoleon verlangte von Villers ihm innerhalb von vier Stunden auf vier Seiten einen Ueberblick über Kants Denksystem zu liefern. Es ging ihm aber ähnlich wie den Schweizer Gelehrten die auf eine Anfrage, was man in der Schweiz von Kants Philosophie hielte einfach antworteten: General, wir verstehen sie nicht. Die kritische Philosophie kam in den erzkatholischen Gebieten Bayerns, Oesterreichs und der Schweiz gar nicht an. In England beschäftigte man sich damals schon vorwiegend mit sich selbst und liess das Kontînentale eben dort auf dem Kontinent. |
Die Vermutung von Pietro Moscati, Dass der Mensch im Anfang in der Tierheit gewesen und die Keime derselben auch noch übrig seien, wurde von Kant weiter entwickelt. Die Verwandtschaft des Menschen mit den Affen war also bereits des öftern angenommen worden. Sie tauchte bereits ein Jahrhundert vor Darwin auf:
Schon vor dem Aufkommen des Evolutionsgedankens im 19. Jahrhundert hat der italienische Anatom Pietro Moscati (1770) bemerkt, daß der Mensch als Vierfüßler angelegt sei und den aufrechten Gang noch nicht richtig „verkraftet“ habe, daher Krampfadern und Hämorrhoiden bekäme (5). [Diss. Mossbrucker]
Ebenso war die Theorie von "Keimen" und erblichen Anlagen in Grundzügen bekannt,die zu Rassenbildung führt, wie auch die Tatsache der Standortsabhängigkeit der Biotope: Die Natur artet dem Boden an. Die Anpassung von Haar- oder Federkleid an das Klima war längst zur Kenntnis genommen worden. Nebst der konservativen Vererbung hatte man aber auch bereits die Eigenheit der Natur erkannt, ab und zu Ueberraschendes zu schaffen: Neben der Tendenz zur Einheit und Beharrlichkeit besitzt abr die Natur auch eine solche zur Hervorbringung von Mannigfaltigkeit.
Die alte griechische Aussage: natura non facit saltus (die Natur macht keine Sprünge), wurde also bereits damals so interpretiert, dass sich die Natur zwar verändert - aber in kleinen Schritten, also evolutiv. Darwin hat also die Evolutionstheorie zwar er- und sachlich begründet, nicht aber gegründet. Sie war schon da: So ergibt sich dann eine ungeheure Stufenreihe, anfangend von der niedrigsten uns merklichen Stufe der Natur, der rohen Materie über Moose, Flechten und Polypen bis hinauf zu derjenigen Tiergattung, in welcher das Prinzip der Zwecke am meisten bewährt erscheint, nämlich dem Menschen. Aus jener rohen Materie und ihren Kräften scheine die ganze Technik der Natur nach mechanischen Gesetzen (gleich denen, wonach sie in Kristallerzeugungen wirkt) abzustammen.
Ebenso lieferte Kant eine recht klare Definition des Organismus als organisiertes Wesen, in dem sich alles aufeinander als Zweck und Mittel bezieht.
Was ist Geld? Im Vergleich zu Kants heute doch recht haarsträubenden Ideen über Eherecht und dergleichen, macht uns seine Analyse des Geldes und seiner Funktionen klarer, wie einige Probleme entstanden, die uns heute zu schaffen machen:
Geld ist eine Sache, deren Gebrauch nur dadurch möglich ist, dass man sie veräussert.
oder: Der Rubel muss rollen. Geld das nicht im Kreislauf ist, ist nichts wert, verursacht als gespeichertes Kaufpotential immer wieder beträchtliche Probleme, vor allem in Zeiten der Deflation, wenn wegen fallender Preise alle auf den tiefern Preis von morgen, übermorgen etc warten, ebenso aber im Gegenzyklus, der Inflation, wenn es zu reichlich in den Kreislauf gerät und durch höhere Preise ohne bessere Leistung abgeschöpft wird. (s. Prinzipien der Freiwirtschaft)
Hierauf lässt sich vorläufig eine Realdefinition des Geldes Gründen: es ist das allgemeine Mittel, den Fleiss 1 der Menschen gegeneinander zu verkehren 2, so: dass der Nationalreichtum, insofern er vermittels des Geldes erworben worden, eigentlich nur die Summe des Fleisses ist, mit dem Menschen sich untereinander lohnen, und welcher durch das in dem Volk umlaufende Geld repräsentiert wird.
Die Sache nun, welche Geld heissten soll, muss also selbst so viel Fleiss gekostet haben, um sie hervorzubringen oder auch anderen Menschen in die Hände zu schaffen, dass dieser demjenigen Fleiss, durch welchen die Ware (in Natur- oder Kunstprodukten) hat erworben werden müssen und gegen welchen jener ausgetauscht wird, gleichkomme. ... Daher können Banknoten und Assignaten nicht für Geld angesehen werden, ob sie gleich eine Zeit hindurch die Stelle desselben vertreten; weil es beinahe gar keine Arbeit kostet, sie zu verfertigen, und ihr Wert sich bloss auf die Meinung der ferneren Fortdauer der bisher gelungenen Umsetzung derselben in Barschaft gründet, welche bei einer etwaigen Entdeckung, dass die letztere nicht in einer zm leichten und sicheren Verkehr hinreichenden Menge da sei, plötzlich verschwindet und den Ausfall der Zahlungen unvermeidlich macht. - So ist der Erwerbfleiss derer, welche die Gold- und Silberwerke in Peru oder Neumexiko anbauen, vornehmlich bei den so vielfältig misslingenden Versuchen eines vergeblich angewandten Fleisses im Aufsuchen der Erzgänge wahrscheinlich noch grösser, als der auf die Verfertigung der Waren in Europa verwendete, und würde als unvergolten, mithin von selbst nachlassend, jene Länder bald in Armut sinken lassen, wenn nicht der Fleiss Europas dagegen, eben durch diese Materialien gereizt, sich proportionierlich zugleich erweiterte, um bei jenen die Lust zm Berbau durch ihnen angebotene Sachen des Luxus beständig rege zu erhalten: sodass immer Fleiss gegen Fleiss in Konkurrenz kommt.
Denn Preis (prestium) ist das öffentliche Urteil über den Wert (valor) einer Sache in Verhältnis auf die proportionierte Menge desjenigen, was das allgemeine stellvertretende Mittel der gegenseitigen Vertauschung des Fleisses (des Umlaufs) ist. - Daher werden, wo der Verkehr gross ist, weder Gold noch Kupfer für eigentliches Geld, sondern nur für Ware gehalten; weil von dem ersteren zu wenig, von dem anderen zu viel da ist, um es leicht in Umlauf zu bringen und dennoch in so kleinen Teilen zu haben, als zum Umsatz gegen Ware oder eine Menge derselben im kleinsten Erwerb nötig ist. Silber (weniger oder mehr mit Kupfer versetzt) wird daher im grossen Verkehr der Welt für das eigentliche Material des Geldes und den Masstab der Berechnung aller Preise genommen; die übrigen Metalle (noch viel mehr also die unmetallischen Materien) können nur in einem Volk von kleinem Verkehr stattfinden. - Die ersten beiden, wenn sie nicht bloss gewogen sondern auch gestempelt, d.i. mit einem Zeichen, für wieviel sie gelten sollen, versehen worden, sind gesetzliches Geld, d.i. Münze.
An Wertschriften und Papiergeld hat man sich danach ja relativ rasch gewöhnt. Da einige erste Anläufe im 18. JH (in Europa, China hatte das erste Papiergeld bereits im Jahr 1024) total schief gingen, setzte es sich erst eigentlich im 19. JH. durch, eben wegen Mangels an Metallen. Die Banken waren allerdings verpflichtet, diese Noten jederzeit gegen bare Münze eintauschen zu können. Später reichte dann die Golddeckung, die aber ebenfalls und mit Bretton Woods generell aufgehoben wurde. Dahinter standen bereits damals die USA, denen, bereits damals, dank der Kriegsschulden die in Vietnam aufgelaufen waren, die reelle Welt finanziell zu eng wurde. Nun war also die arbeitslose Wirtschaft frei sich, ungegehemmt von reellen Grenzen an Materialien und Werten, zu vermehren. Und sie tat dies so erfolgreich, dass scheinbar heute sogar die Arbeit vieler überflüssig ist, um Werte zu schaffen und zu vermehren.
1 Fleiss: Arbeit um der Arbeit, des Auftrags willen. Resultat oft fragwürdig, weshalb heute dieses zählt, die Leistung (Arbeit pro Zeiteinheit - in Geldwert). Nicht vermarktbare Leistung wird nicht beachtet, ist nichts wert. (Problem Hausfrauenarbeit, Künstler, Denker, Erfinder noch nicht marktfähiger Produkte oder Verfahren, etc.)
2 gegeneinander verkehren heisst hier nicht umkehren, sondern tauschen: Mittels Geld entsteht der Tausch, also der Markt.
So wie bei Spinoza bereits im 18. JH. Ansätze zu Utilitarismus und Pragmatismus auftauchen, so bedient sich auch Kant zum Teil Methoden, die später weiter differenziert und spezialisiert wurden.
Kantscher Konstruktivismus:
Was also rechtfertigt die Annahme eines subjektiven Ursprungs für das Sittengesetz? Auch hier wiederum ist Kants Argumentation sehr durchsichtig. Für ihn bestehen nur zwei Möglichkeiten: entweder stammt das Prinzip aus der Aussenwelt, von den Dingen, von der Natur, oder es stammt aus der Vernunft. Im ersteren Falle ist es "empirisch", ermangelt der Allgemeinheit und der Selbständigkeit (Autonomie) gegegnüber den Kategorien und Naturgesetzen, und ist überdies ein bloss "hypothetischer Imperativ", kein eigentliches Gebot, das sich im Gegensatz zu natürlichen Tendenzen setzen könnte. Stammt es aber aus der Vernunft, so ist es allgemein, apriorisch , ein unbedingter "kategorischer" Imperativ, d.h. echtes Gebot und steht allen Naturgesetzen gegenüber unabhängig, autonom, ja überlegen da. [S. 103]
Die kant'sche Ethik als phänomenologisch begründete Ethik:
Auch das Kantische Sittengesetz ist in Wahrheit nichts anderes als die sekundäre gedankliche Prägung eines solchen primär gefühlten und emotional-apriori erschauten (z.B. in der Stimme des Gewissens deutlich aufzeigbaren) Wertes. Nicht aber ist umgekehrt die durch dieses Gesetz charakterisierte Moral eine Folge des Gesetzesbewusstseins. [S. 118]
[Nicolai Hartmann: Ethik. Walter de Gruyter & Co. Berlin. 1932]
Das Vorbild aller Wissenschaft, die Mathematik, taugt eben gerade nicht für alle Wissenschaften, insbesondere nicht für diejenigen, die sich eher mit der freien Gestaltung der Zukunft (causa finalis) als mit Sachzwängen (causa prima (Gott) / causa secunda: Naturgesetze) befassen:
"Die Mathematik verfährt synthetisch, betrachtet das Allgemeine konkret, besitzt nur wenige unbewiesene Sätze; die Philosophie dagegen muss analytisch vorgehen, liebt die Abstraktion, ist voll unbeweislicher Sätze. Jene kann mit Definitionen beginnen, diese allfalls damit enden. Analog Newtons naturwissenschaftlicher Methode muss sie vielmehr von sicheren, wenn auch inneren Erfahrungen, nämlich dem unmittelbaren augenscheinlichen Bewusstsein ausgehen und verworrene Erkenntnise zu klaren Begriffen gestalten. Zu einem synthetischen Aufbau, wie ihn die Mathematik gibt, ist in der Metaphysik noch lange die Zeit nicht da.
In der Moral speziell war er damals noch geneigt, alles auf das Gefühl des Guten zurückzuführen. > also das Ge-Wissen.
Physis (φύσις) ist ein griechischer theologischer, philosophischer und wissenschaftlicher Begriff, der in der Regel mit „Natur“ (lat. natura) übersetzt wird. Seit Aristoteles wird das Physische (der Gegenstand der Physik) oft dem Metaphysischen (dem Gegenstand der Metaphysik) gegenübergestellt.
Gerade bei Kant, der als Begründer der Wissenschaften berühmt wurde und dem fälschlicherweise oft nachgesagt wird, er habe die Metaphysik überwunden, stellte diese eigentlich ins Zentrum philosophischen Denkens und befreite sie von "übersinnlichen Spintisierereien" - indem er sie rationaler Kritik unterwarf. Kant war also nie ein Feind der Metaphysik per se, sondern bloss derjenigen Metaphysik oder Philosophie, die bereits definiert, wo sie noch gar nichts weiss.
Metaphysik ist bei Kant also eigentlich Philosophie: Denken, welches das Physische übergreift, transzendiert. Es hilft ungemein, wenn man bei der Lektüre von Kant die ...physik mal übersieht und nur meta... liest, denn es handelt sich eben um das was darüber oder darunter, dahinter oder davor, also (noch) ausserhalb des bereits begriffen (durch Begriffe beschriebenen) Systems liegt.
Philosophie ist generell systemisches Denken, Denken das Zusammenhänge erkennt - oder schafft, aber nicht systemisch in dem Sinne ist, dass sie ein bewährtes, überliefertes, anerkanntes Denksystem nutzt. Das wäre Wissenschaft. Wenn Kant also davon träumt, die Metaphysik wissenschaftlich betreiben zu können, so träumt es ihm von einer verlässlichen Methode des Denkens und Urteilens für alle Philosophien, denn es ist nichts als die Methode, die Philosophie von Wissenschaft unterscheidet. Metaphysik der Wissenschaft:
Wer einmal Kritik gekostet hat, den ekelt auf immer alles dogmatische Gewäsche, und er wird nie zu jener alten, sophistischen Scheinwissenschaft zurückkehren. Denn Wahrscheinlichkeit und Berufung auf den gesunden Menschenverstand können nicht als Beweise gelten. Metaphysik muss Wissenschaft sein, sonst ist sie gar nichts.
Allerdings führt eben die Methode zu notwendigen Einschränkungen des beobachteten und bedachten Bereiches, macht gleich wieder meta-Betrachtungen notwendig, wie heute in der physikalischen Chemie, der Geo-Botanik, Bio-Chemie, Nano-Technologie etcetc Die Philosophie ist die einzige Denkungsart, die systemisch und zuverlässig solche Grenzen wieder auflöst, neue zieht, neue Denkweisen komponiert. Wie problematisch die Definition ihres Wesens über die Methode für die Wissenschaften ist, also der von Kant begründete methodische Idealismus, der die Wissenschaften geprägt, bis heute, wurde besonders von Paul Feyerabend (2) ausführlich dargestellt.
Philosophisches Denken passiert also immer (auch) dort, wo neue Wissenschaften entstehen, allerdings meist nicht durch Schulphilosophen, sondern durch philosophisch denkende Fachwissenschaftler. Dennoch sind auch hier die Philosophen nicht überflüssig, denn die Kenner der Sachmatherie sind leicht orientierungslos, wenn sie deren Raum überschreiten. Philosophie muss hier helfen, Grenzen zu überwinden und neu auszulegen, also neue Strukturen zu erkennen (Naturwissenschaften: kausal, d.h. von Vorherbedingungen abhängig) oder zu schaffen (Geisteswissenschaften: teleologisch, d.h. von relativ frei wählbaren Zielvorstellungen abhängig.)
Definition der Kritik: Scheidung, Trennung der Bestandteile. Rein ist das, in dem nichts von dem, was zur Empfindung gehört, angetroffen wird.
Im Umgange (und literarischer Gemeinschaft) nehme man sich vor einem Heiligen und einem Genie in Acht. Der erste als ein Auserwählter spricht als Richter über andere als Verderbte, der andere als Orakel belehrt sie insgesamt als Dummköpfe.
Er sah durch Naturen wie Herder, und gerade bei dessen Geist und Talent desto gefährlicher und stärker, alle ernste philosophische Methode bedroht, die eben für immer und ewig in dem rücksichtslosen "Durchdenken der Prinzipien" besteht. Es war also wohlgemerkt nicht die sinnliche Wahrnehmung die er kritisierte, sondern bloss die Wertung durch Gefühle, die ja auch heute noch meist unbewusst stattfindet und 150 Jahre nach Kant von Max Weber als kritisch für die Wissenschaft deklariert wurden (s. Werturteilsstreit), weil die Führungseigenschaften von Propheten und Politikern auf Charisma, nicht auf Wissen und Wissenschaft beruhen.
Bereits in Kants Dissertation sind wichtige neue Ansätze in der Richtung des Kritizismus vorhanden, und vor allem die Anerkennung sinnlicher Wahrnehmung, die seit Aristoteles als aisthesis (eben Aesthetik), sensus von der geistigen Wahrnehmung (noesis, intellectus, einsichtiges Erfassen durch die Vernunft unterschieden und minder bewertet wurde:
Die sinnliche Wahrnehmung wird gegen Leibnitz und seine ganze Schule, nicht mehr als dunkle und verworrene Erkenntnis der deutlichen des Verstandes entgegen, sondern als selbständiges Prinzip neben die letztere gestellt. Als ihr Urbild erscheint ferner bereits die Geometrie, die den Raum wissenschaftlich behandelt, wie die Mechanik die Zeit, die Arithmetik die Zahl. Weiter: Raum und Zeit sind keine abstrahierten Begriffe mehr, sondern Formen der sinnlichen Anschauung, denen als Stoff die Empfindung gegenübersteht. Die Form aber besteht in der Zusammenordnung des Mannigfaltigen in einem Gesetz der Seele, einem inneren Prinzip des Geistes. Mithin bietet auch die Sinnenerkenntnis durchaus Wahrheit und widerlegt den falschen Idealismus, der alle Sinnenwahrnehmung für blossen Schein erklärt. Noch wichtiger: die Methode wird als dasjenige hervorgehoben, das in der reinen Philosophie aller Wissenschaft vorausgeht.
Mit seinem kritischen Denkansatz (Sapere aude – Habe den Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen!) ist Kant der wohl wichtigste Denker der deutschen Aufklärung. Er wollte Denken lehren, nicht Philosophiegeschichte. Geschichte war ihm ein Greuel: Sie werden bei mir nicht Philosophie lernen, aber - philosophieren; nicht Gedanken bloss zum Nachsprechen, sondern denken. ... Selbst denken, selbst forschen, auf seinen eigenen Füssen stehen, waren Ausdrücke die unablässig wieder vorkamen.
Kant will kein Historiker sein. Das geschichtliche Interesse tritt bei ihm hinter dem Vernunftinteresse weit zurück. ... Er verlangt von einer Geschichte der Philosophie, die diesen Namen verdiene, nicht eine blosse Geschichte der Meinungen, die zufällig hier oder da aufsteigen, sondern eine Darstellung der sich aus Begriffen entwickelnden Vernunft.
Eine Lieblingsidee des Herrn Prof. Kant ist, dass der Endzweck des Menschengeschlechts die Erreichung der vollkommensten Staatsverfassung sei.
Politisch verlangt er allerdings bloss, dass sich das Volk seine Gesetze selbst auferlegen kann - und das Recht freimütiger Kritik. Auch Friedrich II. übernahm seine Argumentation gerne: Räsonniert (d.h. kritisiert), soviel ihr wollt und worüber ihr wollt, aber gehorcht! Kants Vorstellungen waren eh ziemlich elitär und autoritär. Er erwartete nur von wenigen, dass sie seine Texte verstünden, von diesen aber die dazu fähig sind, dass sie sich auch anstrengen. Irgendwie hängt er vermutlich doch noch ein bisschen den Philosophen-Königen Platons nach, obwohl generell seine Einstellung zu 100% bürgerlich und demokratisch ist, allerdings mit einer recht restriktiven Vorstellung darüber, was ein Bürger sei. [s. Die Definition des freien Bürgers nach Kant]
Einerseits:
Denn der Mensch ist ein Tier, das ... einen Herrn nötig hat, und aus so krummem Holze, als woraus der Mensch gemacht ist, kann niemals etwas ganz gerades gezimmert werden. Und trotz aller Zivilisation bis zum Ueberlästigen, trotz alle Kultivierung durch Kunst und Wissenschaft, sind wir weit davon ab, schon moralisiert zu sein.
Andererseits:
Der Mensch ist mehr als Maschine, und seiner Würde gemäss zu behandeln.
Die sittliche Entwicklung des Menschengeschlechtes:
So bedeutet ihm die Vertreibung aus dem Paradiese in die weite Welt keineswegs eine Strafe, sondern den Uebergang aus der Rohigkeit eines bloss tierischen, vom Gängewagen des Instinktes geleiteten Geschöpfs zur Leitung der Vernunft, aus der Vormundschaft der Natur in den Stand der Freiheit. An Mose I, 4 knüft er seine Schilderung der einander folgenden Anfangsstufen der Kultur (Jägerleben, Hirtenleben, Ackerbau) bis zu den Anfängen von städtischer Kultur, Kunst und vor allem bürgerlicher Verfassung. Auch zeigen sich bereits wichtige Gedanken der neuen Ethik: vom wahren Wert des Lebens, vom Menschen als Selbstzweck.
Der daraus abgeleitete Grundsatz ist heute Grundlage der Psychologie (Persönlichkeit, Identität, Charakter etc.), der Pädagogik (als Hebammenkunst, die nur fördern kann, was da ist) und der Sozialethik, also schliesslich und endlich auch des Sozialstaates:
Bestimme Dich aus Dir selbst!
Kant begründete recht eigentlich eine Vernunftreligion - obwohl er selbst Spinoza, der ihm hier voraus gegangen war, als gottlos betrachtet. Spinozismus wurde damals generell mit krassem Atheismus und Fatalismus gleichgesetzt. Kant widerstrebte vor allem dessen Pantheismus wie Dogmatismus. Fichte wurde ebenfalls für einen Atheisten gehalten:
Das Christus eine Religion hatte und lehrte, ist klar; aber nicht, dass er Gegenstand der Religion habe sein wollen. Die moralische, seelenbessernde Vernunftreligion war diejenige, welche Jesus selbst hatte; die Geschichtsreligion dagegen besteht in der Anbetung dieses Jesus, ist also eine Religion aus der zweiten Hand. Da alle Religion Pflichtlehre ist, so muss man nachsehen, was Christus zu tun gelehrt hat, nicht was in seinen Reden zur Theologie, das ist der Theorie von Gott und seiner (Christi) Sendung gehört, die auch mit jüdischen Begriffen vermischt sein konnten oder wenigstens damit konziliert. Das Reich Gottes auf Erden: das ist die letzte Bestimmung des Menschen. Wunsch (Dein Reich komme). Christus hat es herbeigerückt, aber man hat ihn nicht verstanden und das Reich der Priester errichtet, nicht des Gottes in uns.
Die Priester sind jederzeit geneigt, aus dem blossen Lehrstand in einen regierenden überzugehen, wo dann alles übrige Laie ist.
Es wundert wenig, dass Kant damit im hohen Alter noch Probleme mit der Zensur bekam. Die Sache mit dem Lehrstand und den Laien haben wir ja heute eher auf dem Gebiet der Oekonomie, die heute wichtigster und autoritärster Lieferant von Verhaltensnormen ist, allerdings nicht mehr mit dem Ziele der moralischen Verbesserung, sondern mit rein ökonomischen Zielen, also Vermehrung materiellen "Wohlstands"
Die Kantianer machten allerdings darauf aufmerksam, dass die kantische Philosophie der Orthodoxie eigentlich nützlich sei, da sie sich ja mit der theoretischen Vernunft befasse und, lange vor Wittgenstein erklärt, über das Gebiet des übersinnlichen nichts aussagen zu können. Kant selbst verweist hier auf einen Vorteil seiner unverständlichen Sprache, dass nämlich eben seine Texte für das grosse Publikum eh unverständlich, weil für Fakultätsgelehrte bestimmt seien
Jetzt ist die Religion nichts anderes als eine Zivilisierung durch eine Disziplin;
endlich aber wird unser eigenes Bedürfnis die Moralisierung erzwingen, und zwar
durch Erziehung, Staatsverfassung und Religion.
Geblieben davon sind 200 Jahre später nur noch Politik und Bildung, als einzige Mittel die Menschen zu ändern, die beide aber, noch ein paar Jahre später, voll in den Dienst der Wirtschaft genommen wurden. Heute wird praktisch jeglicher Bildung die nicht Kapitalvermehrung bewirken kann, die Berechtigung abgesprochen.
Vor Kant war die Sittlichkeit ausserhalb der Philosophie gesucht worden, im inneren Glücksgefühl, im sittlichens Gefühl, im moralischen Sinn - und vor allem in Gottes Willen. Dass das Problem mit Fundamentalisten kein primär islamisches ist und auch früher schon bestand zeigt gerade Kants Einwand demgegenüber:
Denn wer will wissen, was Gott will, wer bestimmt, worin Vollkommenheit besteht?
Es ist überall nichts in der Welt, ja überhaupt auch ausserhalb derselben möglich, was ohne Einschränkung für gut könnte gehalten werden, als ein guter Wille.
Dennoch will er kein neues Prinzip der Moral predigen wie Schopenhauer und Nietzsche, glaubt aber, dass die menschliche Vernunft im Moralischen selbst beim gemeinsten Verstand leicht zu grosser Richtigkeit und Ausführlichkeit gebracht werden kann. Er setzt für ethische Begründungen weder auf Nietzsches Selbstliebe, dem Gefühl für die eigene Kraft - noch auf die Rücksicht auf künftige Seeligkeit, sondern auf die Fähigkeit, allgemein gesetzgebend zu sein. Also sich <exemplarisch> oder <vorbildhaft> (= zum Vorbild taugend) zu benehmen.
Diese Vorstellung hat sich weitgehend durchgesetzt (abgesehen davon, dass die Verteilung der Fähigkeiten zum Gesetzgeber genau so ungleich verteil sind wie die Intelligenz. s. moralische Entwicklungsstufen nach Kohlberg.
Wichtig ist hier vor allem, dass Kant seine Kritik in zwei Teile gegliedert hat, die der reinen Vernunft - und die der praktischen Vernunft, also eine des Wissens und eine des Handelns, oder eine der Kausalitäten und eine der Finalitäten (Motive, Intentionen, Handlungen). Diese Aufspaltung wurde bis heute noch zu wenig ernst genommen. Dank des Erfolges der Naturwissenschaften in der Beherrschung der Welt der Dinge versuchen auch die Sozial- und Geisteswissenschaften sich der selben strengen Methodik zu bedienen wie jene. Sie zwingen aber damit ihre eigene Wissenschaft in ein Prokrustesbett, da damit genau die Eigentümlichkeit der sozial- und Geisteswissenschaften verloren geht, nämlich dass sie keine "zwanghaften" Gesetze formulieren müssen, sondern möglichst viele Freiräume für eine optimale Entwicklung schaffen sollten, denn jegliche Entwicklung muss erst im Kopf, also im Geist geschehen, bevor sie realisiert werden kann.
Nicht das warum, sondern das wozu ist beim Menschen entscheidend, die Ordnung der Zwecke ist das eigentümliche Gebiet unseres Wollens und Handelns.
Es besteht ein krasser Unterschied zwischen der teleologischen (zielgerichteten) und agierenden (handlungsgerichteten) Orientierung des Menschen - zu der auf Kausalitäten und Anreize re-agierend Abhängigkeit in der Natur. Während dem der Mensch seine Ziele und Gesetze selbst wählen darf (insbesondere in der Demokatie), sind umgekehrt Plan, Absicht, Weisheit der Natur und Vorsehung absolut unpassende Begriffe dort, in den Naturwissenschaften.
Vermutlich gerade wegen der eigentlich überbordenden Freiheit des Menschen setzt Kant die Pflicht und Schuldigkeit der Klugheit und Neigungsmoral entgegen. Kant fordert unbedingte Wahrhaftigkeit und verachtet Schmeichler: Werdet nicht der Menschen Knechte - Lasst Euer Recht nicht ungeahndet von andern mit Füssen treten! - Das Bücken und Schmiegen vor einem Menschen scheint in jedem Falle eines Menschen unwürdig. Mit der Einstellung wäre er allerdîngs heute auch nicht mehr "arbeitsmarktfähig". Denk mal ...
Eben so fremd sind uns heute drei weitere Schwerpunkte der Kantschen Moral, nämlich
Ersteres führt zu den wohlbekannten Problem, am besten bezeichnet durch das paradoxe Wort "nachhaltiges Wachstum", zweiteres ist verächtlich, was durch den Ausdruck "Gutmenschen" deutlich wird, und das Dritte wurde reduziert zu Schuld - ohne Gerechtigkeit. Mit der Gerechtigkeit lässt sich dann natürlich leicht auch die Sozialethik, deren Anfänge bei Spinoza hier von Kant weiter entwickelt werden, und mit dieser wiederum der Sozialstaat entfernen:
Den Uebergang von der individuellen zur Sozialethik bildet die Gerechtigkeit - und damit die Pflichten gegen einen andern Menschen:
Das Wohltun der Reichen ist kaum ein Verdienst, es kostet ihnen keine Aufopferung und ist für sie nur eine Art, in moralischen Gefühlen zu schwelgen; das Vermögen dazu ist eine Gunst des Schicksals und der Regierung, welche eine Ungleichheit des Wohlstandes, die anderer Wohltätigkeit notwendig macht, einführt. Aber wichtiger als das ist: es kommt überhaupt nicht sowohl auf Wohlwollen und Gütigkeit, als auf Recht und Gerechtigkeit für den Menschen an. Wenn nie eine Handlung der Gütigkeit ausgeübt, aber stets das Recht anderer Menschen unverletzt geblieben wäre, so würde gewiss kein Elend in der Welt sein. Das Elend, das durch Krankheit und Unglücksfälle verursacht wird, ist lange nicht so gross als dasjenige, das aus der Verletzung des Rechts anderer entsteht.
Eure wohltätigen Handlungen sind demnach nichts anderes als Handlungen der Pflicht und Schuldigkeit, die aus dem Recht anderer entspringen.
Der Wert des Lebens besteht nicht im Geniessen, sondern im Tun. Wie die Dinge liegen - und das 20. Jahrhundert hat darin bisher noch keine Aenderung gebracht -, wird diese Kultur freilich nur für eine bevorzugte Minderheit um den Preis erreicht, dass die grosse Masse ... die Notwendigkeit des Lebens gleichsam mechanisch ... zur Gemütlichkeit und Musse anderer besorgt, welche die minder notwendigen Stücke der Kultur, Wissenschaft und Kunst, bearbeiten und von dieser in einem Stande des Drucks, surer Arbeit und wenig Genuss gehalten wird.
Denn der Endzweck der Schöpfung ist doch zuletzt nur der Mensch als moralisches Wesen; womit die Teleologie auch hier in die Ethik einmündet.
1.6.1.1 Manuelles Ungeschick
Das Experiment fehlt generell bei Kant vollständig, was vor allem auf seine manuelle Ungeschicklichkeit zurückgeführt wird. Allerdings gab es damals eh noch keine quantitative Chemie und dergleichen.
1.6.1.2 Der (gemässigte) schizoide Charakter, Einzelgängertum, Hagestolz:
"Ich bin selbst aus Neigung ein Forscher. Ich fühle den ganzen Durst nach Erkenntnis und die begierige Unruhe, darin weiterzukommen, oder auch die Zufriedenheit bei jedem Fortschritte. Es war eine Zeit, da ich glaubte, dies alles könnte die Ehre der Menschheit machen, und ich verachtete den Pöbel, der von nichts weiss." Dann aber nennt er den Namen des Mannes, der einen völligen Umschwung in seinem Wesen bewirkt hat: "Rousseau hat mich zurecht gebracht. Jener verblendete Vorzug verschwindet. Ich lerne die Menschen ehren und würde mich viel unnützer finden als die gemeinen Arbeiter, wenn ich nicht glaubte, dass diese Betrachtung allen übrigen einen Wert geben könne, die Rechte der Menschheit herauszustellen. "
Aus seinen Briefen wie aus seinen Werken spricht an einzelnen Stellen deutlich wahrnehmbar ein Zug der Einsamkeit des über seine Umgebung geistig weit hinauswachsenden Genies, die zu seiner Kühle gegen die Blutsverwandten und vielleicht auch zu seinem Junggesellentum - mit beigetragen hat. Um so mehr ziehen sich dann solche überragenden Geister auf den innersten Kern ihrer Persönlichkeit, auf ihr eigentlichstes Lebenswerk zurück.
Ernstes, den Dingen auf den Grund gegendes Klarheits- und Wahrheitsbedürfnis bringt den Menschen nicht bloss zu geistiger Selbständigkeit, sondern lässt ihn auch nicht eher ruhen, als bis er zu möglichster Einheitlichkeit und Folgerichtigkeit seines Denkens und Handelns durchgedrungen oder, mit kantischen Worten, zur Gründung eines Charakters gelangt ist.
Dazu kamen recht seltsame Ansichten über die Ehe, die er primär als sexuellen Kommerz betrachtete, was den Widerwillen der Zeit (bis heute) gegen Prostitution erklärt: Da ich eine Frau brauchen konnte, konnte ich keine ernähren; und da ich eine ernähren konnte, konnt' ich keine mehr brauchen.
Kants
Charakter als Wissenschaftler, mit der Distanz zum Volk, ja sogar zu Ehe und
Familie, ist hier recht gut beschrieben. Dieser Typ lässt sich am besten über
das Riemann-Thomann-Kreuz analyieren. Der Charakter des Wissenschaftlers wird
geprägt durch eigenständiges Denken, Bevorzugung der intellektuellen Fähigkeiten
und Aktivitäten, Abstand von andern, da man sich mit der Wahrheit, nicht mit
persönlichen Meinungen auseinander setzen will, also durch die Dimension der
Distanz. Mathias Plüss beschreibt im MAGAZIN Nr 36 (6-12.9.08, S. 38) den
Charakter "genialer Grübler" und grosser Denker sogar als leicht autistisch (s.
Asperger),
mit einem Hang zur Einsamkeit und Zurückgezogenheit. Konzentration und
Achtsamkeit (in der Buddhistischen Weisheit) bedürfen allerdings eben auch der
Ruhe. Zudem verträgt es sich nicht mit der Aufgabe der Wissenschaft, alle
Einflüsse von Aussen zu blockieren - was eben Autismus ausmacht. Der Denker und
Wissenschaftler fokussiert, und beschränkt sich aufs Denken, wobei die sozialen
Begegnungen, die Gemeinschaft mit anderen Menschen, bis hin zur Familie, oft
extrem leiden. Autistisch dürfte allerdings dennoch die falsche Bezeichnung
sein. Treffender heisst dieser Charakterzug in der Psychologie heute <schizoid>,
womit allerdings eben keine Bewusstseinsspaltung gemeint ist, sondern eben die
Abspaltung von dem was bei den meisten Menschen einen grossen Teil ihres Lebens
ausmacht, vom sozialen Bereich. Im Verlaufe des 20. Jahrhunderts fand generell
eine Aenderung statt die von der, eben mit von Kant angelegten Ausrichtung des
Menschen auf Pflicht, Prinzipien und Selbst-Dispziplin hin zur unverbindlichen
Fluktuation und Flexibilität die der Markt von seinen Teilnehmern erfordert.
(Details s. Vom autoritär-nationalen Neurotizismus des vorletzten
Jahrhundertwechsels zum heutigen wirtschaftsliberal-individualistischen
Schizoidie.
http://www.brainworker.ch/Wissen/wissenII.htm ).
Dieser Gegenpol zum Typ des Kopfmenschen wie des Ordnungsmenschen, dem soziale Ordnung Pflicht war, ist heute derjenige, dem Nützlichkeit und Leistung Pflicht ist, der sogar seine sozialen Beziehungen auf Grund dieser Prämisse gestaltet: Es bestehen zwar sehr viele Beziehungen, aber diese werden auf Grund der reellen oder potentiellen Funktionen dieser Personen gepflegt. Diese "Kontakte" werden, gleich Chips, zu Zwecken eingesetzt und meist kaum mehr als eigener Zweck erkannt. Etwas das den Förderern der Aufklärung zutiefst zuwieder gewesen wäre. Dass Menschen zu "Funktionären" gemacht wurde, wurde im Laufe der Zeit (nicht immer zu Unrecht) erst der Politik vorgeworfen, obwohl dies mit der Industrialisierung längst viel breitere Kreise als bloss die Beamten betraf (s. Herrschaft der Manager - Herrschaft der Technik - Herrschaft der Bürokratie). Heute muss sich jeder Angestellte den Forderungen der Funktion total unterwerfen. Nicht seine Entwicklungswünsche zählen, sondern was der Markt, sprich der Betrieb bedarf, das ist Gesetz und Zwang. Sachzwang. Jeder soll laut diesen Auftrags automatisch und ökonomisch funktionieren. Kants freien Bürger gibt es in dieser Konstellation eigentlich kaum mehr.
1.7.2.1 Die Definition des freien Bürgers nach Kant, die heute doch etwas zu denken geben müsste
Nach Kant muss der Bürgerper se selbständig sein. Frauen, Knechte Dienstboten, Zinsbauern, Tagelöhner sind abhängig, also keine freien Bürger, sondern bloss Staatsgenossen.
... der Geselle bei einem Kaufmann oder bei einem Handwerker; der Dienstbote (nicht der im Dienste des Staates steht): der Unmündige; alles Frauenzimmer, und überhaupt jedermann, der nicht nach eigenem Betriebe, sondern nach der Verfügung anderer (ausser der des Staats) genötigt ist, seine Existenz (Nahrung und Schutz) zu erhalten, entbehrt der bürgerlichen Persönlichkeit, und seine Existenz ist gleichsam nur Inhärenz. - Der Holzhacker, den ich auf meinem Hofe anstelle, der Schmied in Indien, der mit seinem Hammer, Amboss und Blasebalg in die Häuser geht, um da in Eisen zu arbeiten, in Vergleichung mit dem europäischen Tischler oder Schmied, der die Produkte aus dieser Arbeit als Ware öffentlich feilstellen kann; der Hauslehrer in Vergleichung mit dem Schulmanne, der Zinsbauer in Vergleichung mit dem Pächter u.dgl. sind bloss Handlanger des gemeinen Wesens, weil sie von anderen Individuen befehligt oder beschützt werden müssen, mithin keine bürgerliche Selbständigkeit besitzen. [S. 171-72]
Diese Kategorie umfasst sämtliche Angestellten. Da sind wir heute also in einem schönen Dilemma ... denn so gesehen gibt es heute kaum mehr Bürger, sondern eine grosse Mehrheit von Handlangern. Weshalb er die Staatsangestellten hier besser stellt, liegt vielleicht doch daran, dass er, als Professor, selbst einer war.
Die zur Gesetzgebung vereinigten Glieder einer solchen Gesellschaft (societas civilis), d.i. eines Staats, heissen Staatsbürger (cives), und die rechtlichen, von ihrem Wesen (als solchem) unabtrennlichen Attribute derselben sind: gesetzliche Freiheit, keinem anderen Gesetz zu gehorchen, als zu welchem er seine Beistimmung gegeben hat; bürgerliche Gleichheit, keinen Oberen im Volk in Ansehung seiner zu erkennen als nur einen solchen, den er ebenso rechtlich zu verbinden das moralische Vermögen hat, als dieser ihn verbinden kann; drittens das Attribut der bürgerlichen Selbständigkeit, seine Existenz und Erhaltung nicht der Willkür eines anderen im Volke, sondern seinen eigenen Rechten und Kräften als Glied des gemeinen Wesens verdanken zu können, folglich die bürgerliche Persönlichkeit, in Rechtsangelegenheiten durch keinen anderen vorgestellt werden zu dürfen.
Gerade die wirtschaftliche Selbständigkeit, die damals DEN Bürger ausmachte, ist heute ja nur noch bei sehr wenigen gegeben (13-16% in Europa, 14% in der Schweiz).
1.6.2.2 Strafrechliche Ansichten Kants
Ein Verbrecher kann unmöglich eine Stimme in der Gesetzgebung haben.Todeswürdige Verbrechen sind nebst Mord und Todschlag auch solche gegen die Geschlechtsehre und die Kriegsehre.
Das unehelich auf die Welt gekommene Kind ist ausser dem Gesetz (denn das heisst Ehe), mithin auch ausser dem Schutze desselben geboren. Es ist in das gemeine Wesen gleichsam eingeschlichen
Wie wird es aber mit den Strafen für Verbrechen gehalten werden, die keine Erwiederung zulassen, weil diese entweder an sich unmöglich oder selbst ein strafbares Verbrechen an der Menschheit überhaupt sein würden, wie z.B. das der Notzüchtigung, imgleichen das der Päderastie oder Bestialität? Die beiden ersteren durch Kastration (entweder wie eines weissen oder schwarzen Verschnittenen im Serail), das letztere durch Ausstossung aus der bürgerlichen Gesellschaft auf immer, weil er sich selbst der menschlichen unwürdig gemacht hat. Willkürliche Strafen für sie zu verhängen, ist dem Begriff einer Strafgerechtigkeit buchstäblich zuwider. Nur dann kann der Verbrecher nicht klagen, dass ihm unrecht geschehe, wenn er seine Uebeltat sich selbst über den Hals zieht und ihm, wenngleich nicht dem Buchstaben, doch dem Geiste des Strafgesetzes gemäss das widerfährt, was er an anderen verbrochen hat. [S. 231]
In dem Bereich hat sich das öffentliche Bewusstsein, trotz enormer Veränderungen in der Gesellschaft, was sexuelle Freiheit betrifft, kaum geändert. Noch heute wird 11.9.08 in Polen betr. Inzestfall) sehr schnell Kastration verlangt in solchen Fällen.
2.1 Definitionen
2.1.1. Definition der Definition - und Kritik der Definition in der Philosophie
Kant gibt hier mal eine Definition des Begriffs Definition - und unterscheidet ihn von der Beschreibung, der Explikation und Erklärung, was heute ebenfalls gerne vermischt wird. Insbesondere ist ihm wichtig, dass Philosophie also weder definiert (sondern erklärt), noch Axiome postuliert (sondern aus Zusammenhängen schliesst) oder demonstriert. Hier nimmt Kant eigentlich Popper zur Hälfte vorweg, denn dessen Kritik an wissenschaftlicher Beweisführung ist eigentlich nur eine äusserst langathmige Variante dieser doch einigermassen verständlichen und kurzen Ausführung von Kant. Allerdings hat Kant noch einige Mühe mit der spielerischen Formulierung von Hypothesen und deren Ueberprüfung, wie sie sich in der Postmoderne generell, mit Popper aber insbesondere auch in den Wissenschaften durchgesetzt hat:
Man sieht also hieraus, dass im spekulativen Gebrauche der Vernunft Hypothesen keine Gültigkeit als Meinungen an sich selbst, sondern nur relativ auf entgengesetzte transzendente Aeusserungen haben. ...Was reine Vernunft assertorisch urteilt, muss (wie alles, was Vernunft erkennt), notwendig sein, oder es ist gar nichts. Demnach enthält sie in der Tat gar keine Meinungen. Die gedachten Hypothesen aber sind nur problematische Urteile, die wenigstens nicht widerlegt, obgleich freilich durch nichts bewiesen werden können, und sind also reine Privatmeinungen, können aber doch nicht füglich (selbst zur inneren Beruhigung) gegen sich regende Skrupel entbehrt werden. In dieser Qualtiät aber muss man sie erhalten, und ja sorgfältig verhüten, dass sie nicht als an sich selbst beglaubigt, und von einiger absoluter Gültigkeit, auftreten, und die Vernunft unter Erdichtung und Blendwerk ersäufen.
