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Erich Fromm:

Haben oder Sein? Die seelischen Grundlagen einer neuen Gesellschaft.

[dtv. 1979]

Der Weg zum Tun ist zu sein (Lao-tse)

Die Menschen sollen nicht viel nachdenken, was sie tun sollen, sie sollen vielmehr bedenken, was sie sind. (Meister Eckhart)

Je weniger du bist, je weniger du dein Leben äusserst, um so mehr hast du, um so grösser ist dein entäussertes Leben. (Karl Marx zur Entfremdung)

Der gescheiterte Fortschrittsglaube der Aufklärung und Moderne, also die Postmoderne

Die grosse Verheissung unbegrenzten Fortschritts - die Aussicht auf Unterwerfung der Natur und auf materiellen Ueberfluss, auf das grösstmögliche Glück der grösstmöglichen Zahl und auf uneingeschränkte persönliche Freiheit - das war es, was die Hoffnung und den Glauben von Generationen seit Beginn des Industriezeitalters aufrecht erhielt. Obwohl es erst mal die Männer waren, die als Herren des neuen Lebens auftreten, herrschte auch der Glaube, dass sich diese Freiheit schliesslich auf alle Mitglieder der Gesellschaft, ja gar auf alle Länder der Welt ausdehnen werden. Die universale Bourgeoisie sollte uns die letzten Tage der Menschheit, äh, pardon, das Ende der Geschichte bescheren.

Allerdings war das Industriezeitalter nicht in der Lage, diese Verheissungen einzulösen, nicht mal in den industrialisierten Ländern selbst. Noch weniger gelingt dies zur Zeit dem Dienstleistungszeitalter. Vielmehr wird klar, dass:

Die psychologische Prämisse des Industrialismus (heute eher Marktordnung genannt), war und ist, dass Egoismus, Selbstsucht und Habgier - Eigenschaften, die das System fördern muss, um existieren zu können - zu Harmonie und Frieden führen.

Diese Erwartung steht in diametralem Widerspruch zu sämtlichem traditionellem Kulturwissen, der Einstellung der Kulturen zum Reichtum:

Die Existenzweise des Habens leitet sich vom Privateigentum ab. Durch ein System der Indoktrination über Strafen, Belohnungen, Ideologien wird der Wille der Menschen manipuliert, dass die meisten immer noch glauben, ihrem eigenen Willen zu folgen, obwohl sie bloss noch dem Geld- also einem Habensttrieb gehorchen, der längst in Fleisch und Blut übergegangen ist. Der einzige Trieb, der eben so mächtig ist und zu Störungen führen könnte, wäre der Sexualtrieb, der aber ebenfalls bestens ins System integriert wurde. Sei es durch den Ausgleich zwischen Ehe-Mann und -Frau von Sicherheit und Wohlstand gegen Sex, oder über die Schiene der kommerzialisierten Sexualität. Weil hier ein(e) jede(r) im Kern seines innersten Ichs betroffen ist, herrscht im Bereich der Sexualität zwar nicht mehr ganz die selbe Verklemmtheit die vor 100 Jahren, aber immer noch die selbe Verlogenheit.

Dali 1927: Apparat und Hand

Radikaler Hedonismus und schrankenloser Egoismus hätten nicht zu Leitprinzipien ökonomischen Verhaltens werden können, wenn nicht im 18. Jahrhundert ein grundlegender Wandel eingetreten wäre. Preise und Privateigenum zuvor eine Angelegenheit der Moral, also der Kirche.

Der Marketing-Charakter als heutzutage bestangepasster Habitus

Der autoritär-hortende Charakter der sich im 16. JH. zu entwickeln begann und bis zu Ende des 19. JH, zumindest in der Mittelklasse vorherrschte, machte allmählich dem Marketing-Charakter Platz. Der Mensch wird zur Ware auf dem Persönlichkeitsmarkt.

Mag banal tönen, erzeugt aber ein massives Problem. Der Selbstwert des Menschen ist nun nicht mehr von ihm Selbst, ja nicht mal von seinen Leistungen abhängig, sondern davon, wie der Markt seine Leistungen und ihn bewertet. Will er sich bewähren, wird er vom Subjekt zum Objekt, vom Ziel zum Zweck - was sich Kant z.B. für den Menschen ausdrücklich verboten hat.

