Vom autoritär-nationalen Neurotizismus des vorletzten Jahrhundertwechsels zum heutigen wirtschaftsliberal-individualistischen Schizoidie.[Karen Horney: Der neurotische Mensch unserer Zeit. Geist und Psyche. Kindler Taschenbücher. 7. Auflage. München 1974. (1. Deutsche Auflage 1951).]
Warnung vorweg: Der Gebrauch, den Horney vom Begriff " Neurose/neurotisch" macht ist ziemlich diffus und ein Psychologiestudent der heute mit der hier verwendeten Vielfältigkeit des Begriffs an eine Prüfung gienge, dürfte glatt durchfallen. Nichtsdestowengiger, oder vielleicht eben gerade darum, ist dieses "wissenschaftshistorische Dokument" doch von einigem Interesse, denn es spricht einige Probleme weitaus klarer an, als das heute gewagt wird (s. z.B. Precht).
Die Probleme beginnen bereits bei der Definition von Neurose, beziehungsweise der Unterscheidung vonNeurose und Psychose. Horney: Diese Beispiele zeigen, dass eines der Kriterien, die wir anwenden, wenn wir einen Menschen neurotisch nennen, darin besteht, dass wir prüfen, ob sein Lebensstil mit einer der anerkannten, allgemein üblichen Verhaltensweisen unserer Zeit übereinstimmt.
Hier wird also die klassische Definition der Normalität verwendet: Normal ist, was die Mehrheit tut. Hier allerdings wird Horney schon unlogisch, denn, was sie im Weitern in ihrem Buch ausführt, nämlich dass eine wettbewerbsorientierte Grundhaltung per se zu neurotischem Verhalten führt, hält sich dann ja nicht mehr an diese Definition, laut der eben eine mehrheitsfähige Neurose keine mehr wäre. (Wenn's Ihnen hier schon reicht, dann lesen Sie lieber was anderes, aber die Psychologie der Geistestöhrungen befasst sich eben mit ziemlich verwirrenden Denk- und Verhaltensweisen). Richtig erkannt wird von Horney, dass "Verrücktheit" (egal ob Neurose oder sonst was) sich je nach Gesellschaft unterscheidet, also kulturabhängig ist:
Der Ausdruck <neurotisch> kann, obwohl er ursprünglich ein medizinischer Ausdruck ist, nicht benutzt werden, ohne etwas über den kulturellen Hintergrund des Patienten zu wissen; es wäre jedoch riskant, einen Indianer psychotisch zu nennen, weil er uns erzählt hat, dass er eine Vision hatte, an die er glaubt. [S. 11]
Visionen sind also ein Merkmal von Psychosen, nicht von Führungsstärke ... ausser man sei Indianer oder Bushman oder so was.
Als Psychose wird, im Gegensatz zur therapierbaren Neurose, eine psychische Störung bezeichnet, die von schwerwiegenderer Art ist und kaum durch Therapie zu beheben. Allerdings sind diese Unterschiede theorieabhängig, also dank der Vielzahl an Theorien höchst unklar:
Definition(en) der Neurose:
Da der Begriff zudem theorieabhängig ist, also auf der Psychoanalyse basiert, wird er heute kaum mehr verwendet, allenfalls als Adjektiv: neurotisch. s. ICD-Klassifikation
Methodik der Psychoanalyse laut Horney:
Bei der Psychoanalyse beobachtete Haltungen: Die derart feststellbaren Haltungen können in loser Form, etwa folgendermassen klassifiziert werden:
- Haltungen, die sich auf das Geben und Empfangen von Liebe beziehen;
- Haltungen die sich auf die Beurteilung der eigenen Person beziehen;
- Haltungen die sich auf ein Sich-Durchsetzen der eigenen Person beziehen: Hemmungen, Unfähigkeit zu wollen, Entschlüsse zu fassen, was so weit gehen kann, das Betroffene sich keine klaren Vorstellungen zu machen trauen, was sie in ihrem Leben erreichen wollen.
- Aggression: Neurotiker fühlen sich von der ganzen Welt bedroht, alle wollen was von ihnen.
