Der Geist, seine Elemente und Inhalte: Idee (griech. idea, lat./ital./engl. idea, frz. idée) bezeichnet
die sichtbare äußere Gestalt einer Person oder Sache, die freilich auch täuschender Schein sein kann. Es bedeutet dann allgemein die Beschaffenheit, die Eigenschaften von Dingen.
DEMOKRIT (460-371): Die Urbestandteile des Weltganzen, voneinander unterschieden nur durch Gestalt, Ordnung und Lage, scheint er nach den erhaltenen Berichten und Fragmenten «nicht weiter teilbare Formen» (atomoys ideas)
Die Idee wäre also das Atom des Denkens, das einfachste Element, mit dem Denken arbeiten kann - und muss. s. Definitionen, Formen und Strukturen des Denkens
Platon (428/27-348/47, der Schöpfer der Ideenlehre, redet im Phaidon von Ideen als der «wesenhaften Wirklichkeit selbst, die wir als das eigentliche Sein erklären», von «dem Gleichen selbst, dem Schönen selbst, einem jeglichen, was ist, selbst», vom «eingestaltig Seienden selbst für sich selbst», vom «Wesen selbst»
In dieser Urform platonischer Idee liegt also das, was die heutige Wissenschaft seit über 100 Jahren nicht mehr liefern kann, die Anthroposophie aber zu liefern verspricht, noch drin: Die Erkenntnis des Wesens.
Also eigentlich wurde Platons Ideenlehre erst von Cicero in der heute bekannten Form, und unter dem Titel, gelehrt. Bei Cicero war the Idee auch eine Irinnerung, Erinnerung an die Urform, also das Wesen: Erst das Denken des Grundes – also «Wiedererinnerung» an das einst geschaute eigentliche Wesen anläßlich der Sinneswahrnehmung – macht die Meinung zu Wissen. Ob diese «Wiedererinnerungslehre»
Aristoteles (384-322): Weiterführer der platonischen Ideen-Philosophie wird Aristoteles durch seine Lehre vom Eidos, (öfters auch morph; lat. forma) also der Form. In der Widersprüchlichkeit der Form-Idee, zwischen äusserem An-Schein und innerer Gestalt-Kraft hat allerdings heute die Äusserlichkeiten gesiegt (s. Aesthetik als Gesetz der Form). Der Formbegriff hat heute kaum noch je den Gehalt, den er hier, als Ganzheitlichkeit, als Gestalt, hatte. Angefangen hat dies allerdings bereits bei den, kaum der Oberflächlichkeit verdächtigen Stoikern, welche die Idee auf den Gedanken reduzierten: Durch die Stoiker aber wird die subjektive Bedeutung des Wortes Idee, als Bewußtseinsinhalt, ermöglicht und angebahnt, die dann vom Spätmittelalter an immer mehr vordringt und in der Gegenwart im außerphilosophischen Gebrauch nahezu einzig gewußt und gemeint ist.
Platon in Parmenides: Die Gottheit «umfaßt in sich all die Vernunftkeime, denen gemäß mit schicksalhafter Notwendigkeit ein jedes geschieht»& «Die Materie hat in sich die Vernunftkeime der Gottheit aufgenommen, damit das Ganze sinnvoll geordnet ist»
Bereits hier sind die Vernunfkeime göttlichen Ursprungs, eine Idee, die in den folgenden 2200 Jahren noch ausgebaut wird!
PHILON VON ALEXANDRIEN (15/10 BC - 40 AD). Sein Anliegen ist die Betonung der Transzendenz Gottes, die ihm durch die anthropomorphen Aussagen über Gott in den jüdischen Heiligen Schriften gefährdet scheint.
Der Logos ist die Gesamtheit der Ideen und als solcher Vorbild der ganzen Schöpfung, selbst aber erstes Abbild Gottes.
