Japan wird, gefolgt von der Schweiz,
vermutlich eines der ersten Länder sein, das negative Zinsen einführt.
Dies liegt ganz einfach daran, dass beide über Ökonomien verfügen, in denen
kaum mehr mehr abzusetzen ist. Beide erreichen nur noch
Wachstum, wenn sie den Export fördern. Diese Strategie stösst aber, besonders
was Japan betrifft, in den USA auf grossen Widerstand. Es dürfte für die
Freiwirtschaft nützlich sein, sich mit diesen Problemen und Lösungsansätzen
auseinander zu setzen, denn die Zeit rück rasch näher, in der Negativzins zu
einer öffentlich diskussionsfähigen
Lösung wird.
In den letzten 100 Jahre betrug die
Wachstumsrate der USA 3.3%, diejenige Grossbritanniens 1.9%. In den letzten fünf
Jahren wuchs die Wirtschaft der USA um 4.4%, diejenige Grossbritanniens um 2.8%
- Werte also, die um einen Prozentpunkt über dem hundertjährigen Mittelwert
liegen. Dies zeigt, dass auch reife Wirtschaften kraftvoll expandieren können,
wenn sie die Dynamik des privaten Sektors erfolgreich fördern. Im Gegensatz
dazu betrug die durchschnittliche Wachstumsrate Japans 3.9% für die letzten 100
Jahre, 5.8% für die letzten 50 Jahre und – 1.4% für die letzten fünf Jahre.
Die Nullprozent-Politik der Zentralbank führte zwar zu einer Erhöhung der öffentlichen
Investitionen von 13.3%, der private Konsum und die privatwirtschaftlichen
Investitionen sanken aber um 2%. [i]
Die durch erhöhte öffentliche Ausgaben und günstige Exportbedingungen geförderte Erholung ist aber noch weit entfernt davon, eine nachhaltige, aus eigener Nachfrage der privaten Haushalte getriebene Erholung zu sein. Insbesondere zwei Risiken wiegen schwer für Japan:
Inflation oder Deflation sind bei einem globalen Finanzmarkt ebenfalls keine Lösung, im Gegenteil, sie behindern die Restrukturierung. Das Ziel der monetären Politik muss Preisstabilität sein, die der höchste Beitrag ist, den die Zentralbank zur Erfüllung der strukturellen Anpassung leisten kann.
Japan hat seine strukturellen
Anpassungsprobleme noch nicht gelöst. Der Markt versucht Wachstumsindustrien zu
identifizieren und Firmen welche in diesen Branchen führend sind. Das Resultat
dieser Suche des Börsen-Marktes ist, dass die Firmen mehr Gewicht auf einen
effizienten Kapitaleinsatz legen und Anlagen mit geringerer Profitabilität
abstossen. Manche Firmen in traditionellen und haushalt-orientierten Branchen
werden hier zurückbleiben. Da die Firmen oft unsicher sind, wie sie sich
anpassen sollen, tendieren sie instinktiv zu einer defensiven Haltung,
reduzieren Investitionen und Personal, was zu weiterem Absinken wirtschaftlicher
Aktivitäten führt. Wachstum und Strukturwandel verlaufen nicht gleichförmig,
sie polarisieren. Industriezweige die Grundstoffe herstellen leiden an Überkapazitäten
und reduzieren Investitionen, während Informationstechnologie und
Elektroindustrie substantiell zugelegt haben. Der Arbeitsmarkt wächst hier mit
zweistelligen Zuwachsraten, wobei allerdings, und dies auch in Japan, Angebot
und Nachfrage zunehmend auseinander klaffen. Dringend benötigte Arbeitskräfte
im IT-Sektor fehlen, während Arbeiter, die sich über Jahre oder Jahrzehnte
firmenspezifisches Wissen angeeignet haben, nicht länger gebraucht werden.
Die gegenwärtige Restrukturierung
unterscheidet sich vom traditionellen Ansatz. Wurden früher einfach die Kosten
reduziert durch downsizing (neudeutsch für Entlassungen), werden heute
neue Bezugs- und Absatzkanäle, neue Finanzierungs-, Produktions-, Managements- und Verwaltungsformen gesucht.
Firmen die auf diesem Weg die Umstrukturierung bewältigen, werden so selbst zur
Quelle neuen Wachstums und investieren in neue Dienstleistungen und Produkte.
Dennoch ist es unwahrscheinlich, dass
die Firmen gleich vermehrt Personal einstellen oder die Löhne erhöhen. Die
Priorität liegt zur Zeit beim Abbau von Schulden und der Förderung der
Profitabilität – um dem Druck der globalen Finanzmärkte stand zu halten.
Japans Nationalbankdirektor Masaru
Hayami ist aber davon überzeugt, das japans Wirtschaft wieder wachsen wird,
wenn der private Sektor die Initiative bei der Restrukturierung übernimmt. Die
Bank unterstützt die wirtschaftliche Erholung zwar nach Kräften, Geldpolitik
ist jedoch kein Allheilmittel und auf jeden Fall kein Ersatz für strukturelle
Reform. Längerfristig kann wirtschaftliches Wachstum nur auf Innovationen des
privaten Sektors aufbauen.
Gelingt durch Restrukturierung ein neuer Wachstumsschub, so werden aber trotzdem manche traditionellen Branchen und Berufe auf der Strecke bleiben. Innovative, produktive Branchen zeichnen sich dadurch aus, dass sie hohen Mehrwert schaffen durch hohen Finanzeinsatz und niedrigen Einsatz an gut geschultem und bezahltem Personal (s. Artikel Frei und Natürlich, Abschnitt Der freie Markt auf S. ...) Je höher der Einsatz an Kapital und Wissen, je grösser die Firmen und ihre Marktanteile, um so weniger frei ist der Markt und um so höher die Profite.
Branchen deren Mehrwertschöpfung auf
Arbeit beruhen, kleine und mittlere Betriebe welche den grössten Anteil an
Arbeitsplätzen schaffen wie Gastronomie, Bau, Detailhandel und Handwerk,
geraten ins Abseits. Der Staat hat
wenig wirksamen Einfluss auf diese Entwicklung. Seit 1993 verpufften 1850
Milliarden Franken, die zur Stimulierung der Wirtschaft eingesetzt wurden,
wirkungslos. Die Staatsfinanzen sind ausgehöhlt, die Verschuldung beträgt 130%
des BSP.
Martin Herzog
[i] [nach: Revitalisation of Japan’s Economy. Masaru Hayami, Gouvernör der Bank von Japan und des Japanischen Zentrums für Ökonomische Forschung. Rede vom 29. Mai 2000
Japans Wirtschaft dümpelt seither dahin. Das, was in den 80ern in war, Japan als Heilsbringer zu sehen, nach Japan zu pilgern um die neusten Managementverfahren zu lernen, könnte eigentlich noch genau so in sein, denn offenbar geht es darum zu lernen, wie eine Wirtschaft ohne permanentes (irrsinnigerweise als "nachhaltiges" bezeichnet) Wachstum auskommen kann. Japan hat nun schon eine Menge Erfahrungen gesammelt, wie es nicht geht:
Inzwischen (2009) gibt Japan 51% seines Staatsbudgets für Sozialausgaben aus (Schweiz 2007: 29.7% / 2009: 27.8%). Dennoch wird nun das Kindergeld von 150 Fr. monatlich verdoppelt, das Schulgeld für Mittelschüler übernommen und Bauern erhalten Einkommenszuschüsse. 1/3 der Jungen hat keine feste Arbeit sondern jobt nur noch auf Zeit, zu minimalen Stundenlöhnen von 9 bis 13 Franken (und die Lebenshaltungskosten sind in Japan höher als in der Schweiz!). Zudem erhalten sie so keine Weiterbildung und nur einen minimalen Schutz vor Arbeitslosigkeit. Dies obwohl Japan am meisten profitiert vom Aufbau in China.