Topik
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s. auch
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Eine
archaische Forschungsmethode
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zur Erschliessung des Gemeinsinns.
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Martin Herzog
1995
A)
Definition )
| Topik handelt von den Örtern des Denkens, von Gesichtspunkten,
Argumenten, Motiven, "Gemein-Plätzen", - von den einer Gesellschaft
gemeinsamen Denkstrukturen, den objektivierten Denkmustern. Sie verlangt
nicht nach der absoluten Wahrheit, sondern begnügt sich mit der Wahrscheinlichkeit
von Wahrheit. Exaktheit wird nur soweit als notwendig erachtet, als das Problem
sie verlangt. Wichtiger ist für die Topik die vollständige Erschliessung
des natürlichen Gemeinsinns, als die wissenschaftliche Abgrenzung und
Eindeutigkeit. Sie sucht Wahrheit in Bereichen die der Wissenschaft
verborgen sind oder allenfalls am Rande liegen wie die Wahrheiten der Religion,
Philosophie, Kunst und Geschichte. Sie sieht wie
Buber den Dialog als
den Weg der Wahrheit, ergründet die argumentativen Bedingungen der Konsenserstellung.
Sie ist die Kunst des aufeinander Eingehens, des miteinander zu Rate gehens.
Sie ergründet die handlungsanleitenden Regeln, was sie stark der Ethik
verbindet. |
Ihre eher explorative, heuristische Richtung
macht sie speziell geeignet für Untersuchungen die entweder in grosser Eile
oder dürftigem Sachwissen (man erkennt bereits die Nähe zum RRA [rapid rural appraisal) durchgeführt
werden müssen, oder aber wo das Verständnis für die Situation und den
Horizont des Denkens bedeutender ist als Sachwissen, was speziell im
Hinblick auf Akzeptanz und Partizipation der Fall ist. Die wissenschaftliche
Weiterentwicklung der Topik wäre die Hermeneutik, von Gadamer ebenfalls
als Weltanschauung, Perspektive, die Weisheit der Alten bezeichnet.
Da Topik das Strukturmodell gesellschaftlicher
Kommunikation darstellt, ist sie auch die Vorstufe der Ethnologie (speziell in
der Form des
Strukturalismus).
Topoi sind tradierte Muster, sie geben Hinweise
auf die herrschende Meinung der Zeit. Sie sind ein praxisbezogenes Arsenal
lebensweltlicher
Erfahrungen, kurrenter Ideen und Interessen, jedoch auch von
Dogmen und Ideologemen,
denkbaren Träumen und Zielen einer Gesellschaft.
Wo Topik die Grenzen des Denk- und Machbaren
zeigt, dient sie als Ideologiekritik, zeigt sie die Notwendigkeit einer
"Bewusstseinserweiterung". Dadurch dass sie uns die ganze, nicht nur
die wissenschaftliche, Breite des Denk- und Machbaren zeigt, erweitert sie
unser Erkenntnis- und Handlungspotential, gibt uns soziale Gewissheit,
Souveränität, Kompetenz und Überzeugungskraft.
B) Das Verhältnis der Topik zu Philosophie
und Wissenschaft.
Denk- und Zeiträume sind eingebettet zwischen:

Philosophie und Wissenschaft
suchen nach Wahrheit und Sachlichkeit.
Die Forschung beschäftigt sich mit dem was ist, nicht mit dem was sein soll (Ethik)
oder sein könnte (Utopie). Die Philosophie hat es mit dem Zusammenhang
von Aussagen zu tun, die wahr oder falsch sein können (oder gegebenenfalls wahrscheinlich),
die Rhetorik mit dem Überzeugen anderer."
| Die wissenschaftliche Frage ist die geschärfte
Frage, die analysierbar ist und von der eine klare, wahre (oder zumindest
überprüfbare und widerlegbare) Antwort zu erwarten ist. Dieser Ansatz
beschränkt die möglichen Fragen und die Antworten gewaltig. Viele, und vor
allem die wichtigste Frage des Sein-Sollens, die Frage nach der
Verwirklichung des Sollens in der Zukunft, lassen sich nicht wissenschaftlich
stellen. Das heisst auch, sie lassen sich nicht allgemeinverbindlich und
global formulieren. |
Bereits im Bereich des Seins sind die Antworten
der Wissenschaft begrenzt, denn sie stellt nur die Fragen, die ihrer Methode
zugänglich. Wahrheit findet sich aber nicht nur in der Wissenschaft, sondern
auch in Kunst, Religion (Offenbarung und Schau: Gnosis) und Dialog.
Durch die Begrenzung auf die wissenschaftliche Art des Fragens verlieren
wir Wahrheit. Vor allem haben wir keinen Zugang zu der höchsten Wahrheit, der
göttlichen. Bis zum Ende des Mittelalters war die Frage nach dem Sein und dem
Sollen vorwiegend eine theologische Frage. Die Säkularisierung dauerte in
Europa immerhin vom 12. zum 15. Jahrhundert! In den islamischen Ländern hat
sie zumeist noch nicht stattgefunden oder ist gar wieder im Abbau begriffen.
Ein weiterer wichtiger Punkt worin sich die
Situation der Wissenschaft in islamischen Ländern von der
euroamerikanischen unterscheidet, ist das soziale Umfeld.
Die
mittelalterliche Wissenschaft hat sich parallel zur
Entstehung der
Städte (speziell Norditaliens), des
Handels und Verkehrs
entwickelt. Sie wurde öffentlich auf den Gassen gelehrt. In den meisten
islamischen Ländern existiert eine städtische Sozialstruktur nur in den Hauptstädten.
