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Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften:

Fraktale des Lebens, insbesondere des verhedderten Dialoges zwischen den Geschlechtern

 rororo 17. Auflage 2003 [1930/32]

Ein geräuschloser Strom glanzlosen Blütenschnees schwebte, von einer abgeblühten Baumgruppe kommend, durch den Sonnenschein; und der Atem, der ihn trug, was so sanft, dass sich kein Blatt regte. Kein Schatten fiel davon auf das Grün des Rasens, aber dieses schien sich von innen zu verdunkeln wie ein Auge. Die zärtlich und verschwenderisch vom jungen Sommer belaubten Blätter und Sträucher, die beiseite standen oder den Hintergrund bildeten, machten den Eindruck von fassungslosen Zuschauern ...

Sprachmuster von S. 1240:

Bei Musils Riesenwerk (2100 Seiten inc. Anhang] handelt es sich um ein wahres Panoptikum der Gefühle - und vermutlich das grösste Fragment der Literaturgeschichte. Robert Musil wurde 1880 in Klagenfurt geboren, lebte 1938 bis 1942 in Genf - wo er völlig verarmt starb. Er war Maschinenbauer, also Ingenieur, und Philosoph.

Dass das Werk ein Fragment blieb, ja bleiben musste, liegt vermutlich bereits im Titel verankert: Der Mann ohne Eigenschaften geht durch die Welt, scharf beobachtend und beschreibend, aber ohne zu Werten, insbesondere - ohne zu verurteilen. Er versucht zu verstehen, wie das Leben ist, nicht es zu gestalten nach irgend einer Vorstellung davon, wie es sein sollte. (Die herrschende Vorstellung darüber war ja auch kack-braun ...). Hätte er das Buch zu Ende geschrieben, hätte er ein System verwirklicht, so hätte er EIN System verwirklich - und durch den Schluss dem ganzen ein Ziel gegeben, also gewertet - wozu man "Eigenschaften" braucht wie Moral, Engagement, Leidenschaft etc. Ein "Trick" des Menschenlebens ist aber eben gerade, dass es immer wieder neue Ziele und neue Sinngebung ebenso erlaubt wie braucht. DEN grossen Sinn des Lebens, der für alle gleichermassen gilt, gibt es also vermutlich nicht, es sei denn, man greife zurück auf die (unabdingbare) "Trivialität" des Existentialismus, der das Überleben zum ersten und wichtigsten Sinn des Lebens macht.

Im Mann ohne Eigenschaften beschreibt er Varianten menschlichen Verhaltens, Gefühle und Repräsentanten der führenden Kreise Kakaniens (k&k-Monarchie): Grosskapital, Ballhausplatz-Diplomaten, Reformer, Schwärmer, potentielle Revolutionäre, Nymphomaninnen, eine esotherische Salonkönigin, einen unzurechnungsfähigen Sexualmörder, eine anrührend wahnbesessene Nietzsche-Anbeterin - und seine Schwester Agathe, die ihn zu kühnsten Liebesexperimenten verführt. (Die Frage, warum er Deutschland verlassen musste und seine Bücher verboten wurden, erübrigt sich hier vermutlich).

Ich kann Ihnen dieses Werk unmöglich auf ein paar Seiten zusammenfassen, oder die Gedanken sortieren. Ich vermute, Musil wollte, ganz Ingenieur, die Psyche des Menschen systematisch erfassen, setzte mit individuellen Charakterstudien an - musste aber in Anbetracht deren Unberechenbarkeit derselben wie des Lebens - aufgeben. Das Buch liefert also kein abgeschlossenes System der Gefühle, aber eine ungeheure Reichhaltigkeit an Beobachtungen, die, in etwas blumig-altertümlichem, aber doch hervorragendem Stil geschrieben sind (s. Sprachmuster rechts). Das Buch besteht, wie das Leben, aus unendlichen kleinen Geschichten, die sich nur dadurch zu einem Ganzen fügen, als sie in einem Leben eben passieren können. Diese Geschichten reduziere ich hier nochmals, auf bloss noch Zitate - aber Sie ersehen aus deren aphoristischer Qualität bereits, was in dem Buch drin steckt:

S. 10: Es soll auf den Namen der Stadt kein besonderer Wert gelegt werden. Wie alle grossen Städte bestand sie aus Unregelmässigkeit, Wechsel, Vorgleiten, Nichtschritthalten, Zusammenstössen von Dingen und Angelegenheiten, bodenlosen Punkten der Stille dazwischen, aus Bahnen und Ungebahntem, aus einem grossen rhythmischen Schlag und der ewigen Verstimmung und Verschiebung aller Rhythmen gegeneinander, und glich im ganzen einer kochenden Blase, die in einem Gefäss ruht, das aus dem dauerhaften Stoff von Häusern, Gesetzen, Verordnungen und geschichtlichen Überlieferungen besteht. [s. Stadtplanung]

S. 16 Kapitelüberschrift: Wenn es Wirklichkeitssinn gibt, muss es auch Möglichkeitssinn geben.

S. 18: Denn die Österreicher hatten in allen Kriegen ihrer Geschichte zwar auch gesiegt, aber nach den meisten dieser Kriege hatten sie auch was abtreten müssen. Das weckt das Denken, und Ulrich schrieb in seinem Aufsatz über die Vaterlandsliebe, dass ein ernsthafter Vaterlandsfreund sein Vaterland niemals das beste finden dürfe; ... denn Gott macht die Welt und denkt dabei, es könnte eben so gut anders sein.

... worauf er in ein kleines belgisches Internat geschickt wurde. Dort lernte Ulrich, seine Missachtung der Ideale anderer international zu erweitern

Leona: Wenn man sein Haus bestellt hat, soll man auch ein Weib freien.

S. 23: Freilich, wenn man es durchaus Prostitution nennen will, wenn ein Mensch nicht, wie es üblich ist, seine ganze Person für Geld hergibt, sondern nur seinen Körper, so betriebe Leona gelegentlich Prostitution.

S. 25 Kapitelüberschrift: In einem Zustand von Schwäche zieht sich Ulrich eine neue Geliebte zu - Bonadea

S. 33: Und verwaltet wurde dieses Land (Kakanien) in einer aufgeklärten, wenig fühlbaren, alle Spitzen vorsichtig beschneidenden Weise von der besten Bürokratie Europas, der man nur einen Fehler nachsagen konnte: sie empfand Genie und geniale Unternehmungssucht an Privatpersonen, die nicht durch hohe Geburt oder einen Staatsauftrag dazu privilegiert waren, als vorlautes Benehmen und Anmassung.

