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Beziehungslehre:

Ich und Du - Wir - die Andern - der Andere

Inspiriert von: Emmanuel Levinas: Totalität und Unendlichkeit. Versuch über die Exteriorität.

  1. Sex, Pornographie, Erotik, Wollust - Hass
  2. Ich: die Freiheit
  3. Du: Verantwortung in Beziehung > Strukturen des DU-WIR
    1. Die Dyade, die Zweierbeziehung
    2. Gefühle - Die Sprache der Gefühle
  4. Die Anderen: Nur Pluralismus erlaubt eine freie Welt
  5. Der Andere: Freiheit durch die Unendlichkeit der Transzendenz
  1. Gesellschaft: Ort der Wahrheit  > Strukturen zwischen DU- und Es-WIR
  2. Es: das Reich der Dinge, des Zeugs > Strukturen des ES-WIR
  3. Bedürfnisse und Begehren
  4. Bedürfnisse und Arbeit
  5. Wohnen (die Bleibe) und Arbeit

Überblick: Beziehungslehre wäre eigentlich Aufgabe und Sachgebiet der Soziologie, die sich aber bisher nur mässig dafür interessiert hat, mit der Ausnahme Leopold von Wieses, den allerdings seine Beziehungslehre nicht lange überlebt hat. Sie wird heute meist betrieben, mit einem deutlichen Uebergewicht der Sozialpsychologie, als Interaktionsforschung: Paarbeziehungen (intimate or close relationship) als Mikrosysteme (personal relationship). Erforscht werden müssen dabei dynamische Prozesse, da sich Beziehungen immer ändern über die Zeit. Der symbolische Interaktionismus zerlegt das Ich in zwei Teile, in I & me, wobei das I das Subjekt bezeichnet, wie es sich selbst möchte, das me hingegen so, wie es von aussen gesehen wird, also in seiner Rolle. Bereits der Forschungsansatz zeigt die Tatsache, dass wir in einer schizophrenen Welt leben, in der Sein und Schein immer weiter auseinander fallen. Das Ich als Rolle, das me, kann nicht als Du angesprochen werden. Das Ich wird ein Es, dargestellt von einem Schauspieler. Die Welt der "Kultivierten" wie der Manager ist also präzise das, was sie scheint, eine präsentierte Welt, eine Scheinwelt des "so tun als ob",  also DIE Welt und DER Zynismus den Sloterdijk in seiner Kritik der zynischen Vernunft * zu recht kritisiert hat. Es ist aber präzise dieser "multiple" Charakter (den man früher schlichtweg einen prinzipienlosen "Charakterlumpen" genannt hätte), der es schwer macht zu verstehen, wer für welche Interessen eintritt und warum er oder sie dies tun. (Muster: s. Debatte Privatwald - Staatswald *)

Die Scheinperson, das Es-Ich, der Schauspieler einer Rolle, der Experte mit Auftrag sind ironische Folgen der Automation. Da Menschen von Natur aus unzuverlässig und ineffizient sind - im Verglich zu Maschinen, versucht man erstere weitgehend durch zweitere zu ersetzen. Da zweitere aber eben automatisch ihre Befehle abarbeiten, keine Befehle ignorieren, überspringen oder verändern können, braucht es dennoch den Menschen zur Kontrolle, den Operateur. Da der nun nicht mehr selbst steuern muss, sondern nur noch darauf wartet, dass was schief geht, verliert er sein Geschick, das ihn zum Experten gemacht hat, wie seine Beziehung zum System und wird, durch Ausübung seines Jobs zum Laien degradiert - statt dass seine Fähigkeiten gesteigert würden.

Als wichtigste Beziehungsebenen wird unterschieden zwischen Interaktion - Organisation - Gesellschaft.

So beginnt auch diese Präsentation mit dem, womit die meisten Beziehungen eben beginnen, der Interaktion und deren stärkstem Motiv, dem Eros, der Liebe. Während der Eros zwei zu Einem machen will (s. Aristophanes' Kugelmensch *), gedeiht die Freiheit allerdings nur, solange das ICH ein ICH bleiben kann, also von andern Ichs sich unterscheidet und Individuum bleibt. Da jedes Individuum zwangsweise ein Ganzes sein muss (sonst landet es zwangsweise in der psychiatrischen Klinik), ist es ein selbst gesteuertes, geschlossenes System - das allerdings mit ausreichend Freiheit ausgestattet sein muss, auf Reize von Aussen reagieren zu können. Diese Möglichkeit ist bei Autisten z.B. rein biochemisch nicht gegeben - und für die meisten anderen auch nicht einfach, da die Sprache der Gefühle wortlos ist, weil sie lange vor der Sprache selbst entstand.

Was für Paare schwierig, ist für die Gesellschaft nicht einfacher. So ist "multikulti" inzwischen fast ein Schimpfwort, obwohl die selben die hier schimpfen, sonst andauernd den Begriff Freiheit im Munde führen. Inmitten Anderer der Selbe bleiben zu können - das ist Freiheit. Aber diese Art von Freiheit heisst eben auch Pluralismus. Pluralismus kennt keine Leitkultur - wohl aber Verantwortung, Toleranz, Respekt - für die Freiheit der Anderen.

Verantwortung hat immer mit andern, also immer mit Gerechtigkeit zu tun. Verantwortung leitet sich ab vom lat. responsibilitas, also von respondere, antworten, und meint insbesondere die Verpflichtung, Antworten auf die von einem Gericht gestellten Fragen zu geben. (Das adjektivisch verwendete Wort <Verantwortlichkeit> bezieht sich auf Handeln und Handelnde). Während dem eine Gesinnungsethik nicht nach den Folgen fragt, sondern rechtes Handeln höher wertet als eventuelle üble Folgen, entscheidet Verantwortungsethik auf Grund des zu erwartenden Resultats, ist also weitaus geeigneter zur zielorientierten Lenkung.

s. Ludger Jansen: Verantwortung

Gerechtigkeit * und Vernunft erhalten ihren Sinn erst eigentlich in der Gesellschaft. Der Einzelne ist sich selbst gerecht - aber das Auftreten eines Anderen fordert Dialog mit den Andern als Du, erfordert Ethik als Infragestellung der eigenen Spontaneität, erfordert Verantwortung.

Der Wirtschaft und oft auch der Politik reicht jedoch der Dialog mit einem Es, mit einem Abstraktum, der Mehrheitserwartung und der Mehrheitsmeinung, kurzum der Masse. Über das Geld wird der Dialog völlig abstrahiert, von menschlichen Bedürfnissen gelöst und die Finanzbürokratie totalitär. Bedürfnisse werden durch den Markt nicht befriedigt, sondern man weckt Begehrlichkeiten, die billig zu befriedigen sind, durch Werbung.

Arbeit, die als Vor-Sorge galt, wird zur grössten Sorge. Obwohl sie einen grossen Teil unseres Lebens ausfüllt, soll sie dauernd zur Disposition stehen, sich dauernd ändern, räumlich wie sachlich. Heimatlosigkeit herrscht. 

Auch das Wohnen, der Ort an dem sich das individuelle Sein konkretisiert, wird nicht bloss flexibilisiert, sondern auch "entfraut", obwohl die Frau für den Mann die erste "Andere" ist, mit der er in Beziehung steht, sie also alles definiert, was für ihn Beziehung sein wird, sie die erste Erweiterung seiner (kleinen eigenen) Welt ist.

 

1. Sex *, Erotik, Wollust sind per Definitionem Intimität - und damit nicht öffentliche, geschlossene Beziehung

Monet: Das Frühstück im Freien
Vallotton: Das Bad an einem Sommerabend
Klimt: Der Kuss
Matisse: Luxe, calme et volupté
Matisse: nu bleue

Dali: Traum
Diego Rivera: Akt mit Lilie

Hans Arp
Rhodin: couple feminin

Wesselmann: Badewanne No 3
Computerspiele für Jugendliche:
Tombraider: Lara Croft
One Piece: Nami

Warum Sex hier zuoberst steht? Weil Sex die Urkraft ist, welche die menschliche Spezies erhält, d.h. bisher erhalten hat (zur Zeit ziemlich im Abbau begriffen. Da hat offenbar wer den Selbstzerstörungsknopf gedrückt). Das ist kein darwinistisch-libertärer Denkansatz, das stimmt sogar für urkonservative Denkmodelle, die ja andauern die Familie im Munde führen, als Kernzelle des Staates. Und warum wird die Familie gegründet? Der Kinder wegen? Na ja, sicher ... drum haben wir ja die Probleme mit der Überalterung. Die Familie entsteht zuallererst durch die Begegnung und Beziehung zweier nicht gleichgeschlechtlicher Personen, die sich füreinander interessieren, öffnen, aufeinander zugehen, und zusammen finden. Levinas' Kritik an dieser Ideologie: Familien bilden Identitäten ausserhalb des Staates, selbst wenn der Staat ihnen einen Rahmen zur Verfügung stellt.

Sex und Eros alleine führen nicht zu einer "sozialen" Beziehung, sondern zu einer geschlossenen, intimen, privaten. Die Kunst zeigt das deutlich (s. rechts). Erotische Szenen sind fast immer Szenen der Intimität, also beim Baden, im Bett - oder, bei älteren Bildern, Szenen des Voyeurismus, oft mit dem alten Spanner hinter dem Busch.

Monets Bild: Das Frühstück im Freien, war der Beginn der Moderne. Am Salon von 1863 erregte es einen Aufruhr ... und machte Manet berühmt - obwohl nackte Frauen schon lange zuvor abgebildet worden waren . Picasso arbeitete am selben Thema 3 Jahre lang - und schloss die Moderne damit ab. Der Unterschied zur vorhergehenden Nacktheit war, dass Manet es wagte, die Realität darzustellen, und nicht Allegorien, Göttersagen, Idealisierungen als Verbrämung zu nutzen, wie etwas Tizian mit seinen Nymphen. Manet malte ein nacktes Modell mit 2 Künstlern - und wies mit dem Frosch (grenouille - als Code für Prostituierte) in der linken unteren Ecke darauf hin, dass Mätressen und Prostitution * im Kreise der wohlhabenden Herren eben üblich waren und nichts mit noblen heroischen Geschichten zu tun hatten.

Gerade die moderne Kunst zeigt, wie tief eingeprägt Sex in der Psyche ist, auf welch minimale Symbolik sich der geschlechtliche Reiz verdichten lässt, und trotzdem erkannt wird. Darin ist seltsamerweise der Mensch dem Tier kaum überlegen. Stiere z.B. werden zwecks künstlicher Befruchtung zum Absamen gebracht, indem man ihnen eine Phantomkuh hinstellt, wozu praktisch ein Holzbogen genügt, den sie prompt bespringen. Beim Menschen reichen zwei Kreise mit einem Punkt in der Mitte und ein Dreieck ...  (Die Figuren von Hans Arp sind im Vergleich dazu schon fast obszön geil). Sex und Eros sind also einerseits zwar Urkräfte, aber sie wirken nur als Bindung in den kleinsten Zellen der Gesellschaft, dem Paar, aus dem die Familie entsteht. Sie sind also höchst privater Natur und nicht öffentlich. Deswegen die vielen Verbote und Hemmungen in diesem Bereich.

Natürlich werden Medien, Massen und Philosophen nicht müde zu betonen, dass Sex eigentlich nicht soooo wichtig sei ... aber die grössten Umsätze machen sie trotzdem damit, die einen als Anbieter, die andern als Konsumenten.

Immerhin hat Freud fast die gesamte Psyche, insbesondere wenn gestört, als Werk sexueller Kräfte aufgefasst, wobei er, bedingt durch die verklemmte Zeit seinerzeit, etwas übertrieb. Aber dennoch, Sex ,als geschlechtliche Anziehung, ist eine Urkraft und gehört gerade deswegen eigentlich nicht hinter verschlossene Türen (also zumindest die Gespräche darüber, meine ich natürlich).

Die menschliche Psyche ist ein selbstorganisierendes System, das immer in einer schwierigen Balance zwischen Offenheit - mit der Gefahr der Fremdsteuerung oder zumindest der Beeinflussung -  und Geschlossenheit steht (s. Autismus)

Die direkte Steuerung eines selbstorganisierenden Systems von aussen ist, per Definitionem und gemäss der Erfahrung, nicht möglich. Selbstorganisierende Systeme können bloss (therapeutisch) angestossen werden. Wie der Prozess der Entwicklung verläuft ist dabei allerdings mit grosser Unsicherheit behaftet, d.h. er verläuft chaotisch. "Ich wollte ihn nur ein bisschen verliebt machen - und der dreht gleich durch!" [s, 1001 Nacht *]  Der Anstoss durch sexuelle Signale bewirkt hormonelle Reaktionen, und die lassen sich nun mal nicht dosiert von aussen steuern, sondern das liegt am Typ, am Charakter, das kann nur dann funktionieren, wenn man seine(n) PartnerIn sehr gut kennt.

Der Dialog über sexuelle Signale ist also einer, der trial & error nutzen und sein Ziel iterativ ansteuern muss. Diese Möglichkeit darf nicht per Gesetz über "sexual harrassment" oder "stalking" * über die Massen begrenzt werden, sonst kann er nicht gelingen. Traditionell und historisch liegen die Grenzen dessen was angebracht ist oder gar erwartet wird recht weit auseinander. Beim "Quicky" kann es sich um Minuten handeln bis der "Dialog" zum gewünschten Ziel führt, bei der mittelalterlichen und literarischen, romantischen Minne wurden meist Jahre dafür eingesetzt, oft das ganze Leben (s. Gabriel Garzia Marquez: Liebe in den Zeiten der Cholera.). Also wenn heute 3 oder 10 Briefe, oder auch 100 als stalking gelten, ist das historisch betrachtet eine äusserst seltsame Entwicklung. Dies um so mehr als Männer sich dann oft, wenn sie mit dem Werben aussetzen, anhören müssen: Du gibst aber schnell auf! Du liebst mich nicht!!

Ein Zeichen, dass es sich nicht um einen sich entwickelnden Dialog handelt, sondern um wirkliches stalking, also stures an die Wand rennen, wäre dort zu sehen, wo die Ansprache des Partners, rhetorische und blumige (oder sonstwie nonverbale. s. emotionale Intelligenz) Strategie und Taktik keinerlei Wechsel, keine Änderung zeigt. Auch der Werber muss versuchen herauszufinden, warum das Gegenüber verschlossen bleibt, wo es sich öffnen könnte. Sprengen darf er es nicht. Die Werbung ist also kein einseitiger Vorgang, sondern ein Lernprozess, der spiralig immer näher ans Ziel kommt (oder abprallt), der Verbindung zweier individueller Ichs zum Du. Dummerweise bleiben viele solcher Prozesse aber eher in einer Schlaufe gegenseitiger Anziehung und Abstossung stecken und drehen sich, oft lebenslänglich, im Kreise. (s. Das Streben nach Glück im Duett - oder Duell: Topos 'absurde Kommunikation').

Das 19. JH. hatte einen stehenden literarischen Ausdruck, der die Annäherung zweier selbstorganisierender komplexer Systeme ausgezeichnet beschreibt: eine Frau erkennen. Damit war nicht gemeint, sie als Person xy an ihrem Gesicht, Kleid oder sonstigen äusserlichen Merkmalen zu erkennen, sondern ihr Wesen zu begreifen. Meist war der Ausdruck aber deutlich doppeldeutig und wies auf die Aufnahme einer sexuellen Beziehung hin. (Man durfte das damals nicht so direkt aussprechen ...)

