____________________________________

Organisationspsychologie, -Soziologie, -Philosophie:

Die neotribale Herrschaft der Organisationen statt freier oder gar humanistischer (Markt-)Wirtschaft

[Lutz von Rosenstil: Grundlagen der Organisationspsychologie. Basiswissen und Anwendungshinweise. Sammlung Poeschel 95. Schäfer-Poeschel Stuttgart 2003
Georg Simmel: Zur Philosophie der Herrschaft. Bruchstücke aus einer Soziologie. ex: Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft im Deutschen Reich (Des »Jahrbuch für Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtspflege des Deutschen Reiches« Neue Folge), hrsg. von Gustav Schmoller, 31.Jg., 2. Heft (April-Juni 1907), S. 1-33 (Leipzig).]

Sie werden anhand des Textes rasch merken, dass es relativ schwierig ist, Organisationspsychologie von Organisationssoziologie oder Organisationsphilosophie zu unterscheiden. Das liegt vor allem daran, dass die Ziele der Organisation, das heisst vor allem die wirtschaftlichen Ziele, sich über die normalerweise von diesen Disziplinen bearbeiteten Strukturen stellen, diese also gewissermassen verbiegen:

1.1  Die Organisation ist ein zweckrational konzipiertes Gebilde, das mit den konstituierenden Individuen in Spannungsverhältnissen steht

Definition Organisation:

Die Verbindung von Einzelwesen zur Zusammenarbeit in einem einheitlichen Ganzen, so dass jene zu wechselseitig verbundenen arbeitsteiligen "Werkzeugen" (Organen) des Ganzen, jedoch unter Wahrnehmung ihrer Persönlichkeit, werden. Organisation steht somit als Sacheinsatz von Menschen zwischen Sachtechnik und echter Menschenführung, zu deren wichtigsten Hilfsmitteln sie gehört.

Philosophisches Wörterbuch [Kröner 1978]

Etymologie <Organisation>: Aus dem Französischen: Funktionsgemässer Aufbau; planmässige Gestaltung, Regelung. [Nebenbermerkung: Auch die freie Marktwirtschaft basiert damit primär auf Planung und Ordnung, nicht auf der Freiheit der Individuen.]

Gesellschaftliche Organisation: Verband zur Vertretung gemeinsamer Interessen und zur Erreichung gemeinsamer (meist sozialpolitischer) Ziele. (Wobei sofort klar wird, warum die Wirtschaft, speziell in der Form des Neoliberalismus, einen derartigen Rochus auf "Verbände" hat (s. Verbandseinspracherecht) ... der natürlich nicht für Wirtschaftsverbände gilt.)

Wirtschaftliche Organisation: Gesamtheit der Vorgänge des ordnenden Gestaltens sowie das Ergebnis dieser Vorgänge selbst, also die Institutionen, die Regeln, die gestaltende Tätigkeit (Funktionen), Ablaufstrukturen, Entscheidungsstrukturen, Leitungsstrukturen, Kommunikationsstrukturen, Normen, Organisationskultur. Grundlage bildet vor allem Organisationspsychologie und Soziologie, welche das Gruppenverhalten untersuchen, speziell den Einfluss der Führung auf Motivation, Leistung und Zufriedenheit der Mitarbeiter.

[Meyers Grosses Taschenlexikon 2003]

Beide Definitionen machen klar, dass in Organisationen immer die Gefahr besteht, den Menschen zum Werkzeug zu machen statt zum Ziel, was insbesondere für wirtschaftliche Organisationen, also Betriebe gilt:

Priorität aus der Perspektive des Individuums Priorität aus der Perspektive der Gruppe Priorität aus der Perspektive der Organisation Priorität aus der Perspektive des Marktes
  1. Das Individuum

  2. Die Gruppe

  3. Die Organisation

  4. Die Aufgabe, der Auftrag

  1. Die Gruppe

  2. Das Individuum

  3. Die Organisation

  4. Die Aufgabe, der Auftrag

  1. Die Organisation

  2. Die Aufgabe, der Auftrag

  3. Die Gruppe

  4. Das Individuum

  1. Die Aufgabe, der Auftrag

  2. Die Organisation

  3. Die Gruppe

  4. Das Individuum - Der Konsument

Erwachsen werden bringt (sollte bringen):

  1. grössere Unabhängigkeit

  2. mehr Aktivitäten

  3. einen ausgeprägten Grad der Kontrolle über die eigene Situation

  4. längerfristige Zeitperspektive

 

Positive Verhaltensweisen in Organisationen:

  • den Kollegen helfen

  • die Organisation schützen

  • Verbesserungsvorschläge machen

  • sich selbst entwickeln

  • das Ansehen der Organisation verbessern

 

 

Sie sehen bereits an Punkt 1, grössere Unabhängigkeit, dass diese bereits mit dem Eintritt in die Lehre, genau so mit dem Nichteintritt, also dem Eintritt in die Abhängigkeit von Sozialämtern, recht illusorisch ist. Die zunehmenden Aktivitäten werden zumeist vom Betrieb, oder vom Versuch in den Arbeitsmarkt einzutreten, also Bewerbungen, absorbiert. Die Kontrolle über die eigene Situation hat "der Markt", also der Betrieb in dem jemand arbeitet - oder arbeiten möchte. Und die Längerfristigkeit ist längst auf Projektdauer/Praktikumsdauer reduziert (s. generation p).

Oder, wie Rosenstiel es ausdrückt: Genau mit diesen Vorstellungen (von höherer Reife) aber geraten die Personen in einen Konflikt mit den Anforderungen formaler Organisationen, denn diese erwarten von ihren Mitgliedern ein hohes Mass an ökononomisch orientierter Verhaltensrationalität, wie sie z.B. durch das Prinzip der Arbeitsspezialisierung und der hierarchischen Befehlskette deutlich wird. [S. 40]

Menschen in unserer westlichen Gesellschaft verbringen einen grossen Teil ihrer wachen Teil mit Arbeit. Arbeit ist die zentrale Thematik unseres Lebens - womit "unseres" eben präzise die Araber und Afrikaner und vermutlich eine ganze Menge an mir unbekannten Völkern ausschliesst. [s. Hintergründe der geistigen Verwirrung um die Arbeit].

Arbeit bildet oder verbildet den Menschen in extremem Masse:

  1. Erwerbsarbeit ist zum einen das Mittel, durch das die meisten Menschen ihren Lebensunterhalt verdienen:

  2. zum andern zwingt sie bestimmte Kategorien der Erfahrung auf.

