Bisherige Beiträge von Brainworker zum Thema Meinungen:

ARGUMENTATION

Wissen lässt sich nach Aristoteles in 5 Stufen gliedern:

  1. sinnliche Wahrnehmung
  2. Erinnerung
  3. Erfahrung (Empirie)
  4. Kunst & praktisches Wissen (phronesis)
  5. Wissenschaft (episteme)

Zur Überprüfung des Wahrheitsgehalts von Argumenten, also des Unterschieds von Meinung und Wissen, stehen uns mindestens 5 Möglichkeiten zur Verfügung:

  1. apriori: aus rein logischer Erwägung. Diese Demonstration von kausalen Zusammenhängen, die allerdings nur in der Mathematik, und nicht mal dort, zu 100% funktionieren. Bereits in der Physik sind manche Zusammenhänge nur noch statistisch zu sichern, bei chemischen Vorgängen erhält diese Stochastik eine noch höhere Bedeutung.

  2. a posteriori: Erfahrung, empirische Wissenschaften, Ingenieurswissenschaften

  3. sensu homine: das persönliche für Wahr halten, die Meinung. Dies ist der Gegenpol intersubjektiver Gültigkeit - was allerdings nicht bedeutet, dass Meinungen nicht zur Schaffung von Mehrheiten eingesetzt werden können. Gerade hier finden sich oft Gründe, die der Opponent zwanglos akzeptiert, weil sie zu dem gehören, was er selbst glaubt, weil es sich in seine Lebenswelt problemlos einordnen lässt. Hier findet sich die Quelle der Argumente der Populisten.

  4. sensu commune: das, was allgemein als War genommen wird: Topik

  5. majeutischer (sokratischer) Dialog

Komplexe Argumentation

Die sieben unentbehrlichen Kennzeichen von Argumentation:

  1. Argumentation ist eine soziale Aktivität
  2. Argumentation ist eine intellektuelle Aktivität
  3. Argumentation ist eine verbale Aktivität
  4. Argumentation ist eine Angelegenheit von Meinungen
  5. Der Zweck von Argumentation liegt in der Begründung oder Widerlegung von Meinungen.
  6. Argumentation besteht aus einer Anordnung von Aussagen: pro – kontra, weil, wegen …
  7. Argumentation zielt auf die Zustimmung der Zuhörer
  • Rhetorik als Theorie des Meinungswissens - Topik als Urmethode der Meinungsforschung und als goldener Weg zum Konsens..
  • Populismus & Demagogie: Wie liesse sich Politik auf Volkswissen statt auf Volksmeinung basieren?
  • Probleme der Meinungsbildung durch an Umsatz, also Massenmarkt orientierte Medien.
  • Meinung und die Enthaltung davon (stoischer Skeptizismus)
  • Autorität und die Medien
  • Postmoderne ist die Antithese der Aufklärung
  • Die Entwicklung der Zivilgesellschaft und damit der zunehmende Einfluss öffentlicher Meinung
  • Ignoranz - der häufigste Grund sich lieber mit Meinungen als mit Wissen zufrieden zu geben. (Positiver: Erasmus von Rotterdams Lob der Torheit, worin er sich allerdings nicht für Meinungshuberei aussprach, sondern dafür, dass manchmal Nichtwissen sinnvoller und glückspendend er ist - ja gar, dass Glück eigentlich ohne ein gerütteltes Mass an Torheit gar nicht möglich ist).

Marokkanische Notizen (Mai/Juni 2010):

Dialektik der Meinung zwischen Popanz und ehrlichem Ausdruck persönlichen Denkens und Fühlens

[Zitate aus: Historisches Wörterbuch der Philosophie]

