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Kommentare/persönliche Meinung zu akuten Entwicklungsfragen:

Von Arbeit, Leistung, Produktivität und Fortschritt zur Entwicklung - oder:

Bedeutung und Tragik des Schnösel-Prinzips

Definition Arbeit:

Das Wort Arbeit geht entweder auf das germanische arba (= Knecht) zurück, oder auf das germanisches Verb arbejo, mit der Bedeutung "bin verwaistes und daher aus Not zu harter Arbeit gezwungenes Kind" - oder auf das germanische ar_ejidiz/ arbejidiz (= Mühsal, Not) - also auf jeden Fall auf wenig Erfreuliches.

Im Französischen wurde labeur (von der Bodenbearbeitung zur Selbstversorgung), und oeuvre (vom Werk, gr. poiesis) zum labeur (gr. poneros: von aussen, von jemand anders auferzwungene Arbeit) endlich zum travail, der repetitiven, mechanischen, vom Takt der Maschinen getriebenen Tätigkeit.

Arbeit ist also zumeist Unterwerfung, das Folgen der vorgegebenen Leiste, nach der dann eben die Leistung beurteilt wird (Arbeit/Zeiteinheit).

Definition Leistung:

Das gotische lais, ich weiss, bedeutet eigentlich: ich habe nachgespürt - und "laists" steht für "Spur". Die indogermanische Wurzel *lais- bedeutet "Spur, Bahn, Furche". Im Mittelenglischen bedeutete "to list" Interesse zeigen. Heute wird "to list" nur für Schiffe benutzt, die sich neigen. Die ursprüngliche Bedeutung, aktiv nach etwas streben, echt interessiert sein, findet sich nur noch negativ in listless (teilnahmslos, gleichgültig). 

"Leisten" bedeutet ursprünglich "einer Spur nachgehen, nachspüren" bedeutet. so wie es heute noch klar ausgedrückt wird im Satz: Schuster bleib bei deinen Leisten.

leisten:

Die Leistung beraubt also die Arbeite definitiv der Kreativität, der freien Gestaltung eines Werkes, da sie die Ausführenden darauf verpflichtet, die vorgegebenen Mittel und Wege genauestens zu befolgen.

Definition Produktion & Produktivität

Produktion, (v. lat.: producere = hervor führen), Fertigung, Fabrikation, im rechtlichen Sprachgebrauch die Herstellung, ist der vom Menschen (Produzent) bewirkte Prozess der Transformation, der aus natürlichen wie bereits produzierten Ausgangsstoffen (Rohstoff) unter Einsatz von Energie, Arbeitskraft und bestimmten Produktionsmitteln lagerbare Wirtschafts- oder Gebrauchsgüter (Ökonomisches Gut) erzeugt.

"Produktivität" ist die Wertschöpfung innerhalb einer bestimmten Zeiteinheit.

Ja hallo, da haben wir nun plötzlich etwas ganz neues, nämlich die Wertschöpfung. Bei Arbeit, speziell bei derLeistung, ging es nur um die Menge eines Produktes oder einer Dienstleistung - die innert einer gewissen Zeit geleistet werden können. So bildete auch bei Adam Smith bis weit über Marx hinaus der Lohn den Hauptbestandteil des Preises der Güter, und der Lohn entsprach damals nur den Kosten für den Unterhalt der Arbeitskräfte während des Arbeitseinsatzes.

Im Mittelalter konnte von Produktivität noch kaum geredet werden, da diese, gleichbedeutend mit Schöpfung, nur durch Gott möglich war. «car l'homme n'est pas créateur». Noch deutlicher DUPONT de NEMOURS: «Dieu seul est producteur».

De Condillac (1740-1780) kehrte dies Vorstellung gerade um: «A parier exactement, le colon ne produit rien; il dispose seulement la terre à produire. L'artisan, au contraire, produit une valeur, puisqu'il y en a une dans les formes qu'il donne aux matières premières. Produire, en effet, c'est donner de nouvelles formes à la matière; car la terre, lorsqu'elle produit, ne fait pas autre chose».

Eine ökonomische Bedeutung des Begriffs <Produktivität> kaum vor dem Ende des 17. Jh. nachweisbar. Im Englischen erscheinen Produktivität und Manufaktur in einem Kontext.

Noch 1809 unterscheidet der deutsche Wirtschaftsphilosoph CH. J. KRAUS in Adaption physiokratischer Ideen zwischen Produktion, der Hervorbringung von Naturgütern durch Jagd, Bergbau, Land- und Forstwirtschaft auf der einen Seite und Fabrikation, «der Verarbeitung der Naturalien» auf der anderen Seite.

100 Jahre nach Smith machte Marx darauf aufmerksam, dass diese Grundlage der Verteilung des Mehrwerts vielleicht doch etwas ungerecht sei, da die Preise oft einen Gewinn erlaubten, der weitaus höher war also der Anteil an Lohnkosten.

Im Ursprung hatten allerdings bereits die Physiokraten dieses Prinzip des Mehrwerts erkannt und hochgejubelt. Für sie war nur die Landwirtschaft produktiv, da sie nebst den Arbeitskräften auch noch den Pächter und sogar den Bodeneigentümer ernähren konnte. Es lebten also grad 3 Klassen vom Ertrag, vom Mehrwert. Die Physiokraten definierten also als produktive Arbeit nur diejenige Arbeit, die mehr einbringt als die Lebenserhaltungskosten, also einen Profit für den Landlord, den Fabrikbesitzer, den Investor.

A. SMITH (1723-1790) führt als produktive Arbeitsformen an: Landwirtschaft, Manufaktur und Handel; andere Dienstleistungstätigkeiten wie Militärdienst, Justiz- und Gesundheitspflege, Kunst u. ä. galten ihm als unproduktiv, denn sie erlaubten keinen Profit für Eigentümer und Unternehmer. (Mit der Kunst hat er sich da ein bisschen getäuscht, allerdings nur bei Ausnahmefällen, denn die Mehrheit der Künstler lebt auch heute meist vom Sozialamt).

Zu den produktiven Kräfte rechnet List (1841) alles, was zur Entstehung und Erzeugung von Gütern beiträgt: der menschliche Geist, die gesellschaftliche Ordnung sowie die Naturkräfte, wobei für ihn der besondere Akzent auf der moralischen und politischen Verfassung einer Nation liegt.