Der Logos ist also das Denken Gottes und das, was er denkt, der Ideen-Kosmos;
Die Ideen sind für Augustinus (354-430), ganz im Sinne Platons, eigentlicher Gegenstand des Wissens: ohne Erkenntnis dessen, was Platon Ideen (ideas) nennt, könne niemand ein wirklich Wissender (sapiens) sein: «Sie sind gewisse urgründliche Formen, beständige und unwandelbare Gründe der Dinge, die selbst nicht anderswoher geformt sind ... sie sind ewig ... sie entstehen nicht und vergehen nicht» Sie sind von Ewigkeit her von Gott erkannt (vere sunt intellectae a Deo ab aeterno.
> Diese Art von Erwägungen, ob Ideen ein Fakt sind oder bloss ephemere Schaltung des Gehirns, also Gedanke, mag uns überflüssig erscheinen. Die Wirkung von Ideen als Ideologie zeigt jedoch, dass Ideen eben doch nicht ganz so ephemer sind, zumal einige davon - und dummerweise nicht immer die besten.
Von dieser Idee, dass Ideen wirklich da sind, erfasst, ergriffen, gefunden werden können, hat uns zwar der Nominalismus befreit (s. Ockham). In gewissen Denkbranchen, vor allem der Esoterik, ist die Verwechslung von Symbol, Wort, Idee mit dem real dahinter Stehenden aber die eigentliche Grundlage ihres Tuns und Glaubens.
Positiver genutzt wurde diese Idee von der der Metaphysik entsprechenden Erkenntnislehre, wonach der Mensch von der geistigen Welt sicheres Wissen erwerben, von der sinnenfälligen nur Meinungen bilden kann. Calcidius (4./5. JH) gibt jedoch an nur einer Stelle idea mit idea wieder; er bevorzugt stattdessen species oder archetypus.
Eriugena (9. JH) meint zu den Ideen: Einfach und nicht zusammengesetzt sind sie die der Schöpfung vorausliegende göttliche Präfiguration der Sinngehalte aller zu schaffenden Dinge - Sie sind «die grundlegendsten Prinzipien der gesamten geschaffenen Wirklichkeit»
Bonaventura (1221-1274): Jede Erkenntnis, die den Anspruch auf Sicherheit erhebt, setzt auf Seiten des Erkenntnisobjekts Unwandelbarkeit (immutabilitas), auf Seiten des Subjekts Irrtumslosigkeit (infallibilitas) voraus.
Nun kommt den Dingen Sein in dreifachem Sinne zu: im erkennenden Geist (in mente), in ihrer eigenen Gattung (in proprio genere) und in der ewigen Kunst (in arte aeterna).
Bei THOMAS VON AQUIN (1225-74) erfüllt die Idee die oben dargestellte Funktion der Theorie als Erkenntnisgrundlage: «principium cognoscitivum» oder «principium cognitionis».
Heinrich von Gent (1240-93): Heinrich betont, daß die in Gott enthaltene Fülle der Formen als Muster der geschaffenen Dinge (exemplaria omnium rerum) dasjenige sei, was Platon Ideen genannt habe.
WILHELM VON OCKHAM (1285-1347): Die Idee ist das, was erkannt wird. Nach ihm besitzt die Idee zudem keinerlei sachliche Washeit (quid rei), sondern nur ein Namensein (quid nominis). Der Ausdruck Idee bezeichnet nicht etwas irgendwie Unterscheidbares; er besagt vielmehr, daß etwas erkannt ist. Weil aber das Erkanntsein kein eigener Seinszustand ist, bezeichnet der Ausdruck Idee auch keine irgendwie unterschiedene Sachhaltigkeit.
Im Gegensatz zur augustinisch-platonischen Tradition spricht Ockham den Ideen im Geiste Gottes nun eine eigene Realität ab. Ockham ist also bereits im 14. JH weiter als 500 Jahre später die Okkultisten und Theosophen, die immer noch Teile vom Geist Gottes in sich selbst oder der Natur finden wollen.
Descartes (1596-1660) stellte dann auch fest, dass solch ewige Ideen, die Gott konstitutieren, zu gewissen Problemen führen. Er postuliert darum bei Gott eine Einheit von Wollen und Tun, ohne vorhergehende Planung durch Ideen: dann kann man Gott nicht mehr wie einen Welt-Architekten denken, der zunächst die zu schaffende Welt denkt und plant, um sie danach in einem folgenden Akt zu verwirklichen.
DESCARTES benutzt den Begriff Ideen mehrfach im Sinne von cogitatio bzw. pensée, d.h. im weitesten Sinne von Vorstellung, also eigentlich synonym zum Gedanken.
HOBBES (1588-1679) fasst idea gleichermaßen wie phantasma als Erinnerungsvorstellung auf: Ideen werden als «figurae [auch: species] in phantasia depictae» bestimmt, d.h. als durchaus materielle Eindrücke oder vielmehr Abdrücke.
> Bezug zu äusserst aktuellen Problemen der sog. "Wissensgesellschaft": Der von Descartes mehrfach apostrophierte, jedoch nie systematisch geklärte Doppelaspekt der Idee – einerseits aktuales Bewußtseinsereignis, andererseits wiederholbarer Inhalt, immanentes Objekt mit Repräsentationscharakter – wird Ausgangspunkt eines die Philosophie der zweiten Hälfte des 17. Jh. bewegenden Disputs. Festzuzuhalten wäre hier (wenn die Idee heute überhaupt noch eine Rolle spielen würde ...), dass sie nicht nur die Funktion eines zu prüfenden Denkmodells - sondern gleichzeitig die Funktion eines didaktischen Lernmodells/Erinnerungsmodells zu erfüllen hat. Genau an diesem Zwiespalt zerbricht ihre Wertschätzung genau so wie später die von Theorie, Wissen, Wissenschaft und Philosophie am Postulat des "gesunden Menschenverstandes": Was nicht sicher, verlässlich, dauerhaft ist, kann kein Wissen sein. Was kein Wissen ist, ist der Mühe nicht wert, gelernt zu werden. (Zitat meiner selbst, im Zweifelsfalle jeweils mit mh markiert). In einer Zeit in der sich Wissen alle 2 Jahre verdoppelt, hilft "lebenslanges Lernen" nicht mehr wirklich aus der Bredouille. Wissen kann nur noch sehr selektiv erworben und verarbeitet werden.
REIMARUS (1694-1768) hebt die Idee als «Begriff» oder «Denkbild» gegenüber der «bloßen Vorstellung» ab.
Kant (1724-1804): Das in dem «Grundsatz der Vernunft» beschlossene Einheitsprinzip kommt in dem Postulat dreier Arten von vollendeter Reihenbildung oder Klassen «transzendentaler Ideen» zum Ausdruck:
Gerade die Idee, oder auch der Gedanke, mit dem absoluten Gebot der Vollständigkeit und Einheit, beweist, dass nur das Individuum denken kann. Gruppen denken nicht, sie regen allenfalls zum Denken an, durch Diskussion unterschiedlich Denkender.
Kant's "Einheitsprinzip" würden wir heute vielleicht "System" nennen, Komplex, Gestalt, Form - können es allerdings kaum mehr anwenden auf den 3. Punkt, die absolute Einheit der Bedingungen aller Gegenstände des Denkens überhaupt - denn diese Gegenstände schwirren heute wirr und unkoordiniert in disziplinär wie undiszipliniert zersplitterten Denkräumen umher. Gerade deshalb haben Romantik Okkultismus, New Age und ähnliche Erscheinungen, auch in der Form von Psychologen, Psychoanalytiker und Psychiatern, nimmer wieder versucht, dem Menschen zumindest das Gefühl zurückzugeben, er sei ein Ganzes. s. Identität
Als letztes Regulativ wissenschaftlicher Hypothesenbildung wird die «Idee der gegenseitigen rationalen Kontrolle durch kritische Diskussion» angenommen. Für die kritische empirische Wissenschaftsphilosophie gilt, «daß weder Tatsachen noch abstrakte Vorstellungen zur endgültigen Legitimation von Ideen» als dem Ausdruck intuierter regulativ-heuristischer Komplexe hinreichen. Die Ideen sind «Schein», doch auf der Basis von «Nützlichkeit» regulativ-ideale Fiktionen.