Dieser Ausdruck zeigt deutlich das Problem. Die Schale, der Panzer um den Ich-Kern muss sich öffnen für andere, will sie erkannt werden. Der/die Andere muss erst eigentlich erkennen wollen. Erkennen ist somit deutlich mehr als an-erkennen, denn anerkennen können wir auch den Fremden, dessen Wesen uns nicht eigentlich interessiert, aber dessen Würde, Existenzrecht etc. wir dennoch anerkennen wollen, sollen, müssen. Auch hier war offenbar ein Gesetz nötig, das Antirassismusgesetz.

Lenz, Karl: Soziologie der Zweierbeziehung. Eine Einführung, Opladen: Westdeutscher, 1998, 25-41. http://www.tu-dresden.de/phfis/fuecker/pb/texte/kap2_lenz2003.pdf

1.1 Erotik und Wollust bei Levinas:

Die Zweideutigkeit macht die Epiphanie des Weiblichen aus. Es ist Gesprächspartner, Mitarbeiter und Chef von überlegener Intelligenz; des dominiert sehr oft die Männer in der männlichen Zivilisation, in die es eingetreten ist; zugleich aber ist es Frau, die als Frau behandelt werden will, gemäss den unwandelbaren Regeln der zivilen Gesellschaft.  Das Antlitz, das ganz Geradheit und Offenheit ist, verbirgt in seiner weiblichen Epiphanie Anspielungen und Hintergedanken. Während es Anspielung ins Leere macht und das Weniger als nichts signalisiert, mokiert es sich heimlich über seinen eigenen Ausdruck, ohne zu einem bestimmten Sein zu führen.

Von daher bezeugt das Eros: Hingerissenwerden über allen Entwurf, über alle Dynamik hinaus, tiefe Indiskretion, Profanation, und nicht Enthüllung dessen, was als Strahlen und als Bedeutung schon existiert. Der Eros geht also über das Antlitz hinaus. ... Die schamlose Erscheinung der erotischen Nacktheit macht das Antlitz schwer, schwer von einem ungeheuren Gewicht im Schatten des Nicht-Sinnes, der sich auf das Antlitz wirft, nicht weil ein anderes Antlitz hinter dem Antlitz auftaucht, sondern weil das Verborgene sich aus seiner Scham losreisst. Das Verborgene! - und nicht ein verborgenes Seiendes oder die Möglichkeit eines Seienden! Das Verborgene, das, was noch nicht ist und dem daher alle Washeit vollständig abgeht!

In der Wollust zieht sich der Andere - das Weibliche - in sein Geheimnis zurück. Die Beziehung mit ihm ist eine Beziehung mit seiner Abwesenheit; Abwesenheit auf der Ebene der Erkenntnis - das Weibliche ist das Unerkannte -; aber Anwesenheit in Wollust.  Die Sexualität ist uns weder Wissen noch Können, sondern die eigentliche Pluralität unserer Existenz..

Das Ich-Du, in dem Buber die Kategorie der zwischenmenschlichen Beziehung sieht, ist nicht die Beziehung mit dem Gesprächspartner, sondern mit der weiblichen Andersheit.

Levinas äussert sich zu der Thematik natürlich ausführlich, über hunderte von Seiten, was hier nicht so kurz zusammengefasst werden kann. Aber hier, in obiger Aussage, liegt ein Kernpunkt seiner Thematik, der individuellen Freiheit die sich durch Beziehung der eigenen Ganzheit (Totalität) mit der Unendlichkeit, der Transzendenz, der Ewigkeit ergeben. Bereits in unserer ersten und wichtigsten Ebene der persönlichen Beziehung, der Beziehung zum andern Geschlecht, begegnen wir einem Fremden, Unbekannten, Unverständlichen, etwas das ausserhalb von uns und ausserhalb unseres Verständnisses liegt - dem wir aber dennoch begegnen können.

Die Wollust nährt sich von ihrem eigenen Hunger, sie nähert sich im Schwindel dem Verborgenen oder dem Weiblichen, dem Nicht-Persönlichen, aber das Persönliche geht darin nicht unter.

Die Beziehung, die in der Wollust, zwischen den Liebenden entsteht, widersetzt sich grundsätzlich der Universalisierung und ist ganz das Gegenteil der sozialen Beziehung. Sie schliesst den Dritten aus, sie bleibt Intimität, Einsamkeit zu zweit, geschlossene Gesellschaft, das Nicht-Oeffentliche schlechthin. Sie isoliert die Verliebten, als seien sie alleine auf der Welt. Einsamkeit, die nicht nur die Welt verneint, die nicht nur die Welt vergisst! Die gemeinsame Aktion des Empfindens und des Empfundenen, die sich in der Wollust vollzieht, isoliert, verschliesst, versiegelt die Gemeinschaft des Paares. Die Ungeselligkeit der Wollust ist positiv die Gemeinschaft des Empfindens und des Empfundenen: Der Andere ist nicht nur der Empfundene, sondern im Empfundenen bestätigt sich der Empfindende, so als sei mir und dem Anderen ein selbes Gefühl der Substanz nach gemeinsam.

Die Empfindung (Gefühle ...) ist auf immer Idee ohne Klarheit und Deutlichkeit, sie gehört dem Bereich des Nützlichen und nicht des Wahren an. Die Kraft auch der kantischen Philosophie des Sinnlichen besteht darin, Sinnlichkeit und Verstand zu trennen. ...

Nichts ist dem Eros ferner als der Besitz. Im Besitz des Anderen besitze ich ihn, soweit er mich besitzt, zugleich Knecht und Herr. Die Wollust würde im Besitz erlöschen. Andererseits verbietet uns der unpersönliche Charakter der Wollust, die Beziehung zwischen den Liebenden als Verhältnis gegenseitiger Ergänzung zu betrachten. Die Wollust zielt daher nicht auf den Anderen, sondern auf seine Wollust, sie ist Wollust der Wollust, Liebe der Liebe des Anderen. Insofern stellt die Liebe nicht einen Sonderfall der Freundschaft dar.

Die Freundschaft richtet sich auf den Anderen, die Liebe sucht, was nicht die Struktur des Seienden hat, sie sucht vielmehr das unendlich Zukünftige, das, was zu zeugen ist. Ich liebe nur dann wirklich, wenn der Andere mich liebt; dies aber nicht darum, weil ich die Anerkennung des Anderen brauche, sondern weil meine Wollust sich an seiner Wollust erfreut. [S. 389]

Das Wesentliche der Zeit besteht darin, ein Drama zu sein, eine Mannigfaltigkeit von Akten, in denen der folgende Akte jeweils den Knoten des vorhergehenden löst.

Die Jugend bringt den Neuanfang in der diskontinuierlichen Zeit, und damit eine Unendlichkeit der Zeit - die nötig ist, damit die Wahrheit gesagt werde.

Die Fruchtbarkeit eröffnet eine unendliche und diskontinuierliche Zeit.

Levinas beschreibt quasi die Schöpfung der Welt - und der Brüderlichkeit, auf der Basis der Vater-Kind-Beziehung als einer Beziehung des Schöpfers zum Geschöpf, das gleichzeitig ein Anderer und doch er selbst ist selbst ist. Auch wenn uns, die wir zumeist ja keine Theologen sind, die Sprache etwas seltsam anmutet, eignet sich gerade dieses Beispiel der Eltern-Kind-Beziehung ausgezeichnet dazu, die Bedeutung der Trennung, der Unterscheidung (Diskriminierung), der Individualisierung deutlich zu machen. Kinder, die sich nicht beizeiten von der Abhängigkeit zu ihren Eltern lösen, die sich also zu lange zu sehr mit dem einen oder andern Elternteil identifizieren, haben, gelinde gesagt, Probleme. Der Oedipus (oder die Elektra, das weibliche Gegenstück) ist nur ein winziger Teil davon - und die alleinerziehende Iokaste vermutlich viel öfter der Auslöser als ein heimkehrender Oedipus.

Die Schöpfung lässt dem Geschöpf eine Spur von Abhängigkeit. ... Das Wesentliche der geschaffenen Existenz liegt in ihrer Trennung vom Unendlichen. Diese Trennung ist nicht bloss Verneinung. ... Das Denken um die Freiheit entstehen für uns aus der Trennung und aus der Rücksicht auf den Anderen - diese These ist das Gegenteil des Spinozismus.

Der Andere bietet sich dar als gelebt durch mich selbst, als Objekt meines Genusses. [Sexualobjekt ... aus eigenem Willen! Das Paar ist sich gegenseitig Objekt und Subjekt.] Das ist der Grund, warum die erotische Liebe, wie wir schon gesagt haben, zwischen dem Jenseits des Begehrens und dem Diesseits des Bedürfnisses hin- und hergeht, warum ihr Genuss sich allen anderen Lüsten und Freuden des Lebens einreiht - und darüber hinaus geht.

Indem Freud die Sexualität zum Gegenstand gemacht hat, wird sie auf das Niveau einer Suche nach Lust erniedrigt, ohne dass man jemals die ontologische Bedeutung der Wollust und die unableitbaren Kategorien, die sie ins Spiel bringt, auch nur ahnt.

Levinas verbindet in seiner Philosophie die Verantwortung gegenüber dem Anderen, also die stoische Haltung *, mit dem Genuss der Welt, also der epikuräischen Einstellung *. Offensichtlich hat er diesen Ansatz von einem der extremsten (was die Betonung des Individuums, nicht in Sachen Gewalttätigkeit betrifft) Anarchisten übernommen, den die Geschichte kennt, von Max Stirner *:

 Das Leiden des Bedürfnisses findet seinen Frieden nicht in der Empfindungslosigkeit, sondern in der Befriedigung. Das Bedürfnis wird geliebt, der Mensch ist glücklich, Bedürfnisse zu haben.

Leben heisst, trotz der Finalität und Spannung des Instinkts, spielen; leben heisst, von etwas leben, ohne dass dieses Etwas den Sinn eines Ziels oder eines ontologischen Mittels hätte, einfaches Spiel oder Genuss des Lebens, Sorglosigkeit im Hinblick auf die Existenz, Sorglosigkeit, die einen positiven Sinn hat. Sie besteht darin, mit vollen Händen die Nahrung der Welt zu ergreifen, die Welt der Reichtümer anzunehmen, ihr elementales Wesen aufzusprengen und zu entfalten.

In ihrer eigentlichen Gnosis ist die Sinnlichkeit Genuss, sie sättigt sich am Gegebenen, sie befriedigt sich. Die sinnliche 'Erkenntnis' braucht nicht den Regress ins Unendliche zu überwinden  ... Sie befindet sich unmittelbar am Ziel, sie vollendet, sie kommt ans Ende, ohne sich auf das Unendliche zu beziehen.

Aus psychologischer Perspektive herrscht bei der Stärke der sexuellen Bedürfnissen bei den Partnern hohe bis mittelhohe Korrelation.

1.2 Hass - Feindschaft - Mobbing - die aktive Ablehnung einer Beziehung

Die höchste Prüfung für die Freiheit ist nicht der Tod, sondern der Schmerz.

Der Hass wünscht nicht immer den Tod des Anderen; oder zumindest wünscht er den Tod des Anderen nur, indem er diesen Tod als einen höchsten Schmerz auferlegt. Wer hasst, sucht Ursache eines Schmerzes zu sein, für den das gehasste Seiende Zeuge sein soll. Leiden machen heisst nicht, den Andern auf den Rang eines Gegenstandes reduzieren, sondern im Gegenteil ihn auf das Aeusserste in seiner Subjektivität erhalten. Das Subjekt muss in seinem Schmerz um seine Verdinglichung wissen, aber gerade dazu muss das Subjekt Subjekt bleiben. Wer hasst, will beides. Daher der unersättliche Charakter des Hasses; er ist gerade dann befriedigt, wenn er es nicht ist; denn der Andere befriedigt den Hass nur, indem er Objekt wird; aber er kann nie genügend Objekt werden, da man, während man seine Vernichtung fordert, gleichzeitig sein Bewusstsein und sein Zeugnis verlangt.

Beziehungen auf de Basis, dass der/die eine gerne dominiert, der/die andere sich gerne fügt, sind natürlich möglich, aber dennoch Quelle dauernder Krisen, also nicht grad so der Idealfall einer Beziehung.

2. Ich, das Individuum, einziger Träger der Freiheit

Der Edle handelt von sich aus. Er achtet die andern, obwohl er darum noch nicht notwendig von den andern geachtet wird. Er liebt die andern, obwohl er darum nicht notwendig von den andern geliebt wird. Andere zu achten und zu lieben steht bei uns selbst. Von andern geliebt und geachtet zu werden steht bei den andern. Der Edle sorgt unter allen Umständen für das, was bei ihm steht, nicht für das, was bei andern steht. Wer auf sich selbst beruht, trifft immer das Rechte.

Chinesische Weisheiten: Frühling und Herbst des Lü Bu We

Freiheit ist eine Grundbedingung des Lebens, ja bereits der schieren Existenz. Ohne Freiheit wäre die dauernd nötige Anpassung an sich verändernde Umgebungsbedingungen nicht möglich und das Leben wäre am Ende:

Die Freiheit rechtfertigt sich nicht durch die Freiheit.

Das Irrationale an der Freiheit liegt nicht in der unabhängigen Herrschaft, sondern in der Willkür.

Obwohl die Willkür  nicht negativ zu beurteilen ist, sondern substantieller Teil der Freiheit ist, die sich auch als Freiheit zur Willkür (= durch den Willen bestimmten Wahl [= Kür]) definieren liesse ist, begründet sich dadurch unvermeidlicherweise eine "Urschuld", für die der Mensch zu bezahlen hat, indem er Verantwortung für seine freie Wahl /Will-Kür) übernimmt - obwohl ihm eigentlich eh nie eine andere Wahl bleibt, als "frei" zu wählen:

Die Freiheit entsteht aus dem Gehorsam gegenüber dem Sein: Nicht der Mensch hat die Freiheit, sondern die Freiheit hat den Menschen.

Die Freiheit des Ich ist weder Willkür eines isolierten Seienden noch die Übereinstimmung eines isolierten Seienden mit einem Gesetz, das, vernünftig und universal, sich allen aufnötigt.

Die Freiheit hat nichts zu tun mit de launischen Spontaneität des liberum arbitrium. Ihr letzter Sinn liegt in dieser Permanenz im Selben; selbst die Permanenz im Selben ist Vernunft. Die Erkenntnis ist die Entfaltung dieser Identität. Sie ist Freiheit. Die Vernunft ist letzten Endes die Erscheinungsform einer Freiheit, die das Andere neutralisiert und einnimmt; dies kann nicht mehr überraschen, seit es heisst, die souveräne Vernunft kenne nur sich selbst, sie sei durch nichts begrenzt.

Die Identität des Individuums besteht nicht darin, sich mit sich gleich zu sein und sich von Aussen vom Zeigefinger, der es bezeichnet, identifizieren zu lassen, sondern das Selbe zu sein, es selbst zu sein, sich von Innen zu identifizieren.

Der wichtigste Unterschied im Denken zwischen Maschinen und Menschen ist der, dass Maschinen absolut gehorsam ihr Programm abarbeiten müssen, während dem es dem Menschen frei steht, auch angeordnete Handlungen zu unterlassen. Des weitern hat der Mensch die Möglichkeit der Improvisation. Er kann gewissen Anordnungen auch anders interpretieren oder ganz verändern.

Hier beantwortet sich die Frage von selbst, warum das Kapital lieber Maschinen als Arbeitskräfte einsetzt, sogar wenn zweitere günstiger wären.