Obwohl das Verhältnis von beruflichen und menschlichen Qualiäten einerseits und der Persönlichkeit andererseits als Voraussetzung des Erfolges schwankt, spielt der Faktor "Persönlichkeit" immer eine massgebliche Rolle. Der Erfolg hängt weitgehend davon ab, wie gut sich ein Mensch auf dem Markt verkauft, ob er "gewinnt" (im Wettbewerb ..), wie anziehend seine "Verpackung" ist, ob er heiter, solide, aggressiv, zuverlässig und ehrgeizig ist, aus welchem Milieu er stammt, welchem Club er angehört und ob er die richtigen Leute kennt.

Was vor allem davon abhängt, welchem Berufszweig er angehört, mehr allerdings noch, auf welcher Ebene er dort tätig ist (s. Die Ordnung der Welt).

Um Erfolg zu haben muss man imstande sein, in der Konkurrenz mit vielen anderen seine Persönlichkeit vorteilhaft präsentieren zu können. Wenn es zum Broterwerb genügen würde, sich auf sein Wissen und Können zu verlassen, dann stünde das eigene Selbstwertgefühl im Verhältnis zu den jeweiligen Fähigkeiten, da heisst zum Gebrauchswert eines Menschen. Aber da der Erfolg weitgehend davon abhängt, wie gut man seine Persönlichkeit verkauft, erlebt man sich als Ware oder richtiger: gleichzeitig als Verkäufer und zu verkaufende Ware. Der Mensch kümmert sich nicht mehr um sein Leben und sein Glück, sondern um seine Verkäuflichkeit. [S. 142]

Das oberste Ziel des Marketing-Charakters ist die vollständige Anpassung, um unter allen Bedingungen des Persönlichkeitsmarktes gegehrenswert zu sein. Der Mensch dieses Typus hat nicht einmal ein Ich (wie die Menschen des 19. Jahrhunderts), an der er festhalten könnte, das ihm gehört, das sich nicht wandelt. Denn er ändert sein Ich ständig nach dem Prinzip: Ich bin so, wie du mich haben möchtest. (Oh Du mein Markt, mein Herr, mein Gott.)

Die Identitätskrise der modernen Gesellschaft ist darauf zurückzuführen, dass ihre Mitglieder zu selbst-losen Werkzeugen geworden sind, deren Identität auf ihrer Zugehörigkeit zu Grosskonzernen (oder anderen aufgeblähten Bürokratien) beruht. Wo kein echtes Selbst existiert, kann es auch keine Identität geben.

R.D. Precht hat diesen Trend zum Haben, zu den Waren, darauf zurückgeführt, dass diese gefühlsmässig "verlässlicher" sind als Personen.

Menschen mit Marketing-Charakterstruktur haben kein Ziel, ausser ständig in Bewegung zu sein und alles mit grösstmöglicher Effizienz zu tun. Frag man sie, warum alles so rasch und effizient erledigt werden muss, erhält man keine echte Antwort, nur Rationalisierungen wie: "Um mehr Arbeitsplätze zu schaffen" oder: "Damit die Firma weiter expandiert."

Das selbe gilt für eine ganze Menge weiterer Fragen, die sich ob des wirtschaftlichen Getümmels ab und zu auftun. Insbesondere was das Wachstum betrifft, das "nachhaltige", womit allerdings kein nachhaltiges, sondern eben ein immerwährendes, ewiges, verlässliches, gradioses reichtumförderndes Wachstum gemeint ist. Nötig aber wird es eigentlich erst selbst durch den Wettbewerb, da der kleinere Betrieb immer Produktivitätsnachteile hat gegenüber dem Grossen (s. economy of scale & sunk costs):

Das Elend der Arbeiter sowie der Ruin einer stetig zunehmenden Zahl kleinerer Unternehmen infolge des unaufhaltsamen Wachstums der Konzerne galt als wirtschaftliche Notwendigkeit, die man vielleicht bedauern konnte, jedoch akzeptieren musste wie die Auswirkungen eines Naturgesetzes.

