KOOP - Bildungsbörse - WISSENSCAFE:Programm / Archiv

Stadthelferzentrum
Vogesenstrasse 110
4056 Basel - St. Johann

Eintritt/Teilnahme frei

Anfragen an M. Herzog, 061 831 80 15, hewww@brainworker.ch

Fazit zu Wahn und Norm:

Was ist eigentlich (noch) normal? [pdf / Urtext

s. auch: Psychologische Diagnostik]

Ein Psychiater, das ist ein Mann, der in die Striptease-Show der Folies-Bergeres geht und sich die Zuschauer ansieht.

(Jean Rigeaux, franz. Chansonnier)

Die Diagnose von Normal-Abnormal macht nur Sinn, wenn ein Leiden vorliegt. Die Diagnose ist anspruchsvoll. Wer also von Mitarbeitern als "Fall für die Psychiatrie" diagnostiziert wird, sollte sich vielleicht kurz so benehmen, wie wenn er einer wäre ... und durch einen Tobsuchtsanfall belegen, dass er das Ziel dieser Wertung, den Angriff auf seine Persönlichkeit, verstanden hat - aber genau dadurch belegt, dass das Urteil falsch ist. (Warnung: Nur für ausgekochte Zyniker oder andere Humoristen zu empfehlen. Braucht Nerven aus Stahl ...).

Der gesunde Geist ist:

Was bedeutet "normal" sein?

"Normal" im Sinne von Mittelmass scheint im übrigen doch auch nicht grad das Ideal zu sein, was sich bereits sprachlich zeigt: Das englische "mean" wie das deutsche "gemein" bedeuten nicht bloss Mittel-Mass, sondern ebenso hinterhältig, hinterlistig, bezeichnen also gleich mit die Methode, mit der die Mittelmässigen dem Mittelmass zu entfliehen versuchen.

Im Alltag wird geistige Verwirrtheit, Unangepasstheit, Zwanghaftigkeit und all die möglichen Fehlleistungen eines in die Schieflage geratenen Geistes bezeichnet als Abnormal, nicht Normal. In dem Ausdruck steckt der Teufel, denn er bereitet uns eine Menge Probleme. Was bedeutet denn "normal"? Normal heisst entweder der Norm entsprechend, ist meist aber ein Ausdruck aus der Statistik. Die Normalverteilung oder Gauss-Verteilung beschreibt, wie Merkmale in der Natur eben im Normalfall variieren. So weit so gut, wenn man nun aber die Normalverteilung in ihrem ganzen Umfang durch den Mittelwert ersetzt, reduziert man unzulässig, ja zerstörerisch, denn es sind präzise Diversität und Varianz, nicht Gleichheit und Einförmigkeit (der Massenproduktion), welche Wettbewerbsvorteile verschafft und das Leben als Ganzes am selben erhält, wie speziell bei der Biodiversität, die ja nix anderes ist als eben ein Mass an Vielfalt - statt Einfalt und Mittelmass. Pluralität - nicht Normkultur - ist Grundlage der Freiheit. Das statistische Modell, die Orientierung am Durchschnitt bei der Definition von Normalität wird insbesondere von der humanistischen Psychologie (Maslow, Rogers) kritisiert, gerade weil das durchschnittliche Niveau auf dem wir funktionieren weit unter den Fähigkeiten der meisten Individuen liegen. Achtung: Wenn die Wirtschaft behauptet, sie finde kein qualifiziertes Personal, so ist das kein Widerspruch, denn dort werden zwar immer mehr Qualifikationen verlangt ... davon aber nur sehr wenige effektiv eingesetzt werden können. Es wird also verlangt, auf Halde zu lernen, obwohl längst klar ist, dass all dies Wissen in zwei Jahren nur noch die Hälfte wert ist.

Am besten lässt sich das Problem der "Normalität" am IQ erklären. Die Kurve unten ist eben die erwähnte Normalverteilung oder Gauss-Kurve. Sie zeigt, wie sich die Werte im Normalfall über die Population verteilen.

