Der Geist, seine Elemente und Inhalte:Das Wort Ästhetik hat sich als Titel des Zweiges der Philosophie eingebürgert, in dem sie sich den Künsten und dem Schönen in der Allgemeinheit zuwendet. Das entspricht dem gegenwärtigen und allgemeinen Verständnis von Ästhetik. Verloren gegangen ist allerdings der philosophische Inhalt, der sich stark unterscheidet. Ab Anfang des 18. bis gegen Mitte des 19. Jahrhunderts diskutierte die Philosophie unter dem Begriff Ästhetik alles, was unter dem Thema "sinnliches Empfinden" läuft, also die Gefühle - allerdings nicht nur die schönen wie Liebe, Freude, Glück, sondern auch die gegensätzlichen wie Hass, Neid, Verzweiflung. Da der Bereich zumeist Angelegenheit der Künste ist, nicht nur der Musik, die eh als Sprache der Gefühle bezeichnet wird, sondern auch der Literatur, Malerei, Bildhauerei und zum Teil auch der Architektur (man denke bloss an den heroischen Machtausdruck den sie faschistischen Diktaturen verleihen sollte). Da dieser bedeutende Bereich, die Gefühle, der wissenschaftlichen Analyse zwar nicht zugänglich ist, aber dennoch über die Anwendung der Wissenschaften, insbesondere der Technik entscheidet, ist es dringend geboten, ihn entsprechend zu würdigen - gerade dort, wo es um Theorien und abstraktes Wissen geht. Die philosophische Aesthetik bot mal die Möglichkeit dazu. Problematisch ist das Wort Aesthetik allerdings heute - genau so wie damals, weil es meist auf den äusserlichen Schein beschränkt bleibt:
Aristoteles' Kontrastierung von Dichtung und Geschichtsschreibung bildet den entscheidenden Bezugspunkt für die europäischen Konzepte der «ästhetischen» bzw. «poetischen Wahrscheinlichkeit» und der poetischen Wahrheit, wie sie in Anknüpfung an die Rhetorik von der Renaissance bis ins 20. Jh. hinein vertreten werden.
In wirkmächtiger Weise wertet G. VICO (1668-1744) in seiner Scienza nuova die «sapienza poetica», die poetische Weisheit, auf.
KIERKEGAARD (1813-55) verwirft allerdings das Ästhetische überhaupt als die Sphäre des Unernstes, das unlebbare Stadium der unmittelbaren bloßen Möglichkeiten – im Interesse der zu vermittelnden wirklichen Existenz vom ethischen und, zuhöchst, religiösen Entscheidungsbewußtsein her.
Dies gilt vor allem für den Ästhetizismus, wo nur noch der äussere Schein zählt: l'art pour l'art:
Wirklichkeitsferne, distanzierende Lösung aus allen religiösen, ethischen, politischen Bindungen kultureller Gemeinsamkeit, Degradierung der Welt zu einem bloßen Mittel des Selbstgenusses in unverpflichteter Zuschauerpose und versuchte Perennierung der ästhetischen Momentaneität zum Dauerzustand, d.h. zugleich Verabsolutierung des ästhetischen Prinzips zum alleingültigen Lebensprinzip, das alle – im Grunde nicht gegeneinander ausspielbare – Lebensvollzüge in sich aufzulösen trachtet und gerade dadurch das wirkliche Leben lähmt und auch das künstlerische Schaffen verhindert. In solchen Charakterisierungen zeigt sich, daß sich in der Tat das Problem der Ästhetik-Kritik auf das von HEGEL erstmals aufgeworfene Problem des Ästhetischen reduzieren läßt, auf das Problem seiner Isolation vom praktischen Leben durch das abstrakte ästhetische Bildungsbewußtsein und das Problem der Wiedergewinnung seines Bezugs zum geschichtlichen Dasein des Menschen in seiner sozialen Wirklichkeit.