Die Entwicklung dieses Wirtschaftssystems wurde nicht mehr durch die Frage: Was ist gut für den Menschen? bestimmt, sondern durch die Frage: Was ist gut für das Wachstum des Systems? [S. 18]

 

Der Marketing-Charakter als Modell des fremdbestimmten "funktionierenden" Menschen, des Rädchenmenschen

Die rätselhafte Frage, warum die heutigen Menschen zwar gerne kaufen und konsumieren, aber an dem Erworbenen wo wenig hängen, findet ihre überzeugende Antwort im Phänomen des Marketing-Charakters. Das Ziel des Marketing-Charakters, optimales Funktionieren unter den jeweiligen Umständen, bewirkt, dass er auf die Welt vorwiegend verstandesmässig reagiert.

Obwohl Fromm das menschliche Verhalten bei Arbeit und Freizeit widersprüchlich findet, handelt es sich eigentlich bei beiden um Routine, Routine bei der Arbeit - Routine in Konsum und Freizeit:

Die Vorstellung grenzenlosen Vergnügens steht in merkwürdigem Gegensatz zu dem ideal disziplinierten Arbeiter, ebenso wie die Annahme eines zwanghaften Arbeitsethos dem Ideal völliger Faulheit in den freien Stunden des Tages und im Urlaub widerspricht. Fliessband und bürokratische Routine auf der einen Seite, Fernsehen, Auto und Sex auf der andren ermöglichen diese widerspruchsvolle Kombination. Zwanghaftes Arbeiten allein würde die Menschen ebenso verrückt machen wie absolutes Nichtstun. Erst durch die Kombination beider wird das Leben erträglich. Ausserdem entsprechen die beiden widersprüchlichen Haltungen einer ökonomischen Notwendigkeit: Der Kapitalismus des 20. Jahrhunderts setzt ebenso den maximalen Konsum der produzierten Güter und Dienstleistungen wie die zur Routine gewordene Teamarbeit voraus. [S. 17]

Dennoch scheint der Ausgleich nicht ganz so optimal, wie ihn Fromm hier schildert:

Schweitzer sieht die Industriegesellschaft nicht nur durch Mangel an Freiheit gekennzeichnet, sondern auch durch "Ueberanstrengung". "Seit zwei oder drei Generationen leben so und so viele Menschen nur noch als Arbeitende und nicht mehr als Menschen. Die menschliche Substanz verkümmert und bei der Erziehung der Kinder durch solche verkümmerten Eltern fehlt ein wesentlicher Faktor für deren menschliche Entwicklung.

Die heutigen Querelen zwischen Eltern, Schule, Wirtschaft und Polizei, wer denn nun zuständig sei dafür, dass die Kinder missraten, sich also lieber auf der Strasse rumtreiben und schlägern statt lernen (na ja, sooo neu ist die Erscheinung auch nicht ...) dürften hier also ihren wahren Grund haben. Einerseits. Andererseits werden sie von der Schule eben auch primär darauf gedrillt, marktfähig zu werden, also in der Marktwirtschaft zu funktionieren.

Der Marketing-Charakter entspricht Marx entfremdetem Charakter. In the gamesmen, the new corporate leaders, von Michael Maccoby, wurden 250 Manager analysiert. Die Befunde bestätigen den kybernetischen Menschen:

  1. es fehlt das tiefe Interesse zu verstehen (die Vernunft)
  2. die grosse Mehrheit ist entweder durch das nicht stetige Interesse an der Arbeit als solcher motiviert, oder die Arbeit ist ein Mittel, das ökonomische Sicherheit garantiert.

