KOOP - Bildungsbörse - WISSENSCAFE: Programm / Archiv

Stadthelferzentrum
Vogesenstrasse 110
4056 Basel - St. Johann

Eintritt/Teilnahme frei

Anfragen an M. Herzog, 061 831 80 15, hewww@brainworker.ch

Modelle/Alternativen einer <guten Ordnung>

Unsere Zeit schreit nach Alternativen. Schadenfreudig grinsend haben wir mit Applaus bedacht, als Kommunismus und Sozialismus in den 90ern untergingen. Weniger Lustig finden wir zur Zeit den Untergang der sog. "freien" Marktwirtschaft. Dummerweise wissen aber nun weder rechts noch links wohin eigentlich. In einem ersten Ansatz sind die Bedingungen allerdings nicht sooo schwierig, denn da es die Alternativen ja (noch) nicht gibt, darf man sie also getrost als Utopien bezeichnen - also auch als solche erst mal gestalten.

Definition

"Alternative" ist eine Sammelbezeichnung für die ab den 1960er Jahren (s. 68er) entstandene große Anzahl von Gruppen und kulturellen und sozialen Bewegungen: Frauenrechte, Gleichberechtigung für Homosexuelle, Umweltschutz Basisdemokratie und Selbstverwaltung. Die der politischen Linken zugerechneten Alternativen verstehen sich dabei oftmals als Gegenkultur zur Konsumgesellschaft. s. insbesondere auch den Motor, Die 68er

In der Öffentlichkeit wurden und werden die neuen sozialen Bewegungen trotz ihrer ideologischen Vielfalt größtenteils als politisch links-orientiert wahrgenommen. Das Problem besteht heute noch, ist aber irgendwie verständlich, da Links auch für progressiv und Rechts für konservativ stehen. Wer also in die Zukunft schaut und was ändern will, müsste eigentlich links sein. Es gab und gibt unterschiedliche Organisationsgrade der neuen sozialen Bewegungen. Sie reichen von informellen selbstorganisierten kleinen örtlichen und regionalen Basisgruppen ohne Vereinsstatus bis hin zu teils großen überregionalen, bisweilen auch internationalen Verbänden und Organisationen, speziell bei der globalisierungskritischen Bewegung (z. B. Attac) oder der Ökologiebewegung (z. B. Greenpeace). In neuerer Zeit hat sich für solche und andere auch nicht den Neuen sozialen Bewegungen zugeordneten staats- und regierungsunabhängige Organisationen der englische Begriff "Non-Governmental Organisations" (NGOs) eingebürgert. Und dafür können die 68 echt stolz sein. Die Rede- und Denkfreiheit, deren sich die USA heute so loben, wurden erst durch die 68er eingeführt. (s. oben: USA - free speech movement / civil rights movement)

1. Entstehung und Aufgabe der Alternativen

Da alternative Weltanschauungen und Verhaltensweisen meist von der Jugend entwickelt werden, die sich von den Alten absetzen, unterscheiden, ihre eigene Identität entwickeln will, weil sie den Lebensstil der ihr als ideal präsentiert wird miefig, spiessig, verlogen findet, entstehen viele "Alternativen" in der sog. Jugendkultur (s. auch Jugendszenen und generation xy).

Wirtschaftliche oder politische Alternativen drängen sich oft auch ganz einfach auf, weil das alte System, zumindest für grosse Teile der Bevölkerung, ungerecht und untragbar geworden ist. Diese Alternativen setzen sich dann oft erst durch Revolutionen durch.

Gesellschaftliche Alternativen entstehen, ganz nach den Regeln der Demokratie und Mikrorevolution (Markt der Ideen) in kleinen Gruppen, die sich nach und nach institutionalisieren, ihre Andersartigkeit, ihre <Alternative>, vor allem dadurch ausdrücken, was sie nicht sind. Hierher gehören insbesondere die NGOs (Nichtregierungsorganisationen) und die NPOs (Nichtprofitorganisationen).

Trendforscher und Thinktanks, auch Denkclubs wie der Club of Rome (das grosse Vorbild und seine Kopie: Club of Vienna), Club of Amsterdam, Club of Basel etc. sind meist nicht ursächlich, sondern wirken bloss als Verstärker für, eben, Trends die eh in der Gesellschaft gähren.

