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  5. Geld, Macht und Verantwortung: Investieren statt Spekulieren
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  7. Strukturierte Produkte & Derivate

Investition oder Spekulation?

Die Zukunft ist immer spekulativ!

Das gilt sogar für diejenigen, die sich auf Bibel oder Koran verlassen, denn der Gläubigste muss sagen:

Inschallah - so Gott will.

mh

Was treibt das Geld an die Börse?

Investment is an activity of forecasting the yield of an asset over the life of the asset; ...

Speculation is the activity of forecasting the psychology of the market.

John Maynard Keynes

s. neuer Beitrag vom 7.10.06

No fixed capital can yield any revenue but by means of a circulating capital. The most useful machines and instruments of trade will produce nothing without the cirulating capital which affords the materials they are employed upon, and the maintenance of the workmen who employ them.

Adam Smith

Die Börse ist der Markt, an dem Firmen, Rohstoffe, Geld - und wirtschaftliche Erwartungen gehandelt werden. Unter Investitionen werden längerfristige Geldanlagen verstanden. Bei den Objekten kann es sich um Boden, Häuser, Rohmaterialien, Fertigprodukte, Wissen oder Anlagen handeln. Als Spekulation werden die Anlagen in Wertpapiere bezeichnet, die kürzer als zwölf Monate gehalten werden. [Einschub 15.8.05: Diese Definition würde den Geldmarkt, der per definitionem eben der Markt ist an dem Werte mit Anlegefristen von weniger als einem Jahr gehandelt werden, zum Spekulationsmarkt machen, den Aktienmarkt aber zum Investitionsmarkt. Hier ist die Definition nicht ganz haltbar. Korrektur und Ergänzungen s. Kapitalmärkte. Die Tatsache, dass der Unterschied zwischen Geld und Kapital, mit der Grenze bei einem Jahr Bindung, ein relativ heuristischer ist, führt recht eigentlich das Konzept der Freiwirtschaft ad absurdum: Geldbesitz ist schlecht und muss durch die Umlaufsicherung minimiert werden - Kapitalbesitz ist gut, da Investitionen Arbeit schaffen. Ohne ausreichendes fliessendes Kapital, also Geld, würde der Kreislauf von Produktion-Handel-Konsum gestört. Die Absicht, Geld durch Steuern (die Umlaufsicherung) in Fluss zu halten, würde aber gerade dazu führen, dass Anlagen aus dem Geldmarkt in den Kapitalmarkt wandern, also das Flüssige verfestigen, um den Steuern zu entgehen, und bei Bedarf die Kapitalanlage per Repo in Geld verwandelt]. Frei verfügbares Geld findet hier das passende Biotop zur Vermehrung. Etwas anders als in Silvio Gesells lokalem Wirtschaftsmodell, in dem sich Geld seinem Zweck als Tauschmittel durch Horten entzieht, will Geld heute profitbringend angelegt sein. Es wird selbst zum Objekt des Handels oder wandert ab in wirtschaftlich häufig unproduktive Geldspiele. Viel und billiges Geld am Markt erzeugt Nachfrage nach Wertpapieren. Niedrige Zinsen treiben den Anleger dazu, in Aktien zu investieren. Ist die Freiwirtschaft also eine Gesellschaft von Aktionären?

Martin Herzog

  Die Aufgabe der Börse

Eine kaputte Uhr geht zweimal am Tag richtig. Das gilt auch für den Baumarkt (rein spekulative Aktien).

Markus Koch. Handelszeitung Nr 40. S. 47

Die Börsen dienen dem Kauf und Verkauf von Effekten, also Wertpapieren, Urkunden über langfristige Kapitalanlagen und Termingeschäften mit Waren, Vieh, Getreide; Anleihen, Edelmetallen und sogar Indizes. Auf dem Primärmarkt handeln Unternehmer und Anleger direkt miteinander, auf dem Sekundärmarkt handeln die Anleger untereinander. Ökonomisches Ziel der Börse ist das selbe wie in der üblichen Wirtschaft: grössere Effektivität durch hohe Umsätze, die in kurzer Zeit und mit geringem Aufwand getätigt werden.

Primärhändler verdienen am Informationsvorsprung und an der Kursspanne. Die Mindestsumme pro Transaktion beläuft sich in dem Markt zwischen 25 und 50 Millionen $. Im Sekundärmarkt sind grosse wie kleine Anleger tätig, wobei mit „klein“ noch lange nicht Lieschen Müller gemeint ist, sondern Finanzbehörden auf kommunaler und übergeordneter Ebene, Treuhandabteilungen kleiner Banken und Institute sowie wohlhabende Privatkunden.

Der Mittelpunkt der amerikanischen Börsen (sie erzielt 80% der amerikanischen Aktienumsätze) und damit die Welt-Leitbörse ist der New York Stock Exchange. Alleine Finanzinformationen sind ein Wirtschaftszweig mit einem Volumen von 3.5 Milliarden $ pro Jahr, das zu 41% in England, zu 13% in Deutschland und Frankreich, zu 4% in Italien und, wen wundert’s, zu 17% in der Schweiz umgesetzt wird.

Die drei wichtigsten Motive für Aktienkauf sind:

-         Beteiligung an Gewinn (Dividende)

-         Erzielen von Kursgewinn

-         Einflussnahme auf das Unternehmen

Nebst den eigentlichen Aktien, den Firmenbeteiligungen, werden aber auch festverzinsliche Engagements gehandelt wie Bonds, Obligationen, Schuldverschreibungen, Anleihen und Schatzbriefe. Während Metalle an den Warenterminmärkten gehandelt werden, ist die Effektenbörse der Markt für Edelmetalle, speziell Gold und Silber.

Der eigentliche Urzweck solch spekulativen (von lat. speculari – spähen, von ferne betrachten) Handelns z.B. bei Termingeschäften ist eigentlich ein rationaler und kaum verwerflicher, es geht um die Absicherung gegen steigende oder fallende Preise. Der eine scheut die Gefahr der Preisänderung und nimmt dafür einen schlechteren Preis in Kauf oder verzichtet auf die Chance eines höheren Gewinnes. Der andere sieht keine Gefahr der Preisänderung und ergreift die Chance einen Gewinn zu machen, womit er spekulativ, also vorausahnend, sein Geld vermehrt. Da jeder auf das Beste versucht, die Kursentwicklung abzuschätzen, müssten die Abweichungen zufälliger Natur sein, sich also ausgleichen. Die gegenwärtige Entwicklung sinkender Erträge bei solchen Geschäften zeigt, dass das Spiel erst jetzt langsam richtig verstanden und betrieben wird. Wo nicht einseitig bessere Informationen oder Beeinflussungsmöglichkeiten vorhanden sind, müssen sich Gewinne und Verluste ausgleichen und den Händlern bleibt bloss die Handelsmarge.

Ein von sozial engagierten Gruppen viel zu wenig beachteter positiver Effekt der Börsenkotierung ist die Verpflichtung der Aktiengesellschaft, den Marktteilnehmern für Kaufs- und Verkaufsentscheidungen wichtige Unternehmensinformationen zur Verfügung zu stellen. Dies hat den positiven Nebeneffekt, dass sich auch die Gesellschaft und diejenigen, die weniger Zugang zu den reellen geschäftlichen Informationen haben, nämlich die Arbeiter, sich über die Lage des Betriebes – und die Fairness ihres Anteils am Mehrwert (Lohn) - ein Bild machen können.

 

Aktienanalyse: Es geht immer um den Trend!!!

Aktienhändler nutzen für ihre Kauf- oder Verkaufentscheidungen nur manchmal den Bauch. Professionelle Börsenmakler verfügen im Normalfall über eine erstklassige Ausbildung im Finanzwesen, werden unterstützt durch Hard- und Software im Wert von mehreren 100 Millionen $ und sind absolut privilegiert, was Zugang zu Informationen über Orderströme des gesamten Marktes betrifft.