Der vom Markt getriebene und geformte Marketing-Charakter, genau so wie der kybernetische Mensch, entsprechen absolut dem (sich selbst) entfremdeten Menschen, der seinen Selbstwert auf Grund fremdbestimmter und meist monetär gemessener Leistung vorgehalten erhält. Zudem ist diese Bewertung etwa von der selben Zuverlässigkeit wie die Börse, bietet also keinerlei verlässliche Orientierung:

Wir sind nicht länger Herren der Technik, sondern werden zu ihren Sklaven - und die Technik, einst ein wichtiges schöpferisches Element, zeigt uns ihr anderes Gesicht als Göttin der Zerstörung (wie die indische Göttin Kali), der Männer und Frauen sich selbst und ihre Kinder zu opfern bereit sind. [S. 147]

Laut Mumford funktionieren der kybernetische wie der Marketing-Mensch zwar, dies aber nach der Logik der Megamaschine (s. auch Die Grosse Maschine, die Weltmaschine). Er ist einzig und allein darauf trainiert und angelegt - zu funktionieren:

Unser Bildungssystem ist im allgemeinen bemüht, Menschen mit Wissen als Besitz auszustatten, entsprechend etwa dem Eigentum oder dem sozialen Prestige, über das sie vermutlich im späteren Leben verfügen werden. Das Minimalwissen, das sie erhalten, ist die Informationsmenge, die sie brauchen, um in ihrer Arbeit zu funktionieren. Zusätzlich erhält jeder noch ein grösseres oder kleineres Paket <Luxuswissen> zur Hebung seines Selbstwertgefühls und entsprechend seinem voraussichtlichen sozialen Prestige. Die Schulen sind die Fabriken, in denen diese Wissenspakete produziert werden, wenn sie auch gewöhnlich behaupten, den Schülern mit den höchsten Errungenschaften des menschlichen Geistes in Berührung zu bringen. Viele Colleges verstehen es prächtig, diese Illusion zu nähren. Von indischer Philosophie und Kunst bis zum Existentialismus und Surrealismus wird ein riesiges <Smörgasbord> angeboten, aus dem sich jeder Student da und dort etwas herauspickt; um seine Spontaneität und Freiheit nicht einzuengen, drängt man ihn nicht, sich auf ein Thema zu konzentrieren, ja nicht einmal, ein Buch zu Ende zu lesen. [S. 49]

Ursula 1995: Das bin ich. Na und?

Folge des rationalisierten Menschen, die Schizoidie:

Kein geringerer als Charles Darwin hat auf die tragischen Folgen hingewiesen, die rein wissenschaftlicher, entfremdeter Intellekt für die Persönlichkeit eines Menschen haben kann. In seiner Autobiographie schreibt er, dass er bis zum 30. Lebensjahr grosses Vergnügen an Musik, Dichtung und bildender Kunst fand, dass er jedoch danach viele Jahre lang Geschmack an diesen Interessen verlor: "Mein Geist schien eine Art Maschine geworden zu sein, die aus grossen Massen von Tatsachen allgemeine Gesetze fabriziert ... Der Verlust dieser Neigungen ist ein Verlust an Glück und möglicherweise eine Schädigung des Intellekts und wahrscheinlich auch des moralischen Charakters, indem er die Gefühlsseite unserer Natur schwächt. [zit. nach E.F.Schuhmacher auf S. 144]

Folge des frustrierten Menschen: Gewalt und Terrorismus:

Unsere zur Zerstörung und Selbstaufopferung bereiten jungen Frauen und Männer sind Angeklagte, aber sie sind auch Ankläger, da sie Beispiele dafür sind, dass in unserer Gesellschaftsordnung mache unserer besten jungen Menschen so in Isolation und Hoffnungslosigkeit geraten, dass kein anderer Weg aus ihrer Verweiflung herausführt als Fanatismus und Zerstörung.

Mit solchen revolutionären Gruppen & Terroristen meinte Fromm damals noch die RAF und dergleichen. Man sollte sich das ab und zu bewusst machen, dass Terrorismus und Gewalt nicht per se Islam bedeutet, sondern auch bei uns recht gut gedeihen kann. (s. Vororte von Frankreich, Griechenland, ....)

Der normale Mensch

Fromm geht hier noch nicht ganz so weit wie Horney, den heutigen Menschen fast generell für gestört (neurotisch, schizoid, wie auch immer) zu erklären, macht aber doch deutlich, wie wenig weit es mit der "Normalität der Normalen" her ist:

Andererseits wurden die vom sogenannten gesunden Menschenverstand geprägten Meinungen des normalen, das heisst gesellschaftlich angepassten Bürgers für rational und keiner tiefenpsychologischen Analyse bedürftig gehalten. Diese Annahme ist jedoch falsch. Unsere bewussten Motivationen, Ideen und Ueberzeugungen sind eine Mischung aus falschen Informationen, Vorturteilen, irrationalen Leidenschaften, Rationalisierungen und Voreingenommenheiten, in der einige Brocken Wahrheit schwimmen, die uns die (freilich falsche) Gewissheit geben, dass die ganze Mischung real und wahr sei.

