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Das Frauenbild Gustav Klimts:

Sublimierung geht über Sex hinaus!

[Susanna Partsch: Klimt. Leben und Werk. Parkland. Köln 2004]

Das Frauenbild Klimts scheint zwischen <Mutter Gottes>, <Luxusweibchen>, <Femme Fatale> uns <Sexualobjekt> angesiedelt ... womit er vermutlich nicht allein da steht. Die Frau, die gebären kann, steht für ihn aber auch als Symbol der Hoffnung - wie der Titel obigen Bildes zeigt. Dieses war ebenfalls ein Skandal, da man dazumals den Zustand schwangerer Frauen möglichst verschleierte (... denn jemand hätte ja dabei daran denken können, wie es dazu kam ...). Das Modell, Herma, hatte sich längere Zeit nicht bei Klimt blicken lassen, obwohl der sie äusserst schätzte: Das Mädel hat einen Körper, von dem der Hintern schöner und intelligenter ist als das Gesicht bei vielen andern. Der Grund war eben eine Schwangerschaft, obwohl sie auf die Einkünfte eigentlich angewiesen war. Dass Klimt sie dennoch als Modell porträtierte führte bei den  Kritikern wieder mal zu Entrüstung: Unfug! Verruchtheit! Verderbtheit! Entartung! Niedertracht! Schamlosigkeit! Sauerei!

Margarethe Wittgenstein muss eine sehr resolute Frau gewesen sein, die die Konventionen, soweit es ihr möglich war, durchbrach. Sie besass grosses Interesse an Mathematik und Naturwissenschaft, ebenso an philosophischen Abhandlungen, Literatur und Kunst. Sie arbeitete auch im chemischen Labor bei Prof. Emil Fischer in Zürich, betrieb mathematische Studien und manches mehr. Sie war mit dem Porträt nicht zufrieden. Klimt versuchte vergeblich, Margarethe zu einer fügsamen Gestalt in einem stilisierten Ambiente zu verharmlosen.

Margeretze Stonborough-Wittgenstein besass ein gerüttelt Mass an Selbstbewusstsein. Klimt übertrug jedoch sein Frauenbild auf sie.

Klimts Frauenbild (oben Ausschnitt aus "Die Erwartung") war geprägt durch seine enge Bindung an Mutter und zwei seiner Schwestern, mit denen er lebenslänglich zusammen wohnte. Es beinhaltet die Facetten der Mütterlichkeit, in der Unnahbarkeit enthalten ist, die Verfügbarkeit des Luxusweibchens - aber auch die Bedrohung durch die Verführung. Die einzige selbstbewusste Frau in seinen Bildern ist Emilie Flöge, mit der ihn Freundschaft bis zum Tode verband - die er allerdings nie ehelichen konnte oder wollte. Er kannte sie seit 1891, portraitierte sie erstmals 1893/94, aber als wirkliches Portrait erst 1902. Klimt, obwohl er vermutlich unter einer ähnlich .... äh, schwierigen Konstellation litt in Beziehung auf seine Mutter wie Max Weber, widerlegt aber eigentlich das Konzept der Sublimation, dass bei Weber ohne grosse Widersprüche angewandt werden kann, denn er unterhielt verschiedenste Beziehungen zu Modellen ... und hatte für 3 uneheliche Kinder aufzukommen. Bei seinem Ableben erhoben 14 Frauen für ihre Kinder Anspruch auf einen Anteil am Erbe ...

Klimts Kraft erscheint von Widersprüchen zersetzt; er, dessen Grundzug Güte war, musste einsam stehen und auf Gleichgültigkeit und Feindschaft stossen, da doch Liebe sein stärkstes Bedürfnis war ... viele Jahre hat ihn die engste Freundschaft an eine Frau gebunden (Emilie Flüge),  auch hier hat er den Entschluss zur vollen Bejahung nicht aufgebracht. ... Klimt hat die Verantwortung des Glücks nicht auf sich zu laden gewagt und die Frau, die er jahrelang liebte, nur mit dem Vorrecht gekrönt, sein schmerzhaftes Sterben zu betreuen.

Ausgehend von diesem "Vorrecht", denn "Nichts .. kennzeichnet besser die tiefe menschliche Bindung der beiden zueinander, als dieser Aufschrei eines vom Tod gezeichneten" , wird Emilie Flöge zu einer "wunderbaren Frau, die es verstanden hat, durch Menschlichkeit, unerschütterliche Freundschaft und unendliche Wärme Klimt das zu geben, was er bei den vielen anderen Frauen, zu denen sein heisses Blut ihn immer und immer wieder trieb, vermisste. (Klimt hingegen) musste ..., um schaffen zu können, seine persönliche Freiheit wahren und hierin liegt wohl die sehr einfache Beantwortung der Frage, warum ein Gustav Klimt seine Emilie Flöge nicht geheiratet hat.  [Hans Tietze, 1919]