S. 35: Dieser Mann, der zurückgekehrt war, konnte sich keiner Zeit seines Lebens erinnern, die nicht von dem Willen beseelt gewesen wäre, ein bedeutender Mensch zu werden; mit diesen Worten schien Ulrich geboren worden zu sein.

S. 36: Der Finanzier hatte eine Unterredung mit dem Kriegsminister, den er persönlich kannte, und die Folge war, dass Ulrich eine längere Aussprache mit seinem Obersten hatte, in der ihm der Unterschied zwischen einem Erzherzog und einem einfachen Offizier klargemacht wurde. Von da an freute ihn der Beruf des Kriegers nicht mehr.

S. 42 (Bonadea): Sie war die Gattin eines angesehenen Mannes und die zärtliche Mutter zweier schöner Knaben. Ihr Lieblingsbegriff war "hochanständig"; sie wandte ihn auf Menschen, Dienstboten, Geschäfte und Gefühle an, wenn sie etwas gutes von ihnen sagen wollte.

Aber Ulrich war in ihrem Leben der weiss Gott wievielte Fall. Männer pflegen solche liebessüchtige Frauen, sobald sie den Zusammenhang heraus haben, meist nicht viel besser zu behandeln als Idioten, die man mit den dümmsten Mitteln verleiten kann, immer wieder über das gleiche zu stolpern.

Gleich vielen unglücklichen Frauen empfing sie schliesslich ihre Haltung in einem sonst recht schwankenden Lebensraum von der Abneigung gegen ihren fest dastehenden Gatten und übertrug ihren Konflikt mit ihm in jedes neue Erlebnis, das sie von ihm erlösen sollte.

S. 46: Genau gesprochen, er war das geblieben, was man eine Hoffnung nennt, und Hoffnungen nennt man in der Republik der Geister die Republikaner, das sind jene Menschen, die sich einbilden, man dürfe seine ganze Kraft der Sache widmen, statt einen grossen Teil von ihr auf das äussere Vorwärtskommen zu verwenden; sie vergessen, dass die Leistung einzelner gering, das Vorwärtskommen dagegen ein Wunsch aller ist, und vernachlässigen die soziale Pflicht des Strebens, bei der man als Streber beginnen muss, damit man mit den Jahren des Erfolgs eine Stütze und Strebe abgeben kann, an deren Gunst sich andere emporarbeiten.

S. 47: "Bei allen Heiligen!" dachte er "ich hab doch nie die Absicht gehabt, mein ganzes Leben lang Mathematiker zu sein.

In wundervoller Schärfe sah er, mit Ausnahme des Geldverdienens, das er nicht nötig hatte, alle von seiner Zeit begünstigten Fähigkeiten und Eigenschaften in sich, aber die Möglichkeit ihrer Anwendung war ihm abhandengekommen; und da es schliesslich, wenn schon Fussballspieler und Pferde Genie haben, nur noch der Gebrauch sein kann, den man von ihm macht, was einem für die Rettung der Eigenheit übrigbleibt, beschloss er, sich ein Jahr Urlaub von seinem Leben zu nehmen, um eine angemessene Anwendung seiner Fähigkeiten zu suchen.

S. 53: Sie (Clarisse) hatte Walter seit ihrem fünfzehnten Jahr für ein Genie gehalten, weil sie stets die Absicht gehabt hatte, nur ein Genie zu heiraten. Sie erlaubte ihm nicht, keines zu sein. Und als sie sein Versagen merkte, wehrte sie sich wild gegen diese erstickende, langsame Veränderung in ihrer Lebensatmosphäre. Gerade da hätte nun Walter menschliche Nähe gebraucht, und er drängte, wenn ihn seine Ohnmacht quälte, zu ihr wie ein Kind, das Milch und Schlaf sucht, aber Clarissens kleiner, nervöser Leib war nicht mütterlich. Sie kam sich von einem Parasiten missbraucht vor, der sich in ihr einnisten wollte, und sie verweigerte sich. ... Aber sie wollte die Gefährtin eines grossen Menschen sein und rang mit dem Schicksal.

Moosbrugger, der Frauenmörder, dessen Schicksal sich durch das ganze Buch zieht, also vermutlich als Kern des Mannes ohne Eigenschaften betrachtet werden muss:

S. 67: Moosbrugger war ein Zimmermann, ein grosser, breitschultriger Mensch ohne überflüssiges Fett, mit einem Kopfhaar wie braunes Lammsfell und gütmütig starken Pranken. Gutmütige Kraft und der Wille zum Rechten sprachen auch aus seinem Gesicht, und hätte man sie nicht gesehen, so hätte man sie doch gerochen, an dem derben, biederen, trockenen Werktagsgeruch, der zu dem Vierunddreissigjährigen gehörte und vom Umgang mit Holz und einer Arbeit kam, die ebensoviel Bedachtsamkeit wie Anstrengung erforderte.

S. 69: Moosbrugger war als Junge ein armer Teufel gewesen, ein Hüterbub in einer Gemeinde, die so klein war, dass sie nicht einmal eine Dorfstrasse hatte, und er war so arm, dass er niemals mit einem Mädel sprach. Er konnte Mädels immer nur sehn; auch später in der Lehre und dann gar auf den Wanderungen. Nun braucht man sich ja bloss vorzustellen, was das heisst. Etwas, wonach man so natürlich begehrt wie nach Brot oder Wasser, darf man immer nur sehn.  [s. Internet-Sex]

S. 71: Sein ganzes Leben war ein zum Lachen und Entsetzen unbeholfener Kampf, um Geltung dafür (sein ich) zu erzwingen.

S. 73: ... bei der eisernen Brücke sprach ihn das Mädchen an. Es war so ein Mädchen, wie sie sich unten in den Auen an Männer vermieten, ein stellenloses, davongelaufenes Dienstmädchen, eine kleine Person, von der man nur zwei lockende Mausaugen unter dem Kopftuch sah.

Als sie in die erste, noch sehr düstere Strasse kamen, stand ihm der Schweiss auf der Stirn, und er zitterte. flüchtet in ein Wirtshaus

Und als er kaum ein paar Schritte in die dunkle Strasse getan hatte, fühlte er das Mädchen an seiner Seite. Sie war jetzt gar nicht mehr demütig, sondern frech und sicher; sie bat auch nicht mehr, sondern schwieg nur. Da erkannte er, dass er niemals von ihr loskommen werde, weil er es selbst war, der sie hinter sich herzog.

In dem engen Kassenhäuschen legte er sich nieder und drängte den Kopf in die Ecke, wo es am dunkelsten war; das weiche verfluchte zweite Ich legte sich neben ihn. Er tat deshalb so, also ob er gleich einschliefe, um später davonschleichen zu können. Aber als er leise, mit den Füssen voran, hinauskroch, war es wieder da und schlang die Arme um seinen Hals. Da fühlte er etwas Hartes in ihrer oder seiner Tasche; er zerrte es hervor. Er wusste nicht recht, war es eine Schere oder ein Messer; er stach damit zu.

S. 103: Diotima machte die Erfahrung, dass sich auch die berühmtesten Gäste an ihren Abenden immer paarweise unterhielten, weil ein Mensch schon damals höchstens noch mit einem zweiten Menschen sachlich und vernünftig sprechen konnte, und sie konnte es eigentlich mit keinem. Damit hatte Diotima aber an sich das bekannte Leiden des zeitgenössischen Menschen entdeckt, das man Zivilisation nennt. Es ist ein hinderlicher Zustand, voll von Seife, drahtlosen Wellen, der anmassenden Zeichensprache mathematischer und chemischer Formeln, Nationalökonomie, experimentelle Forschung und der Unfähigkeit zu einem einfachen, aber gehobenen Beisammensein der Menschen. [s. Dialog]

Zivilisation war demnach alles, was ihr Geist nicht beherrschen konnte. Und darum war es seit langem und vor allem auch ihr Mann.

S. 106: Er warnte sogar Diotima davor, in ihre schöngeistigen Regierungsgeschäfte zu viel Ehrgeiz zu setzen, denn wenn Kultur auch sozusagen das Salz in der Speise des Lebens sei, so liebe die feine Gesellschaft doch nicht eine allzu gesalzene Küche.

S. 127: Dank ihrer (Bonadeas) Natur harte sie bis dahin ihre Geliebte nie anders verloren als in der Art, wie man etwas verlegt und aus den Augen verliert, wenn man selbst von etwas Neuem angezogen wird;

Ueberschrift Kapitel S. 183: Ideale und Moral sind das beste Mittel, um das grosse Loch zu füllen, das man Seele nennt.

S. 212: Der passive Stolz eines Mannes, der viel eingesperrt worden war, verbot ihm, ich vor der Strafe zu fürchten; aber er hing auch sonst nicht am Leben. Was hätte er denn daran lieben sollen? Doch nicht den Frühlingswind oder die weiten Landstrassen oder die Sonne? Das macht nur müde, heiss und staubig. Niemand liebt das, der es wirklich kennt. "Erzählen können", dachte Moosbrugger "gestern habe ich dort an der Ecke in dem Wirtshaus einen ausgezeichneten Schweinsbraten gegessen!" Das war schon mehr. Aber auch darauf konnte man verzichten.

S. 235: Ergrimmt ahnte Moosbrugger, dass jeder von denen sprach, wie es ihm passte, und dass es dieses Sprechen war, was ihnen die Kraft gab, mit ihm umzugehen, wie sie wollten. Er hatte das Gefühl einfacher Leute, dass man den Gebildeten die Zunge abschneiden sollte.

S. 238: Er beneidete alle Menschen, die schon in der Jugend gelernt hatten, leicht zu sprechen; ihm klebten die Worte zu Trotz gerade in den Zeiten, wo er sie am dringendsten brauchte, wie Gummi am Gaumen fest, ehe er eine Silbe losriss und wieder vorwärtskam.

Die Juristen konnten zwar besser reden als er und hielten ihm alles mögliche entgegen, aber von den wirklichen Zusammenhängen hatten sie keine Ahnung.

S. 239: Moosbrugger konnte nur darüber lachen, dass man ihn deshalb für krank erklärten wollte; er selbst behandelte diese Stimmen und Gesichte nicht anders wie die Affen. Es unterhielt ihn, zu hören und zu sehen, was sie trieben; das war unvergleichlich schöner als die zähen, schweren Gedanken, die er selbst hatte; wenn sie ihn aber sehr ärgerten, so geriet er in Zorn, das war schliesslich nur natürlich.

S. 253: Darum wird heute in kurzen Stücken erschrecklich viel philosophiert, so dass es gerade nur noch die Kaufläden gibt, wo man ohne Weltanschauung etwas bekommt, während gegen grosse Stücke Philosophie ein ausgesprochenes Misstrauen herrscht.

S. 311: Ich glaube, Gerda, dass ich die Wissenschaft jetzt aufgebe. Ich gehe also zur neuen Generation über. Genügt es Ihnen, wenn ich beschwöre, dass das Wissen mit der Habsucht verwandt ist?

S. 527-8: "Credo, ut intelligam" frei ins zeitgenössische Deutsche übersetzt: Herr, o mein Gott, gewähre meinem Geist einen Produktionskredit.

Denn wahrscheinlich ist jedes menschliche Credo nur ein Sonderfall des Kredits überhaupt. In der Liebe wie im Geschäft , in der Wissenschaft wie beim Weitsprung muss man glauben, ehe man gewinnen und erreichen kann, und wie sollte das nicht vom Leben im ganzen gelten?

S. 592: Und alles, was Ulrich im Lauf der Zeit Essayismus und Möglichkeitssinn und phantastische, im Gegensatz zu einer pedantischen Genauigkeit genannt hatte, die Forderungen, dass man Geschichte erfinden müsse, dass man Ideen-, statt Weltgeschichte leben sollte, dass man sich dessen, was sich nie ganz verwirklichen lässt, zu bemächtigen und am Ende vielleicht so zu leben hätte, als wäre man kein Mensch, sondern bloss eine Gestalt in einem Buch, von der alles Unwesentliche fortgelassen ist, damit sich das übrige magisch zusammenschliesse, - alle diese, in ihrer ungewöhnlichen Zuspitzung wirklichkeitsfeindlichen Fassungen, die seine Gedanken eingenommen hatten, besassen das Gemeinsame, dass sie auf die Wirklichkeit mit einer unverkennbaren schonungslosen Leidenschaftlichkeit einwirken wollten.