Meinen, Meinung (griech. doxa, lat. opinio). Doxa (dóxa, aus dokeo, scheinen) bedeutet ursprünglich Meinung, Erwartung, Vermutung.
Im philosophischen Bereich bezeichnet Doxa eine meist auf sinnlicher Wahrnehmung beruhende subjektive Meinung, Vorstellung oder Ansicht und drückt – je nach der erkenntniskritischen Haltung des betreffenden Denkers – alle Zwischenstufen von «trügerische Scheinmeinung» bis zu allgemeingültige Anschauung» aus. So erscheint bei PARMENIDES, der als erster die ganze sinnlich wahrnehmbare Welt in Frage stellt, Doxa in ausgesprochen negativer Bedeutung: die ßroton dóxai, das heißt die «menschlichen Wahn- und Trugvorstellungen» von der Sinnen weit, stehen im Gegensatz zur alnteia (Wahrheit), der sich allein auf das on, das eigentliche Sein, beziehenden, offenbarten Erkenntnis

So kann ARISTOTELES die Doxa neben andern Erkenntnisarten aufzählen, kann sie als «Schein» im Gegensatz zur Wahrheit gebrauchen, ebensogut wie er von koinai dóxai, «allgemein anerkannten Ansichten» spricht. In der Folge übernimmt daher Doxa die Bedeutung «Ansicht/Lehrmeinung» und rückt in die Nähe von dógma (Lehrsatz). Besonders die letztere Art von Meinung basiert auf geteilter Weltanschauung, dem Weltbild, und ist für politische wie kulturelle Belange äusserst bedeutungsvoll. (s. Instrument der Analyse: Topik).

Meinen: putare, censere, arbitrari, opinari, autumare, reri, sentire, opinione duci, augurari opinione. Meinung: sententia, sensus, sensa, animus, mens, arbitrium, judicium, intentio, auctoritas, ratio, opinio, interpretatio, consilium, opinatio.

Überblickt man die verschiedenen Verwendungen von Meinen und Meinung in den Lexika sowie der deutschsprachigen philosophischen Literatur, so gilt, daß das Wortpaar eine (geistige) Aktivität der Subjektivität bezeichnet.

Wir sehen insbesondere aus den lateinischen Ausdrücken, dass man das Meinen nicht all zu leichtfertig nehmen sollte: Sie sind zwar gesetzt (putare) und gefühlt (sentire), also eindeutig individuell und nicht objektiv, aber doch auch Sätze/Aussagen (sententia) die Sinn (sensus) beurteilen, Seele (animus) und Geist (mens) Ausdruck geben, entscheiden (arbitrium), urteilen (judicium), Absichten (intentio) und Autorität (auctoritas) kundtun, wobei sie teils auf Rationalität, d.h. Vernunft (ratio) basieren, zugleich aber auf Interpretation - und Rat geben wollen. Da Meinung meist ein einfaches persönliches Urteil über einen komplexen Gegestand darstellt, ist sie sorgfältig zu begründen, wo Dialog darüber stattfinden soll. Wie bei jeder Wahrheitssuche ist auch hier die Meinung bloss eine These, die durch Gegenthesen und Kritik widerlegt werden kann und soll. Wird Meinung zum Dogma, herrscht entweder eine Diktatur unkoordinierter Individuen, also Anarchie - oder die Diktatur der Mehrheit, der Tradition, der überkommenen "Wahrheiten" (alias Meinungen. s. Topik).

Das Wort Meinung findet sich in der deutschen Sprache zuerst bei NOTKER ( 1022), der causa mit machunga, ding, meinunga übersetzt.

Zu Zeiten Luthers war die Wortbedeutung noch näher beim englischen meaning, also Bedeutung. Bei Kant wird die Meinung allerdings zu einer Sonderform des Führwahrhaltens, einer tieferen Stufe von Glauben und Wissen, da es der Meinung entweder an Begründung mangelt, oder weil sie durch Sinnesempfindungen wie Gefühle und Leidenschaften eingetrübt ist.

Do Chr. Wolf: «Wenn wir [daher] einen Satz durch solche Fördersätze heraus bringen, von deren Richtigkeit wir nicht völlig gewiss sind, so heißet unsere Erkenntnis eine Meinung.». Dieser Mangel an Gewißheit, der zugleich «Mangel der Vernunft» ist, entspringt vielerlei Ursachen: im allgemeinen dem Verhaftetsein an die Sinne und die Erfahrung überhaupt. Er kann aber auch resultieren «aus einem Verderben des Willens»; «oder man ist ohne Grund veränderlich».