Es gibt hier allerdings auch andere Möglichkeiten der Interpretation. Bereits zu Anfangs des 20. Jahrhunderts wurde die freie Liebe propagiert, insbesondere vom Psychoanalytiker Otto Gross  (in dessen Frau Else Jaffé Weber recht lange recht intensiv verliebt war). Auf dem Monte Verità bei Ascona im Tessin wurde nicht nur die Freikörperkultur gepflegt, die damals aufkam, sondern auch die freie Liebe. Für Otto Gross hatte eine Frau das Recht, Kinder zu bekommen, von wem sie wolle, auch wenn sie in einer Ehe gebunden war. Die sexuelle Befreiung fand als nicht erst über Jazz und Beat und vor allem die 68er Bewegung (sexuelle Revolution (68er) statt, sondern hat ihre Wurzeln im frühen 20. JH. Allerdings war sie dort auf die Oberschicht beschränkt, "emanzipierte" also bloss einige Frauen der städtischen Oberschicht ... was ja heute nicht viel anders zu sein scheint, sieht man sich "sex and the city" an.  (s. Frauenemanzipation). Zudem darf man die roaring twenties auch nicht einfach vergessen.

Das heutige Modell lautet offenbar: Freier Vertrag zwischen Gleichberechtigten. Rechtlich scheint das optimal, marktwirtschaftlich auch ... aber irgendwie scheint das Modell doch zu marktwirtschaftlich, da es die Beziehung zwischen Mann und Frau zum Deal, zum Objekt eines Handels macht, in dem sich beide "Partner" möglichst gut verkaufen müssen. Irgendwie geht hier die Romantik und das gewisse "absolute" der Liebe total flöten. Irgendwie scheint mir hier der Stein der Weisen noch nicht gefunden zu sein. Was bei diesem Verhandlungsmodell rauskommt, ist gut beschrieben in: Das Streben nach Glück im Duett - oder Duell

Adam und Eva

Interpretation von Felix Salten 1903: Diese Judith ... ist eine schöne Jourdame ... die bei allen Premieren die Männeraugen anlockt. Ein schlankes, schmiegsam-biegsames Weib mit einem schwülen Feuer in den dunklen Blicken, mit einem grausamen Mund ... Rätselhafte Gewalten scheinen in diesem lockenden Weibe zu schlummern. Energien, Heftigkeiten, die nicht mehr zu stillen wären, wenn einmal in Brand geriete, was zu bürgerlichem Verglimmen gezwungen wird.

 

 

Klimts Frauenbild wird hier offenbar: Die totale, passive Verfügbarkeit der Frau für den Mann. Sie stellt sich ihm (Klimt) zur Verfügung, damit er sich ergötzen kann. Der Kuss ist das berühmteste Bild Klimts * und ist quasi zu einem Symbol des Jugendstils geworden.

Diese Interpretation, die von Susanna Partsch nahegelegt wird, erscheint leicht zweifelhaft, wenn man die Bedeutung des Kusses im Gesamtwerk betrachtet, insbesondere im Beethovenfries, wo er die Erfüllung eines Strebens und Sehens darstellt, das weit über Sex, Erotik, ja irdisches Streben hinaus zu gehen scheint. Dass für Klimt im Kuss eine Verbindung zweier Wesen zu etwas höherem, ja fast heiligem aufscheint, zeigt auch die Einhüllung in das goldene Tuch und der Heiligenschein, der hinter beiden schwebt.

Das Beethovenfries

Auch dieses wurde zum kleinen Skandal. Die Bürgerschaft entrüstete sich moralisch: Hier aber hört der Spass auf, und ein brennender Zorn erfasst jeden Menschen, der noch einen Rest von Anstandsgefühl hat. Was soll man denn zu dieser gemalten Pornographie sagen? Man tut ihr zu viel der Ehre an, wenn man sie beschreibt. Für ein unterirdisches Local, in dem heidnische Orgien gefeiert werden, mögen diese Malereien passen, für Säle, zu deren Besichtigung die Künstler ehrbare Frauen und junge Mädchen einzuladen sich erkühnen, nicht. - Der scheussliche Gorilla, die schamlosen Caricaturen der edlen Menschengestalt - das sind keine Kunstwerke mehr - das sind Beleidigungen unserer heiligsten Gefühle! Gibt es denn in Wien keine Männer mehr, die gegen solche Attentate protestieren? [Zeitungsartikel 22. April 1902]

Direkt unter der Decke personifizieren schwebende Gestalten "die Sehnsucht nach dem Glück". [In Klammer: Wörtlich von Klimt so angegeben.]

Drei ausgemergelte Gestalten symbolisieren die "Leiden der schwachen Menschheit".

An der Schmalwand folgen "die feindlichen Gewalten gegen die der wohlgerüstete Starke ankämpfen muss" Das affenähnliche Monster ist der Gigant Typhoeus, gegen den selbst die Götter vergeblich kämpften, daneben die Erinnyen, die Rachegöttinnen. Unter ihnen, Krankheit, Wahnsinn und Tod (hier nicht abgebildet). Rechts von Typhoeus Wohllust, Unkeuschheit und Unmässigkeit.

Die Gorgonen

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Wohllust

"Die Sehnsucht nach Glück"

    findet Stillung in der Poesie (Kithara spielende Paradiesengel)

        der wohlgerüstete Starke hat seine Rüstung abgelegt:

"Seid umschlungen Millionen,
Diesen Kuss der ganzen Welt
.
Brüder überm Sternenzelt
Muss ein lieber Vater wohnen.
Ihr stürzt nieder Millionen?
Ahnest du den Schöpfer der Welt?
Such ihn überm Sternenzelt!
Ueber Sternen muss er wohnen."

Also eigentlich sieht der wohlgerüstete Starke hier etwas danach aus, als stünde er mit heruntergelassenen Hosen da. Sehen wir uns das gesamte Fries an, so dominieren eigentlich Frauen, Frauen als Suchende, Frauen, die über Schicksal und Rache entscheiden, Frauen, die Wohllust versinbildlichen, Frauen die den Himmelschor bilden. Im ganzen Fries gibt es nur 2 Männer: Einen strebenden Schrumpel und den Helden, einmal in Rüstung, einmal mit heruntergelassenen Hosen. Bei der Emanzipation darf also nicht vergessen werden, dass es oft Männer sind, die sich mit den Folgen weiblicher Entscheidungen herumzuschlagen haben, dass sie das zwar meist gerne tun ... aber eben auch bei Entscheidungen gerne gleichberechtigt beigezogen würden. Die Sache hat also zwei Seiten.

Klimt hatte keinen Grund, wie etwa sein Zeitgenosse Max Weber, sexuelle Bedürfnisse (trotz anklingendem Oedipus bei beiden) zu unterdrücken. Er tat es auch nicht, sonst hätte er nicht 14 uneheliche Kinder erzeugt ...

Nach was strebte er also? Welche geheimen Wünsche musste oder wollte Klimt nur sublim aufscheinen lassen?

Die Erlösung der Welt im Kuss? In der Vereinigung, als Gemeinschaft. Im Finden der verlorenen andern Hälfte? (s. Aristophanes Kugelmensch) ... oder gar Gott?

Auf jeden Fall lässt sich hier der Schluss ziehen, dass es offenbar stärkere Kräfte gibt als Sex die zu Sublimierung führen, also kulturelle und geistige Tätigkeiten motivieren können. Das bedeutet aber auch, dass es stärkere Kräfte gibt als Geld, das den Sex als Antrieb und Lohn ja längst ersetzt hat (s. Geld wirkt wie eine Droge - per Nucleus accumbens, d.h. direkt auf unser Verhalten). Und das ist doch eine recht positive Erkenntnis, die uns da Klimt so hintenrum ermöglicht.

 

Martin Herzog, Basel, 3.6.07

p.s: Medial das berühmteste Bild Klimts könnte allerdings auch "die goldene Adele" sein, ein Porträt von Adele Bloch-Bauer. Klimt hat daran offenbar 7 Jahre gearbeitet, mit hunderten von Skizzen. (Seine "Beziehung" zu dieser ebenfalls sehr selbstbewussten und eigenständigen Frau blieb und bleibt züchtig verhüllt). Adele hat in einem Brief ihren Mann gebeten, das Bild nach ihrem ev. Tod der österreichischen Kunstgallerie zu vermachen. Da sie aber bereits mit ... Jahren 1925 verstarb, und ihr Mann Oesterreich die Freundschaft kündigen musste, dass nicht wirklich ein Opfer der Nazis war, sondern tatkräftig mitmischte, erfüllte er diesen Wunsch nicht. Ein langjähriges Gerichtsverfahren, angestrebt von Maria Altmann, einer Erbin, kam auch zum Schluss, dass der Entscheid rechtens und die zwangsweise Zurückbehaltung des Bildes bei der Auswanderung der Bauers durch Oesterreich illegal war. Oesterreich, vor den Entscheid gestellt, die 4 fraglichen Bilder für 300 Millionen $ zu erwerben ... oder sie eben zurückzugeben, musste auf erstere Option verzichten. Für einige Jahre war dieses Bild das teuerste Kunstwerk der Welt (s. Scheisskultur), da es 2006 für 135 Millionen Dollar von Ronald S. Lauder ersteigert wurde. Es ist der Öffentlichkeit weiter zugänglich an der "Neuen Gallery" in "Neu York" ... im Gegensatz zu den andern 3, die in reichen Privathaushalten verschwanden.

Das Gemälde „Adele Bloch-Bauer II“ von 1912 erzielte mit 87,936 Mio. Dollar (68,8 Mio. Euro) den fünfthöchsten Preis, der jemals für ein Gemälde bezahlt wurde.

„Apfelbaum I“, entstanden 1912, erbrachte auf der Auktion 40,336 Mio. Dollar (31,6 Mio. Euro). „Buchenwald/Birkenwald“ (mein Liebling ..), 1903, wurde um 33,056 Mio. Dollar (25,9 Mio. Euro) ersteigert. „Häuser in Unterach am Attersee“, um 1916 entstanden,  31,376 Mio. Dollar (24,6 Mio. Euro). Die Käufer blieben anonym, der Wunsch Maria Altmanns, dass die Werke der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden sollten, wurde vorerst nur von Ronald Lauder erfüllt.

 

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