Der Satz enthält eine ganze Menge Infos, die zur Deutung des Buches wichtig sind. Musil macht hier darauf aufmerksam, dass das Leben sich nicht zu sehr nach dem richten sollte, was sich aus historischen und andern Regeln und Zwängen ergibt, sondern dass man das Leben, die Zukunft, zwar nicht beliebig, aber doch mit einigen Freiheiten gestalten kann, dass man - über den Lebensprozess - auf die Form des Lebens wirken kann. Dieser einzige Satz enthält Ansätze zum Existentialismus (als der Verwirklichung des Selbst) - wie auch zum Konstruktivismus (der Mensch als EIN Buch, das geschrieben wird - nach dem Drehbuch der Identität). Die Synthese zum Ganzen fehlt auch hier noch, und wird der Magie überlassen.

Musils <Möglichkeitssinn> findet sich bei Brainworker unter dem Begriff "Utopie", und wird bereits 1995 als unabdingbar für die Entwicklung von Vorstellungen über eine erwünschte, wünschbare Zukunft dargestellt. Die phantastische, im Gegensatz zur pedantischen Genauigkeit, zieht sich sichtbar durch - und wird demnächst in einem Beitrag zu <List, Schlauheit, Gerissenheit> als spezieller Intelligenzform der Händler, Unternehmer, Politiker und anderer Verführer präziser bearbeitet.

Erst nach Ende des ersten Durchgangs der Lektüre (die ca. 9 Monate gedauert hat .. Warum? - Weil ich mir als eher naturwissenschaftlich orientierter Ingenieur alles wichtige bewusst merken muss ....) ist mir aufgefallen, dass zwischen Seite 592 und 1071 offenbar keine Bemerkungen von mir als "zitatwürdig" befunden wurden. In dem Teil verführt Agathe ihren Bruder Ulrich, der erst grad noch was philosophiert hat, wenn man einer Frau so nahe sei, wie der Schwester, könne man sie eigentlich nicht lieben ... und pardauz, voll sind sie im Salat. Da Inzest in unserer Gesellschaft noch übler ist als Sex und Porno, haben sich ganz offensichtlich auch bei mir einfach die internen Rollläden (igitigitigit...) runtergelassen ... und Sie müssen den ganzen Teil halt selbst lesen. Ist ansonsten genau so gut wie der Rest ... eher noch besser, wie meist das Verbotene. ... Na ja, drum hab ich's grad nochmals versucht:

S. 634: Das Schreiben ist, so wie die Perle, eine Krankheit.

S. 639-40: Ich würde gerne wissen, ob Sie es auch für  eine zeitgemässe Indirektheit und Bewusstseinsteilung halten, wenn man der Seele einer Frau mystische Gefühle einflösst, während man es für das Vernünftigste hält, ihrem Gatten ihren Körper zu überlassen. [mei, konnte der fies sein ...]

S. 660: Aber da geschah das Gegenteil von dem, was er wollte, denn Clarisse rückte ihm nun plötzlich auf den Leib. Sie schlang so geschwind ihren Arm um seinen Hals und presste ihre Lippen auf seine, hatte ihre Beine mit einer raschen Bewegung unter sich gezogen und rutschte zu ihm hin, so dass sie in seinen Schoss zu knien kam, und an der Schulter fühlte er den kleinen Ball ihres Busens. [Clarisse ist eine der vielen Frauengestalten in Musils Roman, die meist als Geliebte auftauchen. Er war also nicht auf seine Schwester fixiert oder auf Kindmädchen, verarbeitet aber die verschiedensten Perspektiven möglicher und unmöglicher Liebe]

S. 661-2: Ihr Finger feilte spielend an den seinen; sie würde für ihr Leben gern gewusst haben, was sie eigentlich alles gesagt hatte, denn es musste alles mögliche gewesen sein, eil sie so erregt gewesen war, dass sie es vergessen konnte! Ungefähr wusste sie, was vorgegangen war, und machte sich nichts daraus, denn ihr Gefühl sagte ihr, dass sie tapfer oder opferbereit gewesen sei und Ulrich zaghaft. Sie hatte bloss den Wunsch, sich recht kameradschaftlich von ihm zu verabschieden, damit er darüber nicht im Zweifel bliebe.

S. 682: Denn als sie sich niederliessen, teilte Agathe ihrem Bruder mit, dass sie so gut wie getrennt von ihrem Mann lebe, wenn auch unter dem gleichen Dach; sie sagte nicht, wie lange es schon so sei.

Es machte zunächst einen schlechten Eindruck auf Ulrich, Wenn verheiratete Frauen glauben, dass ein Mann ihr Geliebter werden könne, pflegen viele von ihnen ihm dieses Märchen anzuvertraun; ... Ich habe überhaupt nie begriffen, wie du mit einem solchen Mann hast leben können! entgegnete er offen.

S. 684: Nehmen wir an, dass eine Frau, die uns nicht gleichgültig ist, vergewaltigt worden sei, erklärte er. Nach einem heroischen Vorstellungssystem müssten wir dann Rache oder Selbstmord erwarten; nach einem zynisch-empirischen, dass sie es abschüttle wie eine Henne; und was sich heute wirklich vollzöge, wäre wohl ein Gemisch aus beidem: diese innere Unwissenheit ist aber hässlicher als alles.

S. 727: Agathe verabscheute die weibliche Emanzipation geradeso, wie sie das weibliche Brutbedürfnis missachtete, das sich das Nest vom Mann liefern lässt. Sie erinnerte sich gerne an die Zeit, wo sie ihren Busen zu (sic!) erstenmal das Kleid spannen gefühlt und ihre brennenden Lippen durch die kühle Luft der Strassen getragen hatte. Aber die entwickelte erotische Geschäftigkeit der Frau, die aus der Verhüllung der Mädchenzeit hervorkommt wie ein rundes Knie aus rosa Tüll, hatte Zeit ihres Lebens Verachtung in ihr erregt.

S. 729: Ihr Vater hatte des Mannes Bewerbung mit vernünftigen Gründen gestützt, sie selbst hatte beschlossen, sich wieder zu verheiraten: gut, man tut es; man muss mit sich geschehen lassen, was dazu gehört; es ist weder besonders schön, noch übermässig unangenehm!

S. 739: Die Moral unserer Zeit ist, was immer sonst geredet werden möge, die der Leistung. Fünf mehr oder weniger betrügerische Konkurse sind gut, wenn auf den fünften eine Zeit des Segens und des Segenspendens folgt. Der Erfolg kann alles vergessen machen. Wenn man bis zu dem Punkt gelangt, wo man Wahlgelder spendet und Bilder kauft, erwirbt man sich auch die staatliche Nachsicht. Es gibt dabei ungeschriebene Regeln: spendet einer für Kirchenzwecke, Wohltätigkeitswerke und politische Parteien, so braucht es höchstens ein Zehntel von dem zu sein, was er aufwenden müsste, wenn er sich einfallen liesse, seinen guten Willen durch Kunstförderung zu beweisen.

S. 760: Agathe vergewisserte sich, dass Ulrich nicht auf sie achte, und öffnete vorsichtig ihr Kleid an der Brust, wo sie auf der Haut die Kapsel mit dem kleinen Bild verwahrte, das sie durch Jahre nicht von sich gelassen hatte. Sie ging ans Fenster und tat als sähe sie hinaus. Behutsam liess sie den scharfen Rand der winzigen goldenen Auster aufspringen und betrachtete verstohlen ihren toten Geliebten. Er hatte volle Lippen und weiches, dichtes Haar, und der kecke Blick des Zwanzigjährigen sprang aus seinem Gesicht, das noch halb in der Eischale stak: Mein Gott, ein einunzwanzigjähriger Mensch! .... Wenn sie sich daran mass, so war sie heute eine alte und erfahrene Frau, obwohl die Zeit der vergangenen Jahre nicht gar gross war, und sie bemerkte ein wenig verwirrt das Missverhältnis, dass sie als siebenunzwanzigjährige, bis jetzt noch den Zwanzigjährigen geliebt hatte: er war viel zu jung für sie geworden.

S. 1071: Und Agathe sass eine Weile allein in der fremden Wohnung und wartete auf Professor Lindner, denn dieser ging in einem andern Zimmer von einer Seite zur andern und sammelte seine Gedanken, ehe er dem schönen und gefährlichen Weib entgegentrat.

S. 1079. Lindner: Denn, der die Rute spart, der hasst sein Kind, der es aber liebt, züchtiget es!

S. 1123: Stallgefühl, das undurchschaubare Zusammenwirken der allgemeinen Zustände: Wir sind erfreut in unserem Leben zu Hause wie ein Pferd in seinem Stall!

S. 1153: Er [Moltke] hat gesagt, dass sich die edelsten Tugenden des Menschen, Mut, Entsagung, Pflichttreue, Opferwilligkeit, erst im Krieg entwickeln und dass die Welt ohne den Krieg in dumpfem Materialismus versumpfen müsse.

S. 1163: Die Schule der theoretischen Psychologie, die gegenwärtig am erfolgreichsten ist, behandelt das Gefühl und die Gefühlshandlung als eine unlösliche Gemeinschaft. Was wir handelnd fühlen, ist für sie die eine, und wie wir fühlend handeln, die andere Seite ein und desselben Vorgangs.

S. 769: Es war die "Giftlade" des Schreibtisches. Da fanden sich sorgsam aufgeschriebene, meist zotige Witze; Aktaufnahmen; unter Verschluss zu versendende Postkarten mit prallen Sennerinnen, denen man hinten die Hosen öffnen konnte; Kartenspiele, die ganz ordentlich aussahen, aber, gegen das Licht gehalten, fürchterliche Dinge zeigten; Männchen, die allerhand von sich gaben, wenn man sie auf den Bauch drückte; und dergleichen mehr. Sicher hatte der alte Herr gar nichts mehr von den Dingen gewusst, die da in der Lade lagen, denn sonst hätte er sie rechtzeitig vernichtet.

S. 854: Diese kleine luftdichte Kapsel, die sie beinahe eben so lange besass, wie sie mit Hagauer verheiratet war, und von der sie sich niemals trennte, enthielt eine winzige Menge einer missfarbigen Substanz, von der man ihr versprochen hatte, dass sie ein schweres Gift sei.

S. 869: Moral ist Zuordnung jedes Augenblickszustandes unseres Lebens zu einem Dauerzustand! So Agathes Reformulierung von Kants kathegorischem Imperativ

S. 871: <Moral das Problem eines Dauerzustandes, dem sich alle Einzelzustände unterordnen> und nichts sonst? "Das Wesen der Moral beruht geradezu auf nichts anderem, als dass die wichtigsten Gefühle immer die gleichen bleiben", dacht Ulrich.

S. 873: Die Strassen kreischten von Vergnügen und waren frühreif mit Wärme gefüllt wie von einem Sommertag.

S. 877: Er sah ihre Gestalt unter dem Kleid, wie einen grossen weissen Fisch vor sich, der nahe der Wasseroberfläche ist. Er wünschte sich, ihn männlich zu harpunieren und zappeln sehen zu können, und es lag darin ebensoviel Abneigung wie Verlangen.

Und während Ulrich weiter hinter der Frau herging und in Wahrheit fürchtete, dass sie vor einer Auslage stehen bleiben und ihn zwingen werde, entweder blöd weiterzustolpern oder sie anzusprechen, war irgendetwas immer noch unabgelenkt und hellwach in ihm. "Was mag eigentlich Agathe von mir wollen?" fragte er sich zum ersten Mal.

S. 882: Schon damals waren viele jener Bücher entstanden, die mit dem reinen Sinn eines Turnlehrers von den "Umwälzungen im Geschlechtsleben" sprechen (gute alte Zeiten für Turnlehrer offenbar, da sie noch als Vorbild, nicht als potentielle Kinderschänder galten.) und den Menschen dazu verhelfen wollen, verheiratet und dennoch vergnügt zu sein. In diesen Büchern heissen Mann und Frau nur noch "der männliche und der weibliche Keimträger" oder auch "die Geschlechtspartner", und die Langweile zwischen ihnen durch allerhand geistig-körperliche Abwechslung vertrieben werden sollte, taufte man "das sexuelle Problem".

S. 885: Sie nennt das die Theorie des <Fiasko>. Denn weil der männliche Keimträger so leicht dem Fiasko verfällt, fühlt er sich nur dort sexuell sicher, wo er keine wie immer geartete seelische Überlegenheit der Frau zu fürchten hat, und darum haben Männer fast nie den Mut, es mit einer menschlich gleichwertigen Frau aufzunmehmen. Zumindest versuchen sie gleich, sie niederzudrücken. [Diotimas Theorie über Männer]

S. 888: Diotima war imstande, vor ihren Zuhörern zu sagen: Das Geschlechtsleben ist kein zu erlernendes Handwerk, es soll uns immer die höchst Kunst bleiben, die zu erlernen uns im Leben gegeben ist.