Meinung muß unterschieden werden sowohl vom Wahn, der nicht erkennt, daß ihm zur völligen Gewißheit etwas fehlt, während die Meinung sich dieses Fehlens gerade bewußt ist, und vom Irrtum andererseits. Dieser ist «ein falscher Wahn», da er Wahrheit und Falschheit eines Urteils verwechselt. Meinung gilt damit als «noch nicht gewisses» Wissen.

KANT stellt das Problem in einen größeren Zusammenhang. Ihm zufolge gibt es drei Stufen des Fürwahrhaltens: Meinung, Glauben, Wissen.

Meinung ist ein mit Bewußtsein sowohl subjektiv als objektiv unzureichendes Fürwahrhalten, während Glauben subjektiv, Wissen subjektiv wie objektiv zureichendes Fürwahrhalten ist.

«Bei der Meinung ist man noch frei (problematisch), beim Glauben assertorisch (man erklärt sich), beim Wissen apodiktisch (unwiderruflich). Man braucht bei jenem nur eine bessere [!] Meinung dagegen zu bringen; beim Glauben aber bin ich dem Subjekte nach gebunden». In der Folgezeit kann dann weiter differenziert und können weitere Stufen unterschieden werden. So sind für W. T. KRUG «schwachbegründete Meinung.» «Vermutungen oder Mutmaßungen (conjecturae)» - «Ahnung» als eine «Erkenntnis durch reines Gefühl»

Vor allem JACOBI betont den Zusammenhang zwischen Meinung und nicht aus der Vernunft kommenden Motiven, der zu einer «ungesunden Vernunft» führt: «Denn es ist die Natur der Meinung zu urteilen, sie würde die einzige sein, wenn es den Menschen nicht an Vernunft mangelte: folglich sich mit der Vernunft zu verwechseln». Im Rahmen des deutschen Idealismus behalten Meinen und Meinung ihre Rolle als Gegenüber von Wissen und Denken bei: Ihre Funktion kann entweder mehr als Vorstufe, aber auch als Antithese angesetzt werden.

Für HEGEL sind Meinen wie Meinung Vorstufe, «Mittelding» zwischen Unwissenheit und Wissenschaft, Sein und Nichts und Anfang der Vermittlung. Dabei wird Meinen immer wieder mit dem Ich und der «Meinigkeit» assoziiert - Meinung ist also ganz klar individuell und nicht objektiv. Dabei gilt: «Eine Meinung ist eine subjektive Vorstellung, ein beliebiger Gedanke, eine Einbildung, die ich so oder so, und ein anderer anders haben kann; eine Meinung ist mein, sie ist nicht ein in sich allgemeiner, an und für sich seiender Gedanke – es gibt keine philosophischen Meinungen».

Meinong (der heisst so, dass er sich auch mit der Meinung befasst hat, dürfte Zufall sein): «Alles Meinen ist in letzter Linie Annehmen und das Annehmen ist überall anzutreffen, wo Gegenstände, sei es nächste, sei es entferntere, intellektuell erfasst werden». Auch diese Interpretation zeigt, dass Meinungen zwar zulässig, ja das Einzige sind - wo kein besseres Wissen vorhanden ist, dass sie aber höchst unsicher und daher immer zu prüfen sind. Diese Prüfung findet statt über

  1. Verstand: Werden die richtigen Begriffe richtig verknüpft
  2. Vernunft: Werden die richtigen Schlüsse gezogen, besonders wo diese verallgemeinernd über die persönliche Sphäre der Meinung hinaus greifen.
  3. Weisheit: An welchen Werten orientiert sich die Meinung, das Wissen, insbesondere aber die Handlung, die Tat?

Oeffentliche Meinung als Gefäss des Konsenses

Der Terminus <öffentliche Meinung> kam mit der französischen Revolution auf und bedeutet (gr.): consensus populi, fama, rumor, opinio.