Philosophische Ästhetik dagegen hätte (oder hatte) die Aufgabe, die Konfrontierung von Philosophie und Kunst zu durchbrechen, indem sie den Bereich des sinnlichen Empfindens und Fühlens als ein bisher von der Philosophie «unbestelltes Feld» in deren Zusammenhang hineinnimmt, um so die Wahrheit von Dichtung und Kunst mit der Wahrheit der Philosophie zu versöhnen. Diese Versöhnung hat die Form der Erweiterung der Philosophie durch die Ästhetik; diese tritt als «Wissenschaft von der sinnlichen Erkenntnis», als «gnoseologia inferior» und als «logica facultatis cognoscitivae inferioris» zur Logik als «Wissenschaft von der Lenkung des Erkenntnisvermögens zur Erkenntnis der Wahrheit» hinzu.
So auch Kierkegaard, der im Spielerischen nicht nur Unernst rügt, sondern auch die Freiheit sieht: Wer ästhetisch lebt, sieht so allenthalben nichts als Möglichkeiten; sie machen für seine Existenz, die sich selbst widerspricht, sobald sie in der Wirklichkeit dargestellt werden soll, im Spiel unendlicher Freiheit auch den Inhalt der Zukunft aus.
Mit der Ästhetik nimmt Baumgarten (1714-62) die nicht mehr auf Logik reduzierbare sinnliche Erkenntnis in das System der Philosophie hinein. Damit erhält der «aesthetische Horizont» neben dem «logischen» sein eigenes Recht.
<Schön> ist einmal die Kennzeichnung der Fähigkeit, empfindend und fühlend von dem, was ist, angerührt zu werden und Rührung und Empfindung des Herzens hervorzurufen. Schön denken und rührend denken sind synonym.
In der posthum erschienenen Sciagraphia skizziert Baumgarten eine Astrologie, Wahrsagekunst, Physiognomik, Numismatik,
Emblematik usf. umfassende aesthetische «Wissenschaft der Zeichen» (scientia signorum, characteristica semiologica, die dann in G. F. MEIERS (1718-77) Auslegungskunst aufgenommen wird. Aber diese Ansätze im Ausbau einer allgemeinen Ästhetik als Gnoseologie des unteren Erkenntnisvermögens bleiben ohne Wirkung. (Gott sei Dank, würd' ich da doch sagen ... Allerdings hat auch die Aussage "ohne Wirkung" ihre Ausnahme, welche die Regel bestätigt, nämlich die Theosophie/Anthroposophie)
In der Metaphysik Baumgartens ist Vollkommenheit der Begriff, durch den in der Fügung der Teile und des Mannigfaltigen zur Harmonie und Ordnung Welt als Einheit begriffen wird, in der sie Gottes Vollkommenheit erkennen läßt und mit allen Kreaturen sein Ruhm ist, so daß Einheit «Grund und Brennpunkt» der Vollkommenheit dieser Welt ist.
Aesthetik hat also die Aufgaben, a) die Teile in Harmonie zu fügen, b) als Schönheit die Vollkommenheit von Welt zu vergegenwärtigen:
Ästhetik als Kunst ist also der Philosophie eben so wie der Religion verbunden, weil sie höhere Einsicht produziert, Intuition als direkte Schau des Göttlichen (in uns). Tja, da hätten wir den Salat, denn heute, beim Pluralismus von Kulturen, Werten, Meinungen etc. gibt es DEN Gott oder DIE Religion längst nicht mehr, der hier einigend wirken könnte. - Es gibt aber immer noch die Harmonie - zumindest als Wunschtraum beim Menschen, als optimales Gleichgewicht bei Oekotopen, als stabile Laufbahn der Planeten etcetc.
J. J. ESCHENBURG (1743-1820) versteht sie als Theorie der sinnlichen Erkenntnis des Schönen, Schönheit als sinnlich erkannte Einheit des Mannigfaltigen, ähnlich K. v. DALBERG (1744-1817).
J.H. ABICHT (1762-1816) schlägt vor, statt Ästhetik «Lehre der Gefühlskunst» zu sagen; sie könne ohne eine richtige Theorie unseres Gefühlslebens «nicht Erhebliches» leisten.
