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Basel [oepfel]

Beitrag 7: Ethik und Moral

  • Ethik ist die praktische Philosophie, denn sie sucht nach der Antwort auf die Frage: Was sollen wir tun?
  • Ethik dient der Erweckung des Wertbewusstseins.
  • Der Wille kann nur in Richtung auf einen Wert tätig werden

Philosophisches Wörterbuch. G. Schischkoff  (Hrsg.). Kröner, Stuttgart, 1978

 

Ethik ist die Theorie des richtigen Handelns. Sie entwickelt Kriterien, systematisiert unsere normativen Überzeugungen und gibt Handlungsorientierungen in Entscheidungssituationen, in denen wir uns auf unsere alltäglichen moralischen Intuitionen nicht verlassen können.

Julian Nida-Rümelin (Hg.): Angewandte Ethik. Die Bereichsethiken und ihre theoretische Fundierung. Ein Handbuch (von 900 Seiten ...). Alfred Kröner Verlag Stuttgart. 1996.

 

Ethik ist die philosophische Disziplin, die sich mit der Frage befasst, wie man leben soll, an welchen letzten Zwecken oder Werten man sein Leben orientieren soll.

A. Krebs: Ökologische Ethik I. In: Nida-Rümelin. Angewandte Ethik. S. 348

 

Definition Moral und Ethik:

Häufig werden Ethik und Moral synonym verwendet, was allerdings falsch ist. Im Duden wird zwar beides mit "Sittenlehre" übersetzt, jedoch handelt es sich, streng genommen, bei der Moral um den Wertekanon und die Gesamtheit der "Verhaltens-Normen einer menschlichen Gemeinschaft", die "den geltenden Sitten entsprechen" und "allgemein anerkannt" wie durch Tradierung stabilisiert sind, als verbindlich gelten oder zumindest toleriert werden. Der Begriff stammt ab vom lateinischen Terminus "mores", der mit "Sitte, Gewohnheit, Charakter" übersetzt wird, also die in einer konkreten Gemeinschaft eingelebten oder von einer Person internalisierten Verhaltensregeln bezeichnet.


Die zu grossen Teilen äussere Bedingtheit dieser Regeln, die eine Anpassung des Individuums an und in die Gesellschaft ermöglichen sollen, verweist auf eine gewisse Verwandtschaft von Moral mit "Rolle", die allerdings heute kaum mehr wahr genommen, ja kaum akzeptiert wird in ihrer Ausrichtung auf das Gute, da Moral und Ethik der heute dominanten Handlungsorientierung "Wettbewerb" = besser, schneller, grösser, billiger als andere, ersetzt wurde. Dass eine so einseitige Verformung des allgemeinen Weltbildes in der Form mehrheitlich hingenommen wird, liegt an der Komplexität der Wertorientierung. Die Auseinandersetzung mit Weltbildern, Wert- und Normsystemen ist laut Kohlberg die höchste Stufe psychosozialer Entwicklung und wird nicht von allen Menschen erreicht, um präziser zu sein, nur von einer kleinen Minderheit. Normierung ist also elitär - und entsprechend einflussreich wie gefährlich für die Entwicklung einer Gesellschaft. Und präzise dies macht Ethik (praktische Philosophie) eigentlich zu einer der wichtigsten geistigen Aktionsfelder:

Unter Ethik versteht man die "Wissenschaft von der Moral", die "Diskussion über im Voraus angenommene Normen und Werte". Als Ethos wird im Griechischen der gewohnte Lebensort bezeichnet als Einheit des Guten, Geziemenden und Gerechten. Dazu gehört Erziehung, Pflege der Gesundheit, der Ehe, der Heilkunst, des Feldbaus; des Krieg; der Verkehr mit den Göttern. Ethos ist also fast ein Synonym für Kultur und nicht bloss für Sitte und Brauchtum. Ethik ist damit auch Kritik der Moral, die, genau wie die Gesetze, der Zeit doch immer etwas hinterher hinkt.