Und Wissenschaft war seit der Glanzzeit der Abbasiden keine öffentliche
Angelegenheit mehr - ganz im Gegensatz zur Religion. Mit der Erfindung des
Buchdrucks wird die Wissenschaft in Europa
schriftlich. Die Vergangenheit
wird zugänglich gemacht,
Autoritäten
werden kommentiert und kritisiert. Die
sachliche Wahrheit wird wichtiger als die Autorität der Person. Diese Entwicklung
hatte entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Gedankenwelt. Vico
hatte das folgendermassen gar als Gesetz formuliert: "
Die Ordnung der
Ideen muss fortschreiten nach der Ordnung der Dinge. ... Die höchste Ordnung
der menschlichen Dinge schritt so vorwärts: zunächst gab es die Wälder, dann
die Hütten, darauf die Dörfer, später die Städte und schliesslich die
Akademien."
Mit der
Renaissance befreit sich die Wissenschaft
von der Religion und der Autorität der Vergangenheit. Sie wendet sich
rational
- aber noch nicht intellektualistisch -der Gegenwart zu. Aber der Wissenschafter
zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück. Bis zum 17. Jahrhundert
(Descartes) wird Rhetorik völlig durch Dialektik ersetzt.
Die Lehre von der
reichhaltigen, der wahrscheinlichen Sprache wird durch den Bericht über das
Wahre verdrängt. Der Drang nach Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung fegt die
traditionellen Schranken des Zugriffs auf die Welt, vor allem die religiösen,
weg. Prometheus, der Himmelstürmer wird zum Vor-Bild der Menschheit.
Der Erkenntnisfortschritt bleibt allerdings auf
das Materielle beschränkt. Was die Weisheit betrifft, so können wir immer noch
bei den Griechen in die Schule gehen. Durch die Beschränkung der Forschung auf
das Überprüfbare, Falsifizierbare wird Metaphysik nicht nur beiseite geschoben,
sie wird zum Feindbild der Wissenschaft. Diese Wissenschaft die ihre Objekte,
ihre Sachen, beliebig zergliedert und re-kombiniert, verdankt ihren Erfolg
der Beschränkung, der "Ausblendung von zur Zeit uninteressanten Aspekten"
). Sie wird
dadurch aber notwendigerweise perspektivisch, also einseitig! Unbestritten
erzielte sie enorme Erfolge im materiellen Bereich. Sie schuf nicht nur
Erkenntnis, sondern Produke. Der Mensch wurde zum Schöpfer, er konnte die
Zukunft nun nicht nur prognostizieren, sondern er konnte sie planen, er
konnte sie machen (- dachte er. Was er aber schlussendlich machte, waren nur
Produkte, Verbrauchsgüter - und nicht die Zukunft.)
>Durch die vielen Einzelperspektiven ging der Gesamtüberblick,
der Zusammenhalt und die Kernfrage der
Ontologie (: was sind wir - was
sollen wir tun) immer mehr verloren. Wissenschaft ist wirklichkeitsfremd,
sie ist zu einer isolierten Kunstwelt geworden.
Aus der Perspektive dieser Wissenschaften ist die
Topik keine Wissenschaft, sondern
Vorwissenschaft, allenfalls
Heuristik.
Sie entstammt der rethorischen Phase griechischer und Mittelalterlicher Wissenschaft.
Ihre unbestreitbare Bedeutung hat sie dort, wo Auslegung von Text den
sozialen
Kon-Text bedingt wie z. B. bei gesetzlichen Texten als handlungsanleitenden
Texten. Sie liefert Prämissen als Entscheidunggrundlage. Im Alltagsleben
müssen wir täglich Entscheidungen treffen - ohne die Möglichkeit zu haben,
diese wissenschaftlich abzusichern. Wir leben nicht in einer fixen Welt, das hiesse
Leben in der Vergangenheit (das Ideal mancher Fundamentalisten) und wir müssen
uns gewisse Vorstellungen über unsere Zukunft machen. Wir können nur in begrenztem
Rahmen gesicherte Erkenntnis über zukünftige Entwicklungen gewinnen
(Prognosen). Wo aber der schöpferische Geist, das
INGENIUM (
Ingenieur!)
und die
PHANTASIA Zukunft aktiv gestalten wollen, müssen
gesellschaftlich anerkannte Gesichtspunkte und Horizonte als Grundlage
dienen.
>Wittgensteins berühmte Aussage:
"Worüber
man nicht reden kann, darüber muss man schweigen" ist interkulturell
und über die Zeithorizonte anzupassen. Jede Gesellschaft hat andere
Sprachstrukturen (grammatisch und semantisch). Wittgenstein bezog sich
vermutlich vor allem auf die Rede über Transzendentales, wo der Dialog
stumm ist, Gottes Wort als Zeichen aufgefasst wird. Im Islam allerdings gilt
Gottes Wort (der Koran) als ewig und geschrieben. Es lässt sich also auch
darüber sprechen. Und es stellt die höchste Wahrheit dar. Auch die Bibel sagt schliesslich:
"Am Anfang war das Wort." Dieses Wort aber war das Wort Gottes.
Im Islam ist die
wissenschaftliche
Wahrheit der göttlichen nur bei-, ja untergeordnet - und für die persönliche
Entwicklung unbedeutend.
Bedeutend allerdings ist sie, und das
sogar für Ibn Rushds Gegner Khazali,
wenn sie zur gesellschaftlichen
Entwicklung beiträgt.
Auch
Vico, der meistzitierte Topiker,
sagte: "
Wer nicht wahrhaft fromm ist kann nicht wahrhaft weise sein."
Er war der letzte, der die Topik noch im 17/18 JH verwendete. Verständlicherweise,
denn er war Professor für Rhetorik und vertrat die Grundsätze:
- Besseres Wissen verpflichtet zum
Handeln!
- Bildung beruht auf Tradition!
- Neben
dem objektiven Zugang zu Kulturen ist auch die subjektive Dimension von
Bedeutung.
Dies, speziell die letzteren zwei Punkte, sind
eigentlich Grundsätze, die sich die EZ zu eigen machen müsste. Da sie
besseres Wissen vermitteln will muss sie auf die Traditionen eingehen (und
Traditionen sind nun mal lokale Traditionen und nicht weltweit verbindliche).
