Netzwerke, Cliquen, Clans und Clubs_________________________________________________
Otto Marmet: Ich und du und so weiter. Kleine Einführung in
die Sozialpsychologie. Beltz.PsychologieVerlagsUnion. Weinheim. 1996
Eberhard Stahl: Dynamik in Gruppen.
Handbuch der Gruppenleitung. Beltz. Basel, Weinheim, Berlin. 2002
Oliver König, Karl Schatthofer: Einführung in die Gruppendynamik.
Carl-Auer Verlag. Heidelberg. 2006
Maria Majce-Egger (Hrsg): Gruppentherapie und Gruppendynamik - Dynamische
Gruppenpsychotherapie.
Theoretische Grundlagen, Entwicklungen und Methoden. Facultas
Universitätsverlag. Wien 1999
Gruppe ist die Grundform unseres Lebens
Wenn Menschen über längere Zeit miteinander kommunizieren, beginnen sie ihre Beziehungen zu strukturieren und werden zu einer Gruppe:
Eine Gruppe hat ihren Ursprung dort, wo sich zwei oder mehr Individuen um eine gemeinsame "Mitte" scharen.
Raymond Battegay, offensichtlich nach Buber.
DER Baustein der Gruppe:
Definition Person/Persönlichkeit:
Vom Vater hab' ich die Statur,
Des Lebens ernstes Führen;
Vom Mütterchen die Frohnatur
Und Lust zu fabulieren.Urahnherr war der Schönsten hold,
Das spukt so hin und wieder;
Urahnfrau liebte Schmuck und Gold,
Das zuckt wohl durch die Glieder.Sind nun die Elemente nicht
Aus dem Komplex zu trennen;
Was ist denn an dem ganzen Wicht
Original zu nennen?J. W. v. Goethe
Etymologisch von perso, etruskisches Wort mit der Bedeutung der Mann, die Frau, später Würde - womit der Brückenschlag zur Persönlichkeit gemacht wurde. Allerdings gelingt die Entwicklung der Person zur Persönlichkeit nicht allen. Bedingt durch Lebensgeschichte, Beziehungsmuster und Umwelt lassen Personen Möglichkeiten aus, autonom und selbständig ihr Leben zu gestalten. Sie werden unbewusst gezwungen, Handlungen und Entscheidungen zu folgen, die nicht als eigene benannt werden können. Vielfach schreibt ihnen ihre Persönlichkeitsstruktur vor, was sie zu denken, zu fühlen und zu tun haben, womit sie eigentlich unbewusst fremdbestimmt sind. Noch öfter schreibt ihnen allerdings ihre wichtigste Bezugsgruppe ihr Verhalten vor, das zur Rolle gefriert. Die Diktatur der Gruppe (des Betriebes z.B.) ist ein Punkt, der in den Diskussionen über Staat=Unfreiheit / Markt=Freiheit so ziemlich vernachlässigt wurde. Ein weiteres Problem liegt in einer noch späteren Wandlung des Begriffs Person, durch die sie bereits im Mittelalter zur Rolle, also zum Schauspiel wurde.
Nach C.G. Jung wird die Gesamtpersönlichkeit als Psyche bezeichnet - womit die Psychologie also die Lehre von der Persönlichkeit - in all ihren Aspekten - wäre.
Unter Persönlichkeit versteht man jene relativ dauerhaften Wesenszüge und Dispositionen des Individuums, die sich im Laufe der Zeit zu einem Verhaltensmuster verfestigt haben, das es von anderen Individuen unterscheidet. (Sarnoff 1962)
Das Studium der Persönlichkeit ist das Studium dessen, wie die Menschen zu dem werden, was sie sind. ... Die Lebensgeschichte eines Individuums ist zunächst und vor allem eine Aneignung der Verhaltensmuster und Massstäbe, die in seiner Gemeinschaft tradiert werden. (Ruth Benedict)
Diese Aussage ist besser zu akzeptieren (da doch extrem konservativ und auf einen primär aussenorientierten, also unfreien Menschen deutend) wenn wir die "Verhaltensmuster und Massstäbe der Gesellschaft" anders benennen. Es handelt sich nämlich um Freuds Über-Ich oder das kollektive Unbewusste C.G. Jungs . Da diese Normen bereits in der frühen persönlichen Entwicklung zu reflexartigen Reaktionen automatisiert werden, bleiben sie wirksam, aber unbewusst. Da traditionelle und kulturelle Normen oft grauenhaft sind (nicht? Na dann denken Sie doch mal an eine Klitorisbeschneidung ...), ist das eigene Verhalten auf derartige Fehlleistungen genau so zu überprüfen wie auf Kurzsichtigkeit oder Schwerhörigkeit.
Warnung: Die Idee rechter politischer Kreise, dass der Mensch völlig durch Normen und Werte geprägt sei, die ihm durch Familie, Schule und Gesetz vermittelt werden - und das Zentrum, das Ich ignoriert - widerspricht total der von den selben Kreisen so intensiv gehegten Ideologisierung von Freiheit - ohne Staat, ohne Gemeinschaft, ohne korporative Organisation anderer Interessen als der des Kapitals. So gesehen muss also die Aussage Churchills: "Wer in seiner Jugend nicht Sozialist ist, hat kein Herz. Aber wer es im Alter noch ist, hat keinen Verstand!" ergänzt werden um die Aussage: Wer Freiheit als höchstes Gut lobt und fordert - aber sie mit Macht, traditionellen Werten, Geld und Gesetzen durchsetzen will, ist nicht ganz dicht.
Persönlichkeit beinhaltet die Gesamtheit der persönlichen Eigenschaften eines Menschen, sein Gemüt bzw. Gemütsanlage, die den Charakter ausmachen. Die Persönlichkeitseigenschaften eines Menschen sind für sein soziales Umfeld (und, nicht zu vergessen für die Wirtschaft) ein Mass für Inhalt und Stabilität des persönlichen Verhaltens, an dem sie ihre Erwartungen ausrichten können.
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Die Persönlichkeit ist erst voll da, wenn sie ihre heilige Dreifaltigkeit aus ICH, DU und ES entwickelt hat:
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Persönlichkeit ist also das, was unsere Identität ausmacht. Auch unter diesem Begriff hat die Psychologie früh erkannt, dass diese aus komplexen Interaktionen unterschiedlicher Komponenten strukturiert wird:
Je nach Selbstbewusstsein und wirtschaftlich-sozialem Potential kann die 3. Komponente, die Selbstverwirklichung, mehr oder weniger zum Tragen kommen. Aehnlich hat James es gefasst: Das Selbst, wie ich bin - das Selbst, wie andere mich sehen, und das Selbst, wie ich sein möchte. Der Mensch ist also nicht bloss in zwei Teile gespalten, sondern mindestens 3. Die Geschichten die ihn auf eine Zwiespältigkeit reduzieren, klassisch Dr. Jekyll and Mr. Hide, gut und böse, sind also zu banalisierend, um praktisch brauchbar zu sein. Das selbe gilt für triviale Kategorisierungen wie sie meist von Sekten wie z.B. Scientology verwendet werden.
Das wahre Selbst muss laut der humanistischen Philosophie und Psychologie immer wieder gesucht und geschaffen werden - wird in der trivialen Existenzphilosophie aber als bestehende Konvention, zur Sicherung der Existenz, als Modell meist einfach übernommen. Vielleicht hat also der Existentialismus, obwohl erst aus der linken Ecke kommend, doch einiges dazu beigetragen, die Angestellten für die Dressur zum unkritisch sich drehenden fleissigen Rädchen zu präparieren ... Ich nenne dies den existentialistischen Fatalismus.
Auch James, nicht der Bond, sondern der William James, erkannte bereits 1890 die Spaltungl des Ich in zwei Hauptkomponenten, die er als I & me bezeichnete. Das I ist das Erkennende, Wissende, das Ich, dass das zu erkennende Mich kritisch (inshallah ...) reflektiert. Mead bezeichnete dann später (1934/73) das me als individuelle Spiegelung des gesellschaftlichen Gruppenverhaltens, also die bewusste Übernahme einer organisierten Haltung, eben der Rolle (s. weiter unten). Das private, eigene I ist der kritische Kontrapunkt, die Antithese des öffentlichen reflexiven me. Im I ist die Freiheit, dem me Korrekturen abzunötigen. Das I bleibt daher die unberechenbare wirkliche eigene Natur des Menschen.
| Einige Kennzeichen der vier Identitätszustände nach Marcia (1980) | ||||
| Untersuchtes Merkmal | diffuse Identität (keine Festlegung für Beruf oder Werte) | Moratorium (gegenwärtige Auseinandersetzung mit beruflichen oder sonstigen Wertfragen) | übernommene Identität (Festlegung auf Beruf oder Werte die von den Eltern ausgewählt wurden). | erarbeitete Identität (Festlegung auf Beruf und Wertposition die selbst ausgewählt wurden.) |
| Selbstwertgefühl | niedrig | hoch | niedrig (männl.) hoch (weibl.) |
hoch |
| Autonomie | extern kontrolliert | internale Kontrolle | autoritär | internale Kontrolle |
| Kognitiver Stil | impulsiv, extreme kognitive Komplexität | reflexiv, kognitiv komplex | impulsiv, kognitiv simpel | reflexiv, kognitiv komplex |
| Intimität | stereotype Beziehungen | fähig zu tiefen Beziehungen | stereotype Beziehungen | fähig zu tiefen Beziehungen |
| Soziale Interaktion | zurückgezogen, fühlen sich von den Eltern nicht verstanden, hören auf Peers und Autoritäten | frei, streben intensive Beziehungen an, wetteifern | ruhig, wohlerzogen, glücklich | zeigen nicht-defensive Stärke, können sich für andere ohne Eigennutz einsetzen. |
Marcia stellte 1980 fest, dass sich der Anteil mit diffuser Identität, also eben dem, was durch "Ansprüche" der Wirtschaft und Gesellschaft an das Verhalten einzelner gefördert wird, von früher durchschnittlich 20% auf 40% verdoppelt hatte. Durch die Anforderungen der Wirtschaft ebenfalls gefördert worden ist vermutlich der Anteil der Kandidaten im Moratorium: Werte und berufliche Ideale richten sich nach dem Markt. Punktum, also der existentialistische Fatalismus: Erst das Essen, dann die Moral.
| Wer sich an eine Gesellschaft wie die unsere anpassen will, muss sich die zentrale Stellung von Arbeit und Beruf zu eigen machen und sie in seine Identität integrieren. [S: 389] |
Ob sich jemand dem Konformitätsdruck beugt oder über ausreichend Selbstbewusstsein verfügt, auch einen Weg zu gehen, der nicht von der Mehrheit abgesegnet wird, entscheidet sich bereits zwischen dem 7. und 13. Lebensjahr, wo der Konformitätsdruck über Gruppenzugehörigkeit am stärksten ansteigt. Erst dann, wenn die Art des Umgangs mit Gruppen festgelegt ist, beginnt die Loslösung von der Familie. Jugendliche die sich stark von andern beeinflussen lassen, geraten hier gerne in den Sog von Peer-Gruppen, also Clans, Gangs etc - und eben nicht unter die Fuchtel der Schule. Je autoritärer man also dieser Gruppe kommt, desto mehr werden sie sich in ihre eigene Welt innerhalb der Gruppe zurückziehen, eine Welt die oft recht gewalttätig ist (s. Neonazis, Skinheads, etc.). DAS Problem hier besteht also in mangelndem Selbstwertgefühl ... und das wird nun durch noch mehr Gesetze und Repression wirklich nicht verbessert. Diese Menschen brauchen eine Chance, Anerkennung als das was und wie sie sind, Entfaltungsmöglichkeiten.
Diffuse Identität und Moratorium sind vor allem bei ausländischen Jugendlichen verbreitet, was verständlich ist, da sie immer zwischen den Kulturen leben.
Ein grosser Teil (2/3 bis 3/4) der Hauptschulabgänger ist mit der beruflichen Situation unzufrieden. Auch dies ist logisch, denn hier ist die Berufswahl ja meist ein Witz, da sie nehmen müssen was ihnen angeboten wird, ja sogar froh sein müssen, überhaupt was angeboten zu kriegen. Das führt zum interessanten Paradoxon, dass eben nicht die best Qualifizierten unbedingt aufsteigen wollen und Ehrgeiz entwickeln, sondern genau umgekehrt. Dies mag manch seltsame Situation in manchen Firmen, sogar Banken, ja Hochschulen, erklären ... Darum hütet Euch vor den Strebern!
Definition der Gruppe:
Teilnehmer an Grossveranstaltungen (Fussball, Demos) sind nicht eine Gruppe, sondern eine Masse oder Menge. Solche Massen identifizieren sich mit emotionalen Gemeinsamkeiten von Kirche und Heer (Fussball und Nation) - und grenzen sich ab gegen andere Massen durch Hass gegen andere solche Identifikationszentren. Das Identifikationsideal wird an Stelle des Ich-Ideals gesetzt wodurch ebenfalls eine Identifikation mit den andern Mitgliedern der Masse entsteht, die dem Selben Identifikationsideal anhängen.
Organisationen lassen sich als soziale Systeme verstehen mit einem hohen Grad an Formalisierung (> Bürokratie) sowohl der Ziele wie auch der Mittel (Bürokratie, Verwaltung, Industriebetriebe, Militär, Krankenhaus). Das Besondere einer Organisation besteht darin, dass die in ihr platzierten Personen nur ausschnittweise Kontakt miteinander haben und alle Beteiligten im Prinzip austauschbar sind, ohne dass die Organisation dadurch gefährdet wird. Dieser Ausschnitt nennt sich Rolle.
Eigenschaften der Gruppe:
Eine Gruppe wird als autonomes Sozialsystem verstanden, das -
wie andere soziale Systeme auch -
nicht direkt von aussen steuerbar ist.
Die Rolle beschränkt das Individuum auf seine Funktion in und für die Gruppe.
Meist gilt in Gruppen das Tabu, individuelle Verhaltensweisen anzusprechen. Aussenstehenden fällt es oft schwer zu glauben, was Gruppenmitglieder alles ertragen, bevor sie beginnen, ihre Wahrnehmungen und Gefühlsreaktionen dazu auszutauschen! Die Vermischung von Sach- und Gefühlsebene ist verwirrend - aber offenbar ist die Benennung von Sach- und Gefühlsinhalten noch schwerer erträglich.
Der gruppendynamische Raum:
| Wer in einem gewissen Alter nicht merkt, daß er
hauptsächlich von Idioten umgeben ist, merkt es aus einem gewissen Grunde
nicht. (Curt Goetz, dt. Schriftsteller und Schauspieler, 1888-1990) |
| Rollen sind - ähnlich wie Normen - Erwartungen der Gruppe an das Verhalten des einzelnen. Während Normen für alle Gruppenmitglieder gültig sind, richten sich Rollenvorschriften nur an die Inhaber einer bestimmten Position. |
Normen: Spielregeln für das Verhalten. Nebst den Statuten oft ein noch grösserer Katalog an unausgesprochenen Normen, s. Aussenseiter. Vorstellungen über richtiges, angepasstes Verhalten ihrer Mitglieder. Gemeinsame Normen erleichtern die Kommunikation in der Gruppe und vermitteln ein Gefühl der Sicherheit. Sanktionen sind die selben, die im Mobbing eingesetzt werden.
Entscheidend für das Verständnis einer Gruppe, für die Analyse, ist aber, das Gruppenthema. Marmet liefert dazu ein Beispiel, dass für ein besseres Verständnis der Gruppenvergewaltigung z.B. in Zürich einiges beitragen könnte. Die Störfälle waren auch an dieser Schule fast immer Knaben. Sie wollten Aufmerksamkeit erzielen durch provozierendes Verhalten - was ihnen gelang. Provozierendes, ja generell (auffallendes wie zurückhaltendes oder anpasserisches) Verhalten richtet sich auf Mitspieler - und vor allem das Publikum. Zu provozieren macht keinen Sinn, ohne Publikum! In dem Fall zeigten die Mädchen Interesse und fragten: Wie können wir denen helfen - die haben offenbar ein Problem. Durch Befragungen wurde rasch klar, dass DAS Gruppenthema eigentlich der Kontakt zum anderen Geschlecht war: Wir möchten euch (Mädchen) näher kommen - aber wir haben auch Angst. Daraus ergab sich das Imponiergehabe. Die männlichen Darsteller versuchten "die Grössten zu sein". Die Reaktion der Mädchen war: Wir sind empört über euer Verhalten, aber wir haben auch Verständnis und möchten euch helfen. Die Lösung des Problems war also in dem Falle relativ einfach, als es erkannt war. Das setzte aber voraus, dass in dieser komplexen Situation aus Gruppe-Schule- und weiterem Umfeld das "Beziehungsthema" der Gruppe erst erkannt werden musste. Die Störungen liessen sich so beheben durch alternative Handlungsmöglichkeiten (zum Auffallen durch Stören) - und gerade NICHT durch mehr Zucht und Ordnung oder gar Einsperren!