Zu Zeiten Smith ging hier also eine Klassen-Unterscheidung unterhalb der klassischen 3 Stände (1 Geistlichkeit, 2 Adel, 3 Bürger, später, in 19. JH auch Bauern) noch etwas verloren, nämlich die zwischen Kapitalisten als Besitzer der Produktionsmittel und dem Proletarier als Besitzer von Arbeitskraft.

Bei RICARDO (1772-1823) gilt dann noch die Arbeit als produktiv, die den Wert des vorgeschossenen Kapitals vermehrt - womit wir voll beim heutigen Problem wären. Der Produktions-Prozesses wird völlig zum Wertbildungsprozeß. In Auseinandersetzung mit Ricardo und Say kritisiert allerdings SISMONDI bereits 1827 deren Voraussetzung eines Gleichgewichts von Produktion und Konsumtion und weist erstmals die Möglichkeit von Überproduktionskrisen nach - was also offensichtlich keine Erfindung von Marx war.

Moderne Produktivitäts-Theorien bezeichnen Produktion als «Transformation von Gütern und Dienstleistungen in andere Güter und Dienstleistungen», wobei Produktivität definiert wird als «Verhältnis zwischen Produktions-Ergebnis und Faktoreinsatz».

In diesem System gibt es den gerechten Lohn gibt es nicht mehr (na ja, es gab ihn auch vorher nur selten), weil nicht nach Härte der Arbeit und Schwierigkeit der Leistung entlohnt wird, sondern nach den erzielten, oft auch bloss nach dem theoretisch erzielbaren Profit, also der Produktivität.

Fazit:

Der Begriff <Leistungslohn> ist reine Eristik, also ein rhetorischer Betrug, denn die Mitarbeiter werden nicht für Leistung bezahlt sondern für Produktivität - allerdings ohne auf die Bedingungen, auf das produktive Umfeld Einfluss zu haben.

Definition Fortschritt

1. epidosis, prokopn, prokóptein, profectus, proficere, progressio, progressus bedeuten allgemein Fortgang, Fortschreiten primär zum Besseren, aber auch zum Schlechteren; Zunahme, Gedeihen, Wachstum.

«Die Wohltaten der Erfindungen könnten sich auf das ganze Menschengeschlecht (universum genus humanum) erstrecken»; während Besserungen im politischen bürgerlichen Leben sich auf bestimmte Wohnsitze der Menschen und auf begrenzte Zeiten beschränkten, bringen Erfindungen in den Zeiten fortdauernd ohne Unrecht und Traurigkeit Beglückung und Wohltaten hervor.

Bacon

Im 19. JH dringt das Fortschrittsprinzip in alle Sphären des Lebens ein:

Erst KANT (1724-1804) stellt sich dem Problem grundsätzlich und gewinnt damit eine neue Bestimmung von F., mit der der Rahmen gesetzt wird, in dem sich künftig die Auseinandersetzung konkret bewegt. Er nimmt Fortschritt als «Fort-Schritt vom Schlechteren zum Besseren», zur Vollkommenheit, als kontinuierlichen F. «zum Guten ... bis ins unendliche» auf und versteht ihn als «Vollziehung eines verborgenen Plans der Natur» mit dem Ziel, eine vollkommene Staatsverfassung, schließlich ein Weltbürgerrecht als den «einzigen Zustand» heraufzuführen, in welchem die Natur «alle ihre Anlagen in der Menschheit völlig entwickeln kann».

Der verborgene Naturplan des Fortschritt ist darin begründet, daß bei Menschen wie bei allen Lebewesen alle Naturanlagen dazu bestimmt sind, «sich einmal vollständig und zweckmäßig auszuwickeln».

Diesen "Glauben" haben wir ja heute noch, a) in der individuellen Entwicklung der Psyche, b) bei der Entwicklungshilfe - weniger allerdings in der gesellschaftlichen Entwicklung, was zum grössten Teil auf einem bewusst geförderten Missverständnis der alles regulierenden unsichtbaren Hand des Marktes beruht, dem eh etwas all zu göttliche Kräfte zugeschrieben werden:

Tendenz zur Erhaltung der Gattung, Ehrsucht, Habsucht usf. sind permanent für ihn die Nötigung, die Natur zu überschreiten und alle «Cultur und Kunst ... die schönste gesellschaftliche Ordnung» hervorzubringen und, indem er sich diszipliniert, «durch abgedrungene Kunst die Keime der Natur vollständig zu entwickeln». ... Seine Bedingung ist allein die Gewinnung einer vollkommenen bürgerlichen Verfassung eines Staates, der den Individuen Freiheit, vernünftig zu handeln, gewährt.

Hegel (1770-1831): Die Freiheit aller, zuerst in der Religion, der «innersten Region des Geistes» aufgegangen, hat sich in einer «schweren, langen Arbeit der Bildung» in das «weltliche Wesen» eingebildet; der Mensch ist, weil er Mensch ist, zum Subjekt des Rechtes und des Staates geworden. Damit ist der vorausgesagte und erhoffte künftige Fortschritt als Freiheit aller gegenwärtige Wirklichkeit geworden. Auf ihrem Boden gehören für Freiheit die Gesellschaft als Vollendung der Befreiung des Menschen aus der Macht der Natur durch Arbeit und die Subjektivität in ihrer Ausbildung zum selbständigen Extrem persönlicher Besonderheit in ihrer Entzweiung zusammen, deren Vereinigung für Hegel der auf Freiheit als Rechtsprinzip gegründete partikuläre Staat ist [38]. In der Gegenwart ist die bisherige Weltgeschichte im F. zur Freiheit abgeschlossen;

O. SPENGLER (1880-1936) hat die «Reinzucht» der Zivilisation des Fortschritts als Ende organischen Wachstums, Verwilderung aller Lebensgewohnheiten, Aufkommen der neuen Nomaden und Fellachen, als «Erstarrung des unabwendbaren Endes» denunziert und damit der Enttäuschung des Fortschritts-Optimismus durch die Erfahrung des Ersten Weltkrieges Ausdruck gegeben. Nach dem Zweiten Weltkrieg zeichnet sich die Möglichkeit ab, daß der Mensch in ein Zeitalter des posthistoire angekommen sei.

Das unausgetragene Problem des Fortschritts liegt darin, daß die in seiner klassischen Theorie vorausgesetzte Automatik der Verbindung von gesellschaftlichem Fortschritt mit Erzeugung von Glück und Freiheit sich als Illusion erwiesen hat.

[nach: Historisches Wörterbuch der Philosophie: Fortschritt]

Definition Entwicklung

Entwicklung. ist eine relativ junge Übersetzung von explicatio, das zu complicatio gehört und in der vom Neuplatonismus herkommenden Zusammengehörigkeit beider Begriffe die Entfaltung des in der Einheit des Grundes Eingefalteten meint. Der Begriff der komplikativen Einheit, aus der, in dieser bleibend, das Viele und Mannigfaltige sich ausfaltet. Im analogen Sinne setzt Entwicklung das lateinische evolutio voraus, sofern dieses Wort ursprünglich das Aufrollen (Aufschlagen) eines Buches und die Entfaltung eines Gedankens, einer Vorstellung, einer Definition meint.

Was ein- oder zusammen gewickelt ist, muss auseinander gewickelt werden:

  1. die Entwicklung des Lebendigen, so wie die Rose ihre Blätter entwickelt (in einer höheren Schreibart: entfaltet),
  2. die Anlagen, die in der Seele sind, nach und nach tätig machen und darstellen,
  3. vorhergegangene Vorstellungen nach allen Teilen deutlich machen

Entwickeln (développer) bedeutet, daß diese unbewußten Vorstellungen deutlicher werden.

Die Idee scheint primär von den Naturforschern zu stammen, die beobachteten, wie quasi aus dem Nichts (DNA z.B.) ein ganzes Lebewesen entsteht. A. van LEEUWENHOEK (1632-1723), der Präformationstheorie folgend: «Die Forschungen der Modernen haben uns gelehrt und die Vernunft bestätigt es, daß die Lebewesen ... nicht aus ... einem Chaos herstammen, wie die Alten geglaubt haben, sondern aus präformierten Samen».

Entwicklung bedeute Übergang der Anlage, Möglichkeit zur Wirklichkeit: «Die Blüthen und die Früchte des Baums sind ihrer Anlage nach in der jungen Pflanze ... Aber auch nur der Anlage nach», und nicht so, daß in der Anlage die «Sache selbst schon im kleinen vorhanden» sei.

LEIBNIZ (1646-1760) hatte ausgesprochen, daß seine Überzeugung von der Macht des Prinzips der Kontinuität ihn nicht über die Entdeckung von Mittelwesen erstaunen ließe, die so mit ebenso großem Rechte als Tiere wie als Pflanzen gelten könnten. Damit hatte er voll recht, was die Entdeckung der Prokaryoten (Bakterien) belegte (gesehen und beschrieben erstmals von Leeuwenhoek (1632-1723), "begriffen" durch Robert Koch und viele andere.

Kant (1724-1804): Theorie von der Entstehung und Entwicklung des Sonnensystems aus einem gasförmigen Urzustand. Bei den Lebewesen zögert er. Dennoch zeigt seine Aussage, dass die Evolutionstheorie von Darwin nicht eigentlich entdeckt wurde, sondern dass er bloss der erste war, der sie a) belegen konnte und b) sich traute, diese Ideen zu publizieren:

Doch würde die Annahme, daß «entweder eine Gattung aus der andern und alle aus einer einzigen Originalgattung oder etwa aus einem einzigen erzeugenden Mutterschooße entsprungen wären, ... auf Ideen führen, die ... so ungeheuer sind, daß die Vernunft vor ihnen zurückbebt».

Von der Entwicklung des Menschengeschlechts sagt er, daß der Mensch in den Augen der wahren Weisheit das verachtungswürdigste unter allen Geschöpfen sein würde, «wenn die Hoffnung des Künftigen ihn nicht erhübe, und den in ihm verschlossenen Kräften nicht die Periode einer völligen Auswickelung bevorstände». Im Menschen mußten «mancherlei Keime und natürliche Anlagen bereit liegen, um gelegentlich entweder ausgewickelt oder zurückgehalten zu werden», damit er seinen Platz in der Welt angemessen würde ausfüllen können. Es gilt so zwar für den Menschen wie für alle Lebewesen, daß «alle Naturanlagen eines Geschöpfes ... bestimmt [sind], sich einmal vollständig und zweckmäßig auszuwickeln». Während dies aber «bei vernunftlosen Thieren» durch die «Weisheit der Natur» geschieht und bei allen «sich selbst überlassenen Thieren jedes Individuum seine ganze Bestimmung erreicht», müssen die Menschen «durch ihre eigene Thätigkeit die Entwicklung ... dereinst zu Stande» bringen

Leibniz, Herder und Kant wirken aber ebenso in der Naturphilosophie der Romantik fort. Für SCHELLING hat sich die «Stufenfolge aller organischen Wesen durch allmähliche Entwicklung. einer und derselben Organisation ... gebildet»

Herder (1744-1803): Die Geschichte sei nichts anderes als die ununterbrochene Fortsetzung der natürlichen Entwicklung im planmäßigen Willen der lebendigen Gottheit, deren Werkzeug die Natur ist.

Während dem bis hierher vor allem Gott die Anlage geschaffen hat, und der Mensch diese in Freiheit und Eigenverantwortung zu entwickeln hatte, stieg das Selbstbewusstsein und die Unabhängigkeit des Menschen im 19. JH gewaltig an, und er beanspruchte fortan, auch die Ziele selbst und frei zu setzen (mit Ausnahme der leistungsbeauftragten Arbeitnehmer natürlich ...):

Fichte (1762-1814): Ziel dieses Prozesses soll ein frei gewollter Endzweck sein und durch unsere bewußte planmäßige Tätigkeit realisiert werden, «nicht bloß, damit er sei, sondern, daß er durch die Menschen selbst hervorgebracht werde», denn dies ist «die eigentliche Bestimmung des Menschengeschlechts auf der Erde, ... daß es mit Freiheit sich zu dem mache, was es eigentlich ursprünglich ist».