Speziell das Eingehen auf Personen anstatt auf Dinge geht der verwaltungsorientierten
EZ ab.
Definition Vernunft nach Meyers grossem Taschenlexikon:
Das Denkvermögen, die Einsicht; in der Philosophie nach Kant das Vermögen der Ideenbildung, die geistige Fähigkeit des Menschen, alle Einzelerfahrungen auf regulative Ideale wie Welt, Seele, usw. hin zu orientieren und sie dadurch zu einer Gesamterfahrung zusammenzuschliessen. Die Vernunft ist als oberstes Erkenntnisvermögen dem Verstand übergeordnet.
__________________________
Kurzdefinition Herzog:
Vernunft ist eine bestimmte (d.h. damit auch systematische und konsistente) Art und Weise des Denkens, das Bewerten und das Ziehen von Schlüssen mit einbezieht.
___________________________
Erweiterte Definition Herzog:
Vernunft verbindet einen gegebenen Text (Problem, Aufgabe, whatsoever) mit dem dazu gehörigen Kontext (das ist die in den lokalen common sense eingebundene Vernunft) - und gibt der Lösung, als vernünftige, eine spezifische Ausrichtung, einen Sinn, Zweck oder Orientierung (das ist die an Werten orientierte - aber prinzipiell freie, Ideen formende Vernunft.)
|
Die
Empathie, das sich in die Innenseite
der Akteure versetzen können, ist die Stärke des guten Redners, und die
Stärke des guten Stammeschefs. Womit wir wieder bei der Entwicklungszusammenarbeit
wären und der Bedeutung der
Topik als praktische Philosophie für
dieselbe.
Wollen wir eine Gesellschaft entwikeln, müssen wir zuerst wissen,
worüber wir reden können. Dann wissen wir auch was wir tun können, wie wir be-raten
können. Wir müssen die der Gesellschaft eigene, spezifische Vernunft kennen und
berücksichtigen.
B1: Entwicklung als Forschungsziel:
Prä-, Inter-, Trans- oder Para-Disziplinarität?
Das disziplinäre Vorgehen führt zu einer fragmentierten
Anschauung. Diese ist bereits bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit
Organismen ein Problem, da das Lebewesen als Ganzes funktioniert und nur als
Ganzes ein Organismus ist. Bei Problemen die von grundverschiedenen
Wissenschaften, also Natur, Geistes- und Sozialwissenschaften gemeinsam
bearbeitet werden, wie etwa der kulturelle Umgang mit der Natur, werden die
Beziehungen und Verständigungsprobleme noch komplexer. Die echte Interdisziplinarität
beruht auf echtem geistigem Zusammenhang, auf der Einheit im Gegenstand
und in der Methode, auf der Einheit wissenschaftlicher Rationalität.
Kröger u. Seiler
)
bezeichnen das Resultat interdisziplinärer Forschung als Fondue - nicht als
Käseplatte. (Vergleichbar dem Selbstbildnis New Yorks als "Melting pot
or tossed salad"?).
Ansätze zu einer interdisziplinären Reintegration
basieren meist auf der Anwendung einer oder mehrerer dieser drei Brennpunkte:
-
Problem, Projekt
-
Leit-Wissenschaft
-
Person
Interdisziplinarität soll auf
gemeinsamem Denken
beruhen, nicht auf dem "Zusammenheften" mehrerer Teilansichten. Das
wäre
Multidisziplinarität - häufigstes Resultat interdisziplinärer
Konsulententeams!. Auch das transdisziplinäre Vorgehen, bei dem hierarchische
Ziele durch eine Hierarchie der Leitdisziplinen verfolgt werden, löst das
Problem der ganzheitlichen Anschauung nicht. Die Koordinations, Kommunikations
und Kooperationsprobleme, die eigentlich Übersetzungsprobleme sind, bleiben.
Meist sind sie nur zu lösen über eine Person, welche die Fähigkeit hat, die
unterschiedlichen Aspekte und Sprachen in eine Gesamtschau umzuformen.
Die
Intradisziplinarität, wo
Übereinstimmung in Forschungsfrage und Problem herrscht, ist ein Spezialfall,
wo eigentlich nur verschiedene Fachgebiete zusammenarbeiten - nicht unterschiedliche
Disziplinen.
Häufig lässt sich die Einheit des Konzepts auch
bereits durch eine Wiederherstellung der alten Disziplinarität erreichen, durch
einen Rückgriff auf ältere Wissenschaftskonzepte. Man muss da nicht immer bis
zu den Griechen zurückgehen!, denn, wie Kocka
)
feststellt: "Gegensatz zur Interdisziplinarität ist nicht in
allen Fällen Disziplinarität, sondern Spezialisierung um jeden Preis."
Nehmen wir als Beispiel die
Humanökologie.
Eigentlich müsste sie die Grundlagen zur Verfügung stellen, wie der Mensch mit
der Natur umgeht und umzugehen hat. Effektiv erfasst sie handlungsorientiert
die Mensch-Umwelt-Interaktionen. Sie versteht sich als "hermeneutische
Soziologie, als explorativ beschreibende, heuristische, transdisziplinäre
Synthesewissenschaft die Natur- und Menschenwissenschaften verbindet".
Sie will das sozio-kulturelle System auch ethisch-normativ erfassen.
Besonders der transdisziplinäre Aspekt kommt in der Definition
) deutlich zum
Ausdruck:
Human ecology is an holistic,
integrative interpretation of these processes, products, orders and mediating
factors that regulate natural and human ecosystems at all scales of the earth's
surface and atmosphere. It implies a systematic framework for the analysis
and comprehension of three logics and the interrelation between their
constituents using a temporal perspective. These three logics are:
-
A bio-logic, or the orders of
biological organisms.
-
An eco-logic, or the order of inorganic constituents (e.g. water, air, soil and
sun).