Das Individuum als "einzuordnender Charakter" ist also nur ein Anliegen der Händler und Personalbüros, die ihre Klientel einschätzen müssen. Das Individuum als Ganzheit, als Totalität, als handlungsfähige Entität die sich selbst (autark) bestimmt/organisiert, ist jedoch unabdingbare Grundlage für das Du und damit für die Gesellschaft. Die Erwartungen der meisten Menschen ah ihre Gegenüber sind da recht seltsam und zeugen von einer deutlichen geistigen Beschränktheit. Meist wird vom Gegenüber erwartet, dass es zustimmt, nicht widerspricht, sich überzeugen und führen lässt - also nicht seine Identität an die erste Stelle setzt sondern den "Auftrag" von Aussen, von Schule, Kirche, Betrieb, Politik, Lebenspartner etc. Wäre aber das ICH derart formbar und wandelbar, wäre es also charakterlos, so wäre es absolut unzuverlässig, denn es würde von jedem neuen "Aussen" wieder neu definiert. Es sind also gerade Verantwortung und Verlässlichkeit die ein ausgewachsenes Ich erfordern, also ein Ich das sich verlässlich aus sich selbst definiert und nicht auf Vorgaben von Aussen - ein autarkes und authentisches ICH. Dieses Ich muss also, man möge das schätzen oder nicht, auch nein sagen dürfen wo ein Ja erwartet wird - oder umgekehrt.

Die Beziehung mit dem Sein, die sich als Ontologie abspielt, besteht darin, das Seiende zu neutralisieren, um es zu verstehen oder zu erfassen. Sie ist daher keine Beziehung zum Anderen als einem solchen, sondern die Reduktion des Andern auf das Selbe. Dies ist die Definition der Freiheit: sich trotz aller Beziehungen mit dem Anderen gegen das Andere halten, die Autarkie eines Ichs sichern. Die Thematisierung und die Konzeptionalisierung, die im übrigen untrennbar sind, bedeuten keinen Frieden mit dem Anderen, sondern Unterdrückung oder Besitz des Anderen. ... Ich 'denke' läuft auf 'ich kann' hinaus - eine Aneignung dessen, was ist, auf eine Ausbeutung der Wirklichkeit. Die Ontologie als Erste Philosophie ist eine Philosophie der Macht. Sei endet beim Staat und der Gewaltlosigkeit der Totalität, ohne sich gegen die Gewalt, von der diese Gewaltlosigkeit lebt und die der Tyrannei des Staates offenbar wird, zu wappnen.

Die Bedeutung der Individuation lässt sich aber nicht nur philosophisch begründen, sondern auch psychologisch. Jean Piaget teilt die Entwicklung des Auffassungs- und damit des Lernvermögens, also auch der Intelligenz und des Geistes in 4 Stufen ein:

  1. Es ist leichter, zum Mars vorzudringen, als zu sich selbst.

    (Carl Gustav Jung, schweizer. Psychiater, 1875-1961)

    sensomotorisch - symbiotisch: Das Kind ist so eng an die Mutter gebunden (abhängig), dass von einer Individualität, als Abgrenzung eines Subjektes gegenüber einem anderen, noch nicht gesprochen werden kann.
  2. präoperational - egozentrisch: Erste Differenzierung zwischen Ich und Umwelt, keine Differenzierung zwischen physischem und sozialem Bereich. Situationen werden nicht unabhängig vom eigenen Standpunkt wahrgenommen Es gibt also noch kein DU, auf das eingegangen werden könnte.
  3. konkretoperational - soziozentrisch: Differenzierung zwischen Dingen und Ereignissen einerseits, sowie Subjekten und Äusserungen andererseits. Auf der dritten Stufe beginnt die Zusammenarbeit. Das Kind nimmt an der Ausarbeitung der Regeln teil und hält sie für veränderbar. Hier ist das DU vorhanden und wird sogleich als Partner erkannt, mit dem Regeln verhandelt werden können.
  4. formaloperational - universalistisch: Auf der vierten Stufe schliesslich wird die Ausarbeitung neuer Regeln qua theoretischer Antizipation von Problemen systematisiert und zum Selbstzweck erhoben. Hypothetisches Denken und Führen von Diskursen. Kritik von Normen.

Dieser Prozess, Aequilibration genannt, erfolgt spiralig, nicht auf geradem Wege. Er kann also nicht sequenziell verschult (im Sinne von: durch die Schule verordnet) werden.

Diese Aufgabe der Selbstfindung, der Ich-Werdung, also der Essenz, des Seins, die die nackte Existenz, das Dasein, übersteigt, wird eindrücklich von Arthur Rimbaud beschrieben:  

Ich will Dichter werden, und ich arbeite daran, mich sehend zu machen. Es geht darum, durch die Entregelung aller Sinne beim Unbekannten anzukommen. Die Leiden sind ungeheuerlich. Es ist falsch zu sagen: Ich denke. Man müsste sagen: Es denkt mich. Entschuldigen Sie das Wortspiel: Je est un autre. Um so schlimmer für das Holz, das sich als Geige vorfindet, und Hohn über die Ahnungslosen, die an dem herumkritteln, was sie überhaupt nicht kennen!

Die Suche nach der eigenen Identität bildet eines der Hauptthemen moderner Dramen und Literatur und beschäftigt viele, insbesondere Frauen, im extremfall so sehr, dass sie darob die Aussenwelt kaum mehr wahrnehmen.

Strukturen des Du-WIR (= persönliche Beziehungen) - basierend auf Dialog, An-Erkennung, Verbindung von Gefühls- mit Sachwelt, gemeinsamem Denken, was eine gegenseitige Öffnung bedingt:

3. Du: Verantwortung in Beziehung

3.1 Besonderheiten der Dyade (Zweierbeziehung):

Vorstellung der Einmaligkeit: Die Beziehungspersonen sind überzeugt, dass es so eine Beziehung wie die ihrige noch nie gegeben habe.

Vorstellung der Intimität: Sie teilen die Überzeugung, dass sie bestimmte Dinge nur dem/der anderen mitteilen können und sonst niemandem. Sowohl diese Vorstellung der Intimität wie auch die der Einmaligkeit erwächst aus der gemeinsam geschaffenen Beziehungskultur.

Vorstellung der Hingabe: Beide fühlen sich für das, was in der Beziehung geschieht, verantwortlich, eine Vorstellung, die McCall mit der Vorstellung der Kollektivität in Verbindung bringt.

Vorstellung der Ungebrochenheit der Wechselseitigkeit: Es ist die Annahme vorhanden, dass kein Tun noch Unterlassen vor dem/der anderen verborgen werden kann, eine Vorstellung, die aus dem Prozess der Rollendifferenzierung erwächst.

Vorstellung der Mortalität der Dyade: Beide Seiten wissen, dass mit dem Ausscheiden eines der beiden Mitglieder die Beziehung aufhört zu existieren.

Während eine Organisation mit einem Minimum an dienstlich anfallender Kommunikation auskommt, die keineswegs face-to-face erfolgen muss, ist die unmittelbare Interaktion der Mitglieder für die Bildung und den Fortbestand einer Gruppe unerlässlich. Anders als eine Organisation steht eine Gruppe nicht unter dem Primat sachlicher Zwecke, sondern es besteht ein breiter Raum für ein offenes Kommunikationsgeschehen, das mit unterschiedlichen Inhalten gefüllt werden kann. Das Kriterium der relativen Dauerhaftigkeit trennt eine Gruppe von der Interaktion. Eine Gruppe ist nicht auf die Zeitdauer der gemeinsamen Anwesenheit begrenzt, sondern besteht auch fort, wenn die Mitglieder auseinander gehen. Es ist eine Vorstellung von Zugehörigkeit (vom Einzelnen her) und Zusammengehörigkeit vorhanden, die sich für Tyrell letztlich als das "tragende Prinzip des Systemtypus Gruppe" herausschält (vgl. auch Nollmann 1997). Als Beispiele für Gruppen führt Tyrell Wohngemeinschaften, Literatenzirkel, Rockergruppen usw. an, aber auch Liebesbeziehungen.

> Der Begriff Gruppe ist hier völlig unbrauchbar, da er zu wenig präzise ist. Ein Gruppe ist alles mit 3 oder mehr Mitgliedern - ohne weitere Differenzierung.

Ein zentrales Strukturmerkmal von Organisationen ist die Abtrennung von Person und Position. Eine Organisation besteht im Normalfall auch dann fort, wenn Mitglieder ausscheiden und diese durch neue ersetzt werden. Anders dagegen eine persönliche Beziehung: Im klaren Kontrast zur Organisation - und auch zur Gruppe - ist eine persönliche Beziehung durch die personelle Unersetzbarkeit strukturbildend geprägt. Eine persönliche Beziehung lässt einen Personalwechsel nicht zu; sie kann nur durch eine neue persönliche Beziehung abgelöst werden. Persönliche Beziehungen sind also durch das Moment der personellen Unersetzbarkeit geprägt.

Neben diesen beiden zentralen Abgrenzungsmerkmalen lassen sich weitere Strukturmerkmale nennen: Eine persönliche Beziehung ist gekennzeichnet durch das Vorhandensein eines persönlichen Wissens, das in eine jede Begegnung eingeht und deren Verlauf entscheidend mitprägt (vgl. auch Hohenester 2000). Dieser Wissensvorrat umfasst dabei nicht nur Wissen über die andere Person, sondern immer auch Wissen über "unsere Beziehung". Ich weiß nicht nur, dass A "launisch", "eifersüchtig" und "leicht zu begeistern" ist, sondern

  • ich habe auch eine Vorstellung über die Geschichte unserer Beziehung, über ihre Qualität,

  • darüber, was ich von ihr/ihm zu erwarten habe,

  • ein Rezeptwissen, wie wir mit unserer Beziehung umzugehen haben, und auch

  • Vorstellungen darüber, wie ich in der Beziehung und die Beziehung insgesamt von außen wahrgenommen wird.

Dies schafft in der Anfangsphase, aber auch fortgesetzt, einen hohen Informationsbedarf (vgl. auch Huinink 1995). Die fortgesetzte Kontinuität einer Beziehung mehrt nicht nur das vorhandene Wissen, sondern bringt es auch mit sich, dass zwischen den Beziehungspersonen eine emotional fundierte gegenseitige Bindung entsteht. Die Beziehungspersonen "stehen einander nahe", "sorgen" oder "freuen" sich füreinander oder leiden miteinander. Auch wenn für eine "freiwillige" Fortsetzung positive Emotionen (z.B. Liebe, Zuneigung, Vertrauen) besonders wichtig erscheinen, ist der Emotionen-Haushalt in einer persönlichen Beziehung nicht darauf zu begrenzen. Negative Emotionen (z.B. Hass, Rachegefühle oder Eifersucht) können parallel auftreten, vorübergehend oder auch längerfristig dominant werden.

 

3.2 Gefühle

Persönliches Wissen und emotionale Bindung tragen  gemeinsam dazu bei, dass eine persönliche Beziehung – zumindest in der Moderne - von der Einzigartigkeit der daran beteiligten Personen getragen wird (vgl. auch Luhmann 1984; Hohenester 2000). Dies qualifiziert persönliche Beziehungen zugleich - wie Huinink (1995) herausstellt - in einer einmaligen Weise, eine Befriedigung des "Grundbedürfnisses nach persönlicher Fundierung" zu leisten.

Das Potenzial der Einflussnahme erstreckt sich nicht nur auf die Handlungslinien, sondern erfasst auch die Person der Beteiligten. Nicht nur das Selbstbild, auch die eigenen Interessen und Leidenschaften, Weltsicht und Lebensentwürfe, Präferenzen und Motivationen usw. können durch die persönliche Beziehung entscheidend geformt werden. Diese hohe Interdependenz hat zur Folge, dass sich Veränderungen der Person A immer auch auf die Beziehung und damit auch auf die Person B auswirken werden und umgekehrt. Ebenso haben Veränderungen in der Beziehung Folgen für die beteiligten Personen. Das Vorhandensein des persönlichen Wissens und auch die emotionale Bindung erleichtern in einem hohen Maße das Miteinander-in-Kontakt-treten. Viele Vorleistungen, die in Interaktionen mit Fremden erst zu erbringen sind, fallen zwischen Personen weg, die miteinander eine persönliche Beziehung bilden. Man "weiß", mit wem man es zu tun hat, man "weiß", was man voneinander erwarten kann, und darauf kann man die eigenen Verhaltensweisen vorab einstellen. Interaktionen, eingebettet in eine persönliche Beziehung, ermöglichen es, sich "informeller" zu geben. Je enger die Beziehung ist, desto stärker die Möglichkeit, so zu sein, wie man "ist".

Auch eröffnet sich dadurch ein breiter Möglichkeitsspielraum; die in einer persönlichen Beziehung vorkommenden Inhalte weisen eine große Breite auf. Tendenziell kann in eine persönliche Beziehung alles eingebracht werden, was mich als Person bewegt (vgl. Luhmann 1984; Daub 1996). Wie breit gefächert die Themen und Handlungsfelder in einer persönlichen Beziehung sind, hängt stark mit der ihr zugeschriebenen Qualität zusammen. Kontakthäufigkeit, Informalität und Breite werden durch persönliches Wissen voneinander und durch die vorhandene Emotionalität möglich und tragen zugleich wiederum dazu bei, dass das Wissen wächst und die emotionale Bindung gestärkt wird.

http://www.tu-dresden.de/phfis/fuecker/pb/texte/kap2_lenz2003.pdf

Das Wesen der Gesellschaft wird verfehlt, wenn man in ihr etwas sieht, was dem Genuss ähnlich ist, das ähnliche Individuen zur Einheit zusammennimmt.

Indem ich an den Anderen herantrete, stelle ich meine Freiheit in Frage, meine Spontaneität als die Spontaneität eines Lebendigen, meinen Zugriff auf die Dinge,..

Die Setzung des Du geschieht vor dem Hintergrund eines Wir.
Wir-sein heisst nicht, sich um eine gemeinsame Aufgabe drängen oder stossen.

(ACHTUNG: Das Nicht nicht übersehen, denn präzise hier liegt findet die grösste Deformation der menschlichen Gesellschaft jetzt und heute statt!)

Emotionen bilden den weitaus gewichtigsten Teil persönlicher Kommunikation. Auch wenn sie nicht nach dem Wahrheitsprinzip analysiert werden können wie Sachargumente, könnte die Behandlung von Emotionen, Gefühlen, die Qualität deren Ausdrucks und Empfangs, vermutlich einiges beitragen zu einer Verbesserung zwischenmenschlichen Dialogs. Emotionen vermitteln Betroffenheit, schaffen Engagement ... oder versuchen es zumindest. Deshalb setzen Medien lieber auf Emotionen als auf Argumente, da sich diese weniger klar analysieren und werten lassen, sich also für populistische Beeinflussung von Massen weitaus besser eignen, als die lästigen Argumente, die sich auf Wahrheitsgehalt prüfen lassen. Sie lassen sich allerdings darauf überprüfen, ob die Betroffenheit berechtigt ist, ob aus der Betroffenheit auch ein Lösung des dahinter verborgenen Problems entstehen kann ... und zu wessen Gunsten oder Ungunsten die Betroffenheit und Lösung angelegt ist.

3.2.1 Gefühle, Emotionen, Affekte sind keine Wahrheiten - aber als treibende Motive, als das, "was in Bewegung setzt", entscheidend für jede Art von Beziehungen, egal ob geschäftlich oder privat.

