KOOP - Bildungsbörse - WISSENSCAFE: Programm / Archiv

Stadthelferzentrum
Vogesenstrasse 110
4056 Basel - St. Johann

Eintritt/Teilnahme frei

Anfragen an M. Herzog, 061 831 80 15, hewww@brainworker.ch

Systemisches Denken - Reden - und Handeln

Denken ist Dialog mit sich selbst. Denken bedeutet aber auch: sich bewusst vorstellen, sich erinnern, nachdenken, Begriffe bilden, urteilen, gesinnt sein, Absicht(en) haben, vorhaben, willens sein; umgangssprachlich aber auch dafürhalten (glauben), meinen, sich eines Vorsatzes erinnern (daran denken) oder überlegen (nachdenken); psychologisch steht denken für den Prozess des Problemlösens. Nach Kant geschieht alles Denken durch Begriffe, Urteile und Schlüsse. Denken ist also im Gegensatz zu den Wissenschaften wertend - und darum die Aussage Heideggers: Wissenschaften denken nicht, nur auf den ersten Blick seltsam.

Bereits Aristoteles trennte diskursives Denken (Wissenschaft) von intuitivem Verstand, der Erfassung der Prinzipien, des Ganzen.

Das <Meinen> kann sich auch nicht von der Wahrheit lösten, denn es bedeutet:; für Wahr halten, glauben. Um Irrtümer auszuschalten sind also mehrere Meinungen, ja eine Statistik (Stochastik) der Meinungen nötig.

Kern des Denkens ist der Begriff, das Wort, der Begriff, auf griechisch logos: Und im Anfang stund das Wort.

Begriff/Begreifen kommt von Greifen, also einer handlichen Tätigkeit:

Die Grundlagen des Be-Greifens werden bereits im 1. Jahr des Menschenlebens gelegt. Der wichtigste Schritt dazu ist das Greifen, das nicht bloss eine motorische Aufgabe darstellt. Gegenstände werden aus der Nähe und Ferne sowie aus verschiedenen Richtungen gesehen, also perspektivisch. Wo also später das Erkennen unterschiedlicher Perspektiven nicht mehr klappt, muss das am fehlenden Be-Greifen liegen. Vielleicht durften Leute wie Bush, die so einfach gar nichts begreifen wollen, als Säuglinge einfach zu wenig mit Gegenständen rumfuchteln ... (Sie sehen, wie einfach unsere Sprache eigentlich konstruiert ist). Durch die ganze Ausbildungszeit hindurch wird a) der Wortschatz erhöht, und b) die Komplexität der Verbindungen. Aus Worten werden Sätze, aus diesen Abschnitte, Aufsätze, Artikel, Essays, eventuell ganze Bücher. Die Schriftsprache erlaubt also die Akkumulation, wie das Vergleichen und Verbinden von Wissen, also die Konstruktion ganzer Gedankengebäude.

Da wir das Atom des Denkens im Begriff fassen können, können wir nun auch die Strukturen des Denkens analysieren, und das erst noch relativ einfach, nämlich über die Struktur der Sprache. Das Molekül des Denkens ist der Satz, laut Wittgenstein gleichzusetzen mit dem Gedanken: Der Gedanke ist der sinnvolle Satz. Aber auch darauf darf man sich nicht beschränken in der Analyse des Geistes, denn der sinnvolle Satz wird erst zu einer sinnvollen Aussage, die Kontext und weiteres einschliesst (s. Informion) über den Text (textus = Gewebe).

Erkenntnis, Kognition auf psychologisch, kommt von cogito (Erkennen. Na ja, wer hätte das gedacht), und das wiederum scheint von cogo her zu stammen: zusammenbringen, sammeln, noch heute eine der wichtigsten Tätigkeiten der Forscher, die sich auch in den ersten Resultaten ausdrückt, als da wären:

Worte bündeln sich in semantischen Bedeutungsgruppen.