  3. Sie gibt dem Tag eine Zeitstruktur,

  4. sie erweitert die sozialen Beziehungen über die Familie und Nachbarschaft hinaus und

  5. bindet die Menschen in die Ziele und Leistungen der Gesellschaft ein, ... ,

  6. sie weist einen sozialen Status zu und

  7. klärt die persönliche Identität. [S. 53]

Heilige Dreifaltigkeit ... was so ein belämmerter Job (bei den meisten) nicht alles bewirken soll. Auf dieser Vielfalt der Wirkungen beruhen die meisten Beschäftigungsprogramme, die sich zudem allerdings recht häufig auf eine geregelte Tagesstruktur beschränken: Am Morgen gelangweilt antreten - am Abend gelangweilt abtreten, nichts verdient, nichts gelernt, nur andere Gelangweilte getroffen, keine karrierewirksamen Kontakte geknüpft, immer noch den selben besch... sozialen Status und die selbe "Identität" als Versager.

1.2 Es gibt keine Überordnung ohne Unterordnung. Beide bedingen sich gegenseitig

Simmel kommt in etwa zum selben Schluss, obwohl er mit einer andern Annahme anfängt, der des Herrschaftsmenschen, der Herrschaftsschicht, des Herrschaftsgeschlechts dessen Selbstbewusstsein auch ohne Beherrschte auskommt:

Ich ging davon aus, dass eine Gruppe als Ganzes den Charakter der Unterordnung tragen kann, ohne dass das eigentlich entsprechende Maß von Überordnung in ihr praktisch und fassbar bestände; das Gegenstück bilden die hier behandelten Fälle, in denen eine Überordnung wie eine absolute Qualität zu bestehen scheint, die auf keinem korrespondierenden Unterordnungsquantum beruht.

Darum ist für ihn der eigentliche p o l i t i k o V nicht notwendig der Ausüber der höchsten Staatsgewalt, sondern derjenige, der die »Befehlswissenschaft« besitzt - gleichviel ob er etwas zu befehlen hat oder nicht.

Sie existieren sozusagen nur für einander, die andern gehen sie nicht einmal soviel an, um in der Kollektivbezeichnung ihre Überlegenheit über diese zum Ausdruck zu bringen - um derentwillen es doch überhaupt nur einer derartigen Bezeichnung bedarf.1)

Der »geborene König« bedarf sozusagen keines Landes, er ist König, er braucht es nicht zu werden.

1.2.1 Hoheitsprinzip und Netzwerk

Die Loslösung "des Herrschaftlichen" von den Beherrschten zeigt sich am besten anhand der europäischen Fürstenhäuser. Mancher Fürst und manche Fürstin wurden nicht auf Grund ihrer persönlichen Begabungen oder Leistungen gewählt, sondern eben weil sie herrschaftlichen Häusern angehörten, Zugang zu einem Netzwerk der Macht boten. Am besten lässt sich dies wohl studieren anhand der frühen Geschichte Ungarns, eines eingewanderten nordwestasiatischen Stammes, der sich Fürsten aus dem Hause Anjou holte, um in Europa dazu zu gehören. Das selbe lässt sich auch in Rumänien beobachten, das sich nach der Vereinigung der Fürstentümer Moldau und Walachei Karl von Hohenzollern-Sigmaringen ... einen Schwabe, als Carol I zum König erwählten.

Vermutlich liegt das an der Herkunft des Bürgers, denn man darf ja nicht vergessen, dass der Bürger, also Burger, zuerst ein Burgbewohner war, dem Burgherrn loyal verpflichtet. Wer nicht Burger war, war entweder Gesinde oder Knecht, allenfalls Bauer - oder eben herrenloses Gesindel, das sich damals genau so einem Herrn zu unterwerfen hatte, wie heute die ausgesteuerten, Arbeitslosen, von Sozialhilfe Abhängigen, einem wohltätig-gnädigen Betriebs-Herren (s. workfare):

In der Zeit, als in Deutschland die frühste Verfassung völliger personalen und Besitzgleichheit in der Gemeinde aufgehört hatte, fehlen dem landlosen Manne die aktiven Freiheitsrechte - wenn er nicht ohne jede Verbindung mit dem Gemeinwesen bleiben wollte, musste er sich einem Herrn anschließen, um so mittelbar als Schutzgenosse an den öffentlichen Verbänden teilzunehmen. Daran, dass er dies tat, hatte die Gesamtheit ein Interesse, denn sie konnte keinen unverbundnen Mann in ihrem Gebiete dulden, und deshalb machte das angelsächsische Gesetz dem Landlosen ausdrücklich zur Pflicht, sich zu »verherren«. Ebenso fordert im mittelalterlichen England das Interesse der Gemeinde, dass der Fremde sich einem Schutzherrn unterstelle. Man gehörte zur Gruppe, wenn einem ein Stück ihres Geländes gehörte: wer dessen ermangelte und doch zu ihr gehören wollte, der musste selbst jemandem gehören, der auf jene primäre Weise zu ihr gehörte.

In beiden Fällen scheidet sich der flächendeckende Pöbel (populus: das Volk), dem die alte Politik gerecht wurde, von dem als Netzwerk der Herrschaft organisierten Adel, heute der Elite die sich durch ihre Leistung in der Geldvermehrung hervorgetan hat.

1.2.2. Befreiung aus Unterordnung, Norm und Gesetz will meist nicht Freiheit, sondern Macht. Was gerade die neoliberale Wirtschaft am besten Beweist

Bereits Simmel macht vor ziemlich genau 100 Jahren darauf aufmerksam, dass Freiheit meist nicht als solche gewünscht wird, sondern bloss als Freiheit zur Errichtung einer neuen Herrschaft, nämlich der eigenen, mit den eigenen Gesetzen, den Gesetzen der eigenen Teilgruppe - oder eben Organisation. Neu gewonnene Freiheit wird sofort umgemünzt in neue Gesetze, gemäss der Werte, Normen, Jurisdiktion der eigenen Teilgruppe (s. Clique, Cluster, Clan, Club):

Sieht man nun näher zu, so zeigt die Befreiung von Unterordnung sich fast immer zugleich als der Gewinn irgend einer Herrschaft - sei es den bisher Übergeordneten gegenüber, sei es einer neugebildeten, jetzt zu definitiver Unterordnung bestimmten Schicht.

So bemerkt der größte englische Verfassungshistoriker über den Quarrel of Puritanism einmal: Like every other struggle for liberty it ended in being a struggle for supremacy.

Der Erfolg der französischen Revolution für den dritten Stand - scheinbar seine bloße Befreiung von den Privilegien der Privilegierten - bedeutete den Gewinn einer Überordnung in den beiden oben angeführten Bedeutungen: er machte durch seine ökonomischen Machtmittel die bisher höheren Stände von sich abhängig, dann aber war dies und seine ganze Emanzipation nur dadurch inhalt- und folgenreich, dass ein vierter Stand da war bzw. sich in dem gleichen Prozess bildete, den der dritte ausbeuten, über den er sich erheben konnte.