Als Gegenkultur entwickelten Alternative ein eigenes System an Werten, Normen und Regeln - also meist neue Ideen, oft gar eine eigene neue Vernunft. Dies war und ist insbesondere der Fall bei den Umweltbewegungen. Da eine ganze Gegenkultur doch eine recht komplexe Angelegenheit ist, sind zumeist Intellektuelle als Wortführer tat- , ja ja zumindest wortkräftig dabei - oder die Gegenkultur entsteht gleich aus Widerstand an Universitäten, was gerade bei den 68ern eine grosse Rolle spielte.

Vernunft ist eine bestimmte (d.h. damit auch systematische und konsistente) Art und Weise des Denkens, mit dem Schwerpunkt der Bewertung und des Ziehens von sinnvollen Schlüssen - wofür die Vernunft einerseits auf Verstand aufbaut, andererseits aber auch Weisheit (das Schmecken der Werte) mit einbeziehen sollte.

Vernunft verbindet einen gegebenen Text (Problem, Aufgabe, whatsoever) mit dem dazu gehörigen Kontext (das ist die in den lokalen common sense eingebundene Vernunft) - und gibt der Lösung, als vernünftige, eine spezifische Ausrichtung, einen Sinn, Zweck oder Orientierung (das ist die an Werten orientierte - aber prinzipiell freie, Ideen formende Vernunft.)

Das Ziel der Alternative ist es (na ja, sollte es philosophisch betrachtet sein), dem common sense eine neue Orientierung zu geben, den kränkelnden (statt gesunden) Menschenverstand wieder in die rechte Bahn zu lenken.

2. Utopien

Utopien sind zukunftsorientierte Spekulationen über Möglichkeiten gesellschaftlicher Strukturen - und manchmal realisierbare Programme. Häufig liegt ihnen die Sehnsucht nach wahrer Gerechtigkeit zugrunde, weshalb sie des öftern als sittenstrenger Staatssozialismus enden. Typisch sind auch meist Selbstbescheidung, Mässigung, Verzicht auf Luxus, also Subsistenzwirtschaft.

Eine romanhafte Schilderung oder konkrete detaillierte Beschreibung einer mit der Realität nicht übereinstimmenden in sich geschlossenen ökonomischen, politischen, sozialen oder geistig-moralischen Ordnung einer fiktiven Gesellschaft. [Weber-Schäfer]

Utopien zeigen, wie unsere Welt nicht ist - aber sein soll-te oder könnte. (Es gibt auch negative Utopien (Dystopien) die Befürchtungen ausdrücken wie 1984 (George Orwell) oder brave new world (Huxley)).

Utopien sind konstruktivistische Leistungen die eine neue Welt bauen, neue Konzepte und Ordnungsentwürfe, neue Orientierungen geben. Sie zeigen was denkbar ist - wenn auch nicht unbedingt wünschbar.

Utopien sind normative Gedankenexperimente, konstruktivistische Entwürfe möglicher Wirklichkeiten.

Utopien sind Modelle rationalen sozialen Theoretisierens. Jede Utopie ist Zeitkritik, da die vorherrschenden Tendenzen als negativ betrachtet werden oder zumindest als verbesserungswürdig. Utopien sind also auch Gesellschaftskritik und in der Funktion unverzichtbar.

Utopien sind keine Ideologien sondern streben Gegenwirkungen zu bestehenden Zuständen an, womit sie unter Umständen eben zu Wirklichkeit (und dann leider oft die Ideologie) von morgen werden.

Konstruktionsregeln

Utopien, die als Blaupausen dienen sollen, also eine realisierbare Zukunft darstellen wollen, müssen einige Einschränkungen hinnehmen:

Die Grundregeln einer als erwünscht betrachteten Ordnung werden je nach Designer unterschiedlich aussehen:

Probleme / Illusionen

3. Von der Utopie zur realisierbaren Alternative

Die zumindest teilweise realisierte Alternative: Umwelt / Grüne / Oekobewegung entstand aus:

NPOs im Umweltschutz:

NPOs in der Entwicklungszusammenarbeit:

Humanitäre Hilfe

 

und viele mehr

Politische NPOs:

Menschen und Bürgerrechte:

4.1 Politische Alternativen

5. Wirtschaftliche Alternativen

Hier floppt die Linke, da sich ihre Armutsbekämpfung eigentlich immer auf Umverteilung verlässt, also das Malaise ungerechter Strukturen nicht grundsätzlich angeht, sondern diese gerade noch einmal stärkt, da es alle Verteilungsempfänger in Abhängigkeit bringt. Dies gilt für das Grundeinkommen genau so wie für den Sozialstaat, die Sozialhilfe, und den privaten Wohltäterismus.