Dass hier die Gruppe eine derart überwältigenden Einfluss auf das Individuum ausübt, erklärt sich allerdings noch besser aus der Definition von Clique: Jeder eines jeden Freund. Daraus gibt es folglich kein Entkommen, wenn man nicht auf Distanz zur Gruppe gehen will oder kann.
| Immanuel Kant sah die Rolle nicht als blosses Spiel,
sondern als spielerische Aneignung einer erwünschten Gesinnung: Der Schein ist bisweilen besser als die Wahrheit, denn das Vergnügen aus jenem ist ein wahres Vergnügen. Schminke, wenn man sie kennt, so ist es kein Betrug mehr. Die Menschen sind insgesamt, je civilisierter, desto mehr
Schauspieler; sie nehmen den Schein der Zuneigung, der Achtung vor Anderen,
der Sittsamkeit, der Uneigennützigkeit an, ohne irgend jemand dadurch zu
betrügen, weil ein jeder Andere, dass es hiermit eben nicht herzlich gemeint
sei, dabei einverständig ist, und es auch sehr gut, dass es so in der Welt
zugeht. Denn dadurch, dass Menschen diese Rolle spielen, werden zuletzt die
Tugenden, deren Schein sie geraume Zeit hindurch nur gekünstelt haben, nach
und nach wohl wirklich erweckt und gehen in die Gesinnung über. - Aber den
Betrüger in uns selbst, die Neigung zu betrügen, ist wiederum Rückkehr zum
Gehorsam unter das Gesetz der Tugend und nicht Betrug, sondern schuldlose
Täuschung unserer selbst. |
Spielen ist experimentieren mit dem Zufall. Novalis |
Rolle ist ein Konzept, das erst 1934 von der Ethnologin Margaret Mead eingeführt wurde. Die Rolle ist also keine Erfindung des Kapitalismus, sondern entstammt unserer tribalen Vergangenheit, die gerade durch Liberale (speziell Popper) ja als Unfreiheit per se, Unfreiheit durch die Konventionen einer geschlossenen Gesellschaft, kritisiert wird. Die Rolle ist das Ich aus der Sicht der Anderen, wobei sich die Anderen in eine Unzahl unterschiedlicher Gruppen teilen können, was zu entsprechend vielen Rollen führt, die das Ich spielen soll.
KRITIK: Die Rolle als Mittel, spielerisch die Position und Perspektive der anderen zu verstehen, ist absolut toll - aber wo es quasi zum Avatar der Persönlichkeit wird, ein Desaster. Erst das Konzept der Rolle ermöglicht nämlich die Flexibilität. War der Beruf eben das, wozu ein Mensch berufen war, ändert die Rolle das substantiell. Rollen können gelernt werden, Rollen können ausgetauscht werden, Rollen ändern sich, Rollen werden gespielt, Rollen haben wenig mit der Realität zu tun sondern sind Präsentationen auf einer Bühne der Eitelkeiten, also Schein. Rollen werden zum Teil sehr gut bezahlt, zum Teil schlecht, zum Teil gar nicht - je nach Einträglichkeit des Spieles und der Spieler, d.h. eben gerade nicht nach deren effektiver Leistung (s. Rolle der Hausfrau und Mutter, Rolle der Bauern damals und heute, Rolle der einfachen Dienstleister ...). Rollen, wo sie Herrschaft und Unterwürfigkeit ausdrücken, schlagen natürlich voll auf die Realität durch, denn welcher Chef würde akzeptieren, dass seine Untergebenen im Betrieb zwar seine Rolle als Chef akzeptieren, aber ihn nach Feierabend mit "he Du Arsch" titulieren.
Dieser Zwiespalt zwischen dem Ich, der Persönlichkeit, entstand aber nicht erst in der Post-Moderne sondern wurzelt bereits in der mittelalterlichen Herkunft des Wortes Person, also auch der Persönlichkeit. Ganz im Gegensatz zu unserem heutigen Verständnis war die Person eben NICHT eine individualistische, eigenständige (mit Ausnahme der Verrückten, der Querschläger und vor allem der Raubritter), sondern der Begriff "Person" stammt aus dem Theater, und bezeichnet eine Rolle. Ritter und Mönche mussten ihr Verhalten streng nach den überlieferten Normen richten. Der Einzelmensch wird erst zu einem, indem er eine Rolle übernimmt, die er nicht selbst geschrieben hat, und sie sich zu eigen macht. Erst dadurch tritt er in die Gesellschaft ein und unterscheidet sich vom "wilden Mann" der nur für sich lebt, und vom Mitläufer, der nur auf andere sieht. (nach Arno Borst: Lebensformen im Mittelalter).
Das Konzept "Rolle" macht die Identität des Menschen zum Problem, da Rolle die Erwartungen von Aussen verkörpert, diese Erwartungen vielfältig sind, sie sich also in einer Vielzahl widersprüchlicher Rollen auflöst. Oder wie Martin Buber kurz und treffend sagte: Das Grundwort Ich-Du kann nur mit dem ganzen Wesen gesprochen werden. Das Grundwort Ich-Es kann nie mit dem ganzen Wesen gesprochen werden. Diese zwei bezogenen Ichs nennt die Soziologie heute "Rolle".
Derjenige, der eine Rolle spielt, ist eigentlich ein Heuchler, ein Hypokrit.
Diese auf den ersten Blick seltsam anmutende Dreifaltigkeit des Individuums als ich, rückbezüglich-soziales Du-mich und sachlich bezogenes Es-mich (s. I -me) findet sich interessanterweise sonst kaum in der Philosophie - aber sie bestimmt die Soziologie und die Gruppendynamik, in der es weitgehend um die Rolle geht, die ein Mensch spielt. Diese ist eine eher persönliche als Du-mich, als Liebhaber, Freund, Ehegatte, Vater, Verwandter etc - und eine eher sachliche als Chef, Lehrer, Angestellter, Berufsmann etc.
Die bereits schwierig zu bewältigende Trennung zwischen sachlichen und persönlichen Inhalten eines Dialogs muss also erweitert werden um die Tatsache, dass sich ein Ich mit zwei Schatten-Ichs übers Kreuz entweder mit einem Du mit 2 andern Schatten-Ichs, oder einem Es - ohne Schatten-Ichs, unterhalten können, was logischerweise dank der 16 Beziehungsmöglichkeiten (Kombinationen, inklusive der möglichen Verwechslung des sachlichen Du-Ich -Dialogpartners mit einem Ich-Es Dialog) jede Menge an Missverständnissen produzieren kann.
Durch die Rolle wird Stirners Einzelner
a) sowieso zu einem Rädchen, aber dazu noch entweder zu
b) einem Schauspieler - oder zu
c) einem Komplex multipler "Schizophrenität". (Achtung: Falsch verwendeter Fachausdruck der Psychologie!)
Soziologen und Psychologen sind also (mit) schuld an der Form der Wirtschaft, wie wir sie heute haben. Hätten sie den Menschen als Einheit bestehen lassen und ihn nicht zum multiplen Rollen-Avatar retribalisiert, wäre er auch nicht zum flexiblen, form- und verwertbaren Objekt der Wirtschaft geworden.
Einerseits. Andererseits zeigt z.B. die Bedeutung der Rolle im Mittelalter, dass die Fähigkeit, Rollen zu spielen im gesellschaftlichen Theater vermutlich eben gerade das ist, was Zivilisation und Kultiviertheit ausmachen. Man versteht so auch leichter, warum sich viele Kulturbeflissene in Konzerten, Theatern und Kunstausstellungen rumdrücken, obwohl sie keinen blassen Dunst haben, worum's eigentlich geht. Man will eben wissen, was und wie gerade gespielt wird im Gesellschaftstheater.
Die Rolle wird gewählt in der frühen Adoleszent, also im Alter zwischen 12 und 14 Jahren. In dem Alter lockert sich die Bindung zu den Eltern und neue Rollenvorbilder dienen der Orientierung, wie Lehrer, Freunde, Helden (Fussball-, Film-, Formel-I, Wirtschafts- und andere Helden). Mit denen identifiziert man sich, d.h. sie wirken als Vorbilder im Streben nach der Verwirklichung des eigenen Ichs. Dabei kann man ziemlich in die Irre gehen, auch wenn's auf den ersten Blick gar nicht so aussieht (s. "falsche" Vorbilder des Autors), ganz einfach weil man gewisse Rahmenbedingungen (wie die Bedeutung von Filz und Geld) in dem Alter gar noch nicht kennt.

Einerseits ... Andererseits ist die Rolle auch eine Chance für das Individuum, sich so zu präsentieren, wie es sich selbst sieht, oder sehen will. Die Rolle kann also versuchen gegenüber falschen Vorstellungen die Realität zu betonen, aber genau so gut, eine falsche Realität vortäuschen. Als alter Anarchist übertreib ich natürlich die Individualität immer ein bisschen, denn diese Gespaltenheit der Persönlichkeit ist bereits im Wort enthalten, das ursprünglich eben die äusseren Aspekte des Individuums bezeichnete, als den Menschen, wie er von anderen gesehen wird - nicht wie er sich selbst sieht, also eigentlich die ihm zugeschriebene Rolle. Die zwei Gesichter des Individuums sind auch nicht zu trennen, denn es sind zwei Seiten der selben Münze: Sich präsentieren <>- gesehen werden.
Wie die Konditionierung von Lernen und Denken durch "Erfolg" zweigt, automatisiert das Hirn, wie ein neuronales Netz, alles was sich auf einfache Reiz-Reaktionschema reduzieren lässt zu einem Reflex, einer Reaktion. Hier muss man Singer vielleicht doch wieder recht geben, denn ohne diese Automatisierung des grössten Teils unserer Nervenarbeit lägen wir eben so bewegungslos rum wie der Tausendfüssler, der sich seiner Beine bewusst wird. Die Freiheit, die auch dem weitgehend denkautomatisierten Menschen bleibt ist jedoch immer die, sich kritisch zu überlegen, in welche Richtung er seine tausend Denkfüsschen in Bewegung setzen will - und ob er dies überhaupt tun will. Hier beschränkt nicht das Hirn die Freiheit, sondern die zunehmende Dressur auf marktorientiertes Verhalten, die mit Zuckerbrot und Peitsche jeden dazu treiben will, den letzten Scheissjob nicht bloss anzunehmen, weil man sich irgendwie seinen Lebensunterhalt verdienen muss, sondern sich auch noch gegen 100 andere Mitbewerber darum zu reissen. (s. Sozialhilfegesetz)
Dass die Psyche nicht alle Eindrücke von aussen aufnehmen und sich darauf einstellen kann zeigt sich bereits bei der sekundären Verarbeitung der Eindrücke der Sinne und Gefühle. Es gibt Menschen, denen jeder Einfluss von Aussen zu viel ist, und die sich total in sich selbst und in die Beschäftigung mit abstrakten Codes zurück (Introversion, im extremen Fall Autismus, Asperger Syndrom) - während dem es auf der andern Seite Menschen gibt, die offenbar keinen eigenen Kern (Charakter) haben und sich an alle Wünsche und Forderungen von Aussen scheinbar problemlos anpassen (Extroversion, Politiker). S. Intelligenz, Denksysteme
Hier entspricht die Rolle eigentlich einem weiteren, vorgelagerten Filter der zwischen dem Ich und der Sicht wie der Forderungen von Aussen vermittelt, einem persönlichen Gatekeeper, der Eindrücke auswählt und verarbeitet und archiviert - oder zurückweist, verdrängt, oder auf den Müll wirft. Je offener der Mensch wird, desto vielseitiger ... aber auch um so fremdgesteuerter wird er - es sei denn, die Rolle sei wirklich nur Spiel. Der Manager, als professioneller Top-Rollenspieler wird um so besser bezahlt, je exklusiver seine Rolle und je reicher sein Repertoire an Führungs-Rollen.
Rolle bei Brainworker:
NICHT zu finden bei Brainworker ist die Funktion der Robe, also der Kostümierung der Rolle. Diese hat aber immer eine gewichtige Rolle gespielt, wie bereits der Ausdruck Noblesse de Robe belegt oder der Volksmund weiss: Kleider machen Leute. Da für mich die Bedeutung von Kleidern rein funktioneller Art ist (und ich entsprechend rumlatsch) kann ich Ihnen hier nicht weiter helfen. Kleider dienen der Selbst-Inszenierung, also dem persönlichen Theater. Anhand der Kleidung lässt sich vermutlich weniger der Charakter, aber zumindest die Orientierung der Person beurteilen, denn sie zeigt, nach welchen Vor-Bildern sie sich richtet (Medien-, Sport-, Musikstars vorzugsweise). Die Mode bietet für jeden Sport, jede Tages- und Jahreszeit, jede Tätigkeit, jede soziale Stufe, die (mehr oder minder, hängt vom Portemonnaie ab) <angemessene> Kleidung an. Kleidung ist ein Versuch, die eigene Identität zu präsentieren, was eben beinhaltet, dass es meist nicht um die wahre Identität, sondern die Wunschidentität geht ... die sich meistens eher nach der reiche Oberschicht als nach der Unterschicht richtet. Auch wenn wieder mal Ghetto-Look in ist mit zerrissenen Hosen und Jacken, so kosten die mehr als "normale", die man einfach lange genug tragen müsste. Wie unbrauchbar deshalb die Kleidung zur Beurteilung des Charakters ist zeigt sich am besten daran, dass am meisten Geld durch Herren in Massanzügen und Krawatte (Diebe in Nadelstreifen) gestohlen wird ... und dies am leichtesten mit der Institution, welche die höchste Konzentration an Nadelstreifen aufweist, der Bank. (s. Oligarchen). |
Die Gesamtheit der Erwartungen
der Schüler, Eltern, Kollegen, Behörden - und des Selbst, macht z.B. die Lehrerrolle aus. Widersprüche sind logischerweise zu erwarten.
Der Intra-Rollenkonflikt ist gleich mit eingebaut: Rollenkonflikte entstehen
durch widersprüchliche Erwartungen der Bezugsgruppen an eine Person. Sie
belasten den Rollenträger besonders dann, wenn die Beteiligten die Widersprüche
nicht bewusst erleben oder nicht bereit sind, darüber zu sprechen.
Noch komplexer ist die
Rolle des
Managers, der fähig sein muss, zwischen den verschiedenen Rollen seiner
Organisation zu vermitteln, also die Rollen kennen und verstehen muss
(ohne über das Wissen der Rollenträger zu verfügen wohlgemerkt!), der zudem als
der einzige angesehen wird, der sich auch zwischen Gruppen bewegen und vermittelnd
zu Innovationen führen kann. Diese beschränkte Idee führt dann eben zu den Verwaltungsrat mult. und CEO/Verwaltungsratundsonstnochweissgottwasfilz-Funktionen. Der Manager
kann so eigentlich betrachtet werden als Top-Rollen-(Schau-)Spieler, Meister der
listigen Strategien und Taktiken.