Der wichtigste Faktor ist der TREND. Ein Trend, der Jahre anhält, wird als langfristig, ein Trend, der über Wochen und Monate anhält, als mittelfristig, einer der nur Tage oder Wochen dauert, als kurzfristig bezeichnet. Je länger ein Trend anhält, desto wichtiger ist er. Langfristige Charts (Graphiken zur Kursentwicklung) sind also stets signifikanter als kurzfristige. Es ist auch deutlich, dass sich längerfristige Engagements meist lohnen – es sei denn, die Firma sei an der Börse „verspielt“ worden. Je länger man sein Geld anlegen will, desto eher sollte man in riskantere Werte investieren. Die Schwankungen, die in den einzelnen Jahren enorm sein können, heben sich langfristig weitgehend auf, und das kurzfristig eingegangene Risiko zahlt sich aus. Auf langfristige Engagements ausgerichtete Anleger nutzen kurzfristige Korrekturen des primären Aufwärtstrends als günstige Kaufgelegenheit. Daytrader, Extremspekulanten, die ihre Vorteile aus sehr kurzfristigen Schwankungen innerhalb eines Tages ziehen, scheitern hingegen meist, weil sie zu lange an Verlustpositionen festhalten.

Nebst der Erkennung des Trends an und für sich ist vor allem wichtig, vorausschauend zu ahnen, wann der Trend ändert, denn sei die Analyse noch so komplex und treffend, wenn zum falschen Zeitpunkte gekauft oder verkauft wird, bedeutet dies Verluste. Dass die Entscheide zu kaufen oder zu verkaufen zumeist auf Herdentrieb beruhen (die Gewinne auch), erklärt vermutlich, warum der Börsenhandel nicht, so wie es theoretisch sein sollte, ein Nullsummenspiel ist:

Die einen Schätzen eine Entwicklung positiv ein: Höhere Preise für Devisen, Geld, Kredite, Rohstoffe, Häuser, Industriegüter einer spezifischen Art, Dienstleistungen etc etc. - die andern schätzen die Entwicklung grad umgekehrt ein, oder wollen sich gegen eben diese Entwicklung absichern. Es stehen sich also zwei begründete Meinungen gegenüber, und entscheidungstheoretisch müssten sich da Gewinne und Verluste auf die Dauer eigentlich ausgleichen. Dass sie das nicht tun liegt vermutlich eben daran, dass ein beträchtlicher Anteil der Anleger eigentlich dauernd falsch entscheidet: zu früh kauft, bevor der Preis am Boden ist (wonach nur noch Verachtung für die Aktie empfunden wird)- oder noch dümmer, wenn er schon lange steigt (Ueberzeugung-Selbstzufriedenheit), zu spät verkauft, bevor der Preis in der Höhe ist -oder gar, wenn er am Boden ist (Kapitulation). Ein weiterer wichtiger Grund für Fehlentscheide scheint auch darin zu liegen, dass die Analysten der Banken in ihren Empfehlungen kaum je die eigenen Papiere kritisieren, noch nicht mal Papiere bei deren Emission sie verdient haben, da sie das finanzträchtige (ein schönes Wort: mit Geld schwanger, aufgrund von Geldgeilheit) Kundschaft kosten könnte. Ein akuter Fall sind gerade die BP-Aktien, die wegen der Megasauerei im Golf von Mexiko, der entsprechenden megamässigen Kosten, ebenso megamässig unter Druck kommen könnten. (UBS und CS gehörten zu den Top-Emissionären der Aktie ...). So wurde etwa der Erdgas-Analyst John Olson 1998 von Merrill Lynch gefeuert, weil wegen seiner eher kritischen Analyse ein lukrativer Emissionsdeal von Enron verloren ging. Olsons Meinung zu BP heute: radioaktiv!

Nassim Nicholas Taleb (Der Schwarze Schwan) erklärt das wie folgt an einem Gleichnis: Ein Truthahn wird tausend Tage lang gefüttert. Jeden Tag kommt ein Mensch und gibt ihm zu fressen. Der Truthahn ist am Anfang noch scheu, dann wird er immer zutraulicher und immer überzeugter, dass der Mensch im nur Gutes will. Am tausendundersten Tag ist der Truthahn überzeugter denn je, dass er jetzt sein Fresen bekommt. Doch er bekommt etwas ganz anderes. Gerade zum Zeitpunkt, da er sich am sichersten fühlt, passiert das für ihn Schlimmste: Er landet im Kochtopf.

Hier beissen sich eben zwei prinzipiell unterschiedliche Anlagestrategien:

  1. Mit Aktien gewinnt man immer, wenn man sie lange genug hält
  2. Aktien muss man billig kaufen und teuer verkaufen. s. insbesondere Extrem-Spekulation

Die Vermischung der Strategien zeitigt dann eben das Resultat, dass diejenigen, die der Herde folgen, geschoren werden.

Die Kopf-Schulter-Formation: Eine immer wieder auftretende Abbildung der Preisentwicklung in den Charts ist Schulter-Kopf-Schulter. Für die Analysten bedeutet dies, dass der Kurs, sollte es im per Schulterbreite nicht gelingen, höher zu werden als die erste Schulter, für längere Zeit riskiert zu fallen.

Die 3 schwarzen Graphiken sind aus: Die Kurventechnik. Bilanz 13/10, 2.-29. Juli. S. 68-71)


 

  Diese Erscheinung trat etwa auch in den 30er Jahren auf. Ralph Nelso Eliot versuchte dies psychologisch zu begründen: Menschen verhalten sich nach Mustern (und lernen kaum aus der Geschichte), also ist bei ähnlichen Problemen wieder mit den selben Reaktionen zu rechnen.

Etwas fundierter könnte man sagen, dass sich der Trend zum Positiven wenden kann, wenn die Finanzmärkte in einem ihnen gemässen Zeitraum Licht am Ende des Tunnels sehen (Lösung der Probleme Euro, Immobilien, Banken, Staatschulden etcetc.) - ansonsten wird's zappenduster. Es gibt ja offenbar noch keine zweiköpfige Schulter, aber auch das wäre denkbar: Rumprobieren, bis die Nerven blank liegen und die Taschen leer sind.

Methoden der Wertpapieranalyse

Hier unterscheiden sich vor allem die Methoden, die von langfristigen Anlegern, also den eigentlichen Investoren, oder von den kurzfristigen Spekulanten angewandt werden. Wer in ein zukunftsträchtiges Produkt oder eine erfolgversprechende Firma investieren will, macht eine Fundamentalanalyse. Diese nutzt alle verfügbaren unternehmensbezogenen und volkswirtschaftlichen Daten, wie die Lage der Weltwirtschaft und die Situation bestimmter Volkswirtschaften und Branchen (Konjunktur). Die Monetaristen unter den Fundamentalisten interessieren sich vor allem für die Höhe der Geldmenge, Inflation, Zinsniveau und Realzins. Des weitern sind die Preisstabilität, nationale und internationale politische Ereignisse, die betriebliche Situation der Gesellschaft (Auftragseingänge, Auslastung der Kapazitäten der Unternehmen, Kurs-Gewinn-Verhältnis, Cash-Flow und Rendite) von Einfluss. Eher für kurzfristige Spekulationen wichtig sind psychologische Daten, z.B. über das Konsumverhalten (die Wirkung von einigen BSE-erkrankten Rindern auf den Fleischmarkt als schlagendes Beispiel!), das Geschäftsklima und besonders die allgemeine Stimmung unter professionellen und nicht professionellen Börsianern. Da der Herdentrieb die kräftigsten Trends bilden kann, darf auch der seriöse Investor nicht einfach darüber hinweg sehen.

Kurzfristig engagierte Aktienhändler bedienen sich vorzugsweise der technischen Analyse. Diese erfasst lediglich börsenbezogene Daten wie Kurse, Volumen, Kursbilder, Indikatoren,  typische Formationen, die auf Signale für Kauf oder Verkauf geprüft werden. Sie verlassen sich darauf, dass der Index oder Kurs, also der reelle Markt, bereits alle Faktoren berücksichtigt. Richtig wäre zwar eine ausgewogene Nutzung lang- und kurzfristiger Methoden, in der Praxis scheiden sich aber meist Techniker und Fundamentalisten unvereinbar in zwei Lager.

Ein äusserst gewichtiges Wort bei der Bewertung von Firmen sprechen die sogenannten rating agencies (z.B. Moody’s, Standard & Poor), welche die Kreditfähigkeit von Unternehmen öffentlich beurteilen.

 

Extrem-Spekulation

Trader, auf englisch extreme-investors genannt, versuchen cleverer und schneller die sekundengenauen Kurschwankungen von Aktien, Termingeschäften und Derivaten vorauszusehen und daraus zu profitieren: „Vergessen Sie die Recherche über irgendwelche Unternehmen!“, heisst es; „kümmern Sie sich nicht darum, was sie herstellen oder tun, oder wie sie gestern bewertet wurden. Hier geht es ausschliesslich darum, was in diesem Augenblick und auf diesem Bildschirm an der Börse passiert.“  [Millman S. 36.]

Für Daytrader ist eine Fundamentalanalyse überflüssig, da der Markt nach einem Eskomptierungsmechanismus (Berechnung des Gegenwartswertes) funktioniert, wirke er stets vorausschauend. Diese Annahme gilt allerdings nur so lange, als die Mehrheit der Handelstätigkeit auf Fundamentalanalysen basiert. Dann stören auch die Daytrader nicht übermässig, weil die langfristigen Trends eine gesunde Basis haben. Daytrading trägt dann sogar dazu bei, dass das Handeln der Wertpapiere effizienter wird. Die Annahme stimmt aber nicht mehr, wenn die Mehrheit der Händler wie Schafe einem Trend folgen, der mehr auf dem Faktor Hoffnung als auf reellen Wirtschaftsdaten beruht.

Das grosse historische Vorbild der Daytrader ist Jesse Livermore. Er war ein grosser Trader, da er viele Fehler machte - aber auch viel daraus lernte und seine Erfahrungen über einen Journalisten zugänglich machte. Er liefert uns ein paar illustrative Beispiel dafür, was kurzfristige Spekulation ist. 1906 besuchte er während einer Ferienreise kurz die Börse. Auf Grund eines „komischen Gefühls“ verkaufte er 10'000 Aktien leer – und verdiente eine Viertelmillion.

„Leerverkauf“ ist der Verkauf von Aktien, die man gar nicht besitzt. Lassen Sie mich dies kurz an einem Beispiel erklären. Sie beobachten den Markt. Die Aktie, die Sie interessiert, ist bereits von 100 auf 80 gefallen und sie rechnen damit, dass sie auf 55 fällt. Jetzt verkaufen Sie Aktien für eine Million beim Preis von 80, auf Termin. Haben Sie mit Ihren Vermutungen recht, können Sie die verkauften Aktien zu, sagen wir, 60 (vorsichtshalber) einkaufen, die Sie für 80 bereits verkauft haben. Sie machen 25% Gewinn, eine glatte Viertelmillion! Wäre der Kurs allerdings gestiegen, dann hätten Sie bei der Beschaffung der Aktien vielleicht eben so viel draufgelegt. Mit derartigen Geschäften verdiente Livermore 1907 am Börencrash 3 Millionen an einem Tag. Vor dem Schwarzen Freitag hatte er 50 Millionen Scheffel Weizen leerverkauft – und damit beim Zusammenbruch des Marktes 1 $ pro Scheffel verdient. Man rechne! Sein Leben zeigt allerdings auch, wie unstet das Glück ist. Er war drei Mal verheiratet und ging vier Mal bankrott.

Unsere modernen Kleinspekulanten starten mit der Absicht, mittels 50'000 US-Dollar (oder Franken oder was immer) im Depot zumindest einen täglichen Kursgewinn von 1% realisieren zu können, womit sie 500 Dollar am Tag verdienen würden. Während sich die US-Trader für jeden eigenen Dollar noch einen zweiten leihen können, müssen ihre europäischen Kollegen ihr Startkapital von mindestens 20-100'000 ohne Zuschusskredite selbst einbringen. Dafür haben sie den Vorteil, dass in Europa die Spannweite zwischen Geld- (Verkaufsangebot) und Briefkurs (Kaufangebot) häufig grösser ist.

Nach Livermore ist das einzig Gesicherte im Börsenmarkt die tatsächliche Börsenbewegung. Das wichtigste Prinzip seiner Lehre ist, dass der generelle Markttrend wichtiger ist als der Trend einzelner Aktien, weil die Gezeiten alle Boote erfassen. Er lernte, dass Spekulationserfolge auf der richtigen Einschätzung über den Markttrend basieren – „ dem Weg des geringsten Widerstands“ – und darauf, dass man dieser Richtung augenblicklich folgt. Aus diesem Grund sehen Daytrader nicht darauf, wie es einer Firma geht, was sie macht, ob der Kurs nach oben oder unten geht - nur das Tempo des Marktes ist wichtig. Dies ist allerdings durch zwei wichtige Punkte zu ergänzen. Der erfolgreiche Aktienhändler darf dem allgemeinen Trend nicht zu lange folgen – er muss ihm immer einen Schritt voraus sein. Die Kunst des Day-Trading besteht zum grossen Teil in dem Wissen, welche gegenläufigen Kursbewegungen unbedeutende Schwankungen sind, auf die eine weitere trendmässige Bewegung folgt, und welche einen echten Trendwechsel signalisieren. Man könnte das Grundgesetz der erfolgreichen Spekulation ganz einfach formulieren: Wer richtig vorausschaut, gewinnt!

Des weiteren sind Trends ja nicht ganz naturgegeben (marktbedingt), sondern werden häufig von den market-makers beeinflusst. Kleinhändler treten nicht nur gegeneinander, sondern gegen die herausragendsten Profis der Wall Street an. Aktienmärkte sind effizient und wettbewerbsintensiv geworden. Sie benötigen Wissen, Erfahrung und Disziplin. Bereits hier zeigt sich, dass das Gerede vom freien Markt eben, ein Gerede ist, da Markt nicht gottgegeben, sondern Menschenwerk ist. Die herausragende Bedeutung der Trends und der Erkennung von Trends zeigt auch, wie wenig Börsenhandel mit sinnvoller, zielorienterter wirtschaflicher Entwicklung zu tun hat. Wenn Sie eine perfekte Analyse eines Unternehmens machen und eine Top-Firma finden und deren Aktien kaufen, in Erwartung von Gewinnen, sonst aber kein Mensch dahinter kommt, wie toll die Firma ist, werden die Aktien weiter vor sich hin dümpeln, was die Firma sogar in die Knie zwingen kann, falls sie mal Geld braucht. Börsenkurse richten sich zu einem grossen Teil nach Erwartungen und so eher nach der Meinung der Masse als nach Wissen.

 

Wettbewerb im Wertpapierhandel

Trotz aller Vorbehalte haben die Daytrader ein paar positive Entwicklungen im Börsenhandel eingeleitet. Das traditionelle Börsenhandelssystem glich einem Informationskartell und wurde durch die neuen Technologien aufgebrochen. Der Uebergang von ¼ zu 1/8 Wertungen in den USA, der raschere und umfänglichere Handel, der tiefere Gebühren für kleine Mengen brachte, erhöhte die Effizienz des Effektenhandels beträchtlich. Bis 1984 wurden an der nasdaq (national association of securities dealers automated quotation) die Kurse von den grossen Maklerhäusern untereinander ausgehandelt. Verkaufs- oder Kaufordern wurden oft nicht vollzogen, wenn sie den Grosshändlern nicht ins Konzept, pardon, in den Trend, passten. SOES (small order execution systems) brach dieses Kartell 1984. Instinet gewährt jedem Nutzer den Zugang zum gesamten Orderbestand, also zu allen eingehenden Kaufs- und Verkaufsangeboten.

