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Was den Menschen antreibt (nebst Geld und Sex natürlich ...)

Interesse-Interessen, Fremdbestimmung und Langeweile

[Paul J. Silvia: Exploring the psychology of interest. Oxford Universtity Press. 2006]

Das Interesse und die Interessen wurden leider von der Psychologie noch wenig untersucht, dafür um so mehr von Politik, Werbung und Wirtschaft ge- und missbraucht. Dabei wäre das Interesse wirklich der treibenden Faktor menschlichen Lebens - wie im Titel angetönt, natürlich erst nach der individuellen materiellen Existenzsicherung  und der Erhaltung der Art durch sexuelle Fortpflanzung, denn: Esse est inter-esse - Sein heisst interessiert sein, dazwischen, nicht "drin" zu sein. Die Wirtschaft (d.h. 'rechts') argumentiert ja Tag für Tag, dass es um die Erfüllung individueller Wünsche und Interessen gehe, und dass diese nicht durch allgemeinverbindliche politische Regeln eingeschränkt werden sollten. [Seltsamer-, aber richtigerweise wird Interesse, unter dem Begriff SUCHE, in der Hirnforschung als die dominante primäre Emotion gesehen.]

Die wichtigsten Quellen von Interesse sind Neuartigkeit, Komplexität, Unsicherheit und Konflikt. Neugierde kann ein (temporärer) Zustand oder ein Charakterzug sein. Bei Neugierde als Charakterzug besteht ein intensiver Wunsch neue Dinge in der Umwelt zu suchen, zu erforschen und zu verstehen. Bei übermässiger Stimulation kann sich diese aber in Angst verwandeln. Deshalb gibt es ja Traditionalisten und Konservative  ...

Der Gegenpol zum Interesse wäre die Langeweile, DAS Grundproblem unseres Wirtschaftsmodell, da Langeweile vermutlich das stärkste Motiv ist, andauernd tätig zu sein,  trotz Rationalisierung, was zu ewigem Wachstum drängt, noch wichtiger als Herrschsucht und Geldgier. Menschen die der Langeweile zuneigen (wenn Interesse eine Emotion ist, die den Charakter prägen kann, dann wohl auch das Gegenteil), sind impulsiver, feindseliger und aggressiver, begehen mehr kriminelle Aktivitäten in der Jugend und generell mehr kognitive Fehlleistungen, sind nicht up-to-date, weniger zufrieden mit ihrer Arbeit, erfahren weniger Befriedigung und leiden öfter unter Angst und Depressionen. Sie sind deshalb auch weniger an Erkenntnis ihrer Umwelt interessiert sondern auf sich selbst fokussiert. Ihr Leben sieht düster aus.

Wir sehen hier eine gefährliche Parallele, wenn der Jugend der Zugang zum Hauptfeld der Interessen, also dem Beruf der eigenen Wahl versperrt bleibt. Da werden Existenzen vernichtet.

Interesse lässt sich auch quantifizieren anhand seiner Tiefe und Breite. Wer über breite Interessen verfügt ist neugierig, interessiert, engagiert, wer nur über sehr enge Interessen verfügt jedoch unflexibel, engstirnig, insulär. Die Tiefe könnte man z.B. aufspannen zwischen Unterhaltung, also Zerstreuung, und Konzentration.

Die psychologische Theorie vom Interesse teilt sich in zwei Bereiche:

  1. Interesse als Teil emotionaler Erfahrungen, Neugierde, momentaner Motivation

  2. InteresseN als Teil der Persönlichkeit, der Individualität, was sich insbesondere in der Berufung, also im Beruf ausdrückt.

Die wirtschaftlich-politische Problematik der Gleichsetzung von Interesse mit Gelderwerb:

Wenn der Gelderwerb ein für allemal mit dem Interessebegriff gleichgesetzt wird,
dann kann man auch die irrationalsten damit verbundenen Tätigkeiten
als interessemotiviert betrachten.