Was ist unbewusst? Nicht nur irrationale Leidenschaften, sondern fast unser ganzes Wissen von der Wirklichkeit.

Daraus, wie der generellen Anpassung an die Bedürfnisse des Marktes (statt der Anpassung des Marktes an die Bedürfnisse der Menschen ...), entsteht ein Bildungszwang, ein Formzwang, vor allem aber ein Zwang, zu funktionieren:

Die Institution der Familie wird dazu benutzt, das Kind ab dem ersten Mal wo es seinen Willen kundtut, zum Gehorsam zu erziehen. Der Eigenwille des Kindes muss gebrochen werden, um sicherzustellen, dass es später als Bürger wunschgemäss funktioniert.

Vielleicht sind die gegenwärtigen Anläufe der Hirnforscher eine ebensolche Strategie, den Eigenwillen des Menschen zu bestreiten, ihm dem Markt, d.h. denjenigen, die den Markt bilden, gefügiger zu machen. Der heutige Mensch muss sich also nicht bloss von (unbewussten) eigenen Trieben befreien, sondern dazu noch sich der ebenfalls meist unbewussten fremdgesteuerten Antriebe bewusst werden, die ihm, meist wenig rational begründet, ein bestimmtes Verhalten, ja oft sogar Denken und Fühlen aufzwingen wollen. Er muss sich über seinen eigenen Willen, sein eigenes Wollen klar werden, sich vom getrieben sein befreien um wirklich fruchtbar, gestalterisch und produktiv werden zu können.

Habgier und Unterwerfung verdummen die Menschen, so dass sie unfähig werden, ihre wahren Interessen zu verfolgen, ob diese nun ihr eigenes Leben oder das ihrer Frauen und Kinder betrifft. [Piaget 1932]

 

Der neue Mensch: Ein Dutzend Vorschläge zur Errettung der Welt

Zum ersten Mal in der Geschichte hängt das physische Ueberleben der Menschen von einer radikalen seelischen Veränderung des Menschen ab.

[Mesarovic, Pestel, Schuhmacher: S. 21]

Der neue Mensch, der sich seines Leidens bewusst ist, dessen Ursachen erkannt hat, Möglichkeiten sieht, es zu überwinden, steht nun vor der Aufgabe, Verhaltensnormen und Lebensstil in folgenden Bereichen zu ändern:

Dazu muss er tätig sein - besser: tätig SEIN, womit also nicht Arbeit in ihrer traditionellen Form, insbesondere nicht in der Form der Anstellung gemeint ist, sondern der Gebrauch der menschlichen Kräfte, seiner Anlagen, Talente, Gaben, als produktives Tätigsein in nicht entfremdeter Aktivität, also primär in eigener Regie.

Etwa ein Dutzend Vorschläge zur Errettung der Welt

  1. Es ist die Frage zu lösen, wie die industrielle Produktionsweise beibehalten werden kann, ohne in totaler Zentralisierung zu enden, das heisst im Faschismus früherer Prägung oder - wahrscheinlicher - im technokratischen Faschismus mit einem lächelnden Gesicht.

Diese Frage ist ein Kernproblem der Marktwirtschaft, das bereits von Marx gesehen und kritisiert, aber bisher nur unbefriedigend (über Planwirtschaft) gelöst wurde. Es besteht heute in einem zuvor nie gesehen Umfang. (s. economy of scale: Die Macht der Grösse)

  1. Die gesamtwirtschaftliche Rahmenplanung müsste - unter Verzicht auf die weitgehend zur Fiktion gewordene "freie Marktwirtschaft" - mit einem hohen Mass an Dezentralisierung verbunden werden.
  2. Das Ziel unbegrenzten wirtschaftlichen Wachstums müsste aufgegeben bzw. durch selektives Wachstum ersetzt werden, ohne das Risiko einer wirtschaftlichen Katastrophe einzugehen.
  3. Es gälte, entsprechende Arbeitsbedingungen und eine völlig andere Einstellung zur Arbeit zu schaffen, so dass nicht mehr der materielle Gewinn den Ausschlag gibt, sondern andere psychische Befriedigungen. als Motivation wirksam werden können.

Auch dieses Problem wird im Westen diskutiert, seitdem er von Arbeitslosigkeit überrascht wurde, nach Jahrzehnten des boomenden Aufbaus in der Wirtschaftswunderzeit nach dem zweiten Weltkrieg. Lösung wurde noch keine gefunden. Noch immer werden Arbeitslose mit Nachdruck zur Arbeitssuche angehalten, obwohl jedem klar ist, dass die Stellen gar nicht da sind.

  1. Der wissenschaftliche Fortschritt müsste gefördert werden und gleichzeitig sichergestellt werden, dass seine praktische Anwendung nicht zur Gefahr für die Menschen wird.
  2. Es müssten Bedingungen geschaffen werden, die es den Menschen ermöglichen, Wohl-Sein und Freude zu empfinden, und die ihn von der Sucht nach Maximierung des "Vergnügens" befreien.

Owohl wir hier das Kernproblem haben (des Pudels Kern), sind dazu noch kaum Vorschläge vorhanden. Hier müssen die Erkenntnisse der Glücksforschung ernster genommen, und Lebensmodelle entwickelt werden, die Glück fördern, ohne dass man sich dabei zu Tode arbeitet - und die Welt zubetoniert. Sooo schwierig wäre es nun vermutlich doch nicht.

  1. Die Existenzgrundlage des einzelnen wäre zu sichern, ohne ihn von der Bürokratie abhängig zu machen.

Dieser Vorschlag wurde längst in mehreren Varianten ausgearbeitet (s. Grundeinkommen).

  1. Die Möglichkeit zur "individuellen Initiative" ist vom wirtschaftlichen Bereich (wo sie ohnehin kaum noch existiert) in die übrigen Lebensbereiche zu verlagern. [S. 166-7]

Oder - die Wirtschaft ist so zu reorganisieren, dass kein genereller Zwang zu Grösse und Marktbeherrschung mehr nötig ist, weil die produktive Arbeit für sich Zufriedenheit schafft und ausreichend Sicherheit bietet. Hier schliesst sich die Argumentation: Fröhliche Produktion und gesunder, vernünftiger Konsum - was wollten wir mehr? (s. moderne Oekonomie)

1. Der erste entscheidende Schritt auf dieses Ziel hin (eine gesunde Wirtschaft für gesunde Menschen) ist die Ausrichtung der Produktion auf einen "gesunden und vernünftigen Konsum."

1.b Die traditionelle Formel: "Produktion ist für den Verbrauch statt für den Profit" ist ungenügend, da nicht ausgesprochen wird, ob von gesundem oder pathologischem Verbrauch die Rede ist. [S. 169]

Der Staat soll allerdings nicht dem Bürger diktieren, was er zu Essen oder wie er zu leben hat.

Gesunder und vernünftiger Konsum ist nur möglich, wenn wir das Recht der Aktionäre und Konzernleitungen, über ihre Produktion ausschliesslich vom Standpunkt des Profits udn Wachstums zu entscheiden, drastisch einschränken. [S. 171]

Hier wird's nun, gemessen an den reellen Gegebenheiten, doch ziemlich utopisch, allerdings: Verbraucherstreiks/Konsumentenboykotts haben schon des öftern massiv die Entscheidungen hoher Herren umgestossen. (s. Soziallabel & reflexiver Konsument)

2 Um eine am Sein orientierte Gesellschaft aufzubauen, müssen alle ihre Mitglieder sowohl ihre ökonomischen als auch ihre politischen Funktionen aktiv wahrnehmen. Das heisst, dass wir uns von der Existenzweise des Habens nur befreien können, wenn es gelingt, die industrielle und politische Mitbestimmungsdemokratie (participatory democracy) voll zu verwirklichen. [S. 173]

2.b Die aktive Mitbestimmung im politischen Leben erfordert maximale Dezentralisierung von Wirtschaft und Politik.