- Sexualität: Verschiebung der Lust auf Schmerz, also Masochismu
Definition Psychose:
http://home.arcor.de/rs1403/psychose.html: Als Psychose bezeichnet man allgemein eine psychische Störung, bei der ein struktureller Wandel im Erleben des Betroffenen feststellbar ist. Psychosen werden nach ihrer Entstehungsursache in organische und nicht-organische Psychosen eingeteilt. Auslöser: Durchblutungsstörungen, Tumore, Delirium (durch Vergiftungen, z.B. Alkohl), Hirntraumata, Epilepsie, ...
Bei den organischen Psychosen gibt es reversible und irreversible Formen. Die häufigste Form der nicht-organischen Psychosen ist die Schizophrenie. Auch die Schizophrenie wird in verschiedene Subtypen unterteilt. Sie werden auch oft als schizophrene Psychosen bezeichnet. Kennzeichnend für schizophrene Psychosen ist ein Nebeneinander von gesunden und veränderten Verhaltensweisen und Erleben bei den Betroffenen. Formen: Manie, Depression, Schizophrenie ... Auch hier zeigt sich die Problematik der Aufteilung in schwere (Psychose) und leicht (Neurose) Geistesstörungen, denn Depressionen sind ja heute wirklich Allgemeingut, und ebenfalls Folge einer Kultur, die weitaus mehr verspricht als sie halten kann. Meines Erachtens wäre die Depression, die so ausgelöst wurde, dann allerdings eh falsch klassiert als Psychose, da es sich um eine typisch neurotische Reaktion handelt. Offensichtlich sollte man sich definitiv von beiden Begriffen lösen.
http://lexikon.calsky.com/de/txt/p/ps/psychose.php: Der Begriff Psychose bezeichnet eine Gruppe schwerer psychischer Störungen, die mit einem zeitweiligen weitgehenden Verlust des Realitätsbezugs einhergehen. Auffällige Symptome sind oft Wahn und Halluzinationen.
Meine eigene Unterscheidung von Neurose und Psychose:
Nun aber zurück zu Horney:
Furcht, oder meist eher Angst und deren Abwehr sind zentrale Punkte der Neurose. Allerdings gibt es auch "normale Neurosen", die jeden von uns ab und zu überfallen. Mann nennt diese, im unterschied zu den (laut Psychoanalyse seit der Kindheit) tief eingeprägten Charakterneurosen, Situationsneurosen: Zu finden bei gesunden Menschen, die auf verständlichen Gründen unfähig sind, eine Konfliktsituation bewusst zu lösen, das heisst, die nicht imstande sind, die Existenz und Natur des Konfliktes zu sehen, und daher unfähig, eine klare Entscheidung zu treffen. [S. 59]
Triebe, der unbewusste Dampfkessel hinter unserem "freien" Willen, sind vielfältig, komplex, widersprüchlich, chaotisch. Die Beherrschung des Willens also eine Uraufgabe der Menschwerdung und der Kulturbildung. Beherrscht man allerdings die Triebe etwas zu sehr, unterdrückt man natürliche Triebe, kann der Dampfkessel leck werden (und zu neurotischen Reaktionen führen) oder gar explodieren:
Im Prinzip hat jeder Trieb potentiell die Macht, Angst hervorzurufen, vorausgesetzt, dass eine Entdeckung oder Verfolgung eine Verletzung anderer vitaler Interessen oder Bedürfnisse bedeutet und dass er gebieterisch oder leidenschaftlich genug ist. [S. 40]
Tatsächlich sind feindselige Triebe der verschiedensten Art die Hauptquelle der neurotischen Angst.
