_________________________________________

Das Streben nach Glück in der Wettbewerbsgesellschaft -

Lebensgeschichten vom hintern Ende des long tail

 [Claudia Honegger, Marianne Rychner (Hrsg): Das Ende der Gemütlichkeit. Strukturelles Unglück und mentales Leid in der Schweiz. Limmat Verlag. Zürich. 1998]

In diesem Dokument, dass in unserer schnelllebigen Zeit schon fast als historisch betrachtet werden kann, wird in 30 Lebensgeschichten, also aus 30 mehr oder minder unterschiedlichen Perspektiven, die Erfahrungen mit den Entwicklungen des Postkapitalismus beschreiben. Seit dem Kollaps des Kommunismus schrumpfen nicht nur Zeit und Raum bedeutend schneller. Insbesondere die schrumpfende Anzahl der Elite macht die Vollbringung einer "Lebensleistung" immer schwieriger.

Sie sehen bereits hier einen interessanten Unterschied zum Mainstream der Literatur über Arbeitslosigkeit. Der Schwerpunkt ist nicht einseitig bei den Bildungsschwachen, sondern erfasst genau so die Probleme am oberen Ende der Skala.

Der Markt, auf dem der Gewinner alles bekommt, wird von einer Konkurrenz beherrscht, die eine grosse Zahl von Verlierern erzwingt. [s. Richard Sennet] Alle geplanten oder erträumten Lebensläufe sind vom Scheitern bedroht, zunehmender Zufälligkeit (und Willkür von Ämtern, vor allem Betriebs-Ämtern) unterworfen. Ausgeträumt ist der Traum vom autonomen Handeln.

Hier ist auf einen interessanten Unterschied: zwischen den "Klassen" hinzuweisen, der im Buch allerdings nicht mal am Rande aufgegriffen wird: Arbeitslosen, Lehr-Stellen-Suchenden wird eigentlich immer empfohlen oder gar befohlen, jede Stelle anzunehmen. Karrierebewusste Leader hingegen stricken sich nach wie vor ihre perfekten Lebensläufe, mit progressiv ansteigender Verantwortung und Einkommen. Wie geht das -, muss man sich doch da fragen?

Gemütlichkeit wird von den Autoren definiert als "Bedürfnis nach eigener, eng begrenzter Welt, Überschaubarkeit und Stabilität, wie sie im kleinen Rahmen der Gesangsverein, Turnverein, Bio-Läden, Seminare, Techno-Parties, Esoterik-Messen und vor allem die Aussteigerromantik mit dem "Rückzug auf Bauernhof" bot.

Interessant ist das Büchlein heute vor allem, weil es einige Blicke erlaubt in die Anfänge der heutigen Probleme:

1996: Fusion Ciba/Geigi und Sandoz: Harmonisierende Gruppen werden auseinander gerissen, Arbeitsplätze abgebaut, Leute neu zusammengestellt, mit neuen Funktionen und Maschinen versehen: Das neue Bildungskonzept, so wie es von der Wirtschaft verstanden und von den neuen Fachhochschulen umgesetzt wird, verlangt nicht mehr nach Verständnis der Sache, sondern nur nach der Funktion,  dem "Wissen wie":  Er versteht das Gerät an und für sich nicht mehr; er kennt nur die Knöpfe - wo er in etwa wie drücken muss. [S. 21: Peter Schallberger: Giftklima. Als Laborant bei Novartis. Gilles Bauman]

Interims- und Temporärarbeiter erlaubt es den Betrieben, potentielle Mitarbeiter lange Zeit auf "Kompatibilität" zu prüfen, wie Luc Boltanski und ?Eve Chiapello in "Der neue Geist des Kapitalismus" detailliert beschreiben. Aber Schallberger stellte fest, dass für Festanstellungen dann meist doch andere gewählt wurden.

Das neue Konzept des Management by fear (of dismissal) wird oft sogar systematisch ausgenutzt (s. Boltanski/Chiapello) um zu sehen, wer sich am tiefsten Bücken kann und am besten strebt: Dadurch dass die Leute Angst haben, arbeiten sie. [S. 23] Ellbögeln - nicht Interesse oder Engagement, geschweige denn Wissen .. - wurde damit zum Überlebensprinzip im Betrieb:  Die Arbeit hat nicht nur zugenommen - etwa auf das Dreifache - sie ist auch eintöniger geworden. Sie wird immer mehr zur Fliessbandarbeit.

Der "Ausweg" über Drogen: Martin Wüthrich war gut im Sport, wenn auch nicht auf Spitzenplätzen (und das sind die einzigen, für die bezahlt wird) - aber schlecht in der Schule. Jahrelang bemühte sie sich, den Anforderungen der Eltern zu entsprechen. Es wurde eine Geschichte des Scheiterns: Ladendiebstahl. Sehr frühe Schwangerschaft. Ungenügende Noten für Lehre. Aushilfsarbeit Metzgerei. Schwanger. Drogensüchtig. Prostitution. HIV. Vater empfiehlt ihr, sich den goldenen Schuss zu setzen. ...

Wie den Vater "als Polizisten" erlebte sie auch "Vater Staat" und Gesellschaft als unerbittlich leistungs- und konformitätsorientierte Instanzen. Wer den Anforderungen nicht genügt, wird abgelehnt und ausgestossen. "Nur immer um das viele Geld" gehe es in der Gesellschaft. Mühe und Anstrengung zählten nichts, nur der Kontostand sei wichtig. [S. 36: Judith Kaspar: "Kein Fleiss, kein Preis." Vom Schwimmen in der Drogenszene.]

1994 wurde Monteforno im Tessin geschlossen. Von Roll - Swiss Steel wollten die Produktion in Gerlafingen (So) konzentrieren. In einer Krise 1996 verkaufte von Roll das Stahlwerk an die von Moos Holding. Diese führte ihre Aktivitäten zusammen und nannte sich fortan Swiss Steel. Nach einigen Jahren der Restrukturierung arbeitet das Stahlwerk heute wieder in den schwarzen Zahlen. 2003 wurden 50.5% der Aktien von Swiss Steel und damit des Gerlafinger Werks an die deutsche Schmolz & Bickenbach (Aluminium- und Stahlgrosshandel) verkauft. Bis 2006 verdreifachte sich der Wert der Aktie. Im August 2006 wurden Swiss Steel völlig mit Schmolz & Bickenbach fusioniert, das nun 74% der Aktien hält. Der Name Swiss Steel verschwindet damit.

Schmolz-Bickenbach zeigte 2006 eine erstaunliche Wertsteigerung - und ist Ende des Jahres grad dran, auch noch die hochprofitable A. Finkl & Sons (AFS) in Chicago, mit 900 Beschäftigten, zu übernehmen. Damit wird Schmolz zum weltgrössten Produzenten von geschmiedetem Werkzeugstahl. ... Was beweist, dass freier Markt nach der neuen Ökonomie nichts anderes als monopolnahe Markbeherrschung bedeutet.

Von den 247 bei Transfer zur Umschulung/Marktreintegration gemeldeten, fanden bis 1996, als Transfer aufgelöst wurde, 102 eine neue Stelle, 2 erhielten Invalidenrente, vier kehrten nach Italien zurück, sechs wurden ausgeschlossen - 133 waren immer noch arbeitslos, 69 davon, also 28%, wurden im Schlussbericht als "senza prospective" klassiert: Aussichtslose Fälle ... Das ist noch nicht die 80/20 Gesellschaft, aber ein deutlicher Hinweis darauf, wie diese konstruiert wird.

Kader: Vom Ausschussmitglied - selbst zum Ausschuss:

Carl Hahn hatte Betriebs- und Volkswirtschaft studiert, war Dr. der Marktforschung und Verkaufsausbildung - und gehörte nach einer Fusion zu den "Synergien", die weggespart werden konnten. Kader erhalten zwar etwas mehr Unterstützung, schätzen es aber offenbar auch nicht viel höher als andere, wenn sie sich plötzlich selbst auf dem Markt verkaufen müssen (s. Leistung). Vor allem aber verlieren sie (nebst dem Lohn) das, was sie antrieb und ihr Selbstbewusstsein aufrecht erhielt, die Anerkennung:

Täglich von neuem muss die Anerkennung gesucht werden, die früher die Begegnung mit andern, das Kommando über Menschen und Dinge, beinahe automatisch verschafften.

Die Leute in der Aussenplatzierung sollen lernen, mit Hilfe psychologischer Tests und Techniken sich selbst kennenzulernen, um sich selbst als Produkt besser zu vermarkten: Verkaufstraining an der eigenen Person. [S. 55: Claudia Honegger: Der Manager nach der Fusion. Gedanken und Gefühle im Outplacement.]

Dass dies nur der Anfang war, gerade auch in der Bankenwelt, zeigte die weitere Entwicklung. Bis weit in die 90er versuchten die Banken durch Kompetenz, Dienstleistungsqualität und Kundennähe zu brillieren - alles Argumente, die für ein dichtes Filialennetz sprachen. Im internationalen Vergleich von Aufwand und Produktivität ist die Schweiz allerdings overbanked: Während in Japan eine Filiale 5000 Kunden betreut, waren es 1998 in den USA 4000, Deutschland 2500 - und in der Schweiz bloss 2000. (Wobei man allerdings berücksichtigen müsste, wie viel Geld so ein Kunde mitbringt, und das ist in der Schweiz, die einen Grossteil der weltweiten Privatvermögen verwaltet, doch ein schönes Sümmchen.)

Die Gewerkschaften verlieren die Arbeiter - die SP wurde zur Partei des Mittelstandes - die Arbeiter suchen rechts bei den Autoritäten Zuflucht.

Konkurrenzdruck im Baugewerbe und Handwerk: Die erste und wichtigste Wirkung von Wettbewerb, die eigentlich nur ein anderer Name ist für "billig", ist der Verfall der Margen. Mit dem Einbruch der Baukonjunktur seit Anfang der 90er (da die Schweiz weitgehend überbaut ist ...) viel 1/3 der Arbeitsplätze weg, und damit auch die entsprechenden Lehrstellen. Das Bauhandwerk wie der Detailhandel waren die beiden wichtigsten Anbieter von Stellen für wenig ausgebildete und entsprechende Lehrstellen. Viele hier tätige Ausländer kehrten in ihre Heimat zurück (was zu der damals sensationell tiefen Arbeitslosigkeit der Schweiz im Vergleich zu den Nachbarländern führte), andere wurden arbeitslos oder fanden in anderen Branchen Unterkunft. Das "arbeitermässige" Selbstwertgefühl, der Stolz auf die Arbeit zerfällt, da diese nicht gebührend honoriert wird. Insbesondere die körperliche Arbeit hat Prestige verloren.

Lehre als Metzger - Karriere als Langzeitarbeitsloser: Marcel hatte die Metzgerlehre absolviert, und erfolgreich einen selbständigen Vertrieb biologischer Lebensmittel betrieben. Mit der Rezession geht er 1992 pleite. Als Selfmademan im kommerziellen Kader glaubte er zunächst, ohne Schwierigkeiten eine Anstellung ergattern zu können, die seiner bisherigen Position entsprochen hätte, eine Position, die er sich mit Einsatz und Entsagung erarbeitet hatte. Je länger Marcel auf der Arbeitssuche war, desto weniger galt er auf diesem Arbeitsmarkt, der erworbene Kompetenzen und Kenntnisse nicht zwingend honoriert. Führsorgeabhängigkeit stempelt zur Unperson, der man nicht einmal eine höfliche Absage zukommen lässt. [S. 118: Mathieu Lewerer: "C'est comme un escalier en descente." Langzeitsarbeitsloser in Genf.]

Massive Restrukturierung der Druckereibranche: Katrin Huber verlor ihre Stelle und damit ihre Unabhängigkeit als ihr Betrieb schliessen musste. Man hatte "etwas spezielles angeschafft"  ... und dann 3 inkompatible Systeme im Haus, ein Problem, dass vielen Betrieben den Umgang mit Softwarefirmen verleidet hat. Dennoch rationalisierte die Druckindustrie derart, dass Arbeit, die früher 1 Tag brauchte, nun in 1 Stunde zu erledigen war. So versuchte man, die Leerstellen die nicht durch Aufträge gefüllt werden konnten, den Arbeitnehmern aufzuladen (sog. Flexibilisierung) - was insbesondere durch die vermehrte Anstellung von TemporärarbeiterInnen leicht zu bewerkstelligen war: Am liebsten hätten die Unternehmer heutzutage, dass man einfach arbeitet, dann, wenn Arbeit da ist, und wenn keine da ist, einfach nach Hause gehen würde. [S. 148:  Chantal Magnin: Bedrohte Existenz. Eine Photolitographin nach der Massenentlassung.] Chantal Magnin, die Autorin des Beitrags, macht auch auf ein Problem aufmerksam, dass heute vergessen scheint: Die Lehrstellen waren knapp, da viele Betriebe den Anforderungen der neugeschaffenen Berufe nicht genügen. Dies ist ein Punkt, der zu oft vergessen wird und gerade heute zu einigen Überlegungen anregen sollte. Generell lautet die Kritik der Betriebe meist, dass die heutigen Schulabgänger weniger taugen als früher. Einerseits. Andererseits werden in der Tat aber immer besser ausgebildete angestellt. Primarschulabgänger haben ja eh massive Probleme. Man muss also vermutlich diese Behauptung als Schutzbehauptung auffassen, denn eigentlich liegt die Sache oft umgekehrt: Die Schulabgänger wissen weitaus mehr, als die im Betrieb tätigen, und verletzen das erste Gebot eines treuen Betriebsuntertanen: Lasse Deinen Chef nie dumm aussehen!

Nebenbei führte die Aufgabe der Hallwag 1998 zur Fusion mit BTM - die so ihre Monopolstellung im Mittelland erreichte.

Landwirtschaftsprodukte gratis erwünscht: Vor dem Krieg war noch jeder Haushalt mit der Landwirtschaft verbunden. Bei der Restrukturierung der Landwirtschaft ging es oft nicht nur ums wirtschaftliche, sondern ums wirkliche Überleben. Nicht nur günstigere Produktion durch Rationalisierung, oft auch Exportsubventionen anderer Länder trieben und treiben Bauern in den Abgrund. 1995 z.B. wurden noch 3700 Tonnen Sbrinz exportiert, 1997 1240 Tonnen - 2005/6 wurden überhaupt nur noch 1775 Tonnen produziert  und die Exportnachfrage sank auf 500 Tonnen.- obwohl Sbrinz der anerkannte Vorfahre des Parmesans ist (und immer noch besser schmeckt). Stammtischwirtschaftspolitiker führen das auf den zu hohen Milchpreis in der Schweiz zurück.

Bauer - der Lebensentwurf von Autonomie, Befehlshoheit, Selbständigkeit und Freiheit - ein Weg zum Selbstmord:

Es soll auch in keinem Lande der Selbstmord so gewöhnlich sein als in der Schweiz, obwohl derselbe übrigens mehr die Reichen anzuwandeln pflegt; die Schweizer dagegen sind mehrenteils arm. Indessen will man bemerkt haben, dass die Selbstmörder in der Schweiz hautsächlich nur solche Leute sind, die bereits in andern Ländern gewesen und an den Ergötzlichkeiten derselben Geschmack gefunden haben, und die sich des Lebens eben deshalb berauben, weil sie in ihrem Vaterlande jene Vergnügungen entbehren müssen.

Emmanuel Kant

Heinrich Flühler hatte 15 ha + 4 ha Wald, beschäftigte einen Südländer, seine Frau arbeitete halbtags auswärts. Der Bauer arbeitet auch Samstags und Sonntags - und hat keinen Feierabend um 16 oder 17 Uhr. Aber man muss einfach die Werte von unserem Beruf, die Werte muss man an einem anderen Ort sehen. Man kann nicht einfach schon nicht die Freizeit mit andern messen, das darf man nicht, sonst muss einer nicht bauern. Und vom Verdienst her auch nicht. [S. 168] Heutzutage stünden die Bauern nicht nur unter der Fuchtel der Bürokratie, sondern seien auch von den Grossverteilern wie Coop oder Migros abhängig. S. 172

Er hat den Dialog abgebrochen und seine letzte Entscheidung schweigend getroffen. Der Tod war für ihn der einzige Ausweg - der Freitod die letzte Möglichkeit, sein Schema von Autonomie in die Tat umzusetzen. 

In Sachen Selbstmord liegt die Schweiz in Westeuropa an der Spitze (> s. Anomie). Wie die meisten der obigen Lebensgeschichten erzählen, bestimmt die Wirtschaft,  was "sinnvoll" ist, sie setzt Massstäbe für den Erfolg - aber Massstäbe, denen immer weniger gerecht werden können.

who statistik Mord in Bagdad - Selbstmord in der Schweiz

Den Aussteigern von 1980 fehlt die Rendite: Beat Liechti kämpfte sich von Nische zu Nische der 80er. Nischen besetzen war ja auch mal ein offizielles Rezept, wie man wirtschaftlich tätig sein könne). Er betreute eine Krankenstation für Obdachlose, belegte einen Kurs in körperorientierter Psychotherapie, arbeitete als Wohnbetreuer ....

Der 80er-Aufstand wandte sich in erster Linie gegen den 60-Millionen-Kredit für das Zürcher Opernhaus - und fehlendes Geld für ein Jugendzentrum. Man wollte eine eigene Kultur entwickeln, die keine Elitekultur sein sollte. Es war ein Aufschrei gegen die in der Schweiz besonders erdrückenden Zwänge, soziale Kontrolle, vom einzelnen geforderten Fleiss, Triebverzicht, kurz Anpassung. Ein anarchistischer Aufstand gegen Bürokratie, Staat und Institutionen.

Insofern ist es denn auch nicht erstaunlich, dass erfolgreiche berufliche Karrieren von ehemals Bewegten seltener sind als solche von 68ern. Statt sich in einflussreiche Positionen hochzuarbeiten, zogen sich viele 80er in Nischen jenseits der kommerziellen Strukturen zurück. [S. 187]

Die Umkehrung des komparativen Vorteils: Giovanni de Angelis Traum war eine Lehre als Hochbauzeichner, 1 Jahr darauf arbeiten, Weiterbildung. Nach der Ausbildung gelang es ihm nicht, einen Job zu finden. Die Zeichnerbranche wurde ähnlich stark in Mitleidenschaft gezogen wie die Druckerbranche. Hier war aber, nebst der Automatisierung durch neue Computerprogramme (CAD), vor allem der Abbau der Bauwirtschaft beteiligt. Dieser führte auch zu einer zu geringen Auslastung der Architekten, die so ausreichend Zeit hatten (und dabei noch Geld sparten) diejenigen Arbeiten auszuführen, welche sie vor der Krise in der Baubranche an HochbauzeichnerInnen delegiert hatten. Wir haben hier also eine Umkehrung des Effektes, der zur Förderung der Globalisierung als entscheidend propagiert wird, des komparativen Vorteils. Präzise diese Vorgänge zeigen die Probleme die entstehen, wenn der Markt gesättigt ist und keine Vollbeschäftigung herrscht - was mittlerweilen ja fast weltweit der Normalzustand ist.

Dieses zweite Problem der Jugendarbeitslosigkeit: Keine Stelle nach Abschluss der Lehre, war also ebenfalls schon akut vor 8 Jahren. Es zeigt sich inzwischen allerdings, dass diese nicht nur "positive" (wenn man autoritätsgläubig ist)  Dressur- und Anpassungseffekte erzeugt, sondern immer mehr auch Aggression, Widerstand (wenn auch meist ungezielt) und vor allem Verzweiflung: 

Indem er sich dem Druck zu konformer Lebensführung entzieht, bleibt er ungebunden und unabhängig, mobil und flexibel. Trotz seiner Stellenlosigkeit ist er motiviert, sich weiterzubilden. Was zählt, ist ausschliesslich das Interesse am Beruf. Motivation und Flexibilität sind normative Anforderungen an die ideale Arbeitskraft der neunziger Jahre. Die Frage ist nur, ob es solche Arbeitskräfte wirklich braucht oder ob es sich bei dieser Maxime lediglich um eine Disziplinierung der bereits Beschäftigten handelt. ... Wird er irgendeine Stelle annehmen, nur um dem drohenden Schicksal der Desintegration, der Einsamkeit zu entgehen? Und damit alle Träume von Selbstverwirklichung aufgeben?

Die alleinerziehende Frau als Nischensurferin: Lena Burkhard war lange Jahre in Algerien, Bolivien, erledigte die spanische Korrespondenz einer Firma. Zurück in der Schweiz arbeitete sie zu 60% in einer Blumenhandlung - wurde aber gekündigt, da sie zu kreativ, zu initiativ oder irgend was war. Danach versucht sie einen Mittagstisch zu eröffnent, und kriegt beinahe Zustände ob des bürokratischen Aufwandes. Ihr Antrag auf Kursbesuch wird abgelehnt, weil sie den Kurs nicht besucht habe (wer mal die Chance hatte, zu Stempeln, der weiss, dass derartige Aussagen bei den Ämtern gang und gäbe sind). Ihre Ehe ging in Brüche, sie brachte sich über die Runden mit einer Abwartsstelle, Reiseleitung, Gewerkschaftsarbeit  ...

Stress im Spital - Idealismus abhanden gekommen: Schon als Kleinkind wollte Ursula Kern Krankenschwester werden. Leidenschaftlich hat sie sich in den letzten Jahren ihrer Arbeit im Spital gewidmet, so dass kaum mehr Zeit fürs Privatleben übrigblieb. Der Idealismus ist Ursula Kern abhanden gekommen. Die Entwicklung auf dem Arbeitsmarkt verfolgt Ursula Kern mit zunehmender Skepsis. Sie beobachtet, dass vermehrt nur noch die Leute zum Zuge kommen, die zwischen 25 und 35 Jahre alt sind. Im Spital würden Kaderpositionen konsequent mit jungen Kräften besetzt. Wer heute Karriere machen will, hat in erster Linie jung und anpassungsfähig zu sein, "formbar", wie sie es nennen. [Dies konnte ich selbst mit knapp 40, also vor gut 10 Jahren, auch in der Entwicklungszusammenarbeit sehen, mein Traumjob, ...] Es ist krass, mit vierzig wertlos zu sein.

Wir haben hier eine prägende Erfahrung der späten 90er kurz summiert. Diese passt gut ins System des Übergangs zum Nachkapitalismus, dem Kapitalismus ohne Kapitalbindung:

1. Schritt: Die ganzen letzten Jahre des ausgehenden letzen Jahrhunderts durch wurde Erfahrung entwertet, die Rücksicht auf Aeltere - die Schätzung des Alters, Ehrfurcht abgebaut.

2. Schritt: Wenn auf Alter und Erfahrung keine Rücksicht genommen werden muss, dann auch nicht auf die eh unsicheren Zukunftsaussichten der Jungen. Wer sich durchsetzt, gewinnt, wer nicht, ist selbst schuld. Eigenverantwortung!

Die Schmalspurbahn der akademischen Karriere: Dr. Hans Herrmann war wissenschaftlicher Assistenz am Max Planck Institut, forschte an den Airforce Cambridge Research Laboratories, bei der NASA, bei Landys & Gyr, deren Software sich nicht durchsetzte und dann bei Siemens Albis. Bei der Fusion mit Nixdorf wurde er mit 53 arbeitslos. Der Boden für systematisch, strukturiertes Know-how, auf dem seine Berufsbasis aufgebaut war, war weg: In ganz tief innerer Seele bin ich Wissenschaftler. Seine Karriere wurde ebenfalls zum Nischensurfen: Managementberater, Trainings-Koordinator Marktforschung, Verfahrensberater, Instruktor, Kurierfahrten - Beschäftigungsprogramm - Dokumentalist - Projektleiter Datenbank - Öffentlichkeitsarbeit am kantonalen Berufsbildungsamt - für lebenslanges Lernen ....

Martin Schmeiser, der den Artikel Know-how-Verfall. Lebensbilanz eines Physikers schrieb, ist heute selbst PD für Soziologie an der Uni Bern, Institut für Soziologie, dessen Leiterin Claudia Honegger ist, die Herausgeberin des Buches. Obwohl auch sein Lebenslauf nicht so gradaus ist, kritisiert Schmeiser an Herrmanns Lebenslauf, dass er sich vom grössten potentiellen Arbeitgeber für Wissenschaftler, den Universitäten und öffentlichen Forschungseinrichtungen, wegbewegt hat und angewandte Forschung betrieb. a) ist das eine Frechheit, denn sonst im Buch wurden weder Prostituierte noch Drogensüchtige, Handlanger, Bauern, Metzger oder irgendwer wegen seiner falschen Wahl kritisiert. Dazu übersieht Schmeiser geflissentlich zwei Probleme:

a) Die Karrierewege an einer Universität oder öffentliche Forschungsstätte sind äusserst schmal. Nicht nur dass man von persönlichen Sym- und Antipatien der Professoren abhängt, diese sitzen auch lebenslänglich auf ihren Stühlen - die für diese Zeit eben besetzt sind. Jeder Professor bildet Jahr für Jahr dutzende von Studenten "wissenschaftlich" aus, für die absolut kein Bedarf und keine  Chance an den Hochschulen besteht.

b) widerspricht diese Kritik eigentlich allem, was an den Hochschulen und Universitäten seither betrieben wird, nämlich dem Wissenstransfer, der verstärkten Suche nach mehr, besserer und schnellerer Anwendung theoretischen Wissens.

Sie sehen hier das Problem der Berater: Sogar akademisch hochgebildete Berater erzählen oft einfach Stuss, weil ihr Wissen auf ihren eigenen Tätigkeitsbereich sehr eng beschränkt ist. Gerade bei Akademikern die nicht den Zugang zur Wirtschaft gesucht und/oder gefunden haben, dürften solche Zickzacklebensläufe und ein langjähriges Verbleiben in der generation p eher der Normalfall sein.

Profifussballer/Sportler: Mit 35 pensioniert?

Die Flucht in die Sucht: Giulia Monti, als Dreijährige bereits Alkoholsüchtig, da sie durch den "Schlummertrunk" daran gewöhnt wurde, bricht ihre Lehre ab, kommt ins Erziehungsheim, wird Heroinabhängig, arbeitet als Dealerin. Beide Eltern arbeiten. Der Vater missbraucht sie - und lässt später die Familie mit Schulden sitzen.

Der Primarlehrer: Leer, völlig ausgeleert, alles weg: Primarlehrer Raffael Rondi will es besser machen. Er hat genug schlechte Lehrer erfahren, die nur noch Routine betreiben, die ihre Handlungsstrategien von ihren Vorgängern übernommen haben. Bald aber beginnt er selbst herumzuschreien und ist oft selbst wenig vorbereitet. Er nimmt sich eine Auszeit von 6 Monaten. Probleme hat er vor allem, da er, trotz gutem Willen, Kinder mit hartem Kern nicht annehmen kann:: dogmatisch, vorlaut, wo man einfach die Eltern wahnsinnig spürt. Irgendwie kleinkariert im Denken. s. Jasmin Hutter. Er führt dies zurück auf die schrankenlose Ausbreitung und unkontrollierbare Durchdringung aller Sphären durch die Kulturindustrie, allem voran der hemmungslose Siegeszug von Fernsehen und Computern. Computerfreaks werden nicht nur um authentische Erfahrungen betrogen, sondern auch in der Entfaltung ihrer Kommunikationsmöglichkeiten behindert. Sie sprechen eine Comics-Sprache oder hauen einfach drein. Inzwischen gibt es so wenige männliche Primarlehrer, dass sich Kinderpsychologen über einseitige Rollenprägung bereits Sorgen machen

Von Hotelsekretärin zum Strassenverkauf der Arbeitslosenzeitung - und zum eigenen Kochkurs: Rita Bieris Traum war eigentlich die Alternativmedizin. Bei der Uebernahme einer Kaderstelle gerät sie allerdings in die Ueberforderung, nimmt sich Arbeit nach Hause, lernt Informatikprogramme zu Hause - und kriegt einen Nervenzusammenbruch. Bei der nächsten Halbtagsstelle bei einer Yogagesellschaft ergeben sich ebenfalls Betriebsinterne Konflikte, was zum nächsten Nervenzusammenbruch führt. Vom Sozialamt erhält sie keine Unterstützung, weil auch hier die Kommunikation schief geht, bis hin zu Wutanfällen. Bei ihrer nächsten Stelle im Weihnachtsverkauf kommt sie in den Aktionsbereich eines jungen, dynamischen, karrierebewussten, strebsamen Angestellten, der versucht, die Frauen herumzukommandieren, statt selbst zu arbeiten. (Solche Erfahrungen können äusserst amüsant sein. Hab ich selbst mal gemacht, als ich 1983/4 als Möbelverkäufer arbeitete. So junge Karrierestreber sind extrem amüsant zu beobachten ... allerdings nur, wenn man ihr Getue nicht persönlich nimmt.) Seit einiger Zeit arbeitet sie bei einem kleinen vegetarischen Restaurant in der Küche mit. Als Gegenleistung soll sie bald das Lokal benützen dürfen, um eigene Kochkurse durchführen zu können.

Der Missionar: Fritz Müller hatte mit 23 ein religiöses Erlebnis. Beruflich arbeitete er als  Handlanger Bau, Kranführer, Traxführer - strebte aber nach mehr geistigem, und schloss sich Wim Malgos Missionswerk Mitternachtsruf an, das es heute noch gibt. An solchen Institutionen hat man allerdings meist eben so wenig Humor wie Toleranz mit Kritik, also versuchte Müller es mit der Freien Evangelische Gemeinde, allerdings mit ähnlichem Erfolg: Mit den korrupten römischen Verbündeten und mit den Huren hat er (Jesus) keine Probleme gehabt, aber mit den Religiösen sind die Diskussionen unendlich gewesen. Der nächste Schritt bringt ihn zum European Kingsclub [EKC] von Damara Bertges - und damit bald vor Gericht. Ein Versucht mit der Politik bei der Eidg. Demokratischen Union (EDU) (hab ich zu der Zeit selbst auch mal ins Auge gefasst, aber rasch fallen gelassen, da das ein ziemlich kryptofaschistischer Verein war ..) Scheidung, abverheite Immobiliengeschäfte Spanien. ... Heute ist Fritz Müller ein Sozialfall. "Ich kann nicht einmal den Unterhalt für den jüngsten Sohn zahlen."

Allein auf der Alp: Giorgio Aurelio war Nr 17 von 22 Kindern. Er wurde vom Vater häufig geschlagen. Als er zurückschlug, kam er ins Internat. Drogen. Erziehungsheim: Wer nicht pariert, den steckt man ins Gefängnis. Als Hirte auf der Alp, in der Natur, entwöhnt er sich langsam von den Drogen. Da immer mehr Häuser an Touristen vermietet werden, steigen die Preise, so dass es auch hier im Tal schwierig wird, mit 1600.- auszukommen. (s. Pen-Balassa-Samuelson-Restrukturierungszwang)

Sozialarbeiter als früher Teilnehmer der Generation P: François Galli stammt aus der Mittelschicht, hat das Gymnasium abgeschlossen und Sozialarbeit studiert. Er wollte sich im sozialen Bereich engagieren und fand nach längerem Suchen eine Stelle beim Trèfle vert Da Genf finanzielle Probleme hat, werden alle Sozialbudgets um 15% gekürzt - und seine Arbeit bei Trèfle vert eingestellt - trotz starker Zunahme der Arbeitslosigkeit und der Probleme. Nach sieben Jahren universitärer Ausbildung verdient François gerade mal tausend Franken. Zudem ist die Sozialarbeit eher kurativ und beschönigend, kaum jedoch system verändernd.

Jugendarbeitslosigkeit: Keine Zukunft, irgendwie. Auf der Suche nach einer Lehrstelle [Caroline Arni]

Monika Burri konnte kein zehntes Schuljahr absolvieren, da ihr Notendurchschnitt unter 4.5 lag. Vom Lehrer wurde sie eh runtergemacht: Du findest höchstens eine Aushilfe bei der Migros. Du wirst so im Regal Büchsen aufstellen und so.  (Ging uns ähnlich in der Unterstufe des Gymnasiums, wo der Lehrer bei der Erwähnung des Gymnasiums gleich anhängte: wo vermutlich keiner von Euch hinkommt.) Monika suchte seit 3 Jahren. Als Alternative steht nun die Anlehre zur Diskussion, weil beim grassierenden Neopragmatismus etwas, was man nicht unbedingt machen will, immer noch besser ist als ungelernt zu bleiben. Die Jungen entwickeln ihre Strategien innerhalb der gegebenen Spielräume: Sie passen ihre Berufswünsche antizipatorisch dem Lehrstellenmarkt an ... sie planen berufliche Umwege mit ein .. sie nutzen die Beschäftigungsprojekte zur Weiterbildung und Qualifikation.

Monika, Alma und Fabrizio glauben nicht daran, dass sich die Situation auf dem Lehrstellenmarkt bessern wird. Monika geht davon aus, dass es immer schlimmer werde, da es immer mehr Leute gebe und nachher auch immer weniger Lehrstellen. Auch Alma glaubt, dass nächstens alles voll wird, ja, die Jugendlichen können sich grad erschiessen, mal.

Erfahrungen mit dem engen Lehrstellenmarkt und den verengten Perspektiven, mit dem repetitiven und monotonen Abgewiesenwerden, mit der verweigerten Anerkennung eines beruflichen Lebensentwurfes - das alles prägt di Vorstellungswelt der Jugendlichen, in welcher die Zukunft nur zögerlich oder gar nur hypothetisch aufscheint. [S. 331]

Ihr Wunsch wäre gewesen: Polygraphie oder Pharmaassistenz. Obwohl diese Branchen Zukunft haben und Städte wie Börsianer davon träumen, ist der Zugang, wie sich offenbar schon vor 8 Jahren zeigte, beschränkt.

Ein spezifisches Problem besteht darin, den zahlreichen ausländischen Jugendlichen bessere Chancen zu bieten.

Sie sehen es, was so ein alter Schinken von 1998 bringen kann. Total veraltet ... aber praktisch keines der dort erwähnten Probleme ist gelöst worden, weder von den Wissenschaften, noch von der Politik, noch von der Wirtschaft, die sich so gerne als Problemlöser erster Güte für alle Probleme sieht.

Trotz höchster funktioneller Differenzierung der postmodernen Gesellschaft scheint es auch heute noch kein anderes Mittel zu geben, als dass die Betroffenen Ihre Interessen selbst vertreten - mit Nachdruck!

Martin Herzog, Basel, 13.8.06