Management functions/roles:
Der Fall der Top-Manager: 2006 konnten sich CEOs in Europa durchschnittlich für 5.7 Jahre halten - in den als schnellebig bekannten USA allerdings doch für 9.8 Jahre ... Nur 46% konnten ihr Arbeitsverhältnis so beenden, wie sie es geplant hatten. Besonderns entnervend ist die Tatsache, dass etwa die Hälfte der Arbeitszeit mit internen Querelen und Machtkämpfen verbracht werden muss. Obwohl die meisten Manager sich durch Abfindungen absichern und durch Outplacement gefördert werden, müssen auch viele aus dieser herrschaftlichen Gattung harte Zeiten erleben. denkt sich mancher mit 50, er habe viele Möglichkeiten, viel Erfahrung, einen Leistungsausweis - und ein hilfreiches Netzwerk. Sie müssen dann allerdings merken, dass das Interesse eben dieses Netzwerkes nicht ihnen gegolten hat, sondern ihrer Funktion und Position. [Funktion weg, d.h. Herrschaft über strukturelles Loch weg = Zugang zu Netzwerk weg.] Ehemalige Kollegen distanzieren sich rasch von "Verlierern". Das Selbstbewusstsein verschwindet mit dem Job, da es samt der Identität an Aufgabe und Position gebunden war: Meiner Rolle = Ich - keine Rolle = kein Ich. Dementsprechend flau die Reaktion auf Anfragen betr. möglicher "Herausforderungen". Auch die Sache mit der Flexibilität sieht nun ganz anders aus, wenn man sie nicht von andern verlangt, sondern es selbst versucht: Niemand beruft einen (realtiv teuren) Mann (oder Frau) in eine Topposition auf einem Gebiet, in dem der oder die betreffende keine Erfahrung hat. Wer gewohnt ist, Dinge selbst auszuführen, oder ausführen zu lassen, hat auch nicht die besten Voraussetzungen zum Berater, trotz des angehäuften Wissens. Viele machen dann, mit ihren eigenen ehemaligen Rezepten eben die Erfahrung, dass "neue" Produkte meist kaum gefragt sind (oder überflüssig), dass halblegale Aktivitäten eben doch mehr kosten als bringen, und vertun ihre Zeit nicht eben produktiv. Das dumme daran ist allerdings, dass man das dann eben erst hinterher weiss ... Es wäre also auch für Manager angebracht, sich rechtzeitig um die Qualität der Empfehlungen zu kümmern mit denen sie, zu den Zeiten, wo sie es noch sind, die Leute entlassen, eben jene beglücken. [Sehr frei zusammengefasst und kommentiert nach Betty Zucker: Stolpersteine der Jobsuche. Der Fall der Top-Manager. ALPHA. 30./31. August 2008. S. 1.2] |
Die Gruppe braucht vor allem in ihrer Entstehungsphase:
Quellen der Macht:
Die Macht des Eros: Freud erkannte als wichtigstes Ordnungssystem primitiver Kulturen (also Gruppen), Machtverhältnisse und sexuelle Beziehungen - im Sinne des ödipalen Konfliktes.
Lassen wir den Oedipus weg, so bleiben Sex und Macht treibende Faktoren. Oedipus weg? Warum? Die Verhaltensforschung an Tieren zeigt klar, dass sich junge Männchen meist bei erreichen der Geschlechtsreife von der Gruppe trennen, getrennt werden durch die herrschenden Männchen, denen sie nun in die Quere kommen. Durch die Paarungsrituale werden starke auserwählt und zur Fortpflanzung zugelassen. Die stärksten Männchen haben Sex mit vielen, oder allen Weibchen, schwache werden ferngehalten. Wer nun denkt, das sei nur bei Tieren so, der irrt (s. Reiche - Arbeitslose!). Stärke darf man allerdings, sogar im Tierreich, nicht wörtlich nehmen, denn sogar dort geht es oft mehr um Schein als um Sein. Der entscheidende positive Eindruck auf die Weibchen wird nicht (nur) durch Kraft erweckt, sondern durch das Theater der Präsentation (wer hat das grösste Geweih, die schönsten Federn, den grössten Schnabel etc. also durch die Rollen-Show des dominanten Männchens - und des attraktiven Weibchens. Beim Menschen wurde der Kapitalhirsch ersetzt durch das grösste Finanz-Kapital. (s. rechts u. Kinder-Kosten)
Weibchen wählen dominante Männchen ... die Frage, warum sie dann nicht gleichberechtigt sind, erübrigt sich also eigentlich ...
Nicht nur das. Auch die Antwort auf die Frage, warum einige Tiere wirklich hinderliche Anhängsel entwickeln wie etwa der Pfau oder der Hirsch, findet sich hier, in der Paarungswahl:
Er hatte einmal sogar bekundet, es werde ihm schlecht, wenn er eine Pfauenfeder sehe. Denn wie sollte man eine solche Bildung evolutionär erklären, wenn doch diese Schwanzfedern und ähnliche Formen exzessiven Schmucks im «Kampf ums Dasein» eher hinderlich seien? 1871 führte Darwin zur Lösung dieses Problems ein zweites Erklärungsprinzip ein, das in der Rezeption bis heute entweder übersehen oder kleingeredet wird: die Sexual Selection, die «geschlechtliche Zuchtwahl».
Er argumentiert, dass die Pfauenfedern und vergleichbarer Schmuck vor allem von männlichen Tieren im Lauf von Jahrmillionen dadurch entstanden seien, dass die Weibchen bei ihrer Auswahl von Geschlechtspartnern jeweils die schöneren oder auffallenderen Tiere bevorzugen, sich folglich deren ästhetischen Eigenschaften ein wenig häufiger fortpflanzen, und daher die Gestalt der Männchen sich im Rahmen einer Population langsam in die Richtung von immer farbigeren oder ausgeprägteren Formen verschoben hat. Entscheidend für dieses Argument ist zum einen, dass eine Wahl stattfindet (und nicht einfach das Reagieren auf äussere Zwänge und Bedingungen), und zum andern, dass diese Wahl nicht nach Kriterien der «fitness» funktioniert: Das Weibchen wählt nicht Survival oder die Reproduktion seiner Gene (wie man heute sagt), sondern eben Schönheit, und zwar Formen von Schönheit, für die es keine «objektiven» Kriterien gebe und die keinen anderen «Grund» hätten, als das Weibchen anzulocken.
Eine etwas prägnantere Interpretation der Fakten liefert die Vogelwarte Sempach in: Federn machen Vögel: So ist z.B. beim Birkhuhn das Weibchen erd- und grasfarbig, damit beim Brüten am Boden getarnt, während dem das Männchen mit seiner vollen Farbenpracht natürlich die Blicke sämtlicher Füchse, Adler und anderer Jäger auf sich zieht. Das Männchen zieht also die Gefahr auf sich und lenkt sie vom Weibchen und der Brut ab. Zudem beweist schon rein die Existenz eines solch bunten Genossen, dass er bis anhin offenbar fähig war zu überleben, was bei der Farbenpracht doch nicht ganz einfach ist, denn als Tarnung taugt sie echt nicht. Dieser "Ueberlebensgeist" und -Erfolg führt zu einer Bevorzugung durch die Weibchen. Das vermag vielleicht auch ein bisschen zu erklären, warum insbesondere weibliche Teenies auf das Auftauchen von medialen Grössen, insbesondere Sängern und dergleichen, bloss noch mit Gekreisch reagieren. Bei so viel lebender Pracht und Auffälligkeit - wer soll da noch an sich halten können? Bruterfolg garantiert (Familienbildung allerdings meist etwas problematisch, aus präzise den selben Gründen, denn welcher stolze Gockel begnügt sich schon mit EINEM Huhn?).

Die grössten Absurditäten des Pimp-Roll: Das 40kg-Geweih des Riesenhirsches, Riesenelch, das 2m-Horn des Riesenrinozerosses, Theodosia viridiaurata, Hirschkäfer, Langnasen-Sägehei.
Die grössten Auswüchse der körperlichen Dominanz von Männchen über Weibchen finden sich bei den Robben. Ein Südlicher Seeelephant kann bis zu 3.7 Tonnen wiegen, das vierfache der Weibchen, der Nördliche Seebär sogar das 6-fache. Bei solchen Arten begatten 4% der Männchen 88% der Weibchen. Diese Form der Pareto-Verteilung im Haremssystem führt auch bei Tieren zu heftigen Aggressionen.
Bei vielen Tieren, so etwa beim Mistkäfer, gibt es aber neben der Rolle des Helden auch die des Feiglings ... der sich hinterum einen Zugang zur Höhle mit dem Weibchen gräbt, und ... etc. So ähnlich sei das auch bei vielen andern Tieren ... und Menschen.
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Idee oder ein Gedanke als konzeptuelle Informationseinheit. Ein Mem ist eine Gedankeneinheit, die sich durch soziologisch-dynamische Prozesse vervielfältigt (reproduziert) und auf diesem Weg ihre Existenz (als Replikator) sichert. Die sprachliche Gestaltung ist dabei nicht wesentlich. Deshalb wäre es treffender, von einer Vorstellungseinheit zu sprechen. > Wir stossen hier auf einen enormen Widerspruch zur Auffassung Wittgensteins, dem Sprache eine wahrheitstragende und transportierende Funktion mit präziser Struktur war. Theoretischer gesagt wird die Begrifflichkeit des Mem als Replikator der kulturellen Evolution eingeführt, und zwar als hypothetisches Analogon zum Gen als der grundlegenden replikativen Struktur im Rahmen einer darwinschen Theorie der natürlichen Selektion für den Bereich der Kultur. Mihaly Csikszentmihalyi betont den invasiven Charakter der Meme. Die Menschen widmeten sich mehr und mehr der Verbreitung der Meme statt ihren eigenen Interessen. |
Richard Dawkins führt sogar den aufrechten Gang des Menschen auf einen Trieb zurück, den Nachäffungstrieb, der dieses sexuelle Präferenzverhalten dann noch verstärkte. Affen pflegen sich ab und zu auf die Hinterbeine zu erheben, meist in Zusammenhang mit sexuellem (ihren Penis zu zeigen) oder aggressivem Imponiergehabe, aber auch um Früchte zu pflücken, Wasser zu durchwaten oder einen Regentanz aufzuführen (ja, auch solches gibts bereits bei den Affen). Dies kann nun plötzlich zur "Mode" werden: Alle kannst du reden sehn, von der neuen Art zu gehn. (s. Oundle Gang, pimp roll). Weibchen paaren sich dann bald am liebsten mit den Männchen, die diese Mode beherrschen. Wer dies tat, hatte also höhere Chancen, sich fortzupflanzen ... und mit sich dieses eigentlich unsinnige Verhalten. Tanzen, singen, Komplimente machen, Konversation, Witze erzählen, Lieder komponieren, Gedichte schreiben, Höhlenwände oder die Decke der Sixtinischen Kapelle bemahlen - der Geist als mentaler Pfauenschwanz, der das Wachstum des Gehirns vorantrieb.
Noch radikaler hier die Theorie von Susan Blackmore: The meme machine: Menschen tendieren dazu, Meme von bewunderten Vorbildern zu kopieren. (Weshalb die Presse uns dauernd mit Interviews von bekannten Vorbildern füttert, statt (bloss) sachlich und argumentativ informiert).
Blackmore geht davon aus, dass Menschen wegen ihres memerzeugenden Geistes attraktiv wirken (was bei Musik fraglos stimmt): einem Geist, der sich durch Kreativität, künstlerischen Ausdruck und Wortgewandtheit zu erkennen gibt.
Man darf also getrost annehmen, dass die Produktion überflüssiger Dinge durch die Markwirtschaft (und deren Herren, meist Herren) nicht viel andere Hintergründe hat. Die Natur hat mit diesem Prinzip schon so viel amüsanten Unsinn erzeugt, dass der gelangweillte Mensch (Homo televisor) dem wohl kein Ende setzen wird.
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Auch Männchen selektieren, aber auf Grund von Fruchtbarkeit, also Jugend (und damit sicher nicht die Mutter! womit Oedipus, Verhaltenswissenschaftlich betrachtet, ein Witz ist), Gesundheit, Normalität - wobei gerade bei der Schönheit nicht vergessen werden sollte, dass sie eigentlich nichts anderes ist als ein höchstes Mass an Normalität.
Männchen wählen höchste Normalität (Symmetrie [http://de.wikipedia.org/wiki/Attraktivit%C3%A4tsforschung vermutlich müssen Sie den Link kopieren, %C3%A4 wandelt sich falsch um, sogar bei Dreamweaver. Scheiss_html ...] als Zeichen genetischer Fehlerfreiheit) ... sind also auch selbst schuld.
Manche Männer sind dafür geschaffen, eines Tages glückliche Witwen zu hinterlassen.
(Robert Lembke, dt. Showmaster, 1913-1989)
Die
Betriebspsychologen und Soziologen, ebenfalls basierend auf Erkenntnissen der
Verhaltensforschung an Tieren, haben die Machthierarchie griechisch
durchbuchstabiert. Die Führung besetzt die Alpha-Rolle, die Kopfarbeiter Beta,
die Handarbeiter Gamma, und diejenigen, die sich nicht fügen, werden zu Omegas
degradiert oder als Aussenseiter abgeschoben.
Wir sehen hier zwei Probleme.
Hier steckt ein Problem drin, das offensichtlich von keiner
psychosozialen Theorie aufgenommen wurde: Der Konflikt
zwischen der Macht der Führer - und der Macht des Wissens. Einerseits
sagt man ja: Wissen ist Macht - und Macht ist eben, machen zu können.... Sieht
man sich nun an, wie die Macht was macht, kommt man leicht dahinter, dass Macht
oft die Macht ist, Wissen selektionieren und definieren zu können.
Im übrigen sieht man an dem Katalog auch gleich, dass hier die Innovatoren
fehlen (Kritiker sowieso, was kritisch ist für alle Systeme, die an
konsequenterweise meist auf Grund von Sklerotisierung eingehen), also Leute
mit neuen Ideen, die nicht so ganz Realisten sind. Hier gibt's nur Verwalter und
Förderer des Status quo - und theatralisch oder schweigend Leidende.
Omegas und Gammas sind für das Management meist leicht zu ersetzen. Schwieriger ist es bei den Betas, da die über mehr Wissen verfügen als das Management, und oft über Wissen, das nicht in Büchern steht, also verloren geht, wenn man die Leute feuert. Hier setzte das Knowledge Management an. Wissen wurde gefasst und zu etwas fassbarem, bürokratisierbaren, also managebaren gemacht. Ist das Wissen der Experten ebenfalls im Betriebscomputer, sind auch diese leichter auszutauschen. Der Slogan: Wissen ist nur macht wenn es geteilt wird . war eben ein Slogan, denn geteilt wird nach wie vor gar nix, vor allem nicht mit Konkurrenten, also auch der Öffentlichkeit, nicht mal da, wo die Öffentlichkeit das Wissen finanziert. (s. Knowledge Management und Entwicklungszusammenarbeit).
Merkmale, um "Aussenseiter" zu identifizieren gibt es viele, und sie beruhen meist nicht auf sachlichen und vernünftigen Argumenten: zu dick, zu dünn, zu gross, zu klein, zu hässlich, zu schön, zu jung, zu alt, zu dumm, zu klug, zu arm, zu reich. Detaillierte Liste s. Mobbing). Für die Gruppendynamik ist der Aussenseiter ein Vertreter geduldeter randständiger oder feldferner Themen, stellt damit ein thematisches Reservoir für die Gesamtgruppe dar, ein Reservoir dass vom Coach oder Leiter im Sinne der Horizonterweiterung und des Perspektivenwechsels produktiv genutzt werden kann.
Der Kritiker gerät also nicht nur in einen Konflikt zwischen Loyalität und Zivilcourage, sondern auch zwischen Macht der Anordnung und Macht des Wissens. Soll er, bloss um Ruhe zu haben, sachlich falsche Entscheide mittragen, einfach weil sie so von oben angeordnet worden sind? Der Beta-Typ wird deshalb in der Betriebssoziologie gleich als Realist beschrieben, damit er bloss nicht auf die Idee kommt, eine Idee zu haben, die neu, ungewohnt oder gar im Widerspruch zum Bekannten ist. Hier dürfte ein Hauptgrund für die Innovationsschwäche und das Beharrungspotential vieler Firmen liegen: Es darf gar nicht gedacht werden, es soll produziert werden.