Präzise dies ist es, was dem Neurotiker nicht gelingt, die eigenen Triebe so umzubiegen, dass sie sich sozialkonform äussern (tja ... mehr ist da nicht unter dem Begriff "Normalität", als sich eben so verhalten wie die Mehrheit). Dem Neurotiker gelingt es also nicht, sich "anzupassen", und dafür bestraft er sich selbst mit Aengsten, Depressionen, Zwangshandlungen, Versagen. (Schön blöd, nicht. Also echt verrückt ...). Und erst hier wird die gesellschaftliche Kritik an der Abnormalität wieder gerechtfertigt, hier, wo sich der Einzelne durch Fehlverhalten selbst schädigt, aus diesem aber selbsttätig kein Entkommen finden kann:
Der neurotische Mensch sucht und findet Kompromisslösungen - die nicht zu unrecht neurotisch genannt werden -, und diese Lösungen sind weniger befriedigend als diejenigen des Durchschnittsmenschen und werden nur durch einen ungeheuren Kraftaufwand seitens des Betreffenden erreicht. [S. 20]
Hierzu gehören primär Hemmungen vor allem Möglichen und Unmöglichen:
Eine Hemmung besteht in der Unfähigkeit, gewisse Dinge zu tun, zu empfinden oder zu denken, und ihre Funktion besteht darin, die Angst zu vermeiden. [S. 35]
Ähnlich liegt es im heute problematischsten Gebiet, der Arbeitslosigkeit und Armut. Wer kann und darf abschliessend beurteilen, ob jemand über lange Zeit keine Arbeit findet, weil er zu dumm ist (ist Dummheit, die vom IQ abhängt, also vererbt ist, eine Berechtigung zum Ausschluss von Arbeit - dann wäre sie im Sozialstaat eben eine Berechtigung zur Unterstützung, ohne Wenn und Aber), zu faul (verspricht nicht der Fortschritt seit langem die Möglichkeit zunehmender Faulheit, Bequemlichkeit, Luxus und Überfluss?). Genau so problematisch die Beurteilung der Qualität des individuellen Produktiv-Werdens:
Ebenso kann der Grund für die Diskrepanz zwischen den Möglichkeiten eines Menschen und seinen tatsächlichen Leistungen im Leben lediglich an den äusseren Umständen liegen. Doch deutet es auf eine Neurose hin, wenn ein Mensch trotz seiner Begabung und günstiger äusserer Einwirkungsmöglichkeiten unproduktiv bleibt; oder wenn er trotz aller gegebenen Möglichkeiten, sich glücklich zu fühlen, nicht imstande ist, sein Leben zu geniessen; oder wenn eine Frau trotz ihrer Schönheit das Gefühl hat, sie sei nicht anziehend. Mit anderen Worten: Der Neurotiker hat den Eindruck, er stünde sich selbst im Wege. [s. 16]
Gerade der Begriff <unproduktiv> brächte Horney heute in Teufels Küche, denn Produktivität ist heute nur noch ein Mass für wirtschaftliche Leistungsfähigkeit. Obige Definition geht also mit der Verwendung des Wortes "unproduktiv" beim heutigen Sprachgebraucht voll bachab, denn es war beileibe nicht die Absicht von Horney, wenig marktfähige Mitmenschen als neurotisch zu bezeichnen. Wir kommen gleich noch dazu.
Der Neurotiker hält gerne andere für verantwortlich an seinem Zustand - aber immerhin das hat er ja gemeinsam mit der Mehrheit der Erdenbürger:
Sich Liebe in irgendeiner Form zu verschaffen, kann einen mächtigen Schutz gegen die Angst bedeuten. [S. 62]
Gerade Neurotiker haben offenbar ein heftiges und häufig wahlloses Verlangen nach Liebe. Sie sind einerseits bereit jeden Preis dafür zu bezahlen - umgekehrt kann bei ihnen Liebe leicht die Furcht vor Abhängigkeit auslösen.
Zudem verwechseln die meisten Neurotiker (wie Nicht-Neurotiker) gerne dieses Verlangen, ihr Bedürfnis nach andern Menschen, mit Liebesfähigkeit. Für den von Angst getriebenen Neurotiker sind einerseits Existenz, Sicherheit und Glück von Geliebtem/r abhängig <> während dem sie als Schutz vor Verletzung eigentlich niemanden an sich heran lassen, schon gar nicht den oder die Geliebte. Sie sind unersättlich in ihrem Liebesbedürfnis, eifersüchtig, fordern bedingungslose Liebe, denn Liebe die geteilt werden muss verliert für sie sofort ihren Wert. Ihr Motto: <Es ist leicht, jemand liebenswerten zu lieben. Wahre Liebe hingegen muss Widrigkeiten ertragen können.>
Der Neurotiker als Chef wird sich also etwa über Angestellte ärgern, wenn sie nicht zu unentgeltlichen Überstunden bereit sind. In seiner Beziehung zu Freunden und Kindern wird die Ausnutzungstendenz oft dadurch gerechtfertigt, dass er behauptet, jene hätten Verpflichtungen ihm gegenüber. Eltern können das Leben ihrer Kinder tatsächlich dadurch zerstören, dass sie unter dieser Begründung stets Opfer verlangen; und wenn sich auch diese Tendenz nicht in einer völlig destruktiven Form äussert, so wird doch jede Mutter, die in dem Glauben handelt, das Kind sei für ihre Befriedigung da, ihr Kind gefühlsmässig ausnutzen.