Nitzsche (1844-1900) setzte noch eins drauf, und machte, ganz und gar nicht zu Unrecht, darauf aufmerksam, dass Dinge nur entstehen können, wenn Wünsche und Bestrebungen mit einer ausreichenden Portion Macht garniert sind: Die «Moral der Entwicklung» sei der «älteste und gesündeste aller Instinkte»: der Wille zur Macht. Das Gesetz der Entwicklung sei «das Gesetz der Selection».

H. SPENCER (1820-1903) beschränkte Freiheit und Macht wieder etwas, indem er den Entwicklungsgedanken dem Kausalitätsprinzip unterordnet (das Finalitätsprinzip ignoriert) und begreift Entwicklung als den «allmählichen Übergang von den niederen Formen psychischer Tätigkeit zu den höheren» in Richtung auf größere «Komplexität, Spezialität, Abstraktheit und Seltenheit».

H. WERNER (1890-1964) macht, als Psychologe, auf die «schöpferische Entwicklung» aufmerksam, d.h. jede höhere Stufe stellt «ein grundsätzlich Neues» dar, das nicht durch Addition oder Subtraktion von einzelnen Merkmalen aus dem primitiveren Stadium ableitbar ist.

F.Krueger (1874-1948): Ein allgemeingültiger Entwicklungsbegriff, der sich auf den biologischen, sozialen und kulturellen Bereich gleichermaßen beziehe, sei wesentlich und notwendig durch drei Merkmale gekennzeichnet:

  1. die gedachte Stetigkeit der in Frage gestellten Veränderungen,
  2. ihr gedachtes Eingeschlossensein in ein relativ einheitliches Ganzes qualitativ verschiedener, wechselwirkender Teile, welches dynamische Ganze sich in allen seinen Wandlungen als dieses einheitliche behauptet» und eine «Struktur darstelle», und schließlich
  3. durch den «Gedanken einer einheitlich bestimmbaren Richtung für den Gesamtkomplex derjenigen Veränderungen, die da genetisch begriffen werden sollen».

Die Entwicklung der Struktur sei auf «Selbstverwirklichung» angelegt, was zugleich «zunehmende Wertverwirklichung» im Sinne einer Annäherung an das «Ideal größtmöglicher Strukturiertheit» bedeutet. Der Versuch, Entwicklung als ein Zusammenspiel von Wachstum oder Reifung und Lernen zu verstehen, gelangt zu nicht minder allgemeinen Feststellungen und umfaßt im Grunde den Gesamtbereich des psychischen Geschehens und der Strukturbildung. Prinzipien sind etwa: Anpassung, Steigerung (Wachstum, Fortschritt), Differenzierung (Zentralisierung, Integration), Prägung, Gestaltung.

So weit, so gut, oder so schlecht, denn seltsamerweise scheint in der Philosophie kein Entwicklungskonzept auf, dort wo man es heute am meisten erwarten würde, nämlich bei der Entwicklungshilfe. Auch wenn sich die längst als "Entwicklungszusammenarbeit" tarnt, wäre dort eigentlich ein Konzept dazu zu erwarten, was denn nun Entwicklung bedeuten solle. Man lässt sich aber auch hier nach wie vor ganz einfach von den Wellen der Marktentwicklung treiben. Man surft zwischen den Spenderwellen und Katastrophentälern.

Ebensowenig scheint die Politik ein Konzept der Entwicklung zu haben. Auch hier beschränkt sich die Entwicklung darauf, der konjunkturellen Entwicklung hinterher zu rennen, die nächste Flaute zu befürchten, die nächste Hausse aber erst dann zu erwähnen, wenn es für Lohnforderungen schon wieder zu spät ist.

[nach: Historisches Wörterbuch der Philosophie: Entwicklung]

Das Schnöselprinzip

Der Habitus der Grossen (A. Smith, in Kapitel: Ueber die Verfaelschung der ethischen Gefühle):

Hat es wirklich den Anschein, dass die Grossen nicht wissen, zu welch billigem Preis sie die allgemeine Bewunderung erwerben können, ode scheinen sie sich einzubilden, dass diese für sie wie für andere Menschen nur mit Schweiss oder Blut zu erkaufen ist? Durch welche bedeutenden Fertigkeiten lehrt man denn den jungen Edelmann die Würde seines Ranges aufrechtzuerhalten und sich selbst jener Vorherrschaft über seine Mitbürger wert zu machen, zu welcher die Tüchtigkeit seiner Vorfahren diese erhoben hat? Geschieht es durch Wissen, durch Fleiss, durch Geduld, durch Selbstverleugnung oder durch irgendeine andere Tugend? Da all seine Worte, al seine Bewegungen aufmerksam beobachtet werden, lernt er vielmehr, auf jeden einzelnen Umstand seines alltäglichen Betragens beständig Bedacht zu nehmen, und lässt es sich nicht angelegt sein, alle jene kleinen Pflichten mit der genauesten Korrektheit zu vollführen. Da er sich dessen bewusst ist, wie sehr er beobachtet wird, und wie sehr die Menschen bereit sind, ihn mit all seinen Neigungen zu unterstützen, handelt er bei den gleichgültigsten Gelegenheiten mit jener Ungezwungenheit und würdevollen Hoheit, welche der Gedanke daran ihm naturgemäss einflösst. Seine Miene, sein Betragen, seine Haltung, alles das verrät jenes elegante und anmutige Gefühl der Ueberlegenheit, welches diejenigen , die in niedrigerem Stand geboren sind, kaum jemals erlangen können. Dies sind die Künste, durch welche er die Menschen dahin zu bringen denkt, dass sie sich leichter seiner Autorität unterwerfen, und durch welche er ihre Neigungen nach seinem Belieben beherrschen zu können glaubt; und selten wird er in dieser Erwartung getäuscht werden. Diese Künste sind, sofern sie durch hohen Stand und hervorragende Stellung unterstützt werden, in der Regel hinreichend, um die Welt zu beherrschen. [S. 77]

Es gibt kaum einen Menschen, der nicht den Reichen und Vornehmen bei gleichem Grad des persönlichen Verdienstes mehr achten würde als den Armen und Niedrigen. [S. 88]