Winckelmann (1717-68): Die Schönheit, «höchster Endzweck und ... Mittelpunkt der Kunst» und eines «von den großen Geheimnissen der Natur». .... Wie Gott, zu dem «keine philosophische Kenntnis des Menschen» Zugang hat, brachten die Künstler der Alten in Geschöpfen hervor, die «Hüllen und Einkleidungen bloß denkender Geister und himmlischer Kräfte zu sein scheinen»; sie stiegen von der menschlichen Schönheit bis an die göttliche hinauf.
SCHINKEL (1781-1841): Die wiedererweckte Kunst als ästhetische Kunst wird aus allen Funktionen herausgelöst, die Gesellschaft, Staat, Kult, Institutionen setzen. Sie wird zur «absoluten» Kunst und tritt als «Verkünderin göttlicher Geheimnisse» und «Enthüllerin der Ideen» zu einem «weiten Pantheon der Kunst» zusammen. Als absolute Kunst schafft sie sich ihren eigenen Raum.
> Wir haben hier einen deutlichen Verweis auf die Ideen - als von Gott geschaffenen Entitäten, die dem Menschen Erkenntnis erlauben.
Herder (1744-1803): Aesthetik ist: «Wissenschaft von allen Prinzipien der Sinnlichkeit a priori», sofern sich «alles Denken ... zuletzt auf Anschauungen, mithin bei uns auf Sinnlichkeit beziehen [muß], weil uns auf andere Weise kein Gegenstand gegeben werden kann».
> Das würden wir heute vermutlich sagen, wäre Sache der Psychologie - womit die Aesthetik aber ihre umhüllende, Ganzheit, Gestalt schaffendeKraft verliert.
SULZER (1720-1779) Die Wende, in der das Ästhetische im Zusammenhang der entzweiten Wirklichkeit seinen Grund und seine Funktion erhält, kündigt sich darin an, daß SULZER von der für die Frage der Glückseligkeit der Gesellschaft grundlegenden Zweiheit des Verstandes und des sittlichen Fühlens ausgeht.
Die Trennung von Verstand (abstraktem, logischem Denken) und Gefühl war also damals schon ein Anliegen. Es stellt sich dann eher die Frage, warum, wo und wann die Erkenntnis als Problem uninteressant wurde. Heydenreich erwähnt eben auch veraltete Gesetze und Gebräuche, einen enthobenen Gott, eine Religion, die mit den Alltagssorgen nichts am Hut hat als Problem der Ästhetik:
Heydenreich (1764-1801): Wo die Sitten äußerst zusammengesetzt, die Gebräuche größtenteils nachgeahmt und veraltet sind, wo die Gottheit zu hoch über der vom Verstande und von der Vernunft beherrschten Sphäre unseres Blicks liegt, und die zu unserer Religion gehörenden Sagen «zu abgerissen von der Geschichte unsers Landes und der Verfassung desselben» sind, habe eine «wahre Ästhetik» nach dem Muster der Alten, für die Natur die Schule, die Sinne die Lehrer waren, darzutun, daß «die ächte Vollkommenheit der Künste mit ihrer Nützlichkeit für den Staat im genauesten Verhältnisse steht»
Die epochale Wende geht von KANTS (1724-1804) Kritik der Urteilskraft aus. Sie wird zum «Ausgangspunkt für das wahre Begreifen des Kunstschönen». Auf dem Boden der «unübersehbaren Kluft zwischen dem Gebiete des Naturbegriffs ... und dem Gebiete des Freiheitsbegriffs, ... als ob es viel verschiedene Welten wären», gibt das Ästhetische, dessen Träger die reflektierende Urteilskraft wird, den «vermittelnden Begriff zwischen den Naturbegriffen und dem Freiheitsbegriffe».