Worte werden dazu genutzt, Gedanken, also Sätze auszubilden. Der Satz ist das Molekül des Gedankens, das Wort/Zeichen sein Atom. Hier beginnt abstraktes Denken, weshalb Alphatetisierung einen beträchtlichen Kulturschritt darstellt. Das erste Alphabet wurde übrigens so ca. 3500 BC in Mesopotamien geschaffen, das zweite 1000 Jahre später in China. In Europa kamen die Runen erst zwischen 200 und 700 n.Chr. auf, und wurden mit der Christianisierung durch das römische Alphabet ersetzt.

Topologie des Wissens (wird gerade ausgearbeitet zwecks Reorganisation der Gesamtpräsentation www.brainworker.ch ):

Relationen grösser kleiner gleich

 

Gruppen, Kompartimente (Mengen) Felder, Netzwerke

Zuordnung, Begriff-Begreifen-Perspektive, Kategorie

bedingt Ordnungssystem, also Logik: Am Anfang war das Wort. Wahrheitswert von Schluss-Folgerungen Logik ist die Lehre des Schlussfolgerns. Man kann aus Unwahrem keine wahre Schlussfolgerung ziehen, logisch betrachtet.

Schichten, Kategorien

 

Rangordnungen

Reihen: Zeit, Polarität. Zyklen, Logistik

Form, Funktion, Struktur

Stochastik: Streung, Zufall, unvollständige Erkärung

Mengenlehre als formale Logik

System- und Modelltheorie (Levins Kraftfelder): Heuristik: Die Kunst des Fragens: Amr Ibn al Am: Wissenschaft besteht aus zwei Teilen: Der Frage und der Antwort.

> ein typisches Problem der Kategorialanalyse

Denken ist Dialog mit sich selbst

Denken passiert erst mal im Gehirn, also in einem Individuum.

Individuelles Denken kann sich nur vom Meinen lösen, wenn es entweder streng logisch deduktiv, induktiv, assozierend etc. arbeitet - oder sich im Dialog der Kritik unterzieht.

Arten des Denkens:

Linkes Denken wird oft als männliches Denken, rechtes Denken als typisch weiblich bezeichnet. Aus vorgehender Beschreibung des intuitiven Denkens lässt sich leicht verstehen, warum Männer Frauen nicht verstehen und Frauen sich gegenseitig auch nicht * Intuition ist in der Tat unberechenbar! Sie funktioniert vielleicht ein bisschen wie ein neuronales Netz, allerdings mit viel stärker ausgeprägten Möglichkeiten der Selbstkonstruktion (Autopoiese) als bei Computerprogrammen.

Ein besondere Form intuitiven Denkens ist das Denken aus dem Bauch heraus, das Bauchdenken. In der Tat befinden sich im Bauchraum (um den Darm) mit mehr als 100 Millionen Nervenzellen mehr Neuronen, als im gesamten Rückenmark zu finden sind - allerdings nur 1% der Menge an Nerven die sich im Gehirn findet. Diese Nervenzellen speichern auch Erinnerungen, im Gegensatz zur Hirnrinde allerdings nicht Erinnerungen die symbolische Manipulation erlauben, also Denken, sondern unbewusste Erinnerungen an Empfindungen wie Schmerz, Wohlsein, Erfolg, Misserfolg, Freud und Leid. 

Diese Aussage macht aber auch die Grenzen des Bauchwissens klar. Jeder Bauch hat nur seine eigenen Erfahrungen, also ein sehr spezifisches und nicht allgemein gültiges Wissen! Zudem ist dieses zu grossen Teilen unbewusst, kann also kaum in die Argumentation eingebracht werden - es sei denn, man werde sich bewusst, warum der eigenen Bauch eine gewisse Entscheidung ablehnt oder verlangt. Auf jeden Fall kann Bauchwissen nicht als Autorität für Andere gelten, sondern nur für den/die EigentümerIn des Bauches.

