|
Entwicklung
|
Martin Herzog Inselstrasse 62 4057 Basel Tel/Fax: (061) 831 80 15 |
Während die
"Situation" in einer Nussschale auf den Wellen der Zeit treibt, bietet Kultur
die notwendige Orientierung:
Es ist also die Kultur welche Umwelt mit Handlung, Kausalität mit Finalität, verbindet. Die Kultur enthält die Regeln. Aus den Vorstufen Brauchtum und Moral schafft sie Ethik, Normen, Regeln und Gesetze.
Galt noch vor 40 Jahren die Analyse des Anthropologen Parsons, in dessen soziologischem Modell 4 Faktoren unsere Entwicklung bestimmen (Wirtschaft, Politik, Gesellschaft und Kultur), so verschmelzen heute Wirtschaft und Politik - und "die Gesellschaft" meldet sich ab aus der Verantwortung und auch die Kultur gibt ihre Funktion an die Wirtschaft ab.
|
Funktion |
Teilsystem |
Medium |
|
A(adaptation) Anpassung |
Wirtschaft |
Geld |
|
G(goal attainment) Zielerreichung |
Politik |
Macht |
|
I(integration) Integration |
Gesellschaft |
Einfluss |
|
L(latent pattern maintenance) Strukturerhaltung |
Kultur |
Werte |
T.P. Parsons in: Politics and social structures. 1969
Verschiedene Teilsysteme mit unterschiedlichen Steuerungsmedien: Geld, Macht, Einfluss und Werte - geben dem Ganzen eine höhere Stabilität. Gaben, denn mit dem (nicht unbedingt unerwünschten) Verschwinden der politischen Macht wurde Geld auch zum Steuermedium der Politik (Subventionen, Steuererlasse, Förderungen, Abgaben ...). Das Risiko, das sich deutlich abzeichnet ist, dass mit der Übernahme des Steuerungsmediums der Wirtschaft, dem Geld, auch die Zielsetzung der Politik von der Wirtschaft übernommen wird.
Mit dem Teilsystem Gesellschaft und Einfluss steht es nicht besser. Dazu ein Beispiel aus einer traditionellen Kultur: Viele Stammesorganisationen sind recht egalitär organisiert. Der Anführer ist Primus inter pares, der Erste unter Gleichen. Da eine führende Stellung einerseits immer mit Repräsentationspflichten und Kosten belastet ist, andererseits die Akkumulation von Gütern durch ein umfangreiches Beziehungsnetz und die hervorragende Stellung meist erleichtert, waren Korrekturen vorgesehen, denn Reichtum führt nicht nur zu materieller Ungleichheit, sondern meist auch zu entsprechendem politischem Einfluss. Einerseits musste der Führer generös sein, er musste reichlich Geschenke machen. [Beobachten Sie in nächster Zeit mal den neuen Regierungschef Karsai in Afghanistan.] Da dies oft nicht ausreicht, bestand (und bestehen) noch in vielen Stammeskulturen Rituale, in denen Besitztümer zerstört werden: Der Potlach. Derjenige Führer, der am meisten seiner eigenen Güter zerstört, gewinnt das höchste Ansehen. Man mag kritisieren, dass sich die Macht nur vom Geld auf gesellschaftlichen Einfluss verlagert. Vergleichen wir aber diese Situation mit der unsrigen, dann sehen wir mit Leichtigkeit, dass wir in der übleren Lage sind. In unserer Kultur gewinnt an Ansehen nicht, wer sein Eigentum zerstört, sondern es mehrt. Die wirtschaftliche Macht ist also nicht mehr Alternative zur politischen oder zum gesellschaftlichen Einfluss - alle drei basieren auf Geld und addieren sich so. Die eine wird nicht mehr zu Gunsten der anderen abgegeben. Eine weniger positive Wertung dieser Machtkumulation durch die Gesellschaft dürfte heilsam sein.
Erreicht wird so, vielleicht, eine höhere Effizienz im System Wirtschaft. Diese geht aber auf Kosten der verloren gegangenen Funktionen Macht, Einfluss und besonders Werte. Eine funktionelle Trennung ist um so wichtiger, je komplexer das gesellschaftliche und wirtschaftliche System wird. Je mehr Spezialwissen auf dem einen Sektor gefordert wird, desto notwendiger ist ausgleichender Freiraum auf dem andern. Je dynamischer und damit unsicherer ein Sektor wird, desto wichtiger wird eine verlässliche Orientierung, die aus einem andern, weniger chaotischen, Sektor stammen muss. Praxisbezogener formuliert: Je unbeständiger die Wirtschaft, besonders die Arbeitsplätze - desto wichtiger eine verlässliche und vertrauenswürdige Wirtschafts- und Betriebs-Kultur.
Als letzte Hoffnung auf alternative Funktionen und Medien bliebe also die Kultur. Kultur bestimmt:
Von Kultur war erstmals die Rede, als Menschen in der Agri-Kultur begannen den Boden zu bearbeiten. Nach Kant ist Kultur (2) die moralische Setzung und Nutzung seiner Zwecke durch den Menschen. Kultur umfasst heute die ganze Pflege des Geistes, also Sprache, Religion, Ethik, Institutionen (Familie, Staat, Wirtschaft ...), Recht, Technik, Kunst, Musik, Philosophie und Wissenschaft. Kultur dient als Orientierung und Motivation für unser Handeln.
Kultur basiert auf Werten, auf Committment, d.h. auf Engagement und Verpflichtung.
... Schön wär's! Offenbar entspricht dies schon länger nicht mehr der Realität, denn sogar unser Kulturbegriff wurde vom wirtschaftlichen Denken umgeprägt. Erstens wurde Kultur reduziert auf Kunst (und allenfalls Umgangsformen, also normiertes Verhalten).. Zweitens wurde Kultur damit zum Marktprodukt das sich je länger je mehr dem Medium Geld unterordnet.
Denken ist immer an Modelle gebunden. Zuerst müssen Worte, also abstrakte Begriffe gefunden werden, welche die beobachteten Elemente oder Beziehungen symbolisch repräsentieren (> Begreifen). Dann gilt es die Beziehungen und Zusammenhänge zwischen den symbolisch dargestellten Elementen zu erkennen und zu verstehen. Aus unterschiedlichem Sprachgebrauch sowie unterschiedlichen Modellen entstehen enorme Verständigungsprobleme. Soll unterschiedliches Wissen gegenseitig verständlich werden, so muss es in die andere "Sprache" übersetzt werden, auf Grund des Denkmodells des Gesprächspartners formuliert werden. In derartigen kulturellen Uebersetzungen (Modelltransformationen) besteht die Hauptleistung der Entwicklungszusammenarbeit. Diese verlangt also zusätzlich zu Begreiffen und Verstehen die Befähigung, verständlich zu machen, also die didaktische und rethorische Fähigkeit, Verstandenes auch verständlich weiter vermitteln zu können.
Es wäre allerdings zu einfach, diese Spannung auf ein didaktisches Problem reduzieren zu wollen. Es steht auch ein Machtproblem dahinter. Für einen offenen Dialog darf keine hierarchische Abhängigkeit bestehen, wie sie zwischen Lehrer und Schüler, Therapeut und Patient, Spender und Unterstütztem meist der Fall ist. "Mein Modell", Diagnose und Empfehlungen des Analytikers, Beraters, Entwicklungshelfers, muss für den Dialog neben, nicht über das eigene Modell, das Selbstbild, der Beratenen (z.B. die Vorstellung darüber, was Entwicklung bedeutet in einer Gemeinde, einem Betrieb oder einer Organisation) gestellt werden.
Reelle Systeme sind immer offene Systeme, hängen also von einem oder mehreren äusseren Einflüssen ab. Wollen wir Wissen im Dialog klären und werten, so muss auch klar sein, welcher Art diese Einflüsse sind, insbesondere an welche Ziele, Orientierung und Motive das Denk-Modell gebunden ist. Denkmodelle bei denen nur interne Definitionen und Einflüsse als wichtig erachtet werden, müssen aus einem Kloster, autonomen Bauerndorf, religiöser, wissenschaftlicher oder wirtschaftlicher Sekte stammen. Für die Durchsetzung beschränkter Wissenskonzepte sind reduktionistische Modelle sehr beliebt, denn sie sind einfacher zu erklären. Leider gilt gerade für die komplexen sozialen, politischen und wirtschaftlichen Beziehungen: Je einfacher das Modell - desto weiter weg ist es möglicherweise von der komplexen Realität. Je komplexer das System, desto einfacher ist es, einfache, aber widersprüchliche, Antworten zu geben. es ist bekannt, dass an Hand der Bibel wie des Korans sich praktisch alles, sowie das Gegenteil, belegen lässt. Fundamentalisten jeder Couleur, auch Wirtschafts- und Polittheologen, verbreiten den Glauben an ein absolutes, einfaches (trotzdem oft eher verworrenes und verwirrendes) System, das a priori gilt und nicht veränderbar ist. In Betrieben tritt dies auf in der Form von "Betriebsblindheit": Wir sind die Besten, wir sind die einzigen, wir brauchen niemanden - aber die Welt braucht uns.
Zeit und Entwicklungszyklen: Oft ist diese Verkrustung (Wissensmässig ein Übergang zur Scholastik) auf Alterungsprozesse zurückzuführen, die bei Firmen ebenso auftreten wie bei Personen und politischen Organisationen. Die Werte werden dabei oft gerade umgepolt, etwa von Abenteuer und Herausforderung etwas Neues zu wagen" - zu Sicherheit, mit dem Motto: Bloss keine Wellen schlagen!
