KOOP - Bildungsbörse - WISSENSCAFE: Programm / Archiv

Stadthelferzentrum
Vogesenstrasse 110
4056 Basel - St. Johann

Eintritt/Teilnahme frei

Anfragen an M. Herzog, 061 831 80 15, hewww@brainworker.ch

3 - 29. April: Lebensqualität und Geld - Lebensqualität ohne Geld ?!

Die in der Woche vorher besprochenen Zusammenhänge zwischen dem guten Leben, dem Glück und dem Geld werden hier noch fundamentaler angegangen.

Lebensqualität bedeutet:

Je besser die Bedingungen für
ein erfülltes Leben, ein gelingendes Leben
desto höher die Lebensqualität

Definition Lebensqualität:

Summe der wesentlichen Elemente, die die Lebensbedingungen in einer Gesellschaft beschreiben und das subjektive Wohlbefinden des Einzelnen ausmachen. Das v.a. am Wirtschaftswachstum und am Inlandprodukt orientierte Konzept von Lebensqualität im Sinne materiellen Wohlstands wird ergänzt um soziale Indikatoren für verschiedene Lebensbereiche (wie Arbeitsbedingungen, Bildung, Gesundheit, Freizeit, natürliche Umwelt, politisches Engagement). Dabei werden auch die subjektive Einschätzung von Glück und Zufriedenheit berücksichtigt und traditionelle gesellschaftspolitische Zielstellungen (wie Freiheit, Solidarität) einbezogen.

Lebensqualität ist allerdings, gerade weil die Lebensziele individualistisch und damit höchst unterschiedlich sind, für jede(n) etwas Anderes. Für den einen ist es sein Häuschen im Grünen, für das er sich gerne täglich morgens um 6 in den Pendelverkehr wie das hierarchische System seines Betriebes zwängt, für den andern ist es der Stadtpark, für den Dritten die Tatsache, dass wenn die eine Bar zumacht, die nächste öffnet ... und der öffentliche Verkehr fast rund um die Uhr zur Verfügung steht ... seine Wohnung aber dennoch von diesem Lärm geschützt ist.

- Lebensstile und Lebensqualitäten sind vielfach. Es darf keine Vorschrift geben, wie der Mensch zu leben hat, will er frei sein. Also dürfen sich auch nicht einzelne Lebensstile als allgemeingültig aufspielen.

- Lebensqualität bedeutet aber vor allem, sein Seinsziel erreichen zu können. Dies ist um so besser möglich, je reicher die Entwicklungs-, d.h. Entfaltungsmöglichkeiten oder Freiheitsgrade sind.

Zürich: Weltweit die Stadt mit der höchsten Lebensqualität:

Zurich

Vienna

Geneva

Vancouver

Auckland

Dusseldorf

Munich

Frankfurt

Bern

Sydney

(Mercer): Kriterien: http://www.mercer.com/pressrelease/details.htm?idContent=1307990

Mercer Consulting, vermutlich der Grösste in der Branche, evaluiert:

Sie sehen sofort, wie stark konsumorientiert der Index ist: Verfügbarkeit von medizinischer Versorgung, Transport, Erholungsangebote, Konsumgüter, Hauseinrichtung und -Pflege - während die natürliche Umwelt grad noch mit Klima und ihren negativen Auswirkungen, nämlich Katastrophen, von Bedeutung ist. Sehr restriktiv auch die Beurteilung des wirtschaftlichen Umfeldes, das für die meisten von uns der Lebensqualität entscheidende Grenzen setzt und vielen ausser dauerndem Wettbewerb um die Lehre, die Stelle, den Umsatz, den Aufstieg, den erreichten Platz ... nicht mehr viel gibt. Hier werden Bestimmungen beim Währungstausch, Banken und Services als bestimmend für die Lebensqualität erachtet. Das sind Punkte, die für vielleicht 5% der Bevölkerung von Bedeutung sind, nämlich diejenigen, die international Handel betreiben. Für den Normalbürger wäre etwa die Arbeitslosenquote entscheidend, der Anteil jugendlicher Arbeitsloser, der Umgang der lokalen Firmen mit älteren Mitarbeitern etc. Und da war z.B. bereits vor 20 bis 30 Jahren bekannt, dass die chemische Industrie Mitarbeiter mit 42 recht konsequent auf die Strasse stellt. Bevor man also die Lebensqualität einer Gemeinde lobt, muss man sich ansehen, auf welchen Kriterien die Beurteilung beruht. Man muss sich auch bewusst sein, dass die Art von Lebensqualität, derer sich Gemeinden gerne rühmen, natürlich Lebensqualitäten sind, die gut betuchte Steuerzahler anlocken. Klingelt's?

