PHILOSOPHIE

Waldphilosophie

Während Tropenwälder unter enormem Druck stehen und täglich ... ha verschwinden, weil keine verlässlichen Institutionen bestehen, die sich für eine nachhaltige Waldbewirtschaftung einsetzen können, kommen nun umgekehrt seit 20 Jahren in den entwickelten Ländern eben diese Institutionen unter Druck, vor allem Druck wirtschaftlicher Art, oft aber auch Druck auf Grund zunehmender Verknappung der Ressource Boden.

Problem 1 - warum: Fehlende Rentabilität nachhaltiger Waldbewirtschaftung. Wie weit lassen sich Erhaltung und Pflege des Waldes ethisch motivieren?

Shrubland Management in Tribal Islamic Yemen. Social Forestry as Development of a Local and Sustainable (Sylvi-)Culture. An Essay in Practical Philosophy.

Martin Herzog. February 1998

Dieses vom Autor von 1988 bis 1998 am Beispiel Jemen untersuchte Problem wurde damals von den Professoren belächelt und als unakademisch bezeichnet.

In der Zwischenzeit stehen wir in der Schweiz vor eben dem selben Problem: El Ghabat ma fish faide: Wald bringt's nicht. Was keinen Ertrag abwirft, wird entweder links (wie symbolisch) liegen gelassen oder, durch Elimination aufwändiger Regeln, rentabel gemacht, was sofort zum zweiten Problem führt:
 

Problem 2 - wie: Wie wollen wir den Wald? Soll er als Natur erhalten werden? Soll er als produktive Kultur durch naturnahen Waldbau den wichtigsten nachwachsenden Rohstoff liefern? Soll seine Produktivität in Plantagen optimiert werden?

Seitdem Japans Rundholzimport schrumpft, wurde China zum grössten Importeur von Stammholz aus den Tropen. Da aber gleichzeitig Japans Import von Spanplatten zunahm, ist Japan mit 25% immer noch der grösste Importeur von Tropenholz - und, durch zu tiefe Nachfrage, zugleich offenbar der wichtigste Grund für die tiefen Weltmarktpreise.

Nach dem 2. Weltkrieg wurden riesige Weichholzplantagen angelegt. Sie bilden heute 40% der japanischen Wälder und müssen gepflegt werden. Die Nachfrage nach einheimischem Holz ist jedoch gering, so wird die Pflege vernachlässigt. Das Resultat davon sind zu dichte Bestände mit geringem Wachstum, Schädlingsbefall - und, durch die fehlende Bodenbedeckung, zunehmende Erosion. Wiederaufforstungen werden unterlassen und verstärken das Problem.

 Die japanische Holzindustrie wurde durch Billigimporte geschlagen und die einheimische Produktion ging um einen Drittel zurück, die Anzahl der Angestellten nicht um, sondern auf einen Sechstel!  Heute produzieren Japans Wälder 70 Millionen m3 pro Jahr - wovon aber nur 19 Millionen geerntet werden. Japans Wirkung auf die Tropenwälder könnte also massiv reduziert werden - aber leider spricht der Markt eine ganz andere Sprache.

Absurditäten des Holzmarktes:


Japan ist an allem schuld ... es braucht zu viel Holz
Japan ist an allem Schuld ... es braucht zu wenig Holz

Das Beispiel Japan zeigt, dass sogar industrielle Holzplantagen preislich nicht mit Raubbau konkurrieren können, und dieser bestimmt den internationalen Marktpreis für Holz.

Erst eigentlich wenn diese beiden Fragen nach dem warum und wie beantwortet sind, stellt sich die Frage nach dem wer, der Institution und dem für die Ausführenden notwendigen Wissen



Problem 3 - wer: Autoritärer Staat, effiziente Privatwirtschaft oder ?

Der Vergleich von Kanadas Waldwirtschaft, die vorwiegend staatlich ist, mit derjenigen der USA,die vorwiegend  privatwirtschaftlich organisiert ist, zeigt, dass Diskussion um Vorteile der einen oder andern Eigentumsart eigentlich unergiebig sind: Die Urwälder werden in beiden Ländern gleichermassen geplündert, und beide betreiben den selben Typ rücksichtsloser industrieller Waldnutzung.

http://www.brainworker.ch/WAP/profitwald.htm

Unternehmen der öffentlichen Hand:

Die Politik setzt den Rahmen: WELCHEN WALD WOLLEN WIR? Die Wirtschaft liefert das Produkt, kostengünstig.

Es besteht hier aber ein grosses, schwarzes Loch - es sei denn, man sei ein Freund von NPM und dergleichen. Es wäre aber eine echte Rosine, wenn die Waldwirtschaft hier Konzepte entwickeln könnte, bei denen die Öffentlichkeit wirklich für Strategien und Ziele zuständig ist, und die Betriebe die Ausführung optimieren, ohne auf leere Versprechungen all zu einseitiger Wirtschaftstheorien hereinzufallen.

http://www.brainworker.ch/WAP/Liberalismus.htm

Gesinnung ist die sittliche Grundhaltung des Menschen, insofern sie bes. dem Handeln (auch dem Denken) Richtung und Ziel gibt, auch wenn es dem eigenen Nutzen zuwiderlaufen sollte. ... Die moderne Ethik beurteilt einen Menschen nach seiner Gesinnung, nicht nach dem äusseren Erfolg seiner Taten ...
Forst-Organisation

Es braucht eine verantwortliche, verlässliche, lokal gut verankerte Organisation die auch fachlich qualifiziert ist, langfristig Bestand hat und langfristig planen kann. Diese muss nicht unbedingt staatlich sein – darf sich aber nicht alleine nach Profitoptimierung richten, sondern sollte im Konsensverfahren multifaktoriel optimieren.

Das Beispiel Galileo: 8 Thesen für eine zukunftsfähige Waldwirtschaft macht deutlich, dass mit einem an kurzfristigen Erfolgen orientierten Management im Wald mehr zerstört als gewonnen wird. Hierin liegt präzise der Grund, warum die Forstbeamten Beamte sind, denn nur ihnen, nicht den gewinnorientierten Managern noch den sich an Wahlperioden orientierenden Politikern wurde ausreichend Unabhängigkeit zugetraut, langfristige Ziele konsequent zu verfolgen, auch wenn sie kurzfristig Probleme verursachen. Dieses Problem wird durch keine der 8 Thesen gelöst, im Gegenteil. Sämtliche Absichten zeigen gerade für den Wald viele berechtigte Vorbehalte gegenüber der rein wirtschaftlichen Betrachtungsweise des Liberalismus, in seiner alten wie neuen Form. Ein derart langlebiges und komplexes Gebilde wie der Wald bedarf einer verlässlichen Institution, die sich um seine Pflege und Erhaltung kümmert. Waldbewirtschaftung kann nicht aufbauen auf den andauernd schwankenden Moden, auf denen die gegenwärtige Wirtschaft basiert.

Die Werte nach denen sich die Wirtschaft richtet und die sie so akkumuliert, werden durch die Mittel Preis und Geld, die oft genug gerade noch zu Zielen mutieren, zu stark reduziert. Gemeinwohl und eine Gesinnung, die dieses fördern will, werden von der Wirtschaft gar als Schädlich betrachtet, da sie dem hemmungslosen Streben nach Gewinn im Wege stehen. Ohne eine Pflege (Kultur) des Gemeinwohls gibt es aber keine Gesellschaft, denn Gemeinwohl  liegt dort vor, wo keiner von der Nutzung ausgeschlossen werden kann, wo die Leistung sich nicht an Einzelne Verkaufen lässt wie saubere Luft und Wasser, Sicherheit, Volksgesundheit und Hygiene, das kulturelle Niveau der Gesellschaft (Bildung), das öffentliche Verkehrsnetz, die Meinungsvielfalt in den Medien …

Zudem sollte man die Wohltaten des freien Marktes vielleicht nicht nur aus der Perspektive der Gewinner sehen, denn der freie Markt ist gut für die Gewinner, aber schlecht für die Verlierer. Wer hat dem wird gegeben:

Wer Vermögen hat kriegt Zinsen und mehrt sein Vermögen – wer Schulden hat zahlt Zinsen, und mehrt die Schulden. Der freie Markt kennt auch keine Gerechtigkeit, im Gegenteil. Die optimale Verteilung für den Markt ist eine äusserst ungleiche Verteilung, die sogenannte Pareto-Optimalität. Eine Gesellschaft in der 20% der Bevölkerung Alles und 80% Nichts besitzen, ist mit viel weniger Aufwand (Transaktionskosten) zu bewirtschaften, als eine Gesellschaft in der alle einen fairen und nicht all zu ungleich verteilten Anteil haben.

Liberalismus lässt sich dort erfolgreich einsetzen, wo es keine Rolle spielt, wer, was, wo und wie produziert. Diese Bedingungen treffen beim Wald eindeutig nicht zu, denn es gibt keinen Wald ohne Holz, und es gibt kaum Wälder ohne weitere Funktionen, z.B. Schutz. Steile oder anderweitig wenig produktive oder aufwändig zu nutzende Wälder lassen sich deshalb, ganz ähnlich wie die Landwirtschaft, nicht einfach extensivieren.

http://www.brainworker.ch/WAP/Liberalismus_2.htm

Problem 4 - was:

Bildung. Was wissen wir, was sollten wir wissen, um die Probleme der nächsten 10 Jahre zu lösen?

In den Forstwissenschaften akkumulierte wissenschaftliche Disziplinen

Um die Wälder für unsere Zukunft zu erhalten, muss unsere globale Gesellschaft den optimalen Ausgleich zwischen der Erhaltung von Waldsystemen und der Nachfrage nach Holzprodukten finden.

Michigan State University

Forestry is not about trees, it's about people.

Forst-Uni München, s.  http://www.brainworker.ch/WAP/forstcurriculae.htm

Allgemeine natur- und wirtschaftswissenschaftliche Grundlagen:

Naturwissenschaftliche Grundlagen der Forstwissenschaft:

Produktionstechnische Grundlagen der Forstwissenschaft:

Wirtschafts- und sozialwissenschaftliche Grundlagen der Forstwissenschaft:

Wie ein rotes Band zieht sich etwas durch die forstlichen Studiengänge der USA, was auf Grund unseres Vorurteilsbehafteten Wissens wenig erwartet würde: Der Kommunikation sowie den Geistes- und Sozialwissenschaften wird ein viel höheres Gewicht beigemessen als irgendwo in Europa. Trotz späterer, z.T. extremer Spezialisierung, sind die amerikanischen Forstmeister vielleicht doch weniger technokratisch und causal desorientiert als die europäischen, die als Beamte ihr Wissen selten verkaufen mussten, sondern sich zumeist per Dekret äussern durften.

An der Oregon State University z.B. werden im Fach Nachhaltige Forstwirtschaft nebst den oben erwähnten Fächern auch soziale Werte, Politik und Ethik gelehrt. Dies um ein besseres Verständnis zu erhalten für humane Werte und Weltanschauung in Bezug auf Natur und Umwelt - in westlichen und andern Kulturen. Nötig ist dies insbesondere dort (s. Social Forestry) wo  Institutionen neu geschaffen werden müssen. 

Kurse:

s. Forstcurriculae

Problem 5 - Wissenschaft, Philosophie, Technik: Forstwirtschaft ist und war eine multidisziplinär fundierte Bewirtschaftungstechnik. DIE multidisziplinäre Wissenschaft heisst aber eigentlich Philosophie.

Ein Aggregat von Wissenschaften macht aber noch lange keine neue Wissenschaft, insbesondere wenn die Professoren schon persönlich kaum kommunizieren. Zudem laviert die forstliche Forschung, zumal an der ETH, zwischen einer Ausrichtung auf die Praxis und Spitzenforschung. Der Wettstreit der Forscher um die besten Theorienschöpfer dürfte aber an den reellen Problemen eher vorbeigehen. Was die Forstwissenschaft(en?) betrifft, so hätten die drei grundlegenden erkenntnisorientierten Tätigkeiten die hier zusammenkommen, Natur-, Sozial- und Geisteswissenschaften, eigentlich schon lange zu einem neuen Modell einer poietischen Wissenschaft führen können sollen müssen:

Definition Wissenschaft:

Wissenschaften sind Systeme von Aussagen, Theorien, Fakten, Methoden und Experimenten - eine Begründungspraxis mit meist festgelegter Methode zur Entwicklung überprüfbarer rationaler Argumente.

System der Wissenschaften: Was heisst wissenschaftlich? &

Wie steht der Ingenieur zu den Wissenschaften?

 

Definition Philosophie [gr. philo-sophia: Liebe zur Weisheit]:

Philosophie sucht nach dem Verständnis des Ganzen, nach Sinn und Weisheit, nicht nach Fortschritt oder Wahrheit in Details. Grundsatz der Philosophie ist, dass nichts was für gemeinsame Orientierungsbemühungen von Bedeutung ist, sich der philosophischen Such nach Begründungen und Kritik entziehen kann und soll.

Die letzte Frage: Wozu Waldphilosophie? wäre hiermit bereits also beantwortet.

Bei fehlender Uebersicht, beim Zusammenspiel mehrerer Disziplinen, kommt, ob man nun will oder nicht, die Philosophie ins Spiel, denn sie ist eben so Vorwissenschaft wie überdisziplinäre Suche nach Wahrheit.

 

In den Naturwissenschaften ist es das Erkennen, in den Geisteswissenschaften das Verstehen. Geisteswissenschaften erzeugen in der Regel kein Produktionswissen, sondern Reflexionswissen, kein 'Verfügungswissen', sondern Orientierungswissen. Sie stellen damit eine Wissensform bereit, die im Prozess gesellschaftlicher Modernisierung stetig an Bedeutung gewonnen hat. Moderne Gesellschaften können verbindliche Normen nicht mehr auf der Autorität altehrwürdiger Traditionen und Institutionen gründen, sondern müssen sie selber und ständig neu erzeugen, im Dialog widerstreitender Interessen. Dies ist recht eigentlich eine Aufgabe der dialogorientierten Philosophie und nicht der theorieorientierten wissenschaftlichen Forschung.

Geschichte der Forstwirtschaft: Vom Wald zum Forst und zurück zum Wald

Die frühesten schriftlichen Notizen zur Forstwirtschaft, wie zu so manchen Gebieten menschlicher Tätigkeiten, finden wir im alten Irak, in Mesopotamien. Im Gilgamesch Epos wird die Tötung des Hüters der Natur und die Domestizierung von Wald und Bäumen beschrieben. Bereits damals anerkennt dieses Epos auch, dass Leben einen Wert hat , auch nichtmenschliches Leben, das Leben eines Ungeheuers. des Chuwawa. Unübertroffen ist die zudem die Anwort auf die Suche nach dem ewigen Leben, dem heute noch viele nachrennen: Das Leben ist Wachstum und Veränderung. Einem ewigen Leben würden die wichtigsten Aspekte fehlen, die das Leben eigentlich erst spannend und lebenswert machen.

Aus ökologischer Sicht würden wir heute die Heldentat als etwas hirnspinstig qualifizieren müssen: Zypressen von den kühlen Hängen des Libanon in die subtropische, vor Hitze dampfende Tiefebene des südlichen Mesopotamien, verpflanzen zu wollen. Allerdings könnte man darin auch den ersten Ansatz zu recht modernen Konzepten wie der Town Forestry und Amenity Forestry sehen. Auch die ersten Förster (lu tir me) finden sich in Mesopotamien. Sie waren zuständig für Inventarlisten der Bäume des Herrschers. Sie waren also im Forst, nicht im Wald tätig. Diese Listen führten die aus den aufgeführten Bäumen und Ästen herstellbaren Werkzeuge auf, was einem recht hoch entwickelten Supply-Chain- Management entspricht: Vom Baum direkt zum Werkzeugmacher.

Agro-Forestry, Zugpferd internationaler Forstaktivitäten, wurde im Nahen und Mittleren Osten eigentlich bereits über die letzten 4000 Jahre betrieben.

In Europa blieb der Wald bis zur Christianisierung und dem Niedergang der Kelten und Germanen, gefährliche Wildniss, ein Hort von Geistern und Göttern. Die wichtigste Waldfunktion war damals dieselbe die der Wald heute in vielen Entwicklungsländern hat, er war Landreserve, sein Wert lag vor allem in seinem Potential zur Umwandlung in Landwirtschaft. Allerdings wurden bereits im Mittelalter einzelne Wälder die Schutz boten selbst unter Schutz gestellt.

Im 18-19 JH wurden unsere Wälder durch Bau- und Brennholz- sowie Streuenutzung und sogar der Verwertung der Blätter für Futterzwecke, derart übernutzt, dass sich Katastrophen durch Lawinen und Ueberschwemmungen mehrten. Die Ressource Wald und Holz wurde knapp und damit zu einem Objekt von Wirtschaft und Verwaltung. Der gesamte Wald wurde zu Forst, seine Nutzung gesetzlich geregelt, durch Strassen erleichtert, durch Ausbildung der Verwalter und Arbeitskräfte professionalisiert.

Am Ende des 2. Jahrtausends, zu Beginn des 3. stehen wir nun vor einem andern Problem: Es wird zu wenig Holz genutzt. Die Erträge aus der Waldbewirtschaftung decken kaum mehr die Kosten für die Holzernte, geschweige denn Investitionen für Aufforstungen und Waldpflege. Die ökonomische Antwort darauf heisst: extensivieren, was wirtschaftlich nichts bringt, ist offenbar überflüssig, also soll die Bewirtschaftung der Wälder unterlassen werden.

Diese Umkehr von Forst zu Wald findet breite Unterstützung in Kreisen des Naturschutzes, die dabei allerdings meist übersehen, dass Holz der wichtigste natürlich produzierte Rohstoff und Energieträger ist. Ein Verzicht auf Holznutzung bedeutet eine Verlagerung auf andere Rohstoffe wie Erdöl, die in keinster Weise nachhaltig genutzt werden, da sie nicht nachwachsen. Diese Rückkehr vom Forst zum Wald bedeutet aber auch eine Befreiung des Forstes aus herrschaftlichem Besitz, wobei nun zu hoffen steht, dass er nicht als privatwirtschaftliches Gut in den Handel und unter Verwertungszwang kommt.

Martin Herzog, Dipl. Ing. ETH, Webmaster, Rheinfelden 10.9.03

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