Warnungen an die Philosophie:
- Von den Definitionen: Definieren soll, wie es der Ausdruck selbst gibt, eigentlich nur so viel bedeuten, als, den ausführlichen Begriff eines Dinges innerhalb seiner Grenzen ursprünglich darstellen. Nach einer solchen Forderung kann ein empirischer Begriff gar nicht definiert, sondern nur expliziert werden. ... Die Philosophie wimmelt von fehlerhaften Definitionen.
- Von den Axiomen: Diese sind synthetische Grundsätze a priori, so fern sie unmittelbar gewiss sind. ... Da nun die Philosophie bloss die Vernunfterkenntnis nach Begriffen ist, so wird in ihr kein Grundsatz anzutreffen sein, der den Namen eines Axioms verdient. Die Mathematik dgegen ist der Axiomen fähig, weil sie vermittelst der Konstruktion der Begriffe in der Anschauung des Gegenstandes die Prädikate desselben a priori und unmittelbar verknüpfen kann, z.B. dass drei Punkte jederzeit in einer Ebene liegen.
Philosophie hat also keine Axiomen und darf niemals ihre Grundsätze a priori so schlechthin gebieten, sondern muss sich dazu bequemen, ihre Befugnisse wegen derselben durch gründliche Deduktion zu rechtfertigen.- Von den Demonstrationen: Nur ein apodiktischer Beweis, so fern er intuitiv ist, kann Demonstration heissen. Erfahrung lehrt uns wohl, was dasei, aber nicht, dass es gar nicht anders sein könnte. Daher können empirische Beweisgründe keinen apodiktischen Beweis verschaffen. Aus Begriffen a priori kann aber niemals anschauende Gewissheit d.i. Evidenz entspringen, so sehr auch sonst das Urteil apodiktisch gewiss sein mag.
Kant reduziert Hypothesen auf Privatmeinungen, die allerdings, hier erledigt er Popper gleich zum vornherein, eben noch nie widerlegt wurden. Dennoch betrachtet er sie, ungleich Popper, nicht als provisorisch gültig, sondern nur als argumentativ nützlich im Streit mit ähnlichen Meinungen. Das für Wahr halten von Hypothesen führt eben dazu, präzise beobachtbar im herrschenden Postmodernismus, dass die Vernunft unter (meist zum Zwecke von Propaganda angehäuften) Bergen von ungeprüften Behauptungen ersäuft wird.
2.1.3 Begreifen
Diese Analytik ist die Zergliederung unseres gesamten Erkenntnisses a priori in die Elemente der reinen Verstandeserkenntnis. Es kommt hierbei auf folgende Stücke an.
Auch entdecken sich die / Begriffe, die man nur so bei Gelegenheit auffindet, in keiner Ordnung und systematischen Einheiten, sondern werden zugleich nur nach Aehnlichkeit gepaart und nach der Grösse ihres Inhalts, von den einfachen an, zu den mehr zusammengesetzten, in Reihen gestellt, die nichts weniger als systematisch, obgleich auf gewisse Weise methodisch zu Stande gebracht werden.
2.1.4 Verstand
Die Vernunft hat also eigentlich nur den Verstand und desse zweckmässige Anstellung zum Gegenstande, und wie dieser das Mannigfaltige am Objekt durch Begriffe vereinigt, so vereinige jene ihrerseits das Mannigfaltige der Begriffe durch Ideen, indem sie eine gewisse kollektive Einheit zum Ziele der Verstandeshandlungen setzt, welche sonst nur mit der distributiven Einheit beschäftigt sind.
Die Idee ist gleichsam der focus imaginatus
Wir haben hier in einem Satz zusammengefasst die Definition von 3 Begriffen, die heute gerne vermischt werden, nämlich Begreifen/Begriff, Verstand und Vernunft.
Uebersehen wir unsere Verstandeserkentnisse in ihrem ganzen Umfange, so finden wir, dass dasjenige, was Vernunft eigentlich ganz eigentümlich darüber verfügt und zu Stande bringen sucht, das SYSTEMATISCHE der Erkenntnis sei, d.i. der Zusammenhang derselben aus einem Prinzip.
Diese Vernunfteinheit setzt jederzeit eine Idee voraus, nämlich die von der Form eines Ganzen der Erkenntnis, welche vor der bestimmten Erkenntnis der Teile vorhergeht und die Bedingungen enthält, jedem Teil seine Stelle und Verhältnis zu den übrigen a priori zu bestimmen.
Diese Idee postuliert demnach vollständige Einheit der Verstandeserkenntnis, wodurch diese nicht bloss ein zufälliges Aggregat sondern ein nach notwendigen Gesetzen zusammenhängendes System wird.
Wir haben hier nun präzise das, was die Postmoderne abgeschafft hat, nämlich den Glauben an ein logisch zusammenhängendes klares System der Erkenntnis. Vermutlich liegt das Problem aber nur in einer Kleinigkeit, nämlich dem Wort "vorgeht" und "a priori". Gerade in den zwei letzten Jahrhunderten, Jahrhunderte der Technik und Wissenschaft, wurde sehr viel Wissen geschaffen, das a) entweder primär dazu genutzt wurde, zu produzieren, oder b) Karrieren und Lehrstühle zu fördern. Zusammenhänge sind eben dummerweise nicht einfach a priori da, insbesondere dort nicht, wo sich die reine Vernunft mit der praktischen Vernunft verbindet, also Theorie mit Praxis. Für die nähere Zukunft, unter (schlechten) Umständen für eine ganze Generation, ist noch mit weiterer Zunahme an disjunktem und zerstreutem (und Zerstreuungs-)Wissen zu rechnen, da man dieses verkaufen kann - während dem die Zusammenhänge eher verdrängt, diejenigen die sie suche, veräppelt werden. Die ungeheure Dominanz disjunkten wirtschaftlichen "Wissens" konnte nur zustande kommen, genau eben weil die grösseren Zusammenhänge nicht a priori gegeben sind, sondern durch spekulative Vernunft (Hypothesen und ihre Prüfung durch das Experiment oder die Analyse) wie durch Erfahrung erst erkannt werden müssen.
A priori bedeutet bei Kant übrigens NICHT "von vornherein", sondern "unbedingt notwendig, streng allgemein". Obige Aussagen gelten aber auch unter dieser Perspektive, eher noch mehr.
2.1.5 Die Vernunft und ihr Interesse, das primäre Interesse der Philosophie
Uebersetzung in heutige Terminologie:
- Naturwissenschaften: kausal, d.h. von Vorherbedingungen abhängig: Analyse des IST, rational, wissenschaftlich.
- Geisteswissenschaften: teleologisch, d.h. von relativ frei wählbaren Zielvorstellungen abhängig: Schaffen, Handlung, Zukunftsplanung, Gesetzgebung - Orientierung an dem, was sein könnte und sein soll.
Die Gesetzgebung der menschlichen Vernunft enthält sowohl Natur- als auch Sittengesetze. Die Philosophie der Natur geht auf alles, was da IST; die der Sitten, nur auf das, was da sein soll.
Alle Philosophie ist aber entweder Erkenntnis aus reiner Vernunft, oder Vernunfterkenntnis aus empirischen Prinzipien. Die erstere heisst reine, die zweite empirische Philosophie.
Anders als die Wissenschaften deckt Philosophie also immer noch den gesamten Raum ab, von der Herkunft (Vergangenheit), über die Existenz (Gegenwart) und die Entwicklung des menschlichen Seins (Zukunftsorientierung).
Besonders wichtig ist hier die Unterscheidung zwischen dem, was wir wissen können - und dem was wir wollen oder hoffen. Nur ersteres ist Sache kausaler Wissenschaften und kann wissenschaftlich bestimmt werden. Zweiteres jedoch ist Sache von Planung, Hoffnung, Träumen - und damit sowohl dem freien Entscheid unterworfen, als auch dem Zufall und der Fortüne.
Dem entsprechend hielt Kant von Lasteseln, lebenden Lexika, die Wissen anhäufen ohne es wirklich zu verstehen, oder denken genau so wenig wie von Zyklopen, die nur ein Auge für ihr Spezialfach haben.
2.1.5 Metaphysik = spekulative Vernunfterkenntnis
Es ist nicht Vermehrung, sondern Verunstaltung der Wissenschaften, wenn man ihre Grenzen in einander laufen lässt; die Grenze der Logik aber ist dadurch ganz genau bestimmt, dass sie eine Wissenschaft ist, welche nichts als die formalen Regeln alles Denkens (es mag a priori oder empirisch sein, einen Ursprung oder Objekt haben, welches es wolle, in unserem Gemüte zufällige natürliche oder natürliche Hindernisse antreffen,) ausführlich darlegt und strenge beweiset.
So fern in diesen (den Wissenschaften, der Red.) nun Vernunft sein soll, so muss darin etwas a priori erkannt werden, und ihre Erkenntnis kann auf zweierlei Art auf ihren Gegenstand bezogen werden, entweder diesen und seinen Begriff bloss zu bestimmen, oder ihn auch wirklich zu machen. Die erste ist theoretische, die andere praktische Erkenntnis der Vernunft.
Hier nochmals deutlich der Unterschied zwischen dem, was wir heute Naturwissenschaften nennen, und den Sozial- und Geisteswissenschaften. Beide können vernünftig und logisch forschen und argumentieren, erstere allerdings muss beim Beschreiben und Erklären bleiben, zweite muss werten, da es um praktische VERWIRKLICHUNG von Absichten geht.
Dass Kant die Metaphysik abgeschafft habe, ist ein Irrtum, hinter dem allerdings bewusste Irreleitung stehen könnte, denn Kant war ganz und gar nicht der Meinung, dass Metaphysik überflüssig oder gar schädlich sei, sondern bloss, dass man darin nicht mit Definitionen und Axiomen arbeiten dürfe, denn damit wird sie zur Heilslehre mit pseudoreligiösem Charakter:
Der Metaphysik, einer ganz isolierten spekulativen Vernunfterkenntnis, die sich gänzlich über Erfahrungsbelehrung erhebt, und zwar durch blosse Begriffe (nicht wie Mathematik durch Anwendung derselben auf Anschauung), wo also Vernunft selbst ihr eigener Schüler sein soll, ist das Schicksal bisher noch so günstig nicht gewesen, dass sie den sicheren Gang einer Wissenschaft einzuschlagen vermocht hätte; ob sie gleich älter ist, als alle übrige, und bleiben würde, wenn gleich die übrigen insgesamt in dem Schlunde einer alles vertilgenden Barbarei gänzlich verschlungen werden sollten.
Die Philosophie der reinen Vernunft ist nun entweder Propädeutik (Vorübung), welche das Vermögen der Vernunft in Ansehung aller reinen Erkenntnis a priori untersucht, und heisst Kritik, oder zweitens das System der reinen Vernunft (Wissenschaft), die ganze (wahre sowohl als scheinbare) philosophische Erkenntnis aus reiner Vernunft im systematischen Zusammenhange, und heisst Metaphysik; wiewohl dieser Name auch der ganzen reinen Philosophie mit Inbegriff der Kritik gegeben werden kann, um, sowohl die Untersuchung alles dessen, was jemals a priori erkannt werden kann, als auch die Darstellung desjenigen, was ein System reiner philosophischer Erkenntnisse dieser Art ausmacht, von allem empirischen aber, imgleichen dem mathematischen Vernunftgebrauche unterschieden ist, zusammen zu fassen.
Ganz im Gegenteil. Kant sah in der Metaphysik, gereinigt durch Kritik, die höchste aller "Wissenschaften" (Wissenschaft als das, was Wissen schafft, noch nicht als durch die Methode festgelegtes Verfahren der Forschung und des Denkens), philosophische Erkenntnis im Zusammenhang, oder, wie man heute sagen würde: ganzheitlich.
Dafür aber hat auch die Metaphysik das seltene Glück, welches keiner andern Vernunftswissenschaft , die es mit Objekten zu tun hat, (denn die Logik beschäftigt sich nur mit der Form des Denkens überhaupt,) zu Teil werden kann, dass wenn sie durch diese Kritik in den sicheren Gang einer Wissenschaft gebracht worden, sie das ganze Feld der für sie gehörigen Erkenntnis völlig befassen und also ihr Werk vollenden und für die Nachwelt, als einen nie zu vermehrenden Hauptstuhl, zum Gebrauche niederlegen kann, weil sie es bloss mit Prinzipien und den Einschränkungen ihres Gebrauchs zu tun hat, welche durch jene selbst bestimmt werden. Zu dieser Vollständigkeit ist sie daher, als Grundwissenschaft, auch verbunden, und von ihr muss gesagt werden können: nil actum reputans, si quid superesset agendum. [Diskussionen führen zu nichts, wenn noch Arbeit zu tun übrig bleibt.]
Kant kritisiert insbesondere auch diejenigen "Wissenschaften", die ihr Wissen als geheimnisvoll und nur durch höhere Weihen verständlich erscheinen lassen wollen. Vermutlich denkt er noch an die Theologie, heute lassen einen seine Ausführungen aber fast automatisch an die Oekonomie denken, die zwar dauernd Sachwänge produziert, die Hintergründe und Entstehung derselben aber höchst ungern, und wenn, recht unverständlich expliziert:
Die Veränderung betrifft also bloss die arroganten Ansprüche der Schulen, die sich gerne hierin (wie sonst mit Recht in vielen anderen Stücken) für die alleinigen Kenner und Aufbewahrer solcher Wahrheiten möchten halten lassen, von denen sie dem Publikum nur den Gebrauch mitteilen, den Schlüssel derselben aber für sich behalten. Gleichwohl ist doch auch für einen billigen Anspruch des spekulativen Philosophen gesorgt. Er bleibt immer ausschliesslich Depositär, einer dem Publikum, ohne dessen Wissen, nützlichen Wissenschaft, nämlich der Kritik der Vernunft; denn die kann niemals populär werden, hat aber auch nicht nötig es zu sein; weil, so wenig dem Volke die fein gesponnen Argumente für nützliche Wahrheiten in den Kopf wollen, eben so wenig kommen ihm auch die eben so subtilen Einwürfe dagegen jemals in den Sinn; dagegen, weil die Schule, so wie jeder sich zur Spekulation erhebende Mensch, unvermeidlich in beide gerät, jene dazu verbunden ist, durch gründliche Untersuchung der Rechte der spekulativen Vernunft einmal für allemal dem Skandal vorzubeugen, das über kurz oder lang selbst dem Volke aus den Streitigkeiten aufstossen muss, in welche sich Metaphysiker (und als solche wohl auch Geistliche) ohne Kritik unausbleiblich verwickeln, und die selbst nachher ihre Lehren verfälschen.