Das entspricht den heutigen Grundlagen der Rechtsphilosophie, das gleichzeitige Anstreben von Individueller Freiheit, duldsamer Gemeinschaft, ethischer Gleichheit, dynamischer Strebsamkeit. #
In der politischen Deutung ästhetischer Vermittlung, in deren Umkreis die geschichtspoetischen Utopien der Romantik und noch Nietzsches Gedanke einer aus dem Geist der Musik hervorgehenden künftigen Kultur stehen, wird zugleich der Zusammenhang aufgenommen, in dem Hegel dann die ästhetische Versöhnung als nicht tragfähig zurückweist.
Damit wird dem Reich des ästhetischen Scheins von Schiller der Ort im Zusammenhang der notwendigen natürlichen und sittlichen Zweiheit der Gesellschaft und ihres Staates zugewiesen.
Dieselbe Tätigkeit, die ohne Bewußtsein die reelle Welt der Objekte setzt, bringt mit Bewußtsein die Welt der Kunst als ästhetische Welt hervor
Schelling (1775-1854): In dieser Konstruktion wird Kunst einmal zum allgemeinen Organon der Philosophie. Das Absolute, das die Philosophie «als Urbild der Wahrheit» begreift, ist für Kunst «Urbild der Schönheit»; sie ist deswegen den Philosophen das Höchste, weil sie ihnen «das Allerheiligste gleichsam öffnet».
Musik ist «urbildlicher Rhythmus der Natur und des Universums», Plastik «die objektiv dargestellten Urbilder der organischen Natur», das Homerische Epos «die Identität selbst, wie sie der Geschichte im Absoluten zu Grunde liegt». Die realen lebendigen und existierenden Ideen werden als «Götter» gedeutet; die Philosophie der Kunst führt zu einer Erneuerung der Mythologie, deren Erfüllung allein der «Fügung der Zeit» überlassen werden muß.
Novalis (1772-1801): das Transzendentale sei wesentlich poetisch
Jean Paul (1763-1825): Nachdem das Christentum die ganze Sinnenwelt vertilgte und die idealistische Philosophie die Objekte teils sinken, teils im Ich «wegschmelzen» ließ, baut Dichtung aus der dem Dichter verbliebenen inneren Welt poetisch das «Reich des Unendlichen über der Brandstätte der Endlichkeit».
Erwin über Solger (1780-1890): Kunst wird in ihrem Wesen daher von einer von Solger «Ironie» genannten «Verfassung des Gemüthes» getragen, «worin wir erkennen, daß unsere Wirklichkeit nicht sein würde, wenn sie nicht Offenbarung der Idee wäre, daß aber eben darum mit dieser Wirklichkeit auch die Idee etwas Nichtiges wird und untergeht».
Hegel (1770-1831): «Kein Homer, Sophokles usf., kein Dante, Ariost, Shakespeare können in unserer Zeit hervortreten». Der ausübende Künstler steht in der gegenwärtigen reflektierenden allgemeinen Bildung; er kann davon nicht abstrahieren und sich in der Entfernung von den Lebensverhältnissen eine «das Verlorene wieder ersetzende Einsamkeit erkünsteln» oder sich «vergangene Weltanschauungen wieder, sozusagen, substantiell aneignen» : «Nur die Gegenwart ist frisch, das andere fahl und fahler».
Er kritisiert nicht nur einen bestimmten Typus ästhetischer Phänomenalität und Subjektivität, nämlich innerhalb der Romantik den «ironischen» als Substanz- und wirklichkeitsferne Erdichtung des Scheins – zugunsten einer metaphysisch-ästhetischen Position in Theorie, künstlerischer Produktion und allgemeiner Lebenspraxis, die das Schöne als aus dem subjektiven Geist geborene Erscheinungsgestalt der substanziellen Wahrheit der Objektivität ernst nimmt.