Riehen: Wurde von der Uni Lausanne in einer Untersuchung alsr Stadt mit der höchsten Lebensqualität der Schweiz identifiziert - und dürfte damit ebenfalls ein Beispiel für obige Kritik sein.

http://www.riehen.ch/de/gewerbe/gewerbewohninriehen/

Definition Lebensstil:

Lebensstil ist ein kultursoziologischer Begriff (geprägt von Simmel), der die typische Art der Alltagsgestaltung von Personen (und sozialen Gruppen) bezeichnet. Gemeint sind die mehr oder weniger stabilen Einstellungen und die mit ihnen verbundenen, typischerweise auftretenden Verhaltensweisen von Menschen. Lebensstil ist weiterhin ein Mittel der Selbstdarstellung des Individuums sowie der Demonstration seiner Zugehörigkeit (bzw. Nichtzugehörigkeit) zu bestimmten sozialen Gruppen.

Lebensstil prägt also die Rolle die jemand spielt - und die Rolle die jemand spielen muss prägt seinen Lebensstil. Rolle und Lebensstil sind also mit entscheidend dafür, was für einen Menschen als Lebensqualität entscheidend ist, und ob diese mit Geld gekauft werden kann oder sich auch ohne erreichen lässt.

LEBENSQUALITÄT MIT GELD

Geld bestimmt die 4 unteren Stufen der Pyramide von Maslow. Die oberste, die Selbstverwirklichung, erreicht es nimmer, da es die Perspektive zu sehr verengt. Je mehr Geld jemand hat, desto mehr kann er verlieren. Heute wird bereits als Verlust empfunden, wenn der Geldberg nicht mehr wächst. Diese ganzen Geldberge zu düngen, zu bewässern, und immer öfter auch zu begrünen hält gerade die Reichen derart in Trab, dass die Chance für Selbstverwirklichung für sie genau so wenig existiert wie für die Arbeiter am Fliessband. Ein Häuschen im Grünen, mit Stadtanschluss, lässt sich kaufen - Lebensqualität aber nicht. Die ist nur möglich, wenn man auf überflüssiges verzichtet und sich auf das Wichtige konzentriert, verhält sich also reziprok zu dem, was sich zum Inbegriff von Wohlstand entwickelt hat, dem mit tausend überflüssigen Gadgets (Gingernillis) gefüllten Haus, dem Sicherheit versprechenden Anlagefonds, dem halben Dutzend als unentbehrlich betrachteten Versicherungen, dem Wahn, dass Krankheit, Depression und Tod den Reichen mit dem selben Respekt behandeln, den ihm seine Untergebenen entgegen bringen. Der Reiche ist reich, weil er sich auf das für ihn wichtigste konzentriert, auf das Geld und seine Vermehrung. Diese Haltung droht zu einer allgemeinen zu werden. Je mehr ihr das gelingt, desto weiter weg werden wir in den Ferien reisen müssen, um eine Qualität des Lebens zu finden, die nicht von Produktion und Konsum bestimmt ist.

Probleme der "Wohlstandsvermehrung":

Dient die Wirtschaft dem Zweck, den Wohlstand zu mehren, der meist als A und O der Lebensqualität betrachtet wird? Dann sollten die Löhne vielleicht etwas gerechter verteilt sein. Bedeutet Wohlstand, ein angenehmes Leben zu führen? Dann sollte man eigentlich nicht dauernd immer mehr Umsatz und Arbeit anstreben. Oder zwingt sie uns nun selbst ihre Ziele auf, wie insbesondere Wachstum? Die Schweiz wurde zwischen 1950 und 1973 zum reichsten Land der Welt ... und lässt in den letzten 10 Jahren, wie Japan, etwas nach. Den alten Vorsprung aber durch Wachstum wieder zu erlangen, ein Wachstum das bedeutet: Arbeiten bis 67 oder länger, die Erwerbsquote erhöhen, obwohl sie mit 79.1% weltweit schon Spitze ist, die Arbeitszeiten zu verlängern, die Flexibilität zu erhöhen, die auch Aufwendungen für Bildung stark erhöht; dabei die Umwelt-, Bau- und Sozialgesetzgebung, ja sogar die direkte Demokratie (Borner) als Hemmschuh zu bezeichnen, das macht doch wohl aus dem Begriff Wohlstand ein Scherzprodukt. Oder soll Wohlstand nicht bedeuten, über mehr Freizeit und Genuss zu verfügen, weniger und weniger hart arbeiten zu müssen? Wohlstand durch mehr und härtere Arbeit zu fördern entbehrt etwas der Logik, scheint mir. Das kommt davon, wenn man sich von Buchhaltern rechter wie linker Provenienz vorschreiben lässt, wie die Welt auszusehen hat.