Die Armutsbekämpfung der Reichen andererseits besteht darin, noch mehr Reichtum zu schaffen, damit leichter was abbröselt. Als Beispiel hier die Rezepte der Weltbank zur Bekämpfung der Armut:

Beim vierten Punkt stürzen wir immer und immer wieder ab. Vor 30 Jahren war hier das Motto: Mitarbeiterbeteiligung, Arbeiterräte/Betriebsräte etc. Jugoslawien wurde zum Pilgerort vieler nach solchen Alternativen suchenden, die dann meist ziemlich frustiert und alkoholisiert wieder heimkehrten. Wettbewerb schafft eine Herrschaft des Stärkeren, Ueberlegenen, Reicheren, irgendwie Domianten. Wettbewerb schafft also notgedrungen bei den weniger starken und dominanten bloss Frustration.

6. gesellschaftliche Alternativen:

Genossenschaftsbewegung/Kooperativen

Mit der Gründung genossenschaftlich orientierter Landwirtschaftsprojekte entstanden auch neue landwirtschaftliche Betriebe, in denen nicht-hierarchische Strukturen vorherrschten, und wo vorrangig ökologische Bewirtschaftung betrieben wurde. Nicht nur auf dem Land, sondern auch in den Städten bildeten sich Kommunen und Wohngemeinschaften, aus denen heraus alternative Modelle zu herkömmlichen Formen der sozialen Gemeinschaft entwickelt wurden - auch außerhalb und unabhängig von traditionellen kleinfamiliären Bezügen.

Syndikalismus (Selbstversorgung, Bescheidenheit, Herrschaftsfreiheit ... ): partizipatorische Oekonomie / Kommunitarismus / ..Parecon Emanzipation / Frauenbewegung / Schwule/Lesben

 

Bildung
Universitäten
Antirassismus Bürgerinitiativen / partizipative Demokratie / bewegte Jugend

Arbeit: Das Wort Arbeit geht entweder auf das germanische arba (= Knecht) zurück, oder auf das germanisches Verb arbejo, mit der Bedeutung "bin verwaistes und daher aus Not zu harter Arbeit gezwungenes Kind" - oder auf das germanische ar_ejidiz/ arbejidiz (= Mühsal, Not) - also auf jeden Fall auf wenig Erfreuliches. Man fragt sich also, warum wir uns derart darum reissen. Rhetorische Frage, da <keine Arbeit> eben Arbeitslosigkeit heisst und oft Armut.

In den heutigen Zeiten des Ueberflusses, na ja, sagen wir präziser der grossenteils überflüssigen Produkte, wäre der Bund den die protestantischen Fundamentalistenbüsser gemeinsam mit dem Kapital geflochten haben endlich wieder aufzulösen. Die Beziehung zwischen dienen, also sich fremden Anordnungen unterwerfen, und verdienen, ist weitaus weniger gesucht als es uns scheinen mag. Sie ist jedem Jemeniten bewusst. Dort galt für den freien unabhängigen Bauern jegliche Tätigkeit in der Stadt, die ihn in dienerischen Kontakt mit "Kunden" gebracht hätte, als degradierend. Wir sind jedoch derart verhausschweint, dass wir ohne rot zu werden Unsinn verzapfen wie: Man muss sich halt verkaufen können. Stellen Sie sich mal vor, man hätte das einem römischen, griechischen oder Amerikanischen Sklaven gesagt: Er müsse sich halt verkaufen können.

Albert Schweitzer sieht die Industriegesellschaft nicht nur durch Mangel an Freiheit gekennzeichnet, sondern auch durch <Ueberanstrengung>. <Seit zwei oder drei Generationen leben so und so viele Menschen nur noch als Arbeitende und nicht mehr als Menschen. Die menschliche Substanz verkümmert, und bei der Erziehung der Kinder durch solche verkümmerten Eltern fehlt ein wesentlicher Faktor für deren menschliche Entwicklung.> [ Erich Fromm in "Haben oder Sein" [dtv 1980. S. 154]

Alternativen zur Arbeit als Grundlage des Selbstwertes wie der Selbstversorgung sind dringend zu finden. Hier gibt es primär zwei Alternativen: Die gewonnene Freizeit gerechter Verteilen und als solche Nutzen / Auch Freiwilligenarbeit als Arbeit werten.