Gefühle sind weder Kommunikation noch Wahrheit, sie sind verarbeitete Meldungen der Sensoren des Menschen, der Sinne: Sehen, Hören, Fühlen, Riechen, Schmecken. Gefühle sind also bereits vom Hirn automatisch verarbeitete Reaktionen auf Sinneseindrücke. Gerade dieser Automatismus macht sie zu einem grossen Teil abhängig vom Unbewussten. Gefühle regen zum Denken an (meist unbewusst), Denken produziert Motive, und ein Motiv ist nichts anderes als eine Anregung zum Handeln. Gefühle und Emotionen sind aber, gerade weil durch eine Vielzahl von Faktoren bestimmt, von denen dazu noch ein grosser Teil unbewusst bleibt, recht diffus und wenig geeignet zur Begründung eines rationalen Handelns. Deswegen sind sie seit langem Thema der Ethik des richtigen Handelns dank Wertung, also Thema von Religion und Philosophie [s. Wertsystematik]

  • Lust - Unlust
    • Liebe, Sympathie, Mitleid - Neid, Abneigung, Hass: Freigebigkeit als rechtes Mass zwischen Verschwendung und Geiz/Kleinlichkeit. .
    • Freude - Trauer/Aerger/Enttäuschung: Besonnenheit als rechtes Mass zwischen Zügellosigkeit und Stumpfheit
  • Körper/leiblich - Seele/sinnlich
    • Sympathie - Abneigung
  • Erregung - Ruhe / Spannung - Entspannung
    • Stolz, Mut - Furcht, Angst: Tapferkeit als rechtes Mass zwischen Tollkühnheit und Feigheit. Gerechtigkeit als rechtes Mass zwischen Unrecht tun und Unrecht erleiden
    • Zorn, Aggression - Demut, Friedlichkeit. Sanftmut, das rechte Mass zwischen Zorn und der Unfähigkeit zu gerechtem Zorn

 

3.2.1.1 Die Sprache der Gefühle

Musik sei die Sprache der Gefühle, heisst es. Warum dem so ist, lässt sich leicht verstehen. Wie äussern sich Gefühle? D.h., wie werden sie mitgeteilt? Dies geschieht durch Laute wie Brummen, Knurren, Ächzen, Stöhnen, schwer Atmen, Schnauben, Schnaufen,  Weinen, Heulen, Schreien, Jammern - Augen verdrehen, Zwinkern, am Kopf kratzen, nervös Rumrennen, Zucken, - und, last not least, durch eine extrem detaillierte Mimik der Gesichtszüge, über die praktisch jedes Gefühl ausgedrückt werden kann! Noch vor diesen lautlichen und visuellen Äusserungen kommt aber ganz klar der Geruch! (s. Süskind: Le Parfum)

Die Sprache der Gefühle ist also eigentlich vorsprachlich, wortlos - weshalb sie für Rationalisten oft so schwer verständlich ist. Diese haben dann eben kein "Musikgehör" - oder brauchen "einen Wink mit dem Zaunpfahl". Die Sprache der Gefühle nutzt Töne, Klänge und Mimik, also die Mittel die in der Musik und darstellender Kunst (Theater und Malerei) zur Vervollkommnung gebracht werden.

Wer allerdings mit Chinesen Japanisch spricht, sollte weder den Chinesen noch den Japanern die Schuld geben, wenn er/sie nicht verstanden wird.

Buchempfehlung: Weber, Max  /  Lepsius, M. Rainer  /  Mommsen, Wolfgang J.  /  Finscher, Ludwig (Hrsg.):  Die rationalen und sozialen Grundlagen der Musik 239.00 CHF

Nebst der Musik als besonderer, meist wortloser Sprache der Gefühle, gibt es aber auch die Sprache des Eros (s.o.) und die Sprache des Geschmacks (Kochkunst, Wein, ...) - die sich nicht zu vieler Worte bedienen sollte ..

Man Ray: Kiki: Violon d'Ingres

Der von Levinas auffällig oft verwendete Ausdruck "Antlitz" bringt uns auf eine weitere Form der präverbalen Kommunikation. Bereits mit 3 Monaten sind Kleinkinder fähig, Gesichter wahrzunehmen, zu unterscheiden - und Mimik zu verstehen! (Stimmen erkennen sie allerdings schon in den ersten 6 Wochen!). Hier geschieht die erste Kommunikation ... und oft kann bereits in dem Alter aus aktivem Blicksuchen oder Blickvermeiden späteres Sozialverhalten abgeleitet werden ... sagen die Psychologen. Aber denen muss man ja, dank Komplexität, auch nicht viel mehr Glauben als den Wetterfröschen. Mit 4 bis 6Monaten können sie darauf entsprechend antworten, und mit 9 Monaten auch verifizieren, sich rückversichern, ob ein gemischter Ausdruck (fröhliche oder ängstliche Warnung) für sie böses oder gutes bedeutet. In den ersten 1.5 Jahren sind Gefühle die wichtigste Ausdrucksform des Kindes - da ihm die Sprache noch fehlt. ... aha, ach so, darum stehen Frauen so auf gefühlsmässige Ausdrücke ...

Wie bedeutend das Gesicht (wie auch in geringerem Masse die Hände) für den Ausdruck von Gefühlen, also für die gegenseitige Verständigung sind, zeigt sich insbesondere in der traditionellen Malerei, in der Portraits nicht bloss ein Mittel war, sich den Lebensunterhalt zu finanzieren, sondern quasi den Gipfel der Kunst darstellten, denn bei der Darstellung des Gesichtes, des Antlitzes, ging es nicht bloss um ein Abbild, sondern primär darum, den Charakter der Person zu erfassen und zum Ausdruck zu bringen. Manchmal allerdings ist der Charakter stärker als der Gestaltungswille des Malers, und das Modell sträubt sich, die ihm auferlegte Haltung Einstellung wirklich im Antlitz auch auszuprägen. (S. Klimts Frauenbild)


Rubens: Studien zur Physiognomie und Mimik

3.2.1.2 Die Liebe:

Modelle der Partnerwahl:

Stufenmodell:

  1. gegenseitige Anziehung auf Grund physischer Attraktivität, persönlicher oder sozialer Faktoren, die einen Belohnungswert darstellen können, d.h. zur Ausschüttung von Glückshormonen führen.

  2. wachsende Familiarität: Die Partner geben sich gegenseitig offen zu erkennen. Die Kommunikation wird erleichtert durch ähnliche Wertorientierungen, Einstellungen, Bedürfnisse. Ein Prozess der gegenseitigen Abstimmung und Angleichung von Rollenvorstellungen beginnt. Erst wenn eine taugliche Rollenverteilung gefunden ist, kann der 3. Schritt erfolgen:

  3. Interaktion: alltagstauglicher Austausch, gegenseitige Abhängigkeit, Vertrauen, sich verlassen können. Auf der Basis von Uebereinstimmung oder befriedigender Komplementarität wird die Kommunikation vertieft. Die Rollen werden an eine gemeinsame Realität angeglichen. Das erfordert Offenheit beider Partner, ja (manchmal) Selbstenthüllung, und auch die Bearbeitung von Unterschieden, Unstimmigkeiten, die sich nicht immer übertünchen lassen, was vermutlich auch nicht das Beste wäre.

Marktmodell der Partnerwahl: Austausch von Ressourcen

Hier steht der Austausch von Ressourcen und Belohnungen im Vordergrund. Ziel der Wahl ist es, den attraktivsten Partner zu erhalten, also den, der am meisten Schönheit, Status, Geld, Intelligenz (bringt nicht viel ...), oder andere Ressourcen zu bieten hat. Ein Partner nützt dem andern, um seine sexuellen Bedürfnisse, Bedürfnisse nach Intimität,, Geselligkeit, sozialer Sicherheit, Selbstwert optimal zu befriedigen. Es findet aber auch eine Wahl nach dem Stimuluswert statt, sowie auf Grund der Beurteilung der Rollen des Partners als Nachbar, Arbeiter, Kind seiner Eltern, Freund... Wie der Link zeigt, ist das Modell heute ziemlich verbreitet ...

Altruismusmodell der Partnerwahl:

Wenn Partner ihre Beziehung als Tauschgeschäft betreiben, ist sie vermutlich bereits ziemlich am A.... In einer harmonischen Beziehung führen die Partner nicht Buch über Leistung und Gegenleistung, sondern sind meist mehr oder minder selbstlos darum bestrebt, dem andern Annehmlichkeiten zu bereiten. Allerdings vermeiden auch harmonische Paare den Konflikt nicht, sie sind aber eher bereit zu Zugeständnissen, während weniger glückliche Paare den Fehler dauernd beim Partner sehen.

Partnerschaft: Das Geschäftsmodell der Elternschaft:

Körperliche Attraktivität (Schönheit und Sex) bei Frauen wird eingetauscht gegen sozioökonomischen Status, Erfolg, beim Mann. Kinder werden zur Investition, und durch den beträchtlichen Aufwand an Zeit und Geld für die meisten zu teuer ... Auch in diesem Modell, genau wie im schwulen, erledigt sich eine Gesellschaft die darauf basiert gleich von selbst.

Apropos Gefühle:

 

3.3 Simmel: Beziehungen als Grundstein der Gesellschaft und Kultur *

Für Simmel ist der Mensch ”in seinem ganzen Wesen und allen Äußerungen dadurch bestimmt, daß er in Wechselwirkung mit anderen Menschen lebt”. Gesellschaft findet sich überall dort, ”wo mehrere Individuen in Wechselwirkung treten”. Wechselwirkungen entstehen durchwegs aus bestimmten Trieben heraus oder dienen der Erfüllung bestimmter Zwecke. Es handelt sich dabei um grundlegende Triebe des Einzelnen wie Existenzsicherung, Mehrung und Schutz von Besitz oder die Erweiterung der eigenen Machtsphäre, zu deren Erfüllung das Individuum ”sich mit beliebig vielen anderen zweckmäßigerweise zusammenschließen kann”. Das Zusammengehen dieser Wechselbeziehungen führt dazu, dass aus individuellen Trägern von Trieben und Zwecken eine Einheit entsteht, dass aus Individuen ”eben eine ‚Gesellschaft‘ wird” .

”Gesellschaft ist nur der Name für die Summe dieser Wechselwirkungen, der nur in dem Maße der Festgestelltheit dieser anwendbar ist. Es ist deshalb kein einheitlich feststehender, sondern ein gradueller Begriff, von dem auch ein Mehr oder Weniger anwendbar ist, je nach der größeren Zahl und Innigkeit der zwischen den gegebenen Personen bestehenden Wechselwirkungen.” Mit dieser Definition des Gesellschaftsbegriffes wendet sich Simmel gegen all jene, die Gesellschaft als ein ”eigenes ‚Wesen‘ mystifizieren” (Dahme 1987, S. 41).

Kultivierung geht vom Subjekt aus, führt zu objektiven Gebilden hin, zu Verkörperungen ”der sozialen Energien in Gebilden, die jenseits des Individuums stehen und sich entwickeln”, und sie führt von diesen wieder zurück zum Subjekt. Kultivierung ist der ”von uns ausgehende und in uns zurückkehrende Werterhöhungsprozess, der die Natur außer uns oder die Natur in uns ergreift”

Die Summe der äusserlichen Gebilde wird von Simmel als objektive Kultur bezeichnet: ”Als die objektive Kultur kann man die Dinge in jener Ausarbeitung, Steigerung, Vollendung bezeichnen, mit der sie die Seele zu deren eigener Vollendung führen oder die Wegstrecken darstellen, die der Einzelne oder die Gesamtheit auf dem Wege zu einem erhöhten Dasein durchläuft.” Objektive Kultur umfasst die materiellen und immateriellen Güter der Kultur wie Kunstwerke, Religionen, Wissenschaft, Technik und vieles mehr.

Individualität lässt sich in ihrer gesamten Breite über den Begriff der Vergesellschaftung nicht thematisieren. Dies liegt daran, dass sich ein Mensch nicht ausschliesslich aufgrund seiner Zugehörigkeit zu bestimmten sozialen Kreisen verstehen lässt. Simmel stellt fest, ”daß jedes Element einer Gruppe nicht nur Gesellschaftsteil, sondern außerdem noch etwas ist.” Das Individuum steht sowohl innerhalb sozialer Kreise, wie auch ausserhalb derselben. Die ”Art seines Vergesellschaftet-Seins ist bestimmt oder mitbestimmt durch die Art seines Nicht-Vergesellschaf­tet-Seins” .

Eine solche Unvollständigkeit in der Sichtweise der formalen Soziologie kann gemäss Simmel nur durch die Philosophie behoben werden. Er unterscheidet zu diesem Zweck zwei Begriffe des Individualismus:

Einerseits den eines (formal) soziologisch bestimmbaren, quantitativen und andererseits den eines qualitativen Individualismus, der nur philosophisch fassbar ist. Simmel schreibt über letzteren: ”Daß auch die Verschiedenheit des Menschlichen eine sittliche Forderung sei, daß jeder gleichsam ein besonderes Idealbild seiner selbst, das keinem anderen gleich ist, zu verwirklichen habe – das war eine ganz neue Wertung, ein qualitativer Individualismus gegenüber jenem, der allen Wert auf die Form des freien Ich legte.

Der Unterschied gründet darin, dass der quantitative Individualismus ”sein Ideal in der Gleichheit und Gleichberechtigtheit der gesellschaftlichen Elemente sieht” (ebd., S. 54), während für den qualitativen Individualismus die Unterschiede zwischen den Individuen ”den ganzen Sinn der Menschheit ausmachen” .

http://socio.ch/sim/on_simmel/t_muerner.htm

4. Die Anderen - Nur Pluralismus erlaubt eine freie Welt, eine Welt die für alle geniessbar ist

Ich mag diesen Menschen nicht. Ich werde ihn besser kennen lernen müssen.

Abraham Lincoln

Der vermeintliche Skandal der Andersheit setzt die ruhige Identität des Selben voraus, eine selbstgewisse Freiheit, die in ihrer Ausübung keine Skrupel kennt und die durch den Fremden nur gestört und begrenzt wird.

Dann (wenn der Andere auf einer Ebene mit ihr auftaucht, mit ihr spricht) erfährt die Freiheit eine Hemmung - nicht, weil sie auf einen Widerstand stösst, sondern weil sie willkürlich ist, schuldig und schüchtern; aber in ihrer Schuld erhebt sich die Freiheit zur Verantwortung.

Die Fremdheit des Anderen ist seine eigentliche Freiheit. Nur freie Wesen können einander fremd sein.

Die Infragestellung meiner Spontaneität durch die Gegenwart des Anderen heisst Ethik.

Wenn die Freiheit die Weise bezeichnet, der Selbe inmitten des Anderen zu bleiben, so enthält das Wissen (in dem sich das Seiende durch die Vermittlung des unpersönlichen Seins hingibt) den eigentlichen Sinn der Freiheit. Die Freiheit wäre der Gerechtigkeit entgegengesetzt; denn die Gerechtigkeit umfasst Verpflichtungen gegen ein Seiendes, das sich weigert, sich hinzugeben, gegen den Anderen, der in diesem Sinne das Seiende per excellence wäre.

Gerechtigkeit besagt: Jedem ist der Andere der Nächste

Auf die Psychagogik, die Demagogie, die Pädagogik verzichten, heisst, den Anderen in einer wirklichen Rede von Angesicht zu Angesicht ansprechen. Dann ist das Sein in keiner Weise Objekt, es ist ausserhalb aller Aneignung. ... Dieses in der Rede von Angesicht zu Angesicht Ansprechen nennen wir Gerechtigkeit.

Der Wille ist frei, diese Verantwortung zu übernehmen, wie es ihm gefällt; er ist nicht frei, diese Verantwortung selbst abzulehnen, er hat nicht die Freiheit, die vernünftige Welt, in die ihn das Antlitz des Andern eingeführt hat, nicht zu kennen.

Alle Lebewesen außer den Menschen wissen, daß der Hauptzweck des Lebens darin besteht, es zu genießen.

(Samuel Butler, englischer Schriftsteller, 1835-1902)

Anders ausgedrückt: Die Grenzen meiner Freiheit sind dort erreicht, wo die Freiheiten anderer beeinträchtigt werden. Das wäre der stoische Aspekt. Levinas allerdings ist es gelungen, nicht auf einer Verantwortungsphilosophie sitzen zu bleiben, sondern diese, um den Genuss, zu einer ebenfalls epikuräischen Philosophie zu machen. Der Genuss als eines der wichtigsten Bestandteile des menschlichen Lebens zieht sich bei ihm von A bis O durch. Gefunden hat er ihn vermutlich bei Stirner *, der bereits bei Martin Buber * breiten Raum beansprucht.

Eine sinnvolle Welt ist eine Welt, in der es den Anderen gibt, durch den die Welt meines Genusses Thema wird, das eine Bedeutung hat.

Es mag erstaunen, dass ein religiös orientierter Philosoph nicht seine Religion und seinen Gott als einzige Lösung, also totalitär anbietet, sondern auf Pluralismus als optimale Organisationsform kommt. Aber gerade weil der Mensch nur frei sein kann, wenn er sich als Individuum trennt - zuerst von der Mutter, dann von den Eltern, Schule, Firma, Staat und all den weitern Damen und Herren - erfordert diese Trennung, diese Unabhängigkeit eben auf der andern Seite nun präzise die Anerkennung der selben Unabhängigkeit der Anderen. Nur unabhängige freie Wesen können den vollen Genuss entfalten.  - Also so ähnlich wie ich das 2005 betr. Lebensstil und Lebensqualität formuliert habe: Lebensqualität bedeutet möglichst freie Wahl des Lifestyles *. Je besser die Bedingungen für ein erfülltes Leben, desto höher die Lebensqualität. [M. Herzog, Basel, 3.7.05]

Der Pluralismus wäre die Bedingung der Vernunft. Die Vernunft würde nicht das Unpersönliche in mir zur Geltung bringen, sondern ein Ich, das der Gesellschaft fähig ist, ein Ich, das als getrenntes im Genuss entsteht, dessen Trennung aber gerade notwendig wäre, damit das Unendliche ... sein kann.

Um den Satz, und Levinas generell, verstehen zu können, muss man allerdings wissen, dass für ihn "der Andere", in erster Linie Gott ist. Getrennt, aussen, ewig, in der Unendlichkeit -aber über das Du ansprechbar, erweitert er die Totalität des Ich zur unendlichen Freiheit. Und so haben Buber wie Levinas die Religionsfeindlichkeit des Ultraanarchisten Stirner * mit links ins Gegenteil verkehrt.

Ich kann ihm gegenüber keine Macht mehr haben, weil er jede Idee, die ich von ihm haben kann, absolut überschreitet.

Die Gegenwart des Anderen ist gleichbedeutend mit dieser Infragestellung meines unbekümmerten Besitzes der Welt.

Beide Sätze lassen sich dennoch problemlos auch auf den andern Menschen beziehen wie den Andern als Gott. Der erste Satz begründet damit den Respekt vor dem andern Menschen wie die Hingabe (= Islam: Das Wort Islam bedeutet wortwörtlich eben Hingabe) Hingabe an Gott (- nicht an blindwütige "religiöse" Führer). Der zweite Satz begründet die menschliche Verantwortlichkeit  gegenüber der Schöpfung - und gegenüber den Mitmenschen, die in der gleichen Situation sind wie ich. Da die zweite Aussage Freiheit begrenzt, erklärt sie auch, warum "der Andere" (als Fremder wie als Gott ) so gerne in Frage gestellt wird.

Der Abstand endlich, der Glück und Begehren trennt, trennt Politik und Religion. Die Politik tendiert zur gegenseitigen Anerkennung, d.h. zur Gleichheit; sie gewährleistet das Glück. Und das politische Gesetz vollendet und rechtfertigt den Kampf um die Anerkennung.

Die Religion ist Begehren und keineswegs Kampf um Anerkennung. Die Religion ist der Überschuss, der in einer Gesellschaft Gleicher möglich ist, der Überschuss der ruhmreichen Demut, der Verantwortung und des Opfers. Sie ist Bedingung gerade auch der Gleichheit.

In meinem religiösen Sein bin ich in Wahrheit

Eine üble Form "der anderen" die weder bei Buber noch bei Levin vorkommt, ist die anonyme Gruppe, die Masse, das Kollektiv, die Kohorte, der Clan, der Pöbel, engl. DER MOB - der, besonders wenn er aggressiv wird,  per Mobbing (anpöbeln - worin sich ein gewisser feindseliger Populismus ausdrückt) für einen beträchtlichen Teil des Ausschlusses einzelner aus dem Erwerbsleben, ja sogar aus dem sozialen Leben, verantwortlich ist. [Artikel in Bearbeitung]

5. Der Andere: Transzendenz - Unendlichkeit -  Exteriorität  - das Begehren - die Metaphysik - Un-Ort der Religion

Platon setzt die Transzendenz als etwas, das die Totalität überschreitet. Neben den Bedürfnissen, deren Befriedigung darauf hinausläuft, eine Leere zu füllen, hat Platon auch eine Ahnung von Strebungen, denen kein Leid und kein Mangel vorausgeht und in deren Umrissen wir das Begehren erkennen, Bedürfnis dessen, dem nichts fehlt, Streben dessen, der sein Sein zur Gänze besitzt, der über seine Fülle hinausgeht, der die Idee des Unendlichen hat. Der Platz des Guten oberhalb jeder Art von Wesen ist die tiefste, die endgültige Lehre - nicht der Theologie, sondern der Philosophie.

Mephistopheles:
   Willst du nur hören, was du schon gehört?
   Dich störe nichts, wie es auch weiter klinge,
   Schon längst gewohnt der wunderbarsten Dinge.
Faust:
   Doch im Erstarren such ich nicht mein Heil:
   Das Schaudern ist der Menschheit bester Teil.

Levinas hat hier eine Definition von Philosophie die über das Traditionelle hinaus geht, indem diese nicht "bloss" die Wahrheit, sondern gleich noch das Gute finden soll - was gemäss der Mystiker allerdings eh das Selbe ist: Ana al Haq, sprach ja Al Hallaj: Ich bin die Wahrheit, ich bin das Recht. Beachtenswert, d.h. Bedenkenswert, ist insbesondere der Unterschied von Levinas' Ansatz  zum vertragstheoretischen Ansatz von Rawls, der Gerechtigkeit begründen will durch die Annahme einer "Urgesellschaft", die über gerechte Gesetze entscheidet aus der Position des Unwissens über die eigene spätere Position in der Gesellschaft.

Sie (die Eschatologie) ist Beziehung zu einem Mehr, das immer ausserhalb der Totalität ist, als ob die objektive Totalität nicht das wahre Mass des Seins erfüllte, als ob ein anderer Begriff - der Begriff des Unendlichen - diese Transzendenz im Verhältnis zur Totalität ausdrücken müsste, eine Transzendenz, die in der Totalität nicht aufgehen kann und ebenso ursprünglich ist wie die Totalität. Freilich ist diese Beschreibung dieses 'Jenseits' der Totalität und objektiven Erfahrungen nicht bloss negativ. Das 'Jenseits' spiegelt sich wider innerhalb der Totalität und der Geschichte, innerhalb der Erfahrung.

"La contradiction est la sauvegarde de l'éternité"

Stéphane Lupasco

Wenn die Exteriorität nicht darin besteht, sich als Thema darzustellen, sondern sich begehren zu lassen, dann besteht die Existenz des getrennten Seienden, welches die Exteriorität begehrt, nicht mehr in der Sorge um das Sein. Existieren hat einen Sinn in einer anderen Dimension als der Fortdauer der Totalität. Das Existieren kann über das Sein hinausgehen. Im Gegensatz zur Tradition des Spinozismus ereignet sich dieses Ueberschreiten des Todes nicht in der Universalität des Denkens, sondern in der pluralistischen Beziehung, in der Güte des Seins für den Anderen, in der Gerechtigkeit.

Da es mir hier eher um die irdischen Beziehungen geht als um die himmlischen, müssen Sie sich die weiteren Infos dazu bei Levinas selbst besorgen. Ich komm nun mit ihm bereits wieder zurück zur Erde. Er leitet nun gerade aus der Trennung der Individuen von Gott wie von andern Individuen ab, dass Pluralismus keine Plage, sondern ein Geschenk Gottes ist - womit er absolut übereinstimmt mit dem was der Koran lehrt, denn auch dort ist Vielfalt (nicht Einfalt und Einstimmigkeit!) ein Zeichen von Gottes Wohlgefallen: 16.13: "And what he has produced for you in the earth varying in hue, verily, in that its a sign for a people who are mindful."

Man darf den Begriff der Unendlichkeit auch nicht, was meist geschieht, auf die zeitliche Dimension beschränken. Es geht dabei eigentlich auch, wenn nicht gar mehr, um den Raum, den geistigen Raum, Vielfalt, die Vielfalt möglicher Lebensformen und Lebensstile. Ewigkeit, Unendlichkeit, Transzendenz übergreifen das Sein, das ja doch oft recht beengt ist. Die Exteriorität hilft, die Enge der Welt, die wir zunehmend härter und dichter mit Sachzwängen zubetonieren, zu überwinden.

Gott, DER Andere, ist also DER Aussenseiter. Wie kann er da für eine "Leitkultur" herhalten?

Aufgabe der Religion(en) wäre es nun eigentlich, diese Freiheit des Geistes offen zu legen, den Menschen zumindest im Geiste die grossen Räume zuzugestehen, die ihnen auf der Erde verwehrt sind. Gewisse Fundamentalismen, die mittels "ewiger" Gesetze die Menschen auf der Erde in noch kleinere Kistchen stecken wollen, dienen nur der Macht falscher Propheten. (Dies gilt nicht nur für einige islamische und christliche Fundamentalismen, sondern speziell für so seltsame Organisationen wie Scientology.) Der Glaube soll den Menschen helfen, ihre Ängste zu überwinden, sich selbst zu überwinden und zu übersteigen. Wird er verwendet um Menschen zu knechten und klein zu machen, sind falsche Propheten am Werk.

Die Exteriorität, die Bedeutung des Anderen für die eigene Befreiung, lässt sich aber auch aus Volksweisheiten über Paarbeziehungen erschliessen:

  • Gleich und Gleich gesellt sich gern.
  • Gegensätze ziehen sich an.
Gegensätze ziehen sich an - z.B. arme Mädchen und reiche Männer.

(Jayne Mansfield, amerikanische Schauspielerin, 1933-1967)

Der offensichtliche Widerspruch löst sich auf, wenn man erkennt, dass ein Pol ausserhalb des gefassten Ichs als Erweiterung der Freiheit wirken kann. Wer also bereits ein umfassendes und gegen aussen, gegenüber anderen, recht offenes Wesen hat, könnte sich durch ein weiteres derart offenes Wesen in zu gross werdenden Räumen verlieren - bleibt also lieber beim Gleichen und lernt dieses, quasi von aussen, neu und anders kennen. Wer aber in einer relative kleinen eigenen Welt lebt, wird es vermutlich geniessen, durch eine andere Eigenwelt des Partners den eigenen Freiheitsraum, der ja auch Denkraum und Handlungsraum ist, zu erweitern. Genau so wie die Vielfalt der möglichen Verbindungen nach Aussen bio-technisch beschränkt sein kann, wie das bei Autisten der Fall ist, genau so kann die Psyche, frei oder weniger frei, entscheiden, wie viel Öffnung des Geistes für sie optimal ist.

Ein spezieller Fall des "Gleich und Gleich" sind die gleichgeschlechtlichen (= homo-sexuellen) Beziehungen. Aus biologischer Sicht erscheinen diese auf den ersten Blick als eine Verschwendung, also überflüssig, da unfruchtbar. Aus der Perspektive des Unterschiedes, der Komplexität der Beziehung zwischen den Geschlechter - und, last not least, des Aufwandes der mit der Aufzucht des Nachwuchses verbunden ist, könnten gleichgeschlechtliche Paare aber ab und zu einen Wettbewerbsvorteil geniessen und sich bei widrigen Umweltbedingungen als stabiler erweisen, da sie eben von der Verantwortung für die Nachkommen frei sein. Dass sich derartiges Verhalten zu stark verbreitet, verhütet die Natur von selbst, da eine Gesellschaft die Homosexualität zur Norm machen würde, sich gleich selbst eliminiert.

Diese Anarchie ist für die Mannigfaltigkeit wesentlich. Mangels einer gemeinsamen Ebene für die Totalität, die man hartnäckig sucht, um das Mannigfaltige auf sich zu beziehen, existiert die Mannigfaltigkeit derart, dass man nie wissen kann, welcher Wille innerhalb des freien Spiels der Willenssubjekte die Fäden in der Hand hat; man erfährt nicht, wer wen überlistet.

Aber ein Prinzip bricht in dem Augenblick durch diesen ganzen Schwindel und dieses Beben hindurch, in dem das Antlitz sich präsentiert und Gerechtigkeit verlangt.

 

Totalität ohne Trennung ist kein Friede

Aber der Ausschluss der Gewalt durch Seiende, die sich in einer Totalität zu integrieren vermögen, kommt nicht dem Frieden gleich. Die Mannigfaltigkeit der Seienden, die vom Frieden vorausgesetzt ist, wird von der Totalität absorbiert. Nur Seiende, die zum Krieg fähig sind, können sich zum Frieden erheben. Wie der Friede, so setzt der Krieg Seiende voraus, die anders strukturiert sind denn als Teil einer Totalität.

Im Krieg weigern sich die Seienden, einer Totalität anzugehören, verweigern sich der Gemeinschaft, wehren sich gegen das Gesetzt; keine Grenze hält den einen im andern fest und definiert ihn.

> Es gibt also auch keinen freiheitlichen Menschenrechtstotalitarismus, es gibt kein: Wer nicht mit uns ist, ist unser Feind!

Der Idealismus, wird er zu Ende gedacht, reduziert alle Ethik auf die Politik. Der Andere und ich funktionieren wie Elemente eines idealen Kalküls, wir empfangen von diesem Kalkül unser wirkliches Sein, und unser gegenseitiges Verhältnis steht unter dem Zwang idealer Notwendigkeiten, die sich allseits in uns durchsetzen.

Zwischen der Philosophie der Transzendenz und der Philosophie der Immanenz nehmen wir uns vor, innerhalb des Verlaufs der irdischen Existenz, der ökonomischen Existenz, wie wir sie nennen, eine Beziehung mit dem Anderen zu beschreiben, die nicht auf eine göttliche oder menschliche Totalität hinausläuft, eine Beziehung, die nicht eine Totalisierung der Geschichte ist, sondern die Idee des Unendlichen. Eine solche Beziehung ist die eigentliche Metaphysik. Demnach ist die Geschichte nicht die bevorzugte Ebene, auf der sich das Sein zeigt, nachdem es von dem Partikularismus der Standpunkte, deren Makel noch an der Reflexion haftet, befreit ist. Wenn die Geschichte vorgibt, mich und den Anderen einem unpersönlichen Geist zu integrieren, so ist diese vorgebliche Integration Grausamkeit und Ungerechtigkeit, das heisst, sie kennt den Anderen nicht. Eine Stellung des Ich gegenüber dem Anderen derart, dass der Andere im Verhältnis zu mir transzendent bleibt, kennt die Geschichte als Beziehung zwischen Menschen  nicht. ... Wenn der Mensch wahrhaft den andern Menschen anspricht, so wird er aus der Geschichte herausgerissen.

Damit die Geschichte nicht das Recht auf das letzte Wort behält, das notwendig ungerecht gegenüber der Subjektivität und unvermeidlich grausam ist, muss sich das Unsichtbare manifestieren. ... Die Wahrheit des Unsichtbaren ereignet sich ontologisch durch die Subjektivität, die sie sagt.

In dieser Welt ohne Vielheit verliert die Sprache jede soziale Einzigkeit, und zwar nicht dadurch, dass sie sich gegenseitig begehren, sondern indem sie das Universale begehren.

Nun wehrt sich die Transzendenz gerade gegen die Totalität, sie widersetzt sich einem Blick, der sie von aussen umfassen würde: Die Metaphysik ist die Essenz dieser Sprache mit Gott, sie führt über das Sein hinaus.

Der Materialismus liegt nicht in der Entdeckung der gründenden Funktion der Sinnlichkeit, sondern im Primat des Neutrums. Wer das Neutrum des Seins höher setzt als das Seiende, das von diesem Sein in gewisser Weise unbewusst bestimmt würde, wer das wesentliche Geschehen dem Bewusstsein der Seienden entzieht, der bekennt dadurch den Materialismus.

Der Kriegszustand setzt die Moral ausser kraft; er nimmt den Institutionen und ewigen Pflichten ihre Ewigkeit und vernichtet daher mit seiner Vorläufigkeit die unbedingten Imperative. ... Er macht die Moral lächerlich.

> Das gilt auch für den Wirtschaftskrieg!

Daher ist man geneigt, in der Politik als der Kunst, den Krieg vorherzusehen und mit allen Mitteln zu gewinnen, den eigentlichen Vollzug der Vernunft zu sehen. Die Politik ist der Moral so entgegengesetzt, wie die Philosophie der Naivität.

 

Zwischenbereich Du-Er/Sie/Es/die Da: über Rolle gefilterte, restriktive Kommunikation, oft auch nur Einseitig

  • Nachbar

  • Schule

  • peer groups (= Altersgemeinschaften, übertragen: Wissensgemeinschaften)

    • Jugendgruppen

    • Männer/Frauenclubs

    • Studenten

    • wissenschaftliche Disziplinen

  • Hobby/Freizeit-Interessengruppen

  • Sport

  • Schach

  • ...

  • Kultur * - virtuelle Communities:

    • religiöse Gemeinschaft, Kirche

    • Kunst

      • Theater

      • Malerei, Bildhauerei

      • Musik *

      • Literatur

      • Architektur

    • Stammtisch

  • Internet-Community *

  • Team: Organisationstyp, aufgabenorientiert, sachlich,  Eine Art objektives, funktionelles WIR, eine Soziomaschine

6. Gesellschaft - Ort der Wahrheit - Ort der Ethik

Alles, was hier "unter uns" geschieht, geht jedermann an.

Thematisieren heisst, dem Anderen die Welt durch das Wort anbieten.

Objektiv erkennen würde daher heissen, mein Denken in der Weise konstituieren, dass es schon einen Bezug auf das Denken der Anderen enthält.

Die Enthüllung durch die Wissenschaft und die Kunst besteht wesentlich darin, den Elementen eine Bedeutung zu verleihen, über die Wahrnehmung hinauszugehen. Eine Sache enthüllen heisst, sie durch die Form erhellen: ihr durch die Erfassung ihrer Funktionen oder ihrer Schönheit einen Platz im Ganzen anzuweisen.

Das Werk der Sprache ist ein ganz anderes: Es besteht darin, mit einer Nacktheit in Beziehung zu treten, die von aller Form entblösst ist, aber durch sich selbst einen Sinn hat.

Indem ich spreche, übermittle ich nicht dem Andern, was für mich objektiv ist: Das Objektive wird nur objektiv durch die Kommunikation.

Durch den Bezug auf das Wort erhält die Welt eine Orientierung, d.h. eine Bedeutung. Durch den Bezug auf das Wort beginnt die Welt, und das meint nicht dasselbe wie die Formel: Im Wort kommt die Welt ans Ziel. Die Welt wird gesagt und kann von nun an Thema werden, sie kann angeboten werden.  ... So ist das Wort der Ursprung jeder Bedeutung - der Werkzeuge und aller Werkzeuge aus der Hand des Menschen - ; denn im Wort hat das Verweisungssystem , auf dem alle Bedeutung beruht, das Prinzip seines Funktionierens, seinen Schlüssel.

In Wahrheit handelt es sich um eine Ordnung, in der der eigentliche Gedanke des Guten überhaupt erst einen Sinn empfängt. Es handelt sich um die Gesellschaft.

Für Platon reduzierte sich das Denken nicht auf die Verkettung wahrer Beziehungen, sondern setzt Personen und interpersonale Beziehungen voraus. Der Daimon des Sokrates interveniert sogar in der maieutischen Kunst, welche sich allerdings auf das den Menschen Gemeinsame bezieht.

So ist die Wahrheit verknüpft mit der sozialen Beziehung, die Gerechtigkeit ist. was für mechanische Wahrheiten (Markttrends) eben nicht mehr gilt.

Wenn wir dem den Grundsatz der Neoliberalen entgegen stellen: Es gibt keine Gesellschaft - dann gibt es auch kein Gutes und keine Gerechtigkeit. Dass dies im Neoliberalismus offenbar so ist, belegt aber nicht die Wahrheit der Aussage, sondern die Absicht.

Die Philosophie ist identisch mit dem Vorgang, an die Stelle der Personen die Ideen, des Gesprächspartners das Thema, des äusseren Verhältnisses des Anrufs das interne Verhältnis logischer Beziehungen zu setzen. [S. 121]

Das Ideal der sokratischen Wahrheit beruht also auf der essentiellen Genügsamkeit des Selben, auf seiner Identität als Selbst, auf seinem Egoismus. Die Philosophie ist Egologie.

Der Platz des Guten oberhalb jeder Art von Wesen ist die tiefste, die endgültige Lehre - nicht der Theologie, sondern der Philosophie.

Levinas nimmt sich hier auch des schwierigen Problems an, dass eine wirkliche Geschlossenheit eines Denksystems, eines philosophischen Systems, sich praktisch nur in einem Kopf herstellen lässt - die Wahrheit, die Gerechtigkeit und das Gute sich aber nur in der Gemeinschaft finden:

Die Vernunft, die in der ersten Person spricht, wendet sich nicht an den Anderen; sie enthält einen Monolog. Und umgekehrt: Nur indem die Vernunft universal wird, ist ihr nach dieser Auffassung der Weg zur wirklichen Persönlichkeit offen, erwirbt sie die Souveränität, die die autonome Person charakterisiert. Die getrennten Denker werden vernünftig nur in dem Masse, in dem ihre persönlichen und besonderen Denkakte Momente dieser einzigen und universalen Rede werden.

Der Pluralismus der Postmoderne, gesehen als ein wirres Neben- und Durcheinander von "Wahrheiten", als multikulti persifliert, ist ein Kurzschluss. Wie tragisch dieser Kurzschluss enden könnte, zeigt sich leicht, wenn man die eine Welt, die eine, umfassende Vernunft postuliert:

Ein universales Denken verzichtet auf Kommunikation. Eine Vernunft kann für eine Vernunft keine andere sein.

Die universale Vernunft, genau wie eine herrschende Kultur, oder ein allgemein gültiges Denken und Werten, wäre also nichts anderes als Fundamentalismus *.

Indem sie ihr Wesen als Rede erfüllt - nämlich dadurch, dass sie universal kohärente Rede wird-, realisiert die Sprache zugleich den universalen Staat, in dem die Mannigfaltigkeit sich auflöst und die Rede in Ermangelung von Gesprächspartnern aufhört.

Die Vernunft macht die menschliche Gesellschaft möglich, aber eine Gesellschaft, deren Mitglieder nichts als Vernunft wären, würde als Gesellschaft erlöschen. Worüber könnte ein durch und durch vernünftiges Seiendes mit einem durch und durch vernünftigen Seienden reden? Vernunft hat keinen Plural. Wie würden sich die zahlreichen Vernünfte unterscheiden? Wie wäre das kantische Reich der Zwecke möglich, wenn die vernünftigen Wesen, die ihm angehören, nicht ihre Forderung nach Glück, als Prinzipien der Individuation bewahrt hätten, ein Prinzip, das auf wunderbare Weise dem Zusammenbruch der sinnlichen Natur entkommen ist?

Der Pluralismus ist keine numerische Mannigfaltigkeit. Wenn ein Pluralismus an sich selbst, wie ihn die formale Logik nicht zu reflektieren vermag, entstehen soll, so muss sich die Bewegung von mir zum Anderen in der Tiefe ereignen; es muss sich eine Haltung eines Ich gegenüber dem Anderen ereignen. (dies Haltung haben wir schon als Liebe oder Hass, Gehorsam oder Befehl, Lernen oder Unterweisung etc. qualifiziert), die nicht eine Art der Beziehung im allgemeinen ist; das bedeutet, dass die Beziehung von mir zum anderen nicht Thema einer Reflexion, nicht Thema eines objektiven Blicks werden kann, der von dem Gegenüber zwischen mir und dem Anderen unabhängig wäre. Der Pluralismus setzt eine radikale Andersheit des Anderen voraus; den Anderen begreife ich nicht einfach im Verhältnis zu mir, sondern ich stehe ihm im Ausgang von meinem Egoismus gegenüber. Die Andersheit des Andern ist in ihm und nicht in dem Verhältnis zu mir, sie offenbart sich; aber ich habe Zugang zu ihr von mir aus nicht durch einen Vergleich des Ich mit dem Anderen. Ich habe Zugang zur Andersheit des Andern von der Gemeinschaft aus, die ich mit ihm unterhalte, und nicht dadurch, dass ich aus dieser Beziehung heraustrete, um über ihre Termini nachzudenken. Die Sexualität gibt das Beispiel für diese Beziehung, die vollzogen ist, bevor sie reflektiert wird: Das andere Geschlecht ist eine Andersheit, die das Wesen des Seienden ausmacht, dem sie zukommt, und nicht die Rückseite seiner Identität.

Die eigentümlich Bewegung der Wahrheit besteht darin, dass der Gegenstand, der sich dem Denkenden präsentiert, den Denkenden bestimmt. Aber er bestimmt ihn, ohne ihn zu berühren ohne ihn zu belasten; dergestalt dass der Denkende, der sich dem Gedachten fügt, sich ihm gutwillig fügt, als ob der Gegenstand einschliesslich der Überraschung, die er für die Erkenntnis bereit hält, vom Subjekt vorweggenommen worden sei.

Genau so wie die unterschiedlichen Gattungen Männer und Frauen sich in der Familie zu einem Ganzen finden können, genau so können Individuen und auch unterschiedliche Interessen, Haltungen, Lebensstile ein Ganzes bilden und dennoch das Individuum bestehen lassen. .... Genau wie in der Familie kann dies natürlich auch schief gehen. Aus der Perspektive des für die Freiheit notwendigen Pluralismus lässt sich die Aufgabe der Sozialarbeit nun klarer formulieren:

Um die Würde des Menschen zu gewährleisten, muss seine Unabhängigkeit/Freiheit gewährleistet sein. Sozialarbeit darf sich also nicht damit begnügen, Menschen die aus dem "normalen" Raster gefallen sind, in dieses wieder zu integrieren, was wie bei allen komplexen Systemen nur durch therapeutischen Anstoss möglich ist, sondern muss zugleich das Raster, das System das Ausstösst, hinterfragen und ebenfalls therapieren. SozialarbeiterInnen müssten also fähig sein, die Gesellschaft quasi von aussen zu betrachten.

Sollte. Wie so manches Sollte ist natürlich auch dieses ziemlich illusorisch. Oder wo haben Sie schon mal eine Organisation gesehen, die erfolgreich den zahlenden Auftraggeber therapiert, die Ansichten, Strukturen und Funktionalitäten des Auftraggebers und den Auftrag selbst umdefiniert? Das beste Beispiel dafür ist die Entwicklungszusammenarbeit. Früher sagte man Entwicklungshilfe: Wir reich, ihr arm, wir geben, ihr halten Klappe. Das wurde dann in den späten 60ern humanitär umbenamst in Entwicklungszusammenarbeit, um die Gleichwertigkeit von Partnern, die sich bloss in unterschiedlichen Kulturen und in unterschiedlichen wirtschaftlichen Entwicklungsphasen befinden, zu betonen. Wir gehen weder als Missionare noch als Lehrer, sondern wir gehen auch, um zu lernen, so hiess es vor 30 Jahren dann. Pustekuchen. Heute wird Afrika genau so gewertet, wie zu Urzeiten: Unterentwickelt, arm, faul, katastrophal - und der einzige Unterschied ist, dass rechte Kreise daran denken, sich hier die Kosten einzusparen für eine Entwicklung. Rentiert nicht.

Obwohl gerade die Schweiz reich ist an Museen und privaten Sammlungen mit Afrikanischen Kunstschätzen, obwohl Jazz und andere Formen der "Negermusik" florieren und längst den Durchbruch geschafft haben - hat hier die Kultur eine Wirkung auf die Gesellschaft gehabt in dem Sinne, dass ein besseres Verständnis für die Afrikanische Kultur geschaffen worden wäre? Pustekuchen. Man genoss und geniesst was man geniessbar findet - und sch... auf Afrika. Die Leute eignen sich ja nicht mal als Feindbild, als Terroristen. Wir wissen - ihr lernen / wir zeigen - ihr nachmachen / wir reich, viel Arbeit - ihr arm, viel dumm. Wir zeigen den Armen wie man eine Regierung bildet, wie Demokratie funktioniert, wie der Markt funktioniert, wie man Bücher hält, wie man ausbildet, wie man lernt, wie man arbeitet ... nicht aber, wie man lebt, denn das müssten wir dort lernen. Dass man sich Mühe nähme, die ganz eigene Qualität des afrikanischen Lebensstils zu untersuchen und als eben deutlich anderen Lebens- und Wirtschaftsstil zu anerkennen, scheint hier genau so aussichtslos wie im Falle der Muslime, insbesondere der Araber - obwohl sie unsere Nachbarn sind. Das Gelästere über Multikulti ist also in erster Linie Arroganz, Faulheit und Dummheit.

 

Strukturen des Es (die da)-Wir, gespaltenes WIR (die Organisation und die "community", ja Fangemeinde): gezielte, wirkungsorientierte Kommunikation, Rhetorik, militärisch-bürokratisch-sachlich, meist einseitig top-down, Gegenseite bloss als Massenreaktion wahr genommen.

  • Der Betrieb

  • Das Netzwerk als funktionelle Optimierung von Beziehungen

  • Verband-Partei

    • Berufsorganisation

    • Produktionsgemeinschaft: Genossenschaften u. ähnliche

    • Finanzierungsgemeinschaft, Bank

    • Versicherungsgemeinschaft: Unfall, Krankheit, Alter, IV,

    • Ordnungs- und Verteidigungsgemeinschaft

      • Bürgerwache

      • Polizei

      • Krieg (gemeinsame Armee)

    • Interessengemeinschaften:

      • Arbeitgeber

      • Arbeitnehmer

      • Parteien

  • Dorf

  • Gemeinwesen

  • Kanton/Bundesstaat

  • Medien: Popularität - Massen-WIR: distanziertes, Kenntnisloses Du der Fans zu Fans

  • Staat/Nation

  • Volk

  • Kontinent

7. Es: das Reich der Dinge, des Zeugs - Anonymität, verwaltet durch abgeschottete Finanz-Wirtschafts-Bürokratien

Das Ding als Haben ist ein Seiendes, das sein Sein verloren hat.

Da das Ding Haben, Ware ist, die man kauft und verkauft, offenbart es sich auf dem Markt als etwas, das jemandem gehören und ausgetauscht werden kann, und das daher in Geld konvertierbar ist, fähig, sich in der Anonymität des Geldes zu zerstreuen.

Die Dinge beziehen sich auf den Besitz, können fortgetragen werden, sind Mobilien; das Milieu, aus dem die Dinge zu mir kommen, ist herrenlos, gemeinsamer Grund oder Boden, nicht-besitzbar, wesentlich 'niemandem gehörig': Die Erde, das Meer, das Licht, die Stadt.

Globalisierung und Neoliberalismus haben die ganze Welt, nicht nur die Produktionsstätten der Produkte, zu anonymen Dingen gemacht - und dazu leider auch den Menschen, den Produzenten. Er ist nur noch einsetzbarer - oder einsparbarer - Produktionsfaktor. Insbesondere ist zu bedenken, dass Geld beziehungslos ist. Geld ist ein Ding, das Macht in sich birgt, insbesondere die Macht, Menschen ebenfalls zu Dingen zu machen, auf Funktionen zu reduzieren. Geld ist bodenlos und heimatlos, bietet also dem Sein keine wirkliche Herberge.

Sehr aktuell sind Simmels Erkenntnisse betr. der Unterschiede zwischen Real- und Finanzwirtschaft:

Diese äußerst bedeutsame Kraft des Geldes, dem Individuum eine neue Selbständigkeit den unmittelbaren Gruppeninteressen gegenüber zu verleihen, äußert sich keineswegs nur gelegentlich des fundamentalen Gegensatzes zwischen Natural- und Geldwirtschaft, sondern auch innerhalb der letzteren.

Gegen Ende des 16. Jahrhunderts schrieb der italienische Publizist Botero: »Wir haben in Italien zwei blühende Republiken, Venedig und Genua. Die Venetianer, welche sich mit reellem Warenhandel beschäftigen, sind zwar als Privatleute nur mäßig reich geworden, haben aber dafür ihren Staat außerordentlich groß und reich gemacht. Die Genuesen dagegen haben sich ganz dem Geldgeschäft ergeben und hierdurch ihren Privatbesitz sehr vermehrt, während ihr Staatswesen verarmt ist.« 

Indem die Interessen auf das Geld gestellt werden und soweit der Besitz in Geld besteht, muss der Einzelne die Tendenz und das Gefühl einer  selbständigeren Bedeutung dem sozialen Ganzen gegenüber bekommen, er verhält sich zu diesem nun wie Macht zu Macht, weil er frei ist, sich seine Geschäftsbeziehungen und Kooperationen überall, wo er will, zu suchen; (s. Netzwerke!)

das Warengeschäft dagegen, selbst wenn es sich räumlich so weit erstreckt wie das der Venetianer, muss vielmehr Mitwirkende und Angestellte im nächsten Kreise suchen, seine umständlichere und substantiellere Technik legt ihm überhaupt lokale Bedingungen auf, von denen das Geldgeschäft frei ist.

Noch entschiedener tritt dies natürlich an dem Unterschied zwischen Grund- und Geldbesitz hervor.

Es beweist die Tiefe dieses soziologischen Zusammenhanges, dass man hundert Jahre nach jener Äußerung Boteros gerade an sie die Betrachtung geknüpft hat, welche Gefahr es für den Staat wäre, wenn das Hauptvermögen der herrschenden Klasse aus Mobiliarbesitz besteht, den man in Zeiten der öffentlichen Not in Sicherheit bringen kann, während die Grundbesitzer durch ihr Interesse unlösbar mit dem Vaterlande verbunden sind.

In England ist das steigende Übergewicht des industriellen Reichtums über den in Grundbesitz angelegten dafür verantwortlich gemacht worden, dass das kommunal-soziale Interesse der obersten Klasse sich verloren hat.

http://socio.ch/sim/pdg43.htm

In seinem Werk "Jenseits des Seins oder anders als das Sein geschieht" sagt Levinas (S. 26):

Esse est interesse. Sein ist Interessiertsein.

Schön wär's, aber leider zeigt der Ausdruck Interesse präzise die Konditionierung der Menschen über die letzten 500 Jahre, nicht auf den Homo sapiens, den wissenden Menschen, genau so wenig auf den Homo habilis, den handwerklich geschickten Menschen, eventuell auf den Homo ludens, den spielerischen Menschen - aber primär auf den Homo lucrensis (oder so), der gewinnorientierte Mensch. Inter-esse ist ein lateinisierter Ausdruck der erst im 15. JH entstand, aus" zwischen" und "Sein". Es war ein juristischer Ausdruck für "aus Ersatzpflicht erwachsender Schaden". Die erste sinngemässe Anwendung, die noch heute im französischen das Wort prägt (intérêt= Zins), war eben der der Zins. Die Aufmerksamkeit erregend, fesselnd, bemerkenswert, und auch reflexiv, interessiert, als Anteil nehmend, entstanden erst im 18. Jahrhundert, vor allem mit der Romantik.

Seit 500 Jahren, sinnvollerweise eben seit der Reformation, scheint der Mensch also vor allem von Zins (und Dividenden) getrieben, die sich auch zum modernen Herrschaftsmittel entwickelt haben: Vermehrung des eigenen Kapitals - Vermehrung der Schulden bei andern - Unterwerfung der Schuldner. (s. Zinskritik, s. Schuldknechtschaft *)

Es wundert bei der Voraussetzung also wenig, dass das einzige was noch Geltung hat, was gilt, eben das Geld ist.

Wie stark Geld das menschliche Verhalten beeinflusst wurde in den USA untersucht [publ. Kathleen Vohs in Scientist] und dabei herausgefunden, dass die Versuchsteilnehmer sich stärker auf ein Ziel konzentrierten, wenn Geld im Spiel war. Parallel zum erhöhten Einsatz isolierten sie sich aber auch mehr von anderen, wurden knauseriger und weniger bereit, sich von erworbenem Gut zu trennen. * Probanden mit keinem oder wenig Geld waren hilfsbereiter, rückten ihre Stühle näher aneinander und nahmen sich mehr Zeit, Fragen zu beantworten. Dagegen bückten sich Studienteilnehmer mit Geld in der Tasche oder der Aussicht darauf seltener, um etwa Bleistifte aufzuheben. Sie arbeiteten lieber allein als mit anderen zusammen und gaben knappere Hinweise, um Hilfesuchenden beispielsweise den Weg zu erklären. Historisch gesehen habe Geld die Individualisierung des Menschen gefördert und zur gleichen Zeit seinen Sinn für die Gemeinschaft geschwächt.

* Es zeigt sich hier ein weiteres Problem des Besitzes - und ein echter Vorteil von Armut, den Jesus nicht genug loben konnte, der allerdings im Mittelalter und insbesondere durch den Protestantismus aus der christlichen Religion ausgetrieben wurde: Wer besitzt, wird genau so vom Besessenen besessen. OK, tönt im ersten Anlauf etwas spinnert, also ein paar Beispiele:

 

8. Bedürfnisse und Begehren

Das Begehren ist ein Streben, das vom Begehren belebt wird; es entsteht von seinem 'Gegenstand' her, es ist Offenbarung. Das Bedürfnis dagegen ist eine Leere der Seele, es geht vom Subjekt aus.

Das Begehren ist Begehren in einem Seienden, das schon glücklich ist: Das Begehren ist das Unglück des Glücklichen, ein verschwenderisches Bedürfnis.

Nicht die Unsterblichkeit, sondern der Andere, der Fremde, ist das Ziel der ersten Bewegung des Begehrens. Das Begehren ist absolut unegoistisch, sein Name ist Gerechtigkeit. Es verbindet nicht Seiende, die schon im vorhinein miteinander verwandt waren.

> Auch wenn Levinas das Begehren auf das Streben nach Gott bezieht, trifft er so nebenbei auch in irdischen Belangen ins Schwarze und zeigt, dass der Markt  mit dem Begriff "Bedürfnis" Schindluder treibt, denn er meint a) Begehren, reduziert aber alles wünschbare Begehren auf die Dinge (Güter und Dienstleistungen), die für Geld produziert werden können. Nicht die wahren, existierenden Bedürfnisse der Menschen werden durch den heutigen Markt befriedigt, sondern Begehrlichkeiten, die billig zu befriedigen sind, werden durch Werbung geweckt.

Das eigentliche Problem Levinas' ist aber der falsche Umgang mit Bedürfnissen durch Gruppierungen, die Enthaltsamkeit und Entsagung als Lösung des Problems Bedürfnis predigen. (Dies ist auch ein Seitenhieb gegen die Stoa * und damit die Kyniker *, oder moderner ausgedrückt, gegen "Zurück zur Natur", Bescheidenheit, Subsistenz und ähnliches: Die Genügsamkeit ist die eigentliche Kontraktion des Ich. Vor allem aber handelt es sich um eine Kritik am Existentialismus *, der die Existenz, das Überleben, weit über das eigentliche Leben, das erfüllte Leben, das sinn-erfüllte Leben, gestellt hat, was sich in allgemein geläufigen Sprichwörtern ausdrückt wie: Wir essen um zu leben, wir leben nicht um zu essen. Oder: Wir leben von der Arbeit, nicht für die Arbeit.

Die Existenzphilosophen, die die Geworfenheit betonen, täuschen sich über den Gegensatz, der zwischen dem Ich und seinem Genuss auftritt.

Man existiert nicht nur seinen Schmerz oder seine Freude, man existiert aus Schmerzen und Freude.

Das Leiden des Bedürfnisses findet seinen Frieden nicht in der Empfindungslosigkeit, sondern in der Befriedigung. Das Bedürfnis wird geliebt, der Mensch ist glücklich, Bedürfnisse zu haben.

Das Glück des Genusses gedeiht auf dem 'Übel' des Bedürfnisses und hängt damit von einem anderen ab - es ist glückliches Zusammentreffen, Chance.

Aber auch die Arbeit, dank derer ich frei lebe, indem ich mich gegen die Ungewissheit des Lebens versichere, bringt dem Leben nicht seinen letzten Sinn. Aus sie wird zu dem, wovon ich lebe. ... Ich lebe von meiner Arbeit wie ich von Luft, Licht und Brot lebe.

Das Leben das ich verdiene, ist keine nackte Existenz; es ist Leben der Arbeit und der Ernährung; ... Man lebt von seiner Arbeit, die unsern Bestand gewährleistet; aber man lebt auch von seiner Arbeit, weil sie das Leben erfüllt (erfreut oder traurig macht).

Das Leben ist Liebe des Lebens, Beziehung zu Inhalten, die nicht mein Sein sind, sondern teurer als mein Sein: denken, essen, schlafen, lesen, arbeiten, sich an der Sonne wärmen. Verschieden von meiner Substanz aber sie konstituierend, machen diese Inhalte den Wert meines Lebens aus.

Dies ist die Liebe zum Leben, prästabilisierte Harmonie mit dem, was erst auf uns zukommt. ... Die Liebe des Lebens liebt nicht das Sein, sondern das Glück des Seins.

Die Bedürfnisse zeugen von der Leere und dem Mangel in dem Bedürftigen, von seiner Abhängigkeit vom Aueseren, von der Insuffizienz des bedürftigen Seienden gerade darum, weil das bedürftige Seiende sein Sein nicht ganz besitzt und weil es infolgedessen nicht im eigentlichen Sinne getrennt ist.

Im Verhältnis zu den Bedürfnissen ist das Gute ein Luxus.

Hedonistische Moraltheorie: Es kommt darauf an, nicht hinter der Befriedigung der Bedürfnisse eine Ordnung zu suchen, die der Befriedigung einen Wert verleiht; man muss die Befriedigung, die der eigentliche Sinn der Lust ist, als Endpunkt nehmen. Das Nahrungsbedürfnis hat nicht die Existenz zum Ziel, sondern die Nahrung. ... Das Bedürfnis ist naiv. Im Genuss bin ich absolut für mich. Egoistisch ohne Bezug auf Andere - bin ich allein ohne Einsamkeit, unschuldig egoistisch und allein. Kein 'gegen die Anderen', kein 'was mich betrifft'- sondern vollständig taub für Andere, ausserhalb aller Kommunikation - ohne Ohren wie ein hungriger Bauch.

Es (das Individuum) hat diese Freiheit (sich gegenüber) schliesslich vom Begehren, das nicht aus einem Mangel oder einer Begrenzung kommt, sondern von einem Mehr der Idee des Unendlichen.

Die Liebe zum Leben hat keine Aehnlichkeit mit der Sorge um das Sein, die auf das Seinsverständnis oder die Ontologie zurückgeht. Die Liebe zum Leben liebt nicht das Sein, sondern das Glück des Seins. Das geliebte Leben - das ist der Genuss des Lebens selbst.

9. Bedürfnisse und Arbeit

Die Not, die dem Seienden nicht vom Bedürfnis, sondern von der Ungewissheit der Zukunft her zukommt, kann von der Arbeit überwunden werden.

Dieser Leib, Glied einer elementalen Wirklichkeit, gestattet ebenso das Ergreifen der Welt, die Arbeit. Freisein heisst, eine Welt konstruieren, damit man darin frei sein kann.

Bewusstsein haben heisst, in Beziehung sein mit dem was ist, aber so, als ob die Gegenwart dessen was ist, noch nicht ganz vollendet wäre und erst die Zukunft eines versammelten Seienden ausmachte.

Hier sagt Levinas etwas, was den phantasielosen Freunden des Realitätssinnes meist entgeht: Zum Bewusstsein gehört der Möglichkeitssinn, der Sinn für die Utopie. s. Musil in Der Mann ohne Eigenschaften: Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch Möglichkeitssinn geben.

Wollen heisst der Gefahr zuvorkommen. Die Zukunft begreifen heisst zuvor-kommen. Arbeiten heisst, seinen Verfall hinauszögern.

Die Arbeit bleibt ökonomisch. Sie kommt vom Haus und kehrt dorthin zurück; sie vollzieht die Bewegung der Odyssee, in der das Abenteuer in der Welt nur die Nebenerscheinung einer Rückkehr ist.

Auch hier wieder eine harte Kritik an der modernen Ökonomie die Flexibilität über Alles stellt, denn der Flexible kommt nie an und nie zurück. Er ist dauernd in der Schwebe, eher Staubkorn als Mensch. Ein WAS (Beruf, Tätigkeit), ein Ding, eine Funktion - kein WER.

Arbeit wäre also, als Be-Sorgung und Vor-Sorge dazu da, von Sorgen frei zu machen - auch wenn sie an und für sich eine Plage ist. Indem unsere neoliberale Wirtschaft die Sorge um die Arbeit zur grössten Sorge gemacht hat, verkehrt sie die Ökonomie, die Ordnung im Hause, ins Gegenteil und macht sie zum Krieg im Hause. Die Arbeiter werden also heute nicht bloss um ihren fairen Anteil am Mehrwert betrogen, sondern durch die Organisation der Arbeitswelt, als Arbeitsmarkt, auch noch des einzigen Mittels beraubt, dass ihnen die Zukunft sichern kann, der Arbeit. Levinas korrigiert hier deutlich den Ansatz der Existentialisten, für die das Dasein eben vor dem Sein kommt, alle Anstrengungen für das Überleben also weitaus wichtiger sind als die Gestaltung des Seins. Arbeit ist nicht nur Plage, sondern auch ein wichtiger Bestandteil des Lebens. Gerade wenn wir uns ansehen, wie viel Zeit wir für die Arbeit aufwenden, so wird klar, dass sie entweder einen grossen Teil des Seins ausmacht - oder wir um einen grossen Teil des Seins betrogen werden, dort, wo die Arbeit entfremdet ist und keinerlei Entfaltung menschlicher Begabungen mehr erlaubt. Diejenigen die von der Arbeit ausgeschlossen werden, werden also nicht bloss in ihrer Existenz beeinträchtigt, sondern auch um einen Teil ihres eigentlichen Seins, um Lebensqualität.