Einerseits sind sie beherrscht von Angst, vom Gefühl, nicht liebenswert zu sein. Andererseits sind sie effektiv unfähig, an irgend eine Form der Liebe zu glauben, was sich durch eine allgemeine Feindseligkeit äussert... was sie dann also definitiv als nicht liebenswert erscheinen lässt.
So wird Liebe dann oft ersetzt durch körperliche Liebe, Eroberungen, Unterwerfung, die als Ersatz für Beziehungen dienen.
s. Don Juan, Erotomanie, Satyriasis &Casanova, der getriebene Verführer
So wird Liebe oft verformt zu <Liebe durch Bestechung>: Ich liebe dich innig; darum sollst du mich auch lieben und mir zuliebe alles andere aufgeben. Ueber Jahrhunderte der einzige Weg der Frauen, sich zu beschaffen, was sie begehrten, was einen ungeheuren Einfluss auf die seelische Entwicklung von beiden hatte.
In unserer Kultur werden Mütter des öftern darauf hingewiesen, dass sie so viel für ihre Kinder getan haben, dass sie Anrecht auf unaufhörliche Ergebenheit hätten. [S. 91]
Da aber auch hier noch Beziehung droht, löst sich die neurotische Liebe oft auf in Liebe zum Haben (mehr im Detail behandelt von Erich Fromm in "Haben oder Sein". :
Die Unfähigkeit in bezug auf äussere Bedürfnisse kann zum Beispiel durch ein Aufstapeln von Besitztümern erreicht werden. Dieser Beweggrund zur Erlangung von Besitz ist völlig von demjenigen nach Macht oder Einfluss verschieden, und der Gebrauch, der von dem Besitz gemacht wird, ist ebenfalls verschieden. Wo Besitz zum Zweck von Unabhängigkeit angehäuft wird, da besteht gewöhnlich eine viel zu grosse Angst, als dass man ihn geniessen könnte, und er wird in einer knauserigen Haltung bewacht, weil es sich einzig und allein darum dreht, gegen jede Eventualität gesichert zu sein. Ein anderes Mittel, das dem Zweck dient, nach aussen hin unabhängig zu werden, besteht darin, seine Bedürfnisse auf ein Minimum zu beschränken. [S. 64]
Generell dient auch das masochistische Streben des Neurotikers nach Leiden dem Schutz vor Angst.

Duane Hanson 1969: Frau mit Einkaufswagen
Das Verlangen nach Liebe ist ein in unserer Kultur häufig benutzte Weg, sich Beruhigung gegen Angst zu verschaffen. Die Sucht nach Macht, Anerkennung und Besitz ist ein anderer Weg. Er hilft beim Hauptziel des Neurotikers: Lockerung der Kontakte, Festigung der eigenen Position.
Das neurotische Streben nach Macht ist nicht aus Stärke, sondern aus Schwäche geboren, aus dem Gefühl der Minderwertigkeit. Dass die Neurotiker sich innerhalb unseres Kulturkreises einen solchen Weg wählen, stammt aus der Tatsache, dass in unserer sozialen Struktur, Macht, Ansehen und Besitz ein Gefühl grösserer Sicherheit gewähren können. Weiterhin dient das neurotische Machtstreben als Schutz gegen die Gefahr, sich für unbedeutend zu halten oder so angesehen zu werden. Gefahr und Schande für den Neurotiker, der selbst die Menschen in starke und schwache einteilt, erstere bewundert, zweitere verachtet.
Zunächst einmal wird der Neurotiker danach begehren, sowohl andere als auch sich selbst zu beherrschen. Er möchte nicht, dass sich irgend was ereignet, das er nicht veranlasst oder gebilligt hätte. Diese Herrschaft kann in gemässigter Form auftreten, wobei der Betreffende seinem Partner bewusst völlige Freiheit gewährt, doch darauf besteht, alles, was der andere tut, zu wissen, und irritiert darüber ist, wenn ihm etwas vorenthalten bleibt. Menschen diesen Typs haben auch die Tendenz, immer recht behalten zu wollen, auch wenn es sich um ganz unwesentliche Kleinigkeiten handelt.
Der sich hier ausdrückende Wunsch, seinen Willen immer durchzusetzen, steht allerdings im Widerspruch zur Angst sich durchzusetzen und abgeweisen zu werden. Aber wie gesagt, mit Logik würde man das falsche Instrument bemühen, wenn man Irrsinn verstehen will. Aus dieser inneren Widersprüchlichkeit erklärt sich aber auch leicht, warum das Leben eines Neurotikers eben kein Lustiges ist, was uns die permanent fidelen Filme von Woody Allen & Co glaubhaft machen wollen:
Neurotische Mädchen können einen "schwachen" Mann nicht lieben, weil sie voller Verachtung gegen jede Schwäche sind; doch können sie auch mit einem "starken" Mann nicht auskommen, da sie stets von dem Partner erwarten, dass er der nachgiebige Teil sei. Wonach sie heimlich Ausschau halten, ist der Held, der starke Übermensch, der gleichzeitig schwach ist, dass er sich ohne Zögern allen ihren Wünschen beugen wird.
Der Neuorotiker fühlt sich immer als Opfer - will aber die Situation nicht klären, da er dadurch seine Lust und Existenzberechtigung verlieren würde.
Auch wenn der Neurotiker es überhaupt nicht weiss, dass er andere demütigen möchte oder dass er es getan hat, werden seine Beziehungen zu ihnen von einer unklaren Angst durchsetzt sein, die sich dauernd in antizipierten Abweisungen oder Demütigungen offenbart.
| Ziele und Funktionen der neurotischen Sucht nach Macht, Ansehen und Besitz: | ||
| Ziele: | Beruhigung gegen: | Feindseligkeit in Form von: |
| Macht Ansehen Besitz |
Hilflosigkeit Demütigung Entbehrung |
Tendenz zu dominieren Tendenz zu demütigen Tendenz zu benachteiligen |
In Partnerschaft, Freundschaft, Schule - überall findet sich ein gegenseitiger Kampf um die Vorherrschaft. Die Rivalität in der Familie, zwischen Vater und Sohn, Mutter und Tochter hat Freud in seinem Oedipus angegegangen, wenn auch mit einer etwas einseitigen, die Sexualität überbetonenden Interpretation.
In all diesen Fällen unterstehen die Beteiligten unterschiedlichen, ja kontrastrierenden Forderungen und Werten:
Der erste zu erwähnende Widerspruch ist der zwischen Wettbewerb und Erfolg einerseits und brüderlicher Liebe und Demut andererseits. Auf der einen Seite wird alles getan, uns auf den Weg des Erfolges zu jagen, was heisst, dass wir uns nicht nur durchsetzen, sondern auch aggressiv und imstande sein müssen, andere aus unserem Weg zu drängen. Andererseits sind wir voll von christlichen Idealen, die erklären, es sei selbstsüchtig, etwas für uns selbst zu wollen, wir müssten demütig sein und "die andere Backe darbieten" und nachgeben.
Wenn der Neurotiker eine stark herabsetzende Haltung hat, ist es schwer für ihn, sich irgendeine positive Meinung zu bilden oder eine positive Stellung einzunehmen oder eine konstruktive Entscheidung zu treffen. Alle die destruktiven Triebe, die in der neurotischen Sucht nach Macht, Ansehen und Besitz enthalten sind, äussern sich im Konkurrenzkampf. Die unmittelbare Folge der mit den neurotischen Konkurrenzbedürfnissen verbundenen Angst ist die Furcht vor Misserfolg und die Furcht vor Erfolg:
Die Angst kann auch zur Furcht vor dem Erfolg werden. In vielen Neurotikern ist die Angst vor der Feindseligkeit anderer so ungeheuer, dass sie sich vor dem Erfolg auch fürchten, wenn sie seiner sicher sind. Diese Furcht vor dem Erfolg kommt aus der Furcht vor dem missgünstigen Neid anderer und dem daraus sich ergebenden Verlust ihrer Liebe.
So wird der Neurotiker es im allgemeinen für sicherer halten, die Dinge die er tun möchte, nicht zu tun. Seine Maxime ist: Bleib in der Ecke stehen, sei bescheiden und vor allem benimm dich nicht auffällig! Wie Veblen dies betont hat, spielt das Auffallen - auffallend viel freie Zeit oder ein auffallender Verbrauch - eine wichtige Rolle im Wettbewerb.
Während dem der Psychopath (s. Psychose) in seinen Grossartigkeitsideen völlig von der Realität abhebt (Kaiser von China, Napoleon, Jesus oder gar Gott), muss der Neurotiker mit peinlicher Genauigkeit alle die tausend kleinen Ereignisse des wirklichen Lebens vermerken, die nicht zu seiner Illusion passen. Er schwankt also dauernd zwischen Hochgefühl und Wertlosigkeit.
Es bleibt ihm also nur, sich in etwas zu verlieren, das grösser ist als er selbst. Eben dies wird als dionysische Tendenz bezeichnet. Ekstatische Zustände, die Befriedigung finden im "sich selbst verlieren", in grossen Gefühlen: lassen sich herbeizuführen durch : Musik, Drogen, religiösen Wahn, Liebe, Natur, Musik, Begeisterung für eine Sache oder sexuelle Hingabe. Es gibt kaum eine Neurose, in der sich die Tendenz, das eigene ich loszuwerden, nicht ganz unmittelbar äussert.
Platon wie die Existentialisten, Romatiker, Pädagogen und Humanisten: Der Mensch findet das Glück in seiner eigenen, ihm gemässen Entwicklung. Goethe: Höchstes Glück der Erdenkinder sei nur die Persönlichkeit.
Ein weiterer Widerspruch besteht zwischen der angemassten Freiheit des einzelnen und all seinen tatsächlichen Grenzen. Dem einzelnen wird von der Gesellschaft sugeriert, er sei frei und unabhängig und könne über sein Leben nach seinem eigenen freien Willen entscheiden; die Arena des Lebens stehe ihm offen, und er könne erreichen, was er wolle, wenn er tüchtig und energisch sei. Doch sind in Wirklichkeit alle diese Möglichkeiten für die Mehrzahl der Menschen beschränkt. Was im Scherz über die Unmöglichkeit seine eigenen Eltern auszusuchen, gesagt worden ist, kann ebensogut auf das Leben im allgemeinen ausgedehnt werden - in bezug auf die Wahl und den Erfolg in einem Beruf, auf die Wahl einer Erholungsmöglichkeit und auf die Wahl eines Gefährten.
Das Resultat für den einzelnen ist ein Schwanken zwischen dem Gefühl der grenzenlosen Macht in bezug auf die Bestimmung des eigenen Schicksals und dem Gefühl völliger Hilflosigkeit.
Diese in unserer Kultur eingebetteten Widersprüche sind genau die Konflikte, die zu vereinen der Neurotiker sich abquält:
Wir können ihn ein Stiefkind unserer Kultur nennen. [S. 181]
FAZIT:
Wir stehen also offenbar in der seltsamen Situation, in der das absolut mehrheitsfähige Verhalten (Konkurrenz um Erfolg, Erfolg nach alleiniger Massgabe wirtschaftlicher Kriterien) massive Verhaltensstörungen produziert, die aber eben, weil mehrheitlich die Norm, als "normal" gelten. In diesem kollektiven Wahn wären nun also die Aussenseiter eigentlich die Normalen, was ihnen allerdings von der Seite eben bloss den Vorwurf einbringen kann, sie seien neurotisch, eben weil sie sich für etwas besonderes halten und sich nicht dem Wissen (na ja, sagen wir vorsichtshalber "dem Für-Wahr-Halten", Meinen) der Mehrheit fügen.
Martin Herzog, Basel, 21.1.09