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Das Problem der Bewirtschaftung arider Buschwälder in einer Gesellschaft mit schwachem Staat und starken Stämmen.Martin Herzog 1985 Die Wälder des Jemen verschwinden durch Übernutzung - die Schaffung eines Forstdienstes, d.h. eine institutionelle Lösung, soll dem Abhilfe schaffen. Die Aufgabe des Autors bei der FAO war die Einrichtung der Sektion für Naturwaldbewirtschaftung und -Schutz. Die Ausgangsbasis dafür war mager. Sie bestand vor allem in einer Serie gescheiterter Forstprojekte die sich auf Pilotaufforstungen wie Stadtparks, Erosionsschutz und Brennholz konzentriert hatten. Als Bewirtschaftungsgrundlagen galt es Inventar und Wirtschaftsplan zu erarbeiten. Nachdem die ersten, und bisher einzigen, Inventare vorlagen, die auch die wichtigsten Empfehlungen zur Bewirtschaftung enthielten, stellten sich die Fragen, wer denn nun wie, wo und warum diesen Wald bewirtschaften solle. Eine typisch topische Fragestellung. Interessant ist vor allem die Frage nach dem warum. Technisch ist sie leicht zu beantworten: weil der Wald verschwindet. Als Frage nach dem sinnvollen Motiv, das die lokalen Bauern zu Handlung anleiten soll, ist sie schon eher schwierig. Die Gründe werden im folgenden kurz dargestellt. Natürliche, ökonomische und soziale RandbedingungenDer Jemen ist arid bis semiarid, die Niederschläge gehen von 20mm in der Tihama und der östlichen Wüste bis zu 150mm im Zentralen Hochland und auf Socotra. Das südliche Hochland weist bis zu 800mm (Taiz, Ibb) auf - ist aber dermassen dicht bevölkert, dass für Natur kaum Raum bleibt. Die seltsamste Gegend des Jemen sind die Berge von Houf. Sie erhalten während des Monsuns Niederschläge von etwa 1000mm, meist in Form von Nebel und Niesel! Dort befindet sich mit 20,000 ha Jemens grösste Waldgebiet, was vor allem auf die Abgelegenheit und die dünne Besiedelung der Region zurückzuführen sein dürfte. [1]) Es ist neben Socotra und Jebel Kara in Oman auch die einzige Gegend, wo noch verschiedene altarabische Dialekte gesprochen werden (Harsousi, Jebeli, Hoboti, Socotri). Der jemenitische Wald ist auf 2 Millionen ha verteilt. Der durchschnittliche Vorrat ist 8m3/ha, die durchschliche Baumhöhe 3.3m. Abgesehen davon, dass wir für Wald eine ziemlich grosszügige Definition anwenden müssen, fehlt es an den grundlegendsten Elementen einer Waldbewirtschaftung. Selbst die produktivsten Plantagen ergeben bei zehnjähriger Umtriebszeit nur etwa den finanziellen Ertrag von Rispenhirse. Wobei deren Ertrag jährlich anfällt. Auch sind die Holzpreise zu tief, denn sie bestehen allein aus den Ernte‑ und Transportkosten. Aber es ist weder an eine ökonomische, noch an eine staatliche Regulierung zu denken, da der Holz- und speziell der Brennholzmarkt offen sind. Die Holznutzung ist bis anhin meist unbeschränkt. Jeder Haushalt sammelt selbst und treibt eventuell noch etwas Handel. Dieser diffuse, flächendeckende Prozess verunmöglicht es ebenfalls die Nutzung quantitativ zu erfassen. Es bleibt also nur ein flächenorientiertes und eher qualitatives Kontrollverfahren um Nachhaltigkeit zu gewährleisten. Dazu kommen verschiedene Eigentümlichkeiten der Stammesgesellschaft, die einer technischen Administration nicht eben förderlich sind:a) Der dominierende Individualismus, die Freiheit und Ungebundenheit: Obwohl sesshaft, sind die Jemeniten in ihrer Denk- und Lebensweise eher Beduinen [2]). b) Die "gestaffelte Loyalität": Obwohl eine Hadith (Aussage des Propheten) zur Bedeutung gutnachbarschaftlicher Beziehungen allgemein anerkannt ist: "Zuerst der Nachbar, dann das Haus", wird Loyalität in erster Linie bestimmt durch Verwandtschaft: "Ich gegen meinen Bruder, mein Bruder und ich gegen meinen Cousin, mein Cousin, mein