Für Kant ist Gerechtigkeit das höchste politische Prinzip und Gerechtigkeit mittels Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtssprechung zu verwirklichen und zu wahren ist eine der Hauptaufgaben des Staates.

Paradigma A:

  1. Primat von Produktivität, Effektivität und harter Arbeit -
  2. der Glaube an die Profitmaximierung -
  3. die Ueberzeugung, dass die Ressourcen der Welt unerschöpflich seien -
  4. dass dauerndes Wachstum nötig und möglich sei -
  5. dass Umweltschutz zweitrangig sei -
  6. dass die neuesten Technologien immer den Vorzug erhalten sollten, auch wenn dadurch Menschen ihre Arbeit verlieren -
  7. dass materielle Bedürfnisse beim Verbraucher erzeugt und zufrieden gestellt werden können
  8. das nationaler und internationaler Wettbewerb besser sei als Kooperation - und das Ueberleben allein garantiere
  9. dass die ökonomischen Segnungen des industriellen Wachstums irgendwann zu allen durchsickern

Paradigma-B-Unternehmen:

  1. Primat der Sorge um den Menschen, vor Produktivität und Effizienz -
  2. Profit ist an und für sich unmoralisch, denn er geht über das hinaus, was der Mensch wirklich braucht -
  3. die soziale Entwicklung ist wichtiger als die wirtschaftliche -
  4. Grossunternehmen bei Staat wie Wirtschaft sind ausbeuterisch und führen zu Entfremdung
  5. small is beautiful
  6. Technik erzeugt mehr Probleme als sie löst
  7. auf materiellen Gewinn ausgerichtete Unternehmen zerstören menschliche Werte und den Willen, nach dem wahren Sinn des Lebens zu suchen
  8. Die Wirtschaft erzeugt mehr soziale Kosten als Wohltaten (was sie bestätigt, wenn sie behauptet, der Sozialstaat sei nich mehr bezahlbar)
  9. die Umwelt ist nicht (unbegrenzt, müsste man hier einfügen) regenerierbar und muss geschützt werden
  10. Kooperation ist notwendiger und wertvoller als zerstörerischer Wettbewerb

Paradigma C: Das symbiotische Unternehmen

Modell C sucht den Ausgleich zwischen Autonomie und Abhängigkeit, Zusammenarbeit und Wettbewerb. Das Unternehmen spielt eine konstruktive Rolle in der Gesellschaft, durch symbiotisches Zusammenleben:

  1. Effektivität und Wettbewerbsfähigkeit eines Unternehmens sind mit der Sorge um das Wohl des einzelnen Menschen in Einklang zu bringen.
  2. das Streben nach Funktionstüchtigkeit (Mehrwertproduktion, Profitabilität - gefördert durch Aus-Bildung müsste man da wohl zufügen) muss nicht im Widerspruch stehen zum Ziel der Legitimität, nämlich der Erfüllung eines gesellschaftlichen Bedürfnisses.
  3. kleine und grosse Unternehmen können nebeneinander existieren, wobei jedes besondere Fähigkeiten hat; die Kleinindustrie ist neben der Grossindustrie lebensfähig; (äusserst schwierig zu erreichen in einer Zeit, in der sich sogar die Gipfelibäckerei profitabel zentralisieren lässt)
  4. Das Problem der Umweltbelastung und der nicht regenerierbaren Rohstoffe kann mit selektivem Wachstum und der Erschliessung neuer, regenerierbarer Quellen reguliert werden
  5. an der Peripherie einer Gesellschaft können vielschichtige Initiativen und innovative unternehmerische Tätigkeiten zentralistischen und bürokratischen Tendenzen entgegenwirken. (ebenfalls äusserst schwierig, da sich Zentralisation und Bürokratie eben durchgesetzt hat, weil sie effizienter, d.h. schneller und billiger arbeitet, als das kleingewerbliche Palaver).
  6. Eigenständigkeit auf individueller, örtlicher und staatlicher Ebene muss nicht im Widerspruch stehen zu partnerschaftlicher Zusammenarbeit als Alternative zur alten patriarchalischen Struktur
  7. Lebensdauer und Lebensqualität können gesichert werden, selbst wenn die Weltbevölkerung weiter zunimmt.
  8. Rechte und Chancen des Individuums können garantiert werden, ohne dass auf sozial verantwortliches Verhalten des Individuums verzichtet werden muss
  9. Die Vorräte an wichtigen Rohstoffen können so aufgeteilt werden, dass innen- und weltpolitisch dem Chaos entgegengearbeitet werden kann; dazu müssen Koalitionen gebildet werden, die sich um pragmatische Lösungen bemühen und die ideologische Konfrontation hintanstellen. (Es geht auch anders: Bushs Lösung: Pragmatische Lösung (die zweitgrösste Erdölreserven der Welt sind im Irak, die drittgrössten im Iran) des Stärkeren mit Koalition der Willigen, die durch Ausnutzung ideologischer Positionen befördert wurde.)

Hohe Steuern, exzessive Eingriffe des Staates in die Wirtschaft, Ablehnung von Keynes, unwirtschaftliche Organisation von Staatsbetrieben, so die Kritik der Wirtschaft an Politik - und Alternativen generell <> aber heute muss der Staat exzessiv für Schäden der Privatwirtschaft bezahlen, fördert in extremem Ausmasse die Stagflation - aufgrund privatwirtschaftlicher Exzesse, und muss per Dekret insolvente Betriebe und entwertete Aktien übernehmen. Hätte früher ein Händler vom Staat verlangt, der müsse ihm sein faules Gemüse und Obst abnehmen, er wäre vermutlich zum Psychiater geschickt worden (oder hätte sich den Freiwirten angeschlossen). Aber wo's um dutzende oder hunderte von Milliarden geht ist das natürlich was gaaaaaaaanz anderes. Die Bearbeitung eines bisher eindeutig unterentwickelten Bereiches wäre angebracht:

Technologie- und Verschulungskritik von Ivan Illich und sein Modell der Convivialidad

7. Kritik

Kritisiert wurde an der Alternativbewegung – auch und gerade innerhalb der politischen Linken –, dass sie häufig die gesamtgesellschaftlichen Fragen, Probleme und Machtstrukturen ausblende. In Form eines modernen Biedermeiers zögen sich Teile der Alternativen ins Private zurück, bisweilen getragen von anti-aufklärerischem, esoterisch-pseudoreligiösem Gedankengut. Individuelle Veränderung im Kleinen und Aussteigertum ersetze bei Teilen der Bewegung die Einsicht in die Notwendigkeit einer Änderung gesamtgesellschaftlicher politischer Verhältnisse.

Auch wo sie sich nicht auf die Insel oder sonst in eine kleine Ecke verzieht hat die Alternative immer das Problem, dass sie sich vermutlich bereits in ihrem Fundament, der Grundhaltung, den Werten, vom Mainstream unterscheidet, also, gerade in einer Demokratie, dem einzigen politischen Substrat in dem sie ungestört gedeihen darf, keinen mehrheitsfähigen Konsens erzeugen kann.

So weit so negativ. Positiver formuliert: Eigentlich alle alternativen Bewegungen erfüllen die demokratische Bedingung, bloss eine Mikrorevolution darzustellen. Auch wenn sie meist sehr global, allgemeingültig und herrschaftlich daherkommen, haben sie gerade aus der Sicht, dass sie immer nur eine kleine Minderheit überzeugen, eigentlich keine Gelegenheit, grösseren Schaden anzurichten - sollten also dafür immer die Gelegenheit erhalten, bessere Lösungen zu zeigen. Genau dies wird mit Meinungsfreiheit, Redefreiheit, Versammlungsfreiheit und Vereinigungsfreiheit - in demokratischen Gesellschaften - garantiert.

Das Hauptproblem des geringen Erfolges der meisten "Alternativen" erklärt sich sehr leicht an der Graphik oben rechts. Es handelt sich um die Darstellung einer typischen Bifurkation. Die Kugel (hier stellvertretend für den Menschen) muss sich entscheiden (na ja, wird durch zufällige Bedingungen einmal rechts, einmal links abgelenkt - verfolgt dabei aber ihren Weg entlang des Pfades zur höheren Enthropie (Energieverlust). Soziale wie politische Alternativen verlangen aber meist nicht ein weiterrollen auf einem gemütlichen Pfad, bergab, in die Dekadenz, sondern ein Aufsteigen, ein Erklimmen mühsamer Höhen - und haben von daher schon mal nur sehr geringe Chancen bei der Mehrheit. Auch die Evolution verlangt ja von keinem Lebewesen, neue Organe oder Fähigkeiten auszubilden, sondern dies geschieht einfach zufällig, dann sind sie da, und das Lebenwesen versucht, ob ihm diese Neuheiten irgendeinen Vorteil im Kampf ums Ueberleben bringt. Wo die Alternative nichts als Mühsal verspricht, wird sie also bloss ein paar Asketen oder Masochisten als Anhänger finden.

8. Forderung

Der heutige Bedarf an Alternativen

Politisch:

Demokratie ist allgemein anerkannt (zumindest im Westen) als geeignetste politische Organisationsform, einem möglichst hohen Anteil der Bevölkerung ein menschenwürdiges, ja sogar gutes Leben zu ermöglichen. Die Demokratie funktioniert aber nur in Bereichen, in denen nicht bereits das Geld herrscht.

Hier muss dringend eine gerechtere Lösungen entwickelt werden, die Ausschluss aus dem Exixtenzrecht, das zwar politisch gewährleistet, wirtschaftlich aber dauernd untergraben wird, verhindert und wirklich dem allgemeinen Wohl zuträglich ist, nicht bloss dem statistisch errechneten Wohl-Stand. Verteilungsgerechtigkeit ist ein wichtiger Aspekt des Wohlstands und darf kein Schimpfwort bleiben.

Für Kant war Gerechtigkeit das höchste politische Prinzip und Gerechtigkeit mittels Gesetzgebung, Verwaltung und Rechtssprechung zu verwirklichen und zu wahren ist eine der Hauptaufgaben des Staates. Heute nennt man Gerechtigkeit eher Umverteilung, und die sei schädlich für die Wirtschaft, ja für das Individuum, dass sich daran gewöhnt, Leistung ohne Gegeneistung zu erhalten. Gerechtigkeit wird in der Marktgesellschaft durch Leistungsgerechtigkeit ersetzt, so wie <nachhaltige Entwicklung> durch <nachhaltiges Wachstum>.

Wirtschaftlich:

Erich Fromm: Sein und Haben:

  1. Es ist die Frage zu lösen, wie die industrielle Produktionsweise beibehalten werden kann, ohne in totaler Zentralisierung zu enden, das heisst im Faschismus früherer Prägung oder - wahrscheinlicher - im technokratischen Faschismus mit einem lächelnden Gesicht.

Diese Frage ist ein Kernproblem der Marktwirtschaft, das bereits von Marx gesehen und kritisiert, aber bisher nur unbefriedigend (über Planwirtschaft) gelöst wurde. Es besteht heute in einem zuvor nie gesehen Umfang. (s. economy of scale: Die Macht der Grösse)

Hierin besteht vermutlich auch das grösste Problem eines Umbaus unseres Systems, denn es ist fies und hinterlistig - aber es funktioniert. Ein jeder ist eingebettet, hat seinen Platz, kann versuchen, den zu verbessern - aber auch scheitern. Jeder hat andere unter sich, die er treten kann, jeder hat andere über sich, von denen er getreten wird. Auch die Politik wird hier banalisiert, indem sie durch die Technik, also nicht bloss Maschinentechnik, Rechnertechnik, sondern Verwaltungstechnik, Entwicklungstechnik, kurzum Techno-Logie, besser Technokratie, auf Sachzwänge reduziert wird. Entscheidungen müssen wissenschaftlichen Regeln folgen - und sind nicht mehr einigermassen frei aushandelbares Wollen und entsprechende Zielsetzungen.

Machttreppe - Ueberwertigkeit <> Minderwertigkeit

Hier ist der Sozialhilfeabhängige in einer doch eher unglücklichen Position, am Ende der Leiter des Tretens und getreten werdens. Ihm bleibt niemand, den er treten kann .... es sei denn, Immigranten. s. P13

Oder - die Wirtschaft ist so zu reorganisieren, dass kein genereller Zwang zu Grösse und Marktbeherrschung mehr nötig ist, weil die produktive Arbeit für sich Zufriedenheit schafft und ausreichend Sicherheit bietet. Hier schliesst sich die Argumentation: Fröhliche Produktion und gesunder, vernünftiger Konsum - was wollten wir mehr? (s. moderne Oekonomie)

1. Der erste entscheidende Schritt auf dieses Ziel hin (eine gesunde Wirtschaft für gesunde Menschen) ist die Ausrichtung der Produktion auf einen "gesunden und vernünftigen Konsum."