Definition Schnösel: Jung, dumm, frech und arrogant

Dumm nun nicht in dem Sinne, dass jemand nichts weiss, denn zumindest wissen die Leute ja, wie man Geld vermehrt, aber dumm in dem Sinne, das dies höchstes, wenn nicht einziges Ziel bleibt. Es handelt sich also um die optimale Dummheit (= Beschränktheit) die nötig ist, um in diesem System erfolgreich arbeiten zu können, ohne von Selbstzweifeln zernagt zu werden, auf Grund unverdauter Selbst- und nicht denkbarer Systemkritik ein Magengeschwür zu kriegen. Das ökonomische Schnöseltum kompliziert einerseits seinen Wissensbereich, so dass er für Aussenstehende fast zur Geheimstprache wird, banalisiert aber auf der andern Seite die Welt: Geld > mehr Geld - ein einfacheres System gibt's nun wirklich nicht - aber genau drum hat es eben auch seine Grenzen. Die Notwendigkeit einer Erweiterung der Sicht über den Gartenzaun wurde, auf sogar Oekonomen verständliche und akzeptable Weise z.B. von Peter Ulrich an der Uni St. Gallen postuliert unter dem Titel: Integrative Wirtschaftsethik. Mit dem darin enthaltenen Ansatz des öffentlichen Diskurses als prinzipiellem „Ort“ der Moral hängt Ulrich zudem seine Ethik präzise dort an, wo Adam Smith vor 250 Jahren begann, nämlich NICHT dem abstrakten, meist als "göttlich" aufgefasten Korrekturprinzip der "unsichtbaren Hand", sondern bei einem sehr sichtbaren, oder vielleicht eher hörbaren Fingerzeig, nämlich dem Urteil der Gesellschaft über die Aktivitäten der Unternehmer und Händler.

Bereits Smith schrieb vor 250 Jahren, dass von 20 Anwälten bloss einer eine Stelle zu ergattern vermag, in der er seine Ausbildung wirklich einsetzen kann. Dieses Prinzip erfasst heute nicht nur Anwälte, sondern, je nach Konjunkturlage, praktisch alle akademischen Berufe. Dabei trifft kaum zu, dass jeweils die Besten ausgewählt werden, denn das Kriterium ist ja kein qualitatives, auch kein quantitatives, auf das man sich vorbereiten könnte, sondern das relativ zufällige der Passung. Passungsgeneralisten sind aber nun eben, ehemals die Grossen, gestern die Stänzer alias Köfferlityp, heute die Schnösel, geprägt durch den richtigen Habitus (s. ...). Interessen und Meinungen müssen sich mit dem Wind drehen können, weshalb Intelligenz hier nicht unbedingt förderlich ist (Weshalb Dummheit das Reich werden erleichtert! s. Kritik der zynischen Vernunft   ...   oder: Vom Wissen das dumm, und der Dummheit, die reich und mächtig macht.)

Inbegriff DES zynischen Schnösels ist der Homo oeconomicus.

Das Schnöselprinzip nahm seinen Anfang, nach meiner Erfahrung, in den 80ern, und entwickelte sich in den 90ern zu voller Blüte. Es lässt sich in den Grundzügen so beschreiben:

Ein Stelleninhaber, kurz vor der Pension, verfasst eine Stellenbeschreibung, damit der Betrieb seine Stelle ausschreiben kann. Darin stehen folglich seine Ausbildung + Erfahrung &Weiterbildung eines ganzen Arbeitslebens. Diese Kenntnisse und Erfahrungen werden nun logischerweise vom Nachfolger erwartet, der aber nicht älter als 35 sein darf, lieber 25. Also eigentlich eine Unmöglichkeit. Nun gibt es aber immer solche Gesellen, die sich da vorstellen (dürfen können), und dann voller Eland davon erzählen, dass ihnen das eigentlich alles in die Wiege gelegt wurde, dass ihr Leistungswille und ihr Karrierebewusstsein so hoch ist, dass sie diese Hürde mit links nehmen. Soziale Intelligenz nennt man das, Hinter-List wäre vermutlich zutreffender. Im gleichen Stil geht das dann natürlich weiter. Meister der äusseren Form, also des Habitus, lassen sie sich kaum je aus der Ruhe bringen, lenken alles in ihrem Interesse, und da es dabei meist um Geld geht, also auch im Interesse der Firmeninhaber. Da sie aber sonst von Tuten und Blasen keine Ahnung haben, kommt dann am Schluss, dank der "unsichtbaren Hand" die auch längst amputiert wurde, eben genau das raus, was wir heute haben: keine Ahnung von Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft.

Es gibt zwei Bewegungen, die man hierfür verantwortlich machen könnte, a) die 68er, b) generell die Zeit der Postmoderne. Die 68er können dafür kaum verantwortlich gemacht werden, ausser für den Aspekt des Lebensgenusses, den Trend zu mehr Hedonismus. Die 68er wendeten sich aber ausdrücklich gegen Autoritäten, gegen Sachzwänge, gegen Herrschaftsmodelle, und rannten dem Geld nur dann nach, wenn sie mal wieder keines hatten. Die Postmoderne generell ist da schon prägender: Es gibt keine umfassende Ordnung, keine grosse Erzählung, kein Gesamtsystem. Das führte natürlich in der Betriebswirtschaft, zusätzlich zur dämlich-banalen Behauptung von Smith, dass Planer besser arbeiten können, wenn man sie dabei nicht stört (Wirtschaftsplaner gemeint natürlich, nicht politische Planung). zur grandiosen Idee: Wir können eigentlich tun und lassen was uns passt, uns kann ja keiner (tatkräftig unterstützt durch Betriebsverlagerungen weltweit an die jeweils günstigsten Standorte mit den nicht existierendsten Umweltvorschriften, nicht existierenden sozialen Vorschriften, Steuerbefreiung, keine Beschränkung der Kapitalverschiebungen etcetc. )

Das Problem, das sich aus der Herrschaft des Schnöseltums und dem Fehlen eines Entwicklungskonzepts vor allem ergibt, ist Orientierungslosigkeit. Wenn wir aber nicht wissen, wohin wir wollen, brauchen wir auch niemanden zu fragen, wie wir dorthin kommen. (frei nach Alice in Wonderland).

Schnösel-Taktik: Populistische Dummheit (sprich Volksverdummung)

So weit, so gut, oder vielmehr: so schlecht. Aber das ist nicht das Ende, sondern der Anfang. Ein Grossteil der Bevölkerung hat sich über Jahrzehnte damit trösten lassen, dass der Markt (die unsichtbare Hand) alles regle, wenn man dem Wettbewerb freien Lauf lasse. Macht er schon, aber man hat dann am Ende jede Menge Güter zu tiefsten Preisen, maximale Umsätze, minimale Gewinne. Am Schluss bleibt also nur Verwaltung der Stagnation (Modell SP) oder weiteres Wachstum bei den Einen, auf Kosten der Anderen (rechte Politik).

Hier kommen wir nochmals auf was, von dem der Bürger zeit seines Lebens nicht viel hört, nicht mal wenn er 16 oder 17 Jahre zur Schule geht: Strategisches Denken und -Planung. Der Ausdruck kommt aus dem Militär, und ist heute, da wir nicht mehr um ein Paar Meter im Schlachtfeld kämpfen, sondern um Marktanteile, die Königsdisziplin der Wirtschaft (s. strategisches Management), der Job in der Wirtschaft, der (noch) am besten bezahlt wird:

Der Job wird von 1.2% der Bevölkerung ausgeübt, zumeist Männern. Und hier wird bestimmt was läuft, hier werden Strategien und Taktiken entworfen, um die selbst gesetzten Ziele mit dem geringsten Aufwand erreichen zu können. Hier entscheidet sich, wie viele Leute angestellt oder entlassen werden, wo der Betrieb sich niederlässt oder zurückzieht, wo investiert wird - wo restrukturiert etcetc. Und hier kommt kein Betriebsrat rein - abgesehen davon, dass es vermutlich äusserst schwierig wäre, überhaupt Betriebsräte zu finden, die über die selben Kenntnisse der strategischen und taktischen Wirtschaftskriegsführung verfügen wie, nein, nicht die Eigentümer, aber ihre (noch) gut bezahlten Söldner,die Manager, die Fachleute für Kapitalvermehrung mittels Produktion. Noch rentabler sind allerdings diejenigen, die Strategien und Taktiken entwerfen und durchziehen direkt mit dem Steuermittel der Wirtschaft, mit dem Geld. Die strategische Lenkung über Geld, per Finanzentscheid (wozu Investitionen, Mergers & Acquisitions ebenso gehören wie Börsenspiele mit Derivativen und andern Instrumenten) hat hier den längsten Hebel - und damit den höchsten Profit/Lohn/Beuteanteil.

Innerhalb der Leitung, also der strategischen Kaderebene, gab es in den letzten Jahrzehnten beträchtliche Verschiebungen. Warn früher mal die Ingenieure an der Front, da sie Dinge erfanden, entwickelten, und auch wussten, wie man das macht, kamen dann, je mehr Ueberfluss die Menschen hatten und je weniger sie noch mehr davon brauchten, die Marketingexperten ans Ruder, also die Leute, die auch einem Eskimo einen Kühlschrank verkaufen. Nachdem dies zum Standard geworden war, und dennoch nicht mehr viel zu verdienen war, übernahmen die Leute, die aus Geld direkt Geld machen, ohne den mühsamen Weg über arbeit, also die Finanzexperten. Zur Zeit diskutieren wir ja grad weltweit darüber, ob wirklich Staat und Volk dafür zuständig sind, auch hier noch Riskiken und Kosten zu bezahlen, nachdem sich das ja schon bei Umweltschäden und Personalkosten (Kosten für entlassenes, eingespartes Personal, durchgesetzt hat.)

Hier die aktuellen Prioritäten dieser Leitungruppe. Wir sehen, dass sogar Strategie, Wachstum, Planung (Mitarbeiter, als HR bezeichnet (human resources) erst mit grossem Abstand auf das Geldmanagement kommen. Umgekehrt sind die Dinge, die diesen Leuten am wichtigsten sind, eben Dinge, die einen Ingenieur nicht mal am Rand interessieren. Da man ohne Cash aber eben kein Geschäft betreiben kann, und mit Cash sogar Geld verdient wenn man nichts produziert, gehören diese Kader heute ben zu den bestbezahlen, wie die Banker. Dummerweise verursacht diese, hier, im Betrieb, noch sinnvolle Denkweise, volkswirtschaftlich und sozial massive Schäden, gerade weil die HR nur noch Mittel, nicht mehr aber Zweck dieser Unternehmungen sind:

Interessant an der Tabelle weiter oben ist auch die Tatsache, dass der Bereich Analyse & Operating, bei dem man mindestens so viel wissen muss, inzwischen doch beträchtlich weniger einbringt. Die Klage, es gäbe zu wenige von der Sorte (Informatiker, die meist in dem Bereich engagiert sind, obwohl sie solche heute in reicher Auswahl und günstig in Beschäftigungsprogrammen, bei Sozialämtern und der IV finden), heisst also bloss, dass man die Preise/Löhne hier noch mehr drücken und die Anforderungen noch mehr erhöhen möchte, was immer mehr eben zur schieren Verzweiflung und an den Rand bringt. Die gegenwärtig laufende Abzockerinitiative ist - zumindest aus der Perspektive - auch nichts anderes, als ein Versuch, dem Kapital die hohen Ausgaben für diejenigen einzusparen, die wissen, meist besser wissen als die Eigentümer selbst, wie man das angelegte Kapital möglichst produktiv einsetzt und Vermögen durch taktische Schachzüge (Mergers, Acquisisions - oder Reengineering/Outsourcing) vermehrt.

Das strategische Denken ist zielorientiert. Es berücksichtigt alle wichtigen und entscheidenden Einflüsse, welche die Zielerreichung entweder begünstigen - oder stören könnten, muss so also einigermassen komplex sein. Dies ist präzise der Grund, warum es so gut bezahlt ist. Dummerweise beschränkt sich die Komplexität aber auf zielrelevantes, in dem Falle Geld - womit Arbeit, Lohn, Gesellschaft und Natur im disponiblen Bereich landen.

Umgekehrt ist die Situation leider auch nicht besser. Die oft antiökonomisch eingestellte Linke produziert meist "Alternativen", bei denen auf den ersten Blick klar wird, dass hier irgendwo ein Gold scheissendes Eselchen (noch besser grad ein Gold scheissender Gigantosaurus) vorhanden sein müsste, um diese Alternative realisieren zu können.

Bei strategische Denken und Entscheiden ist die Zielerreichung das wichtigste. Kausalitäten, Wahrheiten sind nebensächlich, solange sich das Ziel auch mit List und Tücke (s. auch Strategeme) oder reiner Meinungsmache erreichen lässt. Ist meist einfacher, und billiger. Deshalb grassiert Populismus. Populisten sind zwar meist hinter-listiger als ihre dämlichen Konzepte es ahnen lassen, auch nicht immer jung, aber dumm und frech, passen also doch noch knapp ins Schnöselkonzept. Sie sind hier sogar die Meister, da sie für ihre Zwecke sogar Dummheit strategisch einsetzen können. Strategisches Denken ist eindeutig ein beschränktes Denken, gerade weil das oder die Ziele bereits fest stehen, und nur noch der beste Weg zum erfolgreichen Erreichen der selben gesucht wird. Gerade hier geht aber genau das verloren, was Smith unter Klugheit verstand: Die Wahl erstrebenswerter Ziele und Zwecke, nebst der Wahl ethisch vertretbarer Mittel: In die Stärke, Feinheit und Vollkommenheit des herrschenden Prinzipes wurde von Plato die wichtige Tugend der Klugheit gesetzt, die seiner Ansicht nach in einer richtigen und klaren, auf allgemeine und wissenschaftliche Vorstellungen gegründete Erkenntnis der Zwecke besteht, welche schicklicherweise angestrebt werden sollten, und in der Erkenntnis der Mittel, die zur Erreichung dieser Zwecke die schicklichen und richtigen sind. [S. 452]

Gerade darum wäre Demokratisierung der Wirtschaft wichtig - genau darum aber wird sie genau so verhindert. Soll sich aus der "Demokratisierung" eine machbare Alternative ergeben, so bedingt das, dass Wirtschaft und Politik sich a) auf gemeinsame, oder zumindest kompatible Ziele, b) auf eine gemeinsame Strategie einigen können.

Tönt in Anbetracht der Erfahrungen der letzten 200 Jahre unmöglich, aber, nicht vergessen, Columbus ist es auch geglückt, ein Ei auf dessen Spitze zu stellen.

Das humane Oekosystem (zu Deutsch: Die menschliche Hausordnung)

So weit so gut, oder auch hier, so schlecht. Aber auch hier ist das nicht das Ende, sondern der Anfang, auch wenn wir uns mit dem Problem schon ein paar hundert Jahre rumquälen. War es ein Fehler, dass Smith die Wirtschaft als definitiv etwas anderes als die Politik oder gar die Moral sah? Euphorische Philosophen, Revolutionäre und Alternative schliessen sich gerne dieser Meinung an. Allerdings war Politik schon immer was anderes als Wirtschaft. Politik regelt ihre Angelegenheiten über das Macht-System, Wirtschaft über das Geld-System. Natürlich möchten die Ohnmächtigen, also die Mehrheit, am liebsten überhaupt kein Macht-System, da aber Macht von "machen können" kommt, würde dann vielleicht auch nicht mehr viel gemacht. Natürlich hätten die Armen, diejenigen ohne Geld, lieber ein Verteilungssystem das ihnen ihren "gerechten" Anteil zuweist allein auf Grund der Tatsache ihrer, durch praktisch alle staatlichen Verfassungen garantierten Existenzrechts. Sie vergessen aber, dass auch das politische System ein Gleichgewichtssystem ist, in dem sich Rechte und Pflichten aufwiegen. So ähnlich muss also vermutlich auch das Wirtschaftssystem funktionieren:

oikos bedeutet auf Griechisch "Haus". Die Oekonomie ist die Hausordnung, die Normen des Hauses; die Oekologie das Wissen über das Haus, das Haussystem. Politik leitet sich her von polis, der Stadt (wie Zivilisation von civis, Stadt auf römisch), regelt also das Zusammenleben, schafft Zivilisation.

Politische Aufgaben Rechtsfunktionen (die gute Ordnung - als Hauptprodukt der Politik) Wirtschaftsfunktionen (Wer soll das bezahlen?)
  • Frieden
  • Freiheit aller
  • Gerechtigkeit -
    Führung, Orientierung, Richtungsgebung
  • Schutz der Schwachen
  • Förderung des Gemeinwohls
  • Ganzheitliche, systemische Orientierung (inklusive Wertorientierung!) beim Streben nach Fortschritt
  1. Reaktionsfunktion: Bereinigung von Konflikten
  2. Ordnungsfunktion: Verhaltenssteuerung
  3. Verfassungsfunktion: Legitimierung und Organisation von Herrschaft
  4. Planungsfunktion: Gestaltung der Lebensbedingungen
  5. Ueberwachungsfunktion: Rechtspflege

Fundament der Wirtschaft ist der Nutzen:

Die Wirtschaft versorgt die Menschen mit notwendigen oder auch bloss erwünschten Gütern und Dienstleistungen - auf sparsamste (günstigste, also wirtschaftliche) Weise.

Genau so wenig wie die Politik (längerfristig zumindest) sagen kann: Es werde Geld! kann die Wirtschaft sagen: Wir schaffen Frieden und Gerechtigkeit. Die Markt-Wirtschaft versorgt die Menschen erfolgreich mit Gütern und Dienstleistungen, allerdings auf Kosten extremer Ungleichverteilung, bedingt nicht nur durch Habgier und Hinterlist, sondern dazu noch begünstigt durch die Vorteile ungleicher Verteilung (s. Pareto-Prinzip, oder, wie Smith sagte: Ueberall wo viel Eigentum ist, da ist auch grosse Ungleichheit. Für einen sehr reichen Mann muss es wenigstens fünfhundert Arme geben, und der Ueberfluss bei den wenigen setzt die Dürftigkeit bei der Menge voraus. [S. 724-25]).

Der Hauptunterschied zwischen dem Steuerungsmittel Geld in der Wirtschaft und Macht in der Politik ist jedoch der, dass die Macht, gerade in Demokratien, erst wirksam wird nach umfangreichen und Zeit heischenden Palavern - während dem sich alles was mit Geld zu tun hat in extremer Schnelligkeit direkt berechnen lässt. Wirtschaft wie Politik basieren auf Kalkül, also Berechnung, aber nur in der Wirtschaft kann dieser mit einer Rechenmaschine durchgeführt werden. Wirtschaftliche Abläufe lassen sich darum recht gut rationalisieren, wofür die immer wieder auftauchende Arbeitslosigkeit der beste Beweis ist.

Der Kalkül ist gnadenlos, kalt. Wir werden uns dessen bloss jeweils bewusst, wenn seine Herrschaft sich quasi personifiziert in Gestalten wie Béglé (Post-ex) oder Meyer (SBB-neu. s. Bilanz 8/10). Aber war es wirklich das, was der Liberalismus versprach? Die absolute Unterwerfung des Menschen unter den Kalkül der Wertproduktion? Max Weber hat allerdings mit seiner <Entzauberung der Welt> bereits vor 100 Jahren darauf aufmerksam gemacht, aber da man "Bürokratie" (die Herrschaft des Amtszimmers) vor allem mit Staat verband und verbindet, wollte niemand den Tatsachen wirklich ins Auge sehen: Bürokratie ist kein Spezifikum der öffentlichen Verwaltung. Ab einer bestimmten Größe wird die Verwaltung aller Unternehmen mehr oder wenig bürokratisch. ... Mit dem Erfordernis, das Betriebsgeschehen kalkulatorisch zu durchdringen, exakte Zeit- und Materialpläne zu erstellen und die Geschäftsverbindungen systematisch zu pflegen, gewann gleichzeitig ein weiteres bürokratisches Prinzip, nämlich der Grundsatz der Schriftlichkeit und Aktenmäßigkeit aller Geschäftsvorgänge, immer größere Bedeutung. Die damit verbundenen Aufgaben waren außerordentlich und konnten nur bei strenger Normierung bewältigt werden. Zahlreiche Büroordnungen enthielten deshalb detaillierte Vorgaben für die Erstellung und Aufbewahrung von Konstruktions- und Werkstattzeichnungen, von Stücklisten, Fabrikationskarten, Materialtabellen und Bestellzetteln, für die Führung von Auftragsbüchern, Ausgangs-Journalen und Bestellbüchern sowie für die Verteilung, Registrierung und karteimäßige Ablage der Geschäftskorrespondenz. [Margrit Payer: Internationale Kommunikationskultur: Bürokratie]

Bemerkenswerterweise zielten diese Regelungen dabei nicht allein auf die lückenlose Aufzeichnung und Archivierung der betriebsrelevanten Daten, sondern verbanden sich gleichzeitig mit der Absicht, die hierarchische Verteilung des Betriebswissens zu sichern.

Dialog jedoch, besonders ein Dialog über die Zukunft die wir wünschen, lässt sich weder rationalisieren noch durch wissenschaftliche Berechnungen ersetzen.

Vielleicht ist aber genau dies der Vorteil dieser zwei nur ungern interagierender Systeme: Sie kontrollieren einander, halten einander in Schach. Es ist, gerade in Europa, vor allem das wirtschaftliche Denken das Kriege verhindert (Ach nee - wer soll denn DAS wieder bezahlen?), und es ist das politische Denken, das verhindert, dass Wirtschaft zu schnell zu viel produziert, was bloss Deflation erzeugen würde, und Deflation ist nun, auf Grund der Liquiditätsfalle, wirklich der Teufel in dem System. Es ist auch der Politik zu verdanken, dass Smith' "unsichtbare Hand" zumindest noch ab und zu tätig ist, über NGOs und Proteste aus der Bürgergesellschaft, denn aus gesellschaftlichen Verbindlichkeiten haben sich die Wirtschaftsführer längst empfohlen.

Fazit: Es dürfte gar nicht mal so ungeschickt sein, ökologisch gesehen, aus Stabilitätsgründen, dass hier zwei unterschiedliche Systeme "brüderlich" am Werk sind, auch wenn sie sich manchmal eher wie Kain und Abel verhalten. Und man muss sich bewusst machen, dass es keine humane Hausordnung gibt, die nur über Palaver - oder nur über Geld funktionieren kann. Die Wirtschaft muss anerkennen, dass es Entwicklungsziele geben könnte, die über "Wachstum" hinaus gehen - aber auch die Politik muss sich noch darüber klar werden, dass "Fortschritt" nicht dadurch definiert werden kann, wie viele neue Produkte er auf den Markt bringt. Hier hat sich die Perspektive bei Politik wie Wirtschaft längst massiv verschoben und setzt den Fokus auf etwas, das nur als Widersinn bezeichnet werden kann. Beide träumen von immer schneller aufeiander folgenden Phasen, die, wie einst die langfristige Kondratieff-Zyklus - obwohl weder Wirtschafts- noch Politschnösel die geringste Ahnung haben, was da denn kommen soll (was auch ein Vorteil sein kann, denn das gibt uns die Chance, wieder mal zu überlegen, was wir denn WIRKLICH brauchen und was wir WIRKLICH wollen:

  1. 1800: Maschinen & Baumwolle
  2. 1850: Eisenbahn & Stahlindustrie
  3. 1900: Elektrotechnik & Chemie,
  4. 1950: Automobil & Erdölindustrie
  5. 1990: Informationstechnik & Computer
  6. 2020/30:... das grosse Rätsel. Die bisherigen Vorschläge wie Gesundheit und Bildung (psychosoziale Gesundheit und Kompetenz)  - Molekulartechnik - Nanorobotik und Quantencomputer sind mit den vorgehenden jedoch kaum vergleichbar und dürften kaum zu Massenbeschäftigung führen, die Kaufkraft generiert, denn darum geht es ja.

Es dürfte sich eher um einen immateriellen Zyklus mit der Förderung postmaterieller (kultureller, sozialer und geistiger) Werte handeln ... inshallah, denn noch mehr Verkehrsachsen und Verkehr, noch mehr Industrie, Luft- und Wasserverschmutzung, noch mehr Energieverpuffung, noch mehr Hetze, erträgt weder unsere gute alte Erde noch wir selbst.

Wie also entkommt Sisyphos dem Schnösel-Kalkül ewiger (nicht <nachhaltiger>) Geld-Wert-Vermehrung? Das ist die Frage - nicht die "Demokratisierung" des Kalküls, denn die gibt es nicht!

Martin Herzog, Basel, 23.4.2010