Wer mehr braucht als er braucht, lebt und arbeitet für den Lifestyle. Das heisst zu deutsch: Mehr Arbeit für Lifestyle. Heute hören wir immer: Mehr Arbeit für mehr Wohlstand. Ist Lifestyle also Wohlstand und Wohlstand Lebensqualität? Wir erkennen hier sofort, dass es sich um eine Optimierungsfunktion handeln muss, und nicht um eine ewige ("""nachhaltige""") Wachstumsfunktion. So wird denn auch die Verbindung "Glück durch Wohlstand" am stärksten relativiert durch die Tatsache, dass gerade in reichen Ländern, wie etwa der Schweiz und Finnland, die Selbstmordraten recht hoch sind. Wissenschaftlich nennt sich das Problem, das trotz einer Verfünffachung des materiellen Wohlstandes in den letzten 40 Jahren (Japan) die Lebensfreude nicht im geringsten anstieg Easterlin- oder Happyness-Paradox.

Was also macht uns glücklich, wenn nicht Geld? Obwohl wir behaupten, die Amerikaner seinen prüde und nicht wir, wird es selten gehört: Den grössten Beitrag zur (irdischen) Glückseeligkeit des Menschen liefert Sex (na ja, zumindest was Männer angeht):

Die Wertsteigerung eines Lebens mit Sex von einem ohne, wird von Ökonomen mit 50'000 $ bezeichnet, ebenfalls die Wertsteigerung von einem Leben mit einmal pro Monat Sex auf einmal pro Woche Sex!

Soziale Bedeutung (Status) durch Haben:

SLR McLaren 750'000
Rolls Royce Phantom Drophead Coupé
Maybach
Gumpert Apollo 280'000 €
Spyker CS Spyder 388'000
Ferrari 599 GTB 317.000
Lamborghino Gallardo SL 307.700
Bentley  
Wiesmann GT MF5 278.900
Porsche 911 Turbo Cabriolet 229.400
Aston Martin D89 225.650

LUXUS heute: Luxus ist alles, war nur für eine kleine Elite zugänglich und bezahlbar ist:

Das teuerste Haus der Welt: 155 Millionen $

Definition von Glück, Befragung von Kindern: Eine Villa auf einer Insel, mit Helikopter, und den schönsten Frauen der Welt

Kobe-Rind: 600-1000 Fr/Kg

Weisse Trüffel: 10-12'000 Fr./kg

Lebensstandarditem Lambda-Koeffizient

Sozialfällen zugestandener Mindestbedarf = Armut:

 Farbfernseher

WC & Bad oder Dusche

Kontakt mit Nachbarn

Eine warme Mahlzeit pro Tag

Waschmaschine

Telefon

Ausreichende Heizung

Wohnung ohne feuchte Wände

 
 

-1.07

0

0.57

0.67

0.74

0.74

0.93

1.12

Fleisch/Fisch alle 2 Tage

Berufsausbildung

Gesunde und zureichende Ernährung

Gute Wohngegend (Lebensqualität)

Heizung & Energie zahlen können

Geschenke für Freunde/Verwandte

Guter Zustand des Hauses

Eigenes Zimmer für jeden im Haushalt

Stereoanlage

Miete pünktlich zahlen

Auto

Videorekorder

Zeitungsabonnement

Freunde zum Essen einladen

Garten, Balkon oder Terrasse

Computer

Geschirrspülmaschine

Ein Restaurantbesuch pro Monat

Ein Hobby

*Medizinische Behandlung z.T. selbst tragen

Regelmässig neue Kleidung kaufen

Abgenutzte Möbel ersetzen

Einwöchige Urlaubsreise/Jahr

Finanzielle Rücklagen

Private Altersvorsorge

Eher auf Qualität als Preis achten

Zusätzliche private Krankenversicherung

1.21

1.77

1.87

1.97

2.41

2.50

2.59

2.63

2.85

2.87

2.95

3.03

3.19

3.78

3.79

3.91

4.0

4.13

4.17

4.43

4.58

4.98

5.0

5.04

5.31

5.36

5.60

 

Luxus der Sonderklasse:


Selbstverwirklichung

Dieser Mann, der zurückgekehrt war, konnte sich keiner Zeit seines Lebens erinnern, die nicht von dem Willen beseelt gewesen wäre, ein bedeutender Mensch zu werden; mit diesen Worten schien Ulrich geboren worden zu sein.