Symbolismus: Boecklin: Insel der Toten -
Ensor:
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Impressionismus:
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Expressionismus: Munch
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Kubismus
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Surrealismus
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Abstrakte Malerei
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noch abstraktere Malerei: op art - damit wären wir allerdings erst bei 1960:
Alex Hay 1968
es kommt dann noch schlimmer ... s. Documenta. Motto: Wie das Leben hat Kunst keinen Sinn. - Also verklackern wir den den Kunden mal. |
Es findet sich in diesen (nicht ganz leicht verständlichen) Zitaten aber doch deutlich der Grund, warum die philosophische Ästhetik bereits vor 150 Jahren den Versuch aufgab, zwischen Gefühlen und Wahrheit vermitteln zu wollen:
Gefühle und Wahrheit sind zwei unterschiedliche Bereiche des Lebens, die sich zwar widersprechen - aber gerade dadurch eine der Spannungen schaffen, die dem Leben seine Energie verschaffen. Das Leben ist immer dort am spannendsten, wo die Spannung am höchsten ist (wie etwa in der Tragödie, wo das Gesollte einen unauflösbaren Widerspruch bildet, ein Paradoxon ohne (schmerzfrei, gewaltlose) Lösung. Man denke etwa an die grosse Spaltung der Menschen in Männer und Frauen. Auch dies wird beklagt (na ja, nicht völlig, nicht in allen Details ...). Man(n) und vor allem Frau versucht den Unterschied einzuebnen, zu verneinen - dabei ist es ja vor allem der Unterschied, der die Anziehung schafft. Wären Männer und Frauen gleich - und würden sich dennoch lieben, müsste man ja den Schluss ziehen, es seien alle Narzissten. Auch bei den Elektronen gibt es ja positive und negative, im Magnetismus einen positiven und negativen Pol - genau wie in der Ethik. Man kann daraus vermutlich den Schluss ziehen, dass es erst die Polaritäten sind, die das Leben möglich (und anziehend) machen.
p.s: Es scheint auch heute noch, bei aller Ungläubigkeit in religiösen Dingen, eine Sphäre zu geben, die direkten Zugriff auf göttliches Wissen, den göttlichen Anteil in uns zu haben scheint: Die Kunst. Diese stellt ihre Weltsicht, Perspektiven, Visionen so gekonnt dar (Kunst solle ja von Können kommen ....), dass sie gleich als ewig gültig auftreten - oder vielmehr als ewige, sogar steigende, finanzielle Werte. Wenn der Preis über die Qualität treffend Auskunft gibt, dann sind die Werke einiger Künstler von so überragendem Gehalt (an was? Geist?), dass ihr Wert dem Lebenswerk von hunderten normaler Bürger entspricht. Hat das nicht irgendwie eine Ähnlichkeit mit überrissenen Managerlöhnen? Auch wenn die meisten Künstler zu Lebzeiten eher darben mussten. Werden hier Werke von Propheten verkauft und gekauft? Sind sie mehr als meisterlich bildhaft gemachte Ideen? Kauft sich der Vermögende ein Stück Kultur, ein Stück Geist - oder freut es ihn primär, dass das Ding so einzigartig ist, dass wenn er es erjagt, kein anderer was gleichwertiges besitzen kann? Oder kaufen Sie sich ein Stück Unendlichkeit? Vergänglicher Unendlichkeit? - Oder gilt Nietzsches Aussage: Die Kunst als «große Ermöglicherin des Lebens» die den «Willen zum Schein, zur Illusion, zur Täuschung» bezeugt: «Wir haben die Kunst, damit wir nicht an der Wahrheit zu Grunde gehn».
Überlegen wir mal systematisch, was die Kunst eigentlich so tut. Kunst schafft ein Werk, sei es schreibend, malend, komponierend oder gestaltend. Dieses Wert drückt etwas aus - oder gibt einen Eindruck wieder. Wir hatten ja bereits im späten 19. JH. den Impressionismus (l: van Gogh), gefolgt Anfang 20. JH vom Expressionismus. Diese Kunst schaft ein Sinn-Bild, einen Sinnzusammenhang, eine Sinnesharmonie, kurzum Schönheit (es sei denn der Eindruck oder Ausdruck grenze ans Apokalyptische.
Die erste Kunst war Abstraktion, war Symbol, zwecks Ergreifens. Wurde dieses Ergreifen zu Anfang durch die Jagd erledigt, so wandelte es sich zunehemends in ein Ergreifen durch Begreifen, durch Darstellung, durch Darstellung im Begriff, also Buchstaben, Worte, Sätze, Gedanken. Die Kunst begann mit der Jagd, dem Sammeln, dem Ergreifen, der Schrift.
Während dem Wissenschaft und Philosophie die kalten Fakten des Daseins durch Abstraktion und Generalisierung zu ergründen suchen, also Wahrheit, Versucht Kunst über eine Abstraktion der Gefühle in Tönen, Lauten, Worten, Bildern und Formen diese selbst auszudrücken, darzustellen. Bei Aristoteles gehörte die Kunst - zusammen mit der Technik - zum Bereich der schöpferischen Philosophie. Kunst soll ja von Können kommen - Können basiert nicht unbedingt auf Wissen, also der Kentniss der letzten Zusammenhänge, bedingt aber auf jeden Fall ein Kennen von Werkzeug, Material und Umgang mit denselben. Zukunftsgestaltung und Entwicklung muss also in der Kunst ihren Ausgang nehmen, denn Wissenschaft (episteme) und Praxis (Ethik, Oekonomie, Politik) determinieren nur Entwicklung aus der Vergangenheit heraus. Nach Gadamer wären es nicht bloss die Künste, sondern eigentlich die umfassenden Geisteswissenschaften, die das Reich des Geistes ordnen und verständlich machen, den Menschen als Handelnden verstehen und ihn im Handeln - ethisch/praktisch-philosophisch - anleiten. Wenig wundert, das Geisteswissenschaften heute etwas leiden ...
Genau im Unterschied zwischen Wissen und Kennen/Können liegt aber die Wurzel der Probleme, die durch die Anwendung von Wissen entstehen (können). Können, also die tecne (Technik, Praxis) macht mal so vor sich hin, wie sie eben kann, aber die Wirkung stellt sich dann, besonders bei komplexen Systemen, erst im Nachhinein heraus, und kann nur als Wirkung erkannt werden, wenn auch die Zusammenhänge bekannt sind, also Wissen besteht, das über Können hinaus geht.
Die alten Symbole wie die Runen, Hieroglyphen, Keilschrift waren oft gleichzeitig magische Symbole, da man sie, wie heute noch im Wodoo, als Stellvertreter des damit bezeichneten Wesens nahm. Erlegte man das Symbol, erlegte man, symbolisch zumindest, die Beute.
Wir haben es also immer mit Bildern zu tun, Bildern als:
Abbild: Bis zur Renaissance brauchte Europa, die perspektivische Darstellung, die nach Untergang Ägyptens und des Römischen Reiches bereits einmal verloren ging, wieder zu entdecken. Filippo Brunelleschi (1377-1446) und Leon Baptista Alberti (1404-§472) waren die Theoretiker, Masaccio (1401-1428, der hatte wirklich nicht lange Zeit ...) und Donatello (1386-1466) dieIm Sinne der Tradition wird allerdings meist genau das herrschende Welt-Bild weiter vermittelt. Und genau darum heisst die Vermittlung von Geist eben auch ... ja, was denn? Bildung.
Martin Herzog, Basel, 31.1.10
p.s: Wenn also die Kunst heute keinen Sinn mehr haben will, so ist das ihre Sache. Das befreit allerdings auch den Layen vor der mühsamen Aufgabe, einen darin zu suchen. Wenn sie ihm nichts sagt, darf er also getrost drauf sch... Das sollte er sich vielleicht mal klar machen. D. h. ihm ist das eigentlich klar, deshalb wird ja der grösste Teil der Künstler durch Sozialämter gefördert. Dabei wäre Kunst eigentlich DAS Gebiet, in dem sich der Mensch gestaltend ausdrücken, Abbild, Sinnbild und Vor-Bild als Anzustrebendes formen kann. Auf dem Gebiet regulieren offenbar weder Marktwirtschaft noch Politik wirklich sinnvoll.