Vom ORL zu IRL und NSL - und was so passieren kann, wenn "Praktiker" über "Wissenschaft" "Politik" betreiben:

Städtische Herrschaft - Alpine Reservate - Voralpine Ruhezonen

Es soll auf den Namen der Stadt kein besonderer Wert gelegt werden. Wie alle grossen Städte bestand sie aus Unregelmässigkeit, Wechsel, Vorgleiten, Nichtschritthalten, Zusammenstössen von Dingen und Angelegenheiten, bodenlosen Punkten der Stille dazwischen, aus Bahnen und Ungebahntem, aus einem grossen rhythmischen Schlag und der ewigen Verstimmung und Verschiebung aller Rhythmen gegeneinander, und glich im ganzen einer kochenden Blase, die in einem Gefäss ruht, das aus dem dauerhaften Stoff von Häusern, Gesetzen, Verordnungen und geschichtlichen Überlieferungen besteht.

Robert Musil: Der Mann ohne Eigenschaften. S. 10

Das Institut für Orts-, Regional- und Landesplanung (ORL) des Departements Architektur und das Institut für Kulturtechnik (IFK) des Departements Bau, Umwelt und Geomatik wurden 2002 aufgehoben. Neu entstanden dafür:

Das IRL www.irl.ethz.ch/ ist aus dem ehemaligen Institut für Kulturtechnik (IFK) Teilen des ORL und der Professur für Stoffhaushalt und Entsorgungstechnik hervorgegangen. Seine Kernkompetenzen sind:

Es zeigt sich hier ein Abgehen vom Schwerpunkt ruraler Entwicklung und ein Übergang zum Management und Ökonomik urbaner Infrastruktur. Dieser Umbau liegt vermutlich vor allem darin begründet, dass Landnutzung in Städten und Agglomerationen immer intensiver, und der Platz immer enger, wird, während die wirtschaftliche Bedeutung der Landwirtschaft weiter im Schwinden begriffen ist. Ziel ist das Erstellen von ganzheitlichen Nutzungskonzepten, Massnahmenplanung und Umsetzung. Im Masterprogramm: Urban Landscape Design/Planning und Project and Facility Management besteht auch eine Querverbindung zur Architektur. Als Nachdiplomprogramme werden angeboten: Entscheidungsfaktor Raum und Raumordnung.

Im Netzwerk Stadt und Landschaft (NSL) kooperieren IRL, IVT (Institut für Verkehrsplanung und Transportsysteme), ISB (Institut für Städtebau), ILA (Institut für Landschaftsarchitektur) und das Institut für die Stadt der Gegenwart.

An der ETH Zürich wurde auf 1. Oktober 2002 ein Netzwerk Stadt und Landschaft (NSL) gebildet, das sich zum Ziel setzt, in Forschung und Lehre die Grundlagen für eine nachhaltige sowie ästhetisch und kulturell anspruchsvolle Gestaltung unserer Umwelt zu entwickeln. www.nsl.ethz.ch / www.irl.ethz.ch/

M. Herzog, Rheinfelden, August 2003


Städtediktat und Alpenreservat

s. auch: Jugend gestaltet Lebensraum. http://www.jgl-wettbewerb.ch/Idee.268.0.html Vielleicht kommt da was Vernünftigeres dabei raus (was bei DER Vorgabe hier nicht all zu schwierig sein dürfte .....

Dass die Orts-, Regional- und Landesplanung immer noch ihre "Wissenschaftlichkeit" sucht und ziemlich ziellos im weiten Raum zwischen Wissenschaft und Politik herumtapst, zeigt sich am besten anhand der umfangreichen Schrift (1000 S.) von Roger Diener, Jacques Herzog, Marcel Meili, Pierre de Meuron und Christian Schmid: Die Schweiz - Ein städtebauliches Portrait. (alias Porträt ... ) [ETH Studio Basel. Institut Stadt der Gegenwart.]:

Im ersten Band wird aufgezeigt, wie die verfehlte Nutzung der "Theorie der zentralen Orte", die Dienstleistungen in Städten ansiedeln und Industrien auslagern wollte, ein politisch wirkungsloses  raumplanerisches Konzept blieb - und es vor allem die Autobahnen waren, die über Urbanisierung und Schlafstadtbesiedelung entschieden. Aus diesem Grunde, sowie auf Grund der Kosten ... einer ebenfalls weitgehend wirkungslosen "Förderung der Berggebiete und wirtschaftlich bedrohte Regionen", verlangen die Autoren, getreu dem Kanon von Economiesuisse, eine Abkehr vom Gedanken der Gleichbehandlung. 70% leben heute in Agglomerationen: Angesichts der Wirkungslosigkeit der bisherigen Konzeptionen zeichnet sich heute ein Paradigmenwechsel in der Planung ab: ein Abschied von Gesamtbildern und grossen Würfen und eine verstärkte Orientierung hin zu pragmatischen, teilweise auch offen neoliberalen Politiken. S. 190

Die PREISFRAGE, die ich (s.oben anklickbarer Artikel) bereits im Sommer 2004 gestellt habe, als die Forstelite ihrer Zuneigung zum Neoliberalismus übermässig zu frönen begann, bleibt aber auch hier unbeantwortet:

Können wir es uns leisten, ganze Regionen und ganze Sektoren der Wirtschaft aufzugeben, einfach weil die Effizienz es fordert? Wald- (31%) und Landwirtschaft (37%) pflegen und gestalten 67% unseres Landes. Der grösste Teil unserer Dörfer sind ineffiziente Kleinstrukturen. Die Mehrheit unserer Wirtschaft sind eben so wenig effiziente (mächtige) KMUs. Öffentlicher Verkehr, Gesundheit, Bildung sind Grundlagen der Existenz für alle. Dürfen sie also dem Wettbewerb und betriebswirtschaftlichem Effizienzdenken unterworfen werden, die von ihrer Nutzung ausschliessen?

Diese Frage ist offenbar theoretisch, während die Autoren praktisch argumentieren, eine pragmatische, offen neoliberale Politik zugrunde legen. Heisst Pragmatik heute, das tun, was eh geschehen würde? Das tun, was die Reichen und Mächtigen wollen, damit die weniger Reichen und Mächtigen sich zumindest ein paar Aufträge ergattern können?

Eben so unglaubwürdig, da weitgehend unbelegt, ist die Überlegenheit der Stadt als wichtigster zukünftiger Arbeitgeber. In den AAAAAA-Städten sammeln sich Alte, Arbeitslose, Auszubildende, Asylanten, Abhängige, Aussteiger ... die zum linksliberalen Stimmverhalten der Städte führen, währenddem sich diejenigen, die erst recht über den Tisch gezogen werden, in rechtsextremen Jammerundschreigruppen am Stadtrand und auf dem Lande finden.

Es wird die Wiederentdeckung der Stadt propagiert, was zum Teil stimmt:  Lifestylebewusste urban professionals und Unternehmer suchen zunehmend wieder die Nähe von Kultureinrichtungen, die kosmopolitische Atmosphäre und das trendige Image. Immer noch vorhanden sind allerdings die Probleme, die eine Generation früher zum Exodus aus der Stadt geführt haben, nämlich Lärm, Gestank, hohe Steuern, mangelnde Arbeitsplätze etc. Die begeisterten Stadtförderer vergessen gerne, dass die Stadt die niemals schläft ... die selbe Stadt ist, die niemanden schlafen lässt. Also nicht der Ort, an dem die meisten von uns wohnen möchten.

Ganz im Kielwasser Saskia Sassens, Professorin für Stadtplanung an der Columbia University in New York [Die neue Zentralität], wird die Theorie der global city als Leitfaden übernommen:

Die heutigen Metropolen sind ökonomisch als Schaltzentralen der Weltwirtschaft zu verstehen.

Hauptsitze der globalen Firmen, globaler Finanzsysteme, multinationaler Transport- und Kommunikationssysteme, unternehmensorientierter Dienstleistungen sowie Medien und Kultur  [S. 200]

Diese Headquarter Economy finden wir in den Finanzsystemen Zürichs, den speziellen Finanzdienstleistungen (Private Banking) in Genf und der chemisch-pharmazeutischen Chemie in Basel. Übrige Industrie, auch High-Tech, ist dezentral und eher klein, die Land- und Forstwirtschaft zunehmend unbedeutend.

Entgegen der verbreiteten Annahme einer dezentralisierenden Wirkung neuer Telekommunikationstechnologien konzentrieren sich die Funktionen heute in hohem Masse in einigen wenigen Zentren. Sassen begründet diesen Agglomerierungsprozess mit der Komplexität des Inputs und mit den Innovationsprozessen, die für die Produktion globaler Kontrolle erforderlich sind, sowie mit der überragenden Bedeutung, die dem Faktor Zeit zugemessen wird. So entstehen in Global Cities hoch spezialisierte und eng verflochtene Produktionskomplexe, die sich aus einem ganzen Ensemble von spezialisierten Unternehmen und Institutionen zusammensetzen. S. 202

Dieser Prozess führt zu zunehmender Ungleichheit in der Konzentration strategischer Ressourcen und Aktivitäten zwischen diesen und anderen Städten im selben Land. Beispielsweise konzentriert sich in Paris ein größerer Anteil von führenden ökonomischen Sektoren und des Reichtums von Frankreich als vor 15 Jahren, während Marseille, einst ein großes ökonomisches Zentrum, an Bedeutung verloren hat und sich im Niedergang befindet.

Anstatt unter den Bedingungen zu sagen: Ja herrgottsackrament, wie kommen wir da raus aus dem Scheisstrend? - setzen diese Leute nun einfach darauf: Die Forschergruppe der ETH sieht nur zwei Metropolitanregionen: die Région Lémanique und Zürich. Sie vertritt die These, dass sich eine "Europäische Grossregion Zürich" mit knapp 4 Millionen Einwohnern herausbilde, die vom Bodensee bis nach Basel reiche ... (s. Graphik rechts)

Aus dem Grund seh' ich mich nun dazu gezwungen, zumindest mal verbal auf dieses Konzept zu sch..., dessen grundlegenden Behauptungen mehrfach einfach falsch sind: Zürich z.B. hat sich nicht innert weniger Jahre "von der grössten Industriestadt zum grössten Finanzzentrum" gewandelt, denn die Zürcher Gnome gibt es schon viel länger. Ohne die wäre aus der Industriestadt nichts geworden. Das ist zusammen gewachsen. Die Banken waren der Industrie aber darin überlegen, dass sie Geld auch zum Wachsen bringen können, wenn sie gar nichts produzieren ...

Dabei geholfen hat das Bankgeheimnis, ein starker Schweizer Franken, die soziale Stabilität - und die Steuerungsmacht Zürichs in ökonomischer, medialer und politischer Hinsicht! (Nicht von mir, steht so im Buch).

 

 

Im 2. Band wird ein ziemliches Sammelsurium von "Trennendem" offeriert - in dem offenbar die Autoren selbst den Überblick verloren haben, denn sie zeigen sich unfähig, Schlüsse für die zukünftig mögliche Entwicklung daraus zu ziehen. Die historische Entwicklung der Schweiz wird durch zwei Problemfelder dominiert: dem Stadt-Land Problem und katholisch gegen protestantisch. Genf wie Basel haben sich bis weit ins 19. JH. selbst isoliert, weil sie weder mit Bauern noch mit Katholiken etwas zu tun haben wollten. Dies taten sie damals in der selben Überheblichkeit, mit der heute noch städtische Hofarchitekten die Landschaft zum Reservat erklären. Die Geschichte Basels liefert hier ein paar träfe Beispiele. Die ländlichen Regionen der Schweiz mussten sich ihre Anerkennung, ja sogar die persönliche Befreiung aus Untertanenschaft (Aargau, Waadt, Baselland) in Kriegen erst erkämpfen. Man kann den ganzen Band in einem Zitat zusammen fassen:

Auch den führenden städtischen Mächten Bern und Zürich gelingt es nicht, ihre wirtschaftliche und militärische Hegemonie in eine eigentliche staatliche Vormachtstellung umzubauen. (S. 426)

Eine äusserst interessante Aussage. Wäre es also wünschenswert gewesen, die Städte hätten ihre wirtschaftliche und militärische Hegemonie auch nach der Demokratisierung behalten? Diener-Herzog-de Meuron&Co. scheinen davon zu träumen: Der paradoxe Nachlass der zentralistischen französischen Intervention ist der Sieg des Landes über die Stadt und der Autonomisten über die Etatisten. Obwohl das Ständemehr für den Fortschritt definitiv ein Problem darstellt - eine Vorherrschaft der Städte, einen Etatismus, eine Hegemonie der Städter - auf die verzichtet vermutlich die Mehrheit der Schweizer gerne. Denn was die Autoren trotz ihrer jahrelangen, personenintensiven und reichseitigen Studie übersehen, ist eben dies, das die Schweiz über Jahrhunderte von städtischem Patriziat beherrscht wurde - und auf eine Neuauflage dieser Zustände, des Ancien Regime, noch so gerne verzichtet. Obwohl die Wurzeln des heutigen Übels bis zurück in römische Karten und Pläne gesucht wird, herrscht bei den Autoren eine derartige Kultur- und Geschichtsblindheit, dass sie die Probleme, die mit der Vorherrschaft der Städte über Jahrhunderte verbunden waren, schlichtweg übersehen und quasi eine Neuauflage des städtischen Feudalismus fordern. Dies ist zeitgemäss und entspricht dem Trend, aber keinem Trend, den man fördern sollte, sondern dem man sich mit aller Macht widersetzen muss.

Die Städte des Mittelalters waren Hort der Freiheit. Die neuen globalen Städte sollen Burgen des Reichtums und Besitzes werden - umgeben von den (vermutlich halt auch von Architekten kreierten) Slums, in denen die Bediensteten in Wohnsilos in kleinen Betonkistchen, ohne Auslauf, gehalten werden, also unter Bedingungen, die man keinem Huhn zumuten darf, in denen ihr Leben eine unendliche Schlaufe dreht zwischen Arbeit, Schlaf - und Konsum.

Im dritten Band wird nun die Schweizer Landschaft knallhart klassifiziert - und zwar nach den Massstäben der Rentabilität in der nachfordistischen Entwicklungsphase:

 Während die kleinen und mittleren Industriebetriebe trotz drastischer Restrukturierungsmassnahmen ihre internationale Wettbewerbsfähigkeit nur in beschränktem Masse erhalten konnten, gelang es einigen führenden Industriekonzernen, ihre nationale und internationale Position durch eine Strategie der Multinationalisierung bedeutend zu verstärken. Sie verlagerten einen grossen Teil der Produktion ins kostengünstigere Ausland und beliessen vor allem die qualifizierten und entscheidenden Unternehmensfunktionen in der Schweiz (Management, Marketing, Forschung und Entwicklung). Parallel dazu expandierte auch der helvetische Finanzplatz, der dank der spezifischen Standortsvorteile  de Schweiz (Neutralität, Arbeitsfriede, liberale Wirtschaftspolitik, Bankgeheimnis, soziale und politische Stabilität, harte Währung) überdurchschnittlich vom Aufschwung des globalen Finanzsystems profitieren konnte. S. 184

Anstatt dass sich die Politik also um die Unrentablen kümmert, sollte sie ihre knappen Mittel dort investieren, wo's rentiert, nämlich in Zürich, Basel, Genf. Bern überlebt so knapp, weil's zufälligerweise mitten drin ist, wird aber nicht wirklich zur entwicklungsfähigen Zukunftsschweiz gezählt.

Die Alpen - Zentralbrache - Hinterhof der urbanen Schweiz

Für die meisten Schweizer sind die Alpen ein Synonym für politisch und wirtschaftlich autonome alpine Kommunen. Diese Auffassung sehen die Autoren als Basis des Schweizerbundes: die selben Rechte, Möglichkeiten, Sicherheiten, Versorgung und Perspektiven: Das Land wird also in seinem Ideal politisch isotopisch ausgelegt. Damit verzichtet die Schweiz auf die hierarchisch gegliederte Konstruktion ihres Raumes, eine Ordnung, welche in andern Ländern den jungen liberalen Nationalstaaten als absolutistisches Erbe hinterlassen wurde. Autonomie und rechtlich-politische Isotopie (Gleichheit, Freiheit, Brüderlichkeit ....) sind heute die generativen Merkmale der territorialen Struktur der Schweiz.

Durch Deregulierung und der verstärkte Druck zur Kostenwahrheit und Rentabilisierung kommen die Alpinen Brachen heute zusätzlich unter Druck. Landwirtschaftliche Exporte (Milch, Käse, Butter ...) haben ihre Bedeutung verloren (dummerweise nur für das Ausland). Die exklusive Stellung, welche die Schweiz im 19. JH im internationalen gehobenen Tourismus inne hatte, ging ebenfalls längst verloren. Heute verliert die Armee an Bedeutung, Holzernte kostet mehr als sie einbringt, ja, die ganzen Alpen werden primär zur Behinderung des freien Verkehrs zwischen Nord nach Süd.

Die kleinstädtischen Netzwerke im alpinen Raum sind lokal ausgerichtet - und damit eine Zone des Niedergangs. Da sie nicht an wirklich urbane Ökonomien angeschlossen sind, bleibt nur die Auswanderung. Die Reduktion der beruflichen Vielfalt, eine zu kleine Differenzierung, wenig Entfaltungsmöglichkeiten, eingeschränkte Perspektiven - sind das grösste Problem der alpinen Brache. Vor allem junge initiative Leute ziehen in urbane Zentren mit attraktiven beruflichen Ausbildungsmöglichkeiten und Perspektiven (wo die wohl sind, werden sich die hier ansässigen Jugendlichen fragen, die Jahr um Jahr um Lehrstellen und den Einstieg ins Berufsleben kämpfen müssen.). All diese Tätigkeiten sind kaum international ausgerichtet. Ein geringer Anteil an Personen, die im Erwerbsleben die englische Sprache verwenden, ist ein deutlicher Indikator für ein fast ausschliesslich lokal ausgerichtetes Wirtschaftsleben.

Wenn die Alpen einmal umfassend von ihrer mythologischen Verschleierung befreit sind, werden sie zum rein kommerziellen Produkt - oder zum Rohstoff. Jene, welche über ihn Verfügen, bestimmen auch über wichtige Ressourcen wie Wasser oder Strom. S. 926

Das Modell der Bestandeswahrung eröffnet keine Perspektiven mehr, nur eine Offenheit gegenüber möglichst alternativen Entwicklungspfaden kann weiterführen.

Safiental: Lebt von Wasserzinsen und Steuern des lokalen Wasserkraftwerkes. Dennoch wird anhand dieser abgelegenen Region das Kernproblem heutiger wirtschaftlicher, sozialer und kommunalpolitischer Entwicklung nicht als Problem erkannt, sondern als Lösung postuliert, der Zwang zur Grösse (s.u.):

Das Dorfmodell muss einem zerstörerischen Marktgesetz Folge leisten, dem Gesetz der Dominanz der Grösse, geradezu eines Zwanges zur Grösse, nämlich der Economy of Scale: Auch in landwirtschaftlich dominierten Gebieten muss eine minimale Infrastruktur aufrechterhalten bleiben: Betriebsgemeinschaften, Alpgenossenschaften, Berufsvereine, - Schreinereien, Werkstätten, Transportmöglichkeiten, Krankendienst, Grundschule, Gastronomie, Läden .. Bei Abwanderung wird der Heimmarkt aber noch kleiner.. Aus Kostengründen können diese Einrichtungen aber nur aufrecht erhalten werden, wenn eine bestimmte Anzahl Personen sie benützt. Damit ergibt sich eine minimale Grösse, die ein Dorf aufweisen sollte. Für agrarische Gemeinden liegt sie bei etwa 500 Einwohnern.  S. 958

Der Zwang zur Grösse, eines der problematischsten Gesetze des freien Marktes, da es praktisch automatisch zu Monopolen führt, wird kritiklos als Ausgangslage angenommen und weitergesponnen, ohne sich im geringsten zu überlegen, was die Folgen davon sind, nämlich das Problem des Ausschlusses durch neofeudale Zugangsbeschränkungen.

Das Calancatal ist ein weiteres, recht extremes Beispiel für den hier vorgelegten Ansatz der nationalen Profitmaximierung und Kostenminimierung. Obwohl das Tal gut erschlossen und an Bellinzona angebunden ist, obwohl die Pendlerströme inzwischen ein Einkommen erlauben und das Calancatal zum Teil neu besiedelt wird, werden die durch den Unterhalt von Strasse und Seilbahn bedingten Kosten als zu hoch angesehen - also stillschweigend eine "Brachlegung" empfohlen.

Das "Werk" der renommierten, international (und vermutlich kaum je im ländlichen Bereich) tätigen Architekten Diener, Herzog und de Meuron ist eine Umsetzung eines rein betriebswirtschaftlichen Denkens auf die nationale Siedlungspolitik. Ein neoliberales Machwerk, das dank seines kompakten und schweren Formats aber äusserst geeignet scheint, es den Verfassern an den Kopf zu schmeissen. Ansonsten seh' ich darin wenig Nutzen - es sei denn, politischer denkenden Institutionen gelingt eine Übersetzung dieses städtisch-überheblichen Konzepts in eine beim nicht-so-städtischen Volk akzeptablere Form, die hülfe, die weitere Zersiedelung der Landschaft zu bremsen.

Das Werk ist des weitern:

Wissenschaftlich Stuss: Die mehrfach zitierten Werke von Saskia Sassen wurden als Grundlage einer notwendigen Förderung der Stadt (gegenüber dem Land) genommen, aber die umfassende kritische Betrachtungsweise von Sassen einfach übergangen. Ihr Fazit ist nämlich mehr als "gemischt".

  1. Städte sind strategische Orte, an denen sich die Steuerungsfunktionen der globalen Märkte konzentrieren.

  2. In der Stadtkonzentriert sich Vielfalt: Unterschiedliche Kulturen der Werktätigen, der Einwanderer, der "Andern" der Stadt-Rand (der wie bei jedem Kreis weitaus mehr Raum einnimmt als das Zentrum), an dem sich niedrig bezahlte, flexibilisierte Angestellte und Handarbeiter sammeln. (Sekretärinnen, Putzkolonnen, Lastwagenfahrer, Techniker, Mahler, Hausmeister, Lageristen, ...)

  3. Darüber hinaus können Städte auch als Orte gelten, an denen die Widersprüche der Internationalisierung des Kapitals sich entweder beruhigen oder in Konflikten zum Ausbruch kommen. In den Städten finden sich grosse Ansammlungen von benachteiligten Menschengruppen, so dass sich auch die Entwertung dieser Mensche primär hier abspielt.

Saskia Sassen: Metropolen des Weltmarkts. Die neue Rolle der global cities. [Campus Verlag Frankfurt/New York. 1997]

In The Global City. New York, London, Tokyo. Princeton University Press. Princeton and Oxford. 2001 wurde sie noch etwas deutlicher: Während zwar die territoriale Dezentralisation und die neuen Kommunikationsmittel dazu hätten beitrage können, auch Eigentum und die Aneignung von Mehrwert zu dezentralisieren, geschah wenig in der Richtung sondern mehr in zentralisierter Verwaltung und Management (.... und, wohlgemerkt, wir reden hier von der Wirtschaft, die immer die Fahne der Freiheit hochhält, nicht vom Staat). Sogar Industriearbeiter in abgelegenen Gegenden sind nun Teil dieser Kette (chain management ... auch Ketten gehören eigentlich eher zu Gefängnissen als zur Freiheit). Die multinationalen Konzerne kontrollieren weiterhin viele Endprodukte - und können damit die auf dem Weltmarkt generierten Profite absahnen. [s. 4] Saskia Sassen beschreibt also in ihren Büchern, als Wissenschaftlerin, das was eben abläuft - aber nicht das, was ablaufen sollte. Das kommt auch bei ihr nur zwischen den Zeilen raus. Wenn nun aber gewisse Kreise ihre Arbeit als Bibel für die Gestaltung einer  (sachzwang-)notwendigen Zukunft übernehmen, ist das ... eben: Stuss. Diese Wirtschaft ist eine Wirtschaft für die 10% Reichsten ... und die 30% bestqualifizierten, also für eine Minderheit. Den meisten von uns bringt sie nicht viel. Noch weniger den Beherrschten (Neo-kolonialisierten) in der 3. Welt. Ja sogar den Begünstigten selbst bringt es Nachteile. Sie haben in solchen Firmen oft weitaus schlechtere  Anstellungsbedingungen als in den alten Kommerzbanken und Versicherungen. Die grössere Flexibilität bedeutet auch für sie grössere Entbehrlichkeit, leichtere Ersetzbarkeit, grössere Unsicherheit. Als Muster für solch globale Herrschaftsstrukturen könnte man z.B. den weltweiten Kaffeehandel analysieren, der zu 70% aus der Schweiz organisiert wird - obwohl die wichtigsten Kaffeebörsen New York und London sind. Im Ursprung dieser Konzentration stehen die Geschäfte von Volkhart/Reinhart in Winterthur, die ein Baumwolle-Kaffee Imperium errichteten. Förderlich sind dem Geschäft auch die Präsenz zweier Handelsgiganten, nämlich Nestlé und Starbucks. Man sollte sich in dem Zusammenhang vielleicht erinnern, dass Fair Trade (Claro) sich in erster Linie eben gegen die unfairen Bedingungen im Kaffeehandel (Max Havelaar ... ein Begriff?) und bei der Baumwollproduktion und -Verarbeitung gewandt hat. Des weitern bezahlen diese Organisationen mit an Wahrscheinlichkeit grenzender Sicherheit (oder so ..) im Kanton Zug. Benutzen also die Global City Zürich, aber tragen kaum bei zur Finanzierung ihrer Kosten.

Das Konzept macht Stadt - und Land - zum Diener des international vagabundierenden Kapitals. Das rapide Wachstum der damit verbändelten Geld- und Dienstleistungsindustrie führte auch zu einer stark wachsenden Nachfrage nach exklusiven (und entsprechend teuren) Immobilien ... was die Begeisterung von international orientierten Top-Architekten für dieses Modell vermutlich ausreichend erklärt. Städte werden aber von - nicht für - Architekten gebaut.

Wirtschaftlich Stuss, denn weder Banken, noch Pharma, Chemie oder Luxusgüter und internationale Organisationen sind irgend ein Ziel, das eine Gemeinde zur Belebung ihrer Wirtschaft anstreben könnte. Alle drei Fälle sind aus langer historischer Entwicklung entstanden, und alle drei könnten rascher weg sein, als den betroffenen lieb ist. Zudem beruht das "Erfolgsmodell" der städtischen Ausnutzung ländlicher Billigarbeit darauf, dass die Landbevölkerung zwar auf dem Land kein Geld verdiente, aber doch ihr Leben fristen konnte. Die Stadt musste also nicht für die Kosten der Existenzsicherung aufkommen. Mit dem Städteherrschaftsmodell das das Institut hier vorschlägt, wird die Subsistenzwirtschaft auf dem Lande aber beendet. Die billigen Landarbeiter haben keine Existenz mehr, draussen, vor der Stadt, also muss die Stadt wohl oder übel die Kosten der Existenzsicherung übernehmen, die ihr von der Spar- und Geizwirtschaft aufgelastet werden - womit sie in eben die Probleme gerät, die sie heute hat.

Der Schwerpunkt auf Banken, Versicherungen und Verwaltungen internationaler Grossbetriebe zeigt, dass in diesen Städten zwei sehr problematische Straten aufeinander treten werden: Diejenigen, die sehr viel verdienen, aber nichts hergeben wollen, weil sie finden, sie haben's verdient - und diejenigen, die nichts verdienen - und so behandelt werden, als würden sie's verdienen. Dies ist bereits kritisch, ohne zwischen Aus- und Inländern zu unterscheiden. Da diese Unterscheidung aber sehr geeignet ist, noch mehr Unmut zu erzeugen, ist hier warnend zu ergänzen:

  1. 50% der Top-Manager der führenden Firmen im Swiss-Market-Index haben einen ausländischen Pass.

  2. 41%                                      "                            Swiss-Performance-Index            "

Was also bei der vorgeschlagenen Förderung der Städte rausschaut, fliesst zur Hälfte in die Taschen von Immigranten der 2. Art, die normalerweise willkommener sind als die 1. Art, was sich aber ändern könnte, falls sie überhand nehmen und auf ihr Recht bestehen, andauernd gebauchpinselt zu werden, ganz einfach weil sie Geld haben..

Nebenstehende Graphik stammt von Prof. Dr. Hans-Fr. ECKEY, Uni Kassel: Skript zur Lehrveranstaltung “Regionalökonomie”. Sommersemester 2006. Sie macht deutlich, dass mit steigender Bewohnerdichte der Stadt nicht nur der Nutzen, sondern auch die Kosten (Lärm, Verkehr - mit Parkplatzproblemen und steigendem Zeitbedarf durch verstopfte Strassen, Umweltverschmutzung, fehlende Grünflächen, Anonymität, ...) steigen, und dies ab einer gewissen Grössen überproportional. Die Stadtgrösse und Dichte erreicht also irgendwo ein Optimum, das bei gewissen Grossstädten längst überschritten sein dürfte (s. Hong Kong)


http://www.wirtschaft.uni-kassel.de/eckey/Lehre/Regional/Skript.pdf  (wurde inzwischen gelöscht)

 

Politisch Stuss, denn wenn eine städtische Elite nun mal wieder behauptet, sie sei klüger als "das Volk", insbesondere das ländliche, so erinnert sich jenes dummerweise immer noch an die Bedingungen die herrschten, als eben dieser Zustand immer noch herrschte. (s. Feudalismus - Städte, Kommandozentralen des Kapitalimus).

Städte jedoch, die als strategische Standorte in der globalen Wirtschaft fungieren,

tendieren vielfach dazu, sich aus ihren regionalen Bezügen herauszulösen.

Saskia Sassen, S. 74

Entwicklungspolitisch Stuss, da es offenbar darum geht, die Wettbewerbsfähigkeit der Schweizer Städte im internationalen Städtewettbewerb zu stärken. Wie absurd die Idee ist, mit einer Konzentration auf die Städte hier mitspielen zu können zeigt sich sofort anhand weniger Zahlen [Aus: Mike Davis: Planet der Slums. Globale Urbanisierung, Bevölkerungswachstum, Armutskonzentration. Lettre International Winter 2005, S. 44-52]: 2020 werden weltweit voraussichtlich 45 bis 50 % der städtischen Bevölkerung  in Armut leben. 2015 wird es weltweit 550 Millionenstädte geben. 2025 wird es in Asien zehn oder 11 Ballungszentren geben mit über 20 Millionen Einwohnern: Djakarta 25, Dhaka 25, Karatschi 26.5, Shanghai 27, Bombai 33 ....  Bereits wenn wir den heutigen Zustand nehmen (s. Tabelle rechts) gibt es14 Städte die grösser sind als die eine theoretische Schweiz-Stadt, die sämtliche Schweizer beherbergen könnte. Lustig, der Wettbewerb, nicht? Besonders wenn man aus irgend einem Grund keine Chance hat mitzumachen. Abschreckend dürfte auch die Lebensqualität solcher Städte sein (s. Hong Kong). Der enorme Zuwachs der Bevölkerung dieser Städte wird durch die von IWF und WTO auferlegten Umstrukturierungszwänge gefördert. Deregulierung, Mechanisierung der Landwirtschaft, beschleunigen die Abwanderung aus dem Land - obwohl die Städte längst keine Jobmaschinen mehr sind, ja ihre wirtschaftliche Leistung sogar schrumpft.

Apropos Grossstadt: Die erste Millionenstadt der Welt war Bagdad (heute ca. 5 Millionen laut lokaler Auskunft ... 3.8 nach folgender Tabelle ...), und das bereits im Jahr 775. Peking wurde erst 1710 zur Millionenstadt, New York 1925 zur ersten 10-Millionenstadt und Tokio 1965 zur ersten 20-Millionenstadt.

grösste Cities, Kernstädte grösste Stadtgebiet, mit Vorstädten (nicht Agglo)
Rank City Country Population
1 SEOUL South Korea 10,231,000
2 São Paulo Brazil 10,009,000
3 Bombay India 9,925,000
4 JAKARTA Indonesia 9,373,000
5 Karachi Pakistan 9,339,000
6 MOSKVA (Moscow) Russia 8,297,000
7 Istanbul Turkey 8,260,000
8 MEXICO (Mexico City) Mexico 8,235,000
9 Shanghai China 8,214,000
10 TOKYO Japan 8,130,000
11 New York (NY) USA 8,008,000
12 BANGKOK Thailand 7,506,700
13 BEIJING China 7,362,000
14 Delhi India 7,206,000
15 LONDON UK 7,074,000
16 HongKong China 6,843,000
17 CAIRO Egypt 6,800,000
18 TEHRAN Iran 6,758,000
19 BOGOTA Colombia 6,422,000
20 Bandung Indonesia 5,919,000
Rank
Area
Country
Category
Population
1
New York (NY) USA Urban area
21,199,000
2
MEXICO CITY Mexico Urban area
20,267,000
3
Los Angeles (CA) USA Urban area
16,373,000
4
Mumbai (Bombay) India Urban area
16,368,000
5
Kolkata (Calcutta) India Urban area
13,217,000
6
Delhi India Urban area
12,791,000
7
TOKYO Japan Urban area
12,059,000
8
BUENOS AIRES Argentina Urban area
11,298,000
9
SEOUL South Korea City
10,231,000
10
Sao Paulo Brazil City
10,009,000
11
JAKARTA Indonesia City
9,373,000
12
Karachi Pakistan City
9,339,000
13
PARIS France Urban area
9,319,000
14
Chicago (IL) USA Urban area
9,158,000
15
MOSKVA Russia Urban area
8,538,000
16
Istanbul Turkey Urban area
8,506,000
17
Shanghai China City
8,214,000
18
WASHINGTON (DC) USA Urban area
7,608,000
19
BANGKOK Thailand City
7,507,000
20
BEIJING China City
7,362,000

Die bevölkerungsreichsten Agglomerationen (gelb: Asien):

Michael Wolf: Hong Kong

"Nur" 7 Millionen Einwohner - aber mit 530/ha = 53'000/km2 am dichtesten gepackt.

Noch dichter sind die Verhältnisse eigentlich nur an Orten wie dem ehem. World Trade Center, in dem 50'000 Beschäftigte 1.24 km2 Bürofläche belegten, womit die 6.5 ha Baugrund mehr als optimal ausgenutzt waren. Dichte auf Baugrund bezogen: 7692/ha

1. Tokyo-Yokohama Japan 33,200,000
2. New York United States 17,800,000
3. Sao Paulo Brazil 17,700,000
4. Seoul-Incheon South Korea 17,500,000
5. Mexico City Mexico 17,400,000
6. Osaka-Kobe-Kyoto Japan 16,425,000
7. Manila Philippines 14,750,000
8 Mumbai (formerly Bombay) India 14,350,000
9. Jakarta Indonesia 14,250,000
10. Lagos Nigeria 13,400,000
11. Kolkata (formerly Calcutta)  India 12,700,000
12. Delhi India 12,300,000
13. Cairo Egypt 12,200,000
14. Los Angeles United States 11,789,000
15. Buenos Aires Argentina  11,200,000
16. Rio de Janeiro Brazil 10,800,000
17. Moscow Russia 10,500,000
18. Shanghai China 10,000,000
19. Karachi Pakistan   9,800,000
20. Paris France   9,645,000
21. Nagoya Japan   9,000,000 
21. Istanbul Turkey   9,000,000
23. Beijing China   8,614,000
24 Chicago United States   8,308,000
25. London United Kingdom   8,278,000
26. Shenzhen China   8,000,000

Sie sehen die Probleme: Hie Agglomeration mit 1 bis max. 2 Millionen, dort 10 bis 20 Millionen. Und besonders: Wer nach Bombay, Jakarta, Shanghai kann, was will der in Zürich, Genf oder Basel, wo das ganze Land als Markt ev. weniger Potential bietet als dort bereits eine einzige Stadt?

Sogar innerhalb von Europa wäre es müssig, hier auf Gnomenstädte wie Zürich und Genf zu setzen und den Rest der Schweiz zu vernachlässigen. Die gelobten wettbewerbsfähigen Strukturen machen zwar viel Geld, aber nur für sehr wenige. Als Basisökonomie eignen sie sich nicht, sie sind die Spitze, nicht die Grundlage für eine Volkswirtschaft. Eine Spitze ist aber immer nur so stabil, wie ihr Unterbau. Folgende Karte zeigt, wo wie viele Firmen in den nächsten 5 Jahren investieren wollen. Basel fehlt schon mal ... und verglichen mit dem Osten, also Warschau, Prag, Moskau und Budapest geschieht im Westen offenbar nichts vergleichbares - auch nicht, wenn wir die ländlichen Gebiete total in den Ruin treiben und nur noch Stadtökonomie betreiben. [European Cities Monitor 2005]

Sozialpolitisch destruktiv, denn es übernimmt nicht nur kritiklos, sondern geradezu mit Hurrageschrei, neoliberale Postulate. Die grössten Probleme, die unsere gegenwärtige wirtschaftliche und politische Entwicklung bestimmen, werden so zwar aufgenommen - aber zu hehren Zielen verklärt - anstatt nach Alternativen und Lösungen zu suchen. Das Konzept basiert auf einer städtischen Machtpolitik - mit den entsprechenden Problemen.

Es wird vielleicht mehr Arbeit verrichtet, weil mehr Zwang dazu herrscht ... Städte und Manufakturen werden Wachsen, weil mehr Leute zu ihnen verjagt werden, welche Beschäftigung suchen. Zur selben Zeit ist der Lebensgewinn in diesem Zustande schwieriger geworden.

Karl Marx: Das Kapital. 1.1 S. 881

Die in der Untersuchung, genau wie in der Presse, so gelobten Städte, sind wirtschaftlich im Vorteil, weil sie Branchen beherbergen, die das Prinzip jeglichen Unternehmertums am effizientesten durchführen: Nicht durch Arbeit wird man reich, sondern durch die billig bezahlte Arbeit anderer. (s. Die grössten Firmen der Schweiz). Kritisch an dem hier vorgeschlagenen Modell ist insbesondere, dass die Branchen: Chemie, Pharma und Banken zwar exorbitante Gewinne machen und entsprechende Löhne bezahlen - dies aber an eine fast vernachlässigbare Anzahl Beschäftigter. In der Analyse der Lohnstruktur der Schweiz habe ich bereits vor 5 Jahren aufgezeigt, dass die Löhne um so höher sind, auf je weniger Mitarbeiter die Gewinne verteilt werden. (s. Graph Wertschöpfung & Arbeitsmarkt) Schön für die Beteiligten - schlecht für diejenigen, die keinerlei Zugangsmöglichkeiten zu diesen Branchen haben - also volkswirtschaftlich gesehen nicht die Bohne von einer Lösung. Dies bestätigen sogar Finanzfachleute. 2006-6 boomte ja die Wirtschaft. Davon haben aber nicht bloss die Arbeitslosen und sogar die Angestellten nichts gemerkt, sondern auch die Städte nur wenig. Die Zürcher Banken bezahlen etwa 4 bis 5 % der Steuern Zürichs. Davon kann Zürich also nicht leben. Das liegt daran, dass die Banken wie andere Firmen ihre Steuern optimieren, d.h. die Gewinne in dem Büro/Stadt/Kanton/Land anfallen lassen, wo die Steuern am tiefsten sind.
 

Die Graphik rechts macht das Problem der Städte deutlich. Seit 2000 bleiben ländliche Bevölkerung wie städtische Mittelschicht in etwa konstant - was also wächst in den Städten sind Slums, Problemquartiere mit tiefen Einkommen (für die Bewohner, nicht unbedingt für die Vermieter, wenn man erstere genug dicht packt und sich beim Sozialamt absichert, betr. Einkünfte).

Weltweit lebt nun die Mehrheit der Menschen in Städten - aber ein Drittel davon in Slums, in Afrika (Subsahara) sogar 72%. Dichte instabile Materie neigt jedoch zu heftigen Explosionen ... Die Vorstädte von Paris sind immer noch am Kochen - bloss interessiert's keinen mehr -bis es zu spät ist, die Feuer zu löschen

 

http://www.ourplanet.com/imgversn/161/tibaijuka.html

Diese Graphik [Aus Wachsende Stadt - schrumpfendes Umland. Dieter Marmet. Tagesanzeiger 28.4.06, S. 77, zeigt auch, dass "die Bedeutung" der Stadt ganz und gar nicht so eindeutig zunimmt, wie das Stadt- und Kapitalpotentaten behaupten. Wohl steigt ihre Bevölkerung wieder leicht an, aber ihr Anteil an der Gesamtbevölkerung schrumpft dennoch. Genau so wenig wie die SVP, mit 27% wählerstärkste Partei, DIE Schweiz repräsentiert und regiert, genau so wenig tut dies die Stadt.

Landesplanerisch Stuss, denn - was ist die Antwort auf die Frage, ob denn die Städte die offenbar überflüssige Bevölkerung der halben südlichen Schweiz absorbieren können und wollen? Zudem werden weitere Bereiche der Landschaftsnutzung hier schlichtweg ignoriert, links liegen gelassen, obwohl sie ziemlich rechts ... na ja. (s. Master of Landscape Management und Anhänge). Wie sich das mit der Position an der Spitze internationaler Forschungseinrichtungen verträgt, dass da jeder so vor sich hinwurstelt und nicht mal ins Büro nebenan reinsieht? Land- und Waldwirtschaft leben heute, wie eh und je, in einer Art kriegerischen Symbiose. Kaum ein Bauer, der nicht gerne den Waldrand mindestens um Schattenlänge zurückgesetzt hätte - kaum ein Alpbetrieb der einige Jahre nicht bewirtschaftet, nicht von Bäumen überwuchert würde. Aber die teuerste Infrastruktur, die Strassen, werden gemeinsam genutzt. In den letzten 30 Jahren konnten Wald- und Alpstrassen praktisch nur noch gebaut werden, wenn sie eine Doppelnutzung erlaubten, also gleichzeitig Alp und Wald, ev. auch noch ein Tourismusgebiet, erschlossen. Die stetig anziehenden Erdölpreise machen es nun doch deutlich, dass dieser geniale Stoff, leider missbraucht als äusserst billiger und handliche Energielieferant, bereits zur Hälfte verbraucht wurde - in nur 1 Jahrhundert wohlgemerkt. Es handelt sich also höchstens um 10 bis 20 Jahre, bis die Holzpreise wieder auf einem Niveau sind, dass jedermann sagt: Ja seid ihr denn total vertrottelt, all das Geld im Wald verrotten zu lassen. Mit dem hier vorgeschlagenen Konzept bringen wir es aber voll hin, dass bis dann die Alpen weitgehend entvölkert, die Strassen vergammelt, die Arbeitskräfte abgewandert, die lokalen Industrien eingegangen sind. Wollen wir dann die Wälder der Alpen so bewirtschaften wie die Wälder Kanadas und Skandinaviens?

Propagandistisch ein Erfolg ...: Man kriegt bei der Lektüre ja echt den Eindruck, dass die Entwicklung von Städten von Architekten bestimmt (werden könne). Wäre dem so, müsste man die meisten von ihnen fristlos entlassen ... Ein interessantes Experiment betr. der Vorherrschaft der Stadt wurde ja kürzlich von Seiner Excellenz Bush II. dem Verlogenen im Irak losgetreten. Dieser droht, 2 Jahre nach der "Befreiung", immer mehr, in Stücke zu fallen: Unabhängige Kurden, mit Oel, unabhängige Schiiten, mit Oel, abhängige Sunniten, ohne Oel. Da sich in der Metropole Bagdad die gleiche Aufspaltung findet, die Metropole aber zum irakischen Pendant der Alpenbrache gemacht wurde, wird es nun interessant sein zu beobachten, wie (eher als ob ...) sich die städtische Intelligenz (eher Macht ...) die Vorherrschaft wieder sichern wird. Die Entwicklung von Städten und Regionen ist ja weitaus mehr abhängig von strategisch-taktischem Geschick der Einwohner - als von den Plänen der Architekten. So wäre zum Wohle Bagdads bald zu erwarten, dass das Interesse an der Erhaltung der Stadt über die eigenen Interessen wie über die der eigenen Fraktion gestellt werden.  Entscheidend für die Entwicklung von Bagdad wird also kaum ein städteplanerisches Konzept, sondern ein gerüttelt Mass an List und Hinterlist. Und zu der Kategorie gehört vermutlich auch diese Publikation, denn:

Das Studio Basel: Institut Stadt der Gegenwart, macht den neoliberalen Grundsatz zur Norm der Landesplanung:

Helft den Reichen! Armen zu helfen ist Verschwendung von Zeit und Geld!!

... aber überflüssig:

Was ist zu tun, wenn die Marktergebnisse in nicht tolerierbarer Weise von gesellschaftlichen Leitbildern abweichen?
Diese Diskrepanz führt direkt zu der Frage, warum der Staat eine andere Raumpolitik anstrebt, als sie sich  im Rahmen des marktwirtschaftlichen Prozesses ergäbe. Würde er sie nämlich akzeptieren, so wäre regionale Wirtschaftspolitik obsolet.

Prof. Dr. H-Fr. Eckey: Skript Regionalökonomie. Sommersemester 2006

Eine Städteplanung welche den marktwirtschaftlichen Prozessen nicht bloss nacheifert, sondern sie sogar noch zu überholen sucht, dürfte eher zweifelhafte Resultate zeitigen.

"Als Meinung kann man das ja vertreten, aber als Resultat einer wissenschaftlichen Studie ist es relativ fragwürdig. Warum tut er das?" so der Kommentar einer verehrten Freundin, die ich um ihre Ansicht gefragt habe. Die Antwort ist einfach:

Architektur spielt in der symbolischen Repräsentation der Städte eine herausragende Rolle. Kunstmuseen, Theater, Sportstadien sollen durch ihre Architektur zeigen, von welcher Klasse eine Stadt und ihre BewohnerInnen sind. ... Ziel ist es, die Eliten in anderen Städten auf sich aufmerksam zu machen und Unternehmen mit hochqualifizierten Arbeitskräften anzuziehen. 

Philipp Klaus: Stadt, Kultur, Innovation. Kulturwirtschaft und kreative Kleinstunternehmen in der Stadt Zürich. Seismo, Zürich, 2006 S. 65

Man fördert also die eigenen Branche ...

Dass die Gebert-Rüf-Stiftung so was unterstützt und lobt zeigt leider, dass Stiftungen, besonders wenn aus Basel, mit Vorliebe alt-bewährte Denkansätze unterstützen und gerne einen konservierenden Beitrag dazu liefern, die "Ordnung" so zu belassen, wie sie war, ist und bleiben soll: Geld und Macht in den Zentren, billige Arbeitskräfte, Rohstoffe, Erholung in der Peripherie. Es zeigt sich hier deutlich, warum "Wohltätigkeit" traditionellen Stils, die "private Fürsorge", leider oft "zwischen Klammern" gesetzt werden muss. Sie ermöglicht es nämlich,  den Reichen - statt den Armen zu helfen, die so auch noch nach ihrem Ableben dafür sorgen, dass die Verhältnisse von Oben und Unten gewahrt werden.

Die Graphiken zeigen interessanterweise das Selbe, dass sie sowohl auf einer Weltkarte, wie auf einer Stadtkarte (s. Wie Basel nachhaltig verbaut wurde) finden können: Die Klassische Verteilung Nord-Süd - die klassische Aufteilung in herrschendes Zentrum und abhängige Peripherie - und dazwischen eine Pufferzone. Also:

  1. Profitzone

  2. Erholungszone + "Die brauchen wir ab und zu"

  3. Die sollen für sich selbst sehen (Eigenverantwortung)

In diesem Konzept versucht die Profitzone sich endgültig der Verantwortungszone zu entledigen. Wer Wettbewerb will, schafft aber immer auch Verlierer. Wirtschaft und Politik wird nun endgültig nur noch für die Sieger des Wettbewerbs betrieben. Die Verlierer gehören ins Reservat. ... Da sich allerdings eine Ausbeutungszone auch in der Stadt selbst findet, d.h. meist am Rand, muss diese "straffer" geführt werden, etwa so wie die Vororte von Paris .... Ein sehr aktuelles Konzept, aber kaum ein nachhaltiges.

Wie damit umgegangen werden sollte, wenn man eine gerechte, d.h. auch nachhaltige Lösung sucht, habe ich bereits im Juni 05 unter dem Thema:

Strukturpolitik ist durch funktionsorientierte Politik zu ergänzen.

Nur sehr wenige finden Zugang zu Tätigkeiten in den exklusiven Branchen - die eben gerade darum die höchsten Löhne zahlen können. Für die "Normalbürger" gilt es also nicht, diese Elite noch mehr zu begünstigen, sondern Branchen zu fördern, die zwar weniger "bringen", aber dafür vielen zugänglich sind, was sich z.B. deutlich anhand der Metall- und Maschinenbranche zeigt:

Der Vergleich mit dem Bankensektor macht dies noch deutlicher. Hier profitieren primär Zürich (45% der nationalen Bankwertschöpfung) Genf (15%) und das Tessin (7%). Basel wurde durch die Fusion von UBS/Bankverein "abgehängt".

Das Interesse an diesen Bank-Zentren ist verständlich, denn die Schweizer Banken erwirtschaften, vermutlich dank Bankgeheimnis, mehr als doppelt so viel Anteil am BIP wie vergleichbare Länder:

Nichtsdestoweniger taugt der Bankensektor nicht als Muster für Wirtschaftlichkeit, denn all diese Profite bringen dem Normalbürger nix, ja, aus der Sicht der KMUs z.B., nicht mal günstigere Kosten der Kontoführung oder gar günstige Kredite. Im Gegenteil. Mit dem Fokus auf das internationale Geschäft wird die lokale und regionale Wirtschaftsentwicklung bei den etwas "bescheideneren Sektoren", die nicht Maximalrenditen erbringen - aber Stellen schaffen - vernachlässigt.

Martin Herzog, Dipl. Ing. ETH, Basel, 23.12.05

p.s:

Die sonst ultralinke und kritische WOZ merkt rein gar nix und liefert einen Kommentar der mindest so bekloppt ist wie das Konzept - einfach weil's städtisch-hipp und tendenziell gegen den bäuerlich-ländlichen Teil der SVP gerichtet scheint: http://www.woz.ch/artikel/inhalt/2005/nr48/Kultur/12557.html

Kritischer dazu Zyni, das einzige deutsche Satyremagazin (falls Sie von der SVP sind, bitte erst die Definition von Satire lesen. Das ist rein zynisch gemeint und nicht als Sparvorschlag den man in Bern besprechen müsste):

Adam Steinke: Neue Reformansätze der Regierung: Erste Slums in deutschen Großstädten: Dr. Bernhard Müller, Soziologe und Gesellschaftswissenschaftler, erklärt die durch ihn begründete Idee: "Slums stellen einen nicht zu unterschätzende Geldquelle für die Wirtschaft eines Landes dar. Aus Abfall, der für besser gestellte Schichten wert- und nutzlos geworden ist, haben die Menschen in solchen Gebieten gelernt für ihren Lebensunterhalt zu sorgen und somit ihren Teil zum Bruttoinlandsprodukt beizutragen, denn was sie produzieren, fließt erneut in den Wirtschaftskreislauf eines Landes ein. Ohne staatliche Zuschüsse lebt ein nicht unermäßlicher Prozentsatz der Bevölkerung am Existenzminimum und schafft es aus eigener Kraft für ihren Lebensunterhalt zu sorgen."

p.s.ps.: Notiz zu den grammatischen Fiesheiten der Googelei: Unter "städtebauliches portrait", also der Schreibform, welche die Autoren verwendet haben, finden Sie diesen Beitrag auf Platz 1, von 847. Unter "städtebauliches porträt" finden Sie den Beitrag überhaupt nicht, aber dafür die Mehrheit der andern, nämlich 20'500.

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Apropos Fortschritt der Forschung:

Städteplanung ist ein ideales Beispiel um mal zu sehen, wie grandios sich unser Wissen, durch wissenschaftlichen Fortschritt entwickelt hat. Sie haben oben dargestellt das Top-Modell der Städteentwicklung von den Top-Forschern der ETH mit Top-Architekten an der Spitze. Ich zeige Ihnen nun, nur so zum Vergleich, ein paar Überlegungen die sich Städtebauer 1972 zu ihrem Fach angestellt haben [Hermann Korte (Hrsg.): Soziologie der Stadt. Juventa Verlag München 1972]:

Weder bei Weber noch bei Sombart wird die Stadt als Ort der Produktion behandelt. Sie ist primär Ort des Handels, Sitz der Geldwirtschaft.

Wirtschaft, Finanzen, Verwaltung, Kirche, Schule, Gesundheitswesen ... werden zunehmend als formelle oder auch zweckgebundene Funktionskreise ausgegliedert. Die sozialen Beziehungen als zusätzlicher informeller Funktionskreis aufgefasst.

Die Stadt als Funktionssystem:

Aufgabe der Wissenschaft ist es, die Struktur des Systems aufzudecken. Das System (Stadt) lebt viel mehr durch die Existenz seiner Subsysteme als durch zielgerichtetes Funktionieren seiner selbst; es sei in der Lage, partielle Ungleichgewichte durch partielle Massnahmen zu beheben. [S. 29]

Wenn Sie diese Forderung an die Wissenschaft mit dem vergleichen, was unsere Wissenschaft heute leistet (s.o.), sehen Sie sofort, dass die Strukturanalyse nur soweit betrieben wird, als sie notwendig scheint, ihr die propagierte neue Superstruktur "global cities" überzustülpen. Mit dieser Superstruktur wird aber, völlig unkritisch, eine Stadt-Herrschaftsideologie übernommen und nicht nur die Stadt, sondern auch die Landschaft nach dem Konzept ausgerichtet. Auch hier wird belegt, dass es der ETH nach wie vor am soziopolitischen Ansatz fehlt. Forschung und Wissen konzentrieren sich immer noch auf quantitativ-positivistische Ansätze, was den Oekonomismus weiter fördert.

Der urbane Mensch setzt in jedem Fall voraus, dass der andere .., mag dessen Verhalten noch so sonderbar sein, eine Individualität ist, von der her sein Verhalten sinnvoll sein kann ... Das Verhalten ist geprägt durch eine resignierende Humanität, die die Individualität des andern auch respektiert, wenn keine Hoffnung besteht, sie zu verstehen. [S. 24]

Klaus Vogt hat also vor 40 Jahren bereits die notwendige Struktur der "global city" beschrieben. Auch die heute immer rasanter wirkenden Mechanismen der Steigerung des Warenangebots und des Umsatzes waren bereits damals bekannt: Durch geschickte Werbung und Kaufdisposition durch Produktdifferenzierung gelingt es, künstliche Bedürfnisse zu wecken, deren preiswerte Befriedigung zu suggerieren und den Umsatz und Gewinn zu optimieren. .... Man durfte damals aber noch sagen, dass dies mit vernünftiger und bestmöglicher Gesamtversorgung der Verbraucher nichts mehr zu tun hat. Und hier kam damals noch die Ideologiekritik ins Spiel, die heute nur noch dort angewandt wird, wo es um muslimische Terroristen oder Kommunismus/Sozialismus geht.

In den konkreten, sinnlich-wahrnehmbaren Objekten der Planung, den Wohnungen, Häusern, Stadtteilen, manifestieren sich Ideologien, die nicht mehr nur rückführbar sind auf das blosse Bewusstsein der Planer. Zwischen deren Bewusstsein, die Konzipierung und stufenweise Erstellung eines Gebäudes oder einer städtischen Struktur schieben sie Einflüsse gesellschaftlicher Interessengruppen, bürokratischer Instanzen und technischer Zwänge - ein verwobenes Geflecht, bei dessen Entflechtung die verschiedensten Verhüllungsmechanismen kapitalistischer Widersprüche sichtbar werden können, wo also Ideologie enthüllt wird. Eine wesentliche Funktion der Ideologiekritik besteht in ihrem Enthüllungscharakter, gesellschaftlich falsches Bewusstsein aufzudecken. [S. 38-9]

Die Zentren der Globalen Unternehmen, insbesondere die Internationalen Finanzzentren, betreiben nämlich genau das, was sie als grösstes Problem der Wirtschaft überhaupt ansehen: Zentrale Wirtschaftsplanung. Aus der Perspektive sind die gelobten Global Cities nicht viel anderes als regionale Vertretungen eines Wirtschaftskremls.

Dieser Aspekt fehlt hier, beim städtebaulichen Portrait, völlig. Nicht nur das. Das Verfahren wird geradezu umgekehrt. Man nimmt eine Herrschaftsideologie, die Herrschaft des globalen Kapitals, konzentriert in global cities - und macht daraus ein "wünschbares Modell" für die Stadtentwicklung - ohne im geringsten zu Fragen, ob und wie lange dieses Herrschaftsmodell von den Beherrschten wohl akzeptiert wird: Global City als die Burg der Herren der Welt(wirtschaft). Dass aber auch damals weder die Soziologen noch die Bürger viel zu sagen hatten, war schon klar:

Nicht eine freie Diskussion freier Menschen über die richtige Form ihres Zusammenlebens, sondern weitgehende Herabsetzung der Konfliktmöglichkeiten bei gleichzeitig geringstmöglicher Störung der Infrastrukturfunktion der Stadt für eine privatorganisierte Wirtschaft stellt sich, ob gewollt oder ungewollt, als das Ziel einer auf den Faktor Mensch gerichteteten Diskussion dar. ... Das Funktionieren der Organisation soll verbessert, die Zufriedenheit der Menschen mit dem, was ist, soll erhöht werden, ohne dass der Gesamtrahmen der Organisation analysiert oder gar in Frage gestellt würde. Aus diesem Grund sind auch die grossen Entwürfe der Soziologen praktisch folgenlos geblieben. [s. Optimale Gesellschaftsmodelle aus der Perspektive der Sozialwissenschaften] Weder Nachbarschaft noch Oeffentlichkeit liessen sich realisieren. Erst wenn Stadt als sozio-ökonomisches System begriffen wird, werden die Analysen genauer werden und wird die Einsicht in die Hilflosigkeit der Soziologie als Wissenschaft Veränderungen zu erreichen, wachsen. [S. 174]

Aktuelles Beispiel s. Die letzten Quadratmeter Kleinhüningens vor der Ueberbauung.

Kritische Literatur zum Städtebau muss heute leider zeitlich und räumlich weit weg gesucht werden,  und auf Spanisch. S. auch den Klassiker, Ivan Illich: La convivencialidad
Ocotepec (Morelos, México), 1978. & Tools for Conviviality.
 

M. Herzog, 6.8.06