Sobald eine Gesellschaft sich in eine Megamaschine (Mumford) verwandelt hat, ist Faschismus auf lange Sicht fast unvermeidbar. Als Bestätigung dieser Aussage mag das gute Abschneiden Chinas im Wirtschaftswettbewerb gelten. Die Menschen werden zu Schafen, verlieren ihre Fähigkeit zum kritischen Denken, fühlen sich ohnmächtig, verhalten sich passiv, sehnen sich nach einem starken Mann, der weiss, was zu tun ist - und alles weiss, was sie nicht wissen. (s. Wahl Obamas ...)

2.c Aktive und verantwortungsvolle Mitbestimmung ist nur möglich, wen das bürokratische durch ein humanistisches Management ersetzt wird.

Bürokratismus kann man als Methode definieren, bei der a) Menschen wie Dinge verwaltet werden und b) Dinge nach quantitativen statt qualitativen Gesichtspunkten behandelt werden, um die Quantifizierung und Kontrolle zu erleichtern und zu verbilligen. Der Bürokrat fürchtet persönliche Verantwortung und sucht hinter seinen Vorschriften Zuflucht. Was ihm Sicherheit und Stolz gibt, ist seine Loyalität gegenüber den Gesetzen, nicht seine Loyalität gegenüber den Geboten der Menschlichkeit.

Eichmann tat seine Pflicht. Der Bürokrat, der sich weigert, einen Notfall im Spital aufzunehmen, weil er nicht vom Arzt überwiesen wurde (oder keinen Krankenkassenausweis hat), ein Sozialarbeiter, der lieber einen Antragsteller auf der Strasse liegen lässt als einen Formfehler zu begehen, sie handeln genau so. bürokratisch. Diese Art von Grausamkeit kann leicht begangen werden, wo der Mensch zur Nummer wurde und kein menschliches Band mehr besteht. Obzwar die Bürokraten weniger Abscheu erregen als reine Sadisten, sind sie gefährlicher als diese, da sie nicht einmal einen Konflikt zwischen Gewissen und Pflicht auszutragen haben: Ihr Gewissen ist identisch mit Pflichterfüllung. Mit Menschen Mitgefühl und Mitleid zu haben, gibt es für sie nicht. [S. 178]

Mit der Pflicht Hand in Hand einher geht ... der Auftrag, den Blocher immer so sehr schätzte.

2.d In der kommerziellen und politischen Werbung sind alle Methoden der Gehirnwäsche zu verbieten.

3 Die Kluft zwischen den reichen und armen Nationen muss geschlossen werden

Viele Uebel der heutigen kapitalistischen und kommunistischen Gesellschaft wären durch die Garantie eines jährlichen Mindesteinkommens beseitigt.

dass der Mensch das uneingeschränkte Recht zu leben hat, ob er seine "Pflicht" gegenüber der Gesellschaft erfüllt oder nicht. Es ist ein Rech, das wir unseren Haustieren, nicht aber unseren Mitmenschen zugestehen. [S. 181]

Durch ein solches Gesetz würde die persönliche Freiheit immens erweitert; kein Mensch, der von einem anderen wirtschaftlich abhängig ist (beispielsweise von den Eltern, dem Ehemann, dem Chef), wäre weiterhin gezwungen, sich aus Angst vor dem Verhungern erpressen zu lassen. Begabte Menschen, die sich auf einen neuen Lebensstil vorbereiten wollen, hätten dazu Gelegenheit, wenn sie bereit sind, eine Zeitlang ein Leben in Armut auf sich zu nehmen. Die modernen Sozialstaaten haben diesen Grundsatz - beinahe - akzeptiert, das heisst "nicht wirklich". Die Betroffenen werden nach wie vor von einer Bürokratie verwaltet, kontrolliert und gedemütigt.

4 Die Frauen sind von der patriarchalischen Herrschaft zu befreien.

Der Krieg zwischen den Geschlechtern ist ebenso alt wie der Klassenkampf, aber er hat kompliziertere Formen angenommen, da die Männer stets die Frauen nicht nur als Arbeitstiere brauchten, sondern auch als Mütter, Geliebte und Trostspenderinnen. Die schärfste Waffe der Frau war, die Männer lächerlich zu machen.