  1. Die gesamtwirtschaftliche Rahmenplanung müsste - unter Verzicht auf die weitgehend zur Fiktion gewordene "freie Marktwirtschaft" - mit einem hohen Mass an Dezentralisierung verbunden werden.
  2. Das Ziel unbegrenzten wirtschaftlichen Wachstums müsste aufgegeben bzw. durch selektives Wachstum ersetzt werden, ohne das Risiko einer wirtschaftlichen Katastrophe einzugehen.
  3. Es gälte, entsprechende Arbeitsbedingungen und eine völlig andere Einstellung zur Arbeit zu schaffen, so dass nicht mehr der materielle Gewinn den Ausschlag gibt, sondern andere psychische Befriedigungen. als Motivation wirksam werden können.

    Es müssten Bedingungen geschaffen werden, die es den Menschen ermöglichen, Wohl-Sein und Freude zu empfinden, und die ihn von der Sucht nach Maximierung des "Vergnügens" befreien.

Um obige Probleme zu lösen, brauchen wir eine andere, also "alternative" Wirtschaftsform, die:

  1. Motivation nicht mehr aus Wettbewerb (Uebervorteilen, Ueberragen, Herrschen, etc.) schöpft, sondern aus Freude an der Tätigkeit an sich.
  2. Eine gerechte Verteilung erlaubt
  3. Einfluss der Betroffenen auf wirtschaftliche Entscheidungen erlaubt
  4. also: Partizipative Oekonomie

Gesellschaftlich:

Emanzipation

Die Existenzgrundlage des einzelnen wäre zu sichern, ohne ihn von der Bürokratie abhängig zu machen.

Dieser Vorschlag wurde längst in mehreren Varianten ausgearbeitet (s. Grundeinkommen).

Die Möglichkeit zur "individuellen Initiative" ist vom wirtschaftlichen Bereich (wo sie ohnehin kaum noch existiert) in die übrigen Lebensbereiche zu verlagern. [S. 166-7]

2 Um eine am Sein orientierte Gesellschaft aufzubauen, müssen alle ihre Mitglieder sowohl ihre ökonomischen als auch ihre politischen Funktionen aktiv wahrnehmen. Das heisst, dass wir uns von der Existenzweise des Habens nur befreien können, wenn es gelingt, die industrielle und politische Mitbestimmungsdemokratie (participatory democracy) voll zu verwirklichen. [S. 173]

2.b Die aktive Mitbestimmung im politischen Leben erfordert maximale Dezentralisierung von Wirtschaft und Politik.

Sobald eine Gesellschaft sich in eine Megamaschine (Mumford) verwandelt hat, ist Faschismus auf lange Sicht fast unvermeidbar. Als Bestätigung dieser Aussage mag das gute Abschneiden Chinas im Wirtschaftswettbewerb gelten. Die Menschen werden zu Schafen, verlieren ihre Fähigkeit zum kritischen Denken, fühlen sich ohnmächtig, verhalten sich passiv, sehnen sich nach einem starken Mann, der weiss, was zu tun ist - und alles weiss, was sie nicht wissen. (s. Wahl Obamas ...)

5 Ein oberster Kulturrat ist ins Leben zu rufen, der die Aufgabe hat, die Regierung, die Politiker und die Bürger in allen Angelegenheiten, die Wissen und Kenntnis erfordern, zu beraten. Diese Idee, allerdings ohne den Schwerpunkt der "richtigen" Information und Beratung, sondern gleich in parlamentarischer Form, wurde von Heinrichs in seinem Modell des vierfachen Pfades weiter entwickelt.

5b Ein wirksames System zur Verbreitung von objektiven Informationen ist zu etablieren.

Ein hohes Informationsniveau ist entscheidende Voraussetzung für die Bildung einer echten Demokratie. Dem Durchschnittsbürger werden heute so gut wie keine echten und notwendigen Informationen zur Verfügung gestellt. [1979].

Seither hat sich zwar die Masse der Informationen noch enorm vermehrt, aber die einseitige Ausrichtung auf Verkäuflichkeit eben so extrem zugenommen.[s. Internetjournalismus].

Das gilt nicht nur für den Mann von der Strasse, sondern, wie sich immer wieder zeigt, auch die meisten Abgeordneten, Regierungsmitglieder, Generäle und Wirtschaftsführer sind mangelhaft unterrichtet bzw. durch die Unwahrheiten, die von den verschiedenen Regierungsbehörden und von den Nachrichtenmedien verbreitet werden, weitgehend falsch informiert.

Eine der ersten und wichtigsten Funktionen des Obersten Kulturrates wäre es, Informationen zu sammeln und zu verbreiten, die den Bedürfnissen der ganzen Bevölkerung dienen und eine geeignete Diskussionsgrundlage für die erwähnten Nachbarschaftsgruppen in einer Mitbestimmungsdemokratie abgeben. [S. 186]

Interessant hier, dass diese Vorgabe: Wichtigstes Element ist die richtige ("wahre") Information, von ... nicht mal am Rande erwähnt wurde, die Aufgabe des Kulturrates aber auch in andern, zum Teil teilweise umgesetzten Teillösungen vollständig verschwunden ist. Auch hier herrscht der Marktgeist, gefördert wird "Kulturoutput" der sich verkaufen lässt, was sich äusserst schlecht verträgt mit der Uraufgabe der Kultur, nämlich dem menschlichen Lebenssystem, seinem geistigen System - und seiner natürlichen Umwelt Sorge zu tragen.

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Was hier aufgeteilt wurde in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft entspricht auch den 3 wichtigsten Steuerungselementen: Macht, Geld und Ansehen/Einfluss (oder ganz einfach die Mehrheitsfähigkeit in der Demokratie). Ab und zu sind alle drei, oder zwei, in den selben Händen, aber generell funktioniert jedes Teilsystem eben nach der eigenen Logik seines Steuerungsmittels. Alternativen die sich weder Geld, noch Macht, noch Einfluss sichern können, sind dann halt eben keine, zumindest keine realisierbaren. Gott sei dank fehlt hier aber noch ein für die meisten Menschen äusserst wichtiges Steuerungselement, nämlich der Sinn, und dieser ist in der Kultur aufgehoben.

Um beide obigen Probleme (individuelle Initiative - kulturelle Integration) zu lösen ist es erforderlich, dass die unzähligen gesellschaftlichen Teilgruppen mit ihren Teilzielen und oft widerstrebenden Werten in Dialog kommen und bleiben. Gerade weil es bei den heute anstehenden notwendigen Alternativen um Umwertung der Werte geht (also eigentlich eine Aufgabe für Kyniker alias Zyniker ...), sind Vorschläge wie z.B. Heinrichs Kulturparlament und/oder Werteparlament zu diskutieren und den Bedürfnissen und Möglichkeiten anzupassen.

Insbesondere ist die Information der Gesellschaft enorm zu verbessern. In Anbetracht der Komplexität aller Bereiche und noch mehr des Ganzen wäre so was wie eine < Explikative> unerlässlich, dies um so mehr, je mehr die Presse wirtschaftlichen Zwängen der <Erwartungsschreibe/Marktschreibe> nachgeben und ihre Informationsleistung immer grössere Löcher zeigt.

Eine "Utopie" oder Alternative heute muss eine Alternative sein, die Pluralismus nicht bloss toleriert, sondern ihm ideale Bedingungen gewährleistet. Globale Vernetzung ist eine Tatsache, die sich kaum mehr rückgängig machen lässt - es sei denn, brachiale Gewalt (ev. auch eines Kometen oder Megavulkans) bombardiere die Erde zurück in die Steinzeit. Eine heutige Gute Ordnung muss allen halbwegs "verträglichen" Gruppen ihren Lebensstil ermöglichen und darf niemanden ausschliessen, weder auf Grund der Rasse, Hautfarbe, Sprache - noch seiner Werthaltung und seines Lebensstils, also persönlicher Lebensqualität.

Sie haben's vielleicht gemerkt. Im Wörtchen "verträglich" steckt da beträchtlicher Sprengstoff. Hier kommt eine weitere Forderung an heutige Alternativen hinzu: Sie müssen sich in ein Weltethos integrieren, welches allerdings nur sehr generell und fluide fassen liesse. Forderungen eines Weltethos wären:

Martin Herzog, 19.5.09