Bruder und ich gegen die anderen." Bereits innerhalb des Stammes lässt sich Gefolgschaft nur in seltenen Fällen aktivieren, vor allem bei Auseinandersetzungen mit anderen Stämmen. Unentgeltliche Gemeinschaftsarbeit beschränkt sich auf den Unterhalt von Wasserversorgung (Zisternen, Dämme) und Schulen. In bezug auf den Staat gibt es kaum Loyalität, es sei denn, eine Auseinandersetzung mit anderen Staaten drohe, oder wie kürzlich geschehen im Südjemen, die Abspaltung eines Teilgebietes. c) Die dominierende allgemeingültige Norm ist das Stammesrecht ('urf), das in der Anwendung vielfach sogar über den religiösen Normen steht. Formell und rethorisch allerdings dominieren letztere, die Shari'a. Alle staatlichen Normen haben sich danach zu richten. Eine einzige Formulierung in der vorgeschlagenen Verfassung hätte die Vereinigung von Nord und Südjemen bereits 1990 beinahe scheitern lassen. Sie lautete: Das Gesetz soll 'prinzipiell' auf der Sharia basieren. Der konservative Norden insistierte, der Satz sei so zu formulieren: Das Gesetz ist die Sharia. Der Süden, politisch und administrativ doch einiges weiter entwickelt und modernistischer als der Norden, hätte sich dem nicht fügen können. d) Die fehlende wirtschaftliche Orientierung der "Kabilis" (Stammeskrieger): Das soll nicht heissen, dass sie für Geld kein Flair hätten, im Gegenteil, sie sind extrem materialistisch 2. Gleichzeitig sind sie aber auch sehr gläubig und spiritualistisch - aber sie sind nicht kapitalistisch, d.h. es gib keine (oder besser kaum) Anhäufung von Kapital. Die Erscheinung der Kapitalzerstörung durch "Potlach", wie sie von manchen Indianerstämmen Amerikas beschrieben wurde, findet im Jemen ihre Parallele in den täglichen Qatsitzungen. Dafür wird gut und gerne ein Drittel des Einkommens verbraucht - und regelmässig alle Sondereinkünfte, wie etwa die Spesen die von den Projekten für Feldarbeit bezahlt werden. e) Staatspolitik zwischen zentralistischem Staatsideal und autonomen Stämmen.Der starke Zentralstaat, regiert durch einen starken Mann, entspricht dem islamischen Ideal: eine Religion (Islam), ein Gesetz (Shari'a), eine Sprache (Arabisch), ein Volk, ein Staat. Die Regierungsform ist zumeist autokratisch (in manchen islamischen Ländern theokratisch - nicht mehr im Jemen!), despotisch, charismatisch. Die technische Planung ist generell unterentwikelt. Trotz überdotiertem Personal (wie speziell in Ägypten!) fehlt die Funktionalität der Institutionen. Im ländlichen Raum fehlt neben der Funktion gott-sei-Dank dann zumeist auch die Institution. Verwaltung in islamischen Staaten ist weniger technische Planung als eine politisch-rethorische Ausmarchung von Ordnung. Beziehungen zwischen Individuen, Gespräch und Dialog, sind wichtiger als das Befolgen von sachlichen Regeln. Der Vorteil davon: Es gibt keine "Sachzwänge". Der Nachteil: Motivation bedarf oft des Anstosses durch einen "Bakschisch", die "incentives" können wichtiger werden als die Sache. Die "objectives" werden zur Nebensache. In scheinbarem Widerspruch zu den anscheinend starken Männern und Frauen an der Spitze der meisten islamischen Staaten und deren repressiver Politik, ist die Macht des Staates sehr beschränkt. Institutionalisiert ist sie nur in der Armee und der Polizei, speziell der Geheimpolizei - zur Kontrolle staatskritischer Allianzen und Gruppierungen - aber nicht als Verwaltung (keine Hoheitsfunktionen). Zudem misstraut der Staat den Stämmen und will keine Zuständigkeit delegieren. Die Stämme ihrerseits Misstrauen der Regierung, von der sie auch keine Unterstützung erhalten. Das Land ist effektiv kaum regierbar. Das traditionelle Modell des charismatischen Führers wurde vom Stamm auf den Staat übertragen. Es ist effizient für die Bündelung der