Aber sogar in dieser negativen und problemgeladenen Konstellation hat der Aussenseiter eine Bedeutung. Jede Rolle ist zuerst funktional, d.h. sie erfüllt Aufgaben. Dies gilt sogar für die Rolle des Aussenseiters :Der Aussenseiter ist Teil der Gruppenstruktur. Er ist derjenige, der den Normen nicht entspricht.
| Einer der medial bekanntesten Aussenseiter der Schweiz war "Der schwarze Tanner", ein Bauer im Berner Oberland, der sich standhaft weigerte, die von Traugott Wahlen verordnete Anbauschlacht mitzumachen. Natürlich wurde er als "Landesverräter" verschrien, dummerweise hatte er aber eben doch recht damit, dass der Kartoffelanbau für die stotzigen Hänge des Oberlandes eben nicht geeignet war, da Gewitter die Kartoffeln samt dem Boden ins Tal spülten. Er soll auch elsässische Deserteure und Juden, die aus Schweizer Lagern geflohen sind, geduldet und mit Nahrungsmitteln geholfen haben. Obwohl ein bisschen ein Schweizer Kohlhas ... zeigt der Fall doch deutlich, dass Wahrheit eben nicht mit Mehrheitsbeschluss gemacht wird. |
Wenn eine Gruppe sich offen mit ihren Aussenseitern auseinander (oder besser zusammen) setzt, gewinnt sie:
Es ist also auch hier der Aussenseiter der den therapeutischen Anstoss gibt, durch den die Gruppe in Bewegung bleibt und, falls sie dafür (noch) offen ist, zum Denken und Lernen bringt.
| Hexis ist die griechische Version des bekannteren
Habitus = Verhalten, äußere Form, Haltung. Bourdieu benutzt Hexis und
Habitus teilweise in verschiedener Bedeutung. Während er den Begriff
Habitus benutzt, um Steuermechanismen für geistige Einstellungen und
Gewohnheiten zu beschreiben (z. B. Kunst- oder Musikgeschmack), so
benutzt er den Begriff Hexis in Bezug auf die körperliche
Dimension (z. B.
Gestik,
Körperhaltung, Wahl der Sportart). wiki |
Noch kaum verwendet wurde in der Soziologie, Psychologie und der kritischen Theorie leider Bourdieus Konzept des Habitus. Der Habitus bezeichnet Form, Gestalt, soziale Disposition, und dient vor allem der Selektion dessen, was: für wahr und wichtig erachtet wird. Der Habitus ist so prädispositiv und beeinflusst mögliche Intentionen und Motive. Der Habitus begründet also die persönliche Agenda gemäss dem geteilten Glaubenssystem, Wertesystem und Orientierungssystem der Gruppe, der er angehört.
Der Habitus ist:
Der Habitus ist auch das Merkmal, an dem sich Gruppenzugehörigkeit primär zeigt. Er ist ein "Identitätsgefäss" und steht damit über der Rolle, da diese wandelbar und vielfältig ist, jener aber eine konstante Orientierung aufzeigt (Typ), der sich primär mit dem Alter wandelt, oft allerdings nur äusserlich. So sind viele Wortführer der 68er heute Führer von Wirtschaftsbetrieben oder Banken, was zeigt dass ihr Habitus als Elite dominiert über den sozialen oder geistigen Gehalt, den sie damals vertraten, ein typisches Merkmal von Führergestalten. Gerade weil sich soziale Klassen, Milieus und Lager nur schwer abgrenzen lassen, der Habitus aber äusserst präzise Zuordnung ermöglicht, sollte derselbe besser identifiziert und analysiert werden. Ich vermute, dass viele Probleme sozialer Integration sich relativ einfach auf einen Habitus zurückführen lassen, der nicht in die Gesellschaft, und/oder die Wirtschaft passt. Heute schreit da die Mehrheit einfach nach Anpassung seitens der Minderheit ... sinnvoller wäre aber vielleicht eben eine Habitusanalyse, die den immer (!) unbewussten Hintergrund dieser Disposition bewusst und dadurch rekonstruktionsfähig macht. Da sich der Habitus klar bei allen Denkprozessen zeigt, insbesondere durch seine Selektivität, wäre die Geistesanalyse hier ein passendes Mittel.
Je mehr Herzlichkeit und esprit de corps unter den Mitgliedern einer den Kurs bestimmenden In-Gruppe herrscht, desto grösser ist die Gefahr, dass unabhängiges kritisches Denken durch group-thinking ersetzt wird.. Die Folge davon ist, dass Warnsignale von innerhalb und ausserhalb der Gruppe ignoriert werden. Die Opposition wird stereotyp als dumm oder unmoralisch oder, sehr beliebt, nicht teamfähig oder gar asozial bezeichnet. Diese Tendenz wird durch Gehorsam der Betroffenen ebenso verstärkt wie durch "Führer", die es als ihre Aufgabe betrachten, kritische Elemente, Dissidenten, Abweichler ... identifizieren und ausmerzen. Als Beispiel für solches Gruppendenken steht nicht nur der berüchtigte Klassen- oder Clangeist bei Teenygruppen, sondern, weitaus gefährlicher, z.B. der Entscheid J.F: Kennedys für die Invasion Kubas. Der dachte nämlich, genau wie sein späterer Nachfolger im Amt, der berüchtigte W, das Volk dort sei so darauf erpicht den Chef abzusetzen, dass es die Invasoren mit Hurrah empfangen werde. Auch Artur Schlesinger, nicht einer der dümmsten Berater, musste später zugeben, durch die Macht der Gruppe dazu verleitet worden zu sein, jeden berechtigten Einwand gleich selbst zu unterdrücken.
Die Macht des Gruppenkonsenses wird durchbrochen, wenn nur ein einziger es wagt, zu widersprechen, obwohl die Gruppe generell Konformisten viel stärker unterstützt als Abweichler.
[nach: Krech/Crutchfield u.a.: Grundlagen der Psychologie. Bd. 7, S. 92]
Gruppen/Gemeinschaften
denken nicht, beobachten nicht, haben keine Ideen, ziehen keine Schlüsse,
verstehen keine Theorien und kritisieren auch nicht.
Wissenschaftliche Arbeit und
Philosophie sind deshalb eine Sache von Individuen,
die sich, allerdings erst im
unerlässlichen zweiten Schritt, in Beziehung setzen um
"die Sache" aus verschiedenen Perspektiven
anzusehen und voneinander zu lernen.
Obligatorischer Gruppenkonsens würde keinen Fortschritt zulassen.
[Nach: Ulrich Carpa: Wissen und Handeln. Grundzüge einer Forschungstheorie. J.B. Metzler. Stuttgart, Weimar. 2001]
s. auch <Disziplin hilft, den Gruppengeist unerbittlich durchzusetzen: Musterbeispiel Basler Fastnachtscliquen>
Nur wer überhaupt wahrnimmt, was geschieht, kann darauf reagieren. Soziales Lernen beginnt mit der Entwicklung der Fähigkeit, sich selber und andere Personen differenziert wahrzunehmen.
Kennen lernen heisst:
Die Grundlage sozialer Entwicklung ist das ZUHÖREN:
| Was die kleine Momo konnte wie
kein anderer, das war: Zuhören ... Wirklich zuhören können nur ganz wenige Menschen. Und so wie Momo sich aufs Zuhören verstand, war es ganz und gar einmalig Momo konnte so zuhören, dass dummen Leuten plötzlich sehr gescheite Gedanken kamen. Nicht etwa, weil sie etwas sagte oder fragte, was den anderen auf solche Gedanken brachte, nein, sie sass nur da und hörte einfach zu, mit aller Aufmerksamkeit und Anteilnahme. Michael Ende |
Die Fähigkeit, einem anderen Menschen ruhig und konzentriert zuzuhören, ist allgemein wenig entwickelt und wird durch "Erziehung" oft noch weiter beschränkt. Gut erzogene Kinder haben gelernt, vieles nicht zu sehen, nicht zu hören und nicht zu empfinden. Das ist ein wesentlicher Aspekt der Sozialisation, des "Hineinwachsens in die Gesellschaft". [M S. 80] Verbreitet ist dagegen ein vorschnelles "Antworten", dass den Gesprächspartner nicht ganz ernst nimmt und die Kommunikation hemmt:
Zuhören ist lernbar - nicht als "Technik", sondern als ein aufmerksames und einfühlendes Offensein gegenüber dem Gesprächspartner. Zuhören beinhaltet die Fähigkeit, Ungewohntes zu akzeptieren und die Welt "mit den Augen des anderen" zu sehen:
Die Grundfrage des Dialogs ist: Haben wir das gehört, was der andere uns mitteilen wollte.
Rückmeldungen sagen einem Menschen nicht "die Wahrheit" über sich. Sie sagen ihm nur, wie andere ihn wahrnehmen und erleben. Rückmeldungen sollen auch nicht der Anpassung des einzelnen an die Erwartungen der Gruppe dienen. Es ist nicht wichtig, den anderen besser zu gefallen. Es geht einzig und allein darum, vollständiger und genauer wahrzunehmen, was in der Kommunikation geschieht. Feedback gilt dementsprechend in der Gruppentherapie als Intervention. Auf dieser Grundlage wird soziales Lernen möglich.
Soziales Lernen ist Verhaltensänderung durch Erfahrung. Soziales Lernen soll helfen, das Verhaltensrepertoire durch Experimentieren und Ausprobieren von Neuem zu erweitern.
Allgemein ungünstige Lernbedingungen sind:
Günstige Lernbedingungen schaffen einen Rahmen für unbeschwertes Experimentieren. Der Lernende wird ermutigt, Neues zu Versuchen und vor ungewohntem nicht zurückzuschrecken.
Soziale Lernmodelle:


Nachtrag 15.7.08: Erfahrungen mit Gruppen mit sektenähnlichen Strukturen, die weitaus verbreiteter sind, als man annehmen möchte
Soodele, da wär ich wieder, 1.5 Jahre später und um einige Erfahrungen reicher, gerade was Truppen... pardon, Gruppendynamik betrifft und den unheiligen Teamgeist. Dass man sich mit seinen Mitmenschen vertragen muss und dass das dauernde Arbeit bedeutet, zeigt obiges Diagramm. Allerdings zeigt dieses auch eine Entwicklung. Obwohl, oder wohl eher, weil sich Frust und Lösung immer wieder spiralig ablösen, entsteht Entwicklung, Fortschritt. Allerdings nur, wo Alternativen bestehen, also andere Wege, die Möglichkeit, zwischen zwei oder mehr Varianten zu wählen.
| Normierung, also die Verpflichtung auf "Teamfähigkeit" (meist im Sinne der kritiklosen Anpassung) verhindert Vielfalt der Meinungen, verhindert also Fortschritt. |
Diese besteht aber in Gruppen jeweils nur in den Phasen des storming und wird im norming reduziert, oft ganz vernichtet. Die Beziehungen, Funktionen und Abläufe sind also in der "reifen" Gruppe (was rein gar nichts mit geistiger Reife zu tun hat, darum eingeklammert) normiert, um Positionskämpfe zu verhindern und die produktive Phase einzuleiten. Bei dieser genaueren Betrachtung wird aber auch sofort klar, dass "Teamfähigkeit" eben genau darauf verpflichtet, bereits vorhandene Normen anzuerkennen, im Interesse der Produktivität. Teamfähigkeit wird also zumeist nicht von der Gruppe, sondern von der Führung der Gruppe verlangt, die sich (ihre Interessen) und ihre Normen (welche ihre Interessen schützen) nicht mehr in Frage gestellt sehen will. Normierung verhindert aber eben oft auch berechtigte, ja nötige Kritik - oder gar Widerstand. Normierung beschränkt die Selbstentfaltung, also die Menschwerdung, die für den Menschen zwar leicht hinter der Selbsteraltung kommt, aber ohne die er nie Mensch wird.
Dies ist besonders bei Sekten der Fall, die absolute Treue und Loyalität gegenüber ihren Werten und Normen, also ihrem <Geist> erwarten. Sekten gewinnen und halten ihre Mitglieder durch Heilsversprechungen: Ihr werdet Erlösung finden - durch unser Credo. Dummerweise gilt dies aber nicht nur für religiöse Sekten, sondern auch für die immer stärker sich verbreitenden wirtschaftlichen, politiischen und wirtschaftspolitisch-alternativen Sekten - welche gerne die Erlösung von Arbeit oder Arbeitssuche versprechen, so etwa über die Tobin Tax (attac) oder das bedingungslose Grundeinkommen (Liste 13). Beide sind (leider) als Sekten zu qualifizieren, da sie freies Geld für alle erwarten und versprechen - aber null, nix, nada absolut keine Ahnung haben, woher das Geld kommen soll, d.h. noch schlimmer, sie wissen es schon, aber welcher Art die Wirtschaft ist, wie ausbeuterisch und zerstörerisch, ist ihnen egal, solange sie davon profitieren können.
An Stelle von Werten und Normen, dem Fundament der Gruppe, könnte man auch den Begriff <Mission> gebrauchen, insbesondere was Gruppen mit Sendungsbewusstsein betrifft, also politische, religiöse, soziale etc. Die "Sendung" ist nun etwas ähnliches wie der Auftrag, insbesondere der göttliche, der ansonsten gerne zur Begründung von Herrschaft einiger weniger über viele verwendet wird.
Gerade diese Gruppennorm, besser "der Habitus der Gruppe", zeigt, was die Gruppe ist, was sie erreichen kann - aber vor allem auch, was nicht. Jede(r) der sich einer Gruppe anschliesst, egal welcher, sollte diese "Gestalt" der Gruppe sehr genau analysieren, denn er wird später genau diese Gestalt selbst annehmen müssen, sich anpassen müssen, grosse Teile seiner Freiheit, sogar seiner freien Meinungsäusserung aufgeben müssen. Dies gilt insbesondere für Institutionen, also Betriebe wie Aemter, die Menschen nicht bloss nach ihrem Bild formen, sondern gleich danach auslesen. Bevor man sich einer Gruppe zu sehr verpflichtet, sollte man also mal gehörig Abstand nehmen. Oft ist es absolut erstaunlich, wie nichtig die Ziele einer solchen Gruppe aus einer gewissen Distanz aussehen, wie bedeutungslos also das ganze ist, wie sinnlos also die Anstrengung, unbedingt dazu gehören zu wollen.
Genau wie beim Auftrag ist bei der Gruppe, der Gefolgschaft, Bündnistreue, Vasallentum geleistet werden soll, zu fragen:
Für die Integration in eine Gruppe muss man eine ganze Menge persönlicher Freiheiten aufgeben, vor allem die der freien Meinungsäusserung (vor allem in der Schweiz, wo sich fast jede/r sofort beleidigt fühlt, wenn Kritik ausgeübt wird, sogar wenn die nicht mal persönlich ist. Gruppen, speziell die "Gruppe" in der man arbeitet, bestimmen einen grossen Teil des Lebens, sind also ein bedeutender Teil der persönlichen Welt. Gerade darum ist es um so wichtiger, sich klar zu machen, welche Art von Welt eine Gruppe repräsentiert, denn leider vertreten sehr viele Gruppen äusserst enge Welten mit äusserst kleinkarrierten Weltbildern.
Insbesondere wenn Sie in eine Gruppe geraten, die davon
redet, eine grosse Familie zu sein .... rennen Sie, so schnell und so weit wie
möglich! Erinnern Sie sich an ihre eigene Familie in der Sie aufgewachsen sind, oder denken Sie an die jetzige, falls Sie eine haben, das dürfte
reichen. In Familien dominieren logischerweise die Beziehungsaspekte, und das
braucht unendlich viel Arbeit, unendlich viele Schlaufen von Frustration,
Lösungsversuchen, Verständigung, Problemlösung und neuer Frustration. Man nimmt
das auf sich, weil die Beziehung selbst die Anstrengungen wert sind. In einer
Gruppe aber mit hehren Zielen der Weltverbesserung und ähnlichem, gälte es
eigentlich sachlich etwas zu erreichen, was aber meist damit endet, dass wieder mal eine kleine Insel der
Glückseeligen und Weisen erschaffen werden soll (s. Utopien). Hier passiert genau das
Gegenteil von dem was in der Wirtschaft passiert. In jener werden sämtliche
persönlichen Bedürfnisse und Beziehungsaspekte der Funktion der Produktion, der
rentablen Produktion unterstellt. Eine wirksame, das heisst auch effiziente
Gruppe, die wirklich ein Ziel erreichen will, kann einen gewissen Ausgleich
schaffen, muss sich nicht völlig einem abstrakten Ziel unterordnen, soll aber
auch nicht die sachlichen Aufgaben und Ziele in einem Gruppensumpf versenken.