[W. Reese-Schäfer (Hrsg.): Identität und Interesse. Der Diskurs der Identitätsforschung. Leske + Budrich. Opladen 1999. S. 12]

Interesse als Emotion steht der Neugierde, dem Erstaunen, der (positiven) Überraschung - aber auch Glück/Genuss am nächsten. Während dem allerdings Glück, Angst, Arger, Trauer, Abscheu als universelle Emotionen betrachtet werden, streiten sich bei den andern (Überraschung, Verwirrung, Verachtung, Schuld, Verlegenheit, Bedauern, Eifersucht), inklusive dem Interesse, die Gelehrten noch. [s. http://www.brainworker.ch/psychologie/index.htm#gefuehle]

Die zwei emotionalen Pole zwischen denen das Interesse aufgespannt ist, lauten:

Dass das Interesse zu den primären Emotionen gehört, zeigt sich auch in einer meist international nonverbal verständlichen Mimik: Senken oder heben der Augenbrauen, Heben des unteren Augenliedes, um den Fokus zu verstärken, offener Mund und heruntergefallenes Kinn (was eher für Erstauen, Überraschung steht), ruhig halten von Kopf und Fokussierung der Augen auf das Objekt des Interesses ... was von der Werbeforschung bereits intensiv genutzt wird, Neigen von Kopf, Schultern, Lächeln ...

Interesse wird oft benutzt, um generelle Motivationszustände auszudrücken wie wollen, wünschen, sich um etwas kümmern, wie z.B.: Ich habe kein Interesse daran, heute Chinesisch zu essen.

Interessen und Selbstbestimmung:

"Im eigenen Interesse" ist DIE Begründung von Handlungen, ist intrinsische Motivation, also selbst bestimmtes, selbst gewolltes, nicht entfremdetes Wollen. Menschen die etwas tun, das sie interessiert, tun dies nicht weil es Pflicht ist oder weil jemand dies von ihnen erwartet, sondern weil es (zu) ihnen passt, ihnen angenehm ist, ihnen ein Wohlgefühl verschafft. Freiheit ist also auch die Freiheit, seinen Interessen zu folgen, und sich nicht dauernd der Gesellschaft, dem Markt, sozialen und wirtschaftlichen Normen, Gesetzen und Erwartungen anzupassen. Interessen definieren die Rolle des Ich, die kein Spiel wäre.

Für einige Forscher ist Interesse eigentlich die wichtigste Emotion. Auf jeden Fall ist Interesse DIE Motivation zu sein, die zu Erkenntnis (Kognition), Forschung und zum Lernen drängt. Andere halten Interesse wie "Motivation" oder "Aufmerksamkeit" allerdings für einen nicht emotionalen Zustand. Da aber Werbung wie Schule wie Arbeitgeber Motivation und Aufmerksamkeit heute meist über "Events", also Erlebnisse, also Emotionen, zu erreichen versuchen, ist auf jeden Fall eine starke Verbindung vorhanden:

Interesse hat eine motivierende Funktion, man könnte es also als Prä-Motivation bezeichnen: Interesse motiviert zu Erkundungen und zum Lernen, garantiert also das Interagieren der Person mit ihrer Umwelt, was für das Überleben unabdingbar ist. Interesse führt zu einem breiteren Spektrum an potentiellen Reaktionen auf Unvorhergesehenes, ist also zukunftsorientiert, keine Zwangshandlung, sonder frei.

Die früheste Beschäftigung mit Interessen erfolgte auf dem Feld der Bildung. Gerade dass Interessen den Ausgangspunkt bilden für die Berufswahl, zeigt am besten, dass sie ein relativ fester Bestandteil des Charakters sind. Laut Dewey sind selbstregulierende Energie, Disziplin und Selbstkontrolle bei dieser mühsamen Aufgabe nötig. Interesse liefert die motivierende Energie dazu. Sie fokussieren die Aufmerksamkeit auf spezifische Themen, statt sie in einem weiten Feld von "Neuigkeiten" flanieren zu lassen, die nur Unterhaltungswert haben.

Studenten schliessen besser ab in Fächern die sie interessieren, eine Banalität. Aber, Achtung, achten Sie mal drauf, wo überall Ihr Interesse gefördert wird. Interesse ist auch ein idealer Ansatzpunkt zur Manipulation von Individuen, ja von ganzen Volksgruppen oder Nationen. Im "nationalen Interesse" können Sie heute noch Kriege führen, wenn Sie ihr Volk ausreichend dumm halten und falsch informieren.

Interesse hat auch eine äusserst wichtige Funktion im Überlebenskampf, eine adaptative Funktion, da es zur Entwicklung von Erfahrungen führt, die hilfreich sein können, wenn Unvorhergesehenes passiert:

Since every scrap of retained information might help one day and thus adds its quota of security against future perplexity; frustration, and helplessness, it is easy to see that moments of freedom from more urgent claims (including those of sleep and rest) can hardly be better occupied than with activities that ad to the nervous systems's holdings in this commodity. [Berlyne, D.E. 1971]

Interesse erhöht die Überlebenschancen allerdings vor allem langfristig, da es langfristige Entwicklungsziele fördert.

Ihr Schwesterchen, die Neugier, das Interesse an Neuem und Möglichem, erweitert die Erfahrung und macht neue Möglichkeiten attraktiv, erhöht die Kompetenz auf dem Gebiet, da sie nachhaltige Beschäftigung damit einfordert.

Interessen werden gefördert durch Erfolg, insbesondere die Selbst-Effizienz ... die laut Betz/Hackett aber z.B. die Karriere von Frauen zu behindern scheint. Menschen bilden ausdauernde Interessen auf Gebieten, in Tätigkeiten, in denen sie sich als effizient empfinden und positive Resultate erwarten. Dass Frauen hier schwächer abschneiden, liegt nicht an faktischen Schwächen, sondern am geringeren Selbstwertgefühl, Angebertum, am weniger aggressiven Wettbewerbsverhalten.  (s. Bildungsprobleme Frauen/Immigrantinnen)

Obwohl positive Resultate einen fördernden Einfluss haben, heisst das noch lange nicht, dass die Effizient positiv mit dem Interesse korreliert. Wissenschaftlich betrachtet scheint dem eben gerade nicht so. Gerade die Gewissheit über ein positives Resultat, kann die Aufgabe zur Routine, also langweilig machen - und dadurch präzise das Gegenteil zeitigen. Eine normale Person braucht also einen gewissen Schwierigkeitsgrad und Neuheitsgrad um das Interesse zu fördern.

Interesse hat eine starke Beziehung zur Aufmerksamkeit, wird ja in der Forschung meist auch durch visuelle Aufmerksamkeit bestimmt. Neuartiges fesselt das Interesse - erweckt Aufmerksamkeit.

 

Ursache und Entstehung der Interessen - und deren Blockierung durch kognitive Dissonanz

Interessen entstehen primär aus dem Drang nach Neuem, neuen Erfahrungen, neuen Erlebnissen, neuen Erkenntnissen. - und oft auch aus dem Empfinden einer Störung, eines Ungenügens von bestehendem Wissen, einer Lücke oder gar eines Widerspruchs, einer Paradoxie - wie sie sich vor allem auf Grund von nicht beachteter Komplexität ergeben.

Kognitives Interesse (Information) wird geweckt durch die in einer Erzählung enthaltenen Informationen, die Struktur und die erweckte Erwartung. Emotionales Interesse (Unterhaltung) verlangt nach einem Hintergrundwissen über generelle Lebensthemen. Beide können den selben Zustand von Interesse erwecken. Kognitives Interesse verstärkt allerdings Lernereffekte, die durch emotionales Interesse eher behindert werden. Die wissenschaftlichen Resultate sind hier allerdings nicht schlüssig. Es besteht also weiterhin kein Grund, Wissen primär langweilig anzubieten.