Da die Kurse nur in Vierteln, nicht in Achteln notiert wurden, konnten die Marktmacher aus der Kursspanne massive Profite erzielen. Die neuen Regelungen der SEC (securities exchange commission) schraubten die Gewinne der Marktmacher um einen Drittel herunter. Zudem mussten sie eine Strafe von 1 Milliarde $ bezahlen, wovon 144 Millionen in die Taschen der Anwälte der Kläger flossen.

Diese Art von kurzfristigem Handel ist postitiv für die Liquidität – aber schädlich für langfristige Investitionen und damit für die Nachhaltigkeit. Der Handel mit Firmen entfremdet diese ihrer eigentlichen Funktion, der Produktion von Gütern oder Dienstleistungen, und macht sie zum Handelsgut – mit den selben Problemen, die auch die Entfremdung von Geld vom Tauschmittel zum Handelsgut zur Folge hat: Die Hauptfunktion leidet!

 

Wer und was beeinflusst die Börsenkurse?

In erster Linie sind es Angebot und Nachfrage, die den Kurs bestimmen: Wenn eine Aktie schwer zu kaufen ist, wird ihr Kurs weiter steigen. Wenn sie leicht zu haben ist, wird er sinken! Angebot und Nachfrage lassen sich aber auch manipulieren. Gerade die Daytrader stehen im Kampf mit den Anlegern grosser Investmentbanken, Pensionen und Institutionen. Deren Performance (Neudeutsch für Leistung) wird am VWAP (value-weighed average price) gemessen, am Tagesdurchschnitt des Kurses. Haben sie zu teuer gekauft oder zu billig verkauft, könnte dies ein Ende lukrativer Aufträge bedeuten. Sie greifen also des öftern in den Markt ein, um im eigenen Interesse die Kurse zum Steigen oder Fallen zu bringen. Das selbe gilt, wenn eine Aktien vorhanden ist, die man verkaufen will, die aber keiner haben will. Dann kauft man nochmals selbst ein, setzt einen Aufwärtstrend, und verkauft, sobald der Kurs das erwünschte Niveau erreicht hat.

Eine quasi „neutrale“ Trendbildung erfolgt bei überschüssigen Geldmengen. In den letzten Jahren sind riesige Mengen Bargeld in den beschränkten Aktienmarkt geflossen - und deshalb stiegen die Kurse – was wiederum neue Investoren anzog. Steigende Kurse als self-fulfilling prophecy.

Aber auch bei ganz normalen Geschäften ohne hinterlistige Absichten beeinflussen Angebote und Nachfragen den Markt derart, dass er für grosse, institutionelle Anleger wertlos wird. Wenn sich etwa herumspricht, dass es Käufer für mehrere Millionen Aktien gibt, dann stoppen die Verkäufer ihre Angebote – in Erwartung höherer Kurse. Da sie mit ihrem Angebot oder Nachfrage die Notierung verändern, halten sie damit hinterm Berg. Das ist ein Grund, warum der Markt nicht so liquide ist, wie er sein könnte. Undichte Informationsstellen können die Rendite der Abschlüsse um fast 3% schmälern, was bei einem Durchschnitt von 10% bei US-Wertpapieren doch beinahe ein Drittel ist. Die nächste Stufe des Börsenhandels ist bereits in Vorbereitung. Optimarkt automatisiert Kommunikation und Suchen durch Algorhythmen. In Zukunft werden also Aktien von Komputer an Komputer verkauft. Da Komputer aber noch trendanfälliger sind als Menschen und völlig automatisch reagieren, muss der Handel ab und zu eingestellt werden, damit Mensch (nicht Komputer) Bedenk-Zeit kriegt und scheinbar unabänderbare Trends in vernünftigere Bahnen lenkt.

Da der Leitzins entscheidet, wie viel Geld die Börse zur Verfügung hat, gehört die Inflation und, damit verbunden, einige wichtige Rohstoffpreise, mit zu den wichtigsten Faktoren, die den Börsenkurs bestimmen. Steigen die Rohstoffpreise, so ist das ein Zeichen für eine höhere Inflation. Ist diese mit einer robusten Wirtschaft und somit steigenden Zinsen verbunden, so fallen notgedrungen die Aktien. DER Leitindikator für Inflation ist das Gold. Aber auch Erdöl hat einen starken Einfluss auf die Inflation in der gesamten Weltwirtschaft. Ein steiler Preisanstieg bei diesen Schlüsselrohstoffen ist ein unmittelbares Warnsignal für den Rentenmarkt. (Rentenmarkt ist bloss ein anderer Ausdruck für Wertpapierhandel, denn die profitablen Renten fallen eben nicht bei der Arbeit sonder über Zinsen an). Steigen Gold und Rohölpreise, so führt dies zu Albträumen bei den Anlegern. Ähnlich, wenn auch weniger ausgeprägt, wirken Kupfer und Aluminium.

 

Für Einkäufer hat sich die Situation weiter verbessert. Manch wertvolles Gerät zum Geldmachen kann heute für ein Butterbroot eingekauft werden. Und vielleicht ist dies ja auch der Hauptgrund, warum diese oft absurden Zyklen überhaupt zugelassen, d.h. präziser, veranstaltet werden: Leute die dann noch Geld haben kommen extrem günstig an ihr Schnäppchen: Rezessionsphasen sind für die Reichen präzise die rechte Zeit um noch reicher zu werden. Wenn allen andern Schnauf und Geld ausgehen, können sie am billigsten einkaufen: Häuser, Land, Firmen, Aktien etc.  Da letztere nie so günstig sind wie während einer Baisse, ist dies der rechte Zeitpunkt um das Kapital zu mehren. Allerdings wissen auch die Leute nicht, wann "unten" wirklich unten ist und wann's oben nicht mehr weiter geht. Da klappt dann manchmal eine ganze Bank zusammen. [s. Finanzmarktkrise 08]

Was treibt das Geld an die Börse

Vor allem ist es so was, wie die Graphik rechts zeigt: Bringen sichere Anlagen kaum noch den Inflationsverlust ein, sucht sich das Kapital andere Ertragsmöglichkeiten. Risikoarme Anlagen tragen heute kaum mehr Zins (was eigentlich so richtig ist). Umgekehrt verleitet aber gerade derart billiges Geld die Borger zu riskanten Spekulationen.

Einige der generellen Faktoren, die zu Kursänderungen führen, geben Anlass zu ernsthaften Gedanken, was die Beziehung der Börse zur Gesamtwirtschaft betrifft. Hier einige Beispiele:

1.      Bei steigendem Verbraucherpreisindex fallen die Kurse, denn es steigt die Inflationsgefahr, die von der Zentralbank mit höheren Zinsen und/oder Geldverknappung bekämpft werden wird.

2.      Bei sinkendem Bruttosozialprodukt steigen die Kurse, denn die Zentralbank wird die Konjunktur mittels tieferer Zinsen und einer expandierenden Geldmenge bekämpfen.

3.      Bei steigenden Löhnen sinken die Kurse, denn eine ansteigende Nachfrage nach Verbrauchsgütern fördert die Inflation: s. 1

4.      Bei Hochkonjunktur sinken die Kurse, denn die Zentralbank befürchtet Inflation und ... s.1

5.      Bei Wachstum der Geldmenge sinkt der Kurs, denn je mehr Geld auf dem Markt ist, desto höher ist die Inflationsgefahr .... s. 1

6.      Bei Arbeitslosigkeit steigen die Kurse, denn die Zentralbank wird die Geldmenge vergrössern und/oder die Zinsen senken s. 2)

Entscheidend ist hier vor allem der Diskontsatz, also der Zinssatz, zu dem Banken von der Zentralbank Geld ausleihen können. Er beeinflusst die Zinsentwicklung des Finanz- und Kapitalmarktes erheblich und ist damit eines der schärfsten Instrumente zur Steuerung von Liquidität, Preisstabilität und wirtschaftlicher Entwicklung. Sinkt dieser Zinssatz, so werden Aktien gegenüber festverzinslichen Wertpapieren attraktiver. Darum hören die Börsianer auf jedes Räuspern von Greenspan.

Es ist wird also ziemlich deutlich, dass es der Börse vor allem dann gut geht, wenn es der reellen Wirtschaft und der arbeitenden Bevölkerung eher schlechter geht. Arbeitnehmer, sogar nicht-börsenabhängige Unternehmer, braucht es also nicht allzu sehr zu kümmern, wenn Börsianer jammern – sie könnten ihr Geld ja auch direkt in Firmen oder andere nützliche Aktivitäten investieren. Eigentlich fände sich hier DAS moderne Wirkungsfeld für Freiwirte.

Spekulationsblasen - Preisblasen - Inflation am Börsenmarkt entsteht, wenn:

  1. Viel Geld im Umlauf ist und die Menschen Anlagemöglichkeiten suchen, insbesondere wenn die Zinssätze für Sparanlagen zu tief sind.

  2. Eine grosse Unsicherheit hinsichtlich der Bewertung besteht (z.B. gegenwärtig China. Da in den 90ern zu hohe Erwartungen herrschten, wurden die Aktien zu teuer eingekauft und werfen nun kaum eine Rendite ab

  3. Wenn kein Ersatz (Substitut) in Sicht ist, es sich also um etwas total Neues und Anderes handelt. Extremfall Tulpen in Holland, New Market vor 5 Jahren. Letzterer wurde allerdings auch noch durch Punkt 1 und 2 angeheizt.

  4. Durch Betrügereien, Fehler bei Finanzierungseinrichtungen und -Kontrolle. Hier müsste man vielleicht noch eine übermässige Werbung hinzufügen, wie etwa die der Deutschen Telecom AG, die mit breiter Werbung Klein- und Erstanleger angelockt hatte, deren "Volksaktie" aber seit 2000 mit 103.5 Euro bis 2002 auf 8.42 Euro fiel und sich bis heute bloss auf 15.36 Euro erholt hat.

Was treibt das Geld an der Börse?

Durch die neuen Technologien wurde die globale Wirtschaft zu einem gigantischen Börsenplatz. Die Börse ist nicht das Böse per se. Sie hat Funktionen zu erfüllen, die für die Wirtschaft wichtig sind. Problematisch wird es, wenn wir der Börse eine leitende Funktion für die wirtschaftliche Entwicklung zuschreiben. Denn den Aktienhändlern ist es, wie hier umfangreich belegt, absolut egal, womit sie handeln, wo die von ihnen gehandelten Firmen was produzieren. Weder die Börse noch ihre Händler übernehmen auch nur die geringste Verantwortung für fehlgeleitete Entwicklungen, oft nicht mal für Fehlspekulationen. Daytrader etwa sind vermögende, anspruchsvolle, gut ausgebildete junge Menschen, die genügend Zeit haben und mit Aktien handeln wollen, und zwar nicht, um sich damit den Lebensunterhalt zu verdienen, sondern eher als Freizeitbeschäftigung, Geschicklichkeitsspiel beziehungsweise intellektuell anspruchsvollen Ausgleich zu ihrer beruflichen Tätigkeit: Am Morgen 175’000$ im Plus, am Nachmittag 386'000$ im Minus. „Was können sie uns anhaben? Wir sind 21 Jahre alte Jugendliche mit Discount-Kreditkarten. Bei uns ist nichts zu holen.“ [Millman, S. 36]. 

Das Hauptproblem dabei ist die Gleichgültigkeit des Handels mit Firmen gegenüber den Beschäftigten, den Gemeinden und Regionen, ja generell gegenüber der gesamten Entwicklung, ökonomisch wie sozial und politisch. Den Firmenhändlern geht es, wie deutlich gezeigt wurde, nur darum zu erkennen, ob es aufwärts geht oder abwärts, und, ganz egal, wohin es geht, sich dabei ein Scheibchen abzuschneiden. Werden Firmen zum Handelsgut, so wird die wirtschaftende Bevölkerung zum Objekt der Wirtschaft degradiert, statt Zweck des Wirtschaftens zu sein.

Börsenentscheide sind undemokratisch, denn der Kreis der Mitspieler ist, politisch betrachtet, eine kleine Minderheit. Wir haben hier also eine direkte Herrschaft des Geldes, auf lateinisch eine Plutokratie (... und interessanterweise war Pluton der Herr der Unterwelt ...). Immerhin bieten sich doch ein paar freiwillige Auswege und Alternativen über sozial, ethisch und ökologische Fonds, bei denen andere Ziele als Profit mit berücksichtigt werden. (s. Investieren statt Spekulieren.)

Martin Herzog, Webdesign, Rheinfelden (irgendwann 2000)

neuer Beitrag vom 7.10.06:

Von Investition zu Spekulation

Geld   Macht   Krise. Finanzmärkte und neoliberale Herrschaft. Becker; Heinz; Imhof; Küblböck; Manzenreiter (Hrsg). HSK 22: Internationale Entwicklung. Verein für Geschichte und Sozialkunde (VGS) ProMedia, Südwind. Wien 2003

Giovanni Arrighi sieht einen Zusammenhang zwischen der Erschöpfung eines Produktionsmodells und dem Aufschwung einer finanzielle angetriebenen Akkumulation. Erschöpft sich ein Produktionsmodell, fehlt es an ausreichenden produktiven Anlagemöglichkeiten für das Kapital. Zudem ist die Situation durch hohe Unsicherheit gekennzeichnet, das Kapital sucht also liquide Anlageformen, die es schnell zurückziehen kann, also Finanzanlagen, Wertpapiergeschäfte, mit schwachen Beziehungen zwischen produktiven Unternehmen und Finanzinvestoren. Diese nannte Marx "das fiktive Kapital". Weniger fiktiv ist allerdings sein Anspruch auf einen Anteil des Mehrwerts. Hinterlistig ist dieser Anspruch, weil die Häufung des Kapitals in den Finanzmärkten die Kurse an den Börsen steigen lässt, das fehlende Geld auf den Märkten zur selben Zeit die reellen Umsätze eher stagnieren lässt, oder diese sogar rückläufig werden, das investierte Kapital aber, auf Grund des fiktiven Marktwertes der durch Nachfrageinflation auf den Finanzmärkten entsteht, seine Ansprüche noch erhöht. Da Benchmarking im Business sich nicht am Durchschnitt, sondern an der Spitze misst, verlangen dann plötzlich auch noch alle Shareholder Spitzenerträge. So entstanden die lächerlichen 17% Wertvermehrung die von Ebner & Co erwartet werden.

Diese Mehrerträge die vom Kapital erwartet werden, müssen logischerweise bei den Löhnen eingespart werden. Deshalb gibt es seit 1990 nicht bloss keine Lohnerhöhungen mehr die den Namen wert wären, sondern auch zunehmend Ausschluss aus der Arbeit, also Arbeitslosigkeit. Jeder gesparte Lohn geht in die Kasse des Kapitals ... verursacht aber zur gleichen Zeit ein Loch in der Kasse des Staates, der dafür das Kapital noch belohnen soll durch Steuerermässigungen.

Weitere Gewinnmöglichkeiten werden durch die Ausdehnung der Märkte gesucht. Hier der treibende Faktor der Globalisierung. Bei der Wahl der besten Risiken kommen also erst die "emerging markets" zum Zuge. Beim kleinsten Risiko werden diese allerdings wieder fallen gelassen, womit sie noch für einige Zeit "emerging" bleiben dürften. (s. Asienkrise).

Der IMF, die Weltbank und weitere Vertreter der Interessen des Weltkapitals stellen in erster Linie sicher, dass die Kredite rückzahlungsfähig bleiben und dass die Zinsen gezahlt werden. Dies entzieht der Binnennachfrage das Geld und reduziert die Entwicklung auf neoliberale Entwicklung, sprich Ausbeutung: Arbeiten für den Export = Arbeiten für Andere.

Ein ökonomisches Unding wie der Euro ist nicht nötig, um die Kosten des Umtausches von Devisen zu verringern, sondern um die Vorherrschaft des Dollars zu brechen, der als Weltwährung mit den andern nationalen Währungen eben seine Spielchen treiben kann.

Die Förderung des Finanzmarktes als Finanzierungsinstrument entspricht den Bedürfnissen der Anleger, nicht der Firmen. Die grosse Industrialisierungswelle ab Mitte des 19. JH wurde mit langfristigen Bankkrediten finanziert, nicht mit kurzfristigen Papieren am Markt. Diese dienen weitaus mehr der Spekulation als der Investition. Die Explosion der Finanzmärkte deuten auf starke Zunahme des Spekulationsmotivs. Der sog. "Marktpreis", der geheiligte, basiert also auf wenig mehr als Spekulationen. Heute finanzieren die meisten Betriebe ihre Investitionen aus Rückstellungen. Börsengeschäfte dienen der Wertsteigerung der eigenen Firma und der Absicherung von Wechselkursen, Rohstoffpreisen, des eigenen Kapitals etc. Da der Markt dauernd und oft sehr kurzfristig ändert, ist die Finanzierung über Marktkredite riskant, da sich der Betrieb dauernd auf die wechselnden Erwartungen einstellen muss - was mehr Kosten verursacht als der Tausch von Papierchen.

Martin Herzog, Basel, 7.10.06

<Spekulation> als philosophischer Begriff

[Historisches Wörterbuch der Philosophie: Spekulation]

Definition des Begriffs: Spekulation ist abgeleitet von lat. speculari ([umher-] spähen), welches ursprünglich das Ausspähen und Auskundschaften von einer Warte (specula, vgl. griech. skopia, skeptomai) aus bezeichnet.

Spekulation bezeichnet zuerst eine bestimmte Stufe und Weise der Gottesbetrachtung, die von anderen (cognitio, contemplatio, visio) unterschieden wird. Mit dieser Bedeutung eng verbunden, jedoch etymologisch von speculum (Spiegel) abgeleitet, ist die Auslegung von Spekulation. als einer spezifischen Erkenntnisform der Reflexion, in welcher Spiegelndes (Geist, Natur) und Gespiegeltes (Gott) in ein sich gegenseitig verdeutlichendes Verhältnis gestellt sind.

THOMAS VON AQUINs (1225-1274 Meinung war allerdings: Spekulation. kommt von Spiegel, nicht von Warte!

Bei den Stufen der Gotteserkenntnis von «cogitatio» über «meditatio», «speculatio», «contemplatio» zur «intuitiva visio» steht «speculatio» in der Mitte und hat sowohl Anteil am Verstand als auch an der Vernunft.

Mit der frühen Neuzeit setzt eine sich kontinuierlich verstärkende Kritik an der Spekulation ein. Die Abwertung und Unterordnung der Spekulation unter das praktische Interesse erreichen bei Kant ihren systematischen und wirkungsgeschichtlichen Höhepunkt.

Mit einer Kritik an der Kritik der Spekulation wird der Begriff im Deutschen Idealismus positiv erneuert. Unter Aufnahme spezifischer Vorgaben der Tradition bezeichnet Spekulation nun eine vornehmlich der Vernunft vorbehaltene Denkform.

BONAVENTURA (1221-74): Für die Lebensführung sind insbesondere die letzteren Modi der Spekulation wichtig, die in fünf unterschiedliche Tätigkeiten untergliedert werden: Wenn ein Verstehen in eine Wirkung übergeht, betreibt man «ars» (Kunst/Können), über die «scientia» (Wissenschaft) gelangt man zur «prudentia» (Klugheit), welche mittels der «intelligentia» zur «sapientia» aufsteigt: Spekulativer und praktischer Intellekt unterscheiden sich darin, «daß der spekulative Intellekt das Wahre im Bedenken des Wahren erkennt, der praktische Intellekt aber das Wahre im Bedenken des Guten erkennt.
> Wir müssen hier ein bisschen vorsichtig sein mit dem Begriff "Intelligenz" (Erkenntniskraft), der heute etwa das selbe meint wie Verstand/Verstandeskraft (kognitive Leistungsfähigkeit), für Bonaventura aber offenbar eher Vernunft (Schliessen auf Zusammenhänge + Reflexion + praktische Anwendung der Erkenntnis, also Wertung und Entscheidung), die dann von der Weisheit gekrönt wird - dem Fühlen von Werten.

BOETHIUS (475/80-524/26): «Es gibt nämlich eine Gattung Philosophie, aber zwei Arten, eine, die man theoretisch, die andere, die man praktisch nennt, d.h. spekulativ und aktiv». Der Einteilung des Aristoteles folgend, umfaßt die spekulative Philosophie Mathematik, Physik und Theologie.

> Die Liste, die Fächer jene naturwissenschaftlichen Fächer enthält die heute eigentlich als die einzig wirklich wissenschaftlichen gelten, macht deutlich, dass mit <Spekulation> kein wildes Sehen im Drogenrausch gemeint war, sonder eher ein abstraktes Sehen, wie es gerade autisten in der Mathematik oft beherrschen, ein Sehen abstrakter Zusammenhänge.

AVICENNAs (980-1037) Aristoteles-Recension: Neben der Hauptunterscheidung von tätiger und passiver findet sich die Unterscheidung von spekulativer und praktischer Vernunft, die Aristoteles nach dem Ziel der Erkenntnis bestimmt: Die praktische Vernunft überlegt auf einen Zweck hin und führt zum Handeln, während die spekulative Vernunft nichts denkt, was zum Handeln führt.

> Wir haben hier also noch eine weitere Unterscheidung unseres heute recht beschränkten Begriffs von Wissenschaft, die nämlich nicht bloss aus praktischen und theoretischen, sondern zum grösseren Teil eigentlich aus final orientierten Wissenschaften besteht, zu denen offenbar noch ein spekulativ-abstraktes Denken kommt, das weder praktisch, noch kausal, noch final ist, sondern nach Erkenntnis des Wesens einer Sache strebt - und ungleich den Wissenschaften die Sache nicht von ihrer Umwelt löst sondern als eingebunden im Universum zu betrachten versucht (also sozusagen "ganzheitlich" s. Whitehead): Unter «spekulativer Grammatik» etwa versteht man die Form von Grammatik des 13. Jh., die nicht irgendeine Sprache lehrt, sondern im Ausgang von alten lateinischen Grammatiken versucht, das Wesen und die Organisation von Sprache – in der Literaturgattung tractatus de modis significandi – zu beschreiben.

Während die spekulative Theologie die intellektuelle und diskursive Untersuchung ihres Gegenstandes zur Aufgabe hat und hierbei stehenbleibt, zielt die mystische Theologie auf die eigene religiöse Erfahrung und die Praxis des Glaubens ab.

Die Theologie war Kern des spekulativen Ansatzes:

C. Salutati (1331-1406): Das wahre und letzte Ziel des Menschen («extremus hominis finis») aber, nämlich die höchste Glückseligkeit, Gott so zu schauen, wie er ist, erreicht man weder durch die Wissenschaft noch durch menschliche Spekulation, sondern mit Gottes Gnade durch Tugenden und Taten.

- und Grund für seinen Untergang. Mit dem Humanismus verstärkt sich, gefördert durch die Rezeption von Texten der lateinischen Antike, die Selbstauslegung des Menschen als eines handelnden Lebewesens. Die mit dem Protestantismus einhergehende Neubestimmung der Theologie führt verstärkt und nachhaltig zu einer Abwertung der Spekulation zugunsten der Praxis. – Die Reformation bewirkt eine Neubestimmung der Theologie, die eher am konkreten, praktischen Lebensvollzug als an spekulativer Betrachtung orientiert ist. Man sieht also die Möglichkeit einer Analyse der Natur ohne metaphysischen Anspruch.
F. BACON definiert das Ziel der Wissenschaften bereits im Geist des sich durchsetzenden Pragmatismus: Man solle die Wissenschaften nicht des Geistes wegen erstreben, sondern «zur Wohltat und zum Nutzen für das Leben»

KANT (1724-1804): «Eine theoretische Erkenntniß ist speculativ, wenn sie auf einen Gegenstand oder solche Begriffe von einem Gegenstande geht, wozu man in keiner Erfahrung gelangen kann.»

Bei J. G. FICHTE (1762-1814) umfaßt der Begriff Spekulation zunächst die Bedeutung von 'Betrachtung und 'Theorie und wird auf traditionelle Weise der Moral und der praktischen Philosophie entgegengestellt.

Ihre höchste Blüte enfaltete die spekulative Philosophie vermutlich im Idealismus: Der Idealismus als die ausgezeichnete Form des Philosophierens kann «nie Denkart seyn, sondern ist nur Speculation», die höchste Wissenschaft ist deshalb Spekulation, wie auch Wahrheit mit dem «höchsten Standpunkte der Speculation» identifiziert wird.

SCHELLING (1775-1854): «Speculative Physik» richtet sich, im Gegensatz zu «empirischer Physik», nicht auf «Naturerscheinungen», sondern «auf ihre letzten Gründe».

HEGEL (1770-1831) sah den Standpunkt der «Spekulation» dem der «Reflexion» entgegenstellt. Während die Reflexion eine Verstandestätigkeit ist, die die Trennung und Entgegensetzung der Bestimmungen des Verstandes zur Aufgabe hat, gehört die Spekulation der Vernunft an. Ihr «Princip» ist die «absolute Identität»; daher ist es auch die «höchste Aufgabe» der Spekulation, «die Trennung in der Identität des Subjekts und Objekts aufzuheben»

Spelulation und Philosophie werden von Hegel nahezu identifiziert: Es macht die «wesentlichste Seite eines philosophischen Systems» aus, «Spekulation zu seyn». In der Vorrede zum System der Wissenschaft gibt Hegel einen Ausblick auf die Stufe des Bewußtseins, auf der «die Momente des Geistes», nämlich Sein und Wissen, nicht mehr auseinanderfallen: «Ihre Bewegung, die sich in diesem Elemente zum Ganzen organisirt, ist die Logik oder speculative Philosophie». Für die spekulative Philosophie, als «eigentlicher Metaphysik», ist die Frage nach der Darstellbarkeit spekulativer Inhalte ein zentrales Problem.

Die Begriffe Dialektik und Spekulation gehören eng zusammen und werden von Hegel beide zur Charakterisierung des Vernunftdenkens verwendet, sie sind jedoch darin zu unterscheiden, daß das Dialektische die «negativ-vernünftige» Seite des Logischen ausmacht, «das Spekulative» hingegen die «positiv-vernünftige» Seite, welche «die Einheit der Bestimmungen in ihrer Entgegensetzung (...), das Affirmative, das in ihrer Auflösung und ihrem Uebergehen enthalten ist», auffaßt.

In Auseinandersetzung mit Hegel wendet sich L. FEUERBACH (1804-72) gegen «speculative Religionsphilosophie», die die «Religion zum Spielball speculativer Willkür macht»

In der sich gegen den Idealismus wendenden materialistischen Geschichtsbetrachtung von K. MARX (1818-83) und F. ENGELS (1820-95), die die konkreten Lebensbedingungen als Voraussetzungen für geschichtliche Prozesse akzentuiert, wird Spekulation im Gegensatz zu materieller Wirklichkeit begriffen und scharf kritisiert.

KIERKEGAARD (1813-55) erhebt «Einwand gegen die moderne Spekulation, worunter er vor allem die Systementwürfe des deutschen Idealismus verstand.

Doch wird der Begriff selten, wie bei K. JASPERS (1883-1969), affirmativ verwendet. Bei ihm ist die Spekulation bestimmt als «kontemplatives Sichversenken zur Berührung mit der Transzendenz in selbstergriffener, ergrübelter, gestalteter Chiffrenschrift, welche sie als metaphysische Gegenständlichkeit vor den Geist bringt» und als «ein Denken, das denkend über das Denkbare hinaustreibt, Mystik für den Verstand, der erkennen möchte, Helligkeit für ein Selbstsein, das darin transzendiert».

Im anglo-amerikanischen Sprachraum bezeichnet speculative philosophy im allgemeinen Sinne die Tradition des europäischen Denkens, die sich mit metaphysischen Fragestellungen unter universellem Erklärungsanspruch beschäftigt. Sie spielt dort keine beherrschende Rolle. Eine Ausnahme bildet A. N. WHITEHEAD (1861-1947), der einen Essay in Speculative Philosophy schreibt und definiert: «Speculative Philosophy is the endeavour to frame a coherent, logical, necessary system of general ideas in terms of which every element of our experience can be interpreted». Das «ideal of speculative philosophy» wäre es demnach, deutlich machen zu können, daß ihre Grundbegriffe nicht getrennt voneinander, sondern nur im Kontext miteinander explizierbar sind: «In other words, it is presupposed that no entity can be conceived in complete abstraction from the system of the universe, and that it is the business of speculative philosophy to exhibit this truth». Bei dieser Unternehmung weiß sich Whitehead gleichwohl der anglo-amerikanischen Tradition verpflichtet:

«Speculative boldness must be balanced by complete humility before logic, and before fact».

Entsprechend verstehen sie den Begriff speculative philosophy in der Spannung, die zwischen seiner Tradition und unserer Gegenwart besteht:

Speculative philosophy reaches from the depths to the hights of human experience, requiring us to bring careful, disciplined, and critical observation into a living relation with the kind of reflection that can only be characterized as the love for wisdom»

Vergessen wird allerdings gerne, dass äusserst moderne Versionen der Wissenschaftstheorie, wie der kritische Rationalismus von Popper, genau so wie der radikale Konstruktivismus Glaserfelds sehr laut zum Spekulieren aufrufen: Schafft Modelle, schafft Theorien - und versucht sie zu widerlegen. Je schärfer sie geprüft werden, desto besser ihre Chancen zumindest zu temporären Wahrheiten zu avancieren.

Es ist wichtig sich bewusst zu machen, dass wir andauernd spekulieren. Ueberall, wo wir zwei Begriffe in einem Satz verbinden, ohne wirklich eine Ahnung zu haben ob und wie die verbunden sind, spekulieren wir. Es ist nur die Vernunft und die Reflexion und die Kritik, die verhindern, dass Spekulieren zum Spintisieren wird.

An der Börse verläuft das eigentlich ähnlich. Der Makler hat eine gewisse Ahnung, eine Intuition, ev. gut genährt durch spezifisches Wissen über das spezifische Umfeld der spezifischen Aktie, und vertraut so sehr auf diese Intution, dass er darauf Geld wettet. Da es aber um zukünftige Entwicklungen geht, kann das immer in die Binsen gehen. Spekulieren ist also ebenfalls ein Handeln, das auf Verantwortung basiert. Im Prinzip sind hier die Börsenspekulanten eigentlich verantwortungsvoller, zumindest wenn sie mit eigenem Geld handeln, als die Philosophen, denn ihr Geld kann dabei verschwinden. Erzählt ein Philosoph Unsinn, so hat er meist keine Mühe, das völlig rational zu begründen, warum es halt diesmal schiefgehen musste. Kostet ihn auch nichts - höchstens mit der Zeit dann mal den Ruf, und auch das nur, wenn die Leute merken, was er für Unsinn verzapft. Verwerflich ist Spekulation dort, wo andere dadurch Schaden erleiden - der Urheber des Unsinns sich aber ungeschoren von dannen machen kann.

Am spekulativsten ist Philosophie dort, wo sie nichts sehen kann, da sie eben übergreifendes Wissen sucht, wie speziell in der Kathegorienlehre, aber auch der Ontologie. Kategorien lassen sich, mit wenigen Ausnahmen, nicht aus der Natur "ablesen", sondern sind rein rationale, geistig-abstrakte, zusammenfassende Konstruktionen, also Visionen, also eben auch Spekulationen. Allerdings lassen sie sich eben so gut prüfen wie normale Theorien: Sobald sie löcherig oder bröselig werden und mit immer mehr Zusatzkonstruktionen gestützt werden müssen, Ich hab ein bisschen den Verdacht, die Teilchenphysik sei in dem Stadium, da sie immer mehr Teilchen und Problem in immer mehr Dimensionen verstecken muss), ist Zeit für einen weiteren Versuch.

Ausserweltliches und transzendentales Wissen als grösster Fundus von Nichtwissen wie von unbewusstem Wissen

Karl Jaspers hat sich intensiv mit der Wissenslandschaft auseinandergesetzt [Von der Wahrheit. 1947. 1100 S]. Vor allem aber ist er einiger der Wenigen, die noch im 20. JH. an Botschaften aus der Transzendenz, speziell an göttliche Botschaften glaubte, die in der Form von Zeichen, als Chiffren zu uns gelangen. Um das Sein und das Umgreifende verständlicher zu machen, schuf er eine graphische Darstellung, die einzige in diesem dicken Schinken, obwohl er sich offenbar selbst darüber im Klaren ist, dass sich das philosophische Denken immer der Bilder bedient hat. Er hat allerdings die Befürchtung, dass <Schemata> zu sehr als Realität genommen werden könnten, also ihre denkerische Leichtigkeit und Fluidität verlieren, zur Sache werden, wie damals das Swastika. Es wären hier also viele unterschiedliche Modell möglich::

In der Mitte die Welt - oben der offene Raum der Transzendenz - unten die Existenz, die von der Welt, dem Sein etwas angezogen und leicht verbeult wird (Wir brauchen uns bloss unsere Landschaft anzusehen, um zu verstehen, wie real dieser Einfluss ist).

Die Welt ist das Umgreifende des Weltseins. In ihr wird Weltsein selbst, Dasein und Geist zum Gegenstand. Da die Welt aber selbst auch aus nichtmateriellen Teilen besteht, der Geist nicht nur an Materie gebunden ist, das Dasein auch Dingen ausserhalb der Welt zukommt, ist jeweils ein verbundener, grösserer Kreis auch ausserhalb der Welt nötig. Hier wird das Bewusstsein überhaupt zum Gegenstand (klein gedruckte Namen), also der Wissenschaft greifbar.

Der doppelte gestrichelte Pfeil zeigt das aktive sich in der Welt zur Erscheinung bringen des Selbstseins der Existenz in Dasein, Bewusstsein und Geist.

Die einfache unterbrochene Linie ist die Sprache der Transzendenz, wie sie in der Erscheinung des reinen Denkens im Bewusstsein überhaupt und als Chiffrenschrift im Dasein, im Geist und der Welt in erscheinung tritt.

Von der Existenz zur Transzendenz gehen 3 Wege:

  1. Einer durch die Welt, durch die Vitalität des Daseins, die Spiritualität des Geistes und durch das Weltwissen (Geist).
  2. Der andere geht durch die Spekulation des Bewusstseins überhaupt, angedeutet durch die zwei Punkte ausserhalb der Welt.
  3. Der dritte ist das Zusammenfallen von Existenz und Transzendenz in der Unio Mystica, angedeutet durch die schwächere Krümmung der Transzendenz und die stärkere der Existenz, die von der Transzendenz angezogen wird, wie auch von der Welt.

In der Welt geschieht ein Sichtreffen von Existenz und Transzendenz in imer vieldeutiger Sprache bie nie überbrückbarem Abstand.

Das umgreifende Weltsein ist mehr, als uns im naturwissenschaftlichen und kosmologischen Wissen (im Bewusstsein überhaupt) zugänglich wird. Forschung und Wissenschaft verarbeiten ihre Bilder in Weltsein (kleine Kreise).

Dasein und Geist sind aber zugleich dem Kosmos gegenüber eigenständige Umgreifende, die wiederum mehr sind, als von ihnen im Wissen gegenständlich erforschbar wird. Wir sind Teile der Welt, sofern wir Dasein und Geist sind. Aber wir sind aus der von uns unabhängigen Welt nicht zu erklären, sowenig wie die Welt aus uns abzuleiten ist.

Die Immanenz unsres und des Weltseins, in der Mitte der Figur, drückt durch ihre Geschlossenheit in naher Verbindung ihrer Kreise bei weitem Abstand von Transzendenz und Existenz das aus, was uns Menschen ständig verführt, in der Welt und Immanenz schon das gesamte Sein zu sehen, die Welt sich selbst genügen zu lassen und sie als im Nichts schwebende Kugel für die Gottheit selbst zu halten.

Aber durch ihre nur relative Geschlossenheit, ihre Asymmetrie und ihre Bezogenheit auf Anderes lässt diese Figur die Welt gerade nicht zur sich selbst genügenden, freischwebenden Kugel werden. Sie deutet dadurch an, dass die Welt durchbrochen werden muss zum Grund des Seins hin.

Transzendenz und Existenz sind überhaupt nicht in die Figur hineingenommen, sondern streifen nur ihren Rand. Die Unendlichkeit der Transzendenz, der eigene unergründliche Ursprung der durch Transzendenz in ihrer Freiheit geschaffenen Existenz, das Allumfassende möglicher Vernunft sind dadurch schon angedeutet.

Die durch das Ganze im Bogen gezogene Linie grenzt den Bereich des Menschseins ab. Der Mensch ist nicht alles. Vielleicht kann der Mensch auf alles Bezug haben, aber er kann nicht alles sein.

Jaspers widerholt dann seine Befürchtung, dass eine solche vereinfachende Skizze die Vielfachheit des Daseins , die Vielfachheit der Existenzen nicht wirklich zum Ausdruck bringen kann. Das Bild sollte radikalste Offenheit ausdrücken, frei schwebend bleiben, leicht, zerbrechlich - aber strenge Ordnung schaffend. Es ist keine Darstellung von Endlichkeiten.

Nun ja, falls Sie es überhaupt bis hierher geschafft haben (und nicht einfach den ersten und den letzten Satz eines Artikels lesen), werden Sie sich vielleicht wundern, was denn das nun mit Spekulation zu tun habe. Erinnern wir uns: Spekulation ist die Verbindung der Grundbegriffe mit dem Kontext. Spekulation sucht das Umgreifende zu sehen. Was für die irdische Spekulation das Umgreifende ist, ist der Markt, ein kleiner Bestandteil des Daseins ... wenn auch wichtig, wirklich nur ein sehr kleiner Bestandteil. Die spekulative Schau von Jaspers macht uns jedoch verständlich, wie beschränkt unser innerweltliches Wissen - in seiner ganzen unverständlichen Vielfalt - ist, wie gross die Räume des Nichtwissens sind, wie klein der Raum des Bewusstseins innerhalb all diesen Nichtwissens. Es gäbe also schon noch einiges von <Interesse> jenseits von Geldzinsen und Kapitalrenditen.

p.s.: Im übrigen waren aber auch einige der griechischen Philosphen nicht ganz so selbstlos und humanistisch, wie wir sie gerne sähen. Da sie meist Beziehungen zu vielen andern Ländern hatten, wussten sie oft, wie dort das Klima war, was gedieh, was nicht, und spekulierten auf entsprechende Preise, also ein klassisches Termingeschäft, erfunden von griechischen Philosophen. Ein anderer Schlaumeier (Thales) soll mal sämtliche Getreidemühlen der Stadt auf Kredit erworben haben - und bezahlte diesen dann leicht zurück, da er Monopolpreise erheben konnte (könnte allerdings erfunden sein, denn ich vermute, die hätten ihn um einen Kopf kürzer gemacht. Waren noch andere Zeiten dazumals). Ein dritter hatte den Eindruck, dass ein Krieg ins Land stehe - und setze auf steigende Zinsen bei den Staatsanleihen (gab es damals schon, meist wurden die Reichen allerdings ganz einfach verpflichtet dazu) - was heute zu den Derivativen gehören würde. Die waren da der Zeit also ziemlich voraus - allerdings auch der entsprechenden Hinterlist.

letzte Ergänzung 24.5.2010