Ein besonders übles Verfahren ist hier auch das matriarchalische, das für viele
Frauen typisch ist. Sie sind immer da, setzen sich ein, ordnen sich unter, fügen
sich - was dann aber plötzlich kehrt: Ich arbeite soooo viel und erfahre
keinen Dank und keine Anerkennung! Ich verlange Respekt. Das ist
frauenfeindlich etcetc. (Worauf man (Mann schon gar nicht) auf keinen Fall
darauf hinweisen kann, dass die Arbeit weder bestellt war noch irgendwie was mit
dem Projekt zu tun hat ...). Egal ob Mann oder Frau. Wer in einer Gruppe
mitarbeitet, soll die Arbeit machen die ihm oder ihr Spass macht, also Belohnung
in sich selbst ist - oder von Anfang an auf Bezahlung bestehen. Dieses
psychologische Geqängel nervt, und ist eben typisch für familiäre Gruppen.
NIEMAND IST GEZWUNGEN - FREIWILLIG ZU ARBEITEN! Insbesondere dann nicht, wenn
die Bedingungen für freiwillige Arbeit nicht gegeben sind, also die Motivation
fehlt.
Im
Gegensatz zur ewigen, aber doch progressiven Spirale zwischen Frustration und
Problemlösung, ist die ewige Spirale der Sekten zwar oft attraktiv bunt - aber
flach. Es ist ein dauerndes Drehen im Kreise, ohne Fortschritt. Wenn Sie also
den Verdacht haben, in so was drin zu stecken, überlegen Sie sich, wie lange da
schon dauert, warum sich nichts ändert, warum Sie nichts ändern sondern sich
endlos mit drehen, drehen lassen? <Rotieren> war noch
nie ein Synonym für ein erfülltes Leben ... (auch wenn uns das ab und zu die Wirtschaftsgurus weis machen wollen mit ihrer absurden Vorstellung von Wettbewerb und ewigem (nicht nachhaltigem!) Wachstum.
s. auch sektenähnliche Strukturen
| Psychiater unterscheiden sich von den Verrückten nur durch
die Ausbildung. (Alexander Roda Roda, ungar. Schriftsteller, 1872-1945) |
1 Kurt Lewin: Balance-Modell: unfreezing- change -refreezing
Menschliches Verhalten wird nicht unmittelbar (> aber mittelbar, über Kultur!) von den Eigenschaften des physikalisch-geographischen Umfeldes gesteuert, sondern ausschliesslich von denjenigen des erlebnismässig strukturierten Raumes oder der anschaulichen Umwelt, von Lewin später als Lebensraum bezeichnet. [E S. 20]
Die Gruppe, der man angehört, als Boden, auf dem man steht, und die Selbstverständlichkeit und Sicherheit dieser Zugehörigkeit als unentbehrliche Grundlage aller Sicherheit und des bescheidensten konkreten Handelns ist bezeichnenderweise nach seiner Emigration das erste sozialpsychologische Thema Lewins.
Lewin war der Begründer vieler Methoden, die heute noch angewendet werden, häufig sogar von Entwicklungs-Praktikern: Psychodrama, Soziometrie, action research (s. praktische Erfahrung des Autors mit action research mit dem Ziel praktischer Umsetzung auf einem Gebiet, das starke Verhaltensänderungen bedingt: Wald pflegen statt nur aus-nutzen,) und vor allem die Feldtheorie:
Gruppenverhalten ist eine Funktion der beteiligten Personen und der sozialen Situation.
Gruppenkohäsion entsteht dadurch, dass die Teilhabe an der Gruppe und ihren Aktivitäten die Chancen des Individuums erhöht, seine Ziele zu erreichen.
Jede Aktion in der Gruppe ist das Resultat der wirksamen Kräfte.Ziel der Gruppentherapie ist die Steigerung der Sensitivität von Gruppenmitgliedern für das eigene Funktionieren wie das Funktionieren anderer und der Korrektur blinder Flecke und Verzerrungen. Sensitivity Training teilt mit der Gruppenpsychotherapie das Ziel der Ich-Stärkung und der Verbesserung des Selbstbildes. Beide betonen die Entwicklung von Einsichten und Gelegenheiten zur Realitätsprüfung. Beide versuchen, die bestimmenden zentralen Lebenswerte zu prüfen, und legen Nachdruck auf die Ersetzung alter, einengender durch neue, anpassungsfähigere Verhaltensweisen ... [E S. 31]]
Entwicklungsphasen der Gruppe:
- Kontakt und Einstieg
- Kontrakt und Aufbau der Arbeitsbeziehungen
- Problemdefinition und Diagnose
- Zielsetzung
- Erfolgskontrolle
- Sicherung der Kontinuität (= Institutionalisierung)
2 Joseph Luft und Harry Ingham: Johari-Fenster:
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Ziel der Gruppenarbeit ist es hier, den Bereich der öffentlichen Person/Gruppe zu erweitern
Dies ist einfach, da die Gruppe den persönlichen blinden Fleck rasch aufdeckt. Je freier und vertrauter wir uns in der Gruppe fühlen, desto mehr schrumpft der Bereich des Verbergens. Das unbewusst verborgene/verborgen bleibende, könnte, so auch die Hirnforschung, noch weitaus grösseren Raum einnehmen als auf dieser Skizze - ist aber auch der Gruppenarbeit verborgen.
Gruppenentwicklungsmodelle
3 Theorie, dass das Hauptproblem in der Haltung zu Autorität und Intimität liegt. Dependenz und Interdependenz (Macht und Liebe, Autorität und Intimität) werden als Zonen der inneren Ungewissheit betrachtet, die Hindernisse für eine angemessene Kommunikation darstellen. Zwischen der Zone der Autoritätsorientierung und der Zone der persönlichen Beziehungen zirkeln die Teilnehmer zwischen Anziehung und Abstossung:
Stufen:
- Abhängigkeit: Wunsch der Zustimmung und Verantwortlichkeit an Leitung. Wird der enttäuscht, setzt eine Gegenbewegung ein:
- Gegen-Abhängigkeit, die nach einiger Zeit dazu führt, dass Kompetenzen und Grenzen der Führung richtig eingeschätzt werden können - und so Erwartungen auf der einen wie Macht auf der anderen auch auf ein realistisches Mass begrenzt werden
- Unabhängigkeit und Interaktion:
- Interdependenz: Nähe zueinander ausloten. Hier wiederholt sich der Zyklus, indem erst Idealisierung erfolgt, dann Frust und
- Intimitäts-Feindlichkeit: worauf eine realistische Einschätzung der Beziehungen erfolgen kann:
- Konsensbildung
Diese Struktur basiert auf Riemanns tiefenpsychologischer Analyse von Formen der Angst (s. Begriffe an den vier Pfeilenden in Klammern), und wird, mit den 2 Achsen Berechenbarkeit <> Abgegrenztheit generell zur Beschreibung von Gruppenstrukturen verwendet.
| Die vier Grundströmungen sind die Blöcke | Die dominanten positiven Ströme sind | die dominanten negativen Ströme | Stärken - | und Entgleisungstendenzen, Uebersteigerungen | ||
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Grundakkord: | |||
| Sachlichkeit Arbeitsteilung Mehrheitsentscheid Konflikt |
Einzelerfolg Selbstverantwortung Differenz Intellekt |
TRUPPE: Erfolgsorientierung |
Wir lassen uns von sentimentalen Zeitverschwendern nicht in unserer effizienten Sachlichkeit beschneiden. | Gnadenlosigkeit Intoleranz Kälte |
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| Planung Verträge Mitgliedschaft Langfristigkeit |
Zielorientierung Pflicht Allgemeingültigkeit Vorhersehbarkeit |
GEMEINSCHAFT: Verbindlichkeit |
Wir lassen unsere schöne Harmonie nicht kaputtmachen von dir kaltem Chaoten. | Verschmelzung Zwangs-Solidarität Scheinheiligkeit |
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| Menschlichkeit Kooperation Einstimmigkeit Harmonie |
Gruppenerfolg Solidarität Gleichheit Emotion |
TEAM: Lebendigkeit |
Wir lassen uns von keinem toten Bürokraten die kleinkarrierten Aermelschoner der Sachzwangmentalität überstülpen. | Strukturlosigkeit Inkonsequenz Disziplinlosigkeit |
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| Improvisation Unverbindlichkeit Fluktuation Kurzfristigkeit |
Prozessorientierung Freiwilligkeit Einzelfallregelung Irritierbarkeit |
HAUFEN: Eigensinn |
Wir lassen uns von dir idealistischem Polizisten doch nicht in einen Vielharmoniker-Club zwingen. | Egozentrik Bindungslosigkeit Autarkie |
||

5 Rechtien: Soziologisch orientiertes Modell:
Nicht nur die Natur und der Kapitalismus bedingen ein dauerndes Entstehen und Vergehen, auch die Gruppen. Ist das Ziel der Gruppe erreicht, ändert es sich, verliert es an Sinn oder zerstört sich die Gruppe selbst durch Sklerotisierung, so kann sie zerfallen, oder, was vermutlich noch häufiger der Fall ist, sie entwickelt sich zurück. Dieser Vorgang, die Regression, kann nicht nur bei Gruppen beobachtet werden, sondern auch an Individuen und wird in der Psychoanalyse häufig angetroffen.
Regression: Zurückgehen auf frühere Stufe der Entwicklung, Primitivierung des Verhaltens - Auflösung der Gruppe:
6 Raoul Schindler: Modell der Personalisationsphasen
| Phase | Hauptmerkmal | Angst | Furcht |
| Menge: keine Kommunikation auf Grund von Misstrauen | kontaktloses Nebenher | gebunden - vor der Mehrheit | vor den anderen, als Projektion |
| prägruppal: Entwicklung des WIR-Gefühls und Abgrenzung gegen Aussen. Suche nach Thema der gemeinsamen Initiative. Rivalität um Anerkennung. | allgemeiner Alpha-Anspruch | viel freie Angst | vor Alpha |
| gruppal: aufgabenorientierte Rangstruktur | dynamische Rangstruktur | gebunden | vor Gamma |
| Institution: formelle Hierarchie mit vorbestimmten Funktionen | fixierte Rangstruktur | gebunden | vor Omega |
6.1 (Spezialfall der therapeutischen Gruppen: Dynamische Rangstruktur. Hier nicht behandelt, da ein Sonderfall der Gruppentherapie. Eine dynamische Rangstruktur wäre aber interessant als Modell einer partizipativen Wirtschaft, ohne die es eigentlich keine partizipative Gesellschaft gibt!)
7. Tiefenpsychologische Modelle
| Ein Psychiater ist ein Mann, der sich keine Sorgen zu
machen braucht, solange andere Menschen sich welche machen. (Karl Kraus, österr. Schriftsteller, 1874-1936) |
Diagnose: dia-gi-gnoskein: durch und durch erkennen, beurteilen, durchschauen, begreifen, in Beziehung treten mit der zu behandelnden Person
Abhängig ist die Wirksamkeit der Therapie dann natürlich noch von der Person des Therapeuten über: Menschenbild, psychotherapeutische Methodologie, Krankheitsmodell und Setting (Beziehungsmöglichkeiten).
Funktionen, die durch psychische Störungen beeinträchtig werden können, werden traditionell in zwei Gruppen eingeteilt:

| Erziehung: wesentlich das Mittel, die Ausnahme zu
ruinieren zugunsten der Regel. (Friedrich Nietzsche, Wille zur Macht) |
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Der Herdenmensch und die Vermassung wurden zur selben Zeit von Nietzsche und von Gustave le Bon (1841-1931) [Psychologie der Massen. Nikkol Verlag. Hamburg2009. Nachdruck von 1911] kritisch beschrieben. In der Masse verschwindet die bewusste Persönlichkeit des Einzelnen, er ist nicht mehr er selbst, wird zum Automaten der sich treiben lässt. Durch Beeinflussung lässt sich die Masse in eine Richtung lenken und es steigt die Neigung, die eingeflössten Ideen zu verwirklichen. In der Masse wird der Mensch unberechenbar und triebhaft, was die Vorgänge bei Randalen politischer wie fussballerischer Art belegen. Nicht Geist regiert, sondern Mittelmass. Massen sind triebhaft, reizbar und unfähig zu denken (weshalb der Ausdruck <Intelligenz der Massen> eindeutig ein Missverständnis und eine falsche Übersetzung der <Intelligenz der Vielen> ist, da dort Individuen gemeint sind, deren durchschnittliche Fehleinschätzung sich stochastisch um so mehr ausgleichen, je mehr unabhängige Teilnehmer mitschätzen. Die Einseitigkeit und Ueberschwänglichkeit der Gefühle der Massen bewahren sie vor Zweifel und Ungewissheit. Den Frauen gleich gehen sie sofort bis zum Auessersten. Ein ausgesprochener Verdacht wird sogleich zu unumstösslicher Gewissheit. [S. 53] In den Massen verlieren die Dummen, Ungebildeten und Neidischen das Gefühl ihrer Nichtigkeit und Ohnmacht; an seine Stelle tritt das Bewusstsein einer rohen, zwar vergänglichen, aber ungeheuren Kraft. [S. 54]
Massen sind eben so herrschsüchtig wie unduldsam. Wahrheiten sind genau so unbedingt wie Irrtümer. Entweder - oder. Schwarz - oder weiss. Mit uns - oder gegen uns. (Reicht das? Kommt's so langsam, wer hier gemeint ist? Mit dem hier müsste es aber reichen an Hinweisen:) Stets bereit zur Auflehnung gegen die schwache Obrigkeit, beugt sich die Masse knechtisch vor einer starken Herrschaft. ... Wie alle Primitiven haben die Massen eine fetischistische Scheu vor allen Neuerungen die ihre Lebensbedingungen ändern könnten und Ehrfurcht vor der Überlieferung, damit also auch meist der Rasse - IMMER bloss der EIGENEN RASSE. Diese Massen sind also erzkonservativ. Ideen brauchen sehr lange Zeit, um sich in Massen festzusetzen - und dies gelingt meist nur über Bilder.
Der Einzelne verliert in der Masse seinen Willen - und folgt dem, der noch einen hat. In der Massenseele herrscht nicht der Drang nach Freiheit - sondern der Drang sich anzupassen, von andern Anpassung zu verlangen, der Diensteifer, die getreue Erfüllung des Auftrages. Und präzise diese werden von den Volksverführern, den Demagogen, den Populisten angesprochen. Die Masse "denkt" nur in Bilder und kann nur durch Bilder geführt werden. Wer die Massen bewegen will muss starke Ausdrücke verwenden und darf niemals versuchen, etwas beweisen zu wollen. Die Führer wirken nicht durch Vernunftgründe, sondern durch Behauptungen. "Grosse Führer" sind deshalb nur selten intelligent, sondern meist recht beschränkt ... oder sie geben sich zumindest so, und die sind noch gefährlicher, da sie offensichtlich hemmungslos lügen und betrügen. Der Nimbus verschwindet allerdings immer im Augenblick des Misserfolges.
Nun ist dummerweise das proletarische Heer, also die Ärmeren der Gesellschaft, quasi immer bereit für einen Aufstand, da mit dem eigenen Los unzufrieden, nicht aber in der Lage, wirksame Lösungen vorzuschlagen - während dem die profitierende Bourgeoisie einerseits zwar die Regierung mit all den Problemen belastet, die sie selbst durch ihre Organisation verursacht, dafür dann aber die Regierung verantwortlich macht - andererseits aber sich als unfähig beweist, selbst diese Probleme zu lösen.