Kräfte in Angelegenheiten der Aussenpolitik. In Angelegenheiten des täglichen Lebens, wo die vereinigende Wirkung der Gefahr (oder von Ehre und Beute) fehlt, ist dieser Führungsstil wenig effizient. Er ist aber eben demokratisch. Die Führung eines Stammes erfolgt nicht technisch-administrativ, sondern rethorisch. Der Führer muss Überzeugen. Er bedarf dazu passender, gesellschaftlich akzeptabler Argumente. Der Scheich hat keine Macht, wenn nicht die Macht des Arguments, der Überzeugung (es darf allerdings auch Geld sein, nur ist das schwieriger zu beschaffen als gute Worte). Er hat keine Autorität im Sinne von Anordnungsbefugnis. Er muss sich seine Gefolgschaft sichern, und dazu muss er gut reden können! Darin stimmen wohl die meisten Stammesgesellschaften überein. Ein weiterer Hinderungsgrund für die Anwendung technisch-rationaler Planung liegt darin, dass nur wenige islamische Staaten wirklich säkularisiert sind. Oft sind sie, falls nicht völlig, so doch "innenpolitisch", theokratisch. Nach wie vor sind die einzigen etablierten Kommunikationskanäle, die wirklich flächendeckend funktionieren, die religiösen Beziehungsnetze. Sie erwiesen sich im Iran als effizienter als diejenigen des Geheimdienstes. Die Trennung von Religion und Wissenschaft, von Religion und Staat - die Säkularisierung - die sich bei uns in der Renaissance endgültig durchgesetzt hat, fand im islamischen Raum nicht statt. Dafür gibt es verschiedene Gründe. Erstens war die Renaissance eine Entwicklung die an städtisches Milieu gebunden war. Viele arabische Grosstädte sind noch heute eher grosse Dörfer, mit geringer Arbeitsteilung und geringer Überschussproduktion. Die öffentliche Lehre des Mittelalters, der mündliche Vortrag, ging mit der Erfindung des Buchdrucks über zu einer Schriftkultur. In der Renaissance wurde die Schöpfung wichtiger als der Schöpfer - was für die Muslime bekannterweise nicht akzeptabel ist. Die Natur trat in den Vordergrund, die Religion in den Hintergrund. Können, Wissen und Wollen ersetzten Zufall und Vorbestimmung. Campanellas Aussage umfasst eine doppelte Wahrheit: "Homo non potest facere quod non credit posse facere." Die Wahrheit Campanellas und der Renaissance ist auch der Grundsatz der Moderne, der Mensch als Prometheus: "Was du glaubst tun zu können, das kannst du tun". Dementgegen steht das Bild vom Menschen als Pontifex, als Brücke zwischen Himmel und Erde. [3]) Der Glaube an Gott bedeutet, nach Gotteserkenntnis zu streben, dass der Mensch seine Bestimmung darin hat, seiner Verantwortung als "Gottes Ebenbild" gerecht zu werden. Es liegt darin eine Zielvorgabe die nicht unserem eigenen Willen entspringt. Während die Renaissancefürsten ihre zentralistischen Staaten mit einer wissenschaftlich-technischen Verwaltung (Bürokratie) im Glauben an die Macht des Wissens errichteten, hatte im Orient Ibn Rushd keinen Erfolg mit seinem Programm. Darum gilt immer noch, prinzipiell zumindest und sicher im ländlichen Raum, die Ablehnung der causa secunda, der kausalen Bedingung, die Gottes Allmacht als causa prima beschränken würde. Das analytische Suchen nach Strukturen und kausalen Begründungen, in Labors, Herbarien, Daten und Berichten hat für diese Gesellschaft keinen Sinn ("ma fish faidhe"). Postmodern ausgedrückt: Die autopoietische Ausdifferenzierung gesellschaftlicher Subsysteme, speziell des wissenschaftlichen, hat noch nicht stattgefunden. Einfacher: Die jemenitische Gesellschaft ist immer noch traditionell, archaisch. Es gab keine Renaissance. Es gibt keine intellektuelle Klasse die für die Gesellschaft eine bestimmte (zukunftsweisende, gestalterische) Funktion ausüben könnte. Im Falle des Jemen kommt die über tausenjährige historische Erfahrung des Imamats dazu. Ein Staats-Führer musste zwar traditionell den Beweise zuerst liefern, dass er fähig ist Macht zu nutzen. Der Imam musste durch Gewalt an die Macht kommen! Einmal in deren Besitz, hatte er allerdings wenig Aussichten, sich nur durch Gewalt gegenüber den Stämmen zu halten. Er war wie jeder Scheich gezwungen, sich einer ausreichenden Gefolgschaft zu versichern durch Überzeugung und Konsens. Ingrams beschreibt die britische Erfahrung in der Kolonie Aden in drei Stufen:
Als beste Empfehlung führt er den Rat an, den er selbst von einem Scheich erhalten hat: "... that if I wanted to make any progress I must be prepared to sit on the floor for days and months and talk, and talk and, if I did that, things might happen. Endless patience is necessary in negotiating a settlement." Seither sind wir zwar nicht mehr in der Lage (die Weltbank ausgenommen) der jemenitischen Regierung irgend etwas aufzuzwingen, dennoch gehen alle Versuche in die Richtung, fremde Strukturen und Denkweisen einzuführen. Es ist nicht möglich, Verwaltungsmodelle der differenzierten, arbeitsteiligen Gesellschaft auf eine Gesellschaft die tribal denkt, entscheidet und handelt zu übertragen und zum Funktionieren zu bringen. Die Unzahl an gescheiterten Projekten müsste dafür Beweis genug sein. Es ist jedoch nicht der Transfer wissenschaftlich-technischer Kenntnisse die ein Projekt erfolgreich machen. Auch eine sozio-ökonomische Analyse hilft nichts, wenn die Projektziele den Entwicklungszielen der Gesellschaft nicht entsprechen. Wenn sie von der betroffenen als sinn- und zwecklos erachtet werden. Das Projekt ist in der Situation des Scheichs, der seinen Stamm zu einer Unternehmung anleiten möchte. Dazu kann er sie "kaufen", falls er Geld hat oder grosse Beute verspricht ("incentives") oder aber er muss sie motivieren, überzeugen - was ein rethorisches Problem ist.
Dazu bedarf es der richtigen Kompliziertheit, der Anpassung der Rede (= des Projekts) an die Situation, an die speziellVerhaltensnormen und Wertmasstäbe der Betroffenen. Wo die Renaissance sagte: Wenn du nicht glaubst das du kannst, dann kannst du auch nicht muss sich die EZ darüber klar werden, dass man nur an etwas glauben kann, wovon man weiss, worüber man Bilder, Worte oder Zeichen, Ideen hat, worüber man "informiert" ist, wovon man eine Vorstellung hat. Zur Intention fehlt dann noch das Motiv, denn wir glauben an vieles (z.B. die Umweltzerstörung) ohne dass wir deswegen unser Handeln (welches man in diesem Falle gut als Verhalten bezeichnen könnte) ändern. Zwei entgegengesetzte Lösungsstrategien: lokal - partizipativ « staatlich - direktiv. Lieber Leser, stellen Sie Sich nun vor, Sie stehen als Entwicklungshelfer vor dieser Situation. Sie haben einen gewissen missionarischen Drang. Sie wollen etwas tun für den Wald und für die Gesellschaft. Schreiben Sie weitere Wirtschaftspläne fürs Archiv, mit Karten, Tabellen und Strukturen? allenfalls für die internationalen Organisationen, nicht aber für die Jemeniten von Interesse? Oder versuchen Sie erst einmal ganz generell herauszufinden, was man den tun könnte, welche Optionen bestehen, wo und wie man steuernd eingreifen könnte. Man, die Antwort auf das topische wer, ist das zentrale Element der sozialen Forstwirtschaft. Soziale Forstwirtschaft heisst sie eben darum, weil sich um diejenigen Bereiche kümmert, wo sich in erster Linie die Gesellschaft - und nicht der Staat - um den Wald kümmern müssen. Es stehen sich also zwei sich ergänzende, aber doch diagonal entgegengesetzte Strategien für Entwicklungsprojekte gegenüber: A) Staatlich, "top-down, administrativ, instrumental-rational, institutionell-planerisch": Entwicklungsziele und Normen werden in hierarchische Organisation eingeben. Normen können binden angeordnet und verordnet