Der generelle Inhalt dieser Freiheit des Ganzen ist die Unterworfenheit des einzelnen - womit dann das oben Angedeutete schon gegeben ist, dass sie in keiner Weise eine materiell größere Freiheit des Individuums zu bedeuten braucht.

Die Lehre der Volkssouveränität, gegenüber der fürstlichen, wie sie im Mittelalter auftaucht, besagte durchaus nicht die Freiheit des Individuums, sondern die der Kirche, anstelle des Staates über das Individuum zu herrschen; und als im 16. Jahrhundert die Monarchomachen den Gedanken des souveränen Volkes aufnehmen und die Herrschaft auf eine Art privatrechtlichen Vertrags zwischen Fürsten und Volk gründen, soll auch nicht das Individuum frei werden, sondern es soll grade der Herrschaft seiner Konfession und der gesellschaftlichen Stände unterworfen sein.

Die große Selbständigkeit der deutschen Städte hat freilich bis ins 16. Jahrhundert hinein ihre Entwicklung äußerst gefördert, dann aber eine oligarchische Klassen- und Vetternherrschaft erzeugt, die alle nicht am Regiment Teilhabenden aufs härteste bedrückte; erst die aufkommenden Staatsgewalten haben, in nahezu zweihundertjährigem Kampfe, dieser tyrannischen Ausnutzung der städtischen Freiheit Einhalt tun und die Freiheit des Individuums ihr gegenüber wieder garantieren können.

Die Selbstverwaltung, deren Segen im Prinzip erwiesen ist, birgt eben doch die Gefahr lokaler Parlamente, in denen egoistische Klasseninteressen dominieren.

 

1.2.3 Simmels Lob des Zwangs, begründet durch den Führungsbedarf der Gruppe (ohne Kommentar ...)

Vorherrschaft niederer Instinkte:

Die Gruppe als solche ist niedrig und führungsbedürftig, die Eigenschaften, die sie als die schlechthin gemeinsamen entfaltet, sind nur die sicher vererbten, also die primitivern und undifferenzierten, oder die leicht suggerierbaren, also die »untergeordneten«. Sobald also überhaupt eine Gruppenbildung größeren Maßes stattfindet, ist es zweckmäßig, dass die ganze Masse sich in der Form der Unterordnung unter wenige organisiere. Das verhindert aber ersichtlich nicht, dass jeder einzelne aus dieser Masse höhere und feinere Eigenschaften besitze.

Aus diesem Verhältnis folgt, dass einerseits die Gruppe als ganze des Führers bedarf, und es also viele Untergeordnete und nur wenige Übergeordnete geben kann, anderseits aber jeder einzelne aus der Gruppe höher qualifiziert ist denn als Gruppenelement und also als Untergeordneter.

Erzieherische Wirkung von Zwang ("antiautoritär" gab's vor 100 Jahren eben noch nicht mal als Fremdwort):

Das Bewusstsein, überhaupt unter einem Zwänge zu stehen, einer übergeordneten Instanz unterworfen zu sein - mag diese ein ideelles oder ein soziales Gesetz sein, eine willkürlich schaltende Persönlichkeit oder ein Verwalter höherer Normen -, dieses Bewusstsein ist gelegentlich revoltierend oder erdrückend, wahrscheinlich aber für die Mehrzahl der Menschen ein unersetzlicher Halt und Zusammenhalt des innern und äußern Lebens.

Niemand kann leugnen, dass der Zwang des Rechts und der Sitte unzählige Ehen zusammenhält, die sittlicherweise auseinander gehen müssten: die Personen ordnen sich hier einem Gesetz unter, das für ihren Fall eben nicht passt. In andern aber ist der gleiche Zwang, so hart er momentan und subjektiv empfunden werde, ein unersetzlicher Wert, weil er diejenigen zusammenhält, die sittlicherweise zusammenbleiben sollen, aber in irgend einer augenblicklichen Verstimmung, Gereiztheit oder Gefühlsschwankung auseinandergehen würden, wenn sie nur könnten und damit ihr Leben irreparabel verarmen oder zerstören würden. Das Ehegesetz mag inhaltlich gut oder schlecht, für den jeweiligen Fall passend oder nicht sein: der bloße Zwang des Zusammenbleibens, der von ihm ausgeht, entwickelt individuelle Werte eudämonistischer und ethischer Art - von denen der sozialen Zweckmäßigkeit noch ganz abgesehen -, die für den hier vorausgesetzten, vielleicht einseitig pessimistischen Standpunkt, bei Fortfall jedes Zwanges überhaupt nicht zu realisieren wären. Schon das Bewusstsein eines jeden, dass er an den andern zwangsmäßig gebunden ist, mag in manchen Fällen dem Zusammensein seine äußerste Unerträglichkeit geben; in andern aber wird es eine Nachgiebigkeit, Selbstbeherrschung, Durchbildung der Seele mit sich bringen, zu der bei jederzeit möglichem Auseinandergehen sich niemand bewogen fühlen würde, sondern die nur der Wunsch hervorlockt, die nun doch einmal unvermeidliche Gemeinsamkeit der Existenz wenigstens so erträglich wie möglich zu gestalten.

last not least - Der jeder Gruppe inhärente Zwang:

Damit also bedeutet die Freiheit, dass die Gruppe als Ganzes, als überindividuelle Einheit, zum Herrn über ihre einzelnen Mitglieder gesetzt ist.

Die Gleichheit aber, die so als die erste Folge oder Akzidenz der Freiheit auftritt, ist in Wirklichkeit nur der Durchgangspunkt, den die Pleonexie der Menschen passieren muss, sobald sie die unterdrückten Massen ergreift. (Plenoexie, der die meisten Philosophen sehr kritisch gegenüberstanden ist heute zur Grundlage der gesamten Wirtschaft, damit des Staates, der Bildung und Kultur geworden. Pleonexie bezeichnet das dauernde mehr haben wollen, die Unersättlichkeit der Bedürfnisse, Wünsche, Begehrlichkeiten.)

Die engere Gruppe pflegt dann mit äußerster Strenge darauf zu halten, dass ihr Mitglied sich auch ihrem Gericht unterwirft, weil sie ihre Freiheit darauf beruhen weiß.

 

1.2.4 Salbung der Auserwählten = Erleuchtung und Befähigung - am Beispiel der Priesterweihe

Dies ist das tiefe Recht des Sprichworts: wem Gott gibt ein Amt, dem gibt er auch den Verstand.

Denn der zur Ausfüllung höherer Stellungen erforderte »Verstand« ist eben bei vielen Menschen vorhanden, aber er bewährt, entwickelt, offenbart sich erst, wenn sie die Stellung einnehmen.

Diese Inkommensurabilität zwischen dem Quantum der Befähigungen zur Überordnung und dem ihrer möglichen Betätigungen erklärt sich vielleicht aus dem Unterschiede zwischen dem Charakter des Menschen als Gruppenwesen und als Individuum.

Statt der Langsamkeit, mit der dies der Vererbung und der Standesmässigen Erziehung gelingen kann, werden auch sozusagen akute Verfahren angewendet, die die Persönlichkeiten, gleichgültig gegen deren bisherige Qualität, durch autoritative oder mystische Satzung zu der Fähigkeit des Führens und Herrschens emporheben.

Für den Bevormundungsstaat des 17. und 18. Jahrhunderts war der Untertan zu keinerlei Mitwirkung an den öffentlichen Angelegenheiten fähig; in politischer Hinsicht blieb er dauernd führungsbedürftig.

In dem Augenblick aber, in dem er in ein Staatsamt eintrat, erhielt er mit einem Schlage die höhern Einsichten und den Gemeinsinn, die ihn zur Lenkung der Allgemeinheit befähigten - als ob durch die Beamtung aus dem Unmündigen wie durch generatio aequivoca nicht nur der Mündige, sondern der Führer, mit allen erforderlichen Eigenschaften des Intellekts und Charakters, entsprungen wäre.

Die Spannung zwischen der apriorischen Unqualifiziertheit eines jeden zu einer bestimmten Superiorität und der absoluten Qualifikation, die er a posteriori durch die Einwirkung einer höhern Instanz erwirbt, erreicht ihr Maximum innerhalb des katholischen Priesterstandes.

Hier spielt keine Familientradition, keine von Kindheit an wirkende Erziehung mit, ja die persönliche Qualität des Kandidaten ist prinzipiell unwichtig gegenüber dem in mystischer Objektivität bestehenden Geiste, mit dem die Priesterweihe ihn begabt.

Die superiore Leistung wird ihm nicht übertragen, weil grade nur er von Natur zu ihr bestimmt ist (obgleich dies natürlich mitwirken kann und eine gewisse Unterschiedlichkeit der Zugelassnen begründet), auch nicht auf die Chance hin, ob er nun von vornherein ein Berufner oder Nichtberufner ist - sondern die Weihe schafft, weil sie den Geist überträgt, die besondre Qualifikation für die Leistung, zu der sie beruft.

Dass Gott dem, dem er ein Amt gibt, auch den Verstand dazu gibt - dies Prinzip ist nach seinen beiden Seiten: der vorherigen Ungeeignetheit und der nachherigen, durch das »Amt« geschaffnen Geeignetheit hier aufs radikalste realisiert.

 

1.2.5 Heute ist Geld der oberste und erste Regelmechanismus - denn dieses bestimmt die Zielsetzung fast aller Organisationen

Nicht Herkunft und Geburt, nicht Leistung, sondern Geld (in all seinen Formen, also besser als Kapital bezeichnet) der Schlüssel des Zugangs zur Macht

Geld wird Gott, indem es als absolutes Mittel zu einem absoluten Zweck werde, veranschaulicht Simmel durch ein prägnantes Beispiel: Die Banken sind inzwischen größer und mächtiger als die Kirchen. Sie sind zum Mittelpunkt der Städte geworden. Alles sinnlich Wahrnehmbare hat mit Geld zu tun. Der Mensch habe jedoch die Freiheit, nach Dimensionen zu streben, die mehr als Geld sind. Dies kann durch die Bildung solidarischer Gemeinschaften, die sich mit dem Geistesleben auseinandersetzen, geschehen. Durch Handeln kann die Macht des Geldes, beispielsweise in der Kultur, eingeschränkt werden. So arbeitet ein Künstler nicht allein des Geldes wegen, sondern um sich in seiner Arbeit geistig selbst zu verwirklichen.

Simmel - in Wikipedia

Der ärgste Fluch des Menschen ist das Geld.

Sophokles

Hierbei ist keineswegs nur an die Hierarchie staatlicher Stellungen zu denken.

Die Geldwirtschaft schafft auf den von ihr beherrschten Gebieten eine ganz ähnliche Formung der Gesellschaft. > was sich durch die Globalisierung im irdisch höchstmöglichen Massstab heute vollzieht.

Der Besitz oder der Mangel einer bestimmten Geldsumme bedeutet eine bestimmte soziale Stellung, fast ganz unabhängig von den personalen Qualitäten dessen, der sie ausfüllt. [s. soziale Klassen]

Das Geld hat die vorhin betonte Scheidung zwischen dem Menschen als Persönlichkeit und als Träger einer bestimmten Einzelleistung oder -bedeutung auf den Gipfel gehoben; sein Besitz gewährt jedem, der ihn erobern oder irgendwie erwerben kann, eine Macht und eine Stellung, die mit dem Innehaben dieses Besitzes, nicht aber mit der Persönlichkeit und ihren Eigenschaften auftritt und verschwindet. [s. die goldene Horde]

 

1.2.6 Das perfekte Kontroll-System: Produktivismus - die (markt-)wirtschaftliche Organisation - mit der "rechten" Gesinnung, der Produktionsgesinnung

Simmel hat hier gewisse Entwicklungen erst voraus geahnt, was seine Beschreibungen um so wertvoller macht für das Verständnis der Situation in der wir uns heute finden:

Je fester und technisch ausgearbeiteter die Organisation der Gruppe ist, desto objektiver und formaler bieten sich die Schemata der Über- und Unterordnung dar, zu denen dann erst nachträglich die geeigneten Personen gesucht werden, oder die durch die bloßen Zufälle der Geburt und sonstiger Chancen ihre Ausfüllungen finden. (Diese zutreffende Beschreibung wird durch das <Leistungsprinzip> eigentlich bloss propagandistisch verklärt.)

Man hat mit Recht hervorgehoben, dass das System der Großindustrie dem ausnehmend begabten Manne mehr Gelegenheit gebe, sich auszuzeichnen, als er vordem besaß. Das Zahlenverhältnis von Werkführern und Aufsehern zu Arbeitern sei zwar heutzutage kleiner, als das Zahlenverhältnis von Kleinmeistern zu Lohnarbeitern vor zweihundert Jahren. Aber das besondre Talent könne viel sichrer zu höherer Stellung aufsteigen. Worauf es an dieser Stelle ankommt, ist nur die eigentümliche Chance des Auseinanderfallens der personalen Qualität und ihrer Stellung nach Herrschen oder Beherrscht werden, die durch die Objektivierung der Stellungen, durch ihre Differenzierung von dem rein Personalen der Individualität gegeben ist.

Es ließe sich denken, dass im Laufe der Kultur die Produktionstätigkeit immer mehr bloße Technik wird, immer vollständiger ihre Folgen für die Innerlichkeit und Persönlichkeit des Menschen verliert.