Der Unterschied zwischen Moral und Ethik besteht also darin, dass die Moral eine Ansammlung von formellen oder informellen Regeln darstellt, die sich historisch aus Gründen des Erhalts von der Macht einer Gemeinschaften gebildet haben und daß die Ethik ein Ableitungssystem ist, das es gestattet, aus wenigen Grundsätzen Verhaltensregeln für die Menschen in einer Gemeinschaft (Staat, Kirche, Gemeinschaft, Dorf, Stadt ...) abzuleiten. Ethik ist also eher das Nachdenken über Moral; sie ist das System, durch das eine konkrete Handlung als moralisch oder auch als unmoralisch bestimmt werden kann, was sich deutlich in der Bezeichnung für Ethik ausdrückt:

praktische Philosophie.

Ethik ist als an Wahrheit orientiertes Nachdenken über Handlungsorientierungen.

Ethik widmet sich als praktische Philosophie der Frage: Was sollen wir tun? Wäre also, als zukunftsgerichtete Zielorientierung , eigentlich Grundlage von Politik und Wirtschaft. Ethik begründet diejenigen Werte, an denen sich das Gute, gutes Verhalten orientieren soll. Ethik ist die "Wissenschaft", die Weisheit schafft (also eher Philosophie). Weisheit ist nie fundamentalistisch, Ethik also immer mehrwertig, pluralistisch, frei - und nicht ein Naturgesetz, dem zu folgen ist.

Ethik sucht und Moral nutzt Erwartungs- und Orientierungsmuster, die es erlauben, Handlung im Hinblick auf ein Sollen zu beurteilen, und zwar nicht nach dem klassischen Massstab: stösst es auf Akzeptanz oder gar Anerkennung, noch weniger beschränkt auf den  heute einzig verbindlichen Massstab "rentiert's", sondern auf Grund der Frage, ist es <richtig>, ist es <gut>. Diese Frage taucht überall dort auf, wo wir durch vitale Triebe (Nahrungstrieb, Geschlechtstrieb, Sicherheitsbedürfnis, Geltungstrieb, Besitzstreben ...) oder soziale Werte: (Achtung der Persönlichkeit, Gerechtigkeit, Selbstbeherrschung, Wahrhaftigkeit, Zuverlässigkeit, Treue, Duldsamkeit, Höflichkeit / Nächstenliebe) - zum Handeln motiviert, ja angetrieben werden.

Ziel der Ethik und des moralischen Verhaltens ist das gute Leben, Grundlage dafür laut Kant nicht bloss pflichtgemässes (verantwortungsvolles Handeln nach bestem Gewissen - sondern Handeln aus Pflicht.

Psychologie, genau so wie jede andere Wissenschaft, kann keine Ethik begründen - aber sie kann zeigen, warum eine Ethik funktioniert - oder eben nicht. Wichtigstes Element der angewandten Ethik, also der Moral, ist auch nicht das Wissen darum, sondern die Fähigkeit zum rechten Mass:

 

Moralische Normen, genau wie Recht- und Konventionsnormen, oft zusammengefasst unter dem Begriff "Werte", liefern einen Bewertungsmassstab für eigenes Handeln und das Handeln anderer.

Platon unterschied vier Tugenden, die es nach wie vor erlauben, die Probleme mit der Ethik zu analysieren und besser zu verstehen:

Anpassung an Normen wird am erfolgreichsten erlangt durch Konditionierung, also Belohnung und Lob. Strafe wirkt nur zur Verhinderung unerwünschter Aktivitäten, ist aber als Sozialisierungsmassnahme äusserst umstritten. Gerade im häufigen Fall, dass Strafe zwar angedroht wird, aber die Missetat meist unentdeckt, also unbestraft bleibt, verliert die Strafandrohung jede Wirkung (Schwarzfahren, ohne Kontrolle). Strafe schafft auch keine Alternative. Wenn heute Arbeitslose und Sozialhilfeabhängige durch härtere Massnahmen (Kürzung der Beiträge, schärfere Kontrollen, Auflagen betr. Bewerbungen) gestraft werden, ohne dass sich dadurch ihre Chancen erhöhen, aus der Situation auszubrechen, also ohne echte Alternative, so wird der Sinn dieser Massnahmen zumindest von den Betroffenen bezweifelt, womit die Massnahmen voll ins Leere laufen. Strafen ohne Anerkennung der Berechtigung der Strafe oder Verbote wecken Widerstand, und dies zu Recht.

Einen ähnlichen Fall haben wir bei der machtausübenden, autoritären Erziehung bei inkonsistenter Aufsicht. Diese führt fast generell zu Verhaltensproblemen. Eine Machtausübung gepaart mit einer feindseligen Einstellung, oder zumindest dem Fehlen liebevoller Wärme, gegenüber den zu Erziehenden, verhindert geradezu eine Identifikation mit den Erziehern und ihren Zielen - bewirkt aber, dass man genau so eine (ungerechte) Herrschaftsperson werden will. Auch Strafe durch Liebesentzug ist da nicht viel besser, denn sie ist die Mutter aller Neurosen. Achtung bedingt Gegenseitigkeit - wenn sie sozial sein soll. Sozialisierung lässt sich also nicht "von oben", durch die Herrschaft, diktieren ... Asozialisierung allerdings schon: Wer geprügelt wurde will später auch prügeln.

Für Risikodiskurs und Planung sind folgende Kategorien zu berücksichtigen:

Klugheitsregeln:

  1. instrumentelle Urteile: als Mittel dienlich, tauglich zu
  2. Aufwand-Ertrags-Kalkül: lohnend, nicht lohnend

Werte:

  1. persönliche Vorlieben: mag ich, mag ich nicht
  2. allgemeine Werte: Gesundheit, Sicherheit, Frieden ...
  3. Tugenden und Haltungen: Gelassenheit, Askese, Vorsicht ...

Normen:

  1. Rechtsnormen: Gefährdungshaftung. Sicherheitsnormen ...
  2. Grundrechte: Freizügigkeit, körperliche Unversehrtheit ...
  3. moralische Gebote: Schade niemandem!
  4. Standeskodizes: Loyalität, Kollegialität, Gemeinwohl, ...
  5. TA (Technologiefolgenanalyse)-Postulate: Frühwarnung, Beteiligung, Komprehensivität, ....
  6. technikspezifische Grundsätze (VDI
  7. ethische Prinzipien: kategorischer Imperativ, Diskursprinzip

Ingenieursethik wird heute meist unter folgenden Themen behandelt:

Die Wissenschaftsethik ist eine Teildisziplin der Ethik, die sich mit dem Ethos der Wissenschaft und der Wissenschaftler, also den moralischen Grundsätzen wissenschaftlichen Handelns befasst.
Darüber hinaus beschäftigt sie sich mit den praktischen Folgen, die sowohl die Erzeugung als auch die Verwendung des Wissens haben.

Hier, wie bei den meisten Wissenschaften, hat die Wahl der Methode einen entscheidenden Einfluss auf die Resultate. Zur Verfügung stehen primär die Theorien von:

  1. Weber: aufgeklärter politischer Dezisionismus
  2. Habermas: diskursive staatsbürgerliche Willensbildung
  3. Luhmann: intersystemische Kommunikationsflüsse

Der Begriff des politischen schwankt somit, je nach Methode, zwischen Etatismus, Systemtheorie und Radikaldemokratie. Zudem sind die meisten TA-Konzepte eurozentrisch

SAPHIR (Systemanalytische und philosophische Untersuchung zur bemannten Raumfahrt) nutzt die rationale Diskursrekonstruktion, die sich in drei Schritte zerlegen lässt:

  1. Bestimmung der Parteien von Opponenten und Proponenten
  2. Feststellung, welche Handlungen, Zwecke und Normen in diesen Gruppen vertreten werden
  3. Bestimmung, welche Argumentationstopoi regelmässig in den Diskursen gebraucht werden.

 

ETHIK DER POLITIK

Lösungsansätze:

  1. Erweiterung der Freiheit, d.h. der Wahlmöglichkeiten und Chancen für alle.

    Öffentlicher Dialog über  widerstreitende Wertvorstellungen - "durchsichtiges", d.h. eben nicht listiges Engagement in der Entwicklung politischer und rechtlicher Normen. Die gesellschaftliche Entwicklung wird je länger desto weniger von Menschen gelenkt, auch nicht über Politik, sondern von meist wirtschaftlich induzierten Sachzwängen - und eine Expertokratie. Transparenz, und, gerade in einer Demokratie, eine gewissen Garantie der Mitwirkung, ist also ein erstes Gebot einer Wirtschaftsethik.

  2. Bringpflicht für sinnvolle (technische) Erfindungen und nachhaltige Lösungen - im Dienste der Allgemeinheit.
  3. Sich bewußt sein über die Zusammenhänge technischer, gesellschaftlicher, ökonomischer und ökologischer Systeme und deren Wirkung in der Zukunft.

    Vermeiden von Handlungsfolgen, die zu Sachzwängen und zur Einschränkung selbstverantwortlichen Handelns führen.

    Handle so, daß ein unter gegebenen Umständen optimaler Zustand eintritt.

  4. Orientierung an Grundsätzen allgemein moralischer Verantwortung und Achtung der rechtlichen Normen (Arbeits-, Umwelt und Technikrecht, Sozialrecht).
  5. Engagement in Weiterbildung und wirtschaftlicher Aufklärung

  6. [Achtung vor der Wahrheit] In Klammern, da hier die Wirtschaft offensichtlich überfordert wäre, sollte sie die selben Ansprüche erfüllen, die sie z.B. an Journalisten stellt (... ausser es sei zu eigenen Gunsten ...]

 

Die Philosophiegeschichte zeigt folgende Phasen wechselnder Herrschaftsorientierung - und damit moralischer Orientierung:

  1. Ordnung der Natur (Vorgeschichte, Altertum): Natur als Gott/Götter: Die Natur bestimmt über den Menschen. Kultur verehrt und pflegt Natur. Kraft und List herrschen. survival of the fitest
  2. Einheitliche Göttliche Ordnung (Mittelalter): Der eine Gott, die absolute geistige Ordnung, der sich die Natur zu fügen hat. Kultur ist Verehrung Gottes. Religiöse Funktionsträger herrschen mit und über Kampfkräfte. survival of the right believer
  3. Vielfalt der Göttlichen Ordnungen (Reformation): Der eine Gott ... in verschiedenen Perspektiven, Formen, der als Vorbild dient. Kultur schafft die Welt. (National-)Staat und Militär beherrscht sie. survival of the strongest nation
  4. Markt-Ordnung (Liberalismus): Der Markt, der über das Steuerungsinstrument Geld alles regelt. Geld schafft. Kultur schafft Geld - Geld schafft "Kultur". Geld herrscht universell. survival of the dominant market power

Das Ende der Geschichte (Fukuyama) ... ist hier bloss ein Ende, weil "dem System" nichts mehr einfällt, vor allem weil ihm nicht möglich ist, diejenigen Probleme selbst zu lösen, die es durch seine Annahmen und zugrunde legenden Strukturen selbst verursacht, also Ausschluss, Herrschaft weniger über viele, Kapital - und damit Machtballung, also Ungerechtigkeit.

  1. Multikulturelle Ordnung (Postpostmoderne Utopie): Multiple Steuerung über Natur, Geld und Geist.  Kultur als An- und Einpassung in die Natur, bei gleichzeitigem Streben nach "höheren" Werten, nach geistiger Entfaltung. Geist herrscht. Die Herrschaft des Geldes muss also in jeder Form, als Herrschaft des Kapitals, als Plutokratie, als Zwangsmaschinerie, beendet werden. survival without fight - freedom for personal development.

 

Grundlagen für Diskussionsrunde die nicht stattgefunden hat im März am Quartierlabor Erlenmatt und auch nicht am 28.7.08 beim Planet 13. Der Anbieter hatte für beide Institutionen die "falsche Moral" ...