S. 891: Ulrich verwies es ihr; ernster, als er wollte: <Ich habe mir vorgenommen, lange Zeit keine Frau anders zu lieben, als wäre sie meine Schwester> erklärte er und schwieg.

<Aber du bist ja pervers!>

S. 897: "Agathe ist jetzt da." Sie ist also gross und schlank?" dachte Ulrich und beobachtete sie heimlich. Aber das war sie gar nicht: sie war kleiner als er und in den Schultern von einer gesunden Breite. "Ist sie anmutig?" fragte er sich. Das liess sich nun auch nicht sagen: ihre stolze Nase zum Beispiel war, von der einen Seite gesehn, ein wenig aufgebogen; davon ging ein weit kräftigerer Reiz aus als Anmut. "Ob sie am Ende schön ist?" fragte sich Ulrich in einer etwas wunderlichen Weise. Denn diese Frage viel ihm nicht leicht, obwohl Agathe, wenn man alles Konventionelle beiseite liess, eine fremde Frau für ihn war. Ein inneres Verbot, eine Blutsverwandte nicht mit männlicher Liebe anzusehn, gibt es ja nicht, das ist nur Sitte oder auf Umwegen der Moral und Hygiene begründbar; auch hatte der Umstand, dass sie nicht gemeinsam erzogen worden waren, zwischen Ulrich und Agathe das sterilisierte Geschwisterempfinden, wie es in der europäischen Familie herrscht, am Entstehen verhindert: trotzdem genügte schon das Herkommen, ihre Empfindung füreinander, auch die arglose de nur gedachten Schönheit, anfangs einer äusseren Spitze zu berauben, deren Fehlen Ulrich in diesem Augenblick an seiner deutlichen Verblüffung spürte. Etwas schönfinden heisst ja wahrscheinlich vor allem, es finden: mag es eine Landschaft oder eine Geliebte sein, da liegt es, blickt dem geschmeichelten Finder entgegen und scheint einzig und allein nur auf ihn gewartet zu haben; und so; mit Entzücken darüber, dass sie nun ihm gehöre und von ihm entdeckt sein wollte, gefiel ihm seine Schwester wohl über alle Massen, aber er dachte doch: Wahrhaft schön finden kann man seine Schwester nicht, es kann höchstens schmeicheln, dass sie andern gefällt.

S. 901: Dass Agathe Frau war und schon manches hinter sich haben musste, schien ihm eine angenehme und bequeme Vorstellung zu sein; man musste sich nicht so in acht nehmen wie bei einem jungen Mädchen, wenn man mit ihr sprach, ja es kam ihm rührend natürlich vor, wieder einen Mann für sie zu suchen.

"Wahrscheinlich verändert sich in den Jahren der Geschlechtsreifung unsere Eigenliebe" sagte er ohne Uebegang. "Denn da wird eine Wiese von Zärtlichkeit, in der man bis dahin gespielt hat, abgemäht , um Futter für einen bestimmten Trieb zu gewinnen.

S. 905: So wie an den Mythos vom Menschen, der geteilt worden ist, können wir auch an Pygmalion, an den Hermaphroditen oder an Isis und Osiris denken: es bleibt doch immer in verschiedener Weise das gleiche. Dieses Verlangen nach einem Doppelgänger im andern Geschlecht ist uralt. Es will die Liebe eines Wesens, das uns völlig gleichen, aber doch ein anderes als wir sein soll.

S. 920: "Was du sagst?" Jetzt lachte der Meister unanständig. "Du musst verhindern, dass du etwas empfindest? Oder dass Walter auf seine Kosten kommt?"

Clarisse wurde rot. Aber damit wurde ihr auch klarer, was sie zu sagen habe. "Wenn man nachgibt, ertrinkt alles in Geschlechtslust" erwiderte sie ernst. "Ich erlaube der Lust der Männer nicht, sich von ihnen zu trennen und meine Lust zu werden. Darum ziehe ich sie schon an, seit ich ein kleines Mädchen war. Es ist etwas mit der Lust der Männer nicht in Ordnung."

S. 921: "Aber es ist doch so entsetzlich, dieses Leben, das aus dem Ozean der Lebenslüste nur das bisschen Geschlechtslust holt! Und jetzt will ich etwas." ... Man muss zu einem Zweck auf der Welt sein. Man muss zu etwas <gut> sein. Sonst bleibt alles schrecklich verworren" gab Clarisse zur Antwort.

S. 943: Und immer wieder, Tag für Tag, fasste Ulrich alles in den Gedanken zusammen: Im Grunde war es ein Protest gegen das Leben! Sie gingen Arm in Arm durch die Stadt. In der Grösse zu einander passend, in der Gesinnung zu einander passend. Sie konnten, Seite an Seite dahinschreitend, nicht viel voneinander sehn. Grosse, einander angenehme Gestalten, gingen sie nur aus Freude auf die Strasse und fühlten bei jedem Schritt den Hauch ihrer Berührung inmitten des sie umgebenden Fremden. Wir gehören zusammen! Diese Empfindung, die nichts weniger als ungewöhnlich ist, machte sie glücklich, und halb in ihr, halb gegen sie, sagte Ulrich: "Es ist komisch, dass wir so zufrieden damit sind, Bruder und Schwester zu sein. Für alle Welt ist das eine Allerweltsbeziehung, und wir legen etwas besonderes hinein!"

"Ich habe es mir immer gewünscht. Als ich ein Knabe war, habe ich mir vorgenommen, nur eine Frau zu heiraten, die ich schon als kleines Mädchen an Kindesstatt annehmen und aufziehen werde. Ich glaube allerdings, viele Männer haben solche Einfälle, sie sind geradezu banal. Aber ich habe mich einmal als Erwachsener richtig in ein solches Kind verliebt, wenn auch nur für zwei oder drei Stunden!" Und er fuhr fort, es ihr zu erzählen: "Es ist auf der Strassenbahn geschehen. Da stieg ein junges Mädchen zu mir ein, vielleicht zwölf Jahre alt, in Begleitung ihres sehr jungen Vaters oder älteren Bruders.