Die gegenwärtige ökonomische Ordnung - ein gegenseitiges Sich-Aufreiben im Kampf um die Einordnung, die Passung (fit > survival of the fittes, d.h. des am besten angepassten):
Als unglückliche Fügung des Schicksals hat sich dieses Konstrukt als äusserst wirksam erwiesen, das individuelle Streben der Menschen zu nutzen - zum grossen Vorteil weniger - die ungeheure Energie der Massen aber unwirksam zu zerreiben und aufzulösen: Wenigstens neun von zehn haben ihre Zeit und ihre Mühe, mehrere Jahre ihres Lebens, und zwar fruchtbare, wichtige, ja entscheidende Jahre, verloren: man rechne zunächst die Hälfte oder ein Drittel derer, die zur Prüfung gehen, ab, ich meine die Abgewiesenen; ferner von den Zugelassenen, Geprüften und Ausgezeichneten noch die Hälfte oder zwei Drittel, nämlich die Überarbeiteten. Man hat ihnen zu viel zugemutet, wenn man von ihnen verlangt, an einem bestimmten Tage auf einem Stuhl oder vor einer Tafel zwei Stunden lang für eine Menge von Wissenschaften zum lebendigen Nachschlagewerk alles menschlichen Wissens zu dienen. ... Ist er in seinem Beruf, und verheiratet, so ergibt er sich drein, sich im Kreise und für unabsehbare Zeit immer in demselben Kreise zu bewegen, er verschanzt sich hinter seinem beschränkten Amt, das er fehlerlos ausfüllt, ohne das Geringste darüber hinaus zu tun. Das ist das Durchschnittsergebnis; der Ertrag wiegt die Unkosten bestimmt nicht auf. [S. 94]
Nun betrachten wir mal dieses "normale" Schicksal unter normalen Verhältnissen, unter denen das erworbene Wissen zumindest eingesetzt werden konnte, mit dem der heute sich immer weiter vermehrenden generation p (Praktikum), die nach den bestandenen Examen noch nicht mal einen Standartjob erhält, sondern sich von Praktikum zu Praktikum und per Hilfsjobs (Taxifahrer & Co) durchhangeln muss. Nebst Preissteigerungen bei Brot, Oel und Zucker war es vor allem diese Situation, die in Tunesien und Kairo zu Unruhen - und Umsturz - geführt hat.
Unser Zeitalter ist das Zeitalter der Massen, gelenkt durch Massenmedien - wozu auch das individualistisch erscheinende Internet gehört. Die wichtigste Methode im Internet Massen anzusprechen ist der viral clip, von Anfang an darauf angelegt, durch möglichst viele Nutzer per Email, Social Media, Mikroblogging-Services wie Twitter und Social Networks wie Facebook, youtube, oder sonstwie verbreitet zu werden. s. viral marketing
Mit der Dominanz der Demokratie als erwünschter politischer Struktur hat die Stimme des Volkes heute ein stärkers Gewicht als diejenige von Staatspräsidenten und andern herausragenden Eliten. Sogar die letzten autoritären Regime der Welt (mit Ausnahme des semi-kommunistischen China, des seltsamen Nordkorea und Libyen, des unverständlichen Myanmar) brechen zur Zeit in Nordafrika grad zusammen (s. Arabische Aufstände).
Verbände können sich gegen generelle Massenerscheinungen wehren, die oft auch als "Naturgesetze" daher kommen, wie etwa der Markt, obwohl ja gerade der eigentlich nichts anderes ist als eine - mehr oder weniger - öffentliche Massenveranstaltung. (Im mehr oder weniger liegt die Krux, da die einen eben mehr informiert sind, die anderen weniger, und letzere von ersteren regelmässig über den Tisch gezogen werden). Diese Unterschiede zwischen einer führenden Elite und einer ver-führten Masse gehören zu jeder Kultur, und fast jede Kultur wird, wenn sie die Unterschiede zu weit entwickelt, wieder von Massen geplättet (Rom von den Germanen, das Islamische Grossreich der Abbasiden im 13. JH durch die Mongolen, das nachfolgende Reich der Osmanen durch Russen und Briten, das ökonomisch-militärische Weltreich der USA im 21. JH durch die billige Massenproduktion von China ....)
Hannah Arendt (1906-75) führte den Totalitarismus auf den Niedergang des Nationalstaates - und das Emporkommen der Massengesellschaft zurück. Elias Canetti machte in Masse und Macht darauf aufmerksam, dass die Masse auch für Befehle empfänglich ist, sich so für Dinge einsetzen lässt, die fast jedem individuellen Teilnehmer der Masse eigentlich zuwider wären.
Eigenschaften der Masse:
Sonderformen der Masse:
Ursprüngliche Formen der Masse:
Ein kritisches Element bei jeder Jagdmeute ist die Verteilung der Beute. Diese geschieht (theoretisch), nach bestimmten Regeln (vertraglich geregelten Löhnen oder Beute-Anteilen). Das Gesetz der Verteilung ist das älteste Gesetz. Allerdings zeigt gerade dieses, dass Recht nicht mit Gerechtigkeit verwechselt werden sollte:
In den Ländern, die besonderen Wert auf das >Proletariat< legen - wo grosse Anhäufungen von Kapital in den Händen einzelner verhindert werden -, stehen Probleme der allgemeinen Verteilung theoretisch gleichwertig neben denen der Vermehrung. In den andern ... ist die Verteilung einfach ungerecht.
Meute und Hetzmasse entstehen darum, weil die Masse nicht bloss den individuellen Willen ausschaltet - sondern auf der andern Seite ein Gefühl der Macht verleiht, Gruppenmacht, Massenmacht, also einer Macht zu der ein Einzelner fast nie kommt. Aufstand, Plünderung, sinnlose Zerstörung sind oft die Folge.
Die Lenkung der Massen:
Massenkristalle sind eine kleine, rigide (fundamentalistische) Gruppe von Menschen, fest abgegrenzt und von grosser Beständigkeit, die dazu dienen, Massen auszulösen. Es ist wichtig, dass diese Gruppen überschaubar sind, dass man sie mit einem Blick umfasst. Auf ihre Einheit kommt es viel mehr an als auf ihre Grösse. Ihre Verrichtung muss vertraut sein, man muss wissen, wozu sie da sind. Ein Zweifel an ihrer Funktion würde ihnen jeden Sinn nehmen; am besten ist es, sie bleiben sich immer gleich. Eine Uniform oder ein bestimmtes Verrichtungslokal kommt ihnen sehr zustatten.
Massenkristalle der heutigen Massenkonsums-Konsumentenmassen sind also die Eliten, speziell die Finanzeliten. Ihr Problem: Der Stachel des Befehls
In den menschlichen Massen spielt der Führer eine hervorragende Rolle. Sein Wille ist der Kern, um den sich die Anschaungen bilden und ausgleichen.
Sobald eine gewisse Anzahl lebender Wesen vereinigt ist, einerlei, ob eine Herde Tiere oder eine Menschenmenge, unterstellt sie sich unwillkürlich einem Oberhaupt, d.h. einem Führer. [S. 111] Führer sind offenbar notwendig, denn man findet sie als Parteihäupter in allen Ländern. [S. 174]
Meistens sind die Führer keine Denker, sondern Männer der Tat. Sie haben wenig Scharfblick und können auch nicht anders sein. [S. 112] Die Reden des berühmtesten unter ihnen, Robespierre, verblüffen oft durch ihre Zusammenhanglosigkeit. Wenn man sie liest, findet man keine annehmbare Erklärung für die ungeheure Rolle des mächtigen Diktators. Gemeinplätze und Weitschweifigkeiten pädagogogischer Beredsamkeit und lateinischer Bildung im Dienste einer eher kindlichen als platten Seele, die sich beim Angriff wie bei der Verteidigung auf das "komm doch ran" von Schülern zu beschränken scheint. ... Man erschrickt, wenn man bedenkt, welche Macht ein Mann, der sich mit einem Nimbus zu umgeben weiss, durch die Verbindung von starker Ueberzeugung mit aussergewöhnlicher Beschränktheit des Geistes erlangt. [S. 179]
Glauben erwecken, sei es religiöser, politischer oder sozialer Glaube, Glaube an eine Person oder an eine Idee, das ist die besondere Rolle des grossen Führers. Dem Menschen einen Glauben schenken, heisst seine Kraft verzehnfachen.
Die meisten Menschen, besonders in den Massen des Volkes, haben von nichts ausserhalb ihres Berufsfaches eine klare und richtige Vorstellung. ... Nicht das Freiheitsbedürfnis, sondern der Diensteifer herrscht stets in der Massenseele. Ihr Drang, zu gehorchen, ist so gross, dass sie sich jedem, der sich zu ihrem Herren erklärt, instinktiv unerordnen. [S. 114]
Die Wirkungsmittel der Führung sind Behauptung, Wiederholung, Übertragung. Die Behauptung muss "anstecken" - nicht überzeugen. Dies ist mit ein Grund, warum dann auch gerne und oft masslos übertrieben wird. Es gilt Gefühle anzusprechen - nicht die Vernunft oder den Geist. Es gilt emotional zu motivieren, nicht rational. Die eingeflösste Meinung ist der Ring durch die Nase, an dem sich die Masse, dieser gigantische Stier, wie ein Lämmlein führen lässt.
In den Parlamentsversammlungen finden sich die Grundmerkmale der Masse wieder: Einseitigkeit der Ideen. Erregbarkeit, Beeinflussbarkeit, Ueberschwenglichkeit der Gefühle, überwiegender Einfluss der Führer. Aber infolge ihrer besonderen Zusammensetzung weisen die parlamentarischen Massen einige Unterschiede auf:
Die Einseitigkeit der Anschauungen gehört zu den ausgeprägtesten Merkmalen dieser Versammlungen. Man trifft bei allen Parteien, namentlich der lateinischen Völker, die unveränderliche Neigung, die verwickeltsten sozialen Fragen durch einfachste begriffliche Grundsätze und durch allgemeine Gesetze zu lösen, die in jedem Falle angewandt werden können. [S. 172¨]
Der Führer braucht Nimbus, Prestige, oder, wie Max Weber sagte: Charisma. Diese verschwinden dummerweise in dem Moment, wo sie am meisten gebraucht würden, nämlich in Zeiten der Misserfolge, in dem Moment, wo Charisma diskutiert wird ist es schon weg, denn welcher Bürger möchte dann noch zugeben, dass er auf schöne Worte und theatralisches Gehabe hereingefallen ist. (Gerade die stunden- und tagelangen Übungen Hitlers an Rede und Gebärde zeigen, dass Charisma eingeübt werden kann - und vermutlich muss, ein einem solchen Fall, wo geistige Gartenzwerge nach Herrschaft streben.)
Eine moderne Form der Ausrichtung der Führung auf die Massen ist die moderne Demokratie, insbesondere in den USA. Neue Gesetze, Wahlreden, wo immer es Zustimmung des Volkes braucht, basieren auf detaillierter Analyse aller beteiligten Gruppen, wie und wo doch noch eine überzeugt (oder gekauft, in einen Kompromiss verwickelt) werden könnte.
Ebenso der Journalismus. Es ist längst nicht mehr der freie Geist der den Massen Beispiele liefert, wie oder was sich noch so denken und machen liesse, sondern es sind Studien des Leser-, insbesondere Abonnentenverhaltens, die darüber bestimmen, welche Art von Informationen wie, wo, in welchem Umfang erscheint - oder eben nicht. Die schärfste Pressezensur ist heute nicht der Staat und einige ältere Fräuleins und Landherren, die sich um die Verderbtheit Jugend sorgen machen, sondern das Argument: Wenn Sie so was publizieren, seh ich mich gezwungen, das Abonnement zu kündigen.
Der Staat als (falsches) Ideal: Wenn der Mensch in sich selbst die Spannkraft nicht mehr findet, muss er sie anderswo suchen. Mit der zunehmenden Gleichgültigkeit und Ohnmacht der Bürger muss die Bedeutung der Regierungen nur noch mehr wachsen. Sie müssen notgedrungen den Geist der Initiative, der Unternehmung und Führung besitzen, den der Bürger verloren hat. Sie haben alles zu unternehmen, zu leiten, zu schützen. So wird der Staat zu einem allmächtigen Gott. Die Erfahrung lehrt aber, dass die Macht solcher Gottheiten weder von Dauer noch sehr stark war. [S. 187]
Die heute noch bemerkbaren Unterschiede zwischen lateinischen/katholischen Ländern und protestantisch/anglophonen bestanden bereits damals: Eine französische Masse hält vor allem viel auf Gleichheit, eine englische auf Freiheit.
Diese unentrinnbare Stunde (des Alters) ist stets durch das Verblassen des Ideals gekennzeichnet, das die Rassenseele erhob. In dem Masse, als dieses Ideal abstirbt, beginnen alle von ihm geschaffenen religiösen, politischen und gesellschaftlichen Gebilde zu wanken. Mit dem fortschreitenden Schwinden ihres Ideals verliert die Rasse mehr und mehr alles, was ihren Zusammenhalt, ihre Einheit und Stärke bildete. Der einzelne kann an Persönlichkeit und Verstand wachsen, gleichzeitig tritt aber an die Stelle des Gemeinschaftsegoismus der Rasse die übermässige Entfaltung des Einzelegoismus, die von einer Schwächung des Charakters und einer Verringerung der Tatkraft begleitet wird. Was ein Volk, eine Einheit, einen Block bildet, wird zuletzt ein Haufen zusammenhangsloser einzelner, die nur noch künstlich durch Überlieferung (Tradition) und Einrichtungen (Institutionen, Strukturen) zusammengehalten werden. Dann geschieht es, dass die Menschen, die durch ihre Neigungen und Ansprüche von einander getrennt sind, sich nicht mehr regieren können und danach verlangen, in den unbedeutendsten Handlungen geführt zu werden, und dass der Staat seinen verzehrenden Einfluss ausübe.
Mit dem endgültigen Verlust des früheren Ideals verliert die Rasse zuletzt auch ihre Seele, sie ist dann nur noch eine Menge allein stehender einzelner und wird wieder, was sie am Ausgangspunkt war, eine Masse. Sie zeigt all ihre flüchtigen, unbeständigen und zukunftslosen Eigenschaften. Die Kultur ist ohne jede Festigkeit und allen Zufällen preisgegeben. Der Pöbel herrscht und die Barbaren dringen vor. Noch kann die Kultur glänzend scheinen, weil sie das äussere Ansehen bewahrt, das von einer langen Vergangenheit geschaffen wurde, tatsächlich aber ist sie ein morscher Bau, der keine Stütze mehr hat und beim ersten Sturm zusammenbrechen wird.
Aus der Barbarei von einem Wunschtraum zur Kultur geführt, dann, sobald dieser Traum seine Kraft eingebüsst hat, Niedergang und Tod - in diesem Kreislauf bewegt sich das Leben eines Volkes. [S. 190 - Schluss]
Um beim Wort "Rasse" nicht gleich vollautomatisch abzudriften in "Rassismus" oder eben Antirassismus, und damit die Verneinung rassischer und kultureller Unterschiede, sollte man vielleicht bei Rasse eher an die Begriffe Identität & Kultur denken. Gustave le Bon hat 1911 vor der Macht der Masse gewarnt und deutlich gemacht, dass die Masse nicht denkt, sondern sich von Führern mit beschränktem Geist leicht ver-führen lässt - was in den nächsten 34 Jahren von den Nazis fulminant umgesetzt wurde, und wovon die meisten Rechtsaussenpopulisten heute immer noch träumen. Glücklicherweise lässt sich das Volk heute nicht mehr ganz so leicht vermassen.
Es ist aber eben nicht der Staat mit seinen Gesetzen der das verhindert, sondern die Tatsache, dass die Menschen, bevor sie Mitglied einer Rasse, Gesellschaft oder eines Staates sind, ganz einfach als selbständig denkende Individuen auftreten, auftreten müssen.
Kein Staat kann jedem Bürger sämtliche privaten Probleme lösen, dafür bleibt der Bürger zuständig.
Kein Staat kann für sämtliche divergierenden Identitäten und Kulturen innerhalb seiner Zuständigkeit absolute Gleichheit, Gleichberechtigung, Gleichwertigkeit schaffen. Er kann und muss aber dafür sehen, dass die "Reibungen" zwischen unterschiedlichen Interessen möglichst friedlich und lösungsorientiert behandelt werden.
[Elias Canett:
Masse und Macht:.
Fischer. Frankfurt. a. M. 1980
Gustave
le Bon (1841-1931): Psychologie der Massen. Nikkol Verlag. Hamburg2009. Nachdruck von 1911]
José Ortega y Gasset (1883-1955) widmete sich 1930 in La rebelión de las masas dem selben Problem: Die Masse ist der Durchschnittsmensch. Masse ist jeder, der sich selbst für Durchschnitt hält und sich in seiner Haut wohl fühlt, wenn er merkt, dass er wie alle ist. Der Massenmensch ist der gewöhnliche Mensch, was ihm gegönnt sei, allerdings zur Frechheit und zum Problem wird, wenn er Gewöhnlichkeit als Mass aller Dinge durchzusetzen beginnt. Der Massenmensch dehnt seine Lebenswünsche ungehemmt aus und ist grundsätzlich undankbar gegen alles, was sein reibungsloses Dasein ermöglicht hat. Die Masse neigt immer dazu, aus Lebensbegierde die Grundlage ihres Lebens zu zerstören.
merksch ebbis? kunnt doch bekannt vor, nid?
| Ein Psychiater, das ist ein Mann, der in die
Striptease-Show der Folies-Bergeres geht und sich die Zuschauer ansieht.
(Jean Rigeaux, franz. Chansonnier) |
Die Diagnose von Normal-Abnormal macht nur Sinn, wenn ein Leiden vorliegt. Die Diagnose ist anspruchsvoll. Wer also von Mitarbeitern als "Fall für die Psychiatrie" diagnostiziert wird, sollte sich vielleicht kurz so benehmen, wie wenn er einer wäre ... und durch einen Tobsuchtsanfall belegen, dass er das Ziel dieser Wertung, den Angriff auf seine Persönlichkeit, verstanden hat - aber genau dadurch belegt, dass das Urteil falsch ist. (Warnung: Nur für ausgekochte Zyniker oder andere Humoristen zu empfehlen. Braucht Nerven aus Stahl ...).
Der gesunde Geist ist:
| Nur die Weisen sind im Besitz von Ideen; die meisten
Menschen sind von Ideen besessen. (Samuel Taylor Coleridge, engl. Dichter, 1772-1834) |
bewusst .... ABER: Beeinflusst von frühkindlichen wie erzieherischen Prägungen, also Erfahrungen und erworbenem Wissen - dessen Einfluss zu einem grossen Teil unbewusst ist.
In der Lage, seine Emotionen positiv zu nutzen, ihnen also zu folgen, ohne sich von ihnen beherrschen zu lassen.
autonom - wird also weder von Sachzwängen, andern Menschen oder gar "inneren Stimmen" beherrscht.
frei ... soweit er das eben sein kann ... Viele Geisteskrankheiten basieren auf einem, oft in einer frühen Phase der kindlichen Entwicklung gefassten unumstösslichen Entschluss, der sich durch schlechte Erfahrungen begründet und unumstösslich zementiert wird: ich werde nie - ich werde immer. Der Gesunde Geist handelt (agiert), er ist nicht blosse Reaktion, also "zwanghaftes Verhalten", wie im Extremfall ja auch die Neurose. Der gesunde Geist lässt sich weder durch ein tyrannisches Ueber-Ich, noch durch tyrannische Partner, Chefs etc. unterwerfen oder gar einsperren ... denn das führt zu Neurosen oder Magenkrebs oder Gewalttätigkeit gegen andere.
authentisch - d.h. er verwechselt sich nicht mit irgend einer der Rollen, die sein Träger spielen muss
zumindest so weit realitätsbezogen, dass er dem Träger als Navigationsinstrument durch die Irrgärten des Lebens hilft - und nicht gleich für sich selbst Irrgärten anlegt, aus denen er nicht mehr heraus findet.
d.h, er basiert auf einem intakten Ich, das sich selbst akzeptiert (wobei es ruhig eben so kritisch sein darf wie bei der Beurteil von andern ...)
das erkenntnisfähig ist: beobachtend, berechnend, beschreibend, einfühlend
wachsam, produktiv und kreativ - und danach vielleicht auch mal müde, manchmal heiter, manchmal traurig ... wie ihm das Leben eben so mitspielt.
und kommunikationsfähig: Der Menschen ist eigentlich keine Insel ... aber je reissender der Strom, desto wichtiger sind ein paar geistige Inseln.
Was bedeutet "normal" sein?
| "Normal" im Sinne von Mittelmass scheint im übrigen doch auch nicht grad das Ideal zu sein, was sich bereits sprachlich zeigt: Das englische "mean" wie das deutsche "gemein" bedeuten nicht bloss Mittel-Mass, sondern ebenso hinterhältig, hinterlistig, bezeichnen also gleich mit die Methode, mit der die Mittelmässigen dem Mittelmass zu entfliehen versuchen. |
Im Alltag wird geistige Verwirrtheit, Unangepasstheit, Zwanghaftigkeit und all die möglichen Fehlleistungen eines in die Schieflage geratenen Geistes bezeichnet als Abnormal, nicht Normal. In dem Ausdruck steckt der Teufel, denn er bereitet uns eine Menge Probleme. Was bedeutet denn "normal"? Normal heisst entweder der Norm entsprechend, ist meist aber ein Ausdruck aus der Statistik. Die Normalverteilung oder Gauss-Verteilung beschreibt, wie Merkmale in der Natur eben im Normalfall variieren. So weit so gut, wenn man nun aber die Normalverteilung in ihrem ganzen Umfang durch den Mittelwert ersetzt, reduziert man unzulässig, ja zerstörerisch, denn es sind präzise Diversität und Varianz, nicht Gleichheit und Einförmigkeit (der Massenproduktion), welche Wettbewerbsvorteile verschafft und das Leben als Ganzes am selben erhält, wie speziell bei der Biodiversität, die ja nix anderes ist als eben ein Mass an Vielfalt - statt Einfalt und Mittelmass. Pluralität - nicht Normkultur - ist Grundlage der Freiheit. Das statistische Modell, die Orientierung am Durchschnitt bei der Definition von Normalität wird insbesondere von der humanistischen Psychologie (Maslow, Rogers) kritisiert, gerade weil das durchschnittliche Niveau auf dem wir funktionieren weit unter den Fähigkeiten der meisten Individuen liegen. Achtung: Wenn die Wirtschaft behauptet, sie finde kein qualifiziertes Personal, so ist das kein Widerspruch, denn dort werden zwar immer mehr Qualifikationen verlangt ... davon aber nur sehr wenige effektiv eingesetzt werden können. Es wird also verlangt, auf Halde zu lernen, obwohl längst klar ist, dass all dies Wissen in zwei Jahren nur noch die Hälfte wert ist.
Am besten lässt sich
das Problem der "Normalität" am
IQ erklären. Die Kurve
rechts ist eben die erwähnte Normalverteilung oder Gauss-Kurve. Sie zeigt, wie
sich die Werte im Normalfall über die Population verteilen. Der Mittelwert ist
beim IQ per Definitionem 100. Die Hälfte der Bevölkerung ist also weniger
intelligent, die andere Hälfte intelligenter als das normale Mittelmass. 68%,
also gut 2/3 der Bevölkerung, haben einen IQ zwischen 85 und 115. Auch das ein
erweitertes, etwas toleranteres Mass für eine "normale" Intelligenz. 16%
sind also entweder dümmer oder intelligenter als "die Normalen". Im Falle
geringerer als normaler Intelligenz bezeichnet man diese "Abnormalen" als debil,
im Extremfall der 2% schwächsten sogar als Schwachsinnig. Der Falle
überdurchschnittlicher Intelligenz jedoch eröffnet erst den Zugang zum Studium
und damit meist zu leitenden Anstellungen und höheren Löhnen. Ab einem gewissen
Grad an Überintelligenz wird es oft schwierig, zwischen Genie und Wahnsinn zu
unterscheiden. Spezielle Schulen für Sonderbegabte haben also ein beträchtliches
Risiko, einfach Spinner zu erzeugen, oder, was ich eher befürchte, solche für
einen Dienst am Profit geradezu heranzuziehen.
| Der Vorteil der Klugheit liegt darin, daß man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger. (Kurt Tucholsky, dt. Schriftsteller, 1890-1935) |
| Viele verlieren den Verstand deshalb nicht, weil sie
keinen haben.
(Arthur Schopenhauer, dt. Philosoph, 1788-1860) |
Diese Verteilung ist naturbedingt, und lässt sich nicht verändern. Präzise aus dem Grund ist das ganze Theater um Pisa, frühenglisch etc. nichts als Theater, denn es fördert nur die Selektion der eh Begünstigten, hilft aber den Benachteiligten, also den tiefen IQs überhaupt nicht. Wir treiben mit diesem Schwachsinn noch mehr Menschen in den Wahnsinn, also die kommerzielle Invalidität. Zudem fragt es sich, wer denn noch bei Migros, Aldi & Co arbeiten sollte, wenn alle ein Topwissen verfügen ....
Präzise das selbe Modell gilt bei Körpergrösse, Gewicht, Hautfarbe, Sportlichkeit, etc - nicht aber bei Geld und Macht, denn die verteilen sich schief, nach Pareto - Optimum, also meist 20/80: 20 % besitzen fast alles, die andern fast nichts.
Fazit:
Nicht die Norm ist normal, sondern die Varianz, die Streuung um die Norm herum.
Die "normale" psychische Entwicklung
| Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen
gegen die Jugend.
(Mark Twain, amerikan. Schriftst., 1835-1910) |
Der IQ macht noch auf ein weiteres "Normalitätsproblem" aufmerksam: die von Jean Piaget untersuchte altersentsprechende Entwicklung (die zu testen er ursprünglich geschaffen wurde). Es ist klar, dass Schulanfänger nicht die selbe Komplexität versteht und Aufgaben nicht in der selben Zeit löst wie ältere Schüler. Diese von jedem zu durchlaufenden Entwicklungsstufen zeigen, welche Regressionen möglich sind.
| Normalität beruht nicht auf den Ansichten der Anderen, sondern auf Ich-Stärke, womit nicht der Wille zu Macht und Dominanz anderer gemeint ist, sondern die Fähigkeit, die Welt realistisch zu sehen, Konflikte flexibel bewältigen - und aus dem Leben Lust, Freude, Befriedigung, Genuss (however you want to call it) ziehen zu können - also seinen höchst persönlichen Sinn des Lebens zu finden. |
Auf der 1. Stufe wird kein Unterschied empfunden zwischen ich und du. Das Kleinstkind lebt quasi symbiotisch mit der Mutter. Die Differenzierung zwischen ich und du ist der erste Schritt zu sozialer Normalität - aber sogar dieser einfache Schritt erzeugt natürlich eine Verdoppelung der Komplexität, wird also von vielen unterlassen, kann bei Autisten gar nicht erfolgen.
Auf der 2. Stufe werden Dinge und Personen als "Anderes" wahrgenommen, noch ohne zwischen physischem und psychischem Bereich zu trennen. Es gibt immer noch nur 1 Perspektive, die des ich. Dies ist also die egozentrische Phase - aus der viele Zeit ihres Lebens nicht heraus kommen. Regeln werden als heilig und unantastbar aufgefasst. Fundamentalisten blieben also in dieser Phase stecken.
Auf der 3. Stufe kann nun bereits zwischen Dingen und Ereignissen, sowie zwischen Personen und ihren Äusserungen unterschieden werden. Dass auch dies nicht allen gelingt, zeigt die Tatsache, das immer noch viele Menschen als Träger von Ideen und Äusserungen ausgestossen oder gar umgebracht werden. Das ICH, also das Subjekt grenzt sich, als eigenständiges, aber der Kommunikation offenes, ab von seiner Umwelt. Regeln werden als verhandelbar empfunden.
Auf der 4. Stufe können Personen, Dinge und das Reden darüber vollständig abstrahiert und so "theoretisch" behandelt werden, es ist die Stufe, die erst Wissenschaft und Philosophie möglich macht. Auf diese Stufe möchten die meisten Praktiker gar nicht gelangen, obwohl auch sie z.B. Zahlungsprobleme lieber formell lösen (oder von Juristen lösen lassen) als durch Faustkämpfe.
Die Normalität ist also nur bis Stufe 2 fest gegeben, bereits bei Stufe 3 wird sie bis zu einem gewissen Grad verhandelbar, bei Stufe 4 braucht es bereits einen metanormativen Diskurs, also Wissenschaft, Journalismus, Literatur, Kunst, parlamentarische Diskussionen, Ethik ... kurzum praktisch alles, was wir unter dem Begriff "Kultur" zusammenfassen.
Zu verstehen und zu akzeptieren, dass es eben unterschiedliche Kulturen geben kann und darf, die höchst unterschiedliche Wertvorstellungen basieren, ist, selbst für Ethnologen, ein schwieriges Unterfangen. Selbst Fachleute kämpfen andauernd mit dem cultural bias. Sich davon, von sämtlichen "Ismen", zu befreien, um wirklich zu einer "objektiven Sicht der Dinge zu kommen, ist denkerische Knochenarbeit - aber unabdingbares Element des Denkprozesses.
| Sardinen wissen, daß Gleichmachen mit Kopfabschneiden
beginnt. (Jeannine Luczak, schweizerische Literaturwissenschaftlerin, *1938) |
Der Pluralismus ist damit die höchste Stufe geistiger Reife, da er nicht nur verlangt, Andere als gleichberechtigt anzuerkennen, sondern auch Andere mit ganz anderen Denkweisen und Werthaltungen. Und das ist, selbst bei bestem Willen, sehr schwierig.
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Intelligenz - und um ein Vielfaches mehr der Geist - ist Vielfältig - Normen aber meist einfältig
1. Gebot der Normalität für einen Menschen ist: Lebe weder in Vergangenheit noch Zukunft, sondern in der Gegenwart
Da die Zeit aber fliesst, dass was ist immer zu etwas ist, das war, und das was sein könnte vielleicht zu dem wird, was ist, ist die Aussage einigermassen platt. Man müsste also den zur Orientierung dienenden Zeitbereich genau so ausweiten wie den als normal betrachteten IQ. Aber wie weit? Auf 1 Tag = in den Tag hinein leben, auf eine Woche, 1 Monat, 1 Jahr, 5 Jahre ... oder das ganze Leben von Geburt bis Tod - was die Selbstverantwortung fordert, womit sie vielen Menschen fast jede Freiheit raubt, Irrtümer begehen zu dürfen, da sie für die Alterssicherung zum Millionär werden müssen? Die Unterschiede bei beruflichen Tätigkeiten sind hier enorm. Muss der Forstmann einen Zeitraum von 300 Jahren Vergangenheit bis zu 300 Jahren Zukunft als Planungsraum übersehen, so reichen dem Daytrader ein paar Tage - und er wird reich, im Gegensatz zu ersterem, schafft aber dennoch nichts Dauerhaftes.
2. Gebot der Normalität für einen Menschen ist: Lebe in der Realität, nicht in der Welt der Geister
| Der Bau von Luftschlössern kostet nichts, aber ihre
Zerstörung ist sehr teuer.
(Francois Mauriac, frz. Schriftst., 1885-1970) |
So plausibel das Gebot ist, wenn man an diejenigen denkt, die von bösen Geistern getrieben werden, Stimmen hören, das Sein vom Schein nicht unterscheiden können (ein Normalfall an der Börse ...), so absurd wird es, wenn wir an das Geistesleben denken. Hätten sich Denker, Philosophen, Künstler, Erfinder je daran gehalten, es gäbe keine Literatur, keine Kunst, nichts, was die Phantasie anregt. Und der Mensch ohne das Reich der Phantasie ist doch ein ziemlicher Knorz.
"Normalität" erfasst also meist nur eines oder wenige Merkmale, was den dort abnormalen meist die Chance lässt, dafür auf anderen Gebieten mit übernormalen Begabungen auszugleichen, insbesondere etwa durch soziale Intelligenz, die ich als Kunst des Spieles mit Rollen beschreiben würde. Bereits die multiple Intelligenz zeigt, welche Vielfalt an Möglichkeiten es gibt - und warnt damit vor der Verengung auf zu wenige und zu eng gefasste "Normalitäten". Das Selbe gilt für Grösse, Breite, Hautfarbe, Sportlichkeit, Reichtum und die meisten Merkmale, durch die Menschen kategorisiert und damit zu "normal" oder abnormal erklärt werden. Eine besonders trottelige und darum (populistisch) gefährliche Variante diesen Verfahrens sind Ansätze zur Bewertung von Kulturen durch deren wirtschaftlichen Erfolg: Wer schneller und mehr handelt ist besser - also der selbe Fehlschluss wie beim IQ: Wer schneller mehr denkt, ist intelligenter - wobei vergessen wird, dass auch hier gilt: garbage in - garbage out. Wer schneller denkt, aber sein Gehirn mit bullshit füttert, produziert einfach noch schneller noch mehr Mist. (S. Kohlhammer, der im Gefolge von Huntington nun genau diesen Wahn zur Norm machen will).