Von aussen lehrt und die Physiologie, dass das Bedürfnis ein Mangel ist.

Man wird zweierlei nicht miteinander verwechseln: die Not, die das Leben als leben von ... bedroht - weil das, wovon das Leben lebt, ihm eventuell abgeht -, und die Leere des schon im Genuss eingerichteten Appetits, die jenseits des blossen Seins in seiner Befriedigung seinen Jubel möglich macht.

Wir leben vom "guten Essen und Trinken", von der Luft, vom Licht, vom Schauen, von der Arbeit, von Ideen, vom Schlaf usw. ... Das wovon wir leben, ist auch nicht "Mittel zum Leben" wie die Feder ein Mittel ist in Bezug auf den Brief, den sie zu schreiben erlaubt; noch ein Zweck des Lebens, wie die Mitteilung Zweck des Briefes ist. Die Dinge, von denen wir leben, sind keine Werkzeuge, nicht einmal Zeugs im heideggerschen Sinne des Terminus.

Wenn man das Bedürfnis als blossen Mangel versteht, so begreift man es auf dem Hintergrund einer aus den Fugen geratenen Gesellschaft, die dem Bedürfnis weder Zeit noch Bewusstsein lässt. Das Wesen des Bedürfnisses liegt in dem Abstand, der sich zwischen den Menschen und die Welt, von der er abhängt, schiebt.

Das Bedürfnis eines Tieres ist untrennbar vom Kampf und von der Furcht. Die äussere Welt, von der es sich befreit hat, bleibt für es Bedrohung. Aber das Bedürfnis ist auch die Zeit der Arbeit: Beziehung zu einem Anderen, das seine Andersheit aufgibt. Frieren, Hunger und Durst, Leiden, nackt sein, eine Zuflucht suchen - all diese Abhängigkeiten von der Welt, die Bedürfnisse geworden sind, reissen das instinktgebundene Seiende von den anonymen Bedrohungen los, um ein Seiendes zu konstruieren, das von der Welt unabhängig ist, ein wahrhaftes Subjekt, fähig, seinen Bedürfnissen, die als materiell, und das heisst als der Befriedigung zugänglich, erkannt sind, die Befriedigung zu sichern.

Beachten wir noch den Unterschied zwischen Bedürfnis und Begehren. Im Bedürfnis habe ich Zugriff auf das Reale, ich kann mich befriedigen, das Andere angleichen. Im Begehren dagegen liegt kein Zugriff auf das Sein, keine Sattheit, sondern grenzenlose Zukunft vor mir.

After all, the chief business of the American people is business. They are profoundly concerned with producing, buying, selling, investing and prospering in the world....[T]he accumulation of wealth means the increase of knowledge, the dissemination of intelligence, the encouragement of science, the broadening of outlook, the expansion of liberties, the widening of culture.... So long as wealth is made the means and not the end, we need not greatly fear it.

Calvin Coolidge, US-Präsident 1923-29

Man darf hier auf keinen Fall Begehren mit Wünschen oder Wollen eines Gegenstandes verwechseln. Das Begehren richtet sich bei Levinas immer auf die Transzendenz, das Unsichtbare, Unendliche, Überirdische, Geistige. Von da her der Titel seines Buches: Totalität und Unendlichkeit. Das Individuum, die Familie, der Betrieb, der Staat "totalisieren" ihre Welt, machen sie zur einzigen, in der alles mit allem verbunden ist. Die Freiheit kann so nur erlangt werden, indem man diesen Rahmen übersteigt und das Aussen, das Andere - oder, für Gläubige eben den Anderen auf sich wirken lässt. In der Welt der Wirtschaft wurde der Mensch immer mehr zum Werkzeug gemacht. Aus dem Zweck wurde ein Mittel. Der Zweck dieses Mittels wird ihm immer stärker von Aussen vorgegeben, vom sog. "Markt". Dies ist der Zweck von dem das Mittel "Mensch als Arbeitskraft" abhängt. Anstatt mit Arbeit seine Existenz zu sichern und das Leben zu geniessen, macht sie ihn abhängig von Wirtschaftszyklen, permanenter Weiterbildung (die eigentlich als Schulung zu bezeichnen wäre), dem Wohlwollen von Personaldiensten und andern Vorgesetzten. Sie unterwirft ihn statt ihn zu befreien.

Während der Gebrauch des Werkzeugs eine Finalität voraussetzt und eine Abhängigkeit im Hinblick auf das Andere bezeichnet, zeichnet sich im Leben von .. die eigentliche Unabhängigkeit ab, die Unabhängigkeit des Genusses seines Glückes, die das ursprüngliche Modell aller Unabhängigkeit ist.

Gewiss muss man sein Brot verdienen, und um sein Brot zu verdienen, muss man sich ernähren; dergestalt, dass das Brot, das ich esse, ebenso dasjenige ist, wodurch ich mein Brot und mein Leben verdiene. Aber wenn ich mein Brot esse, um zu arbeiten und zu leben, lebe ich von meiner Arbeit und von meinem Brot.

Das Leben das ich verdiene, ist keine nackte Existenz; es ist ein Leben der Arbeit und der Ernährung; Arbeit und Ernährung sind Inhalte, um die das Leben sich nicht nur kümmert, sondern die das Leben 'beschäftigen', die es 'erfreuen' und deren Genuss das Leben ist.

So sind die Dinge immer mehr als das im engen Sinne Notwendige, sie machen die Anmut, den Reiz des Lebens aus. Man lebt von seiner Arbeit, die unsern Bestand gewährleistet; aber man lebt auch von seiner Arbeit, weil die das Leben erfüllt.

Soll dieser Begriff von "Arbeit" wahr werden, soll Arbeit Sicherheit sein, Genuss ermöglichen und Entfaltung, so wäre der Arbeit mindestens so viel Zeit und Geld zu widmen, wie der Geldvermehrung und Kapitalbildung.

 

10. Das erste Haus der Totalität, der Ganzheit: Wohnen - die Bleibe - die Frau

Stossseufzer eines Vorgesetzten 
  • Kommt man morgens zu spät, ist man ein schlechtes Vorbild;
  • kommt man pünktlich, ist man ein Aufpasser.
  • Ist man zu seinen Mitarbeitern freundlich, will man sich anbiedern;
  • ist man zurückhaltend, gilt man als hochnäsig.
     
  • Kümmert man sich um die Arbeit seiner Leute, ist man ein Schnüffler;
  • tut man es nicht, hat man von der Sache überhaupt keine Ahnung.
  • Geht man oft zum Chef, ist man ein Radfahrer;
  • geht man selten, traut man sich nicht.
     
  • Hält man Konferenzen ab, ist man ein Schwätzer;
  • hält man keine ab, ist man ein "Mann der einsamen Beschlüsse"
  • Ist man schon etwas älter, gilt man als verkalkt;
  • ist man noch jung, fehlt die Erfahrung des Alters.
     
  • Bleibt man abends länger, markiert man den Überbeschäftigten;
  • geht man pünktlich, fehlt das Firmeninteressse.
  • Stimmt man sich mit seinen Kollegen ab, ist man ein Rückversicherer;
  • tut man es nicht, ist man ein Eigenbrötler.
     
  • Trifft man schnelle Entscheidungen, ist man oberflächlich;
  • lässt man sich Zeit, mangelt es an Entschlusskraft.
  • Nimmt man Urlaub, nutzt man seine Stellung aus;
  • nimmt man keinen, fürchtet man um seine Stellung.
     
  • Ist man sehr genau, gilt man als pingelig;
  • ist man es nicht, lässt man die Zügle schleifen.
  • Hat man neue Ideen, ist man ein Phantast;
  • bleibt man beim alten, ist man rückständig.
     
  • Delegiert man viel, spielt man den Generaldirektor;
  • delegiert man nichts, spielt man den unersetzlichen.

Die "Ganzheit" des Menschen, seine Totalität, sein innerer Zusammenhalt, muss a) von innen her gewährleistet sein, denn alle äusseren Ordnungen sind widersprüchlich und treiben ihn in den Wahnsinn, sollte er versuchen, allen zu folgen. Das zeigt sich am leichtesten an den widersprüchlichen Anforderungen an das Personal, die so absurd sind, dass jede(r), der psychologische Tests so ausfüllt, dass er alle Anforderungen zu erfüllen sucht, logischerweise als schizophren klassiert wird ... was allerdings einer völlig inakzeptablen Verwendung eines psychologischen Fachausdrucks entspricht und durch gerichtliches Verzeigen wegen Beleidigung geahndet werden könnte.

Das Selbe gilt seit der Postmoderne gesellschaftlich, kulturell für alle. Die Postmoderne hat allen grossen Geschichten und Büchern, also den totalisierenden Systemen, eine Absage erteilt. Der Irrtum der Vertreter der Postmoderne ist aber, anzunehmen, es gäbe keine Ganzheit mehr, einfach, weil sie nicht mehr in der Lage sind, diese zu sehen. Die Welt ist immer noch eine. Es gibt nur eine solche Kugel (geoid präziser) - und diese, als Gäa, ist so was von totalitär, auch ganz ohne Gott und religiöse Fundamentalisten, denn sie sagt: Entweder ihr organisierts euch, oder ich werd' euch was husten!

So haben Heidegger und die Vorsokratiker eigentlich recht, wenn sie Denken als Gehorsam gegenüber der Wahrheit des Seins betrachten, als Gehorsam, der sich als Bauen und Pflegen vollzieht, welches die Einheit des Ortes ausmacht, der den Raum trägt. ... Aufenthalt bei den Dingen heisst Bauen und Pflegen.

Die Erde, die mich hält, hält mich, ohne dass ich unruhig frage, was die Erde hält. Dieses Stück Welt, Universum meines täglichen Verhaltens, diese Stadt oder dieses Viertel oder diese Strasse, in der ich aufwachse, dieser Gesichtskreis in dem ich lebe - ich bin mit der Seite zufrieden, die sie mir anbieten, ich suche nicht ihren Grund in einem umfassenderen System. Sie sind mein Grund. Ich empfange sie ohne zu denken. Ich geniesse diese Welt von Dingen, als seien es reine Elemente, reine Qualitäten ohne Träger, ohne Substanz.

Die postmoderne, bodenlose Wirtschaft hat nicht nur die Arbeit von Vor-Sorge zur grössten Ursache von Sorge gemacht, sondern beraubt die Menschen auch ihrer eigenen Welt, ihrer Wurzeln, ihrer Heimat. Sie können nicht mehr entscheiden, wo sie leben wollen, sondern die Arbeit entscheidet, wo sie leben müssen. Standortwettbewerb bedeutet Heimatlosigkeit, denn entschieden wird danach: Wo verdiene ich am meisten, habe die kürzeste Pendelzeit, das höchste kulturelle Angebot - und die tiefsten Steuern - also nach einer ökonomischen Mechanik.

Ich bin ich selbst, ich bin hier, bei mir, ich bin ein Wohnen, eine Immanenz in der Welt. Meine Sinnlichkeit ist hier. Zugänglichkeit der Welt im Genuss. Die Sinnlichkeit ist die eigentliche Enge des Lebens, die Naivität des unreflektierten Ich, jenseits des Instinkts, diesseits der Vernunft.

Der Mensch ist innerhalb dessen, was er besitzt, dergestalt, dass wir sagen können: Der Wohnsitz, Bedingung allen Eigentums, macht das innere Leben möglich. Auf diese Weise ist das Ich bei sich zu Hause.

Bei-sich-zu-Hause. Die Bleibe, das Wohnen gehören zum Wesen - zum Egoismus - des Ich.

Dass Levinas nun auch noch die Frau ins Zentrum des Hauses stellt, dürfte bei emanzipierten modernen Frauen vermutlich zu einem Grinsen führen - beruht aber nicht auf patriarchalem Gehabe. Denn klar ist, dass die erste "Andere", die von einem Menschen wahrgenommen wird, und zu der über lange Jahre der Entwicklung die Distanz gefunden werden muss (s. Piaget & Autarkie), die Mutter ist.

Eben so klar ist, dass der/die Andere mit der sich jeder Mensch am intensivsten auseinander setzt, der/die LebenspartnerIn ist. Da Freiheit eben im anders sein besteht, würde mit der Angleichung in Verhalten, Aussehen, Denken, Fühlen und Handeln zwischen Männern und Frauen die Grundspannung, das erste treibende Element menschlicher Entwicklung, vernichtet.

Fazit:

Lasst Frauen anders sein als Männer - und Männer anders als Frauen.

Der Uebergang vom augenblicklichen Genuss zur Herstellung der Dinge hat Bezug zum Wohnen, zur Oekonomie; diese setzt den Empfang des Anderen voraus.

Aber auch die Arbeit, dank derer ich frei lebe, indem ich mich gegen die Ungewissheiten des Lebens versichere, bringt dem Leben nicht seinen letzten Sinn. Aus sie wird zu dem, wovon ich lebe. Ich lebe von jedem Inhalt des Lebens - selbst von der Arbeit, wie ich von Luft, Licht und Brot lebe. [S. 209]

Wenn diese Zukunft in ihrer Bedeutung als Vertagung und Frist sichtbar werden soll - Aufschub und Frist durch die hindurch die Arbeit über die Ungewissheit und Unsicherheit der Zukunft Herr wird, den Besitz einrichtet und damit der Trennung die Gestalt der ökonomischen Unabhängigkeit gibt -, so muss das getrennte Seiende sich sammeln und Vorstellung haben können. Die Sammlung und die Vorstellung ereignen sich konkret als Wohnen in einer Bleibe oder in einem Haus. Aber das Innen des Hauses besteht aus Extraterritorialität,  inmitten der Elemente des Genusses, von denen sich das Leben nährt. Die Exterritorialität hat eine positive Seite. Sie ereignet sich in der Milde oder Wärme der Intimität. Das ist nicht ein subjektiver Seelenzustand, sondern ein Geschehen in der Ökumene des Seins - eine köstliche Ohnmacht der ontologischen Ordnung. 

Die ursprüngliche Funktion des Hauses besteht nicht darin, dem Seienden durch die Architektur des Gebäudes eine Orientierung zu geben und einen Ort zu entdecken - sondern darin, das Volle des Elementes aufzubrechen, in ihm die Utopie zu öffnen, in der das 'Ich' sich sammelt, indem es bei sich bleibt.

Man kann das Wohnen  als den Gebrauch eines 'Zeugs' unter 'Zeugen' verstehen. ... Die Wohnung gehört in der Tat zum Apparat der für den Menschen lebensnotwendigen Dinge. Sie dient dazu, dem Menschen vor den Unbilden des Wetters Schutz zu geben, ihn vor den Feinden oder Lästigen zu verbergen. Dennoch nimmt das Haus im System der Finalitäten, in dem sich das menschliche Leben bewegt, einen privilegierten Platz ein. Es hat keineswegs die Stellung eines Endzweckes.

Die bevorzugte Rolle des Hauses besteht nicht darin, Zweck der menschlichen Tätigkeit zu sein, sondern darin, ihre Bedingung und in diesem Sinne ihr Anfang zu sein.

Und der Andere, dessen Anwesenheit auf diskrete Weise eine Abwesenheit ist, von der aus sich der gastfreundliche Empfang schlechthin, der das Feld der Intimität beschreibt, vollzieht, ist die Frau. Die Frau ist die Bedingung für die Sammlung, für die Innerlichkeit des Hauses und für das Wohnen.

 

 

Links:

Martin Herzog, Basel, 5.11.06

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