5 Ein oberster Kulturrat ist ins Leben zu rufen, der die Aufgabe hat, die Regierung, die Politiker und die Bürger in allen Angelegenheiten, die Wissen und Kenntnis erfordern, zu beraten. Diese Idee, allerdings ohne den Schwerpunkt der "richtigen" Information und Beratung, sondern gleich in parlamentarischer Form, wurde von Heinrichs in seinem Modell des vierfachen Pfades weiter entwickelt.

5b Ein wirksames System zur Verbreitung von objektiven Informationen ist zu etablieren.

Ein hohes Informationsniveau ist entscheidende Voraussetzung für die Bildung einer echten Demokratie. Dem Durchschnittsbürger werden heute so gut wie keine echten und notwendigen Informationen zur Verfügung gestellt. [1979].

Seither hat sich zwar die Masse der Informationen noch enorm vermehrt, aber die einseitige Ausrichtung auf Verkäuflichkeit eben so extrem zugenommen.[s. Internetjournalismus].

Das gilt nicht nur für den Mann von der Strasse, sondern, wie sich immer wieder zeigt, auch die meisten Abgeordneten, Regierungsmitglieder, Generäle und Wirtschaftsführer sind mangelhaft unterrichtet bzw. durch die Unwahrheiten, die von den verschiedenen Regierungsbehörden und von den Nachrichtenmedien verbreitet werden, weitgehend falsch informiert.

Eine der ersten und wichtigsten Funktionen des Obersten Kulturrates wäre es, Informationen zu sammeln und zu verbreiten, die den Bedürfnissen der ganzen Bevölkerung dienen und eine geeignete Diskussionsgrundlage für die erwähnten Nachbarschaftsgruppen in einer Mitbestimmungsdemokratie abgeben. [S. 186]

Interessant hier, dass diese Vorgabe: Wichtigstes Element ist die richtige ("wahre") Information, von ... nicht mal am Rande erwähnt wurde, die Aufgabe des Kulturrates aber auch in andern, zum Teil teilweise umgesetzten Teillösungen vollständig verschwunden ist. Auch hier herrscht der Marktgeist, gefördert wird "Kulturoutput" der sich verkaufen lässt, was sich äusserst schlecht verträgt mit der Uraufgabe der Kultur, nämlich dem menschlichen Lebenssystem, seinem geistigen System - und seiner natürlichen Umwelt Sorge zu tragen.

5c Die wissenschaftliche Grundlagenforschung ist von der Frage der industriellen und militärischen Anwendung zu trennen.

Also das Gegenteil von dem, das seit Jahren gefördert wird - vor allem durch diejenigen, die unter Bush die "Freiheit" weltweit verbreitet haben, mittels Armee und Spitzeldiensten ....

6 Eine unabdingare Voraussetzung einer neuen Gesellschaft ist die atomare Abrüstung.

Hält man sich die Macht der Konzerne vor Augen, die Apatie und Ohnmacht des grössten Teils der Bevölkerung, die Unzulänglichkeit der führenden Politiker fast aller Länder, die Gefahr eines Atomkrieges, die ökologischen Belastungen, ganz zu schweigen von Phänomenen wie klimatische Veränderungen, die allein schon ausreichen würden, in grossen Teilen der Welt Hungersnöte hervorzurufen - haben wir dann überhaupt eine berechtigte Chance der Rettung?

In der Geschichte der Menschheit war ein auf schale Vergnügungen ausgerichtetes Leben bisher nur einer kleinen Elite vorbehalten, und diese verlor deshalb nicht ihren ganzen Verstand, weil sie Macht besass und ihr Denken und Handeln darauf ausrichten musste, diese Macht zu erhalten. Heute hat sich die ganze Mittelschicht, die keine wirtschaftliche und politische Macht und wenig Verantwortung hat, dem sinnlosen Konsum verschrieben. [S. 189]

Zusammenfassende KOMMENTARE

Martin Herzog, Basel, 24.1.09