Eine weitere Verwandtschaft von Philosophie mit Religion ergibt sich in dem, vor allem von Jaspers geprägten, appellierenden Denken, in der Religion "Predigt" genannt.  Appellierendes Denken bezeichnet die Art der philosophischen Aussage, die nicht bloss Sachverhalte mitteilen will, sondern, wie die Rhetorik und mittels Rhetorik, beim Empfänger ein spezifisches Verhalten auslösen möchte.  Wissenschaften wie Journalismus verbieten sich dergleichen eigentlich, obwohl sie es selbst betreiben. Welcher wissenschaftliche Bericht fordert nicht mehr Geldmittel? Welcher Journalist appelliert nicht an irgend welche Gefühle? Warum also sollte es verboten sein, an die Vernunft zu appellieren? Damit falsche Meinungen weiterhin gefahrlos neben richtigem Wissen bestehen können?

Arten der Kommunikation, gemeinschaftliches Denken:

Mitteilung und Dialog: Sprechen ist lautes Denken

Bedeutung der Rhetorik: Wirkung der Rede

  1. Voraussetzung ist, dass man was zu sagen habe, dass überhaupt Wirkung erzeugen kann oder will
  2. Dass man die Aussage so formuliert, dass sie klar verstanden werden kann - und auf Aufmerksamkeit stösst.

Je nach Kategorie des Wissens oder Meinens sind unterschiedliche Strukturen der Mitteilung erforderlich:

Wissenschaftliche Publikation:

  1. Problem
  2. Lösungsansatz
  3. Methode
  4. Resultate
  5. Diskussion/Wertung

Problem: Weitgehend unverständlich oder uninteressant für die Mehrheit. Aufgabe des Wissenschaftsjournalismus.

Journalismus:

  1. interessantes Thema - lead: der rasante Einstieg.
  2. Betonung eher der Gefühle als des Wissensgehaltes. Der Leser muss emotional gebunden werden
  3. Klare und straffe Struktur mit Zwischentiteln und Blöcken
  4. 1 Bild sagt mehr als 1000 Worte
  5. Kurz und Einfach

Problem:

Konstruktivistisch reduktiv, vereinfacht auf Grund der Ansprüche der Leser, nicht auf Grund massgeblicher Faktoren, statistischer Evaluation (schrittweise multiple Reduktion), oft also populistisch. Die Aufmerksamkeitsspanne erlaubt kaum mehr als 3000 Zeichen, vorzugsweise sogar 800, womit sich kein komplexes Thema mehr erläutern lässt.

Wir haben hier das Problem, dass sich jedes System erst aus seiner Differenz zu SEINER Umwelt erklärt. Ist diese nicht bekannt, später mal, setzt es sich als absolut, und die Rückseite der Münze wird vergessen. So geschehen bei der Oekonomie.

Wir haben hier das Problem von Text und Kontext. Je kürzer die Mitteilung, desto geringer werden die Informationen über den Kontext, also die "Umgebung", auf die sich die (mehr oder weniger präzise) Aussage bezieht. Ohne Kontext lassen sich Aussagen viel leichter generalisieren, psychologisch betrachtet. Die Aussagen, die aus begrenzten Perspektiven entstanden, führen dann als allgemein genommene notgedrungen in die Irre.

Wir haben hier auch das Problem der Situation, die sich nicht bloss innerhalb eines gewissen Zeitablaufs einordnen lassen müsste, sondern auch räumlich (topologisch), quasi als <Feld> innerhalb eines gewissen Umfeldes.

Argumentation versucht diesen Bedingungen gerecht zu werden, da die Gegenargumentation jeden Verstoss gegen Logik oder Struktur der Kathegorien gnadenlos rächen und ausnutzen wird:

Behauptungen versuchen oft, gerade wo es primär um das Rechthaben geht, also in der Eristik, Argumentation entweder ganz zu vermeiden oder zu verwedeln, unscharf zu machen, vor allem durch Grenzüberschreitungen von einem System in andere, durch Verwirrung aller Kategorien.