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. S. 35:

Der Mensch wird nicht als vollendetes Wesen die Welt geworfen. Eher im Gegenteil. Er muss alles mühsam erlernen: Essen, trinken, sch..., laufen; die Wunder die er mit seinen Händen vollbringen kann, und die Möglichkeiten, die ihm sein Gehirn bietet. Er muss zu dem werden, was in ihm angelegt ist. Er muss sich, um wirklich Mensch zu werden, selbst schaffen. Dabei untersteht er natürlich tausenderlei Einflüssen, insbesondere der Mütter und Väter, der Lehrer, der Vorgesetzten, der Kollegen und anderer Mitmenschen. Für die meisten von uns sind diese Einflüsse oft so dominierend, dass wir nur noch raus wollen, um eben das zu werden, was wir eigentlich sind. Dummerweise ist das relativ schwer zu erkennen, und dazu noch wechselhaft. Immer wieder werfen Schicksalsschläge, besondere Erlebnisse und Erfahrungen uns aus der gewählten Bahn. Und doch, da wir frei sind, sogar die religiösesten unter uns, müssen wir unsern Weg wieder bestimmen, uns orientieren und weiter schreiten. Selbstverwirklichung als Menschwerdung ist ein lebenslanger Prozess.

Selbstverwirklichung wurde in den letzten 30 Jahren insbesondere von Frauen gerne gefordert. Dabei schienen ihnen vor allem die Männer im Wege zu stehen. So nach und nach dämmert es aber vielleicht, dass es Selbstverwirklichung in voller Unabhängigkeit und Freiheit nur für Eremiten gibt - und wer ist diesem Schicksal schon gewachsen?

Die Nivellierung durch Massenproduktion für Massenmärkte = Verlust an Lebensqualität:

Wettbewerb führt häufig entweder zu Zusammenschlüssen oder zur Vernichtung der Kleinen, also zu Ausschluss. Der Bedarf an Kundenmassen bedingt eine Strategie der Massenware und die eine Anpassung an den Massengeschmack - oder eine Anpassung des Massengeschmacks an das eigene Produkt! Grösse führt also zwar zu günstigeren Preisen auf der einen, aber auch zu einer Verringerung der Wahlmöglichkeiten auf der andern Seite. Die Geschmäcker müssen also nivelliert werden, wo Grösse herrscht. Diese Nivellierung ist ein Verlust an Lebensqualität und damit auch an Wohlstand.

Präzise dieser Verlust an Wahlmöglichkeiten, also an Freiheit, dürfte immer wieder eine natürliche Gegenbewegung zur Herrschaft der Grösse einleiten. (Beispiele aus der Landwirtschaft)

Probleme der Restrukturierung über Grössenvorteile  (Economy of Scale) am Beispiel Grosssägewerke

Beispiel zur Nivellierung:

Alte Tierrassen, Frucht- und Gemüsesorten haben gegenüber der billigeren Massenproduktion eigentlich immer den Vorteil, geschmacklich besonders zu sein, oft könnte man sagen: überhaupt noch Geschmack und Duft zu haben (s. Erdbeeren, oder Äpfel: Wann haben sie zum letzten Mal einen Berner Rosen gesehen oder gekostet? Da ging nicht nur Biodiversität verloren, sondern auch Geschmack und damit Lebensqualität). Die Wiederverwendung der Vielfalt alter Sorten und Rassen ist also nicht bloss ein Ökologenfurz, sondern eine gastronomische Bereicherung. Zudem dürfte hier eine grosse Chance auch für kleinflächige Landwirtschaft liegen. (s. Pro Spezie Rara). Zudem werden mit diesen alten Rassen oft auch wieder alte Bewirtschaftungsformen attraktiver, die es erlauben, die Landschaft zu erhalten und zu gestalten, ohne bloss Landschaftsgärtnerei zu betreiben, sondern zugleich die natürlichen Ressourcen produktiv zu nutzen.