Die Vielseitigkeit der Bedeutung zeigt das Problem der Demokratie, denn die Volksmeinung ist in einer Demokratie zwar <die Stimme Gottes> - andererseits aber eben auch unstet, unseriös und diktatorisch. Sie entspricht Rousseaus <volonté générale> und ist damit Ausdruck von gesellschaftlicher Anerkennung, von Konsens - und laut Rousseau ein vorzügliches Mittel zur Beeinflussung der Gewohnheiten und Verhaltensweisen ihrer Völker . Je nach Zusammenhang betonte er bald die Manipulierbarkeit und Korrumpierbarkeit der öffentlichen Meinung, bald ihre Nähe zu den einfachen Sitten und moralischen Grundsätzen (moeurs) des Volkes, welche in der volonté générale ihren staatsrechtlich normativen Ausdruck finden. Condorcet und ABBÉ SIEYÈS vertraten die These, in Ermangelung würdiger Staatsorgane müsse die öffentliche Meinung als oberstes Tribunal und legitime Sprecherin der Nation angesehen werden.

Problematisch:

In dem sich nun durchsetzenden Gebrauch des Begriffs als Kollektivsingular kam die neue Auffassung zum Ausdruck, daß es in der Gesellschaft nur eine – eben die öffentliche Meinung geben könne - an die sich alle anzupassen hätten, insbesondere die Ausländer ... oder diejenigen, die eine andere Meinung vertreten.

Bentham formulierte seinerseits eine etwas demokratischere Idee der öffentlichen Meinung. Dieser fällt nach seiner klassisch liberalen Auffassung die charakteristische Doppelrolle zu, zugleich kontrollierenden Instanz des Parlaments zu sein - als auch Resultat eines öffentlichen Forums, auf dem sich die öffentliche Meinung ihrerseits überhaupt erst durch Presse und parlamentarische Verhandlungen bilden und aufklären soll.

Der neue Begriff eröffnete vermutlich die lange Reihe seither gebräuchlicher Kollektivsingulare, wie öffentlicher Wille, öffentliche Kritik, öffentliches Urteil usw., in denen das Attribut öffentlich die vorher im Deutschen unbekannte Bedeutung 'allgemein' annahm.

Worauf es der deutschen Aufklärungsphilosophie ankam, war die psychische Schwelle, die einer überwinden mußte, wenn er seine Meinung öffentlich vortrug und damit für sie einstehen mußte, weil sie nun der öffentlichen Kritik ausgesetzt war – nicht dagegen die Autorität einer sich als 'öffentlich nur scheinbar legitimierenden allgemeinen Meinung.

Hegels Kritik an der öffentlichen Meinung richtete sich gegen die unorganische Weise, in der sich in ihr die subjektiven und zufälligen Meinungen aller Einzelnen zusammenschlössen.

Entschiedener als Hegel betonte der politische Liberalismus allerdings die ethische Funktion der öffentlichen Meinung als «Grundlage der ganzen geselligen Ordnung im menschlichen Leben». Im Maße dagegen, in dem sie in der zweiten Hälfte des 19. Jh. durch die konstitutionelle Aufwertung der Parlamente und liberale Gesetzgebung tatsächlich zur Herrschaft kam, zerfiel ihre vom Begriff suggerierte Einheit mehr und mehr in das Spektrum konkurrierender Parteien und gesellschaftlicher Interessengruppen.

Durch die Demokratisierung des Wahlrechts und die Explosion in der Ausbreitung des Pressewesens war ein, von revolutionären Zeiten abgesehen, bisher unbekannter politischer Meinungs-Druck entstanden, dessen Macht liberale Theoretiker wie A. de TOCQUEVILLE und J. ST. MILL für so gefährlich hielten, daß sie zum Schutz der Minderheiten vor ihrem Konformitätszwang aufriefen.

Die Fragestellung richtete sich nun statt auf die Bedingungen ihrer Rationalität verstärkt auf die Genese der öffentlichen Meinung und ihre Wirkung auf die Gesellschaft und das politische System. Dabei herrschte nicht nur in Deutschland die Vorstellung von einer weitgehend nur rezeptiv sich verhaltenden Masse vor, die von Meinungs-Führern gelenkt würde, die durch institutionelle und soziale Vorteile so sehr begünstigt seien, daß sie die Menge fast beliebig zu lenken vermöchten.[ SCHÄFFLE, a.O. [52]; vgl. auch G. v. SCHMOLLER: Grundriß der Volkswirtschaftslehre 1 (7–101908) 14.]