Ordnungs- und systemloser Dialog, Dialog ohne Logik oder meist eher mit spezieller Logik, Verkrümmungslogik (Eristik):

Ockhams Rasiermesser: Die Forderung nach der einfachst möglichen Begründung

Was zusammenhängt gehört rein, was einigermassen unbedeutend ist raus.

Ockham führt Sparsamkeit als ein Kriterium der Theorienkonstruktion ein. Ueüberflüssige Elemente sollen eliminiert werden. Es gilt immer, die einfachere von zwei Theorien, welche beide dasselbe Phänomen erklären können, zu wählen.

Das ockhamsche Sparsamkeitsprinzip fordert, dass man in Hypothesen nicht mehr Annahmen einführt, als tatsächlich benötigt werden, um einen bestimmten Sachverhalt zu beschreiben und empirisch nachprüfbare Voraussagen zu treffen. Ein Hintergedanke ist dabei auch, dass Hypothesen mit wenigen Annahmen einfacher zu falsifizieren sind als komplexere Hypothesen.

„Wenn drei Dinge nicht genug sind, um eine klare Aussage über etwas zu treffen, muss ein viertes hinzugefügt werden, und so weiter.“

Optimum auch beim systemischen Denken: Wenn ein weiterer Faktor die Erklärung oder Funktion nicht verbessert - aber das Entfernen eines Faktors die Erkärung verschlechtert.

schrittweise Regression, Diskriminanzanalyse / Statistik: % Erkärung der Varianz

Gegenprinzipien zum Rasiermesser:

Tatsächlich ist es so, dass Ockhams Rasiermesser erst dann angesetzt werden kann, wenn mehrere Theorien vorhanden sind, die die gewünschte Erklärung in gleicher Tiefe liefern können. Eine kompliziertere Theorie, die den Gegenstand besser erklärt, kann daher einer einfacheren vorgezogen werden. So ist die Relativitätstheorie komplizierter als die klassische Mechanik, kann aber auch mehr erklären.

Beispiel:

Eine der Anwendungen des Vielfaltprinzips war das "ptolemäische Weltbild". Es führte zur Epizykeltheorie, die kontinuierlich umso komplexer werden musste, je genauer die astronomischen Beobachtungen wurden. Das kopernikanische Weltbild dagegen konnte denselben Sachverhalt mit deutlich weniger Annahmen erklären.

Systemisches Denken/Modelldenken, kam 1960-80 auf mit Systemanalyse und Operations Research, Kybernetik und Informationstheorie, Entscheidungstheorie und  Kommunikationstheorie, Zukunftsforschung und Planungswissenschaften. Es verlor sich etwas, mit den Resultaten der Chaostheorie, die eigentlich wieder aussagen, dass Unbestimmbarkeit regiert, Denken und Wissen also äusserst ephemere Produkte sind (was die gegenwärtige Halbwertszeit von ca. 2 Jahren nur bestätigen kann).

Danach wurde nicht nur systemisches, sondern jegliches Denken durch New Age veralbert und nach der Veralberung durch den eiskalten, harten, rein ökonomischen Kalkül des Neoliberalismus ersetzt. Systemisches Denken und Handeln findet heute also fast ausschliesslich in dem Rahmen statt, in dem Rahmen, in dem "berechnendes Tun" eben möglich ist. Der Rest ist wursteln.

Ausweg:

Eine klare Unterscheidung zwischen den Gebieten wo wir wissen können, und den Gebieten wo wir wollen (können).

Einbezug der Orientierung am Guten, also der Ethik:

Einbezug von Einflüssen der geldmässig machtlosen. Mitbestimmung, Vertragslösungen, die einen gewissen, human notwendigen Ausgleich schaffen zwischen den eben vorhandenen unterschiedlichen Interessen:

Martin Herzog, Basel, 14.9.09