Auch hier scheidet er zudem scharf zwischen dem Wissen, das spekulativ (betrachtend, beschreibend) ist, und dem, dass Handlung begründet und anleitet:
Die Metaphysik teilet sich in die des spekulativen und praktischen Gebrauchs der reinen Vernunft, und ist also entweder Metaphysik der Natur oder Metaphysik der Sitten.
Demnach besteht das ganze System der Metaphysik aus vier Hauptteilen.
Inzwischen wird Physiologie nicht bloss wissenschaftlich, sondern sogar naturwissenschaftlich betrieben, und auch die Forscher beim Cern (wo gerade versucht wird,mit der grössten Maschine der Welt, dem large hadron collider (LHC), dem Ursprung des Universums auf die Sprünge zu kommen), in der theoretischen Physik und an astronomischen Forschungsstätten würden sich dafür bedanken, als "Metaphysiker" angesehen zu werden. Gerade dort herrscht heute Physik vom Feinsten (d.h. für die meisten, vom Unverständlichsten). Theologie gehört allerdings nach wie vor zur Metaphysik. Da die Theologen allerdings weitgehend durch die Wahrsager ökonomischer Provenienz ersetzt wurden, gehörte dieser Platz heute den sog. Wirtschaftswissenschaften.
Ein weiteres Problem im Ungang mit Kant heute, bei der Lektüre seiner Texte, sind Begriffe, die heute eigentlich niemanden mehr interessieren, transzendent und transzendental.
2.1.5.1 Immanuel Kant unterschied zum ersten Male begrifflich zwischen transzendent <> transzendental (2, 3)transzendentAls transzendent betrachtete er Gegenstände wie Gott oder die menschliche Seele, die jenseits des menschlichen Erfahrungshorizonts existieren und daher letztlich unerkennbar sind. Das sind die Dinge, über die Wittgenstein meint schweigen zu müssen - obleich gerade hier die Kunst wie die Mystik sehr beredt sind, auf ihre Weise.transzendental
Mit dem Begriff transzendental verband er auch die Vorstellung von Verstandesbegriffen, die a priori existieren, das heißt jeder Erfahrung vorausliegen, und meinte damit solche Begriffe, die dem Menschen innewohnen und seine Wahrnehmung (und damit Erkenntnis) formal strukturieren. 4) bei Kant bezeichnet transzendental im Gegensatz zu transzendent nicht ein jenseits der Erkennbarkeit Liegendes (weil den Bereich möglicher Erfahrung Übersteigendes), sondern dasjenige, was im reflektierenden «Rückstieg» (transcensus) in das Bewusstsein (Subjekt) an Konstitutionsprinzipien dasselbe und ineins damit als Bedingung der Möglichkeit von Gegenständen, Erfahrung, Erkenntnis überhaupt aufgedeckt wird. So klärt eine transzendentale Erkenntnis nicht etwa über diese oder jene einzelne empirisch-gegenständliche Erkenntnis auf, sondern darüber, wie uns Gegenstandserkenntnis überhaupt möglich ist: insofern nämlich gewisse uns eigene Vorstellungsweisen (der Sinnlichkeit und des Verstandes) a priori die Gegenständlichkeit aller Gegenstände ausmachen. Entscheidend ist hierbei, dass alles Transzendentale als Bedingung der Möglichkeit von Erfahrung überhaupt von sich aus auf Gegenstände, Erfahrung, Erkenntnis bezogen ist, sein ganzer Sinn in dieser Funktion liegt; |
Wir müssen heute also den kantschen Begriff transzendental-philosophie wohl durch Erkenntnis- und Wissenschaftstheorie ersetzen, auch wenn sich deren Inhalt nicht völlig mit jenem deckt.
Die Transzendental-Philosophie ist die Idee einer Wissenschaft, wozu die Kritik der reinen Vernunft den ganzen Plan architektonisch, d.i. aus Prinzipien, entwerfen soll, mit völliger Gewährleistung der Vollständigkeit und Sicherheit aller Stücke, die dieses Gebäude ausmachen. Sie ist das System aller Prinzipien der reinen Vernunft. (also Logik ?)
Zur Kritik der reinen Vernunft gehört demnach alles, was die Transzendental-Philosophie ausmacht, und sie ist, die vollständige Idee der Transzendental-Philosophie, aber diese Wissenschaft nocht nicht selbst; weil sie in der Analysis nur so weit geht, als es zur vollständigen Beurteilung der synthetischen Erkenntnis a priori erforderlich ist.
Das vornehmste Augenmerk bei der Einteilung einer solchen Wissenschaft ist: dass gar keine Begriffe hineinkommen müssen, die irgend etwas Empirisches in sich enthalten; oder dass die Erkenntnis a priori völlig rein sei. ... Daher ist die Transzendental-Philosophie eine Weltweisheit der reinen bloss spekulativen Vernunft. Denn alles praktische, so fern es Triebfedern enthält, bezieht sich auf Gefühle, welche zu empirischen Erkenntnisquellen gehören.
Alles Denken aber muss sich, es sei geradezu oder im Umschweife, vermittelst gewisser Merkmale, zuletzt auf Anschauungen, mithin, bei uns, auf Sinnlichkeit beziehen, weil uns auf andere Weise kein Gegenstand gegeben werden kann.
Die Wirkung eines Gegenstandes auf die Vorstellungsfähigkeit, so fern wir von demselben affiziert werden, ist / Empfindung. diejenige Anschaung, welche sich auf den Gegenstand durch Empfindung bezieht, heisst empirisch. Der unbestimmte Gegenstand einer empirischen Ansschauung, heisst Erscheinung. (s. Phänomen > Phänomenologie)
Aus diesem allem ergibt sich nun die Idee einer besonderen Wissenschaft, die Kritik der reinen Vernunft heissen kann. Denn Vernunft ist das Vermögen, welches die Prinzipien der Erkenntnis a priori an die Hand gibt. Daher ist reine Vernunft diejenige, welche die Prinzipien, etwas schlechthin a priori zu erkennen, enthält.
2.1.5.2 Sinnlichkeit und Anschauung - Erfahrung & Induktion
Die reine Form der Sinnlichkeit wird auch selber reine Anschauung heissen.
Auch hier haben wir mit Kants Sprachgebrauch heute mühe, d.h. allgemein dem Sprachgebrauch seiner Zeit, was das Wort Aesthetik betrifft, denn eine Philosophie der Aesthetik ist zu Zeiten Kants eine Philosophie der Wahrnehmung, nicht des Schönen:
Eine Wissenschaft von allen Prinzipien der Sinlichkeit a priori nenne ich die transzendentale Aesthetik. In der transzendentalen Aesthetik also werden wir zuerst die Sinnlichkeit isolieren, dadurch, dass wir alles absondern, was der Verstand durch seine Begriffe dabei denkt,damit nichts als empirische Anschauung übrig bleibt. Zweitens werden wir von dieser noch alles, was zur Empfindung gehört, abtrennen, damit nichts als reine Anschauung und die blosse Form der Erscheinung übrig bleibe, welches das einzige ist, das die Sinnlichkeit a priori liefern kann.
Was zudem die Unmöglichkeit des induktiven Beweises betrifft, war Kant auch Popper doch schon voraus:
Zweitens: Erfahrung gibt niemals ihren Urteilen wahre oder strenge, sondern nur angenommene und komparative Allgemeinheit (durch Induktion), so dass es eigentlich heissen muss: so viel wir bisher wahrgenommen haben, findet sich von dieser oder jener Regel keine Ausnahme. Wird also ein Urteil in strenger Allgemeinheit gedacht, d.i. so, dass gar keine Ausnahme als möglich verstattet wird, so ist es nicht von der Erfahrung abgeleitet, sondern schlechterdings a priori gültig. Die empirische Allgemeinheit ist also nur eine willkürliche Steigerung der Gültigkeit, von der, welche in den meisten Fällen, zu der, die in allen gilt ....
2.1.6 Kategorien, Grundsätze, Postulate des Denkens
Tafel der Kategorien
1. Quantität der Urteile -
Kategorie der QuantitätAllgemeine - Einheit
Besondere - Vielheit
Einzelne - Allheit2. Qualität
Bejahende - Realität
Verneinende - Negation
Unendliche - Limitation3. Relation
Kategorische - Inhärenz und Subsistenz
Hypothetische - Kausalität und Dependenz
Disjunktive - Gemeinschaft4. Modalität
Problematische - Möglichkeit/Unmöglichkeit
Assertorische - Dasein/Nichtsein
Apodiktische - Notwendigkeit/ZufälligkeitDie allgemeine Logik ist über einem Grundrisse gebauet, der ganz genau mit der Einteilung der oberen Erkenntnisvermögen zusammentrifft. Diese sind: Verstand, Urteilskraft und Vernunft. Jene Doktrin handelt daher in ihrer Analytik von Begriffen, Urteilen und Schlüssen, gerade den Funktionen und der Ordnung jener Gemütskräfte gemäss, die man unter der weitläufigen Benennung des Verstandes überhaupt begreift.
Alle Grundsätze des reinen Verstandes Axiomen
der AnschauungAntizipationen
der WahrnehmungAnalogien
der ErwartungPostulate
des empirischen Denkens überhauptDie Postulate des empirischen Denkens überhaupt:
- Was mit den formalen Bedingungen der Erfahrung (der Anschauung und den Begriffen nach) übereinkommt, ist möglich.
- Was mit den materialen Bedingungen der Erfahrung (der Empfindung) zusammenhängt, ist wirklich.
- Dessen Zusammenhang mit dem Wirklichen nach allgemeinen Bedingungen der Erfahrung bestimmt ist, ist (existiert) notwendig.
Hieraus fliesst nun unwidersprechlich, dass die reinen Verständnisbegriffe niemals von transzendentalem, sondern jederzeit nur von empirischem Gebrauch sein können, und dass die Grundsätze des reinen Verstandes nur in Beziehung auf die allgemeinen Bedingungen einer möglichen Erfahrung auf Gegenstände der Sinne, niemals aber auf Dinge überhaupt, (ohne Rücksicht auf die Art zu nehmen, wie wir sie anschauen mögen) bezogen werden können.
Damit drückt Kannt eigentlich das aus, was Wittgenstein in der analytischen Philosophie 150 Jahre später kurz so formulierte: Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen - was allerdings eine noch extremere Position ist, die andere "Sprachen" oder Formen der Mitteilung, insbesondere die Kunst, ausser acht lässt.
FAZIT, auch heute noch gültig:
Ueberlegung - etwas darüber legen - zeigt deutlich, dass Nach-Denken eben meist hinterher kommt, was klar durch den Begriff "Rationalisierung" ausgedrückt wird: die erst nachträgliche Versorgung von Haltungen, Einstellungen, Entscheidungen mit ihrer Grundlage. Persönliche (oder institutionelle, betriebliche) Interessen und Absichten werden auch in der Rhetorik generell verborgen durch das Vorschieben anderer Gründe. Auch die Re-flektion - zurückwerfen, umbiegen - das Zurückbiegen, drückt ja einen ähnlichen Sachverhalt aus. Gerade aus diesem Grunde müssen auch äusserst sachlich scheinende Argumente darauf geprüft werden, wer ihnen warum welche Gründe untergeschoben hat und wo die Begründungen gar verbogen wurden.
Die Hauptmomente des gedachten psychischtheologischen Beweises sind folgende:
Die Welt ist kausal eingerichtet, gehorcht "vernünftigen Prinzipien" (ist "berechenbar") - ist aber nicht teleologisch, auf ein vorgefasstes Ziel hin prädeterminiert, sonder mit einem Potential zur freien Entwicklung ausgestattet. Da die Struktur der äusserst komplexen Welt bis heute nicht verständlich ist, muss ein intelligenteres Wesen ... etc. Kant war also noch recht fest darauf verpflichtet, als letzte Ursache Gott heranzuziehen ... traut sich aber bereits, zumindest in Klammern, darauf hinzuweisen, dass auch mehrere Ursachen möglich wären, wofür er in fundamentalistischeren Zeit hätte gesteinigt oder verbrannt werden können. Insbesondere aber die Formulierung Jacques Monods: Zufall und Notwendigkeit, hätte Kant noch weit von sich gewiesen, womit er allerdings auch noch um 1970 auf viel Zustimmung gestossen wäre ...
Heute wissen wir eigentlich, dass Masse nur eine andere Erscheinungsform von Energie ist, oder umgekehrt, und dass sich beide in unterschiedlichsten Kombinationen und (noch unbekannt) vielen Dimensionen entfalten können - womit sogar das "Nichts" in Frage gestellt ist, denn vielleicht ist es ja bloss eine andere Dimension, die uns nicht zugänglich ist ... Aber auch weit weniger esotherisch basieren heute Chemie und die ganze Thermodynamik eindeutig auf Massenphänomenen, die im Kleinen wiederum durch absolute Zufälligkeiten charakterisiert sind, einem Spiel der Kräfte die sich anziehen oder abstossen, aufeinander prallen, Energie abgeben und aufnehmen. Nicht nur Energie und Masse, sondern auch Wärme und Bewegung lassen sich ineinander umwandeln.
Zwei wichtige Prinzipien waren Kant also nicht bekannt, ja unvorstellbar und relativieren die Gültigkeit seines Systems massiv: Die Stochastik (Wahrscheinlichkeit und Zufall), was die reine Vernunft betrifft, und die dialogische Wahrheit, was die praktische Vernunft betrifft.
Praktische Vernunft steht synonym für Ethik. Diese war nun weder im 19. noch im 20. Jahrhundert ein boomender Bereich als solcher, wohl aber die Ausrichtung auf <Pflicht>, die allerdings nicht mehr aus eigener Erkenntnis entstand, sondern vom Staat deklariert wurde, zuerst vom preussischen, dann von einem giftigen, kleinen, österreichischen Emigraten in Deutschland. Heute allerdings von der Wirtschaft mit ihrem kritischen Imperativ: Du sollst alles wissen, was wir brauchen, Du sollst dein Wissen à jour halten - es Wissen aber nie kritisch gegen die Firma wenden. Wer sich dennoch ethischen Fragen widmete, wurde zum Gutmenschen gestempelt, was heute in etwa steht für "dämlicher Hinterwälder, der nicht an die Segnung des heiligen Marktes glaubt".
Die Auffassung darüber was Recht sei, ist in diesem Jahrhundert auf beispiellose Weise verwirrt worden, nachdem bereits das spätere 19. Jahrhundert Anstrengungen unternommen hatte, die Moral und Moralbegriffe wie <Tugend> zu diskreditieren, eine Entwicklung, die trotz Hegels bereits kompensatorischer Anstrengungen der Anerkennung der Sittlichkeit, nicht mehr aufgehalten werden konnte.