J. HABERMAS wies auf die rechtsstaatlich bedenkliche Differenz zwischen den «quasi-öffentlichen Meinungen» offizieller Verlautbarungen von Parteien, Verbänden, staatlichen Organen und Massenmedien und den «nicht-öffentlichen Meinungen» der einzelnen Bürger hin, denen nicht nur jeglicher Bezug zu den gesellschaftlichen Institutionen der Meinungs-Bildung fehle, sondern die auch mit der Publizität aktiver Meinungs-Äußerung zugleich einen wesentlichen Teil ihres potentiellen politischen Gewichts preisgäben.

Luhmanns eigener Analyse zufolge besteht die wesentliche Leistung öffentlicher Meinungs-Bildung in der gesellschaftlichen Durchsetzung von Themen, die, indem sie eine kontroverse Diskussion entfachen, die Komplexität rechtlicher und politischer Kontingenz auf ein vom politischen System zu bewältigendes Maß reduzieren. Zunächst wird dadurch zwar noch nicht nach bestimmten «Entscheidungsregeln» eine Meinung zur öffentlichen erhoben, wohl aber aufgrund bestimmt er «Aufmerksamkeitsregeln» eine Themenstruktur gesellschaftlich festgelegt, die für ein politisches System zu einem bestimmten Zeitpunkt «die Grenzen des jeweils Möglichen festlegt».

Wollen wir also a) entweder öffentliche Themen setzen, öffentliche Meinung machen, oder b) uns nicht von solchen Vorhaben über den Tisch ziehen lassen, müssen wir wissen, wie und wo dies geschieht: s. Thematisierung / agenda setting

Zusammenfassung

These: Probleme mit Meinungen

  1. Meinung ist - für andere - Information ohne Integration, Verknüpfung, objektive Begründung. Meinung ist subjektiv, allenfalls "gruppensubjektiv".
    1. Meinung ist punktuell, da es keine Weltmeinung gibt, nicht mal eine Volksmeinung, sondern bloss eine verallgemeinerte Mehrheitsmeinung
      1. Der individuellen Meinung fehlt die Ganzheitlichkeit, die systemische Integration, Kohärenz, Konsens. Meinungen zersplittern Wissen, genau wie Skeptizismus, insbesondere wenn sie nicht aus einer eigenen Wurzel kommen, sondern sich einfach gegen andere, vorgelegte, bestehende Meinungen wenden. Diese Art von Meinung ist, genau wie jegliche Kritik, bloss second hand, also nicht kreativ.
      2. Es gibt kein rationales System, in dem sich Meinungen ohne sachlichen (Expertensystem) oder Mehrheitszwang (Wahlsystem) verallgemeinern lassen - es sei denn die diskursive Einlösung von Geltungsansprüchen im Habermas'schen Konsens-Dialog, der aber schon bei Kleingruppen eher zu Verzweiflung denn zu Konsens führt. Anders ausgedrückt, Foren enden meist als Arena, in der ein Gegner unterliegt, aber nicht konstruktiv gearbeitet wird.
    1. Der Volksmeinung fehlt die Feinheit von Substrukturen, die Vielheit erlauben. Die "Volksmeinung" banalisiert Meinungsvielfalt - früher meist auf der Basis von Traditionen, heute auf der Basis politischer und sozialer Trends.
  2. Je unspezifischer eine Meinung geäussert wird, des missverständlicher wird sie. Dahinter steckt allerdings oft Absicht (s. Eristik, Populismus) Auch Meinungen müssen den Geboten von Verstand, Vernunft, ja bestenfalls Weisheit gehorchen. Die meisten Probleme entstehen allerdings bereits im Vorfeld zu diesen heeren Begriffen, eben beim Begreifen, bei den Begriffen. Wo jede(r) seine eigene Sprache spricht, in seinem eigenen System denkt, wird Verständigung unmöglich, zerfliesst in unendlichen Verhandlungen darüber, was denn wohl jeweils mit dem oder dem Wort oder Satz wirklich "gemeint" sei (s. Intension - Extension). Darum ein Lob der klaren Definition, sie schützt uns bereits vor den meisten unqualifizierten Meinungen - tritt aber gerade deshalb auch ab und zu negativ als Definitionsmacht auf.
  3. Das begründete und wichtige Gebot der Meinungsfreiheit führt oft zu einer Ueberschätzung der Meinung als solcher. Der "Respekt" vor anderen Personen gebietet, deren Meinung per se als gleichwertig der eigenen zu akzeptieren. Hier allerdings überlagert das soziale System, soziale Ansprüche, den Anspruch auf Wahrheit einer Meinung und es scheint doch geboten, die Berechtigung dieses Anspruches jeweils zu wägen. Wir würden doch in einer ziemlich seltsamen Welt leben, wenn wir allen Leuten recht gäben, die uns sympathisch sind, und allen anderen widersprechen. Also etwa in der selben Welt in der die Klügeren dauernd nachgeben ...

Meinungen sind zu prüfen auf die klassischen Verbiegungen die schon Bacon in seiner Idolenlehre beschrieb als die Idole des Marktes, die Idole des Stammes (völkische und rassische Perspektiven), der persönlichen, individualistischen Perspektive und des Theaters (damals der öffentlichen philosophischen Foren, heute der Massenmedien.)

Kommunikationsanalyse

Für einen klareren Dialog zwischen den Menschen reichen also die bis anhin von mir favorisierte Argumentation nicht. Jeder sachlich-wahrheitsorientierte Dialog muss unter diesen Gegebenheiten drei- bis viergleisig beobachtet werden:

Die sachliche (objektive) Ebene des ES

Die persönliche (subjektive) Ebene des ICH

Die zielorientierte (strategische) Ebene des WIR
(auf englisch als speen bezeichnet, die Drehrichtung)

Die Beschränkung des Diskurses über Machtpositionen (s. Foucault: Die Ordnung des Diskurses):
  • Die Agenda des/der Redenden oder Schreibenden (s. Rolle / Rollenspiele):

    • Wer sagt was?

    • Warum tut er oder sie das?

    • Welche Rolle spricht aus der Person - welche Rolle wird angesprochen.

  1. WAS in einem Wissensgebiet sagbar ist - was zugleich die Sprechenden auf ihre "Wissens-Disziplin" festnagelt

  2. WER das Sagen hat, wer wann wie sprechen darf - und damit:

    1. was gesagt werden SOLL - und was nicht gesagt werden darf

Uebung:

Wissenstypen die ebenfalls zu Meinungen werden, falls sie ihr aussagekräftiges Herkunftsgebiet verlassen:

Keiner dieser Begriffe oder Kombinationen erlaubt aber eine auch nur halbwegs vollständige Systematisierung des Wissens. Gerade das Geheimwissen bleibt, da nicht mitgeteilt, ohne Kritik und Synthese, also isoliertes Detailwissen - auch wenn man damit im Einzelfalle sehr viel Geld machen kann, oder andere, militärische, Erfolge zu erzielen vermag. Die Weltherrschaft von geheimen Organisationen ist bereits aus der Hinsicht ziemlicher Schrott. Rezeptwissen ist nur in der vorgegebenen Form auf nur den präzise darin erwähnten Gegenstand anwendbar - Formales Wissen vielseitiger interpretierbar wie anwendbar. Expertenwissen kann ebenso auf Erfahrung gründen wie auf theoretischen Grundlagen. Je nach Fach kann beides seine Vorteile haben.

Im anwendbaren Bereich, dem Bereich, in dem Gestaltung stattfindet, haben wir öffentliches Wissen, da je nach Trend - durch die Medien - ziemlich verbeult werden kann. Im mittleren, d.h. auch zentralen Bereich finden wir Wissensformen, die aus einer optimalen Kombination aus Empirie und Theorie bestehen: Alltagswissen, Allgemeinwissen, Handlungswissen - im formalisierten Bereich allerdings leicht verkommen zu Schulwissen, Bücherwissen, Faktenwissen, oder auch bloss dem temporären Prüfungswissen.

Im komplexeren Bereich haben wir auf empirischer Basis das Führungswissen (Theoretiker sind grauenhafte Führer ...), Menschheitswissen und Orientierungswissen. Das Geschichtswissen steht hier rechts, d.h. unter Formalem, weil eine brauchbare Beschreibung historischer Erfahrungen einiges an Fachwissen voraussetzt. Nicht jede Begebenheit der Geschichte war von Einfluss. Noch weniger wird sie es so für die Zukunft sein. Herauszufinden welche Elemente den Gang der Geschichte bestimmten, ist Sache der Geschichtsforschung, die dann auf ihre Art Strukturen und Prozesse abstrakt analysiert und zu einem nutzbaren, d.h. interpretierbaren Wissen fügt. Geschichte geht deutlich über Geschichten erzählen hinaus!

So verbleiben wir zur Zeit bei Aufspannung zwischen

  1. Ursachenwissen (A-B)
  2. Gestaltungswissen (B1-2)
  3. Wertewissen/Wertorientierung (B3)

Dass die Zeit, als Kategorie oder Dimension, immer mitläuft, darf nie vergessen werden. Praktisch alle Entwicklungen sind abhängig davon, woraus sie sich entwickelt haben und wie sich die Umgebung mit entwickelt. Dies gilt nicht nur für den Menschen, sondern auch für alle anderen Lebewesen, die Erde, die Sonne, ja das Universum, von dem man ein zyklisches Entfalten und Schrumpfen vermutet.

Antithese: Vorteile von Meinungen

  1. Meinungen die sich Gruppen teilen, fördern den Zusammenhalt, erleichtern das Zusammenleben, erleichtern den Konsens, stabilisieren diejenige Gruppe, die sich die Meinung teilt - spaltet andere aber ab.
    1. Meinungen haben ein hohes Potential zu Anbindung Zugehöriger, jener, die die selbe Meinung teilen
    2. Gerade als <öffentliche Meinung> stellen sie einen vorgeformten, überlieferten Konsens dar, der die Gesellschaft zusammen hält. "Unsere Werte" bezeichnet oft eben nicht viel mehr als diesen überlieferten Konsens.
  2. Meinungen werden meist ohne viel Hintergrunds- und Kontextinformationen ausgetauscht. Sie erleichtern so die Kommunikation und Argumentation - allerdings nur mit denjenigen, welche die Meinung teilen. Argumente wie: Es ist eben so. Das sagen/denken alle, führen im ernsthaften Dialog allerdings nicht weiter. Meinungen eigenen sich also bloss für einen oberflächlichen, volkstümlichen Informationsaustausch - nicht aber zur Wahrheitsfindung oder Lösung von Problemen, die gerade durch Meinungsdifferenz meist erst entstehen.
    1. Meinungen erlauben einfache Strukturierung der Gedankenführung (s. Populismus)

Synthese: Pflicht einer verantwortungsvollen Meinungsbildung bei Presse und Meinungsführern in Politik und Wirtschaft

Meinungen basieren entweder auf persönlichen Eindrücken - oder auf Gruppen- bis Gesellschaftsnormen wie sie in Weltanschauungen und Weltbild kondensiert sind. Den einen fehlt jeder Kondensationskern, sie zersplittern die Gesellschaft in konkurrierende individuelle Ideen- oder Meinungsträger - den andern fehlt das Potential zur Vielfalt, sie knechten die Gesellschaft unter das Joch der Tradition.

Der Wahrheitsgehalt von Meinungen ist tiefer als bei Wissen oder Glauben, da es sich um unbelegtes, rein persönliches "Für-Wahr-Halten" handelt - der Ueberzeugungsgehalt kann aber höher sein, bei geschickter Rhetorik.

Meinungen sind also nichts weiter als Thesen - und eben so kritisch zu behandeln. Das Recht auf freie Meinungsäusserung ist nicht ohne Recht auf Kritik eben solcher Meinungsäusserungen zu haben. Erst in der Kritik bewährt sich die Meinung - oder eben auch nicht.

Was die Mehrheit für Wahr hält, oder die Weisesten, oder die Fachleute. Wer nichts für wahr hält, muss orientierungslos bleiben.

Orientierungswissen und Verfügungswissen

Orientierungswissen ist final, an einer Absicht (Intention), einem Ziel, einem Wert ausgerichtet. In der Form des Glaubens handelt es sich um individuell absolut sicheres, verbindliches und verlässliches "Wissen", Wissen in dem Sinne, dass es nicht als unzulänglich oder unsicher betrachtet wird, auch wenn es nicht wissenschaftlich (kausal) belegt werden kann.

Verfügungswissen ist causal, auf die Verwertung von anwendbarem Wissen ausgerichtet

Orientierungswissen ist etwa die östliche Philosophie -

Verfügungswissen die westliche Technologie

Orientierungswissen ist etwa Religion -

Religion die konsumiert wird wird allerdings zu Verfügungswissen (Uebernahme fremder, nicht wirklich verstandener "Spiritualitiät", mit der man sich die Erlösung kauft

Orientierungswissen lässt dem sich orientierenden die Freiheit der Wegwahl und der Wahl des Zieles

Verfügungswissen produziert Sachzwänge

Nehmen wir mal Heideggers Aussage: Wesen ist, was gewesen ist, so handelt es sich allerdings in beiden Fällen um Vergangenheit, im Falle der Kausalität sowieso, die basiert bloss auf historischen, empirischen Erfahrungen, allerdings leider meist auch Religion und Zukunftsorientierung - die sich an einer längst untergegangenen heilen Welt orientiert, die kaum mehr als Fiktion taugt. In beiden Fällen ist also kritische Wertung nötig:

Spiritualismus ist kritisch zu bewerten hinsichtlich notwendiger praktischer Strukturen und Funktionen, also Abläufe: Wenn alle Menschen Bettler oder Mönche werden sollen, ergibt das eine seltsame, vor allem aber eine sich selbst beendende Welt. z.B.

Soziale Strukturen sind bis zu einem gewissen Grad flexibel. Meist braucht es allerdings einen Generationenwechsel um wirklich etwas zu ändern. Soziale Strukturen stehen in einem Umfeld aus unterschiedlichen Elementen und Strukturen. Die natürliche Umwelt wurde bisher meist als "verwertbares Element" betrachtet, das dem Menschen dienen soll. Dass es sich um äusserst komplexe Systeme handelt die leicht ge- und zerstört werden können, wurde erst langsam bewusst - und wird noch längst nicht von allen anerkannt. Das ökonomische System wird heute als dominantes angesehen und gepflegt. Für die Erhaltung systemrelevanter Elemente (etwa der UBS in der Schweiz) ist die Politik bereit, alt bewährte Prinzipien wie etwa die Preisstabilität über den Haufen zu werfen, sich, d.h. den Bürger zu verschulden und enorme Inflationäre Mengen von Geld zu drucken. Die Ueberbewertung einzelner Elemente wird so zum Strukturalismus, der Strukturen schützt, die wir uns gar nicht leisten können, die wir so auch nie mehr nutzen können - weil ihre Funktionen einerseits überlebenswichtig sind (Sicherheit, Ersparnisse, Pensionskassen) - andererseits überflüssig (Ueberlohne), und teilweise sogar zerstörerisch (Preiserhöhungen bei überlebenswichtigen Gütern durch Spekulation). s. Rohstoffe.

Die Einpassung in die Realität (egal nun ob die des Menschen, des Wissens oder der Meinungen) muss von beiden Seiten her erfolgen, von den gegebenen Kausalitäten (Wissen) - und von den frei gewählten Finalitäten (Glauben und Meinen). Daraus ergibt sich das Ordnungswissen/Ordnungssystem einer freien Welt. Die Zielsetzung unserer Strukturen und Funktionen ist unsere Orientierung. Wir sollten sie also bewusst und bedacht wählen, wenn's geht sogar weise.

Ist hier das einzige Ziel bloss Geldvermehrung, sind wir irgendwie am A.... und in einer echt besch... Situation. (Meine Meinung).

Martin Herzog, Basel, 12.6.2010

 

Martin Herzog, Basel, 12.6.2010