Martin Herzog, 28.3.2001
Die Japaner geniessen es nicht (alle), das zweithöchste Bruttosozialprodukt der Welt zu erarbeiten, denn es führt zu hohen Lebenshaltungskosten. Aufgrund der hohen Staatsverschuldung kommt die Sorge hinzu, dass die Regierung keine ausreichende soziale Absicherung gewährleisten kann. Dieses Problem wird verstärkt durch die Überalterung der japanischen Gesellschaft. Wer sich beim Titel gewundert hat, ob wir den nun soooo weit weg suchen müssen nach Themen, wird bereits aus den wenigen Fakten schliessen können, dass die wirtschaftlichen Probleme Japans von den unsrigen gar nicht so weit entfernt sind.
Beim
grossen Vorbild der Globalisierung, den USA,
sieht die Sache bei näherer Betrachtung auch nicht viel besser aus. Da 30
Jahre Anstieg der Wertschöpfung den mittleren und niedrigen Einkommen nichts
gebracht haben, sind die Unterschied bei Einkommen und Vermögen noch grösser
geworden. Weltweit gesehen lebt die Hälfte der Menschheit an der Hungergrenze,
was ein weiterer Beweis ist für die äusserst ungleiche und ungerechte
Verteilung über den Markt.
In der
japanischen Wirtschaft zirkuliert das Geld heute nicht mehr. Die Japaner wissen
sehr gut, was das bedeutet: Geld bewegt die Welt. Wenn man heute durch
die Geschäftsstrassen kleiner Städte auf dem Lande geht, gähnt einem die
Leere entgegen, kein Mensch ist hier unterwegs, denn
sie fahren im Auto zum Einkaufszentrum. Alles fliesst in Richtung Tokio oder zu
anderen grossen Zentren. In
gewisser Weise haben die Menschen heute keine Reserven mehr und das
Pathologische in der japanischen Gesellschaft verstärkt sich. Leerer,
langweiliger oder gar grimmiger Gesichtsausdruck, wenn man unbekannte Personen
anspricht scheint jeder geschockt zu sein. [i]
Dies zeigt
bildlich die laufenden Konzentrationsprozesse – und wie diese von den Bürgern
und Konsumenten mit gefördert werden, nicht alleine von den Konzernherren. Die Globalisierung
versucht der ganzen Welt eine neue Norm aufzudrücken – die Lokalwährungen
stehen gegen das heutige Geldsystem und die mit der als Globalisierung
bezeichneten katastrophale Situation.
Um lokale Firmen zu fördern braucht es eine lokale Währung und lokale
Tauschbeziehungen die frei sind vom Einfluss der internationalen Finanzströme.
Eiichi Morino, Ökonom und erster der japanischer Gesell-Forscher, bringt ein
paar neue Beispiele zu Tauschwährungen und Geldumlauf bei:
Die ersten
Banken der Welt entstanden bereits vor dem Geld – es waren die Getreidebanken
in Mesopotamien und Ägypten. Wer sein Getreide ablieferte, erhielt Tonscherben
als Empfangsbestätigung. Diese konnten als Geld benutzt werden. Da das Getreide
aber durch Lagerkosten und Schwund (Verderbnis) belastet war, verloren auch die
Tonscherben an Wert. Sie waren also nur für eine beschränkte Zeit
„vollwertig“ und wurden deswegen rasch
in Umlauf gesetzt, z.B. für den Bau von Bewässerungsanlagen und zur
Verbesserungen des Ackerbaus. [Bei genauer Betrachtung handelt es sich bei
diesen Gutschriften also weniger um Geld, als um Optionen.]
Was die Kontroverse zwischen Kooperation
und Individualismus (Konkurrenz) betrifft, haben nach Morito die Menschen in den
Stämmen eher ein Miteinander gelebt. Zusammenarbeit, gleichmässige Verteilung,
sichere Versorgung der Alten in der Gemeinschaft, das symbiotische Zusammenleben
überwogen, Wettbewerb entstand erst vor kurzer Zeit. Bei den Eskimos etwa wurde
das Fleisch selbverständlich gleichmässig unter allen verteilt. Höflichkeitsfloskeln
wie Danke waren dabei überflüssig.
1995
publizierte Professor Makoto Maruyama als erster ein Buch in Japanisch zum
LETS-Tauschsystem, in dem er die Vorteile der lokal begrenzten Währung
darstellte: Die Kaufkraft in der Gemeinschaft behalten! Dieses Konzept stimmt für
die ländlichen Gemeinden Japans, die unter sozialem und wirtschaftlichem
Zerfall leiden. Lokalwährungen können die Verbrauchergewohnheiten in den
kleinen Städten ändern und erlauben es, Einkommen in der Region zu erzielen.
Wo eine Lokalwährung benutzt wird, beteiligen sich die Menschen als ganze
dabei. In der jetzigen Gesellschaft gibt es kaum einen Ort, wo ein Mensch als
ganzer wertgeschätzt wird.
Nach Morino ist eine Lokalwährung die beste Methode, die Einwohner zu spontaner Beteiligung in der regionalen Gesellschaft zu bewegen, deren dringendste Probleme wären:
Wie es heute aussieht, gibt es keine Angelpunkte zwischen dem privaten Individuum und der Öffentlichkeit zur Zusammenarbeit in der Region. Auch im Land kommt man jetzt immer mehr zur Überzeugung, dass die Bürger auf verschiedene Weise in der Selbstverwaltung der Region und bei sozialen Planungen beteiligt werden müssen. Wir sehen hier also deutliche Parallelen zu den Zielen der lokalen Agenda 21 hierzulande. Die Möglichkeit Tauschwährungen oder Zeitgutschschriften zur Förderung dieser Prozesse zu nutzen, wurde bis anhin noch nicht geprüft.
Ein Modell das sich für die Agenda 21, oder generell für die Förderung städtischer Freiwilligenarbeit eignen würde, ist das
Dienste-Konto: Es handelt sich um ein Modell zur Förderung des Gemeinwohlunternehmertums das mit Zeit statt mit Geld arbeitet. Ehrenamtliche Tätigkeit wird durch Zeit „entlohnt“; damit kann man die entsprechende Zeit anderer gemeinnütziger Arbeitender beanspruchen. Es handelt sich also um eine Ökonomie der freiwillig zur Verfügung gestellten Zeit.
Ein Computersystem verzeichnet jeden verdienten und ausgegebenen „Zeitdollar“ und lässt den Teilnehmern regelmässig Kontoauszüge zukommen. Zeit-Dollar sind steuerfrei und können zur Bezahlung von Krankenausrechnungen oder anderer Leistungen des Gesundheitswesens verwendet werden, aber auch um die Krankenkassenbeiträge zu verringern. [ii]
Peas: Der Pionier unter den Gemeindewährungen Japans nennt sich Peanuts, nach dem Hauptprodukt der Region Chiba. Diese ist eine der 47 Präfekturen Japans. In der Nähe Tokios gelegen, ist sie eine „Satellitenregion“, mit 6 Millionen Einwohnern, von denen die meisten in Tokio arbeiten oder studieren und in Chiba leben.
Die
Gemeinschaftswährung wurde geschaffen, um die Teilnahme an der Stadtplanung zu
fördern. 1 Pea ist gleich viel
wert wie ein Yen (100 Yen sind ca. 1 Dollar). Die Bezahlung erfolgt gemischt in
Yen und Peas, da auch für den Anbieter Kosten in Yen entstehen. Für die Geschäfte
sind Peas in erster Linie ein Werbeinstrument.
Alle
Transaktionen werden in Checkbüchlein vermerkt. Das Fernziel wäre ein System
ähnlich dem der WIR-Bank in der Schweiz.
Ohmi: Kusatsu, eine Satellitenstadt von Tokio, gründete ein Zentrum für die Bürger. Aufgrund der hohen Anforderungen an die Nutzer, was Einschreibegebühren und Reinigung betrifft, wurde das Zentrum kaum genutzt. Um die Beteiligung zu fördern, wurde die Ohmi-Währung geschaffen, mit der Dienstleistungen an das Zentrum vergütet werden. Nebst Dienstleistungen des Zentrums können damit inzwischen auch Taxis bezahlt werden.
Ohmi ist eine Ersatzwährung die
gedruckte Scheine nutzt. Der Wert von einem Ohmi entspricht ca. 1 Dollar.
Wat-System:
Dieses System dürfte vom Administrativen her das einfachste sein:
...
x Der Check
zirkuliert unter denen die das System unterstützen. Wenn der Check zum
Aussteller zurückkehrt, „stirbt“ er.
Dies ist die
einfachste Art der Geldschöpfung: Aussteller und Bezieher schaffen in eigener
Verantwortung ein Wertpapier– und es besteht keine Notwendigkeit für eine
zentrale Kontrolle. Der Nachteil diesen Systems besteht darin, dass die
getauschten Leistungen oder Gütermengen jeweils den selben Wert haben
müssen – oder Ergänzungschecks oder –Zahlungen nötig sind.
Zentrales Kontosystem:
Bei solchen Tauschringen lassen sich natürlich auch Betrügereien aushecken.
Die „normale“ Antwort auf dergleichen Kritik ist: Leute die tauschen sind
sozial eingestellt, ehrlich, gut etc. Morinos Lösung ist in etwa die selbe
[in www.freigeld.de/japan.htm :
Die Lokalwährungen bauen auf gegenseitigem Vertrauen auf und das ist auch der
grösste Reiz dabei.
Andere, vor allem grössere, bei denen
sich die Teilnehmer nicht mehr gegenseitig kennen, wie etwa der Regenbogen-Ring,
der ganz Japan als Tauschring Gebiet betrachtet, sind auf ein zentrales
Kontosystem angewiesen. Auf diesem werden alle die Tricks versuchen für alle
anderen erkennbar.
http://www3.plala.or.jp/mig/interactive/English/ccj.html
http://home.debitel.net/user/RMittelstaedt/garuman.htm
GARU-MANGA: Text: Osamu Ishizuka, Zeichnungen: Tomoko Yoshida, Übersetzung: Robert Mittelstaedt.
Ein Link zurück zu R(obert) Mittelstaedt finden Sie weitere Informationen zum Tauschen und zu Japan.
[ii] Anthony Giddens: Der dritte Weg. Die Erneuerung der sozialen Demokratie. Aus dem Englischen von Bettina Engels und Michael Adrian. Büchergilde Gutenberg. Suhrkamp Verlag Frankfurt 1999. S. 98 ff: