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Entwicklungspsychologie

Die Entwicklung des Individuums und der Gesellschaft

Rolf Oerter & Leo Montada: Entwicklungspsychologie. Beltz. PsychologieVerlagsUnion. 4. Auflage 1998

Die Entwicklung des Individuums

You miss 100 percent of the shots you never take.

Wayne Gretzky

Es handelt sich hier nicht um einen umfassenden Beitrag wie ich sonst zu liefern bestrebt bin, sondern um ein Fragment. Ich publiziere es dennoch, weil es sehr schön zeigt, dass Kinder und Jugendliche eine ganze Menge zu verarbeiten haben, ihre vermeintliche "Frei-Zeit" also nicht einfach nutzlos verstreicht und besser zur Schulung markdienlicher Fähigkeiten benutzt würde. Das Fassungs- und Entwicklungsvermögen eines jeden Menschen ist beschränkt. Bombardieren wir Kinder bald bereits im Kindergarten mit Fremdsprachen, steht zu vermuten, dass anderes Lernen darunter leidet:

Die Kindliche Entwicklung kann aufgefasst werden als Prozess der Differenzierung und Integration. Die Begriffe sind komplementär wie Wissen und Nichtwissen (Ignoranz). Differenzierung heisst z.B. auch Spezialisierung (nicht nur in beruflicher Hinsicht), und wird beruflich immer wichtiger - erschwert aber gleichzeitig logischerweise die Integration. Man könnte es mit einem Kalauer so ausdrücken: Je differenzierter - desto mehr Differenzen.

Gewohnheiten sind erst Spinnweben, dann Drähte.

spanisches Sprichwort

Dadurch sind Entwicklungsprobleme auch Passungsprobleme (to fit: passen, passend machen. Survival of the fittest: Das Ueberleben des am besten (an die Umwelt) Angepassten. Mehr dazu demnächst unter dem Thema Konstruktivismus).

  1. Die Suche nach Sinn und nach Erklärungen ist eine Kategorie von Bewältigungsmöglichkeiten.

  2. Positive Illusionen über die Zukunft,

  3. emotionsdämpfende Vergleiche mit anderen, denen es schlechter geht,

  4. Suche nach Hilfe und Unterstützung und

  5. konkrete Anstrengungen, die Probleme zu lösen, sind andere. [S. 69-70]

Drei Strategien sind dabei möglich:

  1. Das zähe Festhalten an einmal gewählten Zielen

  2. Eine flexible Akkommodation der Ziele an die Gegebenheiten.

  3. Die Anpassung (Adaptation) der Gegebenheiten an die erwünschten Ziele. (Diese ist weder in dem noch in andern Büchern erwähnt sondern wurde von mir eingefügt, ist aber weitaus weniger absurd und marxistisch als es auf den ersten Blick aussieht, gerade wenn wir den Konstruktivismus als herrschende Denkweise akzeptieren).

Folge: Schwierige Kinder können geduldige, anpassungsbereite, einfallsreiche Mütter haben oder aber Mütter, die Machtansprüche und rigide Vorstellungen über das haben, was "normal" ist und wie ein Kind zu sein hat. Im letzten Falle sind autoritäre und gewaltsame Durchsetzungsversuche der eigenen Vorstellungen wahrscheinlicher. ... Häufig und rigide bestraft werden überzufällig häufig die schwierigen Kinder, und zwar von Eltern, die zu einer rigiden Machtbehauptung neigen oder sich erzieherisch als ohnmächtig erleben:

Unstimmigkeiten bei den Eltern führen leicht zu geringer Selbstkontrolle und Belastbarkeit sowie Verhaltensauffälligkeiten bei den Kindern. Sie übernehmen eben das, was sie sehen, nicht das, was man ihnen sagt, dass sie es tun sollen.

Die Entwicklung einer persönlichen Identität über vorgegebene Rollenmuster, Normorientierungen,Handlungs- und Deutungsschemata hinaus sollte Erziehungs- und Sozialisationsziel sein. [S. 59]

 

Die enorme Bedeutung frühkindlicher Entwicklungsstufen für die Entwicklung der Persönlichkeit:

Einer der wichtigsten Schritte der Entwicklung ist das Greifen. Es handelt sich dabei nicht bloss um eine motorische Aufgabe. Gegenstände werden aus der Nähe und Ferne sowie aus verschiedenen Richtungen gesehen, also perspektivisch. Wo also später das Erkennen unterschiedlicher Perspektiven nicht mehr klappt, muss das am fehlenden Be-Greifen liegen. (Sie sehen, wie einfach unsere Sprache eigentlich konstruiert ist). Folgerichtig belegt die Steuerung der Hand den proportional grössten Anteil des Grosshirns des Menschen. Folgerichtig sollte Handarbeit auch später nicht zu sehr vernachlässigt werden.

Mit 8-12 Monaten erlangt das Kind aktiven Zugriff auf das Langzeitgedächtnis. Es kann nun neue Bilder bewusst mit alten vergleichen. In dieser Phase beginnen Kinder auf Gegenstände zu zeigen, was bedeutet, dass sie sie erkennen, und versuchen sich immer häufiger auch verbal zu artikulieren. Objekte haben nun eine eigene Existenz, unabhängig vom Ich. Bereits hier in dem Alter ist menschliches Denken den meisten Tieren überlegen, da diese versteckte Gegenstände als Konzept nicht kennen. Hunde z.B. scheinen extrem dämlich, wenn das Fleisch in einem Eimer liegt, der von einem Brett zugedeckt ist. Die kommen nicht dahinter, Katzen jedoch relativ rasch, Affen sowieso.

Mit 18 bis 24 Monaten verflüssigen sich die Bewegungsabläufe, das Kind beginnt  zu rennen, zu springen, Bälle zu werfen und herumzutollen. (Falls nicht, nicht aufregen, es gibt Fälle da geht es 3 Jahre oder länger bis es so weit ist. Das Kind kann sich einfache Handlungsziele vorstellen, und darauf hin planen und das Ergebnis mit den Vorstellungen vergleichen. Es besteht mehr und mehr auf Selbermachen. Klötzchenbauen z.B. Wichtig ist in der Phase, dass ausreichend Lernreize zur Verfügung stehen, Lernreize wie sie vom Kind gesucht werden - nicht die, die Personalchefs vorgeben.

Das in diesem Alter häufig auftretende Trotzverhalten liegt an der noch sehr starren Planung. Wenn nur das geringste nicht stimmt, gerät ihm das ganze Konzept durcheinander. Das Kind ist starr auf sein Ziel fixiert. Wird es dabei gestört oder bei der Ausführung unterbrochen, gerät es in ein Handlungsvakuum. Es weiss weder ein noch aus (das gibt's ja auch bei älteren Kindern, vor allem im Militär. s. Irak). Das Verhalten verschwindet mit zunehmender Handlungskompetenz, es sei denn, es werde durch eben so bockige Erziehung chronisch verankert.

Entwicklungsaufgaben im Jugendalter:

Wenn einem dann die Schule und der Arbeitsmarkt sagen: Aus Dir wird nix, du bist nicht zu gebrauchen ...
dann kann die daraus resultierende Ziellosigkeit der Jugend eigentlich nicht bloss dieser selbst angelastet werden.

 

Die Entwicklung von einer Gesellschaft die weiss zu einer Gesellschaft der manipulierten Ignoranz (nach: Soziokultureller Relativismus (Mead 1971) )

Identität bedeutet Bindung an Sinnkonzepte, kulturelle Werte und Orientierung an Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft innerhalb der Gesellschaft. In komplexen, sich rasch wandelnden Gesellschaften wird dies zum Problem. Mead unterscheidet hier 3 Kulturkategorien (mit Krieg der Kulturen und Anpassungsfähigkeit zusammen):

Die postfigurative Kultur ist eine statische und durch Traditionen bestimmte Drei-Generationen-Kultur, in der die Kinder primär Erfahrungen der Erwachsenengeneration übernehmen. Der Sozialisationsprozess ist über Generationen hinweg stabil. Die für die Lebensbewältigung notwendigen Fähigkeiten werden früh erworben, so dass biologische und soziale Reife identisch ist und mit der Pubertät der Status des Erwachsenseins erreicht ist. Identität wird im Zuge der Internalisierung von Sinnkonzepten und Werten erworben, deren universelle Richtigkeit und dauerhafte Gültigkeit nicht in Frage gestellt wird.

Dies ist das konservative autoritäre Modell, dass heute noch einer knappen Mehrheit so vorschwebt: Wir wissen was gut ist für euch: GEHORCHT! Es findet sich vor allem im Islam wie andere religiös basierte Kulturen ... wobei allerdings die Ökonomie heute ebenfalls als Religion genommen werden muss. Neoliberale Predigten zur Allmacht des Marktes und den Wohltaten des Wettbewerbs  haben Predigten über die Allmacht Gottes längst ersetzt. (Postfigurativ: Nachdem die Figur, die Struktur, längst konstruiert wurde, von Gott, den Ahnen, der Herrschaft).

Die konfigurative Kultur, der gegenwärtige Lebensformen entsprechen, ist eine mobile, durch raschen Wandel gekennzeichnete Kultur, in der die Lebensbewältigung in hohem Mass an Orientierungsleistungen gebunden ist. Neben der zwei Generationen umfassenden Kernfamilie sind Schule und Subkultur der Gleichaltrigen wesentliche Orientierungsinstanzen. Aus der Differenzierung des Ausbildungssystems resultieren Berufs- und Statusveränderungen, die zu Entfremdung und Konflikten zwischen Jugend- und Elterngeneration führen. Dem Aufbau von Identität bietet sich einerseits ein Spektrum von Wert- und Verhaltensalternativen, andererseits sind Ungewissheit der Gültigkeit und Entscheidungsunsicherheit Quellen für Desorientierung.

Das ist das (semi-post)moderne liberale Modell, dass den amöbengleich sich ändernden Markt zur absoluten Orientierung hoch stilisiert: Strebet nach mehr. Strebet nach sozialem Aufstieg - der sich an der Habe misst. Wandel ist die Norm - Dauer schon fast verdächtig, auf jeden Fall meist unrentabel. Das Modell funktionierte, solange jedes Konstrukt seinen Absatz fand, der Markt also wuchs - aber nur so rasch, dass die Ausbildung recht passgenau darauf abgestimmt werden konnte - und die akkumulierte Habe noch nicht die Welt zumüllte..

Die präfigurative Kultur entwirft Mead als prognostisches Modell für neue Antworten auf wachsende Umweltgefährdung und soziale Probleme, die aus technischem Fortschritt und soziokulturellem Wandel erwachsen. Die zunehmende Distanz zwischen den Generationen erschwert die Identitätsbildung. Eine Unterstützung seitens der Erwachsenen wird in der Fähigkeit gesehen, Bindung zu lehren. Ein zentrales Moment für den Austausch zwischen den Generationen stellt die Veränderung der Kommunikation dar. Hierfür werden die Bereitschaft und Fähigkeit der Erwachsenen, von Kindern zu lernen, als bedeutender Faktor erachtet.

Dies ist das gegenwärtige postmoderne Modell, in dem Moden als Orientierung dienen  - wobei vergessen gemacht wird, das Moden gemacht werden - in dem Planung verdammt und Wandel geheiligt wird - wobei vergessen gemacht wird, dass insbesondere der lukrative Wandel ebenfalls gemacht wird. (Präfigurativ: Vor dem eine Vorstellung darüber besteht, was da kommen mag, also eine Kultur der Ignoranz - und damit der Spekulation).

 

Der graduellen Auflösung der Familie steht zur Zeit noch kein bewährtes alternatives Modell gegenüber. Die Familie war eine Beziehung, die auf die nachfolgenden Generationen ausgerichtet ist, also langfristig, intim, intergenerationell.  Löst sich das auf, werden Beziehungen temporär, müssten wohl eher Kommunen die Aufgabe der Kindererziehung aufnehmen.

 

Und/Oder, eine eigentlich einfache Lösung, basierend auf der Gleichung ZEIT = GELD

Wenn Zeit Geld ist, warum verwenden wir dann so viel Zeit um Geld zu scheffeln, das wir dann wieder, mit Tauschverlust, gegen Zeit eintauschen, oder, aus schierem Zeitmangel, schon gar nicht mehr brauchen können? Iris Radisch (Die Schule der Frauen: Wie können wir die Familie neu erfinden) kommt da auch nicht viel weiter. Das Fazit ihres Buches ist eigentlich kaum mehr, als dass wir die Zeit wieder anders werten müssen, dass Kinder Zeit brauchen, das kindliche (wie jede) Entwicklung Zeit braucht - und zwar nicht kondensierte quality time sondern Zeit für Erfahrungen, Zeit zum Erleben, Zeit zum Spielen, Zeit für Bewegung - Zeit zum Leben - geschenkte Zeit. Zeit kriegen wir geschenkt, Geld nicht ... warum also ziehen wir nicht die Zeit vor? (Antwort: Weil wir propagandistisch in die kollektive Plemplemität getrieben wurden, über hunderte von Jahren bereits, mit Unterstützung der alten Religionen, bis diese durch die Religion des Geldes und deren Kultur der Ignoranz ersetzt wurden.)

Gerade wenn es um das individuelle Leben geht, so gilt doch vermutlich der seltsame Satz: Der Weg ist das Ziel ... denn der Tod kann es ja kaum sein, also auch nicht ein Tod auf einem Haufen von Kapital. Gilt dies nicht, wenn es um die Gesellschaft geht - die es, als Sozietät, laut liberalem Credo ja gar nicht gibt. Dann gilt es also bloss für die Gesellschaft in der Form von Aktiengesellschaft oder ähnlichem, die weiterhin postfigurativ bestimmen, was gilt - das Individuum aber nicht in präfigurativer Freiheit der Gestaltung seines Lebens belassen, sondern bloss in präfigurativer Ignoranz gefangen halten.

Martin Herzog, Basel, 11.4.07

Das Konzept von Graves:

The Emergent Cyclical Levels of Existence Theory“ (ECLET) (Die zyklisch auftauchenden Ebenen der Existenztheorie)

Graves entwarf ein Entwicklungsmodell für die Entfaltung der Persönlichkeit und für die Evolution von Kulturen und Organisationen. Er erweiterte die Theorien von Abraham Maslow (Motivationspyramide) und Carl Rogers (Selbstaktualisierungstendenz). Zentraler Ausgangspunkt seiner Betrachtung war die Motivation, die von Werten repräsentiert wird und die Evolution dieser inneren Wertesysteme. Werte sind hier nicht als schöngeistige Prinzipien im Sinne einer philosophischen Wertediskussion zu verstehen, sondern als neuropsychologisch vorhandene, hochwirksame Motivatoren für bewusstes und unbewusstes menschliches Verhalten. Einfach ausgedrückt sind Werte das, was uns wichtig ist. Werte motivieren uns. Werte können bewusst oder unbewusst wirken.

Graves beschrieb acht Werteklassen. Das System ist nach oben hin offen, d.h. Graves lässt die Möglichkeit zu, dass es noch höhere Werteklassen gibt als die Acht, die er beschrieben hat.

Pierre Bourdieu setzt in seiner Definition für Sozialkapital an der Perspektive des individuellen Akteurs an: „Das Sozialkapital ist die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionalisierten Beziehungen gegenseitigen Kennens und Anerkennens verbunden sind; oder anders ausgedrückt, es handelt sich dabei um Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen“

Graves System basiert auf zyklisch wechselnden Phasen zwischen eher individualistischer Akumulation und Nutzung von Sozialkapital und der Entwicklung von reellen sozialen Strukturen.

Diese Annahme einer systematischen Wechsels zwischen der Dominanz von privat genutzten sozialen Ressourcen und gesellschaftlicher Nutzung derselben ist nun doch recht theoretisch - und vor allem nicht belegt.

Ich halte zwar die Wertlehre von Graves tendentiell für Nonsense und sollte mich an die Rhetorik des Schweigens halten, also nicht noch mehr Aufmerksamkeit auf Nonsense lenken. Da das Konzept aber in vielen Bereichen auch von seriösen Institutionen verwendet, von weniger seriösen noch lieber missbraucht wird, hier eine kleine Aufklärung:

In jeder Stufe der menschlichen Existenz ist der erwachsene Mensch auf der Suche nach dem heiligen Gral, der Art, wie er zu leben, wünscht.

Jede Stufe ist eine Reaktion auf veränderte Umweltbedingungen und auf die Einschränkungen der vorausgehenden Stufe.

Graves-1 – „Überleben“ - individuumsorientiert1 Überleben  Naturzustand

Suche nach automatischer körperlicher Befriedigung

Das erste Wertesystem stammt aus der Zeit der Steinzeitmenschen, der Zeit der Jäger und Sammler. Elementare Überlebenswerte haben Vorrang:

Positiv integriert im heutigen Menschen bewirken Graves-1-Werte, dass der Körper und seine Bedürfnisse bewusst wahrgenommen werden und jedem die eigene Gesundheit wichtig ist: Bewegung, Kontakt zur Natur, etc.

Diese Art des Seins kommt in frühen menschlichen Gesellschaften vor, bei Neugeborenen, senilen Alten, Alzheimer Patienten im Spätstadium, verwirrten Obdachlosen, Hungernden Massen und Explosionsschockopfer.

Anteil an der erwachsenen Bevölkerung: schätzungsweise 0,1%.

Zustand der Welt 

Naturzustand mit Mangel an  Nahrung, Schutz, Sicherheit

Erfolgversprechende Reaktionen

Überlebens-orientiertes Handeln wie bei den Tieren ist sinnvoll und angemessen.

Kohlberg = 0 oder wie Brecht sagte:

Erst kommt das Fressen, dann die Moral.

Maslow 1

Physiologische Bedürfnisse

Kommentar: Graves halt ich für Kokolores, da hier Einstellungen hierarchisch gestaffelt werden, die eigentlich meist parallel vorhanden sind. So hat sich der Stamm nicht aus aggregierenden Individuen ergeben, sondern war von Anfang an Ueberlebenswichtig ... bereits bei den Affen.

Graves-2 – „Sicherheit und Identifikation“ - gruppenorientiertes Stammesleben  - Magie 

Suche nach einer gesicherten Art zu leben

Die Entwicklung führt die menschliche Rasse weiter in die Erfahrung des Stammeslebens. Der Mensch ordnet sich dem Stamm und dem Häuptling unter und bekommt Sicherheit. Nun kann er z.B. ruhig schlafen und andere wachen. Als Ausgleich setzt er/sie sich voll für den Stamm ein und identifiziert sich mit ihm. Dies gibt ihm/ihr zum ersten Mal eine sozial-basierte Identität. Sicherheit und Identifikation sind so die wichtigsten Graves-2-Werte.

In modernen Organisationen bildet das Graves-2–Wertesystem die Motivationsebene der Identifikation und Zugehörigkeit. Größe und Bekanntheit einer Organisation bzw. ihr Image in der Öffentlichkeit sind für die Karriereplanung ein wichtiges Auswahlkriterium.

Sicherheit, Bindung, sich „Zuhause" fühlen, Rituale bewahren, Treue zur Organisation, Teil der Gruppe sein, dazugehören, das Prinzip der Ältesten (Seniorität), Vergangenheitsorientierung, Stolz auf die Organisation sein, Nationalismus, örtliche Gebundenheit, Treue zu den Wurzeln, „gemeinsam sind wir stark“.
In Organisationen mit starker Graves-2-Ebene laufen alle Entscheidungen und Informationen über den „Häuptling“. Innovationen haben es schwer, „da die Ahnen geehrt werden“.

 

Hier sind jetzt ganz andere Werte im Vordergrund. Die Gruppe hat die Macht über den Einzelnen.

Vorkommen: Glaube an Voodoo-ähnliche Verfluchungen, Blutschwüre, Familienrituale, Aberglaube; verbreitet in der Dritten Welt, in Gangs, Sportmannschaften, und organisierten „Stämmen".

Anteil an der erwachsenen Bevölkerung: schätzungsweise 10%.

Zustand der Welt 

Die Naturgewalten flößen Angst ein und sind unvorhersehbar und unverstehbar. Sie werden  als bedrohlich erlebt.

Erfolgversprechende Reaktionen

Zusammenschluss mit anderen zur Einflussnahme auf die bedrohlichen Naturgewalten durch magische Rituale, die Ängste reduzieren.

Kohlberg Stufe 1:

Niveau 1 - Prämoralisch

Stufe 1: Orientierung an Lob und Strafe (fraglose Unterwerfung unter Macht)

Maslow 2:

Sicherheitsbedürfnis

Maslow 3:

Liebe, Zugehörigkeitsbedürfnis - soziale Beziehungen (hier der Assimilation)

Kommentar: Netzwerke: Funktionieren heute als geschicktestes Kooperations- und Koordinationsinstrument ebenso ausschliessend für Unerwünschte und disziplinierend für Angeschlossene wie sonst Gruppen.

Graves-3 – „Macht und Kraft“ – individuumsorientiert: Ritter, Held, Einzelgänger

Suche nach Heldentum, Macht und Ruhm

Stärke, Ehre, Mut, Macht, Respekt bekommen, cool sein, unnachgiebig sein, Durchsetzungsvermögen, den „Kick“ suchen.

Menschen mit starken, aber durch höhere Werte balancierten Graves-3-Anteilen sind sehr proaktiv und ergreifen schnell die Initiative. Verkäufer benötigen einen starken Graves-3-Anteil, um sich im Markt zu behaupten. Auch Führungskräfte benötigen eine Umsetzungskraft, um als Vorbilder akzeptiert zu werden. Für Menschen, die in Graves-3 zentriert sind, ist Ansehen und Status sehr wichtig. Sie wollen als stark und mächtig gesehen werden. Gesichtsverlust und Schande vermeiden sie vehement.

Organisationen mit Graves-3-Zentrierung sind Imperien, die machtorientiert geleitet werden. Hier bestimmt Stärke das Beziehungsgefüge. Gesetze und Regeln werden nicht wirklich anerkannt. Es gilt das Faustrecht, das Recht des Stärkeren. Sind die Graves-3-Anteile konstruktiv in eine reife Persönlichkeit integriert, lebt der Mensch innovativ, proaktiv, kraftvoll und lebendig. Der Fokus liegt auf einer Gegenwartsorientierung und es geht um sinnlich wahrnehmbare Dinge (dem Sensing bzw. Wahrnehmer-Stil nach Jung 1921) und nicht um Ideen und Konzepte.

Das entspricht dem Zeitalter der Ritter. Jeder traut nur sich selbst und ist auf seinen Vorteil bedacht.

Vorkommen: rebellierende Jugend, feudale Königreiche, epische Heroen, James Bond Bösewicht, Anführer von Gangs, Glücksritter, New-Age Narzissmus, wilde Rockstars, Attila der Hunnenkönig.

Anteil an der erwachsenen Bevölkerung: schätzungsweise 15%.

Zustand der Welt 

Nur die Stärksten überleben. Aggressionen und Feindseligkeiten gehören zum Alltag. 

Erfolgversprechende Reaktionen

Mit allen Mitteln der Stärkere sein und heldenhaft für sein Recht kämpfen.

Kohlberg

Niveau 2 - Moral der konventionellen Rollenkonformität

Stufe 3: Moral des guten Kindes, das gute Beziehungen aufrechterhält und die Anerkennung der anderen sucht.
Stufe-3-Menschen erziehen indem sie Unterordnung unter die nächste verfügbare Autoritätsperson verlangen.

Stufe 4: Moral der Aufrechterhaltung von Autorität. Die Konventionen werden hier durch geschriebene und ungeschriebene Gesetze und Regeln konkreter Gruppen repräsentiert.

Maslow -

 

Kommentar:  Etwas widersprüchlich: Respek bekommen <> unnachgiebig sein. Ebenso das Recht des Stärkeren, gilt schon bei den Affen, gilt genau so bei den Menschen, hat sich nur nach und nach etwas verkomplexiert, da Körperstärke durch Geschick a) im Umgang mit Waffen, b) im Umgang mit Geräten und Maschinen, c) im Umgang mit dem abstrakten Medium Geld ... ersetzt wurde. Raubritter und Burgherren kämpften meist nicht gegen das Volk, sondern gegen andere Raubritter und Burgherren, die entweder einem andern Herrn loyal waren, oder sogar dem selben, aber als Konkurrenten um Macht und Ehre gesehen wurden. So war der Götz von Berlichingen einmal Raubritter gegen das System - dann wieder Heerführer innerhalb des Systems, das ihn gedungen. Diese Hierarchisierung von Graves ist zu banal. Maslow ist auf den Machtaspekt nicht mal eingegangen. Geschickter zu diskutieren wäre er heute unter Selbstbestätigung, Anerkennung, und besonders Würde, die jedem und jeder in jeder Verfassung garantiert ist.

Graves-4: System der Loyalen Bürokratie - „Ordnung und Autorität“ - gruppenorientiert:

Suche nach höchstem Frieden: Sicherheit, unterordnen, Ordnung, gehorchen, Sicherheit

Wie bekommt man Kontrolle über Raufbolde und Cowboys? Hier entwickelt in der Menschheitsevolution die Gesellschaft nun erstmals allgemeingültige Regeln und Gesetze. Der Einzelne glaubt an Gerechtigkeit und an die von der Gesellschaft akzeptierten Autoritäten, so dass Recht und Ordnung hergestellt

Das Faustrecht wird durch ein allgemeingültiges Regel- und Gesetzeswerk ersetzt. Wichtige Werte dieser Ebene sind: Wahrheit, Gerechtigkeit, Genauigkeit, Gründlichkeit, Kontrolle, Disziplin, Gehorsam, Zuverlässigkeit, Ordnung, Loyalität, Stabilität, Klarheit, Struktur, Gewissheit, Pflicht.
Hier gibt es zum ersten Mal den Staat, der für die Familien und den Einzelnen Struktur, Ordnung und Rechtsicherheit herstellt. Der Mensch ordnet sich der Autorität des Staates unter. Seine Pflichterfüllung verspricht ihm späteren Gewinn. In Unternehmen bilden die Graves-4-Werteebenen die Grundlage für Organisation und Ordnung. Klar definierte Prozesse, eine funktionierende Buchhaltung, ein effektives Controlling, eine gute Qualitätssicherung sind die positiven Seiten gesunder Graves-4-Integrationen.

Nachteile einer Graves-4-Übergewichtung für Organisationen sind: Überhand nehmende Bürokratie und Berichtwesen, ausgeprägte Hierarchien und lange Entscheidungswege. Entscheidungen werden durch Zuständigkeiten der richtigen hierarchischen Ebene getroffen. Personen mit der geeigneten Kompetenz werden in die Entscheidungen oft nicht mit einbezogen. Der Arbeitsstil ist prozedural, detailorientiert und problemvermeidend.
Beispiele für „4er-Gesellschaften“ sind: Puritanisches Amerika, preußische Disziplin, konfuzianisches China, religiöser Fundamentalismus (z.B. Christentum und Islam).
Die Schattenseiten des Graves-4-Weltbildes: Die Welt wird in gut und böse aufgeteilt. Die eigene Weltsicht wird als absolute Wahrheit gesehen. Das Prinzip Schuld wird etabliert. Schuldsuche ist eine Hauptbeschäftigung bei Problemen. Denn Menschen „lernen ja durch Bestrafung“. Menschen mit einer Graves-4-Zentrierung glauben an ihre Werte und finden so Sinn und Struktur in ihrem Leben. Manchmal verbreiten sie missionarisch diese „tieferen Wahrheiten“. Sie leben in einer Lebensphilosophie, die oft als „naiver Realismus“ bezeichnet wird: Sie erkennen nicht, dass „ihre“ Wahrheit eine subjektive Weltsicht ist. Daher sind sie in Konflikten oft sehr intolerant. Auf gesellschaftlicher Ebene drohen hier „Glaubenskriege“. Bricht der Krieg real aus, kommt es zu einer kollektiven Regression auf die Graves-3 -Ebene.
Sind die Graves-4-Anteile konstruktiv in eine reife Persönlichkeit integriert, hat die Person Stabilität und Verantwortungsbewusstsein. Sie ist pflichtbewusst, setzt sich für Recht, Ordnung und das Allgemeinwohl ein, ist gut organisiert und systematisch in ihrem Vorgehen. Schätzungsweise 30 % der erwachsenen westeuropäischen Bevölkerung sind heutzutage hauptsächlich in Graves-4-Werten zentriert. Noch in der Mitte des 20. Jahrhunderts waren die Graves-4-Werte die zentralen Werte der westeuropäischen Gesellschaften (Sprich: Faschismus). Hunderttausende von Beratungsunternehmen haben seit der Mitte des letzten Jahrhunderts daran gearbeitet, dass sich Millionen von Unternehmen und Organisationen von einer Graves-4-Zentrierung in höhere Graves-Ebenen weiterentwickeln.

 

Vorkommen: Bürokratie, Parlamentarismus, puritanisches Amerika, konfuzianisches China, Dickensianisches England, Singapur. Disziplin, Totalitarismus, Kodex der Ritterlichkeit und Ehre, wohltätiges Handeln, religiöser Fundamentalismus (z.B. Christentum und Islam), Pfadfinder, „moralische Mehrheit", Patriotismus.

 
Anteil an der erwachsenen Bevölkerung: schätzungsweise 30%.

Das Faustrecht hat viel Leid mit sich gebracht. Die Privilegierten haben die Ärmeren total ausgenutzt. Durch Regeln, Gesetze, Verträge, Verfassungen, an die sich jeder halten muss scheint eine Weiterentwicklung möglich zu werden. Kohlberg

Stufe 2: Naiver instrumenteller Hedonismus (Moral ist wie ein Handelsgeschäft: wichtig sind Fairneß, Gefälligkeiten erwidern, aber auch Rache für Unrecht. Wie Du mir, so ich dir.) Der eigene Gewinn wirkt als Triebfeder.

Stufe 4: Ordnungs- und Pflichtbewusstseinsorientierung

Maslow 4a:

3Anerkennung durch Ein- und Unterordnung

 

 

 

Kommentar:  Bürokratie garantierte den demokratischen Rechtsstaat - bis die Bürokratie selbst zum Herrschaftsinstrument wurde.

Moral und Ethik (die primären Ordnungssysteme der Gesellschaft) gab es zudem lange vor den Fürstenhöfen, sie wurde nämlich in den (sklavenhaltenden) demokratischen Republiken Griechandlands begründet. Die Fürstenhöfe widersetzten sich meist der Ethik, insbesondere wo sie der Herrschaft im Wege stand (s. Machiavelli: Il Principe), nutzten sie aber dort hemmungslos aus, wo sie der Unterwerfung des Volkes diente (Erbschuld, Busse, Sühne, Sünde etc.). Gerade hier benutzten sie aber das kirchliche System und schufen kein eigenes. Auch die Grundlagen der Verträge, die Gesetze, waren längst von der Kirche geschaffen worden, zum Schutz ihrer eigenen Legate und Herrschaften. Generell übersieht Graves offensichtlich die Bedeutung der Religion, in ihrer positiven wie negativen Rolle. Hier unterschätzt er im weiteren generell die Macht der Strukturen, seien es staatliche, religiöse oder wirtschaftliche. Des weitern macht uns gerade die Betonung der Pflicht deutlich, dass es sich um ein recht autoritäres Konzept handelt dass in Kant's Preussen im Schwung war, heute aber obsolet sein sollte.

Graves 5 Materialist, Kapitalist - Leistung und Gewinn“ - individuumsorientiert

Suche nach materieller Zufriedenheit, Macht, Handlung, nützlich, praktisch, Risiko

Die Graves-4-Ebene sammelt und integriert die Kraft der Graves-3-Ebene und bildet so den Katalysator für die Entfaltung der Graves-5-Ebene. Der Einzelne erkennt den Sinn von Recht und Ordnung an und beginnt nun gleichzeitig nach persönlichem Erfolg zu streben. Er sieht die Welt voller Möglichkeiten und Chancen. Regeln und Gesetze werden „zielorientiert interpretiert“ und teilweise gebogen. Trotzdem werden Gesetze und Regeln grundsätzlich akzeptiert, denn in der Evolution der Werte werden immer alle früheren Werteebenen integriert. Deswegen ist es wichtig, z.B. in Change-Prozessen die Werteentwicklung nicht zu forcieren, denn wenn die unteren Werteebenen nicht voll gelebt und integriert werden, fehlt es später an Halt und „Fundament“. Wichtige Werte der Graves-5-Ebene sind: Erfolg, unternehmerisches Denken, Herausforderung, Wohlstand, Gewinn, Ziel- und Ergebnisorientierung, „Der Beste sein“, Wachstum, ausgezeichnete Leistungen, Wettbewerb, Belohnung, „größer & besser“.
Menschen mit einer Graves-5-Zentrierung möchten sich mit anderen messen und zeigen, dass sie mehr als andere können. Sie möchten gesellschaftlich weiterkommen, sind karriereorientiert und streben Erfolg und Wohlstand an. Mit den Werten der Ziel- und Ergebnisorientierung liegt der zeitliche Fokus neben der Gegenwart zum ersten Mal auch auf der kurzfristigen Zukunft. Organisationen mit Graves-5-Zentrierung haben eine flache Hierarchie und pragmatische Entscheidungswege. Strategie und Marktnähe dominiert das Handeln. Leistung, Power und Initiative sind gehaltsbestimmend.
Aus der Sicht des Graves-Modells kann man den Satz „Wohlstand schafft Frieden“ unterstreichen, denn die Weiterentwicklung zum Graves-5-Wohlstand verhindert eine Regression auf die kriegerische Graves-3-Ebene, welche für eine Graves-4-Gesellschaft noch leicht möglich ist (Fanatismus ist leider ein Graves-4-Phänomen). 

Die Schattenseiten der 5er-Werteebene sind extreme Profitgier und die Bereitschaft, alles zu tun wenn der Preis stimmt. Kurzfristiger Profit wird mitgenommen, auch wenn langfristig viel zerstört wird. Wirtschaftswachstum ist nur mit immer mehr Energie möglich. Ein Prozent Wirtschaftswachstum benötigt 3 % mehr Energie (Öl, Gas, etc.), d.h. auf der Graves-5-Werteebene werden der kollektive Ressourcenverbrauch und die Auswirkungen auf das Weltklima nicht berücksichtigt. Erst durch höhere Werteebenen werden langfristiges, systemisches Denken

 

Vorkommen: Notensystem in unseren Schulen, Olympiade, Wall Street, Marktwirtschaft, aufstrebende Mittelklasse auf der ganzen Welt, Kosmetikindustrie, Modeindustrie, Materialismus

Anteil an der erwachsenen Bevölkerung: schätzungsweise 30%.

Fortschritt bringt die Möglichkeiten für materiellen Wohlstand. Es lohnt sich, sich selbständig zu machen und gewinnbringende Geschäfte zu machen. Kohlberg

Niveau 3 - Postkonventionell - Moral der selbst akzeptierten moralischen Prinzipien:

Stufe 5: Moral  des Vertrages, der individuellen Rechte und des demokratisch anerkannten Gesetzes/Rechtssystems.

Maslow 4

Soziale Anerkennung

 

 

Kommentar:  Auch hier schlägt eigentlich bloss wieder der Einzelgänger durch - der sich nun aber Gruppen und Institutionen zu nutzen macht, so weit dies in seinem "Vermögen" liegt. (Je mehr Vermögen desto kauf). Problem: Der Begriff Leistung ist eine vordefinierte Vorgabe - die keine andere Orientierung zulässt. Da meist an Geld gebunden, fallen die meisten Leistungen im sozialen und geistigen Bereich gleich ausser Rang und Namen.

Bei Stufe 5 müsste Graves eigentlich selbst schon merken, dass es mit der "Aufwärtsorientierung" nicht so stimmt, denn die Herrschaft des Geldes führt eigentlich wieder zu einer Rückwärtsentwicklung: Die Macht des Stärksten = die Macht des Reichsten (Herrschaft), präziser des Liquidesten (Flexibilität, allzeit einsetzbare Geld-Ersatzarmee). Folglich geht das Verteilungsproblem hier völlig unter. Die hier propagierte Leistungsideologie basiert primär auf interessebasierten Netzwerken - und List, womit sie ihre Basis, verbindliche moralische Prinzipien, selbst untergräbt. Die Sache mit der Gemeinschaftsorientierung wäre genau hier äusserst wichtig, klappt aber gar nicht - und wird auf die nächste Ebene abgeschoben:

Graves 6 die Bewegung Beziehungen „Team und Gemeinschaft“ - gruppenorientiert:

Suche nach liebevollen Beziehungen, sozial, anpassen, Mode, zusammen, Team

Team, Kollegialität, Harmonie, Beziehungsfokus, einfühlsam sein, Gleichheit, Verständnis für andere, Friede & Liebe, Konsens, Gruppen-Wir-Gefühl,
Zustimmung aller einholen, Gemeinschaft Aus gesellschaftlicher Sicht ist im Konzept der sozialen Marktwirtschaft das „soziale“ die 6er-Balance zur 5er-Marktwirtschaft: Gleiches Recht auf Ausbildung, Gesundheitswesen, Altersvorsorge und soziale Absicherung. Weitere gesellschaftliche Ausprägungen sind z.B.: Friedensbewegungen, „Flower-Power“, Menschenrechtsorganisationen, Human Potential Bewegung und Umweltschutzbewegungen. Menschen mit Graves-6 -Zentrierung haben Friede und Liebe als wichtigste Werte. Begegnungen, Personen und Beziehungen sind wichtiger als die Sache. Gefühle auszudrücken und authentisch zu sein, drückt diese Menschlichkeit aus. Die Schattenseiten der Graves-6-Ebene können z.B. sein, dass Personen außerhalb der eigenen Gruppe polarisiert werden und Graves-6-zentrierte Menschen unrealistisch, idealistisch und übermäßig gefühlsorientiert werden und „den Bodenkontakt“ im Leben verlieren können. Teams können in Unternehmen zum Selbstzweck werden, ohne direkten Bezug zur Wertschöpfung. Hier sind andere Wertesysteme wichtig, um
die Graves-6-Werte zu balancieren.
Ist die Graves-6 -Werteebene konstruktiv in eine Persönlichkeit integriert, dann ist die Person warmherzig, sehr sozial, beziehungsfähig und hat eine hohe soziale Intelligenz. Sie kann gut in Gruppen und in Kundensituationen agieren. In Organisationen ist die Graves-6-Werteebene die Teamebene. Ohne funktionierende
Teams können heute die wenigsten Unternehmen am Markt bestehen. Natürlich müssen sich die Teams aus der Graves-5-Sicht „rechnen“.

Schätzungsweise 15 % der erwachsenen, westeuropäischen Bevölkerung sind hauptsächlich in Graves-6- Werten zentriert.
 

 

Wenn man will, kann man die Sinnsuche der 68'er Bewegung, der Frauenbewegung, der Anti-Vietnambewegung und der Hippiebewegung damit in Verbindung bringen. Es liegt der Mangel des Gemeinschaftsgefühls zugrunde. Gefühle und Fürsorge treten an die Stelle von kalter Rationalität; liebevolles Sorgen für die Erde und das Leben sind wichtige Werte. Clare Graves sagt: „Dieses System sieht die Welt relativistisch. Das Denken zeigt eine radikale, fast schon zwanghafte Tendenz, alles von einem relativistischen, subjektiven Bezugsrahmen her zu betrachten." 

Vorkommen: Tiefenökologie, Postmodernismus, niederländischer Idealismus; Rogerianische Gesprächspsychotherapie, humanistische Psychologie, Befreiungstheologie, Weltkonzil der Kirchen, Greenpeace, Tierschutz, Ökofeminismus, Post-Kolonialismus, Foucault/Derrida, politische Korrektheit, Menschenrechtsfragen, Ökopsychologie.

Anteil an der erwachsenen Bevölkerung: schätzungsweise 15%.

Die materielle gesellschaftliche Entwicklung ermöglicht die Sinnfrage zu stellen. Gemeinschaften ermöglichen das Gefühl von Lebenssinn und das Erleben persönlichen Wachstums. Kohlberg 3

Moral des guten Kindes

Maslow 3

Soziale Beziehungen

Kommentar:  Stufe 6 halte ich für einen Witz. Die 68 war ja z.B. eine Gegenbewegung, also Kulturkreativ, ist aber nach und nach in der Kommerz- und Erfolgskultur genau so versumpft wie die Generationen zuvor, die sie kritisierte. Die Rückbewegung in die kleine Gruppe ist hier oft eher ein Regress auf Stufe 2 als ein Fortschritt. Hier zeigt sich die grösste Schwäche von Graves System: Es vermischt Psychologie und Soziologie, d.h. es schreibt dem Individuum ein Vermögen zu, dass diesem nicht oder nur teilweise zukommen kann. Stufen 6-8 erfordern nicht bloss charakterliche oder intellektuelle Reife, sondern ganze Organisationen mit unterschiedlichen Spezialisationen. Jeder Mensch kann zwar die komplexe Vernetzung der Dinge verstehen, so man es ihm verständlich erklärt - aber er kann Widerwärtigkeiten nicht ändern, solange er nicht zu überzeugen vermag und Gefolgschaft findet. Hier wird das Konzept etwas absurd, denn häufig sind gerade die Menschen, die äusserst komplexe Zusammenhänge zu verstehen vermögen, eben eher asoziale Einzelgänger die sich von der Gesellschaft eher isolieren. (s. Kant, Schizoidie).

Hier findet nochmals eine Regression in die Gruppe statt - vor der Befreiung des Individuums

7 Delphin Grenzerfahrungen  - Systemdenken - Erleuchtung:

Suche nach Selbstachtung Wertschätzung, Sein, ausdrücken, frei, sich ergehen

Nach Clare Graves beginnt mit der siebten Ebene eine neue Oktave des nach oben offenen Wertemetamodells. Die Graves-7-Werteebene ist die Ebene des Systemdenkens. Die eigene Persönlichkeitsentwicklung tritt nun erstmals selbstbezüglich in den Fokus der Motivation. In der Parallele zur Motivationspyramide nach Abraham Maslow ist die Evolution nun auf der Selbstverwirklichungsebene angelangt. Auf der Graves-7-Ebene wird konstruktivistisch erkannt, dass jeder Mensch sich seine Realitätssicht selbst konstruiert. Um sich persönlich weiterzuentwickeln, strebt der Mensch in der Graves-7-Weltsicht einerseits die Freiheit aus dem Gruppenzwang der Graves-6-Ebene an, andererseits kann er sich in den unterschiedlichsten Gruppen zu Hause fühlen. Er möchte sich selbst verwirklichen, aber nicht auf Kosten der anderen. Das Denken wird langfristig und strategisch. Gleichzeitig ist das Denken abstrakter und wird mehr von Ideen und Konzepten geprägt (dem Intuitions-Stil nach Jung, 1921). Wichtige Werte sind: Systemdenken, Freiheit, Wissen erweitern, Persönlichkeitsentwicklung, Selbstverwirklichung, Unabhängigkeit, Vision, Überblicksdenken = das „Big Picture“, Einzigartigkeit, Lernen, Synergie, Inspiration, Zusammenhänge erkennen, Kompetenz, Funktionalität, Nützlichkeit, langfristige Strategien, Flexibilität, Raum für Vielfalt und individuelle „Wahrheiten“.

Sind Menschen stark auf der Graves-7-Ebene zentriert und haben die anderen Ebenen nur schwach integriert, dann wirken sie wie abgehobene und realitätsferne Philosophen. Sind die Graves-7-Werte andererseits gut in eine breite Persönlichkeit integriert, bekommt der Mensch Weitblick und die Fähigkeit dynamisch mit großen Change-Prozessen umzugehen. Die Integration der Graves-7-Ebene macht aus einer Organisation eine lernende Organisation, da „Lernen“, „Wissen erweitern“ und „Weiterentwicklung“ zentrale Graves-7-Werte sind. Für das Management und für interne/externe Berater ist die Graves-7-Motivationsebene essentiell. Durch die Graves-7-Ebene wird eine lernende Organisation und eine lebendige Personal- und Organisationsentwicklung verwirklicht.

Typisch für die ersten 6 Stufen ist, dass jede Stufe davon ausgeht, dass ihre Werte die richtigen sind. Erst ab der 7. Stufe steht die systemische Sicht der Zusammengehörigkeit des gesamten Systems in einer Art erleuchteten Erkenntnis.

Anteil an der erwachsenen Bevölkerung: schätzungsweise 1%.

Der Wohlstand ermöglicht völlig neue Gedanken, Hoffnungen und Durchbruchserlebnisse. Es ist sinnvoll, bestehende Probleme aus neuen Perspektiven effizient und effektiv zu lösen und dabei ein Flowgefühl zu erleben.  Kohlberg 6

Gesetzgeber, fähig der Analyse und Diskussion auf einer Metaebene der Norm, also Ethik.
 

Maslow 5

Selbstverwirklichung

Kommentar:  Die 7 Stufe als Integration der 6 andern hingegen ist gut.
Alles in allem ist das Modell aber extrem künstlich - und deshalb vor allem für Esotheriker geeignet, zu denen ich mich nun gar nicht zähle, im Gegenteil, da werd ich cholerisch.

Graves 8 Trans-personal „Nachhaltigkeit und globale Einheit“ – gruppenorientiert

 Suche nach Frieden in einer unverständlichen Welt

Die Entwicklung von Graves-7 nach Graves-8 folgt wieder dem Wechsel von Selbstzentrierung in die Gruppenzentrierung, wobei Menschen mit Graves-8-Zentrierung die Erde als einen ganzheitlichen Organismus sehen. Das altruistische Zugehörigkeitsgefühl der Ebenen Graves-2, Graves-4 und Graves-6 wird hier auf die ganze Menschheit und auf den ganzen Planeten ausgeweitet. Die zentralen Werte der Graves-8-Ebene sind: Ganzheitliches/globales Denken, Nachhaltigkeit, Biosphäre, Synthese, Integration, zum Wohle allen Lebens, Transzendenz, Biodiversität, Nachwelt und zukünftige Generationen, globale Verbesserung, langfristige Konsequenzen, Weltfrieden, holistische Sicht, Balance (emotional/spirituell).

Menschen mit starken Graves-8-Motivatoren denken ganzheitlich und berücksichtigen bei ihren Entscheidungen globale Konsequenzen. Sie möchten mit Ihrer Arbeit der Menschheit nützen und haben die Folgen des systemischen Handelns für die Umwelt im Auge. Die Verbundenheit eines Menschen, oder einer Gruppe von Menschen, mit der Umwelt und den kommenden Generationen ist für sie in Bezug auf ihre Arbeit das wichtigste Thema. Menschen mit starken Graves-8- Werten haben auch das langfristige, systemische Denken und die Weiterentwicklungsmotive der Graves-7-Ebene integriert. Gesellschaftlich sind die Graves-8-Werte als real wirksame Motivatoren noch sehr selten. Schätzungsweise 0,1 % der westeuropäischen Bevölkerung sind auf der Graves-8-Ebene zentriert. Viele Menschen und auch Organisationen (z.B. Greenpeace, Fairtrade, Ärzte ohne Grenzen etc.) haben Graves-8-Anteile, aber meistens überwiegen dann Graves-6- oder Graves-7-Motivatoren in den Organisations-Wertehierarchien.

geht es den Menschen um globales Denken: Weltfrieden, Beenden des Welthungers, gleiche Rechte für alle Menschen, schonende Nutzung der Weltressourcen, Verständnis für die Welt als Lebewesen (Gaia) sind hier die neuen Werte. Mit dieser Stufe wird der Dalai Lama in Verbindung gebracht, sowie Greenpeace, Fairtrade und Bodyshop.

Anteil an der erwachsenen Bevölkerung: schätzungsweise 0,1%.

Die Erde steht vor einem Kollaps. Es besteht die Gefahr, dass die Menschen sie zerstören. Nur ein Bewusstsein einer höheren Ordnung und eine transpersonale Suche nach globalen Lösungen wird die Zerstörungsgefahr bannen. Kohlberg 6

Gesetzgeber, fähig der Analyse und Diskussion auf einer Metaebene der Norm, also Ethik.

Maslow 5

Selbstverwirklichung

 

Kommentar:  Hier bestätigt sich die Kritik die bereits bei Stufe 6 angebracht wurde: Das ganze wird esotherisch. Das 1 Promille das hier offenbar noch dabei ist hebt ab und kann sich dem Rest der Bevölkerung nicht mehr verständlich machen ... ist also von kommunen Irren kaum zu unterscheiden - ausser sie verfügen gleichzeitig über sehr hohe kognitive wie kommunikative Fähigkeiten.
9 Und wenn er merkt, dass er diesen Frieden nicht findet, wird er sich auf die Suche der neunten Stufe machen.” ... und sich neue Götter schaffen.    

http://www.ioew.at/ioew/download/TRIGOS-CSR-rechnet%20sich-Endbericht.pdf

Dass ich Graves hier unter Entwicklungspsychologie eingefügt habe, mag Sie seltsam dünken, nicht bloss, weil ich vom Konzept eigentlich wenig halte. [Sie ersehen das Problem anhand obiger Auszüge: Eher wirtschaftsfreundliche Benutzer von Graves Theorie setzen den Schwerpunkt auf Leistung und die Stufe 8 vermutlich auf nachhaltiges (immerwährendes) Wachstum, Corporate Social Responsibility (CSR), woraus die meisten Zitate stammen, auf die Gäa-Orientierung, und NLP, na worauf wohl, auf NLP. Hier dürfte das Hauptproblem des Konzepts liegen, dass nämlich jedes ideologische Grüppchen seinen eigenen Schmonzes als Stufe 8 oder 9 definieren kann und wird.]

Graves floppt vor allem, weil er Individualismus und Gruppendynamik in seinen Zyklen trennt. Es gibt aber kein wirksames Genie, dass sich der Gruppe verwehren kann, denn seine geniale Erkenntnis wird ja erst wirksam, wenn sie a) andern verständlich und b) von diesen, in einer Demokratie sogar von einer Mehrheit, anerkannt und umgesetzt wird. Das selbe Problem hat der "Gesetzgeber" von Kohlberg. Einerseits höchste Stufe menschlicher Entwicklung, andererseits umgeben von offenbar "unterentwickelten", muss er sich mit diesen auseinandersetzen, und zwar nicht so wie sich das die Aufklärung erträumte, indem er alle auf die selbe Stufe anhebt, sondern indem er jedes Stratum seinen ihm gemässe Lebensform leben lässt. Es stehen sich also immer unterschiedliche Anschauungen, Einstellungen, Interessen gegenüber die gegenseitig miteinander auskommen müssen, also über Toleranz verfügen sollten. Die Qualität der Entwicklungsstufe einer Gesellschaft misst sich also nicht bloss an der Elite, sei es Geldelite, politische Elite, philosophische, gesetzgeberische, gravische oder was auch immer, sondern daran, wie diese mit den andern Schichten umgeht. Und gerade in dieser Beziehung leben wir nicht in einer der besten aller Zeiten, da die "unteren" von den "oberen" zunehmend verarscht werden.

Es gibt allerdings einen Punkt in dem ich Graves recht gebe und der bei Diskussionen um Politik und Zukunft immer im Auge behalten werden sollte. Dies ist die Bedeutung der Werte. Keine Partei, die nicht hehre Werte im Wort-Banner führt (aber meist kaum Auskunft geben kann, welcher Art die Werte sind und warum gerade diese so bevorzugt werden sollen (Schweizer sein z.B., oder Schwabe, oder Oesterreicher ... oder whatsoever). Die Verwissenschaftlichung der Welt, ihre Kausalisierung, sprich Versachzwanglichung, hat dazu geführt, dass menschliche Entscheidungsfreiheit immer weniger wahrgenommen, ja inzwischen von Hirnforschern generell bestritten wird. Das wundert wenig, denn nicht wo Kausalitäten herrschen, aber wo Finalitäten herrschen, da hat der Mensch die Wahl:

Die Frage ist nicht ganz so absurd und akademisch wie sie tönen mag, denn:

Werte bilden den innersten Kern des Menschen,
durch den der Mensch Gesetzgeber seiner selbst ist.

Wo wir also den Menschen als freies Subjekt annehmen und nicht als von Kausalitäten getriebenes Objekt, braucht er primär Handlungsorientierung aus sich selbst heraus, also Moral, die wiederum aus der Ethik entsteht, die wiederum zum Hauptziel hat:

Die primäre Aufgabe der Ethik wäre also,
das gesunde Mass zu erhalten,
d.h. Weisheit zu fördern

http://www.brainworker.ch/waldphilosophie/sozialethik/system_ethik.htm

Das Α&Ω menschlicher Entwicklung ist also die praktische Philosophie. qed

Martin Herzog, Basel, 12.11.08