Wenn Persönlichkeit und Leistung ursprünglich eng verschmolzen sind, so bewirkt dann die Arbeitsteilung und die Herstellung der Produkte für den Markt, d. h. für gänzlich unbekannte und gleichgültige Konsumenten, dass die Persönlichkeit sich immer mehr aus der Leistung heraus und auf sich selbst zurückzieht.

Innerhalb der Wirtschaft ist es insbesondere der Übergang der Lohnarbeit zur Maschinenarbeit und der Naturalentlohnung zum Geldlohn, der dies Objektivwerden der Über- und Unterordnung begünstigt, gegenüber dem Gesellenverhältnis, in dem sich die Aufsicht und Herrschaft des Meisters auf alle Lebensbeziehungen des Gesellen, ganz über die rein im Arbeitsverhältnis gelegene Prärogative hinaus, erstreckte.

Nun mag der geforderte Gehorsam noch so unbedingt sein - er dringt mindestens nicht mehr in die für das Lebensgefühl und den Persönlichkeitswert entscheidende Schicht, weil er nur eine technische Notwendigkeit ist, eine Organisationsform, die ebenso auf dem abgegrenzten Gebiet der Äußerlichkeiten verbleibt, wie die manuelle Arbeit selbst.

Unterordnung wird im Produktivismus zur technischen "Einordnung", also psychologisch entschärft, verwissenschaftlicht - bleibt aber Unterordnung. Ein weiteres Problem an dieser "Versachlichung" der Ueber- und Unterordnung ist die Versachlichung der Ziele und Orientierungen, die so, statt frei gewählt, immer mehr zu Sachzwängen wurden, angetrieben vor allem vom Wachstumszwang.

 

1.2.7 Pyramiden der Macht, wie Pareto, erlauben nie Gerechtigkeit - die Pyramide der Exklusivität der Elite stabilisiert Ungleichheit

Niemand begnügt sich, typischer Weise, mit der Stellung, die er seinen Mitgeschöpfen gegenüber einnimmt, sondern jeder will eine in irgend einem Sinne günstigere erobern.

Wenn nun die zu kurz gekommene Majorität den Wunsch nach erhöhter Lebenshaltung empfindet, so wird der nächstliegende Ausdruck dafür sein, dass sie dasselbe haben und sein will, wie die obern Zehntausend.

Die Gleichheit mit den Höhern ist der erste sich darbietende Inhalt, mit dem sich der Trieb eigner Erhöhung erfüllt, wie es sich in jedem beliebigen engern Kreise zeigt, mag es eine Schulklasse, ein Kaufmannsstand, eine Beamtenhierarchie sein.

Das gehört zu den Gründen der Tatsache, dass der Groll des Proletariers sich meistens nicht gegen die höchsten Stände, sondern gegen den Bourgeois wendet; denn diesen sieht er unmittelbar über sich, er bezeichnet für ihn diejenige Stufe der Glücksleiter, die er zunächst zu ersteigen hat, und auf die sich deshalb für den Augenblick sein Bewusstsein und sein Wunsch nach Erhöhung konzentriert.

Der Niedre will zunächst dem Höhern gleich sein; ist er ihm aber gleich, so zeigt tausendfache Erfahrung, dass dieser Zustand, früher der Inbegriff seines Strebens, nichts weiter als der Ausgangspunkt eines weiteren ist, nur die erste Station des ins Unendliche gehenden Weges zur begünstigtsten Stellung. [s. Machttreppe]

Überall, wo man die Gleichmachung zu verwirklichen suchte, hat sich von diesem neuen Boden aus das Streben des einzelnen, die andern zu überflügeln, in jeder möglichen Weise geltend gemacht.

Hier also die psychosozialen Grundlagen nach denen auch heute noch soziale Klassen entstehen.

 

1.2.8 Jede Machtstruktur hat wenig Herrscher und viele Beherrschte, jede, auch der Sozialismus

So werden von dem Fürsten in primitiven Zeiten Vollkommenheiten gefordert oder vorausgesetzt, die in ihrem Grade oder in ihrer Vereinigung ungewöhnlich sind.

Der griechische König der heroischen Zeit muss nicht nur tapfer, weise und beredt sein, sondern auch hervorragend in den athletischen Übungen und möglichst auch ein vortrefflicher Zimmermann, Schiffsbauer und Ackersmann.
Die Stellung des Königs David beruhte, wie man hervorgehoben hat, zum großen Teil darauf, dass er zugleich Sänger und Kriegsmann, Laie und Prophet war und die Fähigkeiten dazu besaß, die weltliche Staatsmacht mit der geistlichen Theokratie zu verschmelzen.

Nun aber ist eine Aristokratie in diesem reinen Sinne, als die Herrschaft der Besten, wie Plato sie dachte, empirisch nicht zu realisieren.

Zunächst, weil bisher kein Verfahren gefunden worden ist, durch das »die Besten« mit Sicherheit erkannt und an ihren Platz gestellt würden; weder die apriorische Methode der Züchtung einer herrschenden Kaste, noch die aposteriorische der natürlichen Auslese im freien Kampf um die begünstigte Stellung, noch die gewissermaßen mittlere der Personenwahl von unten oder von oben her haben sich als dafür zugänglich erwiesen.

Indem zu diesen Schwierigkeiten der Voraussetzung noch die weitern kommen: dass die Menschen sich mit der Superiorität selbst des Besten unter ihnen selten beruhigen, weil sie überhaupt keine Superiorität wollen oder wenigstens keine, an der sie nicht selbst teil hätten; und ferner dass der Besitz der Macht, auch der ursprünglich mit Recht verdiente, zu demoralisieren pflegt, freilich nicht immer das Individuum, aber fast immer Körperschaften und Klassen.

Abgesehen davon, dass also a) "die Besten" sich kaum wirklich auswählen lassen und b) Herrschaft weniger über viele von letzteren eh nicht geschätzt wird, kommt Simmel zu einem weiteren interessanten Schluss, der bei der gegenwärtigen Hype um Bildung nicht vergessen werden sollte.

Wo in einer Gruppe vielfache und energische Über- und Unterordnungen bestehen - sei es als einheitlicher hierarchischer Aufbau, sei es als eine Mannigfaltigkeit nebeneinander bestehender Herrschaftsverhältnisse - wird die Gruppe als ganze ihren Charakter wesentlich der Unterordnung entlehnen, wie es besonders klar in bürokratisch regierten Staaten hervortritt. Denn die Schichten dehnen sich nach unten zu in rascher Proportion aus.

Wo also Über- und Unterordnung überhaupt im Vordergrunde des formal soziologischen Bewusstseins steht, wird die quantitativ überwiegende Seite dieser Korrelation, die der Unterordnung, die Gesamtheit des Bildes färben.

Mit diesem, allen sozialen Bildungen eignen Widerspruch zwischen dem gerechten Anspruch auf übergeordnete Stellung und der technischen Unmöglichkeit, ihm zu genügen, findet sich das ständische Prinzip und die jetzige Ordnung ab, indem sie Klassen pyramidenförmig mit einer immer geringern Mitgliederzahl übereinander bauen und dadurch die Zahl der zu leitenden Stellungen »Qualifizierten« a priori einschränken.

Diese Auswahl richtet sich nicht nach den gegebenen Individuen, sondern, umgekehrt, sie präjudiziert diese.

Aus einer Menge von Gleichen kann man nicht jeden in die verdiente Stellung bringen.

Darum könnten jene Ordnungen als der Versuch gelten, umgekehrt vom Gesichtspunkt der vorherbestimmten Stellung aus die Individuen für diese zu züchten. ... was eben präzise durch "Bildung", also eigentlich "Schulung zur Produktivität" betrieben wird.

 

1.2.9 Assimilation der "Vertreter" der Unterklasse durch die Oberschicht eliminiert meist den Konflikt

Aus dem Gefühl für diesen soziologischen Typus heraus sind z. B. in Österreich grade von arbeiterfreundlichen Politikern Bedenken gegen die Arbeiterausschüsse erhoben worden, durch die man doch die Unterdrückung der Arbeiter mildern will.

Man fürchtet, dass diese Ausschüsse zu einer Arbeiteraristokratie werden könnten, die durch ihre dem Unternehmer sich nähernde Machtstellung von diesem leichter in seine Interessen hineingezogen werden würden, und dass so die übrige Arbeiterschaft durch diesen scheinbaren Fortschritt noch mehr preisgegeben wäre.

Denn sie wird dadurch ihrer besten und führenden Elemente beraubt, diese absolute Erhöhung ihrer Mitglieder ist zugleich eine relative Erhöhung dieser über die Klasse, und damit eine Abtrennung von ihr, ein regelmäßiger Aderlass, der sie ihres besten Blutes beraubt.

Darum ist es für eine Obrigkeit, gegen die eine Masse sich empört, von vornherein günstig, wenn es ihr gelingt, diese zur Wahl von Vertretern zu bewegen, die die Verhandlungen führen sollen.

Dadurch wird jedenfalls der überwältigende, überrennende Ansturm der Masse als solcher gebrochen, sie wird zunächst durch ihre eignen Anführer nun so im Zaum gehalten, wie es der Obrigkeit selbst nicht mehr gelingt, jene üben ihr gegenüber die formale Funktion dieser, und bereiten dadurch das Wiedereintreten der letzteren in das Regiment vor.

In all diesen, nach den verschiedensten Seiten hin ausladen den Erscheinungen bleibt ein immer gleicher soziologischer Kern: dass das Erstreben und Gewinnen von Freiheit, in ihren mannigfachen, negativen und positiven Bedeutungen, sogleich das Erstreben und Gewinnen von Herrschaft zum Korrelat oder zur Folge hat.

Der Sozialismus wie der Anarchismus werden die Notwendigkeit dieses Zusammenhanges leugnen. [Anarchismus, d-.h. eben diese Art von Anarchismus, die Freiheit will um die eigene Herrschaft zu begründen, herrscht heute nicht vorwiegend in ein paar kleinen spinnerten Randgruppen, sondern in der Wirtschaft, unterstützt von ansonsten eher autoritären Rechtsparteien.]

 

1.2.10 Der einzige Ausweg ist der Wechsel zwischen Ueber- und Unterordnung

"Gerechtigkeit" in der Machtverteilung würde zufällige Wahl der Machtträger bedingen - denn die Wahl der Besten war und ist nie eine Tatsache, ja nicht mal möglich.

Denn dass, in der reinen demokratischen Konsequenz, die Geleiteten den Leiter wählen, bietet keine Garantie gegen die Zufälligkeit des Verhältnisses zwischen Person und Stellung, nicht nur weil man, um den besten Sachkenner zu wählen, selbst Sachkenner sein muss; sondern weil das Prinzip der Wahl von unten her in allen weit ausgedehnten Kreisen durchaus zufällige Resultate liefert; ausgenommen hiervon sind reine Parteiwahlen, bei denen aber grade das Moment, für das Sinn oder Zufall hier in Frage steht, ausgeschaltet ist: denn die Parteiwahl als solche gilt doch nicht der Person, weil sie diese bestimmten persönlichen Qualitäten besitzt, sondern weil sie der - extrem gesprochen - anonyme Vertreter eines bestimmten objektiven Prinzips ist.

So sehr der Sozialismus dieses blind zufällige Verhältnis zwischen der objektiven Stufenfolge der Positionen und den Qualifikationen der Personen perhorresziert, so kommen doch seine Organisationsvorschläge auf dieselbe soziologische Gestaltung heraus. Denn er fordert eine absolut zentralisierte, also notwendigerweise streng gegliederte und hierarchische Verfassung und Verwaltung, setzt aber alle Individuen als a priori gleich befähigt voraus, jede beliebige Stelle dieser Hierarchie auszufüllen. Damit aber wird grade das, was an den jetzigen Zuständen als sinnlos erschien, mindestens nach einer Seite hin zum Prinzip erhoben.

Die Form der Kreierung des Führers, zu der der Sozialismus folgerichtig greifen müsste, ist die Auslosung der Positionen.

Viel mehr als der Turnus, der in ausgedehnten Verhältnissen doch nie vollständig durchzuführen ist, bringt die Losung den ideellen Anspruch eines jeden zum Ausdruck.

Um es zu dieser Spaltung zwischen Oben und Unten nicht kommen zu lassen, sondern eine Einheit des Ganzen zu bewahren, bedürfe es dieser eigentümlichen Verschränkung, mit der die höchste Macht denen anvertraut sei, die in Hinsicht des Sachverständnisses subaltern wären! Auf der Verflechtung von alternierenden Über-und Unterordnungen zwischen denselben Potenzen ruhte nicht weniger die Einheit des Staatsgedankens, zu der nach der glorreichen Revolution in England die parlamentarische und die Kirchenverfassung zusammenwuchsen.

Was man die »Gleichberechtigung« von Mann und Frau in der Ehe nennt - als Tatsache oder als frommer Wunsch - wird sich wohl zum großen Teil als solche alternierende Über- und Unterordnung herausstellen.

Wenigstens ergäbe sich hierbei, insbesondere wenn man auf die tausend feinen, nicht in Prinzipien zu fassenden Beziehungen des täglichen Lebens achtet, ein mehr organisches Verhältnis, als bei einer mechanischen Gleichheit im unmittelbaren Sinn; jene Alternierung brächte es schon mit sich, dass die jeweilige Überordnung nicht als brutaler Befehl auftritt.

 

2 Arbeit und Wertewandel

Werte nach Inglehart:

postmaterielle Werte Selbstverwirklichung Verschönerung der Umwelt
Ideen statt Geld
freie Meinungsäusserung
Sozialstatus und Solidarität freundliche Gesellschaft
mehr Mitbestimmung
mehr Einfluss der Bürger
materielle Werte Sicherheit Sicherung einer starken Landesverteidigung
Verbrechensbekämpfung
Ruhe und Ordnung
Versorgung wirtschaftliche Stabilität
Wirtschaftswachstum
Kampf gegen steigende Preise

Wir sehen hier leicht, dass die Postmoderne mit ihren postmateriellen Werten zwar seit bald einem halben Jahrhundert ausgerufen wird, aber eigentlich immer noch im Vorzimmer wartet. Geschürt wird Wachstum, Aktivismus gegen Kriminalität, der Nachtwächterstaat, der sich auf die Sicherung des Eigentums beschränkt, also auf die Sicherung der Interessen der Gewinner, die absolut selbst in der Lage wären und sind, ihre Interessen selbst zu sichern.

Folgende Graphik zeigt deutlich, dass die 68er einen Rückgang der Autoritätsgläubigkeit bewirkt haben der zwar langfristig war, aber offenbar nicht nachhaltig. Obwohl von der Wirtschaft selbst mehr Eigeninitiative, mehr Selbständigkeit, mehr Dynamik gefordert wird, geht seit 1995 der Trend wieder zu mehr Gehorsam und Unterordnung.

Der Mensch wird wieder vermehrt dazu angehalten, "sich anzupassen", sich in die gegebenen Strukturen einzupassen - obwohl diese auf Abbau zielen, insbesondere auf Abbau der Beteiligung durch Arbeit und Lohn. Statt Belohnung grassieren in den kalkulativen (berechnenden) Organisationen vermehrt Zwang und Angst zur Determination des Verhaltens. Am besten zeigt sich das anhand Hartz IV und anderer Strategien, die Zwangsarbeit wieder einzuführen.

Wie kontrolliert die Organisation ihre Mitglieder?
Beispiel Kontrollform
Organisation mit entfremdetem Engagement
Organisation mit kalkulativem Engagement
Organisation mit moralischem Engagement
Galeere
Produktionsunternehmen
religiöse Gemeinschaft
Zwang
Belohnung und Belohnungsentzug
internalisierte Normen und Werte

Führungsverhalten hätte zwar andere Möglichkeiten, aber der direkte Befehl ohne Rücksicht, durchgesetzt durch Angst (vor Entlassung) ist natürlich einfacher. Verwunderlich ist bloss, dass von den Überflüssig gemachten dann wieder selbständige Aktivitäten gefordert werden, obwohl ihnen die über Jahre abdressiert wurden.


 

Die menschliche Handlung, oder eben sein Verhalten, orientiert sich an unterschiedlichsten Faktoren, und nicht immer ist der freie Wille der entscheidende.

Bereits hier werden Motivationen durch den einen Raster, der zynisch alle Werte in Geld ummünzt, also Preise, deformiert.

Die persönlichen Fähigkeiten, die einstmals ausschlaggebend waren für den "Beruf" (ein Ausdruck der mit Berufung ja ziemlich verwandt ist), sind nur noch von Belang, wenn ein Markt dafür besteht, also irgend wer dafür bezahlt, oder, was präziser wäre, sich dazu überreden lässt, dafür zu bezahlen, denn wäre der Markt so frei wie er gelobt wird, dann brauchte es ja kein Marketing.

Es ist also heute nicht mehr die Gruppe, sei es Familie, Clan oder Stamm, der die individuelle Freiheit beschränkt durch soziale Normen und Regeln (der Ansatzpunkt von Poppers Kritik an "den Feinden der offenen Gesellschaft"), sondern die Marktorganisationen - mit ihren Cliquen, Clans und Clubs.

Es ist heute nicht so, dass es vor allem der Staat ist, der die Freiheit des Marktes einschränkt, sondern es sind die grossen Marktteilnehmer selbst, begünstigt durch die economy of scale, begünstigt durch sunk costs, begünstigt durch die Globalisierung.

Der Arbeitsplatz  bestimmt über:

  1. den Einsatz der vorhandenen Fähigkeiten

  2. die Möglichkeit, eigene Interessen, Bedürnisse und insbesondere die Werthaltung überhaupt zu leben

  3. ... und zu entwickeln.

Der Arbeitsplatz diskutiert aber nicht, wird von andern bestimmt als denen, die ihn ausfüllen müssen sollen wollen.

Die Anpassung des Menschen an die Arbeit geschieht vor allem durch die Personalselektion. Die Bewerber antworten darauf durch Anpassung an die Anforderungen, falls nicht, werden sie von Arbeits- oder Sozialamt dazu gezwungen.

Die meist erwähnte Antwort auf das Problem der Arbeitslosigkeit, die Aus-Bildung, führt eigentlich bloss zu einer Verschärfung des Problems. Erstens weil Ausbildung immer zuerst Selektion bedeutet, zweitens weil sie zu erweiterten Erkenntnis- und Entscheidungspotentialen führt. Können diese im Betrieb nicht eingesetzt werden, führt dies zu Frustration, also Stress.


Der Arbeitsplatz, also der Betrieb, fordert systemgerechtes Verhalten, d.h. den Homo oeconomicus - allerdings nicht gegenüber dem Betrieb, denn da ist Loyalität angesagt, nicht die Durchsetzung eigener wirtschaftlicher Kalküle. Bereits hier wird die immanente Gespaltenheit ja Schizophrenität der grundlegenden wirtschaftlichen Norm sichtbar.

 

Das Verhältnis zwischen Betrieb und Mitarbeiter ist also recht konfliktbeladen und produziert eine Menge Verlierer ....
 

... auch wenn die win/win-Situation noch so hochgejubelt wird durch die Managementliteratur. Aber eine win/win-Situation sieht eben häufig so aus, dass die Arbeitnehmer ihre Stelle behalten bei tieferen Löhnen, die Arbeitgeber keine grossen Entlassungen tätigen - aber die Löhne kürzen dürfen, ist als meist genau so zynisch wie der Kompromiss.