Gerade etwa Kants Gottes-Idee in ihrem Zusammenhang mit dem «Ideal des höchsten Guts» versteht Vaihinger, in Aufnahme des kantischen Terminus der «bloßen Idee.», als «die oberste aller Fiktionen». Fiktion war damals allerdings nicht despektierlich gemeint, denn gerade die Ausarbeitung der "fiktiven" Ideen «Seele, Welt, Gott» in der Kritik der reinen Vernunft steht unter dem leitenden Gesichtspunkt der «höchsten Zwecke unseres Daseins»
Doch darf Kants Lehre von der regulativen Idee, zumal in seiner Moral- und Religionsphilosophie, nicht auf den fiktionalistischen Gesichtspunkt der bloß «praktischen Brauchbarkeit» eingeschränkt werden. So ist bei PEIRCE (1839-1914) als dem wichtigsten, zudem von Kant direkt beeinflußten Vertreter des Pragmatismus die final-normativ bestimmte Gesetzmäßigkeit der regulativen Idealprinzipien entscheidend für die Logik der Hypothesenbildung im Rahmen seines fallibilistischen Realismus.
Dieser, für die meisten vermutlich einigermassen unverständliche Satz weist darauf hin, dass über die Idee eben auch finale und normative (Rechtssetzung z.B.) Bereiche Sache der Wissenschaft sein können, wenn diese auch nicht kausal-naturwissenschaftlich bewiesen werden können, so lassen sie sich doch widerlegen, falls sie völlig daneben sind - und müssen eh dauernd auf ihre Folgen überprüft werden. Das Konzept der Technikfolgenabschätzung zeigt übrigens, dass auch im naturwissenschaftlichen Bereich die Folgen oft ganz anderer Art sind als berechnet und erwartet. Es besteht hier also kein Grund für Überheblicheren gegenüber den Geistes- und Sozialwissenschaften.
Eine eigentümliche Möglichkeit, mittels der Ideen eine «Verknüpfung der Gesetzgebungen des Verstandes und der Vernunft» vorzustellen, bieten nach Kant die Phänomene des Schönen und Erhabenen. Die «ästhetische Idee», Indiz der prinzipiellen Übereinstimmung der Erkenntnisvermögen in ihrem freien Spiel, ist «inexponible Vorstellung der Einbildungskraft»
In der Auseinandersetzung mit Kant und dem zeitgenössischen mystischen Platonismus, der, die platonisch-ästhetische Moralphilosophie Hemsterhuis', Shaftesburys und Hutchesons aufnehmend, im Gefühl das Organ des Übersinnlichen sieht, artikuliert JACOBI (1743-1819) seine Lehre von den «Idee des Wahren, Schönen und Guten».
«Die Vorstellungen des im Gefühl allein Gewiesenen nennen wir Ideen». Durch die bewußtseinstheoretische Lokalisierung der «Ideen» als «objektiver» oder «reiner Gefühle» versucht Jacobi das kritische Ideen-Verständnis zu bewahren; dies gerät aber, aufgrund der Tatsache der Einordnung des Bewußtseins in die teleologische Harmonie des göttlichen Kosmos, zu einer platonisch-ontologischen Tendenz in Kontrast.
Mit dem Ausgangspunkt «Vom Ich als Prinzip der Philosophie» setzt SCHELLING (1775-1854) Fichtes Reflexionsphilosophie fort,
Im genialen Produkt der Kunst kommt «die Idee als absolute Einbildung des Unendlichen in das Endliche selbst» zur Erscheinung. Im Genie wird «die Idee als Idee objektiv», insofern Gott «sich durch eine Idee oder einen ewigen Begriff auf den Menschen bezieht».
Idee als unmittelbarer Wirkung des Absoluten bleibt auch in der Spätphilosophie erhalten. Seinen «explikativen Theismus» konzipiert Schelling, in der Auseinandersetzung mit Hegels pantheistischem Gottesbegriff, jetzt aber als ein System der Freiheit: «Gott gibt die Ideen, die in ihm ohne selbständiges Leben waren, dahin in die Selbstheit ..., damit sie ... als unabhängig existirende wieder in ihm seyen»
In Wechselwirkung mit der spiritualistischen Naturmetaphysik Schellings existiert eine vielgestaltige platonisch-mystisch orientierte, teils christliche, teils pantheistische Naturphilosophie, die in der Idee den Manifestationsgrund der Verkörperung des göttlichen Geistes im Kosmos erblickt.
«Die Naturphilosophie, insofern sie die Genesis der Welt darstellt, stellt auch die Genesis der Gedanken Gottes dar ...; die Naturphilosophie ist daher in ihren höchsten Principien Theosophie»
Wir haben also bei Schelling einen Rückschritt in Mittelalterliches Denken vor dem 14. Jahrhundert, in dem Gott wieder zuständig wurde für die Verfassung und Plazierung von Ideen, die "das Göttliche im Menschen" direkt, intuitiv zu ergreifen vermag. s. Diskussion zur Anthroposophie
Die <organologische «Wesenlehre> (organologisch als Logik der Organischen Organisation, der Morphologie, nicht als Orgelkunde, wie der Begriff heute gebraucht wird) KRAUSES (1781-1832) versucht ebenfalls eine Ganzheit wieder herzustellen, kommt aber ebenfalls nicht ohne Gott aus:: «Die Welt der Idee ist eine selbständige, ewige und freie Wiederholung des ganzen Weltbaues innerhalb der Vernunft». Das göttliche «Urwesenbild» ist Ursprung und Ausrichtungspunkt einer in einem «Menschheitsbund» zu erreichenden Harmonie von Natur und Vernunft.
Schönheit ist für Herder (1744-1803) nicht «unterhaltendes Ideen-Spiel», sondern Ausdruck der im Gefühl erfahrenen harmonischen Abgestimmtheit aller Weltwesen.
Nur durch den «dichterischen Geist» in der Kunst kann sich die ungeteilte Menschheit äußern, und zwar im Entwurf von «Ideen», die A. W. SCHLEGEL als «nothwendige und ewig wahre Gedanken und Gefühle, die über das irdische Dasein hinausgehen», umschreibt. «Träumen und Nichtträumen zugleich ... ist die Operation des Genies»; dessen Produkt ist die «Idee», die selbst Utopie und Urbild einer Verbindung von Selbstgesetzgebung der Vernunft und der «Idee des Universums» ist.
Hegel (1772-1829): In Hegels ausgereiftem System ist, wie in Schellings absolutem Idealismus, alle Wirklichkeit als ideelle Manifestation der Selbstentfaltung des Göttlich-Absoluten begriffen. Darum: Das Ziel der Philosophie ist, die Idee «in ihrer wahrhaften Gestalt und Allgemeinheit zu erfassen», und das heißt für Hegel «die Totalität des Begriffs und der Objektivität» Diese Objektivität findet sich vor allem in der Logik, die hier wieder zur Grundlage des Denkens wird: «Die Logik ist die Wissenschaft der reinen Idee, das ist, der Idee im abstrakten Elemente des Denkens.»
J. FR. HERBART (1776-1841) trennt Metaphysik als Wirklichkeits- und Ästhetik als Wertlehre. Die «praktischen Ideen.», wichtigster Gegenstand der Ästhetik, sind absolute Qualitäten. Sie werden in der Allgemeinen praktischen Philosophie als «Musterbilder» der in Werturteilen ausgesprochenen menschlichen Willensverhältnisse analysiert.
Schopenhauer (1788-1860) läßt allein Platos Paradeigma-Begriff zur Bestimmung der ideellen Wesenheit gelten; Hegels spiritualistisch-historische Iden-Konzeption weist er rigoros zurück.
Das Immanenzverhältnis von Idee und Erscheinung, im ästhetischen Repräsentanzphänomen realdialektisch aufweisbar, wird aber, als metaphysisches Erklärungsmodell mit Absolutheitsanspruch auftretend, zum Ansatzpunkt der spätidealistischen und positivistischen Kritik, und zwar in theologischer, naturphilosophischer und anthropologisch-politischer Hinsicht.
Hartmann (1882-1950): Die «verwirklichte Idee» ist Produkt des durch den «Willen» erfolgenden «Übersetzens des Idealen in's Reale». Gegen Schopenhauers Willensmetaphysik setzt v. Hartmann aber eine «durch die Verschmelzung mit dem teleologischen Evolutionismus und durch eine Ethik der werkthätigen Hingabe an die objectiven Zwecke des Weltprocesses» fundierte hypothetische Metaphysik. Dieser spekulative Theismus wurde seltsamerweise (nicht ganz so seltsam, wenn man sich klar macht, dass Mathematik auf wenig Interesse stiesse, liesse sich ihr "Ideal" nicht auf die Naturgesetze anwenden) von vielen zeitgenössischen Mathematikern und Logikern wie Lotze, Bolzano, Trendelenburg mitgetragen.
Die umfassendsten Synthesen einzelwissenschaftlicher Ergebnisse zu einer allgemeinen philosophischen Weltanschauung stellen W. Wundts idealrealistische Metaphysik und H. Spencers Evolutionismus dar.
Positivismus: «Alle unsere Ideen können nur durch die bisher gewonnene Erfahrung entstanden sein und durch die künftige weiter entwickelt werden»
Husserl (1859-1938): Geschichte ist ein Verwirklichungsprozeß ewiger Ideen. Dieser Historizismus wurde am stärksten von Marx und Lenin ausgebaut, und ist, vermutlich verstärkt durch das grandiose Scheitern eben dieser Theorie in der Realität, heute obsolet. s. Historizismus
Die heutige Wissenssoziologie weist dagegen darauf hin, daß für das «ungetrübte ideenhafte Denken» des «früheren» Menschen die «Idee» selbst die unbezweifelbare Realität war, während wir «diese Ideen der Tendenz nach immer mehr als Ideologien und Utopien erleben», d.h. die «Möglichkeit des falschen Bewußtseins» erkennen. Für eine Erforschung der «role of ideas in social action» ist Problem, «daß die Ideen-Geschichte abgeschlossen ist und daß wir im Posthistoire angekommen sind»
Popper: «The power of ideas, and especially of moral and religious ideas, is at least as important as that of physical resources»
F. H. BRADLEY (1846-1924) bekämpft den herrschenden Empirismus in der Erkenntnistheorie: «Since truth and falsehood depend on the relation of our ideas to reality, you can not have judgement proper without ideas. «Signification» und «existence» müssen hinsichtlich der «idea» als Urteilselement streng unterschieden werden.
> Hier wird die Idee ebenfalls - praktisch synonym zur Theorie - als "Denkmodell" verstanden, das es zu überprüfen gilt.
Nur in A. N. WHITEHEADS (1861-1947) Kosmologie wird das metaphysische Ideen-Thema wieder aufgegriffen, und zwar im Kontext der Begriffe eternal object und Platonic form: «Each idea has two sides; namely, it is a shape of value and a shape of fact»
> Hier kommt nun plötzlich, trotz (oder wegen?) Positivismus, der Wertebereich rein in die Idee, was zur Klärung des Unterschiedes zwischen Idee und Theorie beiträgt:
Nach E. HUSSERLS (1859-1938) «Wesensdeskription des Bewußtseins» beruht alle Wahrheit und Erkenntnis auf der Möglichkeit intuitiver Erfassung von allgemeinen Wesen oder Gegenständen. «Ideale Bedeutung», «Sachverhalte», «Einheiten» oder «Urteilsinhalte», als Affirmate oder Negate, werden «in Akten der Ideation erlebt».
Diese «Abstraktion» der «alle einzelnen Abstraktionsakte zur Synthesis bringenden Akte der Identifizierung» ist «die ideierende Abstraktion, in welcher statt des unselbständigen Moments seine Idee, sein Allgemeines ... zum aktuellen Gegebensein kommt». Die «Ideation» zielt auf die intuitive Erfassung des «Wesens» als der Bedeutung eines allgemeinen Namens.
R. INGARDEN (1893-1970) spricht von der Idee eines Kunstwerks als einer «Art Kristallisationszentrum des qualitativen Ganzen»
> von hier müsste meine Kritik an der Anthroposophie nochmals aufgerollt werden: Intuitives Erfasen der Ganzheit - als Kunst-Werk gehört zum Bereich Idee - nicht jedoch Theorie. Das Grundproblem stellt sich hier so langsam heraus: Es ist eine Verwechslung zwischen kreativ-individueller idiographischer (umfassende Analyse und Beschreibung konkreter, also zeitlich und räumlich einzigartiger Gegenstände) und rezeptiv-allgemeingültiger nomothetischer (Gesetzlichkeiten ermittelnder) Forschung.
Eben so die Geschichte. Nicht gesetzmässig, aber wirklich, bringt sie, wenn auch nicht immer ganz friedlich, unterschiedlichste, auch widersprüchlichste Ideen, Fakten, Träume und Tatsachen zusammen zu einem Ganzen als temporärer Koagulation von Ideen.
Jaspers (1883-1969): «Die Idee ist Wahrheit, die ich hervorbringe, indem sie aus einer Welt entgegenkommt»
Im Neuthomismus und Blondelianismus, im Neuidealismus, in der Geschichts- und Sozialphilosophie hält sich die Tradition des Ideen-Denkens bis in die Gegenwart durch;
aufs Ganze gesehen ist jedoch in der gegenwärtigen philosophischen Diskussion, die die «Methode der Ideen» durch eine «Methode der Wörter» zu ersetzen versucht,
Idee als Zentralbegriff philosophischer Argumentation und metaphysischer Spekulation in den Hintergrund getreten.
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Gedanke (griech. nohma, logos; lat. cogitatio, notio, idea; ital. pensiero; frz. pensée; engl. thought)
I. Der auf das Verbum denken (s.d.) verweisende deutsche Ausdruck Gedanke war und ist auch in seinem philosophischen Gebrauch vieldeutig. Bis ins 16. Jh. diente er zur Übersetzung von mens, dianoea und sententia. Gedanke wird freilich im Sinne von Geist oder Seele, wie etwa «anima mea» als «min gedanc» übersetzt werden konnte, nicht mehr gebraucht. Der Gedanke ist heute vielmehr das immanente Resultat des Ideen konzipierenden, begriffsbildenden oder Begriffe zur Aussage verbindenden Denkaktes.
Der Gedanke ist also bildender Bestandteil der Idee, ein Elektron oder Positron, das erst noch seinen Kern finden muss, um den es kreist und mit dem es das Atom des Denkens bildet. Gedanken können zwar andere Gedanken anstossen, sich zu Ideen entwickeln, habe aber kaum je die Sprengkraft und Solidität letzterer. Hierin liegt auch die Schwäche aphoristischer Philosophie. Da umgekehrt allerdings der Aphorismus als "Gedankensplitter" definiert wird, wird das Wort offensichtlich unklar, also häufig ähnlich dem Begriff Idee verwendet.
WITTGENSTEIN: «Das logische Bild der Tatsachen ist der Gedanke.»
B. BOLZANO versteht unter Gedanken die Sätze an sich und die Vorstellungen an sich. Das Fürwahrhalten eines Satzes nennt Bolzano Urteil.
Frege: Vorstellungen sind subjektiv, d.h. sie kommen in der Innenwelt als Sinneseindrücke, Gefühle, Neigungen usw. vor. Eine heutige Redeweise in der Logik gebraucht statt Gedanke das Wort Sachverhalt, wobei wahrer Sachverhalt synonym mit Tatsache verwendet wird. Dieser Sprachgebrauch schließt in gewisser Weise an den Freges an, nach dem eine Tatsache ein «wahrer Gedanke» ist. Für ihn ist ein Gedanke «etwas, von dem gilt: wahr oder falsch, ein Drittes gibt es nicht».
Martin Herzog, Basel, 30.1.10