Topik

  s. auch

Mit Topik zum konsensfähigen Argument

 

Eine archaische Forschungsmethode

 
   

zur Erschliessung des Gemeinsinns.

 Martin Herzog 1995

 A) Definition [1])

Topik handelt von den Örtern des Denkens, von Gesichtspunkten, Argumenten, Motiven, "Gemein-Plätzen", - von den einer Gesellschaft gemeinsamen Denkstrukturen, den objektivierten Denkmustern. Sie verlangt nicht nach der absoluten Wahrheit, sondern begnügt sich mit der Wahrscheinlichkeit von Wahrheit. Exaktheit wird nur soweit als notwendig erachtet, als das Problem sie verlangt. Wichtiger ist für die Topik die vollständige Erschliessung des natürlichen Gemeinsinns, als die wissenschaftliche Abgrenzung und Eindeutigkeit. Sie sucht Wahrheit in Bereichen die der Wissenschaft verborgen sind oder allenfalls am Rande liegen wie die Wahrheiten der Religion, Philosophie, Kunst und Geschichte. Sie sieht wie Buber den Dialog als den Weg der Wahrheit, ergründet die argumentativen Bedingungen der Konsenserstellung. Sie ist die Kunst des aufeinander Eingehens, des miteinander zu Rate gehens. Sie ergründet die handlungsanleitenden Regeln, was sie stark der Ethik verbindet.

Ihre eher explorative, heuristische Richtung macht sie speziell geeignet für Untersuchungen die entweder in grosser Eile oder dürftigem Sachwissen (man erkennt bereits die Nähe zum RRA [rapid rural appraisal) durchgeführt werden müssen, oder aber wo das Verständnis für die Situation und den Horizont des Denkens bedeutender ist als Sachwissen, was speziell im Hinblick auf Akzeptanz und Partizipation der Fall ist. Die wissenschaftliche Weiterentwicklung der Topik wäre die Hermeneutik, von Gadamer ebenfalls als Weltanschauung, Perspektive, die Weisheit der Alten bezeichnet.

Da Topik das Strukturmodell gesellschaftlicher Kommunikation darstellt, ist sie auch die Vorstufe der Ethnologie (speziell in der Form des Strukturalismus).

Topoi sind tradierte Muster, sie geben Hinweise auf die herrschende Meinung der Zeit. Sie sind ein praxisbezogenes Arsenal lebensweltlicher Erfahrungen, kurrenter Ideen und Interessen, jedoch auch von Dogmen und Ideologemen, denkbaren Träumen und Zielen einer Gesellschaft.

Wo Topik die Grenzen des Denk- und Machbaren zeigt, dient sie als Ideologiekritik, zeigt sie die Notwendigkeit einer "Bewusstseinserweiterung". Dadurch dass sie uns die ganze, nicht nur die wissenschaftliche, Breite des Denk- und Machbaren zeigt, erweitert sie unser Erkenntnis- und Handlungspotential, gibt uns soziale Gewissheit, Souveränität, Kompetenz und Überzeugungskraft.

B) Das Verhältnis der Topik zu Philosophie und Wissenschaft.

  Denk- und Zeiträume sind eingebettet zwischen:

 

Philosophie und Wissenschaft suchen nach Wahrheit und Sachlichkeit. Die Forschung beschäftigt sich mit dem was ist, nicht mit dem was sein soll (Ethik) oder sein könnte (Utopie). Die Philosophie hat es mit dem Zusammenhang von Aussagen zu tun, die wahr oder falsch sein können (oder gegebenenfalls wahrscheinlich), die Rhetorik mit dem Überzeugen anderer."

Die wissenschaftliche Frage ist die geschärfte Frage, die analysierbar ist und von der eine klare, wahre (oder zumindest überprüfbare und widerlegbare) Antwort zu erwarten ist. Dieser Ansatz beschränkt die möglichen Fragen und die Antworten gewaltig. Viele, und vor allem die wichtigste Frage des Sein-Sollens, die Frage nach der Verwirklichung des Sollens in der Zukunft, lassen sich nicht wissenschaftlich stellen. Das heisst auch, sie lassen sich nicht allgemeinverbindlich und global formulieren.

 Bereits im Bereich des Seins sind die Antworten der Wissenschaft begrenzt, denn sie stellt nur die Fragen, die ihrer Methode zugänglich. Wahrheit findet sich aber nicht nur in der Wissenschaft, sondern auch in Kunst, Religion (Offenbarung und Schau: Gnosis) und Dialog. Durch die Begrenzung auf die wissenschaftliche Art des Fragens verlieren wir Wahrheit. Vor allem haben wir keinen Zugang zu der höchsten Wahrheit, der göttlichen. Bis zum Ende des Mittelalters war die Frage nach dem Sein und dem Sollen vorwiegend eine theologische Frage. Die Säkularisierung dauerte in Europa immerhin vom 12. zum 15. Jahrhundert! In den islamischen Ländern hat sie zumeist noch nicht stattgefunden oder ist gar wieder im Abbau begriffen.

Ein weiterer wichtiger Punkt worin sich die Situation der Wissenschaft in islamischen Ländern von der euroamerikanischen unterscheidet, ist das soziale Umfeld. Die mittelalterliche Wissenschaft hat sich parallel zur Entstehung der Städte (speziell Norditaliens), des Handels und Verkehrs entwickelt. Sie wurde öffentlich auf den Gassen gelehrt. In den meisten islamischen Ländern existiert eine städtische Sozialstruktur nur in den Hauptstädten. Und Wissenschaft war seit der Glanzzeit der Abbasiden keine öffentliche Angelegenheit mehr - ganz im Gegensatz zur Religion. Mit der Erfindung des Buchdrucks wird die Wissenschaft in Europa schriftlich. Die Vergangenheit wird zugänglich gemacht, Autoritäten werden kommentiert und kritisiert. Die sachliche Wahrheit wird wichtiger als die Autorität der Person. Diese Entwicklung hatte entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der Gedankenwelt. Vico hatte das folgendermassen gar als Gesetz formuliert: "Die Ordnung der Ideen muss fortschreiten nach der Ordnung der Dinge. ... Die höchste Ordnung der menschlichen Dinge schritt so vorwärts: zunächst gab es die Wälder, dann die Hütten, darauf die Dörfer, später die Städte und schliesslich die Akademien."

Mit der Renaissance befreit sich die Wissenschaft von der Religion und der Autorität der Vergangenheit. Sie wendet sich rational - aber noch nicht intellektualistisch -der Gegenwart zu. Aber der Wissenschafter zieht sich aus der Öffentlichkeit zurück. Bis zum 17. Jahrhundert (Descartes) wird Rhetorik völlig durch Dialektik ersetzt. Die Lehre von der reichhaltigen, der wahrscheinlichen Sprache wird durch den Bericht über das Wahre verdrängt. Der Drang nach Selbsterkenntnis und Selbstbestimmung fegt die traditionellen Schranken des Zugriffs auf die Welt, vor allem die religiösen, weg. Prometheus, der Himmelstürmer wird zum Vor-Bild der Menschheit.

Der Erkenntnisfortschritt bleibt allerdings auf das Materielle beschränkt. Was die Weisheit betrifft, so können wir immer noch bei den Griechen in die Schule gehen. Durch die Beschränkung der Forschung auf das Überprüfbare, Falsifizierbare wird Metaphysik nicht nur beiseite geschoben, sie wird zum Feindbild der Wissenschaft. Diese Wissenschaft die ihre Objekte, ihre Sachen, beliebig zergliedert und re-kombiniert, verdankt ihren Erfolg der Beschränkung, der "Ausblendung von zur Zeit uninteressanten Aspekten" [2]). Sie wird dadurch aber notwendigerweise perspektivisch, also einseitig! Unbestritten erzielte sie enorme Erfolge im materiellen Bereich. Sie schuf nicht nur Erkenntnis, sondern Produke. Der Mensch wurde zum Schöpfer, er konnte die Zukunft nun nicht nur prognostizieren, sondern er konnte sie planen, er konnte sie machen (- dachte er. Was er aber schlussendlich machte, waren nur Produkte, Verbrauchsgüter - und nicht die Zukunft.)

>Durch die vielen Einzelperspektiven ging der Gesamtüberblick, der Zusammenhalt und die Kernfrage der Ontologie (: was sind wir - was sollen wir tun) immer mehr verloren. Wissenschaft ist wirklichkeitsfremd, sie ist zu einer isolierten Kunstwelt geworden.

Aus der Perspektive dieser Wissenschaften ist die Topik keine Wissenschaft, sondern Vorwissenschaft, allenfalls Heuristik. Sie entstammt der rethorischen Phase griechischer und Mittelalterlicher Wissenschaft. Ihre unbestreitbare Bedeutung hat sie dort, wo Auslegung von Text den sozialen Kon-Text bedingt wie z. B. bei gesetzlichen Texten als handlungsanleitenden Texten. Sie liefert Prämissen als Entscheidunggrundlage. Im Alltagsleben müssen wir täglich Entscheidungen treffen - ohne die Möglichkeit zu haben, diese wissenschaftlich abzusichern. Wir leben nicht in einer fixen Welt, das hiesse Leben in der Vergangenheit (das Ideal mancher Fundamentalisten) und wir müssen uns gewisse Vorstellungen über unsere Zukunft machen. Wir können nur in begrenztem Rahmen gesicherte Erkenntnis über zukünftige Entwicklungen gewinnen (Prognosen). Wo aber der schöpferische Geist, das INGENIUM (Ingenieur!) und die PHANTASIA Zukunft aktiv gestalten wollen, müssen gesellschaftlich anerkannte Gesichtspunkte und Horizonte als Grundlage dienen.

>Wittgensteins berühmte Aussage: "Worüber man nicht reden kann, darüber muss man schweigen" ist interkulturell und über die Zeithorizonte anzupassen. Jede Gesellschaft hat andere Sprachstrukturen (grammatisch und semantisch). Wittgenstein bezog sich vermutlich vor allem auf die Rede über Transzendentales, wo der Dialog stumm ist, Gottes Wort als Zeichen aufgefasst wird. Im Islam allerdings gilt Gottes Wort (der Koran) als ewig und geschrieben. Es lässt sich also auch darüber sprechen. Und es stellt die höchste Wahrheit dar. Auch die Bibel sagt schliesslich: "Am Anfang war das Wort." Dieses Wort aber war das Wort Gottes.

Im Islam ist die wissenschaftliche Wahrheit der göttlichen nur bei-, ja untergeordnet - und für die persönliche Entwicklung unbedeutend. Bedeutend allerdings ist sie, und das sogar für Ibn Rushds Gegner Khazali, wenn sie zur gesellschaftlichen Entwicklung beiträgt.

Auch Vico, der meistzitierte Topiker, sagte: "Wer nicht wahrhaft fromm ist kann nicht wahrhaft weise sein." Er war der letzte, der die Topik noch im 17/18 JH verwendete. Verständlicherweise, denn er war Professor für Rhetorik und vertrat die Grundsätze:

Dies, speziell die letzteren zwei Punkte, sind eigentlich Grundsätze, die sich die EZ zu eigen machen müsste. Da sie besseres Wissen vermitteln will muss sie auf die Traditionen eingehen (und Traditionen sind nun mal lokale Traditionen und nicht weltweit verbindliche). Speziell das Eingehen auf Personen anstatt auf Dinge geht der verwaltungsorientierten EZ ab.

Definition Vernunft nach Meyers grossem Taschenlexikon:

Das Denkvermögen, die Einsicht; in der Philosophie nach Kant das Vermögen der Ideenbildung, die geistige Fähigkeit des Menschen, alle Einzelerfahrungen auf regulative Ideale wie Welt, Seele, usw. hin zu orientieren und sie dadurch zu einer Gesamterfahrung zusammenzuschliessen. Die Vernunft ist als oberstes Erkenntnisvermögen dem Verstand übergeordnet.

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Kurzdefinition Herzog:
Vernunft ist eine bestimmte (d.h. damit auch systematische und konsistente) Art und Weise des Denkens, das Bewerten und das Ziehen von Schlüssen mit einbezieht.

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Erweiterte Definition Herzog:
Vernunft verbindet einen gegebenen Text (Problem, Aufgabe, whatsoever) mit dem dazu gehörigen Kontext (das ist die in den lokalen common sense eingebundene Vernunft) - und gibt der Lösung, als vernünftige, eine spezifische Ausrichtung, einen Sinn, Zweck oder Orientierung (das ist die an Werten orientierte - aber prinzipiell freie, Ideen formende Vernunft.)

Die Empathie, das sich in die Innenseite der Akteure versetzen können, ist die Stärke des guten Redners, und die Stärke des guten Stammeschefs. Womit wir wieder bei der Entwicklungszusammenarbeit wären und der Bedeutung der Topik als praktische Philosophie für dieselbe. Wollen wir eine Gesellschaft entwikeln, müssen wir zuerst wissen, worüber wir reden können. Dann  wissen wir auch was wir tun können, wie wir be-raten können. Wir müssen die der Gesellschaft eigene, spezifische Vernunft kennen und berücksichtigen.

 

B1: Entwicklung als Forschungsziel: Prä-, Inter-, Trans- oder Para-Disziplinarität?

Das disziplinäre Vorgehen führt zu einer fragmentierten Anschauung. Diese ist bereits bei der wissenschaftlichen Beschäftigung mit Organismen ein Problem, da das Lebewesen als Ganzes funktioniert und nur als Ganzes ein Organismus ist. Bei Problemen die von grundverschiedenen Wissenschaften, also Natur, Geistes- und Sozialwissenschaften gemeinsam bearbeitet werden, wie etwa der kulturelle Umgang mit der Natur, werden die Beziehungen und Verständigungsprobleme noch komplexer. Die echte Interdisziplinarität beruht auf echtem geistigem Zusammenhang, auf der Einheit im Gegenstand und in der Methode, auf der Einheit wissenschaftlicher Rationalität. Kröger u. Seiler [3]) bezeichnen das Resultat interdisziplinärer Forschung als Fondue - nicht als Käseplatte. (Vergleichbar dem Selbstbildnis New Yorks als "Melting pot or tossed salad"?).

Ansätze zu einer interdisziplinären Reintegration basieren meist auf der Anwendung einer oder mehrerer dieser drei Brennpunkte:

Interdisziplinarität soll auf gemeinsamem Denken beruhen, nicht auf dem "Zusammenheften" mehrerer Teilansichten. Das wäre Multidisziplinarität - häufigstes Resultat interdisziplinärer Konsulententeams!. Auch das transdisziplinäre Vorgehen, bei dem hierarchische Ziele durch eine Hierarchie der Leitdisziplinen verfolgt werden, löst das Problem der ganzheitlichen Anschauung nicht. Die Koordinations, Kommunikations und Kooperationsprobleme, die eigentlich Übersetzungsprobleme sind, bleiben. Meist sind sie nur zu lösen über eine Person, welche die Fähigkeit hat, die unterschiedlichen Aspekte und Sprachen in eine Gesamtschau umzuformen.

Die Intradisziplinarität, wo Übereinstimmung in Forschungsfrage und Problem herrscht, ist ein Spezialfall, wo eigentlich nur verschiedene Fachgebiete zusammenarbeiten - nicht unterschiedliche Disziplinen.

Häufig lässt sich die Einheit des Konzepts auch bereits durch eine Wiederherstellung der alten Disziplinarität erreichen, durch einen Rückgriff auf ältere Wissenschaftskonzepte. Man muss da nicht immer bis zu den Griechen zurückgehen!, denn, wie Kocka [4]) feststellt: "Gegensatz zur Interdisziplinarität ist nicht in allen Fällen Disziplinarität, sondern Spezialisierung um jeden Preis."

Nehmen wir als Beispiel die Humanökologie. Eigentlich müsste sie die Grundlagen zur Verfügung stellen, wie der Mensch mit der Natur umgeht und umzugehen hat. Effektiv erfasst sie handlungsorientiert die Mensch-Umwelt-Interaktionen. Sie versteht sich als "hermeneutische Soziologie, als explorativ beschreibende, heuristische, transdisziplinäre Synthesewissenschaft die Natur- und Menschenwissenschaften verbindet". Sie will das sozio-kulturelle System auch ethisch-normativ erfassen. Besonders der transdisziplinäre Aspekt kommt in der Definition [5]) deutlich zum Ausdruck:

Human ecology is an holistic, integrative interpretation of these processes, products, orders and mediating factors that regulate natural and human ecosystems at all scales of the earth's surface and atmosphere. It implies a systematic framework for the analysis and comprehension of three logics and the interrelation between their constituents using a temporal perspective. These three logics are:

  1. A bio-logic, or the orders of biological organisms.

  2. An eco-logic, or the order of inorganic constituents (e.g. water, air, soil and sun).

  3. A human-logic, or the ordering of cultural, societal and individual human factors."

Diese Definition macht auch sofort deutlich, warum Humanökologie in einer Gesellschaft ohne eine entwickelte Wissenschaft, ohne das intellektuelle Stratum der Wissenschafter, wenig Sinn hat. In der archaischen Gesellschaft ist das Weltbild ein (noch mehr oder weniger) einheitliches. Die Bio- und Öko-Logiken bestehen nicht. Es gibt die göttliche Norm und die menschliche Logik. Es gibt eine Wirklichkeit, die allenfalls durch die soziale Schichtung differenziert wird. In diesem Rahmen wird gedacht und gehandelt. Er formt das Stratum der Vernunft, dessen was als rational zu betrachten ist. Das Fehlen einer wissenschaftlichen Tradition (abgesehen von Religionswissenschaften) macht die Einführung von Spezialdisziplinen zu einem heil-losen Unterfangen. Die Erziehung und Ausbildung von wissenschaftlichen Spezialisten bedeutet die Erschaffung einer kulturfremden gesellschaftlichen Schicht, eines sozialen Fremdkörpers. Damit sind Integrationsprobleme prädisponiert. Der Erkenntnisdrang wird durch die angelernte Methode auf Spezialitäten fokussiert, die zu den realen Problemen der Gesellschaft keinen Bezug haben. Lösungs-Methoden werden (im euro-amerikanischen Erziehungssystem) gelernt, und erst dann wird die Frage gesucht, die sich damit beantworten lässt. 

Das Problem der Integration verschiedener disziplinärer Anschauungen haben wir bei uns ja noch nicht  gelöst, wollen wir es jetzt den Entwicklungsländern aufbürden? Dazu kommen die Kosten für ein Multi-Spezialisten-Team! Nach Bormann/Kellert (p. 123) sollten in einem interdisziplinären Team das Probleme der Umweltbewirtschaftung bearbeiten will, folgende Disziplinen vertreten sein:

Wir benötigen also 16 Experten!  Wenn wir multiple Begabungen annehmen wie in der obigen Tabelle gruppiert, dann sind immer noch 8 Spezialisten nötig! Jeder beinahe ein Genie [6]):

"Each of these participants should be familiar with the language and fundamental concepts of the other disciplines represented, able to communicate his or her insights to nonspecialists, and experienced in multidisciplinary decision making. The team leader should be a capable environmental generalist as well as a trained and experienced facilitator."

Wo werden solche Leute heute ausgebildet? In den USA jedenfalls nicht (Bormann/Kellert!), und im Nahen Osten auch nicht. Nach Vicos "Ordnung der Ideen" (s.S. 10) befindet sich Jemen immer noch im Stadium der Hütten und Dörfer - nicht aber der Städte und schon gar nicht der Akademien. Die verschiedenen Spezialisten existieren nicht. Es wäre ihnen in dieser Gesellschaft auch kaum eine Aufgabe zuzuschreiben (und zu bezahlen!). Andererseits hat der Jemen eine Menge anstehender Probleme deren Lösung dringend ist (unter anderem die Umwelt). Und er sollte diese Methoden verwenden die diese Probleme lösen, und zwar so lösen wie diese Gesellschaft sie lösen kann und nicht unsere. Fachberichte von Spezialisten, auch wenn sie einfacher Art sind wie Forstinventare und Bewirtschaftungsempfehlungen, landen nur in Archiven (oder an noch düstereren Orten). Resultate und Empfehlungen müssen thematisiert, sie müssen zum Topos gemacht werden, sie müssen ins Gespräch eingebracht werden. Wer da denkt, das Geschriebene und das Gesetzte sei die Lösung des Problems, der denkt falsch.

  

B2) Probleme mit der topischen Methode

Topik ist nun aber doch nicht das "non-plus-ultra". Wie Zwikys Morphologie gibt sie Ansätze zur Lösung aller Probleme - sie kann aber auch eines sein. Topische Forschung kann, ja sie muss beinahe, zu "Datensalat" führen, da das Denken nicht in wissenschaftlich disziplinierten Bahnen festgelegt ist. Sie hält sich an keine festgelegten Denkverfahren, will den ganzen Denkraum abschreiten um alle Positionen und  Horizonte zu erfassen. Das Ergebnis ist am ehesten vergleichbar mit den Zettelkästen der Ethnologen. Unmengen an Daten die alle irgendwie zusammenhängen aber durch die Komplexität sehr schwer darstellbar werden. Topisches Denken ist ganzheitliches Denken das Fülle schafft. Aber auch beim ganzheitlichen Ansatz muss  das Wuchern der Daten irgendwann begrenzt werden. Die Praxis zwingt zu einem Kompromiss zwischen Vollständigkeit und Anwendbarkeit.

Der Satz von Popper: Was sich klar denken lässt - lässt sich auf klar sagen, bedingt, dass ein Kondensationspunkt gewählt wird, ein Problem, ein Ziel oder eine Strategie die uns erlaubt eine klare Linie durch die Komplexität der lebensweltlichen Information hindurchzulegen.

Wollen wir Klarheit, sind wir gezwungen zur Beschränkung, sonst produzieren wir wie die Scholastiker: Worte ohne Zusammenhang, Begriffe ohne Verstand.

Die Auswahl, die Entscheidung für eine spezifische Darstellungsart und damit für spezifische Zusammenhänge kann aufgrund verschiedener Wertungen erfolgen:

Gesellschaftliches Selbstverständnis, "common-sense" und Vernunft: Das ethische und politische Ideal wäre die Entscheidung durch die Gesellschaft im Sinne der "policy formation". Eine gemeinsame, partizipative Gestaltung der Zukunft, eine ® Wahl der Vor-Bilder im Dialog.

Politik: Weil Politiker überzeugen müssen, wo sie Ziele setzen und steuernd eingreifen wollen, war Rhetorik seit jeher ein wichtiges Werkzeug. Sie hat allerdings zwei Aspekte. Erstens die verständliche Darlegung von Zusammenhängen, zweitens das Überzeugen, Überreden. Wo der Aspekt des Entscheidens der Bevölkerung durch die Regierung und ihre beratende Experten entzogen wird, bleibt derr Rhetorik nur die Propagandafunktion.

Ästhetik: Neben der Klarheit und der Zielgerichtetheit der Rede, das wichtigste Element der Rhetorik. Das Risiko besteht darin, eventuell nur schöne Worte, aber keinen Sinn (leeres Geschwätz; qalam fathi) zu erzeugen, dass die Verzierungen über den Gehalt dominieren - was nicht nur im Jemen das Risiko der politischen Rede ist!

Selbst habe ich eine analytisch vollständige Darstellung der Sachverhalte in ihrer Widersprüchlichkeit gewählt, dargestellt als qualitativ-verbales, systemorientiertes Modell [7]). Da das Ziel der Arbeit war, diejenigen kulturellen Aspekte herauszufinden, die eine Verbesserung der Einstellung zur Umwelt erlauben, ein steuerndes Eingreifen in das etablierte sozio-kulturelle System, lassen sich die Resultate als kybernetisches Modell darstellen. Während der Historiker Burckhardt Geschichte als Folge der Interaktion der Kräfte (Mächte) Religion, Gesellschaft, Staat beschrieb, musste ich mein Modell, da es um den Wald geht, um den Faktor Natur erweitern.

Als Alternative wäre die synthetische Darstellung in Frage gekommen. Eine Darstellung in Geschichtsform, zentriert auf den Höhepunkt des täglichen Lebens, was für den Jemen ganz klar die Qat-Sitzung ist, wo sich die männliche und weibliche Bevölkerung (in getrennten Räumen!) von zwei Uhr nachmittags bis in die Nacht dem Palaver widmen. Auch diese Darstellung würde vermutlich auf Widerstand stossen, da die anregende Wirkung des Qat als Droge überschätzt und in Diskussionen überbetont wird, während die soziale Funktion der Zusammenkünfte oft vergessen und auf jeden Fall unterschätzt wird. Dennoch führt das sogar bei den Jemeniten zu einer Art "schlechtem Gewissen", so dass es den Qat offiziell gar nicht gibt, sogar für jemenitische Soziologen. Denn der Aufwand an Zeit (mit 4-6 Stunden entsprechen dem für die Arbeit!) und Geld (schätzungsweise 1/3 der Gehälter) sind unverständlich, unvernünftig, wenn nicht gar absurd - aus der Sicht einer marktorientierten Leistungsgesellschaft. Die Propheten des Weltmarktes vergessen aber, dass die Produktivität des Jemen, die hautsächlich von Wasser und Niederschlägen abhängt, bereits ziemlich vollständig genutzt wird. Mehrproduktion wird Über-Nutzung der lokalen Ressource, vor allem der Grundwasservorräte (während die Mehrproduktion auf dem Welt-Markt Übernutzung der Welt-Resourcen ist). Eine "Tiefe Beschreibung" der Jemenitischen Kultur im Sinne von Geertz (symbolischer Interaktionismus) müsste sich mit der Qat-Sitzung befassen, die für den Jemen dieselbe zentrale Bedeutung hat wie etwa für Bali die Hahnenkämpfe.

 

C) Situationsanalyse als Grundlage der Handlung

Handlung ist keine Reaktion auf "wahre Erkenntnis" oder sonstige Reize, sondern Handlung ist freie Entscheidung nach Gründen. Handlung ist kein bedingter Reflex, sondern sie ist kontingent, zufällig, frei, d.h. sie kann so oder so ausfallen. Entscheidung und Handlung können erfolgen - oder auch unterlassen werden. Entscheidungen werden im Normalfall nicht durch rein sachliche Zusammenhänge kausal bedingt. (Der sogenannte Sachzwang bildet da allenfalls eine Ausnahme!) Sondern Entscheidungen für oder gegen eine Handlung fallen aufgrund von Intentionen und Motiven.

Die Topik dient prinzipiell bei drei Strategien:

  1. Strategie der Erkenntnis: Auswahl der Felder die für die Problemlösung von Belang sind (s. Morphologie)
  2. Als Richtungsweisung, Orientierung, Vernunft, als Raum in dem Intentionen und Motive begründet werden. Das Alltagswissen erleichtert die täglich notwendigen Entscheidungen indem es die unendliche Zahl möglicher Entscheide auf die sinnvollen Entscheide begrenzt. Es richtet sich dabei nach religiösen Normen und Werten, historischer Erfahrung, gesellschaftlicher Übereinkunft,  gesellschaftlichen Utopien und privaten All-Tag(s)Träumen. Es ergibt sich keine gesicherte wissenschaftliche Prognose, aber die wirksamen Ideale des Alltags (Auto, Haus, "Fortschritt" ...).
  3. Strategie der Ideologiekritik: Als situationsbezogene Klugheit (Gerissenheit, Schlauheit) bei beschränkter Handlungsalternative, als Befreiung aus den Fesseln der Standpunkte die zu Prinzip und Dogma erstarrt sind. So speziell im Umgang mit starren religiösen oder auch staatlichen Regelungen. Gerade die Araber  haben aus dem Umgehen von starren Regeln einen Sport gemacht. Sie haben dafür ein starkes Flair und eine grosse Bewunderung seit den Zeiten von 1001 Nacht ("fi mukh").
  4. Strategie der Wirkung: Taktische Auswahl der Felder die für die Argumentation von Belang sind. Als Rhetorik bei beschränkter Motivation soll sie Unterrichten (docere), bewegen (movere) unterhalten (delectare)[8] (So als Bestandteil von Marketing, "awareness raising" und "extension")

 

 C1) Topik und Morphologie als Entscheidungsgrundlage

 Topik erfasst die Perspektivenvielfalt aller deutbaren lebensweltlichen Beziehungen durch einen offenen Fragenkatalog (vergleichbar RRA, aber weniger "technikorientiert"!). Sie ziehlt auf Argumentationsfülle, Zusammenschau, Universalität. Es geht um die Darstellung des gesamten Gedankenraumes in seiner ganzen Widersprüchlichkeit die für die Wahrheitsfindung und Problemlösung von Bedeutung sein könnten. Der Erkenntnisraum wird nur durch das Problem definiert, nicht durch die Bevorzugung spezifischer (wissenschaftlicher) Methoden. Er soll in seiner ganzen erfassbaren Breite und Tiefe ausgelotet werden. Für Aristoteles war die Topik die Methode um über jedes gestellte Problem aus wahrscheinlichen Sätzen Schlüsse bilden zu können, eine "Techne des Problemdenkens", der systematischen Erfindungskunst. Sie steht also der Heuristik, speziell der Morphologie nahe.

Zwicky's morphologische Methode [9]) erfolgt in fünf Schritten:

  1. Genaue Umschreibung und zweckmässige Verallgemeinerung des Problems.

  2. Bestimmung und Lokalisation aller die Lösung des Problems bestimmenden Parameter.

  3. Aufstellung des morphologischen Schemas  aus dem alle Lösungen des gegebenen Problems vorurteilslos herausgeschält werden.

  4. Bewertung aller Lösungen aufgrund eines bestimmt gewählten Werte-standards.

  5. Wahl der optimalen Lösung und Weiterverfolgung derselben bis zur fertigen Konstruktion."

Eine Wertung darf keinesfalls vor dem vierten Schritt erfolgen, falls man sich nicht nach Vorurteilen richten will.

Die wichtigsten Unterschiede zwischen Zwicki's Morphologie und der Topik sind:

1 Die Argumentations- und Handlungsorientierung der Topik! Stärkerer Einbezug des Sollens, also eher praktische Philosophie und praktische Vernunft (Ethik) als reine Erkenntnis (Wissenschaft).

2 Die Bildung der Topoi, der Kategorien erfolgt nicht definitorisch, sondern erwächst aus dem untersuchten Text oder aus der Gesellschaft selbst. Dies ist das zentrale Merkmal der quantitativen Soziologie.

3 Topik, verwendet zur Gestaltung des sozialen Fortschritts, darf Entscheidungen nur vorbereiten - muss sie aber den Betroffen überlassen. Sie dient der Erkennbarmachung und Relativierung der Wirkungsfaktoren, der Argumente. Dem Aufzeigen von Alternativen unterschiedlicher Begründbarkeit und die Rationalität verschiedener Wertestandarts und Meinungen.

4 Durch die Wandelbarkeit der Meinungen ändert sich auch die Topen. Der gesunde Menschenverstand passt sich an Veränderungen an! Durch den Ganzheitsbezug derselben erfolgt die Entwicklung des Bewusstseins, des Verständnisses und der Verantwortung parallel (mehr oder minder, denn wie im nächsten Kapitel dargestellt: Topik umfasst auch die Widersprüchlichkeit des täglichen Lebens.).

C2): Abbild - Vorbild - Trugbild: Topik als Ideologiekritik.

         Die Situation: Wissenschaft als Ab-Bild

Wissenschaft, Philosophie, Kunst und Technik wollen die Welt so wie sie ist verstehen (litera, Intuition, Analyse), erklären (sensus, Explikation), Auslegen (quaestio, Diskussion) und nachbilden (determinatio, Ergebniss, Anwendung). Das war eigentlich seit jeher ihre Aufgabe. Der Unterschied der modernen zur traditionellen Funktion der Wissenschaft, liegt weniger darin, dass ihre Resultate verwendet werden, als in der gesellschaftlichen Integration und Anwendbarkeit und der Resultate. Im Mittelalter war das Ergebnis das Resultat eines öffentlichen Gespräches! Dieses musste aufgrund der allgemein verfügbaren Kenntnisse überzeugend und sinn-voll geführt werden. Der heutige wissenschaftliche Report hat zwar weithin den selben Aufbau: Problem, Methode, Resultate, Diskussion - aber die Diskussion führt der Wissenschaftler mit den Daten und mit sich selbst. Das Resultat ist so das Produkt einer Methode und eines Selbstgespräches! Autoritäten werden im Mittelalter und in der Neuzeit  (= Zitate) ähnlich verwendet.

Wie lassen sich Resultate die auf reduktionistische Weise gewonnen wurden, die aufgrund eines sehr beschränkten Weltbildes erschaffen wurden, in der Gesellschaft anwenden? Wo kommen die Werte, Ziele, Ideen, Ideologien, die von ihr beiseite geschoben wurden, wieder hinzu?

Wissenschaft kann Zukunft nur aus der Vergangenheit und Gegenwart extrapolieren, nach Zeitreihen prognostizieren. Gott-sei-Dank kann die Zukunft nicht erkannt und erforscht werden, denn das wäre Determinismus, Vorbestimmtheit und stünde der menschlichen Freiheit entgegen - einer Freiheit und Verpflichtung die den Christen, wie den Muslimen gegeben wurde. Wäre die Zukunft bestimmt, könnten wir tun was wir wollten, sie würde durch unsere Handlung nicht beeinflusst, wir trügen die Last der Verantwortung nicht - wir könnten die Zukunft aber auch nicht gestalten. Muslime, Christen, Agnostiker und Atheisten gleicherweise sind aber nach den für sie jeweils relevanten Texten für die Gestaltung ihres irdischen Lebens selbst verantwortlich! Die zukünftige Entwicklung der Erde kann weder in wissenschaftlichen Texten noch in Labors gefunden werden. Dort finden sich nur die "kleinen Wahrheiten". Sinn und Kultur aber müssen geschaffen werden!

Durch die fortwährenden Anstrengungen des Mittelalters wurde bis zur Renaissance die Wissenschaft als gesicherte Erkenntnis von den Idolen befreit, nach Bacon von den:

Die Idole sind die Trugbilder - Wissenschaft liefert Ab-Bilder. Ideale sind Vor-Bilder. Leider streben wir oft den falschen Vorbildern nach, also den Idolen, anstelle der Ideale den wir nachstreben sollten oder wollten. Die Ideo-Logie wäre also die Lehre von den Ideen, die Regeln für die Erziehung, Ethik, Politik bereitstellt. Nach Marx sind Ideologien der Ausdruck materieller Verhältnisse. Eigentlich geht es ja aber zuerst um die Ideen, und nicht um die Lehre darüber. Ideo-Logie-Kritik ist somit eigentlich ein Pleonasmus. Sei's drum. Sicher ist dass Idee(ologie)n erstaunliche Kräfte entwickeln und Wirkung zeigen können! Manchmal verderbliche Wirkung. Und dass wir uns ihrer denkenderweise (ich sage vorsichtigerweise nun nicht mehr "wissenschaftlich") annehmen müssen.

Da wir, auch wo wir "vernünftig" handeln, Ideen und Idolen nachstreben, da sie unsere Entscheidung grundlegend beeinflussen, sollten wir sie kritisch er-kennen und werten! Sie sind kein Objekt wissenschaftlicher Forschung aber sie sind entscheidend für unsere Handlungen. Glauben sie nicht? Was wäre da denn etwa mit dem Auto als Idol? Oder dem Weltmarkt? Wonach richten wir uns? Nach welchen Modellen versuchen wir unsere Zukunft zu gestalten? Was sind unsere Leitziele:

Der religiös begründete Wertebereich wurde faktisch durch Leitziele abgelöst, die das materialistisch-naturwissenschaftliche Weltbild und Lebensgefühl suggerieren. Diese "Werte" sind weniger Formal begründet als vielmehr faktisch wirksam, wenn der Weg zu ihnen auch durch Phasen explizit normativ verstandener Emanzipation (Wissenschaftsreligion, Humanismus, Aufklärung) führt ..." [10])

Die Wissenschaft hat sich dieses Raums als des Raumes der Idole, des Nicht-Prüfbaren, des Unsicheren, nur Wahrscheinlichen, entledigt, obwohl gerade in diesem Raum alles geschieht was für uns als Menschen von Bedeutung ist. Wittgenstein hat auch dies erkannt: "Wenn alle wissenschaftlichen Probleme beantwortet sind dann haben wir noch keines unserer Lebensprobleme angerührt." Das liegt erstens an der Loslösung des wissenschaftlichen Objekts von den realen Umwelt-Bedingungen. Das liegt aber speziell daran, dass das Sollen kein Bestandteil der Wissenschaft ist. Gerade im Bereich der Beziehung vom Menschen zu der natürlichen Umwelt sind die entscheidenden Faktoren aber das Tun und das Sollen. In Bezug auf das Tun müssen wir erkennen, wonach (nach welchen Idolen, denen der Gattung oder des Marktes es sich richtet. Um notwendige Handlung (nachhaltige Nutzung und Schutz von Umwelt) zu ermöglichen, müssen wir die Gesellschaft dahin steuern, dass sie etwas tut, was sie zuvor nicht tat - ohne sie jedoch dazu zwingen zu können. Wir müssen eine zwangslose Übereinkunft erzielen. Wir müssen unsere Unterschiedlichen Ansichten kommunizieren und eine freiwillige, sinnvolle, überzeugende Übereinkunft erreichen. Auf die Erkenntnis notwendiger Handlung müssen Schritte folgen, die Handlung ermöglichen und in Gang bringen (motivieren!). Dies ist heute nicht nur ein Problem der Entwicklungszusammenarbeit mit Ländern wo Strukturen und Topen zu gewissen Bereichen (Umwelt!) fehlen, sondern auch der Industrieländer, wo die Gelder zur Finanzierung etablierter Strukturen knapp werden und, wo es Topen von allgemeiner Gültigkeit kaum mehr gibt. Wo Topen von der Werbung vervielfältigt und verbraucht wurden, wo alles am Tageskurs der Aktualität und der Vermarktbarkeit gemessen wird.

Da sich die Wissenschaft der Werte entledigt hat, was sind unsere Entwicklungsmodelle, wo finden wir unsere Vorbilder und Leitziele. Wie vergewissern wir uns, dass wir nicht Trugbildern nachstreben, uns an Idolen anstatt an Idealen orientieren?

Es stellt sich die Frage, sind wir gut:

 Die Humanökologie beschreibt die Entwicklung der Ordnung in vier Stufen: von der moralischen (die individualistisch oder sozial sein kann. Vicos "Ordnung der Hütten und Dörfer"!), zur politischen, ökonomischen und schliesslich ökologischen. Das Problem der ökonomischen Ordnung ist das Fehlen von Zielen die nicht in Geld auszudrücken sind. Genau wie die ökologische Ordnung führt sie schliesslich zu Sozial-Darwinismus, des Überlebens derjenigen, die an die ökonomischen Umweltbedingungen besser angepasst sind. Die Anpassung der Ökonomie an das ökologische Potential der Erde steht noch aus. Die Harmonisierung der endlichen Welt (Natur) mit der unbeschränkten Entwicklung der menschlichen Population  und ihrerWünschen steht noch an.  Humanökologie (als geographische Disziplin!) sieht die Lösung dieses Problems in der Regionalisierung: lokal verwalten, produzieren, konsumieren und handeln - global denken. Also ein räumliches Entwicklungsmodell auf prognostischer Grundlage, auf der Extrapolation der Gegenwart aufgebaut. Und doch mit einer "utopischen" Zielsetzung, dass sich die Begehrlichkeit des Prometheus der den Himmel stürmen wollte in ein Zufriedensein mit dem irdisch, lokalen umwandeln lässt.

Bereits die Verwendung eines gegenwarts- und realitätsbezogenen Modells zeigt, dass einer rein bürokratischen Verwaltung des Fortschritts jegliche Vorbildfunktion abgeht: - Es ist alles gut, so wie es ist. Es lässt sich nicht verbessern, es kann immer so weiter gehen. - Nach wissenschaftlicher, wahrer Erkenntnis handeln ist sicherlich besser als nach Vorurteilen handeln - aber nach wissenschaftlich gesicherten Erkenntnissen handeln heisst nicht per se gut handeln. Es heisst wirksam handeln - aber es heisst noch nicht sinnvoll handeln. Nur wirksame Handlung kann sinnvoll angestrebt werden, aber nicht jede erzielbare Wirkung stellt bereits ein Motiv dar. Das Motiv erfordert weitere, begründende  Argumente soll eine Handlung erst zustande kommen. 

Häufig entstammen gesellschaftliche Leitbilder nicht der Gegenwart, sondern der Vergangenheit. Aber für Entwicklungsmodelle die wir aus der Vergangenheit wiederbeleben wollen gilt das selbe wie für die zukunftorientierten und die transzendentalen: Das Sollen ist erst in die Lebenswelt zu integrieren - bevor es zum Gesetz gemacht wird. Ein Fundamentalismus der das gute in de Vergangenehit sucht und propagiert stört keinen, solange er sich nicht allgemeinverbindlich erklärt. Wir kommen damit zu einer wichtigen Funktion der Hermeneutik und der Topik neben dem Erklären und Übersetzen, nämlich ihrer Funktion als Ideologiekritik.

 

Weltbild, Standpunkt, Meinung und Ideologiekritik:

Habermas bezeichnet die Hermeneutik als praktische Verständigung im Handeln, die Naturwissenschaften als technisch und die Sozialwissenschaften als emanzipatorisch. Die Topen geben uns einen ersten, vorwissenschaftlichen, vorsoziologischen Überblick über die Lebenswelt. Das alltägliche, "normale" Handeln ist nur möglich, wenn es in einem ganzheitlichen, logisch geschlossenen Zusammenhang stattfinden kann. Die Lebenswelt definiert Sinn und Vernunft. Ihre "Normen" können zwar in Frage gestellt werden, aber sie ist als Richtschnur und Handlungsanleitung doch unerlässlich. Sie verbindet die Gegenwart mit der Vergangenheit, mit Tradition und Praxis. Sie ermöglicht die Orientierung in der sozialen Welt. Sie zeigen die Grenzen und die Freiräume für Selbstbestimmung.

Der Unterschied von qualitativer (worunter Topik heute laufen könnte)und quantitativer Soziologie ist nicht nur statistischer Art. Der qualitativen Soziologie geht es darum, Denkstrukturen, Kategorien des Denkens zu erfassen. Der quantitativen Soziologie geht es um Meinungen innerhalb bestehender Kategorien.

Denkstrukturen zeigen eine deutliche Abhängigkeit von der Natur, Geschichte, Religion und Gesellschaftsform. Meinungen kann man nur zu Dingen haben, die im Bewusstsein bereits einen Platz haben, "worüber wir Worte haben". Sie bestehen erst innerhalb der Denkstrukturen. Topen sind aber, wie Meinungen, adaptiv. Neu und Um-Bildung von Topen können wir als Bewusstseinsbildung bezeichnen, während  Meinungsänderung nur die Änderung eines Standpunktes in einem bereits existierenden Denkraum bedeutet. Umdenken, seine Meinung zu ändern, ist schwierig - Neudenken, in anderen Kategorien zu denken, ist noch schwieriger. [11]) Viele Abstimmungsresultate, wo das Resultat bei 51%/49% liegt, dürften Entscheidungen bei "Unbewusstheit" sein. Das sind Entscheidungen bei Gleich-Gültigkeit, Zufallsentscheidungen, da das Objekt der Abstimmung (die europäische Einheit z.B.) keiner Kategorie des Denkens entsprach.

Für den Jemen war die Bewirtschaftung der natürlichen Umwelt noch nie eine Denkkategorie!

Die Idee, dass je intensiver gearbeitet, produziert und vermarktet wird - desto schneller die Welt unter den (weggeworfenen) Produkten verschwindet, ist auch keine Denkkategorie mehr, seitdem Calvin in Reichtum als dem Resultat von akkumulierter Überproduktion sogar Gottes Wohlwollen erkannt hat.

endnotes:


    [1]) nach Breuer

    [2]) Kocka S. 139-140:

    [3]) GEP, Schregenberger: p 51

    [4])  S. 153

    [5])  Steiner & Nauser S. 214:

    [6]) Bormann/Kellert p 123

    [7]) "Strategies for Woodland Management and Protection in Tribal Yemen."

    [8]) Topik, p 142-143:

    [9]) Zwicky S. 3

    [10]) Glaeser, Teherani-Krönner p 226:

    [11]) Ein gutes Beispiel dazu: Gep/Schregenberger: Die Zukunft beginnt im Kopf. Wissenschaft und Technik für die Gesellschaft von Morgen.