Brainworker's Beiträge zum Thema Bauern

Aber nicht nur die Geschmäcker werden nivelliert, auch die Meinungen. (s. Pressefreiheit)

 

> Manu

 

Lebensqualität ohne Geld (> Subsistenz)

Für mich z.B. lag und liegt die Lebensqualität im Irak (oder Jemen), trotz Diktator, vormaliger, trotz Unsicherheit, trotz immer wieder einbrechender Wasser- und Stromversorgung, trotz absolut fehlender Erholungseinrichtungen, trotz katastrophaler Bakschischwirtschaft, trotz korrupter öffentlicher Dienste, trotz lausiger Qualität der meisten Konsumgüter - immer noch um einiges höher als in der Schweiz. Warum? (s. auch Araber) Weil im Irak niemand ein Rädchen ist, sondern jeder Mensch. Tyrannischer Mensch, unmöglicher Mensch, diebischer Mensch, unhöflicher Mensch, gastfreundlicher Mensch, streitsüchtiger, aber umgänglicher Mensch. Mensch, nicht Maschine, Funktion, Status, Krawattenträger, Anzug mit Funktion aber ohne Inhalt. Da mögen wir noch so viele Parkanlagen, Schulen und Auffangnetze bauen, die Art von Lebensqualität haben wir längst verloren, vermutlich schon vor hunderten vor Jahren. Und die lässt sich nicht für Geld kaufen.

Der Mensch lebte aber selten nur zu zweit. Fast alles was wir als menschliche Kultur begreifen, beruht auf Kooperation, Zusammenarbeit. Dies gilt auch heute noch, obwohl man praktisch nur noch von Konkurrenz, also Wettbewerb, hört. In der industrialisierten Welt wird vom Arbeitnehmer erwartet, dass er seine Leistung an Betrieb und Maschinen orientiert, nicht nach seinen Wünschen oder gar den Wünschen seiner Familie, oder, noch schlimmer, an Idealen gesellschaftlicher Gruppierungen, etwa gar der Gewerkschaft: Ich bin der Betrieb, dein Herr. Du sollst keinen anderen Herrn haben neben mir!

Was ein Mensch ist, wird bei uns meist über den Beruf definiert: Handwerker, Bankier, Detailhandelsangestellter, Direktor, oder, Gott behüt's, ein Aussätziger, ein Arbeitsloser ... Bei den kulturellen Nachbarn Europas, den Arabern, ist das ganz anders, ja fast umgekehrt. Da kommt zuerst die Familie und der Stamm, also die Gesellschaft. Araber haben einen gemeinsamen kulturellen und religiösen Hintergrund sowie eine gemeinsame Sprache. Von uns unterscheiden Sie sich vor allem darin. dass sie soziale Beziehungen über wirtschaftliche Funktionalität stellen. Diese prägnante soziale Orientierung zeigt sich sogar in der arabischen Sprache, die vier Ausdrücke für unser Wort MENSCH kennt:

Die Araber arbeiten um zu leben -

wir leben (nach 500jähriger Indoktrination durch Calvin & Co) um zu arbeiten.

Während unser Markt ein Symbol ist für Wettbewerb, also Kampf, hat der arabische Markt viel mehr Funktionen, als bloss Güter zum richtigen Preis am richtigen Ort anzubieten und den Umsatz zu fördern. Ausgezeichnet beschrieben ist das bei Weinrich: Markttag in Afrika. Solche Märkte dienen in erster Linie der Begegnung und dem Austausch von Neuigkeiten. Sie ersetzen der ländlichen Bevölkerung, bei der immer noch ein hoher Anteil des Lesens und Schreibens unkundig ist, nicht nur die Zeitung, sondern auch den Fernsehapparat, dem entweder der Strom fehlt, oder dessen Programme von Morgens früh bis Abends spät den Präsidenten und dessen Entourage zeigen. Märkte sind auch wichtige Orte für die Schlichtung von Stammes- und privaten Fehden. Es herrscht dort Waffenruhe. Märkte sind die Knotenpunkte von Netzwerken, die oft mehr dem Nachrichten- als dem Güteraustausch dienen. Diese Überlegenheit persönlicher Beziehungen über rein neutrale Marktbeziehungen hat natürlich nicht nur Vorteile. Duran erwähnt genau so wie der Autor, dass hier etwas weniger Arbeit mehr Lebensqualität wäre, dort etwas mehr Arbeit zum selben Ziel führen würde.

Wenn wir Jeremy Rifkins Charakterisierung der USA gegenüber Europa ansehen, wird noch deutlicher, wie weit weg die USA vom arabischen Denkmodell sind, da sie von gemeinschaftlichem Denken und der Einbettung in die Gemeinschaft noch weniger halten als die Europäer, die ihrerseits sich bereits beträchtlich von den Arabern entfernt haben:

USA Europa
  • Individualität
  • Macht
  • Aneignung

Freiheit ist:

Eigenständigkeit. Unabhängigkeit. Möglichst viel Geld verdienen, um sich möglichst viel Autonomie kaufen zu können.

  • Gemeinschaft
  • Lebensqualität
  • nachhaltige Entwicklung

Freiheit ist:

Einbettung in Beziehung und Gemeinschaft, als selbständiger Teil einer Gruppe akzeptiert sein.

Die Integration unterschiedlicher Lebenssstile - das Problem (ev. gar DAS Problem) guter Ordnung

Das königliche (chlodwigsche) Menschenbild S. 242): Was der Mensch ist, zeigt sich an dem was er über Mitmenschen vermag. Weil die Menschen nicht gut sind, muss einer stark sein. Wer in diesem Spiel gewinnen will, braucht einen listigen Verstand und eine schnelle Axt; wer verliert, büsst mit dem Leben. Vom Tode verschont bleibt, wer sich willenlos als Werkzeug verwenden lässt.

Der traditionelle Lifestyle war unentbehrlich, um die Funktionen und die Stabilität der Gesellschaft zu erhalten. Heute, in der Postmoderne, sind wir jedoch in der Ära der Beliebigkeit angelangt. Heute steht der Lifestyle immer noch im Zentrum, aber als mehr oder weniger frei wählbares Attribut. Die Postmoderne hat, bei aller Kritik, insofern recht, als Lifestyle weder das Resultat wissenschaftlicher Erhebungen, noch philosophischer Erwägungen - und  längst nicht mehr kultureller oder umweltbedingter Zwänge ist. Lifestyle und damit der Definitionsrahmen für die erwünschte Lebensqualität, wird im Rahmen des Möglichen frei gewählt. Wir dürfen hier, Analog zum Ruf der 80er, ruhig sagen: legal, illegal, scheissegal - wissenschaftlich, philosophisch oder religiös begründet - auch egal, Hauptsache es gilt und funktioniert im Gesamtzusammenhang.

Das Individuum in der heutigen Form gab es im Mittelalter nicht. Bereits der Begriff "Person" stammt aus dem Theater, und bezeichnet eine Rolle. Ritter und Mönche mussten ihr Verhalten streng nach den überlieferten Normen richten. Der Einzelmensch wird erst zu einem, indem er eine Rolle übernimmt, die er nicht selbst geschrieben hat, und sie sich zu eigen macht. Erst dadurch tritt er in die Gesellschaft ein und unterscheidet sich vom "wilden Mann" der nur für sich lebt, und vom Mitläufer, der nur auf andere sieht.

Herren können sich selbst mit der Waffe schützen, sind durch ihre Geburt Menschen eigenen Rechts, üben politische Herrschaft über andere aus, verfügen wirtschaftlich über die Dienste anderer.

Knechte können sich nicht selbst verteidigen, haben nur ein zugestandenes Recht, sind durch ihre Geburt zu politischer Abhängigkeit bestimmt, werden wirtschaftlich ausgenutzt.

Heute haben wir, mindestens einige von uns, die Möglichkeit, unsere Rolle selbst zu schreiben. Allerdings ist für noch mehr Mitbürger eine akzeptable Lebensform verloren gegangen, nämlich der Beruf. Die heutige Priorität (Heiligkeit) der Flexibilität verunmöglicht es eigentlich, dem Beruf, der Berufung, nach zu gehen und verpflichtet jeden Staatsbürger darauf, sich den Anforderungen des Marktes zu unterwerfen, nicht das zu tun, was er will, wozu er sich geeignet dünkt, sonder das zu tun, was der Markt will. Wir wurden also wieder versklavt, durch den Marktauftrag.

Im Internet belegt der Gesundheitsbereich einen beträchtlichen Anteil der Beiträge zum Thema Lebensqualität, meist im Sinne von: Mehr Lebensqualität durch Produkt soundso, mehr Lebensqualität durch Behandlung xy. Die Pharmazeutische Industrie verkauft nicht Chemikalien, sondern Lebensqualität ... Meist sind die Definitionen der Lebensqualität im Gesundheitsbereich darum recht. beschränkt http://www.obsan.ch/monitoring/lqindikatoren/d/ 

Unterschiedliche Lebensstile und Vorstellungen von Lebensqualität müssen also toleriert werden - aber nicht nur von der Mehrheit, sondern auch von (oft leider intoleranten, jedoch in der Demokratie tolerierten) Minderheiten. [Der Spruch tönt harmlos, aber da steckt Sprengstoff drin ... denk mal ... denk mal ein bisschen nach, wie es sich mit Minderheiten in der Wirtschaft verhält ... Es stimmt zwar, dass wir sie brauchen, aber sie kann auch nicht ohne uns, die Gesellschaft, das Volk.]

Lebensqualität bedeutet, sein Seinsziel erreichen zu können.
Dies ist um so besser möglich, je reicher die Entwicklungs-, d.h. Entfaltungsmöglichkeiten oder Freiheitsgrade sind.

In der Welt in der Lebensqualität vor allem über Geld definiert wird, ist sie also genau so schief und ungerecht verteilt, wie das Geld selbst. Solange wir Effizienz als höchstes aller Ziele des Wirtschaftens definieren, wird das auch so bleiben (s. Pareto).

Viele der Alternativen für Kapitalschwache und Aussteiger bemühen darum das historische Modell der Subsistenz, in dem jeder primär für sich selbst produziert, und so (theoretisch) über viel freie Zeit für soziale Kontakte verfügt. Das hat aber nur funktioniert in Gesellschaften und für Menschen mit eigenem Grundbesitz, ausreichend Grundbesitz. Für die Bodenlosen war die Sache schon immer Bodenlos. Da wir heute mehrheitlich Bodenlose sind, ist das also nur eine Chance für eine kleine Minderheit.

Die Frage: Dürfen einige wenige für die Verwirklichung ihrer eigenen Ziele (meist Betriebsziele) die Lebensqualität vieler beschränken?

Ist die Antwort ja, dann bleibt den Verdrängten, denen am unteren Ende der Pareto-Verteilung, nur die stoische Ruhe, also sein Schicksal als Fügung hinzunehmen. Die Übereinstimmung zwischen Wünschen und Erreichbarem, aber auch Erreichtem, ist das erste Kriterium für Lebensqualität. Da allerdings die meisten unserer Wünsche eher unvernünftig sind, lässt sich Zufriedenheit meist leichter erreichen, in dem man diese Unvernunft erkennt, anstatt alles zu unternehmen, sie zu finanzieren. Diese Variante wird gefördert durch Theorien des Aussteigens, des Rückzugs, der Bescheidenheit, der Subsistenz. Motto:

Höhepunkt des Glücks ist es, wenn der Mensch bereit ist, das zu sein, was er ist.

Erasmus von Rotterdam

Ist die Antwort nein, dann haben die Verdrängten (ehemals als die Verdammten dieser Erde bezeichnet) ein Recht auf Widerstand, also auch auf Revolution. Wird in der Demokratie die Lebensqualität als das Erreichen eines gewissen, kulturell als wünschbar gegebenen, Status und Habens von materiellen und immateriellen Gütern als Recht aller betrachtet, dann kommt sie nicht darum herum, auch den Verlierern des Wettbewerbs zu ihrem Recht zu verhelfen. Geht der Wettbewerb so weit wie heute, dass immer mehr Jugendlichen bereits der Einstieg ins Erwerbsleben verwehrt wird, da sie über knappe Lehrstellen hinwegselektioniert werden, dürfte stoische Akzeptanz nicht mehr angebracht sein.

These: Sich auf das zu beschränken, was wichtig ist, was erreichbar ist, was möglich ist, ist Weisheit. Muss also der Klügere nachgeben, und sich in sein Schicksal fügen? Nein. Nur in der Spiessermoral, die einzelne Aspekte der Moral herauspickt - um andere damit zu erstechen. Die Kardinalstugenden sind aber Weisheit, Tapferkeit, Besonnenheit und Gerechtigkeit. Und die gelten gemeinsam. Wer sich in Unrecht fügt, ist also nicht Weise, sondern feige. Dies ist kein Widerspruch zur Aussage des Stoikers Epiktet

Die richtige Vorentscheidung ist die, sich um die eigenen Dinge zu kümmern, also um die, über die man die Macht hat; das ist die sittliche Grundentscheidung, die jeder Mensch zu treffen hat.

Epiktet

denn, anders als bei den Epikuräern, bedeutet sich um die eigenen Dinge zu kümmern für die Stoa nicht, sich vom öffentlichen Leben fern zu halten. Der Grieche ist ein Mensch der Gesellschaft. Gesellschaftspolitik gehört also zu seinen "eigenen Dingen".

Antithese: Wer ein Wettbewerbssystem zum eigenen Gewinn nutzt, ist nicht nur Tapfer, sondern, wenn er aus auf Kosten anderer nutzt, ungerecht.

Synthese: Sich auf das Wichtige zu beschränken, Zeit für das Wichtige zu haben ... und sich nicht mehr anstrengt, noch mehr Überflüssiges zu erwerben (womit nicht nur materielles gemeint ist), das wäre Weisheit. Der Sozialethiker Hans Jonas wies vor bereits 20 Jahren darauf hin, dass die zukünftige wirtschaftliche Entwicklung sich, aus Gründen der beschränkten Ressourcen, eher auf Kontraktion als auf Wachstum einrichten sollte. Jonas betrachtete das Versprechen von Wohlstand für alle nach dem US-Europäischen Modell als Gefahr, da der Wohlstand Amerikas (und Europas) einen viel zu grossen Anteil der Weltschätze für seinen verschwenderischen Lebensstil  verbraucht und klar ist, dass er Einbussen erleiden wird, ob freiwillig oder gezwungen durch den Klassenkampf der Völker - der heuteals clash of cultures wieder auftaucht, wobei nun als Ursache allerdings die Boshaftigkeit fremder Religionen herhalten muss.

Dafür aber müssen die Grundbedürfnisse bis zu Stufe 4 garantiert sein, denn:

Es ist nicht möglich ein kluges, schönes und gerechtes Leben zu leben, ohne angenehm zu leben.

Epikur: Zyniker, Stoiker und Epikuräer

Politik & Lifestyle Management

Die schwierigste Aufgabe der Politik in einer multifunktionalen und multikulturellen Gesellschaft ist die Abstimmung zwischen den unterschiedlichen Vorstellungen über Lebensqualität. Träumt es den Einen von rauchende Kaminen, Heerschaaren von Arbeitern, zahlreich und gehorsam wie Ameisen, Flughäfen, auf denen der Betrieb Tag und Nacht nicht stillsteht, so träumt es den andern, mit eben so viel Recht. aber weniger Kapital, vom eigenen Lädeli im Quartier, einem Heimetli mit ein paar Kühen, einer kleinen eigenen Werkstatt oder Büro - oder auch ganz einfach einer Anstellung, in der man gesagt und bezahlt kriegt, was man zu tun hat.

* Ich bin mit dem Ausdruck selbst nicht ganz glücklich, denn Lifestile ist, wie so manches, eigentlich eine Sache persönlicher freier Entscheidung. Einerseits. Andererseits wird er als Massenerscheinung oft zum Problem (man denke z.B. an das Auto als Symbol der Freiheit, an die kurzfristige Nutzung relativ langlebiger Güter, auf Grund der Mode etc, etc). Und zudem wird diese Freiheit gerade von der Mode ja eben so wenig respektiert wie oft vom Management, sonder durch PR verbogen.

Was mit dem Begriff ausgedrückt werden soll, ist die Notwendigkeit einer Mediation zwischen Gesellschaft, den gemeinschaftlichen, geteilten Angelegenheiten, und dem freien Individuum. Eine Politik die nicht als "oben", störend und hemmend empfunden wird, sondern als Organisation, welche die Interessen von Individuen und Gesellschaft vertritt und austariert, im ursprünglichen Sinne der Räte.

Austarieren spricht hier bereits das an, was eigentlich die Funktion der Tugenden wäre: Das Finden des rechten Masses. Bereits bei oberflächlichen Betrachtungen zu einer Wertsystematik wird deutlich, dass Lifestile Optimierung sich viel präziser fassen lässt als als Optimierung der persönlichen und gesellschaftlichen Wertesysteme, denn diese bestimmen ja weitgehend darüber, was wir als erstrebenswert erachten und wofür wir uns einsetzen. Heute werden diese Wertesysteme vor allem durch Werbung und Wirtschaft geprägt, während sich die wertfreien Wissenschaften vornehm von diesem Problem fern halten, statt es sich endlich vorzunehmen und Grundlagen für ein social marketing zu schaffen, dass ein Gegengewicht zu den vom Markt geschaffenen kurzlebigen Lifestyle-Moden bieten sollte.

So bringt uns die Beschäftigung mit einem unphilosophischen, d.h. also auch unwissenschaftlichen, Thema zur Erkenntnis, dass eigentlich nur dort, wo wir nicht müssen, wir dürfen und können, wir also frei sind. Und das ist doch auch was. [s. Systempolitik]