Man kann sich ihr Entstehen relativ einfach vorstellen, nämlich über eine Serie zufälliger + - Entscheide, links - rechts. Das Resultat wird bildlich über ein Galton-Brett

 

 

Der Mittelwert ist beim IQ per Definitionem 100. Die Hälfte der Bevölkerung ist also weniger intelligent, die andere Hälfte intelligenter als das normale Mittelmass. 68%, also gut 2/3 der Bevölkerung, haben einen IQ zwischen 85 und 115. Auch das ein erweitertes, etwas toleranteres Mass für eine "normale" Intelligenz. 16% sind also entweder dümmer oder intelligenter als "die Normalen". Im Falle geringerer als normaler Intelligenz bezeichnet man diese "Abnormalen" als debil, im Extremfall der 2% schwächsten sogar als Schwachsinnig. Der Falle überdurchschnittlicher Intelligenz jedoch eröffnet erst den Zugang zum Studium und damit meist zu leitenden Anstellungen und höheren Löhnen. Ab einem gewissen Grad an Überintelligenz wird es oft schwierig, zwischen Genie und Wahnsinn zu unterscheiden. Spezielle Schulen für Sonderbegabte haben also ein beträchtliches Risiko, einfach Spinner zu erzeugen, oder, was ich eher befürchte, solche für einen Dienst am Profit geradezu heranzuziehen.

Der Vorteil der Klugheit liegt darin,
daß man sich dumm stellen kann. Das Gegenteil ist schon schwieriger.

(Kurt Tucholsky, dt. Schriftsteller, 1890-1935)

Viele verlieren den Verstand deshalb nicht, weil sie keinen haben.

(Arthur Schopenhauer, dt. Philosoph, 1788-1860)

Diese Verteilung ist naturbedingt, und lässt sich nicht verändern. Präzise aus dem Grund ist das ganze Theater um Pisa, frühenglisch etc. nichts als Theater, denn es fördert nur die Selektion der eh Begünstigten, hilft aber den Benachteiligten, also den tiefen IQs überhaupt nicht. Wir treiben mit diesem Schwachsinn noch mehr Menschen in den Wahnsinn, also die kommerzielle Invalidität. Zudem fragt es sich, wer denn noch bei Migros, Aldi & Co arbeiten sollte, wenn alle ein Topwissen verfügen ....

Präzise das selbe Modell gilt bei Körpergrösse, Gewicht, Hautfarbe, Sportlichkeit, etc - nicht aber bei Geld und Macht, denn die verteilen sich schief, nach Pareto - Optimum, also meist 20/80: 20 % besitzen fast alles, die andern fast nichts.

Fazit:

Nicht die Norm ist normal, sondern die Varianz, die Streuung um die Norm herum.

 

Die "normale" psychische Entwicklung

Erziehung ist die organisierte Verteidigung der Erwachsenen gegen die Jugend.

(Mark Twain, amerikan. Schriftst., 1835-1910)

Der IQ macht noch auf ein weiteres "Normalitätsproblem" aufmerksam: die von Jean Piaget untersuchte altersentsprechende Entwicklung (die zu testen er ursprünglich geschaffen wurde). Es ist klar, dass Schulanfänger nicht die selbe Komplexität versteht und Aufgaben nicht in der selben Zeit löst wie ältere Schüler. Diese von jedem zu durchlaufenden Entwicklungsstufen zeigen, welche Regressionen möglich sind.

 

  1. Normalität beruht nicht auf den Ansichten der Anderen, sondern auf Ich-Stärke, womit nicht der Wille zu Macht und Dominanz anderer gemeint ist, sondern die Fähigkeit, die Welt realistisch zu sehen, Konflikte flexibel bewältigen - und aus dem Leben Lust, Freude, Befriedigung, Genuss (however you want to call it) ziehen zu können - also seinen höchst persönlichen Sinn des Lebens zu finden.

    Auf der 1. Stufe wird kein Unterschied empfunden zwischen ich und du. Das Kleinstkind lebt quasi symbiotisch mit der Mutter. Die Differenzierung zwischen ich und du ist der erste Schritt zu sozialer Normalität - aber sogar dieser einfache Schritt erzeugt natürlich eine Verdoppelung der Komplexität, wird also von vielen unterlassen, kann bei Autisten gar nicht erfolgen.