Interesse braucht einen Stimulus - und dazu das rechte Mass. Die Annahme, dass mit steigendem Stimulus das Interesse linear zunehme, erwies sich als falsch. Die stimulierende Wirkung ist am höchsten bei sehr tiefer (optimaler Neuigkeitswert) und sehr hoher Anregung (wichtiges Problem), eher mässig im Mittelfeld. Dafür ist dort die Effizienz am höchsten, da der Stimulus nicht neu ist, also zumindest teilweise durch bereits vorhandene Reaktionsmuster beantwortet werden kann, und auch nicht so stark ist, dass er Angst auslöst. Nicht vergessen, für die meisten Menschen ist es angenehm, in einer Welt zu leben, die genau so abläuft, wie es immer war und wie man es erwartet, in der die Dinge also nicht plötzlich Kopf stehen. "Kognitive Dissonanz", Widerspruch, auf Grund von Fakten, Theorien oder auch anderen Meinungen, ist ein wichtiger Auslöser für Interesse, der bei allen Paradoxien spielt. Kognitive Dissonanz ist aber für viele oft eher ein Grund, an ihrem Geisteszustand zu zweifeln als die "Tatsachen" zu hinterfragen. Sie kann also Angst auslösen und ist damit einer der wichtigsten Gegenspieler von Interesse ... weshalb dieses bei höhern IQs vermutlich stärker verbreitet sein dürfte. Kognitive Dissonanz als Widerspruch stösst auf harten Widerstand bei autoritären, faschistoiden, fundamentalistischen und ähnlich basierten Gruppierungen.). Diese Reaktionen können über das reticular arousal/activation system: Schwache Stimulation führt zu höchster Erregung, mit zunehmender Stimulation nimmt die Erregung ab - um dann wieder anzusteigen - was einer typischen U-Kuve entspricht.

Ein Stimulus durch zu viel Neues führt also zu Angst und damit zur Abwehr des Forschungsdranges. Man muss dies nicht nur negativ sehen, denn Interesse ist eine Überschusstätigkeit, die Informationen auf Reserve sammelt. Bei akuten und drängenden Problemen ist sie also nicht angebracht, sondern die Betroffenen müssen sich auf die Bewältigung dieser Probleme (Sachzwänge) konzentrieren, und sich nicht in der Freiheit des Forschens und Pröbelns verlieren. Dieses Muster gehört unter Politikern allerdings zu den beliebtesten Taktiken: Sachzwänge inszenieren, um die gewünschte Reaktion zu provozieren. Dies geschieht nun seit Jahren auch im Bereich Bildung und Forschung. Interesse bedingt aber Freiheit. Forschung bedingt ebenfalls Freiheit. Forschung als Sachzwang (Wir müssen wachsen durch Innovation) ist ein Witz.

Curiosity and Exploration

Theorien des Interesses

Daniel Berlyne (Conflict, Arousal and Curiosity) war der erste, dessen Interesse in erster Linie dem Interesse galt, wie er sich selbst ausdrückte. Warum suchen Menschen Neuartiges, Komplexität, Unsicherheit und Konflikte? Wann entsteht Interesse?

Die Skript-Theorie von Silvan Tomkin: Ein Skript ist ein Schema, ein Set von Regeln die Vorhersagen erlauben da sie Interpretationen leiten, Antworten anregen und beides kontrollieren. Skripts sind selektiv, da sie gewissen Szenarios den Vorzug geben (das ist ja präzise, was wir unter "Charakter" verstehen), sie sind aber immer unvollständig, da sie keine präzise Vorhersage erlauben - denn der Mensch ist immer frei, ja oder nein zu sagen oder auch bloss häää? Skripts werden durch Erfahrungen immer wieder umgeschrieben, was mit zunehmendem Alter vermutlich seltene geschieht, aber nie ausgeschlossen ist. Affluence scripts, Skripte des Überflusses, durch Interesse genährt, sind sind die Quelle der individuellen Lebensfreude (Tomkins 1991)..

Andere Autoren beschreiben den Vorgang eher als Prägung durch Wiederholung, durch das aus situativem Interesse ein persönliches und damit den Charakter bildendes Interesse wird.

Freud (der Freudlose) interpretierte Interessen als in akzeptable Verhaltensweise verwandelten Ausdruck instinktiven Verhaltens. Während letzteres in einer "kultivierten" Gesellschaft immer anstösst, werden destruktive Impulse, wenn sie sich über Boxen, Jagd, Söldnerwesen oder dergleichen äussern, weit besser akzeptiert. Laut Freud (der es offenbar nicht für möglich hielt, dass der Mensch von etwas anderem als unbewussten Zwängen gesteuert wird), der daran zweifelte, dass Interessen per se genossen werden können, interpretierte sie so als Reduktion, als Substitution instinktiver Triebe.  (s. Sublimierung bei Max Weber)

Anne Roe nahm dies in etwa auf, und führt Interessen darauf zurück, dass diese Charaktere durch eine lieblose Erziehung sich von personenbezogenen Gratifikationen abwendet und sich auf unpersönliche Objekte konzentriert wie Natur, Tiere, oder eben Ideen, womit er nebst den Intellektuellen gleich auch noch die Hundefreunde und Naturschützer in die Pfanne haut. (Manchmal sollte man vielleicht die Psychologen in Behandlung schicken ...). Also, konkreter, in meinem Fall, extremer Fall von i(nteressegesteuertem)-Typ lag das sicher nicht an liebloser Erziehung, aber an kognitivem sozialem Chaos, bedingt durch die in manchen ehelichen Beziehungen übliche, durch "double-bind" verursachte, absurde Kommunikation im Elternhaus. Da diese meist ein Leben lang von den Erwachsenen nicht verstanden wird, sind sie für Kinder total unverständlich, was ein geistig aufgewecktes Kind eben ins Grübeln bringen kann.

Loewensteins information gap theory: Interesse/Neugier entsteht dort, wo sich die Aufmerksamkeit auf ein Loch im eigenen Wissen fokussiert. Das erklärt perfekt, warum Menschen (Philosophen), die wissen dass sie nichts wissen, die also am meisten Wissenslöcher wahrnehmen, das höchste Niveau an Interesse zeigen.

 

3. RIASEC: Hollands Modell der beruflichen Interessen

Berufsinteressen werden von vielen Psychologen als Teil der Persönlichkeit, des Charakters betrachtet. Sie werden deshalb bei Kaderselektionen meist getestet. Hier können wir nun den Spiess mal umkehren, denn diese Tests, die zur Auswahl der Kader dienen, lassen also eindeutige Schlüsse darauf zu, welcher Charakter die Kader bestimmt!

Interessen motivieren - Motive führen zu Handlungen - in der Handlung zeigt sich die Freiheit des Menschen. Wo Interessen sich nicht entfalten können, gibt es auch keine Freiheit.

Vor 80 Jahren (präziser seit Max Weber) galten die Interessen als ideale Grundlage für die Berufung/den Beruf. Heute allerdings scheint das Motto für die einen eher zu lauten: So weit nach oben wie möglich ... aber lieber durch List als durch Bildung, für die andern: So wenig weit runter wie möglich ... aber besser durch List, denn durch Bildung hat man eh keine Chance. Dieses Feld macht den grössten Teil der Interesseforschung aus und ist deshalb recht "empirisch", um nicht zu sagen handgestrickt.

Das bekannteste Modell ist John Hollands RIASEC-Modell

Eine Schwäche des Modells die bald erkannt wurde, ist die fast ausschliessliche Platzierung von Führungsjobs unter E(nterpreneur). Wettbewerb um soziale Positionen gibt es aber in allen Branchen. Richter, Aerzte, höhere Verwaltungsbeamte (Minister, Direktoren), Professoren entstammen doch deutlich unterschiedlichen Branchen - auch wenn eine akademische Ausbildung meist unumgänglich ist.. Deshalb hat J.G. Tracey dieses Kreismodell um die Achse "Prestige" zum Kugelmodell erweitert. Die Diskussionen, ob nun Kreis, Kugel oder Zylinder scheint mir aber etwas fahrlässig, ein gutes schlechtes Beispiel für die geistigen Irrwege die der Konstruktivismus erlaubt. [MONOGRAPH Personal Globe Inventory: Measurement of the Spherical Model of Interests and Competence Beliefs Terence J. G. Tracey Arizona State University. Journal of Vocational Behavior 60, 113–172 (2002) doi:10.1006/jvbe.2001.1817, available online at http://www.idealibrary.com on]

Ich hab drum mal versucht, das RIASEC-Modell mit den in klassischen Milieustudien verwendeten Gruppen zu verbinden. Das führt zu ein paar interessanten Schlüssen:

  1. Die Gruppierungen, die dauernd die Freiheit auf dem Banner führen, befinden sich eigentlich dort, wo die Interessen auf Data und Ordnung bezogen sind, wo konventionelles Verhalten auf der einen, herrschaftliches auf der andern Seite gefordert ist, also politisch rechts.

  2. Diejenigen die meist als "Linke", also Staatsgläubige, Unfreie, apostrophiert werden, entstammen eher dem künstlerischen oder forschenden Milieu, also dem Reich der Ideen und der Freiheit.

Die rechte Seite (politisch eher der Linken entsprechend) verkörpert individuelle Freiheit, Unabhängigkeit, Offenheit für Experimente, während links (in der Graphik) konventionelle Anpassung, Realitäts- und Geschäftssinn dominieren.

  1. Investigativ und Enterprising stehen sich, was Interesse als Disposition betrifft, diametral gegenüber. Da Interessen zwar mit den benachbarten überlappen können, aber mit zunehmender Distanz immer schwieriger zu vereinen sind, haben wir hier offenbar bereits auf psychologischer Ebene eine beträchtliche Unvereinbarkeit zwischen dem Typ des Unternehmers und dem des Forschers. Das macht die gegenwärtigen Absichten, die Hochschulausbildung auf die Bedürfnisse des Marktes, d.h. präziser der Betriebe, auszurichten, um so absurder. Ein Unternehmen arbeitet strategisch-taktisch, ein Forscher sucht nach wahren, gegebenen Zusammenhängen, die sich, unter Umständen, auch für Vorhersagen (Prognosen), neue Produkte oder Produktionsabläufe nutzen - sich aber nicht von diesen bestimmen lassen können. Aus präzise diesem Dilemma wurden die Fachhochschulen geschaffen, die als Eier legende Wollmilchsäue gleichzeitig theoretisch und praktisch brillieren sollen, aber eigentlich so nicht mehr in der Lage sind, vom Ursubstrat der Forschung her zu agieren, das sich eben gerade im Interesse findet, sondern bloss noch vom konventionellen Realismus, vom Unternehmer, von der Gesellschaft oder vom Design her gestellte Probleme im Auftrag bearbeitet. Sind die traditionellen Hochschulen im Denken behindert durch die Auftrennung des Wissens in Disziplinen, so kommen die Fachhochschulen über ein banales Klein-Denken innerhalb des Gartenzauns des eigenen Praxisfeldes schon grad gar nicht hinaus. Hier sind Ursache (Interesse an Erkenntnis) und Wirkung (nutzbares Wissen) eindeutig umgekehrt worden, was meist nicht funktioniert.

     

  2. -
    s. Von Daten zu Information - Wissen und Handlung.
    Apropos Handlung: Handlung ist frei - was Verantwortung begründet. Deshalb muss sie sich an Werten orientieren - und die Integration von Werten ins Wissen, das Gespür für die rechten Werte, wäre dann eben die Weisheit ... nach der aber offenbar nur Philosophen streben, nicht aber Unternehmer.
    Enterprising und Investigative liegen auf der Achse, die auch als Data <> Ideen bezeichnet wird. Das macht die aktuellen Probleme noch verständlicher, denn Data sind eben nur rohe Informationen, die nicht in einen Zusammenhang eingebunden und damit erklärt und zu Wissen wurden. Die politische Rechte (die linke Seite des Diagramms) beschränkt sich auf die Analyse des absolut minimal notwendigen Datenfeldes für die strategisch-taktische Durchsetzung ihrer Interessen, interessiert sich aber einen alten Hut für Zusammenhänge, die über diese kleinkarrierten Interessen hinaus gehen. Die hier verstandene und bewältigte Komplexität ist also minimal. Die Entfernung von Wissen, von Weisheit gar nicht zu sprechen, gewaltig.

FAZIT:

Manager werden dafür bezahlt, andere Interessen als die Eigenen zu vertreten, zumindest vordergründig. Managerlöhne sind also nicht primär Leistungslöhne, sondern gekaufte Loyalität, für das Vertreten der Interessen der Auftraggeber. Dies ist deshalb so problematisch, weil es eigentlich um Herrschaftsbegründung oder meist -Ausdehnung geht, aber dies zu Gunsten anderer, der Auftraggeber, der Aktionäre, der Shareholder. Welches Interesse sollte der Manager also daran haben, ausser sich einen möglichst grossen Teil des Kuchens, des eroberten Territoriums, der Kolonie, abzuschneiden? Wenn also aus dem politisch wie wirtschaftlich dominierenden Bereich, dauernd Empfehlungen neoliberaler Art kommen, dann nicht, weil diese im Interesse des Volkes wären, sondern weil sie dem Interesse der Herrschaft (des Geldes) dienen.

Ein ähnliches Problem sehen wir aber auch in der Entwicklung von Elite(Hoch-)Schulen. Auch diese sind weniger vom Interesse an Wissen/Forschung/Erkenntnis her gesteuert, als vom Interesse der Absolventen, zur Macht- und Geldelite zu gehören. Da diese aber statusorientiert agiert, agiert sie konservativ (und sowieso rein materialistisch), steht also eigentlich mit den investigativen Interessen der Forscher, mit dem Geist, wie schon immer, auf Kriegsfuss.

Noch übler steht es um den Bereich sozialer Forschung, der zwischen Geltungs- und Machtbedürfnis - (manchmal auch reinem Überlebenswillen) auf der einen, progressivem Gestaltungstrieb auf der andern Seite zerrieben wird, was die Ausführenden betrifft, der sowieso total veräppelt wird, was die Meinung der Konventionellen und Realistischen betrifft, obwohl dort eigentlich die meisten "Kunden" des Sozialbereichs zu finden wären.


 

 Das gegenwärtige Ordnungsmodell mit seinen 7 Paradoxien:

PRAKTIKER

Hier DAS Kernproblem unserer Ordnung: Dieser Typ C, der Konventionelle, der Buchhalter oder Bankangestellte, ist DAS MODELL des homo oeconomicus, nach dem wir, ob wir wollen oder nicht, alle zu leben haben.

Die Konventionellen setzen sich dafür ein, dass immer schneller und immer billiger * produziert wird, was in die Paradoxie der intensiven Stagnation mündet: Die Mehrproduktion kann, oft auch zu günstigeren Preisen, nicht abgesetzt werden. Es muss mehr gearbeitet werden für tiefere Löhne.

Man könnte den Bereich auch Paradaxon der gesparten Zeit nennen, denn diese kann heute nur positiv genutzt werden, wenn für den Konsum von Frei-Zeit noch mehr Geld zur Verfügung steht.

Die Paradoxie der intensiven Stagnation lässt sich leicht verstehen, wenn Sie sich mal fragen, warum ausgerechnet Konservative immer mehr Flexibilität von den Untergebenen fordern. Während dem sie von der natürlichen und billigen "Flexibilität" des Geldes profitieren - tragen andere die Kosten der beruflichen Anpassung und prekärer Einsatzmöglichkeiten.

Die Realisten sind problematisch, da sie das gegebene Modell für Realität halten, sich daran anpassen, und es so unterstützen. Leistungsideologie, Produktionsgesinnung, Meritokratie sind nicht realer als Einhörner ... aber wenn "Realisten" sich an die Vorgabe halten ...

Das ist unser Realitätsparadoxon

Die Realisten, Bauern, Handwerker, Kleinunternehmer ... sind die Könige der Ideologie, denn dadurch dass sie an die Leistungsideologie: harte Arbeit -guter Lohn / Eigenverantwortung / Meritokratie / Bildungsideologie etc. glauben und danach handeln, machen sie diese erst zur "Realität".

THEORETIKER

 

Die Investigativen bilden ebenfalls Teil des Problems, denn nach ihrem Vorbild wird die Bildung gestaltet: Wissenschaftlich - obwohl dadurch 2/3 der Gesellschaft ausgeschlossen werden und nicht Forschung, sondern Produktion, Handel, Verwaltung ... die Lebenspraxis ist.

Das ist unser Bildungsparadoxon

s. Die Erhaltung sozialer Ungleicheit durch das Bildungssystem

DIE HERREN DER WELT
(Die goldene Horde)

herrschen per:

Grösse

Macht

Gräben und Wällen

Netzwerken

und vielem mehr.

Dies ist kein Paradoxon, denn es galt und gilt schon immer: Wer zahlt - befiehlt!

Paradox ist es höchstens, diese Ordnung dennoch Demokratie zu nennen.

Künstler/die Kreativwirtschaft produzieren zum grossen Teil kulturellen Gingernillis (Firlefanz), dessen wichtigste Funktion es ist, die Distinktion der Oberen zu unterstützen. Kultur wäre aber eigentlich dazu da, die Erde pfleglich zu bewirtschaften. Hier liegt also unser Kulturparadoxon.

Die Kulturbranche ist zudem verantwortlich für das Innovations-Paradoxon: Alte Produkte in neuer Verpackung - eine der wichtigsten Beschäftigungen der Branche


Die "Sozialen" überleben dank der vielfachen Fehlfunktionen des Systems, das insbesondere am andern Ende, bei Konventionellen und Realisten, sich des Überschusses an Mitarbeitern entledigt und so die Profite der Herren der Welt fördert. Ungeschickter Weise sind die Interessen gerade diametral entgegen gesetzt. Die Helfer setzen auf Kooperation und Gemeinschaft, die "Geholfenen" entstammen der Schicht die auf Wettbewerb und Eigenverantwortung setzt.

Das ist unser soziales Paradoxon

* Auf Grund des Paradoxons der gesparten Zeit  verursachen günstigere Preise auch keine Deflation, obwohl der Umsatz nicht immer entsprechend erhöht werden kann, denn das überschüssige Geld geht in Versicherungen, an die Krankenkassen das kleinere Kapital, an die Börse das grössere.

Zusammenfassend müsste man die heutige Weltordnung also so darstellen - als Auftrag an alle, nach ihren Begabungen und Interessen, an der Verwertung der Welt teilzunehmen, diese so zu gestalten, dass sie das Maximum an Profit abwirft. Analog zu den Neokonservativen, denen es weniger um die Erhaltung der traditionellen Werte als um die Erhaltung und Vergrösserung kapitaler Werte geht, müsste man bei der heutigen Linken, insbesondere der SP, nicht mehr von einer progressiven, sondern von einer "neoprogressiven" Bewegung sprechen.

Ob das die Welt ist, in der wir UNSERE INTERESSEN verfolgen können?

Wohl kaum, denn das Modell zeigt, so ganz nebenbei,
unter welchen Bedingungen Forscher, Künstler und Sozialarbeiter Aufträge erhalten ...

Sie können im Forum zu diesen Thesen Stellung nehmen,
sie kritisieren, ergänzen ... was immer Sie für angebracht halten.

Martin Herzog, Dipl. Ing. ETH, Basel 11.3.07

*

If we don't stand for something, we may fall for anything.

Malcolm X

Definition Paradoxie: Etymologisch von para (gr. gegen), doxon (Meinung / Lehre), also etwas das dem generellen Wissen, den Erwartungen nicht entspricht. Klassisch in traditionellen Texten der Überlieferung, also den rel. heiligen Schriften, da der allwissende Gott natürlich in seinem Buch sich ganz anders ausdrückt, als es die tumben Toren (die normalen Menschen) verstehen. Heute gilt das selbe ....vor allem aber für Wirtschaftstheorien.

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