werden. Das Sollen wird per Gesetz zum Müssen gemacht. Darum ist (kann) das Verfahren effizient (sein). Nationale Normen haben sich nach den internationalen Konventionen zu richten. Es ist der Traum vom "Grossen Wurf", der Traum der Weltbank und anderer internationaler Organisationen. B) Partizipativ, "grassroots, situationsbezogen, kommunikativ-rational, argumentativ": Die Kräfte müssen am Ort, wo Wirkung erforderlich ist, gebündelt werden. Die Interessen und Ziele müssen aus der Sicht der Betroffenen und in Zusammenarbeit mit ihnen fokussiert werden. Jeder Konsens muss durch Verständigung erarbeitet werden. Es ist das die Mühsal und Kleinarbeit des "lokalpolitischen Vorgehens" der Projekt- und Feldarbeit vor Ort. Die partizipativen Ansätze wurden z.T. sogar von der Weltbank entwikelt: "Putting People First". Die Methodik des RRA: "Rapid Rural Appraisal", weiterentwikelt zu PRA: "Participative Rural Appraisal" und als vorläufig letzte Variante PLA: "Participative Learning and Action" zeigt deutlich dass es um das selbe Ziel geht wie bei der topischen Analyse: "Fitting projects to people instead of fitting people to projects." Obwohl die Komplementarität beider Ansätze unbestritten ist, entstehen durch die diagonal entgegengesetzten Ansätze eine Serie von "Übersetzungsproblemen". Diese dürften auch der Hauptgrund sein für die chronischen Differenzen zwischen "headquarter" und "field-staff". A) Das legalistische Verfahren fördert staatliche Strukturen und basiert auf dem Glauben an die effiziente Wirkung von formeller Planung. Ein Glaube an die politische Machbarkeit, der trotz zunehmendem Mangel an politischem Steuerpotential (früher Macht genannt) ungetrübt scheint. Sie haben Zweifel? Denken Sie etwa an die von der Mehrzahl der Politiker erwünschten Integration der Schweiz in Europa. Oder an die seit langem als Notwendig erkannte Begrenzung des Autoverkehrs, etwa durch die Erhöhung des Benzinpreises. Die Handlungsunfähigkeit (und zum Teil der Un-Willen) der Regierung in diesen Bereichen ist so überwältigend, dass sogar unserem Finanzminister kürzlich die Tränen kamen. Die EZ richtete in ihren Anfängen ihre Anstrengungen bereits einmal auf den Staat. Eigentlich müsste die Erinnerung daran noch wach sein. Und obwohl unsere eigene Forst-Wirtschaft zur Zeit ent-wirtschaftet und re-strukturiert wird, da sogar in der Schweiz kein Geld mehr vorhanden ist, dient dieses Modell des staatlichen Forstdienstes immer noch als Vorbild für die Dritte Welt. Nach zwei Dekaden "grassroots" kommt nun mit der Internationalisierung der Entwicklungshilfe wieder das alte Modell zum Vorschein. Fremde Denk- und somit politische Konzepte werden aufgedrängt (s. Ingrams S. Entwicklungszusammenarbeit als Dialog wird ersetzt durch Administration, Buchhaltung und Technologietransfer. B) Das partizipative Verfahren versucht situationsbezogen das dörfliche Leben im Gespräch zu organisieren. Der Staat ist in der ländlichen Gegend ohnehin meist nicht vertreten, oder nur durch Polizei und Steuereintreiber. Umgekehrt sind auch die ländliche Bevölkerung, generell die zu Entwikelnden, die Armen, in den staatlichen Organisationen schlecht vertreten. So mag man die "Unverbindlichkeit" nicht ratifizierter Internationaler Konventionen bedauern - man kann es auch bleiben lassen. Denn wo es, wie das häufig der Fall ist, keinen bindenden Vertrag zwischen der Zentralregierung und der ländlichen Bevölkerung [4]) gibt, sind damit auch alle internationalen Vorgaben obsolet. Umgekehrt sind lokale Ansätze zwar nicht so beeindrukend wie eine "internationale Konvention" - aber in gewisser Hinsicht wirkungsvoller. Es scheint mir auf jeden Fall nicht angebracht, diesen Ansatz als "Nostalgie"[5]) zu bezeichnen. Wirksame Verwaltung, Bewirtschaftung und Sicherung von Wald kann nur durch die lokale Bevölkerung, durch die Interessierten, erfolgen. Denn dort, lokal, geschieht etwas, sei es nun positiv oder negativ. Alles was sich auf 'höheren Ebenen' abspielt, mag mehr Eindruck machen. Falls in dieser niedrigsten Ebene, bei den Handelnden, die Motivation fehlt, dann sind die grossen internationalen und nationalen Würfe Makulatur, unbedeutend, ob sie nur unterschrieben oder auch ratifiziert sind. Die Handlung ist entscheidend - und die geschieht im Wald. Es ist sicher so, das eine Einzelaktion, ein paar Bäume, ein Wäldchen, das vom Dorf unter Schutz gestellt wird, nicht sehr eindrücklich sind unter der "globalen Perspektive", dass sie kaum einen Beitrag zur Problemlösung bietet. Andererseits ist eine internationale Strategie, die sich weltweit auf politischer Ebene der Zustimmung erfreut - aber, da ihre "Botschaft" die Bevölkerung nicht erreicht, keinen Baum rettet, vielleicht doch eher noch weniger wert. Politische Verbindlichkeit wird nur dann sinnvoll, oder wie die Engländer wörtlich sagen: macht nur dann Sinn, wenn sie Handlungsbereitschaft schaffen kann und Resultate erziehlt. Die wichtigsten Faktoren die einer effizienten institutionellen Verwaltung in der jemenitischen Gesellschaft entgegenstehen, sind schlussendlich die selben die die Effizienz unserer Regierung dämpfen. Es fehlt die Macht zur Durchsetzung - es fehlt der Wille zur Durchsetzung - es fehlt das Geld um Loyalität zu kaufen. Die Regierung, sogar eine Diktatur, ist bis zu einem gewissen Grad abhängig von der Akzeptanz der Bevölkerung. Wenn diese nicht mitmacht geht nichts. Weder archaisch noch postmodern. Das gemeinsame Problem ist das Mitmachen, die Beteiligung, die Partizipation. Aktive Partizipation kann nur erfolgen, wenn das Problem bekannt (bewusst) und als Problem anerkannt (thematisiert und interessant) ist. Es muss als bedeutend erachtet werden um Handlung zu bewirken. Last not least ist eine handlungswillige und handlungsfähige Gruppe erforderlich. Das Konzept "Global Denken - Lokal Handeln" mag eine Bedeutung haben für Bewohner moderner Staaten die sich als Bürger des "global village" verstehen. Die Probleme die an einer internationalen Konferenz verhandelt werden, sind um Welten vom Denken im Bauerndorf entfernt. Bereits für den internationalen Kongressteilnehmer ist ja, trotz anderslautender Rhetorik, die Politik seines Herkunftslandes entscheidend. Und das gilt für Euroamerika genauso wie für Drittweltländer. Für die Dorfbewohner dürfte die globale Perspektive von noch geringerem Interesse sein als der nationale aussenpolitische Standpunkt zu diesen Fragen. Da es den Dorfbewohnern aber nicht um globale Probleme wie etwa das Ozonloch, Biodiversität oder ähnliches geht, sondern ganz lokal um den Wald, die Natur um das Dorf herum; da die Handlung nur in diesem kleinen Rahmen erfolgen kann, so muss auch lokal gedacht werden! ( - Womit wir wieder bei der Topik wären). Wo globale Anliegen lokale Handlung erfordern, müssen sie lokal thematisiert, verbindlich und gemeinsam gemacht werden. Sie müssen an kulturell verankerte, eventuell zu reinterpretierende, Konzepte angebunden werden. Was IK ("indigenous knowledge") für den Technologietransfer bedeutete (Ø angepasste Technolgie), bedeutet die Kenntnis des lokalen Weltbildes für die Einführung von neuen Denkkonzepten wie der nachhaltigen Bewirtschaftung der Umwelt. Denn bis anhin wird diese immer noch Ressource und nicht Bestandteil des kulturellen Systems angesehen. Erst wenn dieses neue Denkkonzept lokal denkfähig, sinn-voll und vernünftiger Argumentation zugänglich gemacht worden ist, dann kann der Multiplikatoreffekt einsetzen der beim legalistischen Vorgehen als Automatismus angenommen wird. |