  2. Auf der 2. Stufe werden Dinge und Personen als "Anderes" wahrgenommen, noch ohne zwischen physischem und psychischem Bereich zu trennen. Es gibt immer noch nur 1 Perspektive, die des ich. Dies ist also die egozentrische Phase - aus der viele Zeit ihres Lebens nicht heraus kommen. Regeln werden als heilig und unantastbar aufgefasst. Fundamentalisten blieben also in dieser Phase stecken.

  3. Auf der 3. Stufe kann nun bereits zwischen Dingen und Ereignissen, sowie zwischen Personen und ihren Äusserungen unterschieden werden. Dass auch dies nicht allen gelingt, zeigt die Tatsache, das immer noch viele Menschen als Träger von Ideen und Äusserungen ausgestossen oder gar umgebracht werden. Das ICH, also das Subjekt grenzt sich, als eigenständiges, aber der Kommunikation offenes, ab von seiner Umwelt. Regeln werden als verhandelbar empfunden.

  4. Auf der 4. Stufe können Personen, Dinge und das Reden darüber vollständig abstrahiert und so "theoretisch" behandelt werden, es ist die Stufe, die erst Wissenschaft und Philosophie möglich macht. Auf diese Stufe möchten die meisten Praktiker gar nicht gelangen, obwohl auch sie z.B. Zahlungsprobleme lieber formell lösen (oder von Juristen lösen lassen) als durch Faustkämpfe.

Die Normalität ist also nur bis Stufe 2 fest gegeben, bereits bei Stufe 3 wird sie bis zu einem gewissen Grad verhandelbar, bei Stufe 4 braucht es bereits einen metanormativen Diskurs, also Wissenschaft, Journalismus, Literatur, Kunst, parlamentarische Diskussionen, Ethik ... kurzum praktisch alles, was wir unter dem Begriff "Kultur" zusammenfassen.

Zu verstehen und zu akzeptieren, dass es eben unterschiedliche Kulturen geben kann und darf, die höchst unterschiedliche Wertvorstellungen basieren, ist, selbst für Ethnologen, ein schwieriges Unterfangen. Selbst Fachleute kämpfen andauernd mit dem cultural bias. Sich davon, von sämtlichen "Ismen", zu befreien, um wirklich zu einer "objektiven Sicht der Dinge zu kommen, ist denkerische Knochenarbeit - aber unabdingbares Element des Denkprozesses.

Sardinen wissen, daß Gleichmachen mit Kopfabschneiden beginnt.

(Jeannine Luczak, schweizerische Literaturwissenschaftlerin, *1938)

Der Pluralismus ist damit die höchste Stufe geistiger Reife, da er nicht nur verlangt, Andere als gleichberechtigt anzuerkennen, sondern auch Andere mit ganz anderen Denkweisen und Werthaltungen. Und das ist, selbst bei bestem Willen, sehr schwierig.

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Intelligenz - und um ein Vielfaches mehr der Geist - ist Vielfältig - Normen aber meist einfältig

1. Gebot der Normalität für einen Menschen ist: Lebe weder in Vergangenheit noch Zukunft, sondern in der Gegenwart

Da die Zeit aber fliesst, dass was ist immer zu etwas ist, das war, und das was sein könnte vielleicht zu dem wird, was ist, ist die Aussage einigermassen platt. Man müsste also den zur Orientierung dienenden Zeitbereich genau so ausweiten wie den als normal betrachteten IQ. Aber wie weit? Auf 1 Tag = in den Tag hinein leben, auf eine Woche, 1 Monat, 1 Jahr, 5 Jahre ... oder das ganze Leben von Geburt bis Tod - was die Selbstverantwortung fordert, womit sie vielen Menschen fast jede Freiheit raubt, Irrtümer begehen zu dürfen, da sie für die Alterssicherung zum Millionär werden müssen? Die Unterschiede bei beruflichen Tätigkeiten sind hier enorm. Muss der Forstmann einen Zeitraum von 300 Jahren Vergangenheit bis zu 300 Jahren Zukunft als Planungsraum übersehen, so reichen dem Daytrader ein paar Tage - und er wird reich, im Gegensatz zu ersterem, schafft aber dennoch nichts Dauerhaftes.

2. Gebot der Normalität für einen Menschen ist: Lebe in der Realität, nicht in der Welt der Geister

Der Bau von Luftschlössern kostet nichts, aber ihre Zerstörung ist sehr teuer.

(Francois Mauriac, frz. Schriftst., 1885-1970)

So plausibel das Gebot ist, wenn man an diejenigen denkt, die von bösen Geistern getrieben werden, Stimmen hören, das Sein vom Schein nicht unterscheiden können (ein Normalfall an der Börse ...), so absurd wird es, wenn wir an das Geistesleben denken. Hätten sich Denker, Philosophen, Künstler, Erfinder je daran gehalten, es gäbe keine Literatur, keine Kunst, nichts, was die Phantasie anregt. Und der Mensch ohne das Reich der Phantasie ist doch ein ziemlicher Knorz.

"Normalität" erfasst also meist nur eines oder wenige Merkmale, was den dort abnormalen meist die Chance lässt, dafür auf anderen Gebieten mit übernormalen Begabungen auszugleichen, insbesondere etwa durch soziale Intelligenz, die ich als Kunst des Spieles mit Rollen beschreiben würde. Bereits die multiple Intelligenz zeigt, welche Vielfalt an Möglichkeiten es gibt - und warnt damit vor der Verengung auf zu wenige und zu eng gefasste "Normalitäten". Das Selbe gilt für Grösse, Breite, Hautfarbe, Sportlichkeit, Reichtum und die meisten Merkmale, durch die Menschen kategorisiert und damit zu "normal" oder abnormal erklärt werden. Eine besonders trottelige und darum (populistisch) gefährliche Variante diesen Verfahrens sind Ansätze zur Bewertung von Kulturen durch deren wirtschaftlichen Erfolg: Wer schneller und mehr handelt ist besser - also der selbe Fehlschluss wie beim IQ: Wer schneller mehr denkt, ist intelligenter - wobei vergessen wird, dass auch hier gilt: garbage in - garbage out. Wer schneller denkt, aber sein Gehirn mit bullshit füttert, produziert einfach noch schneller noch mehr Mist. (S. Kohlhammer, der im Gefolge von Huntington nun genau diesen Wahn zur Norm machen will).

So weit zur natürlichen Definition von Normalität. Noch weitaus gewichtiger dürften aber andere Normierungen sein. Heute der wichtigste normbildende Faktor ist die Gesetzgebung, mit ihrem Bestand an Normen, eben den Gesetzen und Verordnungen - die wohlgemerkt nicht auf den Staat beschränkt sind. Weitaus mehr Papier wird damit gefüllt in der Wirtschaft, bloss dass man es dort "Verträge" nennt. So bei uns heute.

Der einzige Mensch, der sich vernünftig benimmt, ist mein Schneider.
Er nimmt jedesmal neu Maß, wenn er mich trifft, während alle anderen immer die alten Maßstäbe anlegen in der Meinung, sie paßten auch heute noch.

(George Bernard Shaw, irischer Dramatiker, 1856-1950)

Noch vor 50 oder hundert Jahren, zunehmend mit dem Mass an Vergangenheit, sehr akut aber in vielen andern Kulturen, vor allem im Islam, sind aber die religiösen Normen, die traditionell als absolute Wahrheit galten und vielfach noch gelten. Diese wurden bei uns, also den Christen, früher mit genau der selben Gewalttätigkeit durchgesetzt wie heute oft noch im Islam. Hexen wurden in der Schweiz verbrannt bis 1782 (Anna Göldin, Glarus). Normen, die auf absoluten, von "Laien" nicht zu hinterfragendem Wissen einer Elite basieren, sind meist asozial, d.h. ungerecht, da sie von einzelnen ausgenutzt werden. Fundamentalismen sind darum meist eher Egoismen als echte Sorge um die Erhaltung von Werten, denn Werte sind eigentlich nichts anderes als Leuchttürme, die uns die Orientierung erleichtern, uns aber nicht in festgelegte Pfade zwängen. Mobbing hat mit brauchbaren Normen genau so wenig zu tun, denn hier geht es, genau wie beim Fundamentalismus, nur darum, den Organisatoren über Diskriminierung derjenigen, die den meist selbst gesetzten oder sehr individuell interpretierten Normen nicht entsprechen, zu Diskriminieren, zum Wohle der Macht der Diskriminatoren. Mobbing will den Ausschluss von Andersdenkenden, anders aussehenden, anders entscheidenden, anders wertenden, kurzum, von anderen - zum Wohle des Selbst oder der eigenen Interessengruppe (s.o.). Personalselektion trägt ein grosses Risiko, den selben Weg zu gehen.

Ähnlich brutal und unausweichlich waren und sind die sozialen Normen in traditionellen Gesellschaften, die auch unter den BegTriffen radition, Kultur laufen.

 Wenn hier also eine neue "Kultur des Erfolges" propagiert wird - Vorsicht!

Nur das Denken ist frei.

Normen, und damit Normalität 2. Art, sind sehr oft sogar nur temporär oder lokal gültig.

Mode - Jene kurze Zeitspanne, in der das völlig verrückte als normal gilt.

(Oscar Wilde, engl. Schriftsteller, 1854-1900)

Nichts anderes sagt die Empfehlung: Wenn Du in Rom bist, benimm dich, wie es die Römer tun. Dummerweise (d.h. für die Wirtschaft ist das der grösste Glücksfall), werden gerade Lifestyle-Normen andauernd neu kreiert, schwappen in Wellen, Mode genannt, über den Globus, und zwingen alle Gläubigen zu neuem "outfit" und zum Erwerb der neusten "gadgets", die meist genau so überflüssig sind wie ihre Vorläufer. Die Kosten dieses Normierungsdruckes sind inzwischen so hoch, dass die ersten Schulen, unter dem Vorwand, Ungleichheit zu mindern, ihre Schüler wieder uniformieren. Heerscharen von Trendscouts, Trendsettern, Modemachern und Trend- und Modeberatern verdienen damit "gutes" Geld.

DIE Norm an die sich alle Staatsbürger zu halten haben, ist das Gesetz. Bereits am Begriff "Gesetz" zeigt sich das Problem, denn Gesetze werden meist gesprochen, erlassen, verfügt und eben gesetzt, sind also Menschenwerk. Ihre Richtigkeit und Verbindlichkeit kann also immer kritisiert werden - auch wenn man sich fügen muss. Dieses Recht ist in jeder Demokratie ein Grundrecht. Normen sind entweder als "Naturrecht" quasi ewig, von Natur aus vorhanden, oder eben positiv (jus positivum), von ponere: setzen, positum: gesetzt - und daher künstlich.

Von daher leitet sich übrigens auch der Positivismus ab, der gar nicht so "positiv" ist, wie man nach der landläufigen Bedeutung des Begriffs denken könnte, sondern einfach darauf hinweist, dass hier die Grundlagen fest gesetzt sind, wie die Axiome der Mathematik oder die Naturgesetze der Physik. Sobald aber Zufall oder gar Freiheit ins Spiel kommen wie bei der Ökologie und der Soziologie oder Psychologie, hat Positivismus äusserst negative Auswirkungen, denn Positivismus ist an und für sich normativ, stellt sich also, ganz entgegen der eigentlichen Absicht (die war, die Forschung von Werturteilen frei zu halten), der Forschung in den Weg.

Noch problematischer sind die den gesetzten Norm übergeordneten Normen, basierend auf sog. "Naturrecht", das primär auf folgenden, vom Menschen nicht beeinflussbaren Grundlagen baut:

Die Geschichte hat vielfach gezeigt, wie viel Schabernack mit solchen Normen getrieben werden kann, denn diesen verdanken wir etwa die Inquisition (oder heute religiösen Fundamentalismus und Terrorismus), die Normierung der Schüler durch Standardprogramme, die Verfolgung von Schwulen als Abartige, da ihr Verhalten als "unnatürlich" klassiert wurde, und zwar noch nicht mal auf Grund gesellschaftlicher Normen, sondern sogar auf Grund des übergeordneten, absolut geltenden Naturrechts (bis vor wenigen Jahren und heute noch in vielen Ländern), die Expertokratie, den Bildungswahn und vieles mehr. Dabei ist Änderung, das Fliessen, ein Urprinzip des Seins. Nur wer tot ist ist starr.

Die Konjunktur selbst, über ihre verschiedenen Wellen, führt zu dauernd ändernden Normen im Verhalten. Da sich die wenigsten richtig, also antizyklisch verhalten, werden die Trend durch die Normierung verstärkt: Boom: Leute einstellen, Werben - Flaute: Leute entlassen, Sparen. Man stellt Leute also erst dann an, wenn die nächste Flaute vor der Tür steht, man spart, wenn man eh nix verdient - und umgekehrt. Temporäre Normierung ist für Philosophen, die nach haltbareren Wahrheiten suchen, meist ziemlich uninteressant, weshalb sie nicht immer "mit der Zeit gehen."

Normalität beurteilt nach Normen ist also eine künstliche Einteilung und eigentlich nichts anderes, als der positive Ausdruck für etwas, das wir uns heute eigentlich gerne verbieten, nämlich von Diskrimination: Was oder wer nicht der Norm entspricht, ist anders, ab-norm, und wird von den "Normalen" segregiert, wie früher die Aussätzigen. Soziale Normen sind also immer diskriminierend, folglich mit entsprechender Vorsicht zu verwenden:

Da also eigentlich immer von Gruppen definiert wird, was als "normal" zu gelten hat, sind

a)  immer zuerst diese Gruppen darauf zu prüfen, ob sie selbst normal sind und
b) ihre Autorität in Sachen Normierung zu hinterfragen. (s. auch Auftrag)

Desorganisation des Geistes ist eines der wichtigsten Merkmale der Ab-Normalität. Der Ausdruck zeigt recht präzise, wie vorsichtig wir also damit umgehen sollten, da jeder Mensch und jede Gruppe und jeder Staat ein eigenes System hat, nach dem er sich organisiert - und alle finden das eigene System normal. Ein empfehlenswerter Ansatz um die Qualität der jeweiligen "Normalität" zu prüfen wäre also, die Organisationsstrukturen und Funktionen auf ihre Grundlagen und deren Konsistenz zu prüfen. (s. Beispiel Neoliberalismus #).

Fazit Maria Majce-Eggers zum Problem der Gruppe zwischen Enge der Anpassung - Freiheit der Wahl

Fazit zur Pluralität

Es gibt nicht den Menschen, sondern nur die Menschen.

  1. Der Einzelne existiert nicht allein, sondern unter vielen; er muss mit einer Mehrzahl rechnen und sich auf sie beziehen
  2. Pluralität heisst Vielheit und Verschiedenheit; das bedeutet, als Glied einer Vielheit einzigartig zu sein.
  3. Pluralität bedeutet nicht souverän sein, nämlich unbedingte Herrschaft und Autonomie über sich selbst; das widerspricht der Bedingtheit der Pluralität.
  4. Pluralität bedeutet Unabsehbarkeit der Folgen des eigenen Tuns: Folgen ergeben sich nicht aus der Tat selbst, sondern aus dem Bezugsgewebe, in welches sie fallen.

Einerseits ... andererseits:

Wo die allgemein verbindliche Norm fehlt, ist die Forderung von "Anpassung" noch hohler als sie es meist eh schon ist.

mh

Wurde dieses Fazit ja mit der Postmoderne immer mehr selbst zum Problem, ja eigentlich zur Anomie - ausgezeichnet beschrieben in Postorgiastische Zeiten. Hyperkarneval und Anomie - Was ist Zentrum, was ist Peripherie? von Alfonso Romano de Sant'anna in Lettre International Winter 2006. Die politische Ab-Normalität ist insbesondere in Südamerika sichtbar. Der brasilianische Staatspräsident 2006 war Gewerkschaftsführer und stammt aus der Peripherie. Auch in der Regierung sind ehemalige Guerilleros breit vertreten. Die Staatspräsidentin von Chile war mehrfach verheiratet und geschieden, obwohl das Land das Scheidungsrecht erst kürzlich einführte. Sie brachte es als Frau zur Kriegsministerin, nachdem sie unter Pinochet gefoltert und ins Exil geschickt worden war. Boliviens Staatspräsident ist der erste Indio in dieser Position - und kam mit Unterstützung der Kokainbauern an die Macht. Man kann sagen, die Peripherie ist ins Zentrum gekommen, die Aussenseiter von gestern sind an die Macht gelangt.

Auch Europas grösste Ängste stammen aus der Peripherie: Die Angst vor dem Islam, die Angst vor Migranten, die Angst vor Schwellenländern wie China, Indien, Brasilien etc.

Weitere Beispiele der Vermischung von Peripherie mit Zentrum, der Mitte mit dem Rand, der Norm mit dem Abnormen:

  1. Wir sehen hier eine interessante Entwicklung. Die immer frühere Gebärfähigkeit von Frauen, na ja, sehr jungen Frauen, eigentlich Mädchen, ist vor allem auf die bessere Ernährung (s. spez. USA) und Gesundheit zurückzuführen - aber, nebst zunehmendem Gewicht auch auf die stark zunehme Versexung der Umwelt. Während dem der Körper all diese Signale in dem Sinne interpretiert: Bereit für Babies, zum Teil bereits ab 10 Jahren! - hat sich dies in den Köpfen genau umgekehrt entwickelt - und die Babies kommen immer später, wenn überhaupt noch - da die Eltern mit der Forderung nach lebenslangem Lernen aus dem Alter in dem sie zur Schule müssen ja nie mehr rauskommen .....
    Dass der Körper mit Piercings und Tätowierungen markier wird, ist nicht mehr ein Zeichen tribaler Zugehörigkeit, sondern fashionable, oder, wie man früher sagte: in.
  2. Teure Kleidung ist längst nicht mehr besonders haltbare und qualitativ hochwertige Kleidung, sondern immer öfter zerschliessener und geflickter Trash.
  3. Maskulines und feminines vermischt sich. Homosexualität wird institutionalisiert - also "normal".
  4. Die Familie wird zum total denormierten Abstraktum. Auch Schwule und Lesben können Heiraten und Kinder bekommen oder adoptieren. Auch hier wird praktisch jede Form von Familie "normal".
  5. Der Umgang mit Sex wird liberaler, öffentlicher - man wundert sich dann allerdings dennoch, warum bereits die Kinder total versext sind und Vergewaltigungen bereits von 12-jährigen durchgeführt werden. Der Bereich ist nach wie vor problematisch. [s. Das Streben nach Glück im Duett - oder Duell]
  6. Privates und öffentliches vermischt sich (ausser es geht ums Geld ...). Die Intimsphäre wird per Reality Shows und Zeitungen einem offensichtlich grassierenden Voyeurismus verkauft.
  7. Rinks und Lechts taktieren, dass es einem graust - dummerweise aber nur im Interesse der Macht, weniger im Interesse der Bürger.
  8. Das Kapital ist flüchtig geworden. Es präsentiert im Zentrum, lässt an der Peripherie arbeiten und bezahlt keine Steuern jenseits der Grenzen.
  9. Informationen überfluten das Wissen, dass meist nur noch total fragmentiert vorgetragen wird - allerdings immer öfter mit totalitärem Anspruch der Fragmente (Fundamentalismen).
  10. Regeln und Konventionen der Sprache zerfallen. Es können sich ja kaum mehr die Experten einigen auf eine Schreibweise
  11. anti-, prä-, post-, und kontra-Kunst zeigen am besten, wie stark Peripherie und Zentrum durcheinander geraten sind.

Die Klassik, wie die Moderne, kannten den Fluchtpunkt, Harmonie, Proportion, Gleichgewicht und Perspektive, welche die Ordnungsprinzipien einer zentrischen Weltsicht waren. Künstler und Intellektuelle der Renaissance und der Moderne waren von der Idee getrieben, die Welt zu erkennen und Ideen, Objekte, Lebewesen, ja gar den Kosmos, neu zu ordnen.

Die postmoderne Kultur der Exzentrik bekämpfte das Zentrum so intensiv, dass dies zum neuen Zentrum wurde, das primär Non-Sense und Nihilismus pflegte, das Chaos auf den Thron erhob. Man lebt vom Schein des Augenblicks. Es fehlt das gemeinsame Projekt, eine teilbare Utopie.

Allerdings wirkt noch immer die Macht der Mitte, also der Normalität - der einzige Unterschied ist, dass wir es heute mit viel mehr Zentren zu tun haben, also in einer polyzentrischen Welt leben. Allerdings, so de Sant'anna:

Pluralität der Zentren kann gleichwohl nicht heissen, dass alle Zentren und Systeme gleichwertig sind.
Ein Minimum an Besonnenheit und Vorsicht lässt es jedoch ratsam erscheinen, die Autonomie jedes einzelnen und den Mechanismus gegenseitiger Abhängigkeit aller anzuerkennen.

Der postmoderne Pluralismus hat uns aus vielen Zwängen gelöst (ausser denen des Geldes) - aber mit der Vernichtung der Norm auch die Orientierung gleich mit vernichtet. Wo Normierung noch wirkt, da meist als Zwang, so dass sie noch negativer empfunden wird, wie insbesondere im Mobbing.

Die neoliberale Wirtschaft hat ein attraktives Konzept für Gewinner (des Wettbewerbs), nicht aber für die Mehrheit der Verlierer. Die Politik, sogar die linke, schleicht hinterher, und versucht, sich mit der Wirtschaft gut zu stellen. Der Rest auch, immer mehr sogar die Philosophen, die die Missstände mit etwas corporate social responsibility weiss tünchen.

Die Abkehr von der Gemeinschaft, die heute dominante Nutzung von Netzwerken, erlaubt es, für jede Spinnerei ein Grüppchen zu finden oder zu bilden, das präzise diese Spinnerei zur höchsten Norm erhebt (ich denke dabei nicht bloss etwa an Scientology und andere pseudoreligiöse Veranstaltungen, sondern insbesondere an den Neoliberalismus, der dazu präzise das nutzt , was er dem Staat und andern Interessengruppen verweigern will, die korporative Organisation, die "Rechtsperson", als Interessensvertretung.

Positiver gesehen:

Deine schlimmsten Feinde sind keineswegs die Leute, die anderer Ansicht, sondern die der gleichen sind wie du, aber aus verschiedenen Gründen, aus Vorsicht, Rechthaberei, Feigheit verhindert sind, sich zu dieser Ansicht zu bekennen.

(Arthur Schnitzler, österreichischer Schriftsteller, 1862-1931)

Die traditionellen Vermittler von Normen und Werten gibt es entweder nicht mehr, wie die Kirche, z.T. auch die Familie, oder sie sind selbst verloren zwischen dem Streben nach Geldwerten und den anderen "Werten", von denen man besonders in ultrakonservativen Kreisen gerne redet, sie aber kaum mehr zu benennen weiss (man möchte ja auch nicht darauf behaftet werden ...). Es sind also abertausende von kleinen und grossen Gruppen und Grüppchen, von denen jede ihr Wertesüppchen kocht - und wenn dann klar wird, dass durch den Brei bereits als unumstösslich angenommene Werte zugekleistert wurden und Kinder Kinder vergewaltigen, dann soll's die Schule richten (die man eigentlich privatisieren möchte, so dass sie besser die ausschliessliche Gruppennorm der Herrschenden vertreten kann) oder der Vater Staat (den man aber eigentlich lieber abschaffen möchte, da man eigentlich lieber keine anderen Normen hätte, als die eigenen). Dass da die Sozialarbeit zwischen Tür und Angel kommt (insbesondere, da sie sich mit dem Verursachern des Ausschlusses, der Wirtschaft, nicht anlegen kann, sich also immer mehr auf die kurative Tätigkeit des Bezahlens beschränken muss. s. Sozialfürsorge) und beträchtliche Probleme mit der Definition ihrer Aufgabe hat, die sie nur noch unter Anwendung beträchtlicher List ausführen kann, verwundert so betrachtet wenig.

 

 

Der Irrsinn ist bei Einzelnen etwas Seltenes, aber bei Gruppen, Parteien, Völkern, Zeiten die Regel.

(Friedrich Nietzsche, dt. Philosoph, 1844-1900, Jenseits von Gut und Böse)

Aus präzise den Gründen wären heute Normalität und Orientierung primär aus der Perspektive der Sozial-, speziell der Gruppenpsychologie zu betrachten.