|
wachsende Organisation |
alternde Organisation |
|
Risiko führt zu Erfolg |
Risikovermeidung führt zu Erfolg |
|
Funktion kommt vor Form (form folllows function) |
Form kommt vor Funktion: Formalität in Kleidung und Umgang |
|
Was wird wie getan |
Wer macht was und wie (Gartenzäune, Cliquen, Herrschaftsbereiche). Kann so weit gehen, dass Paranoia regiert und die betrieblichen Probleme reduzieren sich dann auf: Wer hat wann was gesagt - und warum hat er dies bloss getan! Korrekte Abläufe werden wichtiger als Effizienz und Innovation. |
|
MitarbeiterInnen werden wegen ihrer Beiträge und trotz ihrer Persönlichkeit angestellt. |
Mitarbeiter werden wegen ihrer Persönlichkeit, trotz ihrer Beiträge, im Betrieb behalten. Es besteht die Chance befördert zu werden, ohne was getan zu haben (vor allem nichts, was den üblichen Betrieb stören würde). |
|
Aus Problemen ergeben sich Chancen |
Chancen verursachen Probleme |
|
Verantwortung stimmt nicht mit Position überein. |
Position stimmt nicht mit Verantwortung überein |
|
Management kontrolliert die Organisation |
Organisation kontrolliert das Management |
|
Management gibt Impulse |
Management ist durch Spannungsfelder neutralisiert |
|
Produktionsorientiert |
Verwaltungsorientiert, geringe interne Innovation. Die grandiose Vergangenheit verdeckt gegenwärtige Probleme und zukunftsgerichtetes Denken. |
|
Ziel: Mehrwertschöpfung |
Ziel: Macht. Das Gerangel um Positionen und Machtbereiche wird wichtiger als Markt und Kunden |
|
Consultants sind nötig (Konsens schaffende Berater). |
"Insultants" sind nötig (auf vorhandene Widersprüche aufmerksam machende "Beleidiger", Spalter fauler Kompromisse). |
frei nach: www.unisa.ac.za/dept/jepa/staus1.html
Auswege: Je komplexer ein System ist, über desto mehr alternative Reaktionsmöglichkeiten muss es zur Selbsterhaltung verfügen. Es geht also nicht darum, klare Entscheidungen für jeden Einzelfall bereits zur Verfügung zu haben. Es geht darum, bei Krisen nicht in der Entweder-Oder Situation stecken zu bleiben sondern "gewinnbringende" (nicht bloss kommerziell gemeint) neue Lösungsfelder zu erschliessen: Wie lässt sich das innovative Aussen-Modell (oder Fremd-Diagnose) am besten mit dem traditionellen Innen-Modell (Selbstbild) verknüpfen. Dies ist eine Konfliktsituation. Man tut der Entwicklung keinen Gefallen, wenn man derartige Widersprüche unter den Teppich kehrt, denn sie werden das Projekt früher oder später zum Scheitern bringen, sollte die Lösung über Verdrängung des Konfliktes gesucht werden. Zur Verbreitung alternativer Ideen und Konzepte dürfte gerade das Internet ein äusserst geeignetes Medium sein. (s. Internet-Journalismus).
Die Grundfragen dieses Schrittes sind:
1 Muss etwas getan werden?
2 Kann etwas getan werden?
3 Was soll getan werden? Verbunden mit den praktischen Fragen: Wer, wie, wann, wo ...
Die Aussage: Handeln, nicht Denken dürfte dabei genau so wenig intelligent sein wie ihr Gegenteil. Handlung ohne Grund und Hintergrund ist genau so unergiebig wie eine noch so "perfekte" Theorie ohne Beziehung zur Realität. Theorie und Handlung sind so kein Widerspruch, sondern sich ergänzende Pole. Das Problem heisst also nicht: Theorie oder Praxis, sondern: Wo brauchen wir theoretisches Wissen - wo praxisbezogenes - und wie kommen wir zu einem passenden und verständlichen Modell der Situation.
Theoretisches Wissen muss generelle Aussagen erlauben, muss logischen Gesetzmässigkeiten genüge tun, muss belegbar oder, nach Popper, widerlegbar, sein. Wissen das für die Praxis relevant sein soll muss situationsbezogen sein und auf praktische Probleme anwendbar sein. Gerade weil es angewendet wird, muss praktisches Wissen auch unter der zusätzlichen, "unwissenschaftlichen" Perspektive der Werte betrachtet werden..
Handlungsanweisungen können und dürfen also weder Recht noch Aufgabe der Wissenschaft sein, so lange sich diese als wertfrei betrachtet, denn Handeln ist an Werte und Werten gebunden. Wissenschaft kann bloss Handlungsempfehlungen geben - die Wertung muss sie Gesellschaft und Politik überlassen, die das wissenschaftliche Wissen mit religiösem, ethischem und kulturellem wie Alltags-Wissen vergleicht.
Wenden wir für die Entwicklungsforschung eine Wissenschaft an, die sich als
offene Suche nach wirksamen Zusammenhängen betrachtet (man erinnere sich an
Prof. Feierabend), so kann man etwa darauf kommen, dass sogar für
Waldbewirtschaftung in gewissen Regionen die Religion bedeutender sein kann als
der Wirtschaftsplan des Forstamtes:
![]() The FETWAS of Qadi Zabara: An Islamic base for environmental protection. |
Martin Herzog, vergessen wann, so ca. 2000