-
A human-logic, or the ordering of cultural, societal and individual human
factors."
Diese Definition macht auch sofort deutlich,
warum Humanökologie in einer Gesellschaft ohne eine entwickelte Wissenschaft,
ohne das intellektuelle Stratum der Wissenschafter, wenig Sinn hat. In der
archaischen Gesellschaft ist das Weltbild ein (noch mehr oder weniger)
einheitliches. Die Bio- und Öko-Logiken bestehen nicht. Es gibt die göttliche
Norm und die menschliche Logik. Es gibt
eine Wirklichkeit, die
allenfalls durch die soziale Schichtung differenziert wird. In diesem Rahmen
wird gedacht und gehandelt. Er formt das Stratum der
Vernunft, dessen was als
rational zu betrachten ist. Das Fehlen einer wissenschaftlichen Tradition
(abgesehen von Religionswissenschaften) macht die Einführung von Spezialdisziplinen
zu einem heil-losen Unterfangen. Die Erziehung und Ausbildung von wissenschaftlichen
Spezialisten bedeutet die Erschaffung einer kulturfremden gesellschaftlichen
Schicht, eines sozialen Fremdkörpers. Damit sind Integrationsprobleme
prädisponiert. Der Erkenntnisdrang wird durch die angelernte Methode auf
Spezialitäten fokussiert, die zu den realen Problemen der Gesellschaft
keinen Bezug haben. Lösungs-Methoden werden (im euro-amerikanischen Erziehungssystem)
gelernt, und erst dann wird die Frage gesucht, die sich damit beantworten
lässt.
Das Problem der Integration verschiedener disziplinärer
Anschauungen haben wir bei uns ja noch nicht gelöst, wollen wir es jetzt den
Entwicklungsländern aufbürden? Dazu kommen die Kosten für ein
Multi-Spezialisten-Team! Nach Bormann/Kellert (p. 123) sollten in einem
interdisziplinären Team das Probleme der Umweltbewirtschaftung bearbeiten
will, folgende Disziplinen vertreten sein:
-
Geologie / Hydrologie
-
Ökologie
-
Planung / Ingenieurswesen
-
Ökonomie / Politik / öffentliche Verwaltung /
Recht
-
Soziologie / soziale Psychologie /
Gemeinschaftsarbeit
-
Gesundheit
-
Ethik
-
Kommunikation / Informationssysteme
Wir benötigen also 16 Experten! Wenn wir
multiple Begabungen annehmen wie in der obigen Tabelle gruppiert, dann sind
immer noch 8 Spezialisten nötig!
Jeder beinahe ein Genie ):
"
Each of these participants
should be familiar with the language and fundamental concepts of the other
disciplines represented, able to communicate his or her insights to nonspecialists,
and experienced in multidisciplinary decision making. The team leader should be
a capable environmental generalist as well as a trained and experienced
facilitator."
Wo werden solche Leute heute ausgebildet? In den
USA jedenfalls nicht (Bormann/Kellert!), und im Nahen Osten auch nicht. Nach Vicos
"Ordnung der Ideen" (s.S. 10) befindet sich Jemen immer noch im
Stadium der Hütten und Dörfer - nicht aber der Städte und schon gar nicht der
Akademien. Die verschiedenen Spezialisten existieren nicht. Es wäre ihnen in
dieser Gesellschaft auch kaum eine Aufgabe zuzuschreiben (und zu bezahlen!).
Andererseits hat der Jemen eine Menge anstehender Probleme deren Lösung
dringend ist (unter anderem die Umwelt). Und er sollte diese Methoden verwenden
die diese Probleme lösen, und zwar so lösen wie diese Gesellschaft sie lösen
kann und nicht unsere. Fachberichte von Spezialisten, auch wenn sie einfacher
Art sind wie Forstinventare und Bewirtschaftungsempfehlungen, landen nur in
Archiven (oder an noch düstereren Orten). Resultate und Empfehlungen müssen
thematisiert, sie müssen zum Topos gemacht werden, sie müssen ins Gespräch
eingebracht werden. Wer da denkt, das Geschriebene und das Gesetzte sei die
Lösung des Problems, der denkt falsch.
B2) Probleme mit der topischen Methode
Topik ist nun aber doch nicht das "non-plus-ultra".
Wie Zwikys Morphologie gibt sie Ansätze zur Lösung aller Probleme - sie kann
aber auch eines sein. Topische Forschung kann, ja sie muss beinahe, zu
"Datensalat" führen, da das Denken nicht in wissenschaftlich
disziplinierten Bahnen festgelegt ist. Sie hält sich an keine festgelegten
Denkverfahren, will den ganzen
Denkraum abschreiten um alle Positionen
und Horizonte zu erfassen. Das Ergebnis ist am ehesten vergleichbar mit
den Zettelkästen der Ethnologen. Unmengen an Daten die alle irgendwie zusammenhängen
aber durch die Komplexität sehr schwer darstellbar werden. Topisches Denken
ist ganzheitliches Denken das Fülle schafft. Aber auch beim ganzheitlichen
Ansatz muss das Wuchern der Daten irgendwann begrenzt werden. Die Praxis
zwingt zu einem Kompromiss zwischen Vollständigkeit und Anwendbarkeit.
Der Satz von Popper:
Was sich klar denken
lässt - lässt sich auf klar sagen, bedingt, dass ein
Kondensationspunkt
gewählt wird, ein Problem, ein Ziel oder eine
Strategie die uns
erlaubt eine klare Linie durch die Komplexität der lebensweltlichen Information
hindurchzulegen.
Wollen wir Klarheit, sind wir gezwungen zur
Beschränkung, sonst produzieren wir wie die Scholastiker: Worte ohne
Zusammenhang, Begriffe ohne Verstand.
Die Auswahl, die Entscheidung für eine
spezifische Darstellungsart und damit für spezifische Zusammenhänge kann
aufgrund verschiedener Wertungen erfolgen:
Gesellschaftliches
Selbstverständnis, "common-sense" und Vernunft: Das ethische und politische Ideal
wäre die Entscheidung durch die Gesellschaft im Sinne der "policy
formation". Eine gemeinsame, partizipative
Gestaltung der Zukunft,
eine
® Wahl der Vor-Bilder im Dialog.
Politik: Weil Politiker überzeugen müssen, wo sie
Ziele setzen und steuernd eingreifen wollen, war Rhetorik seit jeher ein wichtiges
Werkzeug. Sie hat allerdings zwei Aspekte. Erstens die verständliche Darlegung
von Zusammenhängen, zweitens das Überzeugen, Überreden. Wo der Aspekt des
Entscheidens der Bevölkerung durch die Regierung und ihre beratende Experten
entzogen wird, bleibt derr Rhetorik nur die Propagandafunktion.
Ästhetik: Neben der Klarheit und der
Zielgerichtetheit der Rede, das wichtigste Element der Rhetorik. Das Risiko
besteht darin, eventuell nur schöne Worte, aber keinen Sinn (leeres Geschwätz;
qalam fathi) zu erzeugen, dass die Verzierungen über den Gehalt
dominieren - was nicht nur im Jemen das Risiko der politischen Rede ist!
Selbst habe ich eine analytisch vollständige
Darstellung der Sachverhalte in ihrer Widersprüchlichkeit gewählt,
dargestellt als qualitativ-verbales, systemorientiertes Modell
). Da das Ziel
der Arbeit war, diejenigen kulturellen Aspekte herauszufinden, die eine
Verbesserung der Einstellung zur Umwelt erlauben, ein steuerndes Eingreifen in
das etablierte sozio-kulturelle System, lassen sich die Resultate als
kybernetisches Modell darstellen. Während der Historiker Burckhardt Geschichte als
Folge der Interaktion der Kräfte (Mächte) Religion, Gesellschaft,
Staat beschrieb, musste ich mein Modell, da es um den Wald geht, um den
Faktor Natur erweitern.
Als Alternative wäre die
synthetische Darstellung
in Frage gekommen. Eine Darstellung in Geschichtsform, zentriert auf den
Höhepunkt des täglichen Lebens, was für den Jemen ganz klar die Qat-Sitzung
ist, wo sich die männliche und weibliche Bevölkerung (in getrennten Räumen!)
von zwei Uhr nachmittags bis in die Nacht dem Palaver widmen. Auch diese
Darstellung würde vermutlich auf Widerstand stossen, da die anregende Wirkung
des Qat als Droge überschätzt und in Diskussionen überbetont wird, während die
soziale Funktion der Zusammenkünfte oft vergessen und auf jeden Fall
unterschätzt wird. Dennoch führt das sogar bei den Jemeniten zu einer Art
"schlechtem Gewissen", so dass es den Qat offiziell gar nicht gibt,
sogar für jemenitische Soziologen. Denn der Aufwand an Zeit (mit 4-6 Stunden
entsprechen dem für die Arbeit!) und Geld (schätzungsweise 1/3 der Gehälter)
sind unverständlich, unvernünftig, wenn nicht gar absurd - aus der Sicht einer marktorientierten
Leistungsgesellschaft. Die Propheten des Weltmarktes vergessen aber, dass
die Produktivität des Jemen, die hautsächlich von Wasser und Niederschlägen
abhängt, bereits ziemlich vollständig genutzt wird. Mehrproduktion wird
Über-Nutzung der lokalen Ressource, vor allem der Grundwasservorräte (während
die Mehrproduktion auf dem Welt-Markt Übernutzung der Welt-Resourcen ist).
Eine "Tiefe Beschreibung" der Jemenitischen Kultur im Sinne von
Geertz (symbolischer Interaktionismus) müsste sich mit der Qat-Sitzung
befassen, die für den Jemen dieselbe zentrale Bedeutung hat wie etwa für Bali
die Hahnenkämpfe.
C) Situationsanalyse als
Grundlage der Handlung
Handlung ist keine Reaktion auf
"wahre Erkenntnis" oder sonstige Reize
, sondern Handlung ist freie Entscheidung
nach Gründen. Handlung ist kein bedingter Reflex, sondern sie ist kontingent,
zufällig, frei, d.h. sie kann so oder so ausfallen. Entscheidung und Handlung
können erfolgen - oder auch unterlassen werden. Entscheidungen werden im
Normalfall nicht durch rein sachliche Zusammenhänge kausal bedingt. (Der sogenannte
Sachzwang bildet da allenfalls eine Ausnahme!) Sondern Entscheidungen für
oder gegen eine Handlung fallen aufgrund von Intentionen und Motiven.
Die Topik dient prinzipiell bei drei Strategien:
- Strategie
der Erkenntnis: Auswahl der Felder die für die Problemlösung von Belang
sind (s. Morphologie)
- Als
Richtungsweisung, Orientierung, Vernunft, als Raum in dem Intentionen
und Motive begründet werden. Das Alltagswissen erleichtert die täglich notwendigen
Entscheidungen indem es die unendliche Zahl möglicher Entscheide
auf die sinnvollen Entscheide begrenzt. Es richtet sich dabei nach
religiösen Normen und Werten, historischer Erfahrung, gesellschaftlicher
Übereinkunft, gesellschaftlichen Utopien und privaten All-Tag(s)Träumen.
Es ergibt sich keine gesicherte wissenschaftliche Prognose, aber die wirksamen
Ideale des Alltags (Auto, Haus, "Fortschritt" ...).
- Strategie
der Ideologiekritik: Als situationsbezogene Klugheit (Gerissenheit, Schlauheit)
bei beschränkter Handlungsalternative, als Befreiung aus den Fesseln der
Standpunkte die zu Prinzip und Dogma erstarrt sind. So speziell im Umgang
mit starren religiösen oder auch staatlichen Regelungen. Gerade die
Araber haben aus dem Umgehen von starren Regeln einen Sport gemacht. Sie
haben dafür ein starkes Flair und eine grosse Bewunderung seit den Zeiten von
1001 Nacht ("fi mukh").
- Strategie
der Wirkung: Taktische Auswahl der Felder die für die Argumentation von
Belang sind. Als Rhetorik bei beschränkter Motivation soll sie Unterrichten
(docere), bewegen (movere) unterhalten (delectare) (So als
Bestandteil von Marketing, "awareness raising" und "extension")
C1) Topik und Morphologie als
Entscheidungsgrundlage
Topik erfasst die Perspektivenvielfalt aller
deutbaren lebensweltlichen Beziehungen durch einen offenen Fragenkatalog
(vergleichbar RRA, aber weniger "technikorientiert"!). Sie ziehlt
auf Argumentationsfülle, Zusammenschau, Universalität. Es geht um die
Darstellung des gesamten Gedankenraumes in seiner ganzen Widersprüchlichkeit
die für die Wahrheitsfindung und Problemlösung von Bedeutung sein könnten.
Der Erkenntnisraum wird nur durch das Problem definiert, nicht durch die
Bevorzugung spezifischer (wissenschaftlicher) Methoden. Er soll in seiner
ganzen erfassbaren Breite und Tiefe ausgelotet werden. Für Aristoteles war
die Topik die Methode um über jedes gestellte Problem aus wahrscheinlichen
Sätzen Schlüsse bilden zu können, eine "Techne des Problemdenkens",
der systematischen Erfindungskunst. Sie steht also der Heuristik,
speziell der Morphologie nahe.
Zwicky's morphologische Methode )
erfolgt in fünf Schritten:
-
Genaue Umschreibung und zweckmässige Verallgemeinerung des Problems.
-
Bestimmung und Lokalisation aller die Lösung des Problems bestimmenden
Parameter.
-
Aufstellung des morphologischen Schemas aus dem alle Lösungen des
gegebenen Problems vorurteilslos herausgeschält werden.
-
Bewertung aller Lösungen aufgrund eines bestimmt gewählten Werte-standards.
-
Wahl der optimalen Lösung und Weiterverfolgung derselben bis zur fertigen
Konstruktion."
Eine Wertung darf keinesfalls vor dem vierten
Schritt erfolgen, falls man sich nicht nach Vorurteilen richten will.
Die wichtigsten Unterschiede zwischen Zwicki's
Morphologie und der Topik sind:
1 Die
Argumentations- und Handlungsorientierung der Topik! Stärkerer Einbezug
des Sollens, also eher praktische Philosophie und praktische Vernunft (Ethik)
als reine Erkenntnis (Wissenschaft).
2 Die
Bildung der Topoi, der Kategorien erfolgt nicht definitorisch, sondern
erwächst aus dem untersuchten Text oder aus der Gesellschaft selbst. Dies
ist das zentrale Merkmal der quantitativen Soziologie.
3 Topik,
verwendet zur Gestaltung des sozialen Fortschritts, darf Entscheidungen nur
vorbereiten - muss sie aber den Betroffen überlassen. Sie dient der Erkennbarmachung
und Relativierung der Wirkungsfaktoren, der Argumente. Dem Aufzeigen von
Alternativen unterschiedlicher Begründbarkeit und die Rationalität
verschiedener Wertestandarts und Meinungen.
4 Durch
die Wandelbarkeit der Meinungen ändert sich auch die Topen. Der gesunde
Menschenverstand passt sich an Veränderungen an! Durch den Ganzheitsbezug
derselben erfolgt die Entwicklung des Bewusstseins, des Verständnisses
und der Verantwortung parallel (mehr oder minder, denn wie im nächsten
Kapitel dargestellt: Topik umfasst auch die Widersprüchlichkeit des täglichen
Lebens.).
C2): Abbild - Vorbild - Trugbild: Topik
als Ideologiekritik.
Die Situation: Wissenschaft
als Ab-Bild
Wissenschaft, Philosophie, Kunst und Technik
wollen die Welt so wie sie ist verstehen (litera, Intuition, Analyse), erklären
(sensus, Explikation), Auslegen (quaestio, Diskussion) und nachbilden (determinatio,
Ergebniss, Anwendung). Das war eigentlich seit jeher ihre Aufgabe. Der
Unterschied der modernen zur traditionellen Funktion der Wissenschaft, liegt
weniger darin, dass ihre Resultate verwendet werden, als in der
gesellschaftlichen
Integration und Anwendbarkeit und der Resultate. Im Mittelalter war
das Ergebnis das Resultat eines öffentlichen Gespräches! Dieses musste aufgrund
der allgemein verfügbaren Kenntnisse überzeugend und sinn-voll geführt
werden. Der heutige wissenschaftliche Report hat zwar weithin den selben
Aufbau: Problem, Methode, Resultate, Diskussion - aber die Diskussion führt
der Wissenschaftler mit den Daten und mit sich selbst. Das Resultat ist so
das Produkt einer Methode und eines Selbstgespräches! Autoritäten werden
im Mittelalter und in der Neuzeit (= Zitate) ähnlich verwendet.
Wie lassen sich Resultate die auf reduktionistische
Weise gewonnen wurden, die aufgrund eines sehr beschränkten Weltbildes erschaffen
wurden, in der Gesellschaft anwenden? Wo kommen die Werte, Ziele, Ideen,
Ideologien, die von ihr beiseite geschoben wurden, wieder hinzu?
Wissenschaft kann Zukunft nur aus der
Vergangenheit und Gegenwart extrapolieren, nach Zeitreihen prognostizieren. Gott-sei-Dank
kann die Zukunft nicht erkannt und erforscht werden, denn das wäre
Determinismus, Vorbestimmtheit und stünde der menschlichen
Freiheit entgegen -
einer Freiheit und Verpflichtung die den Christen, wie den Muslimen gegeben
wurde. Wäre die Zukunft bestimmt, könnten wir tun was wir wollten, sie würde
durch unsere Handlung nicht beeinflusst, wir trügen die Last der Verantwortung
nicht - wir könnten die Zukunft aber auch nicht gestalten. Muslime, Christen,
Agnostiker und Atheisten gleicherweise sind aber nach den für sie jeweils
relevanten Texten für die Gestaltung ihres irdischen Lebens selbst verantwortlich!
Die zukünftige Entwicklung der Erde kann weder in wissenschaftlichen Texten
noch in Labors gefunden werden. Dort finden sich nur die "kleinen Wahrheiten".
Sinn und Kultur aber müssen geschaffen werden!
Durch die fortwährenden Anstrengungen des
Mittelalters wurde bis zur Renaissance die Wissenschaft als gesicherte Erkenntnis
von den Idolen befreit, nach Bacon von den:
-
idola specus: Den Idolen des Subjektes.
-
idola
tribus und fori: Den Idolen der Gesellschaft (Stamm) und der Geschichte
(Markt).
-
idola theatri: Den Idolen der Religion.
Die Idole sind die Trugbilder -
Wissenschaft liefert Ab-Bilder.
Ideale sind Vor-Bilder. Leider streben wir oft den falschen
Vorbildern nach, also den Idolen, anstelle der Ideale den wir nachstreben
sollten oder wollten. Die Ideo-Logie wäre also die Lehre von den Ideen,
die Regeln für die Erziehung, Ethik, Politik bereitstellt. Nach Marx sind
Ideologien der Ausdruck materieller Verhältnisse. Eigentlich geht es ja
aber zuerst um die Ideen, und nicht um die Lehre darüber. Ideo-Logie-Kritik ist
somit eigentlich ein Pleonasmus. Sei's drum. Sicher ist dass Idee(ologie)n
erstaunliche Kräfte entwickeln und Wirkung zeigen können! Manchmal
verderbliche Wirkung. Und dass wir uns ihrer denkenderweise (ich sage
vorsichtigerweise nun nicht mehr "wissenschaftlich") annehmen
müssen.
Da wir, auch wo wir "vernünftig"
handeln, Ideen und Idolen nachstreben, da sie unsere Entscheidung grundlegend
beeinflussen, sollten wir sie kritisch er-kennen und werten! Sie sind kein
Objekt wissenschaftlicher Forschung aber sie sind entscheidend für unsere
Handlungen. Glauben sie nicht? Was wäre da denn etwa mit dem Auto als Idol?
Oder dem Weltmarkt? Wonach richten wir uns? Nach welchen Modellen versuchen
wir unsere Zukunft zu gestalten? Was sind unsere
Leitziele:
Der religiös begründete Wertebereich
wurde faktisch durch Leitziele abgelöst, die das materialistisch-naturwissenschaftliche
Weltbild und Lebensgefühl suggerieren. Diese "Werte" sind weniger
Formal begründet als vielmehr faktisch wirksam, wenn der Weg zu ihnen auch
durch Phasen explizit normativ verstandener Emanzipation (Wissenschaftsreligion,
Humanismus, Aufklärung) führt ..."
)
Die Wissenschaft hat sich dieses Raums als des
Raumes der Idole, des Nicht-Prüfbaren, des Unsicheren, nur Wahrscheinlichen,
entledigt, obwohl gerade in diesem Raum alles geschieht was für uns als
Menschen von Bedeutung ist. Wittgenstein hat auch dies erkannt:
"Wenn
alle wissenschaftlichen Probleme beantwortet sind dann haben wir noch keines
unserer Lebensprobleme angerührt." Das liegt erstens an der
Loslösung des wissenschaftlichen Objekts von den realen Umwelt-Bedingungen.
Das liegt aber speziell daran, dass das Sollen kein Bestandteil der Wissenschaft
ist. Gerade im Bereich der Beziehung vom Menschen zu der natürlichen Umwelt
sind die entscheidenden Faktoren aber das Tun und das Sollen. In Bezug auf das
Tun müssen wir erkennen, wonach (nach welchen Idolen, denen der Gattung oder
des Marktes es sich richtet. Um notwendige Handlung (nachhaltige Nutzung und
Schutz von Umwelt) zu ermöglichen, müssen wir die Gesellschaft dahin steuern,
dass sie etwas tut, was sie zuvor nicht tat - ohne sie jedoch dazu zwingen zu
können. Wir müssen eine zwangslose Übereinkunft erzielen. Wir müssen unsere Unterschiedlichen
Ansichten kommunizieren und eine freiwillige, sinnvolle, überzeugende Übereinkunft
erreichen. Auf die Erkenntnis notwendiger Handlung müssen Schritte folgen,
die Handlung ermöglichen und in Gang bringen (motivieren!). Dies ist heute
nicht nur ein Problem der Entwicklungszusammenarbeit mit Ländern wo
Strukturen und Topen zu gewissen Bereichen (Umwelt!) fehlen, sondern auch der
Industrieländer, wo die Gelder zur Finanzierung etablierter Strukturen knapp
werden und, wo es Topen von allgemeiner Gültigkeit kaum mehr gibt. Wo Topen
von der Werbung vervielfältigt und verbraucht wurden, wo alles am Tageskurs
der Aktualität und der Vermarktbarkeit gemessen wird.
Da sich die Wissenschaft der Werte entledigt hat,
was sind unsere Entwicklungsmodelle, wo finden wir unsere Vorbilder und
Leitziele. Wie vergewissern wir uns, dass wir nicht Trugbildern nachstreben,
uns an Idolen anstatt an Idealen orientieren?
Es stellt sich die Frage, sind wir gut:
-
weil wir so geboren worden sind (was Rousseau und die Anarchisten dachten)
-
weil wir Gottes Ebenbild sind und dem nachstreben?
-
weil uns die Gesellschaft mit ihren Gebräuchen und Normen dazu anhält?
-
weil uns der Staat dazu zwingt?
Die Humanökologie beschreibt die Entwicklung der
Ordnung in vier Stufen: von der moralischen (die individualistisch oder sozial
sein kann. Vicos "Ordnung der Hütten und Dörfer"!), zur politischen,
ökonomischen und schliesslich ökologischen. Das Problem der ökonomischen
Ordnung ist das Fehlen von Zielen die nicht in Geld auszudrücken sind. Genau
wie die ökologische Ordnung führt sie schliesslich zu Sozial-Darwinismus, des
Überlebens derjenigen, die an die ökonomischen Umweltbedingungen besser
angepasst sind. Die Anpassung der Ökonomie an das ökologische Potential der
Erde steht noch aus. Die Harmonisierung der endlichen Welt (Natur) mit der
unbeschränkten Entwicklung der menschlichen Population und ihrerWünschen
steht noch an. Humanökologie (als geographische Disziplin!) sieht die
Lösung dieses Problems in der Regionalisierung: lokal verwalten, produzieren,
konsumieren und handeln - global denken. Also ein räumliches Entwicklungsmodell
auf prognostischer Grundlage, auf der Extrapolation der Gegenwart aufgebaut.
Und doch mit einer "utopischen" Zielsetzung, dass sich die
Begehrlichkeit des Prometheus der den Himmel stürmen wollte in ein Zufriedensein
mit dem irdisch, lokalen umwandeln lässt.
Bereits die Verwendung eines gegenwarts- und realitätsbezogenen
Modells zeigt, dass einer rein bürokratischen Verwaltung des Fortschritts
jegliche Vorbildfunktion abgeht: - Es ist alles gut, so wie es ist. Es lässt
sich nicht verbessern, es kann immer so weiter gehen. - Nach wissenschaftlicher,
wahrer Erkenntnis handeln ist sicherlich besser als nach Vorurteilen handeln
- aber nach wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen handeln heisst nicht
per se gut handeln. Es heisst wirksam handeln - aber es heisst noch nicht sinnvoll
handeln. Nur wirksame Handlung kann sinnvoll angestrebt werden, aber nicht
jede erzielbare Wirkung stellt bereits ein Motiv dar. Das Motiv erfordert
weitere, begründende Argumente soll eine Handlung erst zustande kommen.
Häufig entstammen gesellschaftliche Leitbilder
nicht der Gegenwart, sondern der Vergangenheit. Aber für Entwicklungsmodelle
die wir aus der Vergangenheit wiederbeleben wollen gilt das selbe wie für die
zukunftorientierten und die transzendentalen: Das Sollen ist erst in die
Lebenswelt zu integrieren - bevor es zum Gesetz gemacht wird. Ein
Fundamentalismus der das gute in de Vergangenehit sucht und propagiert stört
keinen, solange er sich nicht allgemeinverbindlich erklärt. Wir kommen damit zu
einer wichtigen Funktion der Hermeneutik und der Topik neben dem Erklären und
Übersetzen, nämlich ihrer Funktion als
Ideologiekritik.
Weltbild, Standpunkt, Meinung und
Ideologiekritik:
Habermas bezeichnet die Hermeneutik als
praktische Verständigung im Handeln, die Naturwissenschaften als technisch und
die Sozialwissenschaften als emanzipatorisch. Die Topen geben uns einen ersten,
vorwissenschaftlichen, vorsoziologischen Überblick über die
Lebenswelt.
Das alltägliche, "normale" Handeln ist nur möglich, wenn es in einem
ganzheitlichen, logisch geschlossenen Zusammenhang stattfinden kann. Die
Lebenswelt definiert Sinn und
Vernunft. Ihre "Normen" können zwar
in Frage gestellt werden, aber sie ist als Richtschnur und Handlungsanleitung
doch unerlässlich. Sie verbindet die Gegenwart mit der Vergangenheit, mit
Tradition und Praxis. Sie ermöglicht die Orientierung in der sozialen Welt.
Sie zeigen die Grenzen und die Freiräume für Selbstbestimmung.
Der Unterschied von qualitativer (worunter Topik
heute laufen könnte)und quantitativer Soziologie ist nicht nur statistischer
Art. Der
qualitativen Soziologie geht es darum, Denkstrukturen,
Kategorien des Denkens zu erfassen. Der
quantitativen Soziologie geht
es um Meinungen innerhalb bestehender Kategorien.
Denkstrukturen zeigen eine deutliche Abhängigkeit
von der Natur, Geschichte, Religion und Gesellschaftsform. Meinungen kann man
nur zu Dingen haben, die im Bewusstsein bereits einen Platz haben,
"worüber wir Worte haben". Sie bestehen erst innerhalb der
Denkstrukturen. Topen sind aber, wie Meinungen, adaptiv. Neu und Um-Bildung
von Topen können wir als Bewusstseinsbildung bezeichnen, während Meinungsänderung
nur die Änderung eines Standpunktes in einem bereits existierenden Denkraum
bedeutet. Umdenken, seine Meinung zu ändern, ist schwierig - Neudenken, in
anderen Kategorien zu denken, ist noch schwieriger.
) Viele
Abstimmungsresultate, wo das Resultat bei 51%/49% liegt, dürften Entscheidungen
bei "Unbewusstheit" sein. Das sind Entscheidungen bei
Gleich-Gültigkeit, Zufallsentscheidungen, da das Objekt der Abstimmung
(die europäische Einheit z.B.) keiner Kategorie des Denkens entsprach.
Für
den Jemen war die Bewirtschaftung der natürlichen Umwelt noch nie eine
Denkkategorie!
Die Idee, dass je intensiver gearbeitet, produziert
und vermarktet wird - desto schneller die Welt unter den (weggeworfenen)
Produkten verschwindet, ist auch keine Denkkategorie mehr, seitdem Calvin in
Reichtum als dem Resultat von akkumulierter Überproduktion sogar Gottes Wohlwollen
erkannt hat.
endnotes: