| Stadthelferzentrum Vogesenstrasse 110 4056 Basel - St. Johann |
Eintritt/Teilnahme frei Anfragen an M. Herzog, 061 831 80 15, hewww@brainworker.ch |
[Historisches Wörterbuch der Philosophie: Kunst, Kunstwerk.]
Wisset, ein erhabner Sinn Legt das Grosse in das Leben Und er sucht es nicht darin. Friedrich Schiller: Die Huldigung der Künste |
Kunst, (griech. tekne; lat. ars; ital. arte; frz. und engl. art), Kunstwerk (griech. ergon; lat. artificium, opus; ital. artificio, opera d'arte; frz. oeuvre d'art; engl. work of art)
Der Kunstbegriff logischerweise so auch für andere aktiv tätige Erkenntnisbereiche verwendet wie besonders die Medizin und das Ingenieurswesen: Anknüpfung an überlieferte Erfahrungen, Lernbarkeit, Zuständigkeit, Methodik, Zielgerichtetheit, Erfolg als Ausschaltung der Tyche und Einsicht in die jeweiligen «natürlichen» Grenzen.
In der deutschen Sprache finden wir den etymologischen Ursprung in der Silbe kun:
Mit Seitenblick auf diesen Hippias erklärt nun PROTAGORAS, sensibler für das nach wie vor geringe Prestige der Kunst, er lehre nicht Wissenschaften wie Astronomie oder Geometrie, sondern das von den Schülern tatsächlich Erwartete: Wohlberatenheit in der Verwaltung des eigenen Hauses und insbesondere die Fähigkeit, in der Polis zu Macht und Einfluß zu gelangen. Die Überlegenheit der politischen Kunst über andere begründet Protagoras wiederum mit dem sothria-Prinzip:
Während die dem Haus zugeordneten Kunst (die Oekonomie) zwar vor Hunger und wilden Tieren schützen, verhindert erst die auf dem Markt ausgeübte politische Kunst den gewaltsamen Tod des Menschen durch den Menschen.
MEISTER ECKHART verwendet das Wort Kunst, das im deutschen Sprachgebrauch erst um 1270 das gebräuchlichere List (Kennen, Wissen) ablöste, oft in gleicher Bedeutung wie Wissen.
D'ALEMBERT unterscheidet zwischen mechanischen und schönen Künsten. Mechanische Kunst ist Wissenschaft, während die «beaux arts» als Wirkungsfeld der methodisch nicht-reglementierbaren Einbildungskraft des Genies bestimmt werden
DIDEROT: Das Genie ist nicht an vorgegebene Natur gebunden. Kunst entwickelt sich von der Nachahmung der einzelnen Dinge zur Nachahmung eines ideellen Modells.
Hier wird die Kunst allerdings nicht mehr zum Abbild, also zu Wissen, sondern allenfalls zur Hypothese, die es zu prüfen gilt, denn auch Genies sind meist auf ihre Spezialität begrenzt.
Kants Definition von Kunst, in Abgrenzung von Natur, Wissenschaft und im Unterschied zur Handwerks-Kunst.
Kunst ist «frei», wenn sie wie ein «Spiel» ausgeübt wird, als «Beschäftigung, die für sich selbst angenehm ist», im Unterschied zur Handwerks-Kunst als einer Lohn-Kunst, die als «Arbeit» betrachtet wird, als «Beschäftigung, die für sich selbst unangenehm (beschwerlich) und nur durch ihre Wirkung (z.B. den Lohn) anlockend ist, mithin zwangsmäßig auferlegt werden kann».
«Schöne Kunst ist nur als Produkt des Genies möglich», nämlich der auf Einbildungskraft und Verstand beruhenden Fähigkeit, sich «ästhetische Ideen», denen als solchen «kein Begriff adäquat sein kann», einfallen zu lassen und ihnen «Ausdruck» zu geben, mag er «nun in Sprache oder Malerei oder Plastik bestehen».
In der Tradition des französischen Klassizismus wird das Wesen der «beaux arts» beschrieben als: «Ils ont la nature pour modèle, le goût pour maître, le plaisir pour but». Festzuhalten ist vor allem, dass,
im Unterschied zur Wissenschaft, Kunst stets auf «Hervorbringung» und «Ausübung» bezogen ist.
Herder sah die schönen Künste «als bildende, d.i. den Menschen und Bürger ausbildende Künste. Kunst habe die «Tendenz ..., die Menschheit in ihrem ganzen Umfange auszubilden, was irgend in ihr und durch sie cultivabel ist, mit immer größerer Harmonie und Energie zu cultiviren». Im Menschen zu kultivieren sind die Glieder, die Sinne und die Seelenkräfte, d.h. Vernunft und Verstand ebenso wie Einbildungskraft, Phantasie, Scharfsinn oder Witz, und die Neigungen; durch den Menschen werden einerseits die Natur, andererseits die «menschliche Gesellschaft» kultiviert. Und zwar bilden die Künste «durch Können, durch das, was sie als Wirkung oder als Werk leisten».
Nach ihrer «allgemeinen Idee» konstruiert Schelling die Kunst als «reale Darstellung der Formen der Dinge, wie sie an sich sind», als «Darstellung der Urbilder». Aus den Ideen als «Stoff», als «allgemeine und absolute Materie der Kunst», gehen «alle besonderen Kunstwerke» hervor.
Die Phantasie als kreatives Zentrum wird für fähig gehalten, ein absolutes Reich zu schaffen. Erst mit dem Ende des deutschen Idealismus beginnen sich die Konsequenzen dieses Glaubens abzuzeichnen: Die Verankerung des Wahrheitsgehaltes in der eigenen Kultur:
Bereits bei Hegel "das Ende der Kunst" erreicht: Die «Kunst-Produktion» fülle «unser höchstes Bedürfnis nicht mehr aus», denn «wir sind darüber hinaus, Werke der K. göttlich verehren und sie anbeten zu können». Der «Gedanke und die Reflexion» hätten «die schöne Künste überflügelt»
Alle Kunst ist von sich aus auf Kommunikation angelegt, sie wurzelt im «Drang» des Menschen, sich mitzuteilen; ihr Ziel ist die Erhöhung des Lebens, eine Steigerung der «Lebendigkeit des Gemütes».
leider hängt die Kunst hier an der eigenen sozialen Gruppe (= Kultur) an: Nohl:
Die «individuelle Form ... des Genies» glücke nur, «wo ihr eine typische nationale Form zugrunde liegt». Kunst sei dann «Ausdruck eines Ideals, das alle verstehen und das einem Volk sagt, was es will, weil in ihm das dunkle Gefühl, der unbestimmte Trieb des Volkes Form und Gestalt annahm»
Dilthey: Alle Kunst ist von sich aus auf Kommunikation angelegt, sie wurzelt im «Drang» des Menschen, sich mitzuteilen; ihr Ziel ist die Erhöhung des Lebens, eine Steigerung der «Lebendigkeit des Gemütes».
Crroce: Als «geistiger Erkenntnisakt» ist die Kunst der logischen Erkenntnis gegenüber selbständig, wird wesentlich aus der Phantasie, nicht vom Verstand gespeist, hat nicht das Allgemeine, sondern Einzeldinge und ihre Bezüge zum Gegenstand, produziert Bilder, keine Begriffe.
Rodin: Der Künstler nehme die Natur ganz anders wahr als ein «Durchschnittsmensch», weil «sein umfassenderes und intensiveres Gefühl ihn von den äußeren Formen zu den inneren Wahrheiten» gelangen läßt
Fiedler: Dabei fällt im Unterschied zur Wissenschaft in der künstlerischen Tätigkeit Erkennen und Gestalten prinzipiell zusammen: Die «höhere Entwicklung» des «geistig-künstlerischen Lebens» beginnt erst in dem Augenblick, in dem der «Vorstellungsdrang» des Künstlers «die äußeren Organe seines Körpers in Bewegung setzt, in dem zur Tätigkeit des Auges und des Gehirns die Tätigkeit der Hand hinzutritt»
Camus: «L'expression commence où la pensée finit». Die Absurdität darzustellen ist die Aufgabe der Kunst: «Si le monde était clair, l'art ne serait pas». So ist dann «in dieser Welt das Kunstwerk die einzige Chance, sein Bewußtsein aufrechtzuhalten und dessen Abenteuer zu fixieren. Schaffen heißt: zweimal leben».
Carnap: Wertbegriffe sind sinnlos bzw. «Pseudo-Begriffe» «Kunst» ist ein solcher Pseudo-Begriff; Kunstwerke sind nichts anderes als der Ausdruck eines bestimmten Lebensgefühls.
Die meisten linguistischen Philosophen wie die Logiker wenden sich gegen die Auffassung, es gebe einen einheitlichen Begriff von Kunst.
Levi-Strauss übt
prinzipielle Kritik an jenen modernen Kunst-Formen, die die im Zeichenbegriff von ihm unterstellte Abbildfunktion zugunsten einer reinen Selbstbezogenheit der ästhetischen Signifikantenformationen aufgegeben haben. Die Kunst laufe Gefahr, «nur noch eine Pseudosprache ... zu sein und nicht mehr auf die Ebene der Bedeutung zu gelangen». Mit dieser Ausblendung der semantischen Dimension würde sich die Kunst in rein dekorativer Funktion erschöpfen. Eine komplementäre Gefahr wäre der Rückzug der Kunst auf reine Sprachlichkeit, die zwar den semantischen Bezug bewahre, «ästhetische Empfindung», die sich gerade im Andeutungsvorgang herstelle, jedoch nicht mehr evozieren könne.
Überblickt man die Begriffsgeschichte von Kunst in der Zeit vom Hellenismus bis zur Aufklärung, so zeigt sich, dass Kunst zunächst immer als die Fähigkeit zu verstehen war, ein Werk sachgerecht herstellen zu können.
Moderne Kunst hingegen wird in zunehmendem Maße als Austausch des Selbst- und Wirklichkeitsverständnisses der Subjektivität aufgefaßt. Gerade deswegen lässt sich eine einheitliche Definition der Kunst nicht geben, da jeder Ismus ihr eine ganz andere Funktion und Bedeutung zuordnet. Kommunistische Kunst ist was ganz anderes als katholische oder protestantische, diese wieder als anders als die bürgerliche.
Da insbesondere der Kommunismus, der Sozialismus, der Kapitalismus, der Strukturalismus, der Konstruktivismus und alle andern Ismen jeweils einen eigenen Kunstbegriff entwickelten, nach dem Kunst ihnen am meisten diente, wurde im 20. JH. diese allgemeine Wissensbasis mit der Postmoderne generell verworfen.
Erstmals belegt ist der Terminus in adjektivischer Form 1917 bei R. PANNWITZ, der in Anlehnung an Nietzsches Konzept des Übermenschen den postmodernen Menschen als historisch noch zu leistende Antwort auf die «Krisis der europäischen Kultur» den «nichtigen und lächerlichen» «kulturbestrebungen die auf gesundung verjüngung erziehung hinauslaufen», gegenüberstellt: «der sportlich gestählte nationalistisch bewusste militärisch erzogene religiös erregte postmoderne mensch ist ein überkrustetes Weichtier ein juste-milieu von décadent und barbar davon geschwommen aus dem gebärerischen Strudel der groszen décadence der radikalen revolution der europäischen kultur»
Unabhängig von Pannwitz und nicht zur Propagierung eines zukünftigen Gipfels der Kultur, sondern zur Deskription eines bereits abgeschlossenen Zeitabschnitts der Literaturgeschichte wurde der Begriff 1934 von F. de ONIZ gebraucht, in dessen Epochengliederung auf den literarischen «modernismo» (1896–1905) als Korrekturphase der seinerseits vom «ultramodernismo» (1914–32) abgelöste «postmodernismo» (1905–14) folgt. Je nach Autor sind die Phasen aber unterschiedlich in der Zeit orientiert.
1947 ersetzte D. C. SOMERVELL in seiner Kurzfassung der ersten sechs Teile von A. TOYNBEES Study of history dessen neutrale Klassifikation der – durch den ca. 1875 vollzogenen Wechsel von nationalstaatlichem Denken zu einer Perspektive globaler Interaktion geprägten – gegenwärtigen Epoche als «Western IV» durch den Terminus «post-Modern, den Toynbee selbst in den späteren Teilen seiner Schrift aufgegriffen hat.
Pluralismus von Sprachen, Modellen und Verfahrensweisen in ein und demselben Werk ist zum wesentlichen Kriterium dessen geworden, was seitdem als postmodern gilt.
Mitte der 70er Jahre durch C. JENCKS auf den Bereich der Architekturtheorie übertragen.
Den zentralen Ausgangs- und Bezugspunkt der jüngeren philosophischen Postmoderne.-Debatte bildet J.-F. LYOTARDS Studie La condition postmoderne, in der er vor dem Hintergrundder These, «daß das Wissen in derselben Zeit [Ende der 50er Jahre], wie die Gesellschaften in das sogenannte postindustrielle und die Kulturen in das sogenannte postmoderne Zeitalter eintreten, sein Statut wechselt», die Form und die Bedingungen jenes von der «Hegemonie der Informatik» bestimmten postmodernen Wissens untersucht. Als charakteristische Merkmale der Postmoderne erkennt er 1. das Obsoletwerden all jener Metaerzählungen, die in der Moderne die Funktion hatten, die Institutionen, sozialen und politischen Praktiken, Gesetzgebungen, Ethiken und Denkweisen zu
Neubestimmung des nicht mehr im Konsens fundierbaren Wahrheits- und Gerechtigkeitsbegriffs erforderlich macht. Zugleich aber «verfeinert [das postmoderne Wissen] unsere Sensibilität für die Unterschiede und verstärkt unsere Fähigkeit, das Inkommensurable zu ertragen».
Denn im Gegensatz zu den Kritikern der Postmoderne, die in ihr die von «neokonservativen» Impulsen geleitete «programmatische Verabschiedung der Moderne» sehen oder sie als eine Form des «futurisierten Antimodernismus», d.h. als «Gegenwartsverneinung im Namen der Zukunft» zu erkennen glauben, weisen ihre Apologeten auf die «erstaunliche Kongruenz der Postmoderne mit forcierten Formen der Moderne» hin. Aus dieser Perspektive erscheint die P. etwa als die «exoterische Alltagsform der einst esoterischen Moderne» [23] (d.h. «das postmoderne Bewußtsein kann als Reflex und alltägliche Einlösung» der durch Namen wie Einstein, Heisenberg und Gödel markierten «Hochformen modernen Wissens verstanden werden» [24]) und der Postmodernismus als die «Weiterführung des Modernismus und zugleich dessen Trans-zendenz»
So gesehen bedeute der Postmodernismus nicht das Ende des Modernismus, sondern dessen ... permanente Geburt». Der Terminus Postmoderne ist dabei, den Charakter eines eigenständigen Epochenbegriffs zu verlieren. Dies geschieht entweder, wie hier, durch die Behauptung einer «Kongruenz von Postmoderne und 'harter Moderne», wodurch die Postmoderne sich als «eigentlich radikal-modern, nicht postmodern erweist».
Zusammenfassend: Denken, vor allem Sich-Erinnern, ist nur möglich in Strukturen. Diese wurden gerade durch die Kunst immer wieder aufgelöst (was auch ein Hobby der Zyniker ist). Mit der modernen Physik (Heisenbergs Unschärferelation, Einsteins Relativitätstheorie) und Mathematik (Gödels Unvollständigkeitssatz) sah sich allerdings auch die Wissenschaft (als professionelle kognitive (Erkenntnis schaffende) Tätigkeit) gezwungen, dem "tertium non datur" abzuschwören und nicht bestimmbare Zustände sogar dort als gegeben hinzunehmen, wo sie am meisten schmerzen, nämlich in den vermeintlich harten Wissenschaften.
Kitsch steht nach wiki zumeist abwertend gemeinsprachlich für einen aus Sicht des Betrachters emotional minderwertigen, sehnsuchtartigen Gefühlsausdruck. In Gegensatz gebracht zu einer künstlerischen Bemühung um das Wahre oder das Schöne, werten Kritiker einen zu einfachen Weg, Gefühle auszudrücken, als sentimental, trivial oder kitschig. "Zu einfach" drückt sich auch im englischen Begriff für Kitsch aus: cheap (wo nicht direkt das deutsche Wort verwendet wird, denn die scheinen das erfunden zu haben, vermutlich mit Biedermeier und Karl May).
Dabei geht der Vorwurf der Kritik zunächst weniger auf einen Mangel an Wahrheit, wie bei schlecht gemachter Kunst, sondern häufig auf die psychologische Berechnung des Kitsches.
Kunst riskiert also überall dort, wo sie ihre "Zwecklosigkeit" vergisst und nach Anerkennung in finanzieller oder anderer Form strebt, mehr oder weniger kitschig zu werden. In extremer Form würde das jedoch bedeuten, dass nur arme und verkannte Künstler richtige Künstler sind. Dummerweise sind die aber schlecht zu unterscheiden von armen und erkannten Kitschlieferanten. Herbert Hebers Wortspiel, die Orientierung von Kunst am Gewinn mit dem teilgespiegelten Kunstwort "zickig" zu markieren, ist allerdings ein bisschen verwirrend, denn "zickig" bedeutet kapriziös (divenhaft), extravagant, eigensinnig, überspannt, launisch ... also eigentlich lauter Dinge, die ja von einem Künstler quasi erwartet werden.
An der Grenze zwischen Kunst und Kitsch befindet sich heute vor allem die Pop-Art, etwa mit Takashi Murakami (2) (s.o.), Jeff Koons - aber seltsamerweise nicht Joseph Beuys, der mit Filzdecken die Kunst demokratisieren, also der Masse wie der Massenproduktion zugänglich machen wollte. Die Frage beantwortet aber a) sich selbst, und ergibt b) ein weiteres typisches Merkmal von Kitsch: Kitsch ist immer süss, hat immer einen Hauch von Rosa, von heiler Welt. Bittere, ätzende schwarze Kritik, Schwarzseherei, taugen nicht zum Kitsch - obwohl sie dominierende Mittel der Manipulation sind. Kitsch aber muss süss sein wie billiger Wein - ohne jegliche Bitterkeit der Tannine im Hintergrund, ohne Säure, ohne Komplexität von Geschmacks- und Duftnoten..
Ob Kunst nun kitschig ist, also billig (was nichts mit dem Preis zu tun hat, denn viel Kitsch ist heute extrem teuer ...), lässt sich vermutlich bloss nach einem ähnlichen Schema beurteilen, wie das von Kohlberg für die Moral: Zeigt die Kunst nur eine dünne (billige) Spitze von klarer, deutlicher, schwarz-weisser Sicht (wie generell der Populismus, für den alles ja ganz klar ist) - oder zeigt sie die breite und meist eben komplexe Basis des dargestellten Sachverhalts, Ablaufes oder Objektes, also die umfassenden Grundlagen, die dann der Weisheit bedürfen, um einen gültigen Schluss zu ziehen. Anders ausgedrückt: Kunst bringt uns dazu, Dinge anders zu sehen, neue Perspektiven zu erkennen. Kitsch lädt uns dazu ein, immer wieder auf der selben ausgeleierten Rutschbahn das Vergnügen zu suchen.
Überlegen wir mal systematisch, was die Kunst eigentlich so tut. Kunst schafft ein Werk, sei es schreibend, malend, komponierend oder gestaltend. Dieses Wert drückt etwas aus - oder gibt einen Eindruck wieder. Wir hatten ja bereits im späten 19. JH. den Impressionismus (l: van Gogh), gefolgt Anfang 20. JH vom Expressionismus. Diese Kunst schaft ein Sinn-Bild, einen Sinnzusammenhang, eine Sinnesharmonie, kurzum Schönheit (es sei denn der Eindruck oder Ausdruck grenze ans Apokalyptische.)
Die erste Kunst war Abstraktion, war Symbol, zwecks Ergreifens. Wurde dieses Ergreifen zu Anfang durch die Jagd erledigt, so wandelte es sich zunehemends in ein Ergreifen durch Begreifen, durch Darstellung, durch Darstellung im Begriff, also Buchstaben, Worte, Sätze, Gedanken. Die Kunst begann mit der Jagd, dem Sammeln, dem Ergreifen, der Schrift.
Während dem Wissenschaft und Philosophie die kalten Fakten des Daseins durch Abstraktion und Generalisierung zu ergründen suchen, also Wahrheit, Versucht Kunst über eine Abstraktion der Gefühle in Tönen, Lauten, Worten, Bildern und Formen diese selbst auszudrücken, darzustellen. Bei Aristoteles gehörte die Kunst - zusammen mit der Technik - zum Bereich der schöpferischen Philosophie. Kunst soll ja von Können kommen - Können basiert nicht unbedingt auf Wissen, also der Kentniss der letzten Zusammenhänge, bedingt aber auf jeden Fall ein Kennen von Werkzeug, Material und Umgang mit denselben. Zukunftsgestaltung und Entwicklung muss also in der Kunst ihren Ausgang nehmen, denn Wissenschaft (episteme) und Praxis (Ethik, Oekonomie, Politik) determinieren nur Entwicklung aus der Vergangenheit heraus. Nach Gadamer wären es nicht bloss die Künste, sondern eigentlich die umfassenden Geisteswissenschaften, die das Reich des Geistes ordnen und verständlich machen, den Menschen als Handelnden verstehen und ihn im Handeln - ethisch/praktisch-philosophisch - anleiten. Wenig wundert, das Geisteswissenschaften heute etwas leiden ...
Genau im Unterschied zwischen Wissen und Kennen/Können liegt aber die Wurzel der Probleme, die durch die Anwendung von Wissen entstehen (können). Können, also die tecne (Technik, Praxis) macht mal so vor sich hin, wie sie eben kann, aber die Wirkung stellt sich dann, besonders bei komplexen Systemen, erst im Nachhinein heraus, und kann nur als Wirkung erkannt werden, wenn auch die Zusammenhänge bekannt sind, also Wissen besteht, das über Können hinaus geht.
Die alten Symbole wie die Runen, Hieroglyphen, Keilschrift waren oft gleichzeitig magische Symbole, da man sie, wie heute noch im Wodoo, als Stellvertreter des damit bezeichneten Wesens nahm. Erlegte man das Symbol, erlegte man, symbolisch zumindest, die Beute.
Zwischen der kausalen Episteme und der finalen Zielsetzung haben wir also immer den, nicht so objektiven, Menschen und seine Gruppierungen:
Die sachlich (objektive) Ebene des ES |
Die persönliche (subjektive) Ebene des ICH |
Die zielorientierte (strategische) Ebene des WIR |
Die Beschränkung des Diskurses über Machtpositionen (s. Foucault: Die Ordnung des Diskurses): |
|
|
|
Pragmatischer Ansatz zu einer Ontologie (Inhaltsstruktur) von Brainworker:
Aristoteles identifizierte drei intellektuelle Werthaltungen (denn auch Positivismus ist bereits eine Wertung!):
Phronesis lässt sich definieren als: Bedachtheit, Besonnenheit, praktische Weisheit. Phronesis ist das, wonach der Philosoph strebt, das was er liebt, also in gewisser Weise ein Synonym für Sophia (Weisheit), in ihrer irdisch-realistischen Form als sorgfältige Überlegung und Betrachtung von Tatbeständen und Handlungsabsichten. Ohne Phronesis ist Wissen nutzlos, erst diese macht Wissen anwendbar. Als Verb verwendet, phronein, steht es quasi synonym für Denken, allerdings für ein Denken, dass für gute und praktische Zwecke verwendet wird. Ein Denken, das für schurkische Zwecke angewandt wird heisst panurgia. Aber nicht nur diese, sondern auch Dummheit, Torheit, Geistlosigkeit, und das Nichtwissen, die Unkenntnis, stehen der Phronesis im Wege, die ein Streben nach dem richtigen Ziele bedeutet. Die Fähigkeit, jedes gegebene Ziel, unabhängig von seiner Richtigkeit zu erreichen, ist blosse "Cleverness". [Aristoteles]
| 1. Theoretische Philosophie: episteme |
2. Schöpferische Philosophie |
3. Praktische Philosophie praxis (+ phronesis: Wertend, nach Werten beurteilend) |
|
|
|
Die Dichotomie der Wissenschaften ist die auf ihrer ersten Ebene am weitesten verbreitete Einteilung der Wissenschaften. Der heute oft beklagte Graben zwischen Natur- und Geisteswissenschaften wurde in Ansätzen schon von ARISTOTELES und seinen Nachfolgern aufgerissen. Seine ursprünglich dreigeteilte Wissenschaftsordnung (‚episteme’, ‚techne’, und ‚poiesis’) wurde später reduziert auf eine Zweiteilung – obwohl er vor den Fehlern, die durch eine dichotomische Einteilung entstünden, warnte. Indem der fließende Unterschied zwischen den schöpferischen und praktischen Wissenschaften aufgehoben wurde, entstanden zwei Wissenschaftsgruppen: die der theoretischen Wissenschaften auf der einen, die der praktischen auf der anderen Seite. Die schöpferischen Wissenschaften gingen in die Gruppe der praktischen Wissenschaften ein.
„Allem Anschein nach gehört es der maßgebendsten und im höchsten Sinne leitenden Wissenschaft an, und das ist offenbar die Staatskunst. Sie bestimmt, welche Wissenschaften oder Künste und Gewerbe in den Staaten vorhanden sein, und welche und wie weit sie von den Einzelnen erlernt werden sollen. Auch sehen wir, dass die geschätzten Vermögen: die Strategik, die Ökonomik, die Rhetorik, ihr untergeordnet sind.“
Gute Ordnung ist die Harmonie der Werte, eine harmonische Wertordnung, die Harmonie eines Wertesystems
s. Wertsystematik & Wertekompass
- Glaube
- Liebe
Hoffnung- Gottesfurcht
- Gottesliebe
- Hingabe an die göttliche Ordnung, Unterwerfung (Islam, Hiob als Muster)
Ethische Werte - zumeist religiöse Basis, zum Teil durch Verhaltensforschung, zum Teil durch Psychologie oder Soziologie als sinnvoll bestätigbar.
Das Wertesystem, nach dem sich Be-Wertung, Kritik, Skalierung zwischen gut und böse richtet, ist ein erlerntes, also kulturabhängig.
Kohlbergs Stufen der moralischen Entwicklung eignen sich hier gut um zu zeigen, wie sich das Rechtsgefühl beim Menschen entwickelt. Die erste Stufe ist die einfachste, ein einfaches Reagieren auf Lob und Tadel, eine banale Steuerung, d.h. Dressur, mit Belohnung und Strafe. Das setzt einfache Normen voraus, die die Illusion fördern, Gut und Böse lasse sich so klar unterscheiden, wie Schwarz und Weiss während des Tages.
Bereits auf der 2. Stufe kommt die persönliche Beziehung hinzu, erst mal zu EINEM andern: Wie du mir, so ich dir. Gegenseitigkeit, Gleichbehandlung als Grundnorm der Gerechtigkeit. Beide Stufen gehören zu den einfachsten Moral- und Werteprinzipien, der Unterwerfung unter Autoritäten.
Auf einem etwas höheren Niveau finden wir dann den Einfluss von Gruppen auf die Werthaltung, wie sie sich besonders in Traditionen und kulturellen Werten ausdrücken. Es geht immer noch darum, sich "konform" zu verhalten zu dem, was für die Gruppe gilt, sei es als Unterordnung (Assimilation), sei es aus Einordnung, Integration in gegebene Normen- und Ordnungssysteme - die ohne grosse Kommentare angenommen werden.
Die höchste Stufe, der Umgang mit Grundsätzen, ist schwieriger zu erreichen. Bereits Stufe 5 verlangt gute Kenntnisse der bestehenden Regeln - und ihrer Offenheit für Verhandlungen, Aenderungen, Sonderfälle etc. In dieser recht anspruchsvollen Welt findet die liberale Marktwirtschaft statt. Dank der Komplexität dieser Normen entstehen hier in der Rechtssprechung und Rechtsberatung immer wieder neue Stellen.
Unerfreulich ist die Situation auf der höchsten Ebene, auf der die Grundlagen erkannt, anerkannt und/oder diskutiert werden. Die Vertreter von Stufe 5 wollen sich hier keine Einschränkungen auferlegen lassen die ihr eigenes Feld (Handel) überschreitet (Umwelt z.B.), die meisten Bürger verlangen hier eben so klare und einfach Regeln wie wir sie beim Bussensystem auf Stufe 6 finden, was dann die Komplexität eben doch einigermassen banalisiert.
Dennoch können und müssen wir und davor bewahren, alles als beliebig anzusehen. Es gibt Bereiche mit Wahlfreiheiten, es gibt Bereiche ohne Begrenzung der Freiheit - aber es gibt auch Regeln die gelten, ohne die wir nicht weiter kommen. Dies gilt absolut für die naturwissenschafllichen Erkenntnisse, derer wir uns bedienen können, die wir immer berücksichtigen müssen. Dort wo wir Wahlfreiheit haben, entscheidet diese halt dann darüber, ob wir einer bestimmten sozialen Gruppe angehören wollen oder nicht. Gruppen sind brutal, wo ihr Wissen bezweifelt wird, sie reagieren mit Ausschluss. Welche Werte über Gruppen und Wissenschaften hinaus als "wahr" gelten sollen, ist durch Analyse der Auswirkungen zu bestimmen. Werte können heute kaum mehr durch Religion, schon gar nicht durch den Staat deklariert werden, sondern sie werden im politischen und alltäglichen Dialog zwischen den Menschen ausgehandelt. Das ist zwar meist schmerzhaft - aber einer Wertedikatur immer vorzuziehen.
Martin Herzog, Basel, 7.12.2010