So weit zur natürlichen Definition von Normalität. Noch weitaus gewichtiger dürften aber andere Normierungen sein. Heute der wichtigste normbildende Faktor ist die Gesetzgebung, mit ihrem Bestand an Normen, eben den Gesetzen und Verordnungen - die wohlgemerkt nicht auf den Staat beschränkt sind. Weitaus mehr Papier wird damit gefüllt in der Wirtschaft, bloss dass man es dort "Verträge" nennt. So bei uns heute.
| Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein
Schneider. Er nimmt jedesmal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie paßten auch heute noch. (George Bernard Shaw, irischer Dramatiker, 1856-1950) |
Noch vor 50 oder hundert Jahren, zunehmend mit dem Mass an Vergangenheit, sehr akut aber in vielen andern Kulturen, vor allem im Islam, sind aber die religiösen Normen, die traditionell als absolute Wahrheit galten und vielfach noch gelten. Diese wurden bei uns, also den Christen, früher mit genau der selben Gewalttätigkeit durchgesetzt wie heute oft noch im Islam. Hexen wurden in der Schweiz verbrannt bis 1782 (Anna Göldin, Glarus). Normen, die auf absoluten, von "Laien" nicht zu hinterfragendem Wissen einer Elite basieren, sind meist asozial, d.h. ungerecht, da sie von einzelnen ausgenutzt werden. Fundamentalismen sind darum meist eher Egoismen als echte Sorge um die Erhaltung von Werten, denn Werte sind eigentlich nichts anderes als Leuchttürme, die uns die Orientierung erleichtern, uns aber nicht in festgelegte Pfade zwängen. Mobbing hat mit brauchbaren Normen genau so wenig zu tun, denn hier geht es, genau wie beim Fundamentalismus, nur darum, den Organisatoren über Diskriminierung derjenigen, die den meist selbst gesetzten oder sehr individuell interpretierten Normen nicht entsprechen, zu Diskriminieren, zum Wohle der Macht der Diskriminatoren. Mobbing will den Ausschluss von Andersdenkenden, anders aussehenden, anders entscheidenden, anders wertenden, kurzum, von anderen - zum Wohle des Selbst oder der eigenen Interessengruppe (s.o.). Personalselektion trägt ein grosses Risiko, den selben Weg zu gehen.
Ähnlich brutal und unausweichlich waren und sind die sozialen Normen in traditionellen Gesellschaften, die auch unter den BegTriffen radition, Kultur laufen.
Wenn hier also eine neue "Kultur des Erfolges" propagiert wird - Vorsicht!
Nur das Denken ist frei.
Normen, und damit Normalität 2. Art, sind sehr oft sogar nur temporär oder lokal gültig.
| Mode - Jene kurze Zeitspanne, in der das völlig verrückte
als normal gilt. (Oscar Wilde, engl. Schriftsteller, 1854-1900) |
Nichts anderes sagt die Empfehlung: Wenn Du in Rom bist, benimm dich, wie es die Römer tun. Dummerweise (d.h. für die Wirtschaft ist das der grösste Glücksfall), werden gerade Lifestyle-Normen andauernd neu kreiert, schwappen in Wellen, Mode genannt, über den Globus, und zwingen alle Gläubigen zu neuem "outfit" und zum Erwerb der neusten "gadgets", die meist genau so überflüssig sind wie ihre Vorläufer. Die Kosten dieses Normierungsdruckes sind inzwischen so hoch, dass die ersten Schulen, unter dem Vorwand, Ungleichheit zu mindern, ihre Schüler wieder uniformieren. Heerscharen von Trendscouts, Trendsettern, Modemachern und Trend- und Modeberatern verdienen damit "gutes" Geld.
DIE Norm an die sich alle Staatsbürger zu halten haben, ist das Gesetz. Bereits am Begriff "Gesetz" zeigt sich das Problem, denn Gesetze werden meist gesprochen, erlassen, verfügt und eben gesetzt, sind also Menschenwerk. Ihre Richtigkeit und Verbindlichkeit kann also immer kritisiert werden - auch wenn man sich fügen muss. Dieses Recht ist in jeder Demokratie ein Grundrecht. Normen sind entweder als "Naturrecht" quasi ewig, von Natur aus vorhanden, oder eben positiv (jus positivum), von ponere: setzen, positum: gesetzt - und daher künstlich.
Von daher leitet sich übrigens auch der Positivismus ab, der gar nicht so "positiv" ist, wie man nach der landläufigen Bedeutung des Begriffs denken könnte, sondern einfach darauf hinweist, dass hier die Grundlagen fest gesetzt sind, wie die Axiome der Mathematik oder die Naturgesetze der Physik. Sobald aber Zufall oder gar Freiheit ins Spiel kommen wie bei der Ökologie und der Soziologie oder Psychologie, hat Positivismus äusserst negative Auswirkungen, denn Positivismus ist an und für sich normativ, stellt sich also, ganz entgegen der eigentlichen Absicht (die war, die Forschung von Werturteilen frei zu halten), der Forschung in den Weg.
Noch problematischer sind die den gesetzten Norm übergeordneten
Normen, basierend auf sog. "Naturrecht",
das primär auf folgenden, vom Menschen nicht beeinflussbaren Grundlagen baut:
Die Geschichte hat vielfach gezeigt, wie viel Schabernack mit solchen Normen getrieben werden kann, denn diesen verdanken wir etwa die Inquisition (oder heute religiösen Fundamentalismus und Terrorismus), die Normierung der Schüler durch Standardprogramme, die Verfolgung von Schwulen als Abartige, da ihr Verhalten als "unnatürlich" klassiert wurde, und zwar noch nicht mal auf Grund gesellschaftlicher Normen, sondern sogar auf Grund des übergeordneten, absolut geltenden Naturrechts (bis vor wenigen Jahren und heute noch in vielen Ländern), die Expertokratie, den Bildungswahn und vieles mehr. Dabei ist Änderung, das Fliessen, ein Urprinzip des Seins. Nur wer tot ist ist starr.
Die Konjunktur selbst, über ihre verschiedenen Wellen, führt zu dauernd ändernden Normen im Verhalten. Da sich die wenigsten richtig, also antizyklisch verhalten, werden die Trend durch die Normierung verstärkt: Boom: Leute einstellen, Werben - Flaute: Leute entlassen, Sparen. Man stellt Leute also erst dann an, wenn die nächste Flaute vor der Tür steht, man spart, wenn man eh nix verdient - und umgekehrt. Temporäre Normierung ist für Philosophen, die nach haltbareren Wahrheiten suchen, meist ziemlich uninteressant, weshalb sie nicht immer "mit der Zeit gehen."
Normalität
beurteilt nach Normen ist also eine künstliche Einteilung und eigentlich nichts
anderes, als der positive Ausdruck für etwas, das wir uns heute eigentlich gerne
verbieten, nämlich von Diskrimination: Was oder wer nicht der Norm entspricht,
ist anders, ab-norm, und wird von den "Normalen" segregiert, wie früher die
Aussätzigen. Soziale Normen sind also immer diskriminierend, folglich mit
entsprechender Vorsicht zu verwenden:
Da also eigentlich immer von Gruppen definiert wird, was als "normal" zu gelten hat, sind
a) immer zuerst diese Gruppen darauf zu prüfen, ob sie selbst normal sind und
b) ihre Autorität in Sachen Normierung zu hinterfragen. (s. auch Auftrag)
Desorganisation des Geistes ist eines der wichtigsten Merkmale der Ab-Normalität. Der Ausdruck zeigt recht präzise, wie vorsichtig wir also damit umgehen sollten, da jeder Mensch und jede Gruppe und jeder Staat ein eigenes System hat, nach dem er sich organisiert - und alle finden das eigene System normal. Ein empfehlenswerter Ansatz um die Qualität der jeweiligen "Normalität" zu prüfen wäre also, die Organisationsstrukturen und Funktionen auf ihre Grundlagen und deren Konsistenz zu prüfen. (s. Beispiel Neoliberalismus #).
Fazit Maria Majce-Eggers zum Problem der Gruppe zwischen Enge der Anpassung - Freiheit der Wahl
Es gibt nicht den Menschen, sondern nur die Menschen.
- Der Einzelne existiert nicht allein, sondern unter vielen; er muss mit einer Mehrzahl rechnen und sich auf sie beziehen
- Pluralität heisst Vielheit und Verschiedenheit; das bedeutet, als Glied einer Vielheit einzigartig zu sein.
- Pluralität bedeutet nicht souverän sein, nämlich unbedingte Herrschaft und Autonomie über sich selbst; das widerspricht der Bedingtheit der Pluralität.
- Pluralität bedeutet Unabsehbarkeit der Folgen des eigenen Tuns: Folgen ergeben sich nicht aus der Tat selbst, sondern aus dem Bezugsgewebe, in welches sie fallen.
Einerseits ... andererseits:
| Wo die allgemein verbindliche Norm fehlt, ist die
Forderung von "Anpassung" noch hohler als sie es meist eh schon ist. mh |
Wurde dieses Fazit ja mit der Postmoderne immer mehr selbst zum Problem, ja eigentlich zur Anomie - ausgezeichnet beschrieben in Postorgiastische Zeiten. Hyperkarneval und Anomie - Was ist Zentrum, was ist Peripherie? von Alfonso Romano de Sant'anna in Lettre International Winter 2006. Die politische Ab-Normalität ist insbesondere in Südamerika sichtbar. Der brasilianische Staatspräsident 2006 war Gewerkschaftsführer und stammt aus der Peripherie. Auch in der Regierung sind ehemalige Guerilleros breit vertreten. Die Staatspräsidentin von Chile war mehrfach verheiratet und geschieden, obwohl das Land das Scheidungsrecht erst kürzlich einführte. Sie brachte es als Frau zur Kriegsministerin, nachdem sie unter Pinochet gefoltert und ins Exil geschickt worden war. Boliviens Staatspräsident ist der erste Indio in dieser Position - und kam mit Unterstützung der Kokainbauern an die Macht. Man kann sagen, die Peripherie ist ins Zentrum gekommen, die Aussenseiter von gestern sind an die Macht gelangt.
Auch Europas grösste Ängste stammen aus der Peripherie: Die Angst vor dem Islam, die Angst vor Migranten, die Angst vor Schwellenländern wie China, Indien, Brasilien etc.
Weitere Beispiele der Vermischung von Peripherie mit Zentrum, der Mitte mit dem Rand, der Norm mit dem Abnormen:
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| Wir sehen hier eine interessante Entwicklung. Die immer frühere Gebärfähigkeit von Frauen, na ja, sehr jungen Frauen, eigentlich Mädchen, ist vor allem auf die bessere Ernährung (s. spez. USA) und Gesundheit zurückzuführen - aber, nebst zunehmendem Gewicht auch auf die stark zunehme Versexung der Umwelt. Während dem der Körper all diese Signale in dem Sinne interpretiert: Bereit für Babies, zum Teil bereits ab 10 Jahren! - hat sich dies in den Köpfen genau umgekehrt entwickelt - und die Babies kommen immer später, wenn überhaupt noch - da die Eltern mit der Forderung nach lebenslangem Lernen aus dem Alter in dem sie zur Schule müssen ja nie mehr rauskommen ..... |

Die Klassik, wie die Moderne, kannten den Fluchtpunkt, Harmonie, Proportion, Gleichgewicht und Perspektive, welche die Ordnungsprinzipien einer zentrischen Weltsicht waren. Künstler und Intellektuelle der Renaissance und der Moderne waren von der Idee getrieben, die Welt zu erkennen und Ideen, Objekte, Lebewesen, ja gar den Kosmos, neu zu ordnen.
Die postmoderne Kultur der Exzentrik bekämpfte das Zentrum so intensiv, dass dies zum neuen Zentrum wurde, das primär Non-Sense und Nihilismus pflegte, das Chaos auf den Thron erhob. Man lebt vom Schein des Augenblicks. Es fehlt das gemeinsame Projekt, eine teilbare Utopie.
Allerdings wirkt noch immer die Macht der Mitte, also der Normalität - der einzige Unterschied ist, dass wir es heute mit viel mehr Zentren zu tun haben, also in einer polyzentrischen Welt leben. Allerdings, so de Sant'anna:
Pluralität der Zentren kann gleichwohl nicht heissen, dass alle Zentren und Systeme gleichwertig sind.
Ein Minimum an Besonnenheit und Vorsicht lässt es jedoch ratsam erscheinen, die Autonomie jedes einzelnen und den Mechanismus gegenseitiger Abhängigkeit aller anzuerkennen.
Der postmoderne Pluralismus hat uns aus vielen Zwängen gelöst (ausser denen des Geldes) - aber mit der Vernichtung der Norm auch die Orientierung gleich mit vernichtet. Wo Normierung noch wirkt, da meist als Zwang, so dass sie noch negativer empfunden wird, wie insbesondere im Mobbing.
Die neoliberale Wirtschaft hat ein attraktives Konzept für Gewinner (des Wettbewerbs), nicht aber für die Mehrheit der Verlierer. Die Politik, sogar die linke, schleicht hinterher, und versucht, sich mit der Wirtschaft gut zu stellen. Der Rest auch, immer mehr sogar die Philosophen, die die Missstände mit etwas corporate social responsibility weiss tünchen.
Die Abkehr von der Gemeinschaft, die heute dominante Nutzung von Netzwerken, erlaubt es, für jede Spinnerei ein Grüppchen zu finden oder zu bilden, das präzise diese Spinnerei zur höchsten Norm erhebt (ich denke dabei nicht bloss etwa an Scientology und andere pseudoreligiöse Veranstaltungen, sondern insbesondere an den Neoliberalismus, der dazu präzise das nutzt , was er dem Staat und andern Interessengruppen verweigern will, die korporative Organisation, die "Rechtsperson", als Interessensvertretung.
Positiver gesehen: Deine schlimmsten Feinde sind keineswegs die Leute, die anderer Ansicht, sondern die der gleichen sind wie du, aber aus verschiedenen Gründen, aus Vorsicht, Rechthaberei, Feigheit verhindert sind, sich zu dieser Ansicht zu bekennen.
(Arthur Schnitzler, österreichischer Schriftsteller, 1862-1931)
Die traditionellen Vermittler von Normen und Werten gibt es entweder nicht mehr, wie die Kirche, z.T. auch die Familie, oder sie sind selbst verloren zwischen dem Streben nach Geldwerten und den anderen "Werten", von denen man besonders in ultrakonservativen Kreisen gerne redet, sie aber kaum mehr zu benennen weiss (man möchte ja auch nicht darauf behaftet werden ...). Es sind also abertausende von kleinen und grossen Gruppen und Grüppchen, von denen jede ihr Wertesüppchen kocht - und wenn dann klar wird, dass durch den Brei bereits als unumstösslich angenommene Werte zugekleistert wurden und Kinder Kinder vergewaltigen, dann soll's die Schule richten (die man eigentlich privatisieren möchte, so dass sie besser die ausschliessliche Gruppennorm der Herrschenden vertreten kann) oder der Vater Staat (den man aber eigentlich lieber abschaffen möchte, da man eigentlich lieber keine anderen Normen hätte, als die eigenen). Dass da die Sozialarbeit zwischen Tür und Angel kommt (insbesondere, da sie sich mit dem Verursachern des Ausschlusses, der Wirtschaft, nicht anlegen kann, sich also immer mehr auf die kurative Tätigkeit des Bezahlens beschränken muss. s. Sozialfürsorge) und beträchtliche Probleme mit der Definition ihrer Aufgabe hat, die sie nur noch unter Anwendung beträchtlicher List ausführen kann, verwundert so betrachtet wenig.
| Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes, aber
bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel. (Friedrich Nietzsche, dt. Philosoph, 1844-1900, Jenseits von Gut und Böse) |
Aus präzise den Gründen wären heute Normalität und Orientierung primär aus der Perspektive der Sozial-, speziell der Gruppenpsychologie zu betrachten.
Martin Herzog, Basel, 26.11.06