An der Passage sehen wir, wie weit Musil bereits damals ging. Heute würde er vermutlich von Polizei und Psychologen überprüft, sein Computer beschlagnahmt, würde ein Autor derartiges publizieren. Dabei sind die Grenzen, wo oder wen wir lieben dürfen, ja wirklich kulturell bestimmt, also anerlernt, und nicht einfach als natürliche da. In traditionellen Stammesvölkern wurden Mädchen mit der Menstruation zur Frauen - und konnten mit dem Alter geheiratet werden. Die 16 oder 18 Jahre "Kinder- und Jugendschutz" sind also in keinster Weise natürliche Grenzen, sondern kulturell gesetzte.

> Die Geschichte wird gerade äusserst aktuell, da die Entführung von Natascha Kampusch in Wien so ziemlich diesem Muster entsprechen dürfte. Allerdings, so zeigt sich bereits anhand der ersten Verlautbarungen von Natascha Kampusch, kann sich ein Mann offenbar sogar dann massiv irren, wenn er von einer Zehnjährigen Gefügigkeit verlangt und als "Gebieter" angesprochen werden möchte ...

Die Geschichte scheint übrigens ein recht präzises literarisches Vorbild zu haben in John Fowles: Der Sammler: Frederic Clegg Ein kleiner, spiessiger Büroangestellter der Schmetterlinge sammelt, greift sich eine (hier immerhin 20-jährige) Kunststudentin: Ich entführte sie in meinem Lieferwagen zu einem abgelegenen Haus, und hielt sie dort auf nette Weise gefangen. Nach und nach lernte sie mich besser kennen, und sie mochte mich, und da träumte ich von unserem gemeinsamen Leben in einem hübschen modernen Haus, verheiratet, mit Kindern und allem was dazu gehört .... Die Protagonistin lässt sich ähnlich verlauten wie Natascha Kampusch: Ich bin ihm so überlegen! Hier ist allerdings bloss die Idee illusorisch, eine Beziehung auf gewalttätiger in Besitznahme basieren zu können, während bei Musil (und vermutlich Priklopil) eher die Idee dominiert, einen "formbaren" kindlichen Geist nach eigenen Vorstellungen zu gestalten.

995: Graf Leinsdorf zum Engadin: Wenn man von Innsbruck absieht", eröffnete er ihr "was sind das für lächerliche kleine Nester im Inntal, und was für ein stattlicher Fluss ist dagegen der Inn bei uns! Uns ich selbst bin nie und nie darauf gekommen!" Er schüttelte den Kopf. "Ich habe nämlich heue zufällig eine Autokarte angesehn, "erkärte er sich endlich vollends "und da habe ich bemerkt, dass der Inn aus der Schweiz kommt. Das habe ich freilich wahrscheinlich schon gewusst; das wissen wir alle, aber wir denken nie daran. Bei Maloja entspringt er, ein lächerlicher Bach ist er, ich hab ihn ja selbst dort gesehn; so wie bei uns die Kamp oder die Morava. Aber was haben die Schweizer aus ihm gemacht? Das Engadin! Das weltberühmte Engadin! Das Engad-Inn, meine Liebe!!

S. 1008: : Ulrich meinte, die Wahrheit werde ungefähr in der Mitte liegen. "Das ist einmal ein gutes Wort!" bedankte ihn (Bankdirektor Leo) Fischel. "Die Wahrheit liegt nämlich immer in der Mitte, und das vergessen heute alle, wo man nur extrem ist! Ich sage Hans Sepp jedesmal: Ansichten kann jeder haben, aber bleibend sind auf die Dauer nur die, mit denen man etwas verdient, weil das beweist, dass sie anderen Leuten auch einleuchten!"

S. 1025: Und es hätte sie glücklich machen müssen, dass zum erstenmal die Schale um ihn ganz zerbrach und ihr "harter Bruder" wie ein zu Boden gefallenes Ei das Innere preisgab. Zu ihrer Ueberraschung war aber diesmal ihr Gefühl nicht ganz bereit, mit dem seinen zu gehn: Zwischen Morgen und Abend lag die wunderliche Begegnung mit Lindner, und obwohl dieser Mann bloss ihr Erstaunen und ihre Neugierde erregt hatte, genügte auch ein solches Körnchen schon, die unendliche Spiegelung der eremitischen Liebe nicht entstehen zu lassen.

 

Überlegungen zum Begriff "Genie" (untergebracht bei  <Definition Ingenieur>):

S. 47: In wundervoller Schärfe sah er, mit Ausnahme des Geldverdienens, das er nicht nötig hatte, alle von seiner Zeit begünstigten Fähigkeiten und Eigenschaften in sich, aber die Möglichkeit ihrer Anwendung war ihm abhandengekommen; und da es schliesslich, wenn schon Fussballspieler und Pferde Genie haben, nur noch der Gebrauch sein kann, den man von ihm macht, was einem für die Rettung der Eigenheit übrigbleibt, beschloss er, sich ein Jahr Urlaub von seinem Leben zu nehmen, um eine angemessene Anwendung seiner Fähigkeiten zu suchen. [s. Intuition und Kreativität]

S 1209: Ein Gespräch wie dieses über Genie, Durchschnitt und Wahrscheinlichkeit dünkte Agathe, weil es bloss den Verstand beschäftigte, ohne das Gemüt zu berühren, verlorene Zeit zu sein.

S. 1219: Der Mensch, recht eigentlich das sprechende Tier, ist das einzige, das auch zur Fortpflanzung der Gespräche bedarf. [s. Cartoons Sex]

S. 1256: "Mir fällt ein, dass ich die Frage Genie einmal mit unserem Freund Stumm erörtert habe", erzählte Ulrich. "Und er hat auf der Nützlichkeit bestanden, dass man einen militärischen und einen zivilen Begriff Genie unterscheide. Genietruppen: Ueber dem Genie steht beim Militär also der Generalstäbler

S. 1259: Kant: "Er hat am Wesen des Genies das Schöpferische und die Originalität, den "Originalgeist" hervorgehoben, womit er denn bis auf den heutigen Tag vom grössten Einfluss geblieben ist." erwiderte U. "Goethe lehnte sich später wohl an ihn an, als er sogar das Genialische mit den Worten "viele Gegenstände gegenwärtig haben und die entferntesten leicht aufeinander beziehen.

"Einen General hat noch niemand ein Genie genannt." "Ausgenommen Napoleon."

S. 1271: Bloss die Sicherheit der Gewohnheit ...menschliche Erkenntnis nur persönlich empfunden, zeitbedingt oder gar nur Dünkel einer Klasse oder Rasse, seit der Urgrossväterzeit zum Vorschein gekommen:

Und es wäre die des empirischen Menschen oder Empirikers, des sattsam zur offenen Frage gewordenen Erfahrungsmenschen, der aus hundert gemachten Erfahrungen tausend neue zu machen weiss, die doch immer nur im gleichen Erfahrungskreis verbleiben, und der damit das gewinnreich erscheinende riesenhafte Einerlei des technischen Zeitalters erzeugt hat. Der Empirismus als Philosophie könnte als die philosophische Kinderkrankheit dieser Art des Menschen gelten.

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"Der Mann ohne Eigenschaften" ist ein gutes Beispiel dafür, was literarische Beschreibung zu leisten vermag - aber auch für die Grenzen, an die sie bei der Systematisierung der Erkenntnis stösst. [s. Wissenschaftliche und philosophische Rhetorik] Es war, als offensichtlich gescheitertes Experiment des Konstruktivismus, damit sicher auch ein Anstoss zur Postmoderne. Was dann von dieser völlig abgelehnt wird, und auch den alten Meistern der Aphoristik und Essays, insbesondere Schopenhauer und Kierkegaard, nicht geglückt ist, ist das Zusammenfügen der kleinen Einzelbeschreibungen zu einem grossen Ganzen, einem System. Kein triviales Problem, denn daran nagt ganz Europa (sich zu integrieren), aber, was Geistiges betrifft vermutlich doch  lösbar, über:

Die Webphilosophie, die den Bestandteilen/Perspektiven fast völlige Freiheit lässt, diese einfach nach thematischer Nähe ordnet und je nach dem als stützendes Argument oder als zu berücksichtigenden Widerspruch klassiert. Ersetzt man dabei "Bestandteile, Fragmente, Perspektiven, Geschichten" durch <Fraktale>, kämen wir vermutlich zum Gral, zu einer nicht-deterministischen Ordnung, also einer Ordnung, die grösstmögliche Freiheit belässt ... oder, wie das letzte Zitat zeigt, bei Missbrauch in unendliche Monotonie führt.

In dieser fragmentierten Welt, die sich aus den Bestandteilen immer neu zusammen setzen muss, in der Sinn immer neu zu suchen und zu definieren ist, hat das "zerfledderte" Buch des Internets zunehmende Bedeutung. Gerade Musils Schicksal zeigt, dass uns der "grosse Wurf" kaum mehr gelingt (ausser man sei Autor und setze mit List und Tücke und viel PR auf grosse Umsatzzahlen, die dann den "grossen Wurf" bestätigen sollen (s. Musterexemplar Sloterdijk). Vermutlich sollten wir weniger auf "fest gebundenes = sicheres Wissen" setzen, aber die Welt der Ideen besser durchforsten, gute Ideen fördern, schlechte kompostieren, zusammengehöriges verbinden, Widersprüchliches als solches deklarieren und wahrnehmen.

M. Herzog, Dipl. Ing. ETH, Basel 3.6.06

Ergänzung vom 25.8.09: Man kann Musil allerdings noch eine weitaus breitere Bedeutung geben. Auch wenn die erotischen Szenen natürlich die interessantesten sind, so ist er doch Ingenieur, beschäftigt sich auch sonst mit mancherlei, und stört sich eigentlich daran, dass all das nur dem Erwerb dient. (Muss man sich leisten können, sich daran zu stören ...). Musil, alias Ulrich, findet keinen zusammenfassenden, überragenden Sinn des Lebens mehr, sondern sein Leben zerfällt in Myriaden von kleinen Events, Begegnungen, Liebschaften, beobachteten Katastrophen etc. Er wird zum Beobachter, zum Es, zum Neutrum - also dem Ideal der Wissenschaft, dem Zerrbild oder der zynischen Umwertung des vielfältigen Menschen. Er verliert sein Zentrum, weil er nicht einer Leidenschaft folgen kann, sondern überall anschlussfähig bleiben muss. (Drum ist das Buch auch so lang .. ) Alle "parellelen Aktionen" seines Lebens bleiben aber irgendwie hohl, ja sie sind sogar gar existentiell verengend. Einfacher ausgedrückt:

Wo zu vieles möglich ist, verwirklicht sich nichts mehr - ausser dem Geschehen im eigenen Bann, der Banalität. Hier ist nicht das Böse primär, das banal ist, sondern die Banalität, das Verhaftet-Sein dem eignen Gartenzaun, die Boshaftigkeit und/oder "Verirrungen" produziert.

Meine Vermutung vor 3 Jahren war ja: Musil wollte, ganz Ingenieur, die Psyche des Menschen systematisch erfassen, setzte mit individuellen Charakterstudien an - musste aber in Anbetracht deren Unberechenbarkeit derselben wie des Lebens - aufgeben. Die bestätigt sich hier eigentlich. Ein anderes Problem wird hier noch amüsant: Dass Männer Schwierigkeiten haben, Frauen zu verstehen, wird auch quer durch den Mann ohne Eigenschaften deutlich. Nun haben wir aber eine Erklärung dafür: Frauen dachten schon immer plurizentrisch, sie konzentrieren sich nicht auf eines, das alles sein sollen (wie etwa die Arbeit). Sie haben sich mit Mann, Kind, Haus, Familie, Eltern, Nachbarn etc. rumzuschlagen, sind also an-passungsmässig viel stärker gefordert als der Mann, der sich "nur" bei der Arbeit anpassen und fremden Anordnungen unterwerfen musste (einigen ist das allerdings bereits zuviel ...). Dummerweise führt nun die Tatsache, dass alles plurizentrisch wird, nicht dazu, dass Männer die Frauen besser verstehen. Heute versteht einfach niemand mehr wirklich was. Darum wird immer lieber behauptet, dominieren Aussagen als (häufig unbegründete) Statements, statt begründeter Argumentationen. 40% der Auesserungen in der Presse sind von diesem Typ, weitere 54% begnügen sich mit einem einzigen Grund. s. Argumentation Unter diesen Bedingungen ist es um so wichtiger, sich klar darüber zu werden, was beliebig ist, wo man also frei (will-) wählen (kür) kann, wo man allenfalls überzeugen muss (Gesellschaft) und wo man sich wirklich an die bestehende Ordnung halten muss (Naturgesetze, manchmal auch die vom Menschen gemachten, sonst kanns teuer werden).