Japans Wirtschaft stagniert - trotz 0% Zins.

 

                             Was könnte wirtschaftliches Wachstum fördern?

Japan wird, gefolgt von der Schweiz, vermutlich eines der ersten Länder sein, das negative Zinsen einführt. Dies liegt ganz einfach daran, dass beide über Ökonomien verfügen, in denen kaum mehr mehr abzusetzen ist. Beide erreichen nur noch Wachstum, wenn sie den Export fördern. Diese Strategie stösst aber, besonders was Japan betrifft, in den USA auf grossen Widerstand. Es dürfte für die Freiwirtschaft nützlich sein, sich mit diesen Problemen und Lösungsansätzen auseinander zu setzen, denn die Zeit rück rasch näher, in der Negativzins zu einer öffentlich  diskussionsfähigen Lösung wird.  

Seit 1999 sind die Kredite der japanischen Zentralbank zinsfrei.

In den letzten 100 Jahre betrug die Wachstumsrate der USA 3.3%, diejenige Grossbritanniens 1.9%. In den letzten fünf Jahren wuchs die Wirtschaft der USA um 4.4%, diejenige Grossbritanniens um 2.8% - Werte also, die um einen Prozentpunkt über dem hundertjährigen Mittelwert liegen. Dies zeigt, dass auch reife Wirtschaften kraftvoll expandieren können, wenn sie die Dynamik des privaten Sektors erfolgreich fördern. Im Gegensatz dazu betrug die durchschnittliche Wachstumsrate Japans 3.9% für die letzten 100 Jahre, 5.8% für die letzten 50 Jahre und – 1.4% für die letzten fünf Jahre. Die Nullprozent-Politik der Zentralbank führte zwar zu einer Erhöhung der öffentlichen Investitionen von 13.3%, der private Konsum und die privatwirtschaftlichen Investitionen sanken aber um 2%. [i]

Die durch erhöhte öffentliche Ausgaben und günstige Exportbedingungen geförderte Erholung ist aber noch weit entfernt davon, eine nachhaltige, aus eigener Nachfrage der privaten Haushalte getriebene Erholung zu sein. Insbesondere zwei Risiken wiegen schwer für Japan:

  1. die asiatischen Staaten sind stark abhängig von Exporten, und damit von der Wirtschaft der USA
  2. die heftigen und unvorhersagbaren Trendänderungen an der Börse bilden eine grosse Gefahr für den Kreditsektor

Inflation oder Deflation sind bei einem globalen Finanzmarkt ebenfalls keine Lösung, im Gegenteil, sie behindern die Restrukturierung. Das Ziel der monetären Politik muss Preisstabilität sein, die der höchste Beitrag ist, den die Zentralbank zur Erfüllung der strukturellen Anpassung leisten kann. 

Treibende Faktoren des Strukturwandels und Wachstums

Japan hat seine strukturellen Anpassungsprobleme noch nicht gelöst. Der Markt versucht Wachstumsindustrien zu identifizieren und Firmen welche in diesen Branchen führend sind. Das Resultat dieser Suche des Börsen-Marktes ist, dass die Firmen mehr Gewicht auf einen effizienten Kapitaleinsatz legen und Anlagen mit geringerer Profitabilität abstossen. Manche Firmen in traditionellen und haushalt-orientierten Branchen werden hier zurückbleiben. Da die Firmen oft unsicher sind, wie sie sich anpassen sollen, tendieren sie instinktiv zu einer defensiven Haltung, reduzieren Investitionen und Personal, was zu weiterem Absinken wirtschaftlicher Aktivitäten führt. Wachstum und Strukturwandel verlaufen nicht gleichförmig, sie polarisieren. Industriezweige die Grundstoffe herstellen leiden an Überkapazitäten und reduzieren Investitionen, während Informationstechnologie und Elektroindustrie substantiell zugelegt haben. Der Arbeitsmarkt wächst hier mit zweistelligen Zuwachsraten, wobei allerdings, und dies auch in Japan, Angebot und Nachfrage zunehmend auseinander klaffen. Dringend benötigte Arbeitskräfte im IT-Sektor fehlen, während Arbeiter, die sich über Jahre oder Jahrzehnte firmenspezifisches Wissen angeeignet haben, nicht länger gebraucht werden.

Die gegenwärtige Restrukturierung unterscheidet sich vom traditionellen Ansatz. Wurden früher einfach die Kosten reduziert durch downsizing (neudeutsch für Entlassungen), werden heute neue Bezugs- und Absatzkanäle, neue Finanzierungs-,  Produktions-, Managements- und Verwaltungsformen gesucht. Firmen die auf diesem Weg die Umstrukturierung bewältigen, werden so selbst zur Quelle neuen Wachstums und investieren in neue Dienstleistungen und Produkte.

Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass die Firmen gleich vermehrt Personal einstellen oder die Löhne erhöhen. Die Priorität liegt zur Zeit beim Abbau von Schulden und der Förderung der Profitabilität – um dem Druck der globalen Finanzmärkte stand zu halten.

Japans Nationalbankdirektor Masaru Hayami ist aber davon überzeugt, das japans Wirtschaft wieder wachsen wird, wenn der private Sektor die Initiative bei der Restrukturierung übernimmt. Die Bank unterstützt die wirtschaftliche Erholung zwar nach Kräften, Geldpolitik ist jedoch kein Allheilmittel und auf jeden Fall kein Ersatz für strukturelle Reform. Längerfristig kann wirtschaftliches Wachstum nur auf Innovationen des privaten Sektors aufbauen.

Gelingt durch Restrukturierung ein neuer Wachstumsschub, so werden aber trotzdem manche traditionellen Branchen und Berufe auf der Strecke bleiben. Innovative, produktive Branchen zeichnen sich dadurch aus, dass sie hohen Mehrwert schaffen durch hohen Finanzeinsatz und niedrigen Einsatz an gut geschultem und bezahltem Personal (s. Artikel Frei und Natürlich, Abschnitt Der freie Markt auf S. ...)  Je höher der Einsatz an Kapital und Wissen, je grösser die Firmen und ihre Marktanteile, um so weniger frei ist der Markt und um so höher die Profite.

Branchen deren Mehrwertschöpfung auf Arbeit beruhen, kleine und mittlere Betriebe welche den grössten Anteil an Arbeitsplätzen schaffen wie Gastronomie, Bau, Detailhandel und Handwerk, geraten ins Abseits.  Der Staat hat wenig wirksamen Einfluss auf diese Entwicklung. Seit 1993 verpufften 1850 Milliarden Franken, die zur Stimulierung der Wirtschaft eingesetzt wurden, wirkungslos. Die Staatsfinanzen sind ausgehöhlt, die Verschuldung beträgt 130% des BSP. 

So wird die Kluft zwischen der Wirtschaft, dike für Finanzmärkte attraktiv ist - und der Wirtschaft, die für Bürger und Land lebenswichtig ist, immer grösser. In Japan stehen die Alten, die Arbeiter, die Pendler, die Kleinbetriebe vor eben so unsicheren Zeiten wie in der Schweiz. Der lebenslänglich gesicherte Arbeitsplatz war, offenbar auch zu Zeiten als Japans Wirtschaft ein weltweites Vorbild war, nur für 15% der Bevölkerung eine Realität. Aus diesem Grund suchen viele sozial engagierte Japaner nach Lösungen - unter anderem durch freiwirtschaftliche Ansätze wie lokale Währungen.

Martin Herzog



[i] [nach: Revitalisation of Japan’s Economy. Masaru Hayami, Gouvernör der Bank von Japan und des Japanischen Zentrums für Ökonomische Forschung.  Rede vom 29. Mai 2000

www.boj.or.jp/en/press/koen053.htm.]

Japans Wirtschaft dümpelt seither dahin. Das, was in den 80ern in war, Japan als Heilsbringer zu sehen, nach Japan zu pilgern um die neusten Managementverfahren zu lernen, könnte eigentlich noch genau so in sein, denn offenbar geht es darum zu lernen, wie eine Wirtschaft ohne permanentes (irrsinnigerweise als "nachhaltiges" bezeichnet) Wachstum auskommen kann. Japan hat nun schon eine Menge Erfahrungen gesammelt, wie es nicht geht:

  1. Mit Exporten geh'ts nicht: Das erlebt auch Deutschland. Das alte merkantilistische Modell funktioniert in einer vernetzten Weltwirtschaft nicht mehr. Japan bezahlt heute den Niedergang weltweiter Importe mit Exportverlusten, mit eine Rückgang der Wirtschaft von sagenhaften 15%.
  2. Mit Sparen bei Personal und Wettbewerb bei Ausbildung geht es nicht: Ein Drittel der Generation der Japaner die in den letzten 10 Jahren ins Erwerbsleben eintraten, erhielten nur Jobs (unabhängig von ihrer Ausbildung) als ungelehrnte Zeitarbeiter. Mit diesen schlechten Löhnen können sie keine Familie gründen, keine Ersparnisse anlegen für das Alter, keine Weiterbildung .... Fazit: keine Perspektive, kein Konsum - aber Kosten für den Staat (noch höhere Kosten in Form von Unruhen, wenn sich der Staat die sozialleistungen einspart).
  3. Seit 2002 ist die Inlandnachfrage nicht mehr in Schwung gekommen.
  4. ...

Inzwischen (2009) gibt Japan 51% seines Staatsbudgets für Sozialausgaben aus (Schweiz 2007: 29.7% / 2009: 27.8%). Dennoch wird nun das Kindergeld von 150 Fr. monatlich verdoppelt, das Schulgeld für Mittelschüler übernommen und Bauern erhalten Einkommenszuschüsse. 1/3 der Jungen hat keine feste Arbeit sondern jobt nur noch auf Zeit, zu minimalen Stundenlöhnen von 9 bis 13 Franken (und die Lebenshaltungskosten sind in Japan höher als in der Schweiz!). Zudem erhalten sie so keine Weiterbildung und nur einen minimalen Schutz vor Arbeitslosigkeit. Dies obwohl Japan am meisten profitiert vom Aufbau in China.