Einen Ueberblick über die heute gebräuchliche Terminologie, eine erste Begriffserklärung finden Sie unter Ethik & Moral. Hier nur ein paar kurze Ergänzungen, wie dies vor 250 Jahren gesehen wurde:
Sitten sind - über Kant hinaus und im weiteren Sinne des Wortgebrauchs - öffentlich relevante und tendenziell allgemeine Verhaltensstile des Handelns, welche in fortgeschrittenen Gesellschaften zum Teil zunehmend kodifiziert sind.
Sitte ist der auf Tradition und Gewohnheit beruhende, durch moralische Werte, Regeln und Normen bedingte, in einer bestimmten sozialen Gruppe oder Gemeinschaft übliche und für den einzelnen dann als verbindlich geltende Wertekanon
Sittlichkeit (moralitas) : Uebereinstimmung der (persönlichen) Maxime des Handelns mit dem Gesetz der Sittlichkeit
mores: (d. vom lat. mos: Sitten): Manieren und Lebensart > Moral
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Praktische materiale Bestimmungsgründe im Prinzip der Sittlichkeit sind |
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Subjektive |
Objektive | ||||
| äussere | innere |
innere |
äussere |
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| Der Erziehung (nach Montaigne) | Der bürgerlichen Verfassung (nach Mandeville) | Des physischen Gefühls (nach Epikur) | Des moralischen Gefühls (nach Hutcheson) | Der Vollkommenheit (nach Wolff und den Stoikern) | Des Willens Gottes (nach Crusius und andern theologischen Moralisten) |
Brauch/tum: von bruh (althochd.): Nutzen und usus: gebrauchen, also das, was gebräuchlich ist.
Gesetzmässigkeit (legalitas): Uebereinstimmung der Handlung mit dem Pflichtgesetz. (Heute steht der Begriff "Gesetzmässigkeit" für Prinzip, also regelhaftes Verhalten, das sich vor allem in den Naturwissenschaften findet.)
Maxime: Das subjektive Prinzip zu handeln, wie es handeln will, die persönliche Regel (würde man heute vermutlich, etwas diffus wie die gesamte heutige Ethik, "Prinzipien" nennen)
Aber bereits Kant hat die Moral nicht einfach gelobt, sondern kritisch hinterfragt, denn er war sich bewusst, dass Regelsysteme immer dazu ausgenutzt werden (können), persönliche Vorteile für sich oder die Mitglieder der eigenen Gruppe herauszuschlagen, diese aber nicht als egoistisch zu charakterisieren, sondern als <gerechte Bevorteilung dank überlegener Leistung>:
Rechts- und Moralsysteme sind gattungsgeschichtlich darauf angelegt, alle Partialität des Clans, des Standes, der Klasse usw. zu transzendieren und strikt als allgemein geteilte zu fungieren.
Definition der Ethik bei Kant:
Ethik bedeutete in den alten Zeiten die Sittenlehre (philosophia moralis) überhaupt, welche man auch die Lehre von den Pflichten benannte. 1 In der Folge hat man es ratsam gefunden, diesen Namen auf einen Teil der Sittenlehre, nämlich die Lehre von den Pflichten, die nicht unter äusseren Gesetzen stehen, allein zu übertragen (dem man im Deutschen den Namen Tugendlehre angemessen gefunden hat): so dass jetzt das System der allgemeinen Pflichtenlehre in das der Rechtslehre (jus), welche äusserer Gesetze fähig ist, und der Tugendlehre (ethica) eingeteilt wird, die deren nicht fähig ist; wobei es denn auch sein Bewenden haben mag.
1: Pflichten wurden entpersonalisiert und im 19./20. JH vom Staat formuliert, als Gesetz, besonders dort, wo autoritäre Staatsformen vorherrschten. Mit der Uebernahme der Macht durch die Wirtschaft wurde die Pflicht zum Auftrag, dessen Erfüllung (rasch und billig) nun und heute das höchste der Gefühle sein soll.
Die Ethik gibt nicht Gesetze für die Handlungen (denn das tut das Jus), sondern nur für die Maximen der Handlungen. [s. 264]
Die Vorgabe von Pflichten an den Bürger durch den autoritären Staat verwechselt also Ethik mit Gesetz und vernichtet eigentlich die Chance des Menschen, sich aus eigenem Verständnis und Antrieb dem Guten zuzuwenden. Schlimmer, sie definiert bereits vorweg, was als gut zu gelten hat, also an welchen Zielen sich menschliches Handeln zu orientieren habe. Sie macht damit das eigentlich Menschliche, die Fähigkeit zum kritischen, freien Entscheid, unmöglich. Auch hier weist Kant unmisserverständlich darauf hin, dass der Mensch nicht (primär) Zwecke befolgt, die ihm die Natur vorgibt (mit Ausnahme des Triebes zu Ueberleben und, früher mal, sich Fortzupflanzen), sondern sich seine Zwecke selbst setzt:
Zweck ist ein Gegenstand der freien Willkür, dessen Vorstellung diese zu einer Handlung bestimmt, wodurch jener hervorgebracht wird. Eine jede Handlung hat also sich den Gegenstand seiner Willkür selbst zum Zweck zu machen, so ist es ein Akt der Freiheit des handelnden Subjekts, nicht eine Wirkung der Natur, irgend einen Zweck der Handlung zu haben.
Das Vermögen, sich überhaupt irgend einen Zweck zu setzen, ist das Charakteristische de Menschheit (zum Unterschiede von der Tierheit). Mit dem Zwecke der Menschheit in unserer eigenen Person ist also auch der Vernunftwille, mithin die Pflicht verbunden, sich um die Menschheit durch Kultur überhaupt verdient zu machen, sich das Vermögen zur Ausführung allerlei möglicher Zwecke, sofern dieses in dem Menschen selbst anzutreffen ist, zu verschaffen oder es zu fördern, d.i. eine Pflicht zur Kultur der rohen Anlagen seiner Natur, als wodurch das Tier sich allererst zum Menschen erhebt: mithin Pflicht an sich selbst. [S. 268]
Erste Pflicht des Menschen ist also weder der Gehorsam gegenüber dem Staate oder der Wirtschaft, sondern die Pflicht zur Kultur seiner Anlagen, zur Entwicklung seiner Selbst - nicht zur Einpasssung seiner selbst in eine vorgefertigte Form, sei sie von der Kirche, vom Staat oder von der Wirtschaft modelliert worden.
Wie diese Pflicht zu erkennen und auszugestalten sei, wäre eben Aufgabe der Metaphysik im kantschen, kritischen Sinne, also nicht die Sache esoterischer Erleuchtung und von Heiligen überbrachter Diktate der Götter, sondern der Vernunft:
Metaphysik ist der Kantische Entwurf einer Ersten Philosophie des Rechts und der Moral freilich nicht im Sinne der von Kant gerade destruierten anmassenden Wissenschaft vor ihm, ohne Erkenntnis und Sollenskritik unausgewiesen und unausweisbare Dogmensysteme vorzutragen.
Grundfrage einer solchen <Metaphysik> ist also die Scheidung (= Kritik) von Gut und Böse:
Die alleinigen Objekte einer praktischen Vernunft sind also die vom Guten und Bösen [S. 96]
Pflicht ist dann eben, genau wie im Islam (Gebiete das Gute, Verbiete das Böse), das Gute zu fördern und das Böse zu verhindern. Ueberfallen die USA Staaten, die ihren eigenen Normen (der Demokratie) nicht entsprechen,handeln sie also genau so fundamentalistisch wie die bekämpften "islamischen Brüder":
Das moralische Gesetz ist nämlich für den Willen eines vollkommenen Wesens ein Gesetz der Heiligkeit, für den Willen jedes endlichen vernünftigen Wesens aber ein Gesetz der Pflicht, der moralischen Nötigung und der Bestimmung der Handlungen desselben durch Achtung für dieses Gesetz und aus Ehrfurcht für seine Pflicht. Ein anderes subjektives Prinzip muss zur Triebfeder nicht angenommen werden.
Die Ehrwürdigkeit der Pflicht hat nichts mit Lebensgenuss zu schaffen; sie hat ihr eigentümliches Gesetz, auch ihr eigentümliches Gericht, und wenn man auch beide noch so sehr zusammenschütteln wollte, um sie vermischt, gleichsam als Arzneimittel, der kranken Seele zuzureichen, so scheiden sie sich doch alsbald von selbst, und, tun sie es nicht, so wirkt das erste gar nicht, wenn aber auch das physische Leben hierbei einige Kraft gewönne, so würde doch das moralische ohne Rettung dahin schwinden.
Diese Idee praktisch -, d.i. für die Maxime unseres vernünftigen Verhaltens, hinreichend zu bestimmen, ist die Weisheitslehre, und diese wiederum als Wissenschaft, ist Philosophie, in der Bedeutung, wie die Alten das Wort verstanden, bei denen sie eine Anweisung zu dem Begriffe war, worin das höchste Gut zu setzen, und zum Verhalten, durch welches es zu erwerben sei. Es wäre gut, wenn wir dieses Wort bei seiner alten Bedeutung liessen, als eine Lehre vom höchsten Gut, so fern die Vernunft bestrebt ist, es darin zur Wissenschaft zu bringen.
Die völlige Angemessenheit des Willens aber zum moralischen Gesetze ist Heiligkeit, eine Vollkommenheit, deren kein vernünftiges Wesen der Sinnenwelt, in keinem Zeitpunkte seines Daseins, fähig ist.
Gott ja ... Gott nein?
In Ermangelung desselben (der Satz von der moralischen Bestimmung unserer Natur. Der Aut.) wird entweder das moralische Gesetz von seiner Heiligkeit gänzlich abgewürdigt, indem man es sich als nachsichtig, (indulgent) und so unserer Behaglichkeit angemessen, verkünstelt, oder auch seinen Beruf und zugleich Erwartung zu einer unerreichbaren Bestimmung, nämlich einem verhofften völligen Erwerb der Heiligkeit des Willens, spannt, und sich in schwärmende, dem Selbsterkenntnis ganz widersprechende ganz widersprechende theosophische Träume verliert, durch welches biedes das unaufhörliche Streben zur pünktlichen und durchgängigen Befolgung eines strengen unnachsichtlichen, dennoch aber nicht idealistischen, sondern wahren Vernunftgebotes, nur verhindert wird.
Glückseligkeit ist der Zustand eines vernünftigen Wesens in der Welt, dem es, im Ganzen seiner Existenz, allein nach Wunsch und Willen geht, und beruhet also auf der Uebereinstimmung der Natur zu seinem ganzen Zwecke, imgleichen zum wesentlichen Bestimmungsgrunde seines Willens.
Folglich ist das Postulat der Möglichkeit des höchsten abgeleiteten Guts (der besten Welt) zugleich das Postulat der Wirklichkeit eines höchsten ursprünglichen Guts, nämlich der Existenz Gottes.
Dagegen ist ein Bedürfnis der reinen praktischen Vernunft, auf einer Pflicht gegründet, etwas (das höchste Gut) zum Gegenstande meines Willens zu machen, um es nach allen meinen Kräften zu befördern; wobei ich aber die Möglichkeit desselben, mithin auch die Bedingungen dazu, nämlich Gott, Freiheit und Unsterblichkeit voraussetzen muss, weil ich diese durch meine spekulative Vernunft nicht beweisen, obgleich auch nicht widerlegen kann.
Hier erscheint Kant als Agnostiker.
Wissenschaft (kritisch gesucht und methodisch eingeleitet) ist die enge Pforte, die zur Weisheitslehre führt, wenn unter dieser nicht bloss verstanden wird, was man tun, sondern was Lehrern zur Richtschnur dienen soll, um den Weg zur Weisheit, den jedermann gehen soll, gut und kenntlich zu bahnen, und andere vor Irrwegen zu sicheren; eine Wissenschaft, deren Aufbewahrerin jederzeit die Philosophie bleiben muss, an deren subtiler Untesuchung das Publikum keinen Anteil, wohl aber an den Lehren zu nehmen hat, die ihm, nach einer solchen Bearbeitung, allererst recht hell einleuchten können.
Kritik der Kritik:
Kant setzt, trotz der vordergründigen Forderung selbst zu denken, auf autoritär-elitäre Führung der Philosophen. Ein Verständnis für historische Abläufe, also historische Bedingtheiten von Sitte und Gebrauch scheint ihm völlig zu fehlen, wie auch für gesellschaftliches Aushandeln, also einer dialogischen Wahrheit.
Kannt an-erkennt die Wirklichkeit der verborgenen Motivation auf die Psyche und ihre "Entscheide", hier meist unter "Wille" subsummiert:
Die Materie eines praktischen Prinzips ist der Gegenstand des Willens.
Denn wenn sie, als reine Vernunft, wirklich praktisch ist, so beweiset sie ihre und ihrer Begriffe Realität durch die Tat, und alles Vernünfteln wieder die Möglichkeit, es zu sein, ist vergeblich.
Praktische Grundsätze sind Sätze, welche eine allgemeine Bestimmung des Willens enthalten, die mehrere praktische Regeln unter sich hat. Sie sind subjektiv, oder Maximen, wenn die Bedingungen nur als für den Willen des Subjekts gültig von ihm angesehen wird; objektiv aber, oder praktische Gesetze, wenn jene als objektiv d.i. für den Willen jedes vernünftigen Wesens gültig erkannt wird.
Gerade hier, für die Unterschiedung zwischen subjektiv tauglicher Maxime und objektivem, praktischem Gesetz das jederman einleichtet, taugt die Selbstliebe als Urmotiv eben nicht:
... würde das Prinzip der Selbstliebe dennoch von ihnen durchaus für kein praktisches Gesetz ausgegeben werden können; denn diese Einhelligkeit wäre selbst doch nur zufällig.
Denn der Wille Aller hat alsdann nicht ein und dasselbe Objekt, sondern ein jeder ahnt das seinige (sein eigenes Wohlbefinden), welches sich zwar zufälligerweise, auch mit anderer ihren Absichten, die sie gleichfals auf sich selbst richten, vertragen kann, aber lange nicht zum Gesetze hinreichend ist, weil die Ausnahmen, die man gelegentlich zu machen befugt ist, endlos sind, und gar nicht bestimmt in eine allgemeine Regel befasst werden können. Es komm auf diese Art eine Harmonie heraus, die derjenigen ähnlich ist, welche ein gewisses Spottgedicht auf die Seeleneintracht zweier sich zu Grunde richtenden Eheleute schildert: O wundervolle Harmonie, was er will, will auch sie etc.
Wenn Sie bis hierher innerlich zustimmend genickt haben, dann muss ich vielleicht "Selbstliebe" durch einen zeitgemässeren Begriff ersetzen: Wünsche und Bedürfnisse - die endlos sind, und gerade deswegen als Maxime einer Wirtschaft taugen, die auf ewig währendem Wachstum eben so baut wie auf Neid: Was er will, will auch sie, der heute allerdings "Wettbewerb" genannt wird. Aus dieser Konstellation heraus ist präzise das, was Kant als Lösung bot, nicht mehr möglich:
Grundgesetz der reinen praktischen Vernunft:
Handle so, dass die Maxime deines Willens jederzeit zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzgebung gelten könne.
Die Autonomie des Willens ist das alleinige Prinzip aller moralischen Gesetze und der ihnen gemässen Pflichten: Alle Heteronomie der Willkür gründet dagegen nicht allein gar keine Verbindlichkeit, sondern ist vielmehr dem Prinzip derselben und der Sittlichkeit des Willens entgegen.
Gerade weil die Selbstliebe, auch in ihrer positiven Form, keine Generalisierung (Induktion) erlaubt, hat Kant, anders als Spinoza (Selbstzufriedenheit), zu dieser ein ziemlich "kritisches" Verhältnis.
Die Maxime der Selbstliebe (Klugheit) rät bloss an; das Gesetz der Sittlichkeit gebietet.
Es liegt so etwas Besonderes in der grenzenlosen Hochschätzung des reinen, von allem Vorteil entblössten, moralischen Gesetzes, so wie es praktische Vernunft uns zur Befolgung vorstellt, deren Stimme auch den kühnsten Frevler zittern macht, ...
Definition der Selbstliebe bei Kant:
Man kann diesen Hang, sich selbst nach den subjektiven Bestimmungsgründen seiner Willkür zum objektiven Bestimmungsgrunde des Willens überhaupt zu machen, die Selbstliebe nennen, welche, wenn sie sich gesetzgebend und zum unbedingten praktischen Prinzip macht, Eigendünkel heissen kann. Nun schliesst das moralische Gesetz , welches allein wahrhaftig (nämlich in aller Absicht) objektiv ist, den Einfluss der Selbstliebe auf das oberste praktische Prinzip gänzlich aus, und tut dem Eigendünkel, der die subjektiven Bedingungen des ersteren als Gesetze vorschreibt, undendlichen Abbruch.
Interesse & Maxime: Aus dem Begriffe einer Triebfeder (heute Motiv, der Aut.) entspricht der eines Interesses; welches niemals einem Wesen, als was Vernunft hat, beigelegt wird, und eine Triebfeder des Willens bedeutet, so fern sie durch Vernunft vorgestellt wird. Da das Gesetz selbst in einem moralisch-guten Willen die Triebfeder sein muss, so ist das moralische Interesse ein reines sinnenfreies Interesse der blossen praktischen Vernunft. Aus dem Begriffe eines Interesses gründet sich auch der einer Maxime.
Hier ist nun der Ort, das Paradoxon der Methode in einer Kritik der praktischen Vernunft zu erklären: dass nämlich der Begriff des Guten und Bösen nicht vor dem moralischen Gesetze, (dem es dem Anschein nach so gar zum Grunde gelegt werden müsste,) sondern nur (wie hier auch geschieht) nach demselben und durch dasselbe bestimmt werden müsse.
Anders als Religionen macht die Ethik offenbar nicht ein bestehendes Wissen über das Gute und das Böse zum Ausgangspunkt seiner Normen, sondern versucht erst, ein "richtiges" (passendes, stimmendes, funktionierendes, überzeugendes ...) System der Orientierung kritisch zu begründen - und erst daraus die gültigen Normen und Pflichten abzuleiten. Das macht die Ethik, auch wenn sie unter Philosophie oder gar <Metaphysik> läuft, eben doch irgendwie zur Wissenschaft. Es geht in der Ethik also nicht darum, Normen zu sammeln, die man für richtig und unterstützungswürdig hält und diese dann zu begründen, sondern, bei Kant, erst nach dem höchsten Ziele zu sehen, und das System darauf auszurichten, oder, etwas moderner, bei Hartmann, ein zusammenhängendes, ganzheitliches System von Werten zu schaffen die als Ziele und Teilziele (Zwecke) dienen können beim Streben nach <dem> Guten.
Bei mir persönlich hängen geblieben ist nach dem ersten Durchgang der Kritik der praktischen Vernunft eigentlich nur der Begriff der Achtung:
Achtung geht jederzeit nur auf Personen, niemals auf Sachen. Die letzteren können Neigung, und wen es Tiere sind (z.B. Pferde, Hunde etc.) sogar Liebe, oder auch Furcht, wie das Meer, ein Vulkan, ein Raubtier, niemals aber Achtung in uns erwecken.
Achtung ist also Be-Achtung der Würde des Menschen per se, nicht Ehr-Furcht vor seiner Stellung oder Macht
Lange bevor irgend jemand ein Konzept der Menschenwürde und Menschenrechte erarbeitet hat, setzt Kant hier also einen Grundstein. Die Menschenwürde hat, anders als die sich beliebig vermehren lassenden Begierden, Substanz als Selbstwert des Menschen. Das Recht auf ein menschenwürdiges Leben ist heute in den meisten Staatsverfassungen (CH) verankert. Die Menschenwürde limitiert auch berechtigt den persönlichen Drang nach Herrschaft über andere (s. Machttreppe), ein primäres Element des Wettbewerbstriebes, da sie jeden Menschen verpflichtet, auch darauf zu sehen, was die eigene freie Entscheidung bei anderen bewirkt, wo sie nicht bloss die Freiheit anderer, sondern vor allem deren Würde, übermässig beeinträchtigt.
Die Laster, welche dieser Pflicht (der Uebereinstimmung der Maximen seines Willens mit der Würde des Menschen, der Autor) entgegenstehen, sind: die Lüge, der Geiz und die falsche Demut (Kriecherei).
Freiheit (Unabhängigkeit von eines anderen nötigender Willkür), sofern sie mit jedes anderen Freiheit nach einem allgemeinen Gesetz zusammen bestehen kann, ist dieses einzige, urspüngliche, jedem Menschen kraft einer Menschheit zustehende Recht. - Die angeborene Gleichheit, d.i. die Unabhängigkeit, nicht zu mehrerem von anderen verbunden zu werden, also wozu man sie wechselseitig auch verbinden kann; mithin die Qualität des Menschen, sein eigener Herr zu sein, imgleichen die eines unbescholtenen Menschen, weil er vor allem rechtlichen Akt keinem Unrecht getan hat, endlich auch die Befugnis, das gegen andere zu tun, was an sich ihnen das Ihrige nicht schmälert, wenn sie sich dessen nur nicht annehmen wollen; dergleichen ist: ihnen bloss seine Gedanken mitzuteilen, ihnen etwas zu erzählen oder zu versprechen, es sei wahr und aufrichtig oder unwahr und unaufrichtig, weil es bloss auf ihnen beruht, ob sie ihm glauben wollen oder nicht: - alle diese Befugnisse liegen schon im Prinzip der angeborenen Freiheit und sind wirklich von ihr nicht (als Glieder der Einstellung unter einem höheren Rechtsbegriff) unterschieden.
Kant ruft also (na ja, zu Zeiten der französischen Revolution ...), auch die Freiheit des Menschen aus, sein eigener Herr zu sein, frei unternehmen zu können, was andere in ihrer Freiheit nicht beeinträchtigt (hierauf, auf den zweiten Teil des Satzes wäre die heutige Wirtschaftsfreiheit mal kritisch zu prüfen, denn gegen diese Vorgabe verstösst sie, insbesondere in der Variante des Neoliberalismus)
Der Begriff der Freiheit ist ein reiner Vernunftbegriff.
Auch diese Aussage wäre heute nicht mehr haltbar, da die Freiheitsgrade gerade in der Chemie, wie auch Physik, Thermodynamik, Statistik und sogar Mathematik und Physiologie (notwendige natürliche Varianz des Herzschlags - rigider Takt prognostiziert Herzinfarkt!) eine beträchtliche Rolle spielen, als zyklische, zeitliche oder andersweitige Varianz (Biodiversität) das Ueberleben von Biotopen und damit der Natur erst eigentlich möglich machen. Die pure Notwendigkeit der Freiheit lässt sich heute sogar naturwissenschaftlich begründen, nicht bloss "metaphysisch".
| Tafel der Kategorien der Freiheit in Anschluss der Begriffe des Guten und Bösen | |
| Der Quantität Subjektiv, nach Maximen (Willensmeinungen des Individuums) Objektiv, nach Prinzipien (Vorschriften) A priori objektive sowie als subjektive Prinzipien der Freiheit (Gesetze) |
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Der Qualität |
Der Relation |
| Der Modalität Das Erlaubte und das Unerlaubte Die Pflicht und das Pflichtwidrige Vollkommene und unvollkommene Pflicht |
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Heute noch von Interesse an folgender Tafel Kants über die Pflicht ist etwa, dass das Recht des Menschen und der Menschen als vollkommene Pflicht gelten, der Zweck der Menschen aber bloss als unvollkommen Tugend-Pflicht.
| vollkommene Pflicht | ||||
| Pflicht gegen sich selbst | 1. Das Recht der Menschheit in unserer eigenen Person 3. Der Zweck der Menschheit in unserer Person |
(Rechts-) Pflicht (Tugend-) |
2. Das Recht der Menschen 4. Der Zweck der Menschen |
Pflicht gegen andere |
| unvollkommene Pflicht | ||||
Der Zweck des Menschen sei auch nicht, dass er sich einfüge in ein System das von andern entworfen, meist zu eigenem Nutzen, sondern dass er sich als Mensch, mit seinen eigenen, ihm gegebenen Anlagen, vervollkomne und entwickle. Sich selbst zu dem entwickeln können, was im Kern angelegt ist, das ist Glückseligkeit. (Existentialisten hätten gesagt: Eine gesicherte Existenz (Dasein) welche die Freiheit bietet, das Sein (die Essenz) zu entwickeln, ist das höchste Ziel der Menschen, also Glück.
| Das Materiale der Tugendpflicht | |||
| innere Tugendpflicht | 1. eigener Zweck, der mir zugleich Pflicht ist Meine eigene Vollkommenheit |
2. Zweck anderer, dessen Beförderung mir zugleich
Pflicht ist. Die Glückseligkeit anderer |
äussere Tugendpflicht |
| 3. Das Gesetz, welches zugleich Triebfeder ist. Worauf die Moralität aller freien Willensbestimmung beruht. | 4. Der Zweck, der zugleich Triebfeder ist. Worauf die Legalität aller freien Willensbestimmung beruht | ||
| Das Formale der Tugendpflicht | |||
Einige Begriffe aus der Rechtslehre machen deutlich, warum es nicht einfach ist, recht zu erhalten:
Ius: Rechtslehre
Jurisconsulturs: Rechtsgelehrter, zur juristischen Beratung befähigt
Jurispevitus: rechtserfahren, kennt auch die Anwendung der Gesetze
Jurisprudentia: Rechtsklugheit - Das, womit die meisten also die Juristerei heute indentifizieren, ist juristische Klugheit, wissen über das Gesetz als System, was über, was untergeordnet sind, wo sich Hinterausgänge öffnen lassen, welche Formfehler sich zu eigenen Gunsten nutzen lassen etc. Also das, wo das Recht oft genug durch Gerissenheit verbogen wird.
Juriscientia: Rechtswissenschaft
Allgemeines Prinzip des Rechts:
Eine jede Handlung ist recht, die oder nach deren Maxime die Freiheit der Willkür eines jeden mit jedermanns Freiheit nach einem allgemeinen Gesetze zusammen bestehen kann.
Das Recht ist mit der Befugnis zu zwingen verbunden.
Rechtspflichten:
Sei ein rechtlicher Mensch (honeste vive). Die rechtliche Ehrbarkeit besteht darin: im Verhältnis zu anderen seinen Wert als den eines Menschen zu behaupten, welche Pflicht durch den Satz ausgedrückt wird: <Mache dich nicht zum blossen Mittel, sondern sei für sie zugleich Zweck. >
Tue niemandem Unrecht, und solltest du darüber auch aus aller Verbindung mit anderen herausgehen und alle Gesellschaft meiden müssen.
Tritt (wenn du das letztere nicht vermeiden kannst) in eine Gesellschaft mit anderen, in welcher jedem das Seine erhalten werden kann.
Kants Rechtsbegriff steht also nicht für Kadavergehorsam gegenüber staatlichem Gesetz, was man auf Grund der weiteren Entwicklung Preussens so annehmen könnte, sondern immer Mensch zu bleiben, insbesondere andere niemals als Mittel für seine Zwecke einzusetzen, sondern sie ebenfalls primär als Menschen zu sehen und zu behandeln. Wäre diese humanistische Auslegung ernst genommen worden, hätte es weder das 3. Reich gegeben, noch die heutige Zwangsherrschaft des Funktionalismus mit seinem Begriff des "lebenslangen Lernens", der Lernen auf die Vermittlung materiell verwertbarer Kenntnisse reduziert und damit das Denken generell, insbesondere aber das wertorientierte Denken kastriert.
Wie kritisch Kant solchem Kadavergehorsam gegenüberstand, also dem Versuch, ethisch zu handeln ohne von der Richtigkeit, der Vernünftigkeit der Handlung wirklich überzeugt zu sein, drückt folgende typisch kantsche, semi-unverständliche Passage aus:
Das Wesentliche alles sittlichen Werts der Handlungen kommt darauf an, dass das moralische Gesetz unmittelbar den Willen bestimme. Geschieht die Willensbestimmung zwar gemäss dem moralischen Gesetze, aber nur vermittelst eines Gefühls, welcher Art es auch sei, das vorausgesetzt werden muss, damit jenes ein hinreichener Bestimmungsgrund des Willens werde, mithin nicht um des Gesetzes willen; so wird die Handlung zwar Legalität, aber nicht Moralität enthalten. Wenn nun unter Triebfeder der subjektive Bestimmungsgrund verstanden wird, dessen Vernunft nicht, schon vermöge seiner Natur, dem objektiven Gesetze notwendig gemäss ist, so wird erstlich daraus folgen: dass man dem göttlichen Willen gar keine Triebfedern beilegen könne, die Triebfeder des menschlichen Willens aber (und des von jedem erschaffenen vernünftigen Wesen) niemals etwas anderes, als das moralische Gesetz sein könne, mithin der objektive Bestimmungsgrund jederzeit und ganz allein zugleich der subjektiv-hinreichende Bestimmungsgrund der Handlung sein müsse, wenn diese nicht bloss den Buchstaben des Gesetzes, ohne den Geist desselben zu enthalten, erfüllen soll.
Eine Absage erteilt Kant zwar der patriarchalischen Herrschaft, die ihre Bürger wie (unmündige) Kinder behandelt, begründet aber dennoch eine Verantwortung des Staates, was die Unterstützung von Armen betrifft (s. Sozialstaat / Armut). Er plädiert, bereits vor 250 Jahren, für eine Umlaufversicherung (CH: 1. Säule, AHV), nicht eine Kapitalversicherung, wie sie heute, insbesondere in den USA gefordert und gefördert wird. (CH: 2. Säule).
Eine Regierung, die zugleich gesetzgebend wäre, würde despotisch zu nennen sein, im Gegensatz mit der patriotischen, unter welcher aber nicht eine väterliche, als die meisten despotischen unter allen (Bürger als Kinder zu behandeln), sondern vaterländische verstanden wird, wo der Staat selbst seine Untertanen zwar gleichsam als Glieder einer Familie, doch zugleich als Staatsbürger, d.i. nach Gesetzen ihrer eigenen Selbstständigkeit behandelt, jeder sich selbst besitzt und nicht vom absoluten Willen eines anderen neben oder über ihm abhängt.
Hier fragt sich nun: ob die Versorgung der Armen durch laufende Beiträge, so dass jedes Zeitalter die Seinigen erhält, oder durch nach und nach gesammelte Bestände und überhaupt fromme Stiftungen (dergleichen Witwenhäuser, Hospitäler u. dgl. sind), und zwar jenes nicht durch Bettelei, welche mit der Räuberei nahe verwandt ist, sondern durch gesetzliche Auflage ausgerichtet werden soll? - Die erste Anordnung muss für die einzige dem Rechte des Staates angemessene, der sich niemand entziehen kann, der zu leben hat, gehalten werden; weil sie nicht (wie von frommen Stiftungen zu besorgen ist), wenn sie mit der Zahl der Armen anwachsen, das Armsein zum Erwerbmittel für faule Menschen machen und so eine ungerechte Belästigung des Volkes durch die Regierung sein würde.
Er sieht aber bereits damals, dass sich eine solche Absicherung immer zwischen Skylla und Charybdis laviert, der Demotivation zur Arbeit und der nackten Armut, dem Zwang zur Arbeit. Anders als heute sieht er eher die wohltätigen Stiftungen dazu verleitet, aus Erbarmen oder christlicher Wohltätigkeitsdrang zu viel zu spenden, als dass ein übermässiger Druck auf die Armen ausgeübt würde. Heute liegt die Situation um einiges komplexer.
Was die Erhaltung der aus Not oder Scham ausgesetzten oder wohl gar darum ermordeten Kinder betrifft, so hat der Staat ein Recht, das Volk mit der Pflicht zu belasten, diesen obzwar unwillkommenen Zuwachs des Staatsvermögens nicht wissentlich umkommen zu lassen. Ob dieses aber durch Besteuerung der Hagestolzen beiderlei Geschlechts (worunter die vermögenden Ledigen verstanden werden) als solcher, die daran noch zum Teil schuld sind, vermittelst dazu errichteter Findelhäuser, oder auf andere Art mit Recht geschehen könne (ein anderes Mittel, es zu verhüten, möchte es aber schwerlich geben), ist eine Aufgabe, deren Lösung ohne entweder wider das Recht oder die Moralität zu verstossen, bisher noch nicht gelungen ist.
Interessant ist aber auch, dass Kant offenbar nicht primär die Reichen von Steuern befreien, sondern eben das Geld dort holen wollte, wo es eben ist. Dass er sogar diejenigen verstärkt belasten wollte, die auf einem gesellschaftlichen Bereich spezifische Probleme verursachen, hier also diejenigen, die sich die Kosten der Kindererziehung ersparen -obwohl sie ausreichend Geld dafür hätten. Interessantes Konzept, sollte man vielleicht mal wieder aufnehmen ... So liessen sich z.B. auch jene intensiver besteuern, die höhere Gewinne machen, weil sie Personal entlassen, oder eh kaum welches anstellen, oder ausbilden. etcetc.
| Erste Einteilung der Ethik nach dem
Unterschiede der Subjekte und ihrer Gesetze PFLICHTEN |
|||
| des Menschen gegen den Menschen | des Menschen gegen nicht menschliche Wesen | ||
| gegen sich selbst | gegen andere Menschen | untermenschliche Wesen | übermenschliche Wesen |
|
Zweite Einteilungde Ethik nach Prinzipien eines Systems der reinen praktischen Vernunft ETHISCHE |
|||
| Elementarlehre | Methodenlehre | ||
|
Dogmatik |
Kasuistik |
Didaktik |
Asketik |
Kants Ehik befasst sich offensichtlich nicht bloss mit dem Menschen, seiner Pflicht gegenüber sich selbst und gegenüber andern Menschen, auch nicht bloss mit der Pflicht gegenüber göttlichem Gebot, sondern auch mit der Pflicht gegenüber nicht menschlichen Wesen die "unterhalb" des Menschen stehen, also Tieren und Pflanzen.
Die wenngleich nicht vornehmste, doch erste Pflicht des Menschen gegen sich selbst, in der Qualität einer Tierheit, ist die Selbstherhaltung in seiner animalischen Natur.
Die ersteren gehören zur moralischen Gesundheit des Menschen, sowohl als Gegenstandes seiner äusseren als seines inneren Sinnes, zu Erhaltung seiner Natur in ihrer Vollkommenheit (als Rezeptivität); die anderen zur moralischen Wohlhabenheit, welche in dem Besitz eines zu allen Zwecken hinreichenden Vermögens besteht, sofern dieses erwerblich ist, und zur Kultur (als tätiger Vollkommenheit) seiner selbst gehört. - Der erste Grundsatz der Pflicht gegen sich selbst liegt in dem Spruch: Lebe der Natur gemäss, d.i. erhalte dich in der Vollkommenheit deiner Natur; der zweite in dem Satz: Mache dich vollkommener, als die blosse Natur dich schuf.
Die Selbstentleibung ist ein Verbrechen (Mord). Dieses kann nun zwar auch als Uebertretung seiner Pflicht gegen andere Menschen (Eheleute, Eltern gegen Kinder, des Untertanen gegen seine Obrigkeit oder seine Mitbürger, endlich auch gegen Gott, dessen uns anvertrauten Posten in der Welt der Mensch verlässt, ohne davon abgerufen zu sein) betrachtet werden. ... müsste also mit der Todesstrafe geahndet werden .
Was die Liebe betrifft, so übt Kant hier eine äusserst harte Kritik am Christentum ...
Liebe ist eine Sache der Empfindung, nicht des Wollens, und ich kann nicht lieben, weil ich will, noch weniger, weil ich soll; mithin ist die Pflicht zur Liebe ein Unding.
Er versucht dies sogar dichtenderweise:
Anderen Menschen nach unserem Vermögen wohlzutun ist Pflicht,
man mag sie lieben oder nicht,
und diese Pflicht verliert nichts an ihrem Gewicht,
wenn man gleich die traurige Bemerkung machen müsste, dass unsere Gattung, leider! dazu nicht geeignet ist,
dass, wenn man sie näher kennt, sie sonderlich liebenswürdig befunden werden dürfte.
Ob es mehr als eine Philosophie geben könne? ... aber da es doch objektiv betrachtet nur eine menschliche Vernunft geben kann: so kann es auch nicht viele Philosophien geben, d.i. es ist nur ein wahres System derselben aus Prinzipien möglich, so mannigfaltig und oft widerstreitend man auch über einen und denselben Satz philosophiert haben mag. So sagt der Moralist mit Recht: es gibt nur eine Tugend und Lehre derselben, d.i. ein einziges System, das alle Tugendpflichten durch ein Prinzip verbindet; der Chemist: es gibt nur eine Chemie ...
Die Seele erkennt an sich selbst:
1. Die ungedingte Einheit des Verhältnisses
d.i. sich selbst, nicht als inhärierend (innewohnend), sondern subsistierend (selbständig)2. Die unbedingte Einheit der Qualität
s.i. nicht als reales Ganze, sondern einfach3. Die unbedingte Einheit bei der Vielheit in der Zeit
d.i. nicht in verschiedenen Zeiten numerisch verschieden,
sondern als Eines und eben dasselbe Subjekt4. Die Unbedingte Einheit des Daseins im Raume,
d.i. nicht als das Bewusstsein mehrerer Dinge ausser ihr, sondern nur das Dasein ihrer Selbst, andere Dinge aber bloss als ihre Vorstellungen.
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Synthesis der Mannigfaltigkeit |
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Die absolute Vollständigkeit |
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Die absolute Vollständigkeit |
Die absolute Vollständigkeit |
| Die absoltute Vollständigkeit der Abhängigkeit des Daseins des Veränderlichen in der Erscheinung |
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Hier sind wir nun doch etwas weiter. Die Postmoderne hat <das eine System> aufgelöst in mehr oder minder verbundene Teilsysteme. Die Chemie hat sich mit der Physik vermischt, teilweise sogar mit der Mechanik (Nanotechnologie). Darauf, dass es nur ein einziges rationales System der Tugendpflicht gäbe, kann man auch nur kommen, wenn man sich nie mit unterschiedlichen Denkweisen unterschiedlicher Völker und Kulturen auseinander gesetzt hat. Hätte Kant keine Aversion gegen Geschichte gehabt und sich mit China und Indien oder auch den Muslimen abgegeben, hätten seine Schlüsse vermutlich anders gelautet. Er kam aber kaum über Königsberg hinaus.
Diese "Beschränktheit" seines Denksystems erklärt auch seinen "Glauben" daran, dass aus rationalen Maximen Gesetze für alle erwachsen könnten. Moderner formuliert: Kant hatte noch keinen blassen Dunst von Systemen, ihrer Autonomie und sogar der teilweisen Autonomie zur Selbstorganisation der Subsysteme. Eine auf Subsysteme beschränkte Gültigkeit von Teilethiken konnte er sich also kaum vorstellen.
s. Nida-Rümelin: Angewandte Ethik. Die Bereichsethiken und ihre theoretische Fundierung. Kröner 1996. Mit: Geschlechterethik, politischer Ethik, Rechtsethik, Wirtschaftsethik, ökologischer Ethik, Tierethik, Genethik, Medizinethik, Techikethik, Wissensethik, Medienethik, Wissenschaftsethik und der Ethik des Risikos.
Würde heute jeder darauf pochen, dass die Maxime seines Handelns Gesetz sein könne, der Weltuntergang stünde in Kürze bevor, denn der Milliardär besteht darauf, dass alle andern eben so viele Werte anhäufen wie er, der Künstler besteht darauf, dass alle Kunstbetreiben und dafür bezahlt werden, von der Oeffentlichkeit, der Handwerker besteht darauf, dass nur Handwerk wirklich wichtig sei, Denken eigentlich Zeitverschwendung ... also sooo absurd ist das ja gar nicht, es erklärt einfach den Zustand der heutigen Welt in der zwar jeder in einem Teilsystem arbeitet, aber die systemverbindenden Regeln entweder nicht kennt, oder gar nicht kennen will obwohl sie zum Teil banal sind: Der Arbeiter und Angestellte kann nur Geld ausgeben für Produkte, wenn er für die Produktion auch welches erhält. Hier herrscht aber gegenwärtig die gewaltige Illusion, dass sich Geld quasi aus eigener Potenz vermehren könne, als Anlage. (s. Geld bei Kant)
Eine systemisch orientierte Ethik hat erst Nic Harmann in der ersten Hälfte des 20. JH entwickelt. Eine systemische Differenzierung der Ethik, eine System-Ethik ist aber erst noch zu leisten, denn Kant bleibt in der Individualethik stecken. Seine Ansichten über Staatenverein, Völkerstaat, ewigen Friede, das letzte Ziel des Völkerrechts, einen <permanenter Staatenkongress > und das Weltbürgerrecht, sind hingegen derart modern, dass sie noch kaum zur Hälfte verwirklicht wurden.
Seine <Pflicht>, aus innerer Erkenntnis abgeleitet, soll zwar allgemeingültig werden, was aber, gerade in Preussen, bloss dazu geführt hat, dass Pflicht als Staatsreligion eben von demselben gefördert wurde. Kants autoritäre Einstellung war dem natürlich beförderlich, denn auch wenn er jeden aufforderte, selbst zu denken, so meinte er mit "jeden" eigentlich bloss diejenigen, die er als Bürger betrachtete, und auch diese eigentlich bloss als Leser und Anwender eben der hehren Schriften die von Korryphäen wie ihm verfasst wurden.
Kants Welt war, trotz globaler Vernetzung per Schiff, eine kleine, kleinstädtische Welt, in der man die Leute kannte, in der man noch wusste wer wie was wo treibt und wie die Dinge in etwa zusammen hängen. Heute stehen wir hier vor ganz anderen Problemen. Gerade mit dem Internet sind heute Informationen weltweit verfügbar, und so sind wir Verhaltensnormen ausgesetzt, die den unsrigen diametral entgegen gesetzt sein können. Besonders kritisiert werden hier von der sog. "freien" Welt diejenigen Länder, die noch theokratische (oder sonstwie undemokratische Herrschaften aufweisen - ausser sie seien reich und im Besitz von Erdöl. Eben so kritisieren wir Verhaltensweisen, bei denen wir nicht umhin können, als sie grausam und menschenunwürdig zu finden, wie etwa die Klitorisbeschneidung in Ostafrika. Dennoch gibt es auch im Westen selbst kein System der Werte, das allgemein geteilt wird. So darf in den USA jeder Pornographie produzieren, verteilen, verkaufen - während dem hier noch die banalsten "Bildli" die Staatsanwaltschaft oder andere Zensoren auffahren lassen.
Was diese globale Welt brauchte, auch um sich überstaatlich recht und gerecht einrichten zu können, wäre eben eine Ethik des Pluralismus (s. Arnold Gehlen: Moral und Hypermoral), die unterschiedliche Wertsetzungen und/oder Wertgewichtungen zu tolerieren vermag, ohne die Weltkultur unter einem Kommerzbrei der Einheitlichkeit zu ersticken, also ohne entweder allgemeines Chaos zur Weltnorm zu erklären (Postmoderne) - oder imperialistisch die Werte zu verbreiten, die nun eben mehr oder minder zufällig von "den Stärkeren" vertreten werden.
Wir leben auf einer Welt, also sind gewissen Dinge verbunden und beschränkt, setzen uns Grenzen, erfordern verantwortliches Handeln. In andern, die eher den Geist betreffen und zu dessen Entfaltung führen, sind wir freier. Gerade dort also, dem Reich der Ethik, müssten wir uns weit eher entfalten als im Reich der materiellen Vermehrung und Veränderung, da diese das Substrat verbraucht und zerstört. Die Gesellschaft, insbesondere die westliche, hat sich zu lange und bereits zu weit rein materiell entwickelt und den Geist wie den Mitmenschen bloss zum Diener solcher Ziele gemacht.
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Weitere Literatur:
Martin Herzog, Basel, 9.9.08