Zu einer Humanisierung der Arbeit

ARBEITSMOTIVE (s. auch Hintergründe der geistigen Verwirrung um die Arbeit) Wertewandel und Humanisierung der Arbeit
  • Arbeit bietet Geld im Austausch für Leistung

  • Arbeit ermöglicht Abfuhr von geistiger und körperlicher Energie

  • Arbeit ermöglicht einen Beitrag zur Produktion von Gütern und Dienstleistungen

  • Arbeit ermöglicht soziale Interaktion

  • Arbeit definiert - zumindest teilweise - den sozialen Status

Extrinsische Arbeitsmotive - die durch die Folgen oder Begleitumstände der Arbeit befriedigt werden

  • Bedürfnis nach Geld

  • Konsumbedürfnisse

  • Sicherheitsbedürfnisse

  • Geltungsstreben

  • Kontaktbedürfnis (soweit mit Kollegen ausserhalb der Arbeitssituation zu befriedigen)

  • Sexualität

Intrinsische Arbeitsmotive - die durch Arbeit direkt befriedigt werden

  • Bedürfnis nach Tätigkeit

  • Kontaktbedürfnis

  • Leistungsmotivation

  • Machtbedürfnis

  • Bedürfnis nach Sinngebung und Selbstverwirklichung

Klassierung nach Neuberger:

  • Beitrag für andere leisten (Berufsethos): Arbeit ist Lohn in sich.

  • Selbstsicherheit und Selbstachtung: Arbeit bestimmt die soziale Position

  • Kontaktmöglichkeiten: Die meisten Beziehungen werden am Arbeitsplatz geknüpft

  • Arbeit als soziale Norm: Arbeit wird von uns erwartet

  • Abfuhr von Energie: Arbeit hilft gegen Uebergewicht

  • Strukturierung des Zeitablaufs (sehr beliebt bei Beschäftigungsprogrammen, oft einziger Punkt derselben): Arbeit verhindert Langeweile

  • Abwehr belastender Gefühle und Gedanken: Arbeit spendet Trost

  • Möglichkeit, persönliche Ziele zu erreichen: Arbeit bring Lohn auch über den Lohn hinaus

  • religiöse Verpflichtung (protestantische Ethik): Arbeit bietet Belohnung - auch über den Tod hinaus. DER protestantische Trick.

Extreme Arbeitsteilung hat nach Volpert zu folgenden Konsequenzen geführt:

  • Störungen im Wohlbefinden, verbunden mit andauernden psychischen und physischen Beschwerden

  • Abbau der intellektuellen Leistungsfähigkeit und geistigen Beweglichkeit

  • passives Freizeitverhalten und absinkendem Engagement im gesellschaftlichen Bereich

  • repressive Erziehung der eigenen Kinder.

Telearbeit, nicht bloss in der reinen Form, sondern auch innerhalb von Betrieben führt zu:

  • Verlust des Kontaktes zum Arbeitsgegenstand

  • formaler Korrektheit statt inhaltlicher Relevanz

  • Zurücktreten persönlicher Urteilskraft und innerer Bindung an den Arbeitsgegenstand

  • formale Eindeutigkeit statt Mehrdeutigkeit

  • Übernahme der binären Logik der Mikroelektronik

  • Verlust der kommunikativen Kompetenz

  • Abnahme der persönlichen Verantwortung - die "an das System" oder die Auftraggeber abgegeben wird.

Trends des Wertewandels:

  • Säkularisierung aller Lebensbereiche

  • Betonung eigener Lebensführung und des eigenen Lebensgenusses

  • Gleichstellung und Emanzipation der Frau

  • Ablösung der Sexualität von überkommenen gesellschaftlichen Normen (ja denkste ... s. Zensur)

  • Abnehmen der Bereitschaft zur Unterordnung

  • Sinkende Bedeutung der Arbeit als Pflicht (ja denkste ... s. workfare statt welfare)

  • Höherbewertung der Freizeit

  • Wertschätzung unzerstörter Natur

  • Bewahrung der eigenen körperlichen Gesundheit

  • Skepsis gegenüber den Leitwerten der Industrialisierung wie Wachstum, Gewinn oder technischer Fortschritt. (tja ...)

Die meisten Punkte zeigen, dass es sich um Trends handelt, die aber ihr Ziel noch längst nicht erreicht haben, die vielmehr von der Macht des sog. "freien" Marktes zunehmend ausgebremst werden.

Das Verhalten wird von vielen Faktoren beeinflusst:

  • persönliches Wollen

  • individuelles Können

  • soziales Sollen und Dürfen

  • die Möglichkeiten, welche die Situation (der Markt) bietet

 

 

Kriterien der Humanisierung nach Neuberger.

  1. Die Entwürdigung ist gang und gäbe. Sie geschieht dummerweise nicht primär durch die oberste Schicht, also das Kapital und seine Vertreter, die Manager, sondern wird von jedem und jeder als (untaugliches) Mittel der eigenen Erhöhung genutzt, was zu Mobbing führt. Wer niemanden mehr zum Treten hat, der ist ganz unten. Dieser Vorgang (von mir als Machttreppe bezeichnet) stabilisiert das kapitalistische System.

  2. Sinnvolle Arbeit fehlt jedoch immer mehr, je mehr Überfluss und Überschuss erzeugt wird, je weniger der einzelne überhaupt noch darüber bestimmen kann, was er wie oder wo produzieren möchte.

  3. Systemgerecht, marktgerecht, betriebsgerecht, maschinengerecht - so muss der Mensch sein - nicht mehr Maschine, Betrieb, Markt und System - menschengerecht. Ungerecht, d.h. möglich ungleich muss die Verteilung von Einkommen und Vermögen sein, damit sie der wirtschaftlichen Effizienz gerecht wird. (s. Pareto-Effizienz)

  4. ...

FAZIT:

Lebensräume sind eigentlich immer auch Produktionsräume. Die Produktion gestaltet allerdings den Lebensraum oft so um, dass das Leben darunter leidet (Umweltzerstörung, Zerstörung der Natur, der Ruhe, der gesunden Luft und des reinen Wassers etcetc.) Produktionsräume müssten sich der Funktion des Lebensraums unter- oder zumindest einordnen - und nicht umgekehrt, wie das heute der Fall ist.

Oekonomie, d.h. die Haus-Ordnung (gr. oikos: Haus und  nomos: Ordnung), darf sich nur dann als allgemeine Richtlinie des Handelns behaupten, wenn sie sich um alle Bewohner des Hauses kümmert, und nicht bloss um die produktiven, ja sogar die weniger produktiven aus dem Haus wirft.

Diese Dominanz der Preise über die Werte ruft, wie kaum je zuvor, nach mehr Kritik, nach Rückbesinnung, nach Umwertung der Werte, also im eigentlichen Sinne des Wortes, nach mehr Zynismus. (Hier lag Sloterdijk eindeutig falsch). Wir müssen uns viel öfter die Frage stellen: Ist Glück käuflich?

Martin Herzog, Basel, 14.02.2008

Noch zu bearbeiten: