Kulturindustrie, Kreativwirtschaft ...

Kultur ist etwas, das sich verkauft ...

Inspiriert von: Philipp Klaus: Stadt, Kultur, Innovation. Kulturwirtschaft und kreative Kleinstunternehmen in der Stadt Zürich. Seismo, Zürich, 2006

1. Die Ökonomisierung der Kultur

Wurde noch vor 10 Jahren viel (und teuer) darüber referiert, wie mit der "symbolischen Ökonomie", der wissensbasierten Wirtschaft, die Bedeutung der "Geschichtenerzähler" zunähme, wird heute von der Bedeutung der Kultur als Standortsfaktor geredet, so darf man dabei nicht übersehen, dass mit "Kultur" hier vor allem die Einbindung und Industrialisierung von Freizeit in die sog, Kulturindustrie oder Kreativwirtschaft gemeint ist (s. auch "Events"). Adorno und Horkheimer beschrieben mit diesen Begriffen bereits ab 1940 diejenigen Produktionszweige, deren Produkte als Träger symbolischer Bedeutung und Images, als Mittel der Unterhaltung, als Instrumente der Information, Überzeugung und Beeinflussung,  oder auch als Mittel der sozialen Selbstdarstellung fungieren.

Diese Art von "Kulturproduktion" ist nicht mehr, wie die früherer Jahre, eine Sache von Engagement und Freiwilligenarbeit, sondern eine primär wirtschaftliche Tätigkeit.So konnte und musste Zukin bereits 1995 sagen:

Kultur ist etwas, das sich verkauft, etwas das wahrgenommen wird.
Und damit hat die Kultur auch weitgehend ihre Gefährlichkeit verloren, die sie als gesellschaftskritisches Gefäss, als Reflexion gesellschaftlicher Prozesse und Strukturen besass.
[S. 39]

Die wichtigsten Entwicklungsphasen auf dem Weg von Industrie- zu Informationsökonomie und von da zur Kulturökonomie waren:

  1.  in den USA bereits zwischen den Weltkriegen die Werbeindustrie, in GB erst ab 1970
  2. 1950 Fernsehen
  3. die Musikindustrie war bis 1960 relativ unbedeutend. Mit der Verbreitung des Plattenspielers setzte aber ein immer rascherer Wechsel der Technik ein, der den Bereich antrieb: Stereoanlagen, CD, Video, DVD, MP3 ...
  4. 1970 Verlagswesen
  5. 1990: Lifestyle economy: Konsumgüter sind Mittel zur Schaffung von Identität und Bedeutung: Ich bin was ich habe, was ich kaufen kann.

Mit dem Verschwinden der lokalen Industrien und wiederkehrenden Krisen in Regierung und Finanzhaushalten, ist Kultur mehr und mehr zum Business der Städte geworden - die Basis ihrer touristischen Attraktivität und ihrer Einzigartigkeit in der Konkurrenz der Städte. Hier sind die grössten und teuersten Tempel immer noch Oper, Theater und Museen, von zunehmender Bedeutung aber auch Film, Musik und die Alternativkultur:

Während dem allerdings die Kultur eine weitgehende Verwirtschaftlichung erfuhr - wurde die Wirtschaft immer unkultivierter. (Freiheit = Freiheit zu Entlassen, Freiheit absurd tiefe Löhne auf der einen, absurd hohe Löhne auf der andern Seite zu bezahlen, Freiheit, sich um nichts als die eigenen betrieblichen Interessen zu kümmern etc.

 

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1.1 Outsourcing unter der lenkenden Macht städtischer Headquarters, statt frei sich assozierender Kleinbetriebe

Der Wechsel von Handarbeit in der Manu-faktur zu maschinenbetriebenen Fabriken wurde als Bedrohung empfunden, da er die Bauern, die der unrentablen Landwirtschaft den Rücken gekehrt hatten und ihr Brot versuchten in der Fabrik zu verdienen, nun wieder aus diesen vertrieb. Dagegen wurde der Wechsel von der Massenproduktion von Massengütern des Fordismus zur flexiblen, spezialisierten Produktion (industrial divide) von vielen :zuerst auch als Chance gesehen. Netzwerke von kleinen und kleinsten Unternehmen wie in der Lombardei, Veneto und Toscana, sowie Baden-Württemberg, hätten die Basis dieser neuen Ökonomie bilden sollen. Allerdings ist die Textilbranche Italiens, wie generell Europas, dank China heute nicht mehr so vorbildhaft.

 Ideologisch gefördert worden waren diese Ideen der eher subsistenzorientierten Kleinwirtschaft vor allem von Kropotkin. Der propagierte dezentrale Produktionssysteme, basierend auf gut vernetzten Kleinstrukturen in Industrie, Handwerk und Landwirtschaft. Etwas aktueller dann Schuhmacher's Buch "Small is beautiful" (1956), das 1970 und 80 zu einer Renaissance der Kleinbetriebe führte.

Die Netzwerke der Kleinen mussten aber bald erkennen, dass sie eben nur Peripherie sind, die Herren aber, wie früher, wieder  in der Stadt in ihren Türmen sitzen, geschützt vom Volkszorn durch hohe Mauern. Die Entscheidungsfunktionen derjenigen Betriebe die als zukunftsträchtig betrachtet werden, also börsenwerte produzieren, liegen in Städten, präziser den Global Cities, von wo aus Auslandinvestitionen und Kapitalmärkte kontrolliert werden.

Folge:

Es gibt zwar mehr Kleinbetriebe - aber keine Zunahme der Unabhängigkeit und keine bessere regionale Verteilung! Dafür mehr Abhängigkeit von den Grossen. Auch hier spielt die alte Strategie des "divide et impera".

Hinter der Strategie müssen nicht mal verborgene Mächte, graue Eminenzen oder "die sieben Weisen" stehen, das geht quasi von selbst: Innovative und dynamische Unternehmen haben grössere Wachstumsraten, und schaffen positive Erwartungen auch bei andern (s. Fussballmatcheffekt auf Börsenkurse). Es entsteht eine Agglomerationsökonomie mit Wachstumspolen. Solche Wachstumspole in der Peripherie anzusiedeln misslang meist, da dort die verlangten Standortsbedingungen (qualifiziertes Personal, cooles Umfeld, Netzwerke) weitgehend fehlen. Für eine solche Entwicklung wichtig sind insbesondere Interaktions- und Lernorte wie Ausbildungs- und Forschungsstätten, Industrie- und Handelsmessen, Berufsorganisationen; Museen, Clubs, Trade Centers ... Weil diese in peripheren (d.h. meist ruralen) Gegenden fehlen, und weil die von Lasuéns Clustertheorie ebenfalls als entscheidend angesehene starke Vernetzung mit Zulieferbetrieben und unter denselben; wie auch die Ballung von Betrieben in gewissen Regionen, meist auf Städte beschränkt ist, hatte die Absicht, neue rurale Zentren zu schaffen, meist nur wenig Erfolg.

Das Un-Gleichgewicht zwischen schumpeterscher Zerstörung und Aufbau ist entscheidend dafür, ob Wandel als Strukturänderung oder als Strukturbruch empfunden wird. Gleichzeitiges Vergehen von alten und Entstehen von neuen Strukturen wird kaum je beklagt, da ein Wechsel leicht möglich ist. Gerade das was allerdings als "Strukturwandel" die letzten 15 Jahre lauthals angepriesen wurde, hat meist wenig mit Wandel und dem Aufbau von Neuem, viel aber mit Abbau zu tun. Alleine schon die dabei verwendeten Begriffe zeigen es bereits: downsizing, Verschlankung der Strukturen, Rationalisierung, Zusammenschlüsse (s. mergers) und Ausnutzung der "Synergien", Flexibilisierung, Outsourcing, ..

 

1.2 Standortwahl und Wettbewerbsfähigkeit

Wettbewerbsfähigkeit nach Porter:

  1. Ausstattung mit Produktionsfaktoren

  2. Heim-Nachfrage, als Indikator der Kundenbedürfnisse

  3. Räumliche Nähe von international wettbewerbsfähigen Zulieferern und Dienstleistern

  4. Firmenstrategien und Inlandwettbewerb

 

Als erster Punkt: Produktionsfaktoren, d.h. Arbeitskräfte, Rohstoffe (Nähe ersetzt durch gute Verkehrsanbindung), Platz. Diese Liste dürfte allerdings von einem Betriebswirt erstellt worden sein und nicht vom Marketing. Da Käufer aber heute weitaus eher das Fundament einer erfolgreichen Firma sind, dürfte die Liste der wichtigsten Faktoren für "global cities", unten, treffender sein. Dort steht der Zugang zu (neuen) Märkten und Kunden an der Spitze. Dies auch ein Verweis darauf, welch grosse Bedeutung Heimmärkte für jeden Betrieb haben, sogar was den Wettbewerb betrifft.
 


http://www.fco.gov.uk/Files/kfile/European_Cities_Monitor_2005_FINAL.pdf

Kommentar: Internationale Erreichbarkeit, Verfügbarkeit an Arbeitskräften mit guter Ausbildung, kulturelles Angebot, städtisches Leben - kriegen in Zürich eine hohe Qualität, scheinen für Unternehmer aber eine geringe Bedeutung zu haben. Es dürfte sich um einen ähnlichen Effekt haben, wie bei der Erschliessung. Es geht nicht ohne, da sie aber teuer und nicht rentabel zu betreiben ist, überlässt man sie dem Staat. Die Kulturindustrie ist zwar eine Wachstumsbranche, wird aber nicht mit der gleichen Aufmerksamkeit wahrgenommen wie der Hightech-Sektor, (also eher entspr. der jeweiligen finanziellen Erträge)

http://www.wirtschaft.uni-kassel.de/eckey/Lehre/Regional/Skript.pdf

2. World Cities - Global Cities: Die Zentren der Headquarter-Machtwirtschaft

Heute gehört Zürich, dank seines Finanzsektors, zu den Global Cities, ja gar zur 1. Kategorie der World Cities, Genf zur dritten, dies allerdings immer noch in illustrer Gesellschaft:

  1. Frankfurt ... A10
  2. Zürich ... B9
  3. Berlin, Hamburg, München C4
    1. Rom C5
    2. Amsterdam, Düsseldorf, Genf, Prag ... C6

Zur Zeit der französischen Revolution war Zürich lediglich die fünftgrösste Stadt der Schweiz, wirtschaftlich und politisch relativ unbedeutend. Es war damals als Standort interessant, da es über Wasser (der wichtigste Entsorgungskanal für flüsssige und feste Abfälle, wie auch zuverlässige und geschickte Arbeitskräfte verfügte. Zürich durchlief 4 Hauptphasen:

  1. Seidenindustrie
  2. Industrialisierung im 19. JH: Maschinenbau. Einbruch der Maschinenindustrie ab 1960
  3. Finanzdienstleistungen. 1968 wird Zürich mit dem Goldpool zu einem der wichtigsten Goldmärkte der Welt
  4. Headquarter-Wirtschaft

Bis zum 1. Weltkrieg war die Textilindustrie (Baumwolle, Seide) die führende Branche 1/3 aller Beschäftigen der Schweiz dieser Branchen arbeiteten in und um Zürich. Als die Bedeutung der Bauwollproduktion für die Schweiz schwand, änderte Basel seine Strategie Richtung Seidenverarbeitung, speziell Färberei, Zürich Richtung Geldversorgung der neuen Grossbetriebe. Die Machtkonzentration der Geldinstitute in Zürich wurde vor allem durch Alfred Eschers gefördert. Ihm unterstand zugleich die Führung der Nordostbahn und der Gotthardbahn - wie auch der Kreditanstalt, welche das alles finanzierte. Dazu war er auch ausgiebig in der Politik aktiv.

Macht-Konzentration trägt immer auch Risiken in sich. 2003 etwa sind 17% der Beschäftigen Zürichs in der Finanzbranche tätig und erwirtschaften rund einen Drittel der städtischen Wertschöpfung. Informatik, Treuhand, Beratung hängt vorwiegend vom Finanzsektor ab! Durch Umstrukturierung sind allerdings auch diese (immer noch) lukrativen Jobs nicht mehr so lustig ... "Man" macht immer noch viel Geld, verteilt es aber auf noch weniger Gewinner.

Die starke Abhängigkeit von Finanzdienstleistungen würde andernorts als "Bananenrepublik" beschrieben. Also Banken-, Pharma- und Chemierepubliken. Die Stadträte von Basel könnten darüber vermutlich einiges erzählen ... wenn sie dürften.

1993 befanden sich zudem über 40% aller US-Unternehmen in der Schweiz im Kanton Zürich (z.B. General Motors, Microsoft), 20% in Genf, 8.5% in Zug. 1990 konzentrierten sich 30% der 500 grössten Unternehmen der Schweiz in der Agglomeration Zürich, der gewichtigsten Clusterökonomie der Schweiz. 31% aller Beschäftigen der Informations- und Kommunikationstechnologie der Schweiz arbeiten ebenfalls in Zürich, die Hälfte davon in der Stadt.

Der Kulturindustriesektor hat sein 1995 um über 10% zugenommen. Alleine die Zahl der Designer oder Graphiker hat sich seit 1995 verdoppelt.

  Berlin % Zürich
Film- und TV-Wirtschaft
Musikwirtschaft
Printmedien
Werbewirtschaft
Kunstmarkt, darstellende Künste
20.9
  4.0
28.7
29.7
14.4
  9.7
  6.8
39.2
27.6
16.6

Ein beträchtlicher Anteil der Züricher Kultur wird also durch Tagesanzeiger und NZZ geliefert ...

Ein gewichtiges Element der neuen Massenkultur für Zürich ist die Street Parade. Aber auch ohne solche Sonderevents scheint die Ausgehfreude der Zürcher phänomenal. An einem Freitag oder Samstag nehmen rund 30'000 Personen an über 100 Parties teil, was mit Auslagen zwischen 35 und 200 Fr., bereits ohne Kleidung, Schuhe Accessoires, verbunden ist.  Die Ausgehfreudigkeit der Bevölkerung schlägt sich in einer Verdreifachung der Beschäftigung bei Bars und Parties (Diskotheken) nieder. [S. 95]

  • Zürich hat heute Galerien, die von der Grösse mit New York und London vergleichbar sind.
  • Was ich extrem finde, ist diese Ausgangskultur am Abend
  • Basel ist in der letzten Zeit etwas eingeschlafen.
  • Zürich ist übersichtlich und das ist gut.
  • In New York oder London kann man nicht besser arbeiten, da grössere Konkurrenz.
  • Zürich hat eine ideale Grösse. In Amsterdam war es anders, ein bisschen zu gross, kommst nicht durch die Szene durch.
  • Die Leute hier sind einfach bereiter, irgendwie ungewöhnliches Zeugs anzuziehen oder experimentierfreudiger als irgendwo ..
  • Geld ist da und es wird auch für Design ausgegeben.
  • Es gibt viel Geld in der Schweiz und in Zürich. Dies ermöglicht die Szene.
  • Zürich ist ein ausserordentlich guter Standort für unser Business. Geld ist da, Projekte sind da.

Zürcher Klubs (ohne Anspruch auf Vollständigkeit oder Aktualität): Aaah!, Abart, Acqua, Adagio, Aera, BBQ, Code Club, D-33, Dionis, Dynamo/Werk21, Garufa, Herb, Hey, Indochina, K5 Club, Kanzlei, Kaufleuten, Kukuk, Labor, Latin Palace, Labyrinth, Le Bal, Mascotte, Mellow Club, Moods, New Gothic Club, Oxa, Provitreff, Q Club, Rohstofflager, Säulenhalle *, Spidergalaxy, Stoffwechsel 15, Suüermarket, Tonight, Toni-Molkerei, Tropicana Club, UG Club, X-Tra, Zodiac, Zoo Club.

* War früher mal die Säulenhalle (Stoa poikile) Ausgangspunkt von Philosophie, so heute offenbar von Unterhaltung.

Die Aussagen rechts zeigen auch das Problem einer Kulturwirtschaft: Sie ist, d.h. präziser, sie wird als sekundär betrachtet. Ist wenig Geld da, kommt man mit weniger Kultur aus (viel eher, als mit weniger Auto z.B.).

 

3. Bedeutung der Stadt für die Kultur - Bedeutung der Kultur für die Stadt

Die Kulturwirtschaft konzentriert sich überall auf die Städte. 34% aller Kulturbeschäftigten von Schweden leben in Stockholm, 24% derjenigen von GB in London + 21% in Südostengland. New York ist Wohn- und Tätigkeitsort von 30% aller Beschäftigten in der Kulturbranche und generiert 25% der Einkünfte aller Museen  der USA. Nur in Deutschland liegt die Sache etwas verquert, was mit dem Schicksal seiner Hauptstadt zu tun hat, denn Berlin liegt mit 7% deutlich hinter Hamburg, München und Frankfurt.

Es wird behauptet, dass von den Global Cities die stärksten kulturellen Impulse ausgingen, dass diese sich ökonomisch durchsetzen und weltweit verbreiten. Neue Trends und Moden werden vor allem in den Städten entwickelt. Sponsoring, Werbung und Imageproduktion regen die kulturelle Produktion an und lassen die verschiedenen Branchen der Kulturökonomie wachsen. Hinter der Imageproduktion steht der Versuch von Unternehmen und Städten, auf sich aufmerksam zu machen und für sich und ihre Produkte zu werben. Dahinter stehen die Strategien der Imagebildung und der Aufwertung von Stadtquartieren, der Wachstums- und Beschäftigungspolitik und der Absicht, coole Stadtteile mit aktiver Subkultur und kreativen innovativen Kleinstunternehmen zu fördern

Die vier Sätzchen enthalten mehr be-denkenswertes, als Sie beim durchlesen auf den ersten Blick vermutlich wahrgenommen haben:

  1. Die sog. "kulturellen Impulse" gehen natürlich nicht einfach aus von diesen Städten, sondern werden aktiv propagiert. Da Massenmedien meist auch gleich in diesen Städten sitzen, kein Problem.
  2. Damit wird der Urheber der Propaganda gleich zum Schöpfer der neuen Definition dessen, was Kultur (Trends und Moden) sein sollte.
  3. Image ist eines, Realität meist etwas anderes. Vor lauter Image sollte man letztere aber nicht vergessen. Kommt meist nicht so gut raus.

Zum letzten Punkt sind insbesondere Naomi Kleins Hinweise auf die Macht des Logo nach wie vor zu berücksichtigen, da dieser Trend nach wie vor Urständ feiert: Es war an der Zeit, Teenager und ihre überalterten Nachahmer auf der ganzen Welt mit MTV; Nike, Hilfiger, Microsoft, Netscape und Wired zu beglücken .... Im Verlauf des Wandels entpuppte sich der Druck der Jugendlichen untereinander als machtvolle Marktkraft, neben der sich das "Mit-den-Nachbarn-Schritt-halten-Konsumieren" ihrer mittelständischen Eltern geradezu schwächlich ausnahm.

Die hiezu passende Definition von Kultur wäre wohl: Kultur ist, was ich konsumiere, vor allem, wenn es mich gut aussehen lässt.

Eine weitaus wichtigere Aufgabe als Lifestyle Economy zu betreiben, wäre eine Lifestyle-Optimierung, denn daran misst sich die Nachhaltigkeit.

 

3.1 Bedeutung des Images, und damit des Designs, als Imageproduktion

Design ist, genau wie Kritik, nur eine "second-hand-Kreativität", denn genau wie die Kritik, stürzt sich der Design auf etwas, das bereits geschaffen wurde, also ein bereits vorhandenes Objekt. Während die Kritik versucht, es aus verschiedenen Perspektiven zu sehen, also auch unter den normalerweise verdrängten, weniger erwünschten, weniger schönen, weniger attraktiven, betont Design nur gerade die eine Perspektive der Ästhetik und versucht, Dinge .... und ihre Eigentümer, besser aussehen zu lassen.

Stadtregierungen, meist zusammen mit privaten Trägerschaften, arbeiten an den Images der Städte und versuchen diese weltweit zu verkaufen. Dabei ist Kultur zu einem Verkaufsargument geworden, zumal mit dem Niedergang vieler Industrien Symbole kaum mehr mit den jeweiligen Städten verknüpft werden können (Detroit-Autoindustrie, Sheffield-Stahl, Jura-Uhren, ...

  1. Förderung von Wettbewerbsvorteilen
  2. Stärkung der eigenen Position in der Konkurrenz im Konsumbereich durch Allokation von gehobenem Shopping, Unterhaltung, Kulturtourismus ..
  3. Konkurrenz als Schlüsselfunktion des Finanz- oder auch Regierungssektors sowie der Medien- und Kommunikationsbranche
  4. Verstärkung der Position in der Konkurrenz um staatlichen Mehrwerte

Damit wird Imagebildung zu einem wichtigen Element der Stadtregierung die diesen Auftrag umsetzt durch Kunst an Gebäuden, Inszenierung von Anlässen kultureller oder quasi-kultureller Art (Ausstellungen, Modeschauen ..) im öffentlichen oder halböffentlichen Raum.

Architektur spielt in der symbolischen Repräsentation der Städte eine herausragende Rolle. Kunstmuseen, Theater, Sportstadien sollen durch ihre Architektur zeigen, von welcher Klasse eine Stadt und ihre BewohnerInnen sind. ... Ziel ist es, die Eliten in anderen Städten auf sich aufmerksam zu machen und Unternehmen mit hochqualifizierten Arbeitskräften anzuziehen.  [S. 65: ].

Federführend sind hier offenbar die Architekten, weshalb es nicht verwundert, dass sich manch einer der Gilde zum Sprachrohr der Förderung der Städte (und der Renaturierung ländlicher Gegenden) macht. (s. Städtebauliches Porträt).

Die Aussage: Trotz seiner vielen sozialen Probleme ist Los Angeles wie Paris, London, Hong Kong, oder Rio de Janeiro eine jener einzigartigen Städte, die sich auf Anhieb erkennen lassen, weil sie eine einmalige kulturelle Ausstrahlung und Mystik besitzen - lässt berechtigte Zweifel zu, ob es wirklich in der Hand einiger gutbezahlter Topdesigner liegt, Städten "kulturelle Ausstrahlung und Mystik" zu verschaffen.

 

3.2 Bohème und der Zyklus: trendification - gentrification

Zu den Bohemiens zählt Richard Florida AutorInnen, DesignerInnen, MusigerInnen, KomponistInnen, SchauspielerInnen, KunstmalerInnen, BildhauerInnen, PhotographInnen, TänzerInnen, KunsthanwerkerAussen (nerftnerftnerft...). Florida hat auch eine starke Korrelation des Hightechsektors mit dem Gay-Index, also dem gehäuften Auftreten von Schwulen, und dem Talent-Index festgestellt.

Man muss da sein, wo ich glaube, dass ich eben am produktivsten bin. Ich muss wirklich da sein, wo es passiert. [S. 76]

Für echte Bohemia braucht es immer auch Immigranten (s. Aussenseiter), denn vor allem in diesen Quartieren wächst die kulturelle Vielfalt, herrschen tiefe Mieten, grosse gegenseitige Toleranz, eine Vielfalt an Moden, Musik- und andern Stilen (Gastronomie z.B ... obwohl die seltsamerweise meist nicht zur Kultur gezählt wird ... von Kulturbanausen.

Die Attraktivität der Städte wie der Bohème-Quartiere entwickelt sich allerdings zyklisch: ab 1960 entleerten sich die Städte. Die Eltern der Babyboom-Generation wollten eine gesunde und ruhige Umwelt für ihre Familie. Ab 1991, parallel zur Abnahme der Geburten, würd' ich mal vermuten, nimmt die Bevölkerung der Städte wieder zu  (Jupyfaktor). Dennoch nimmt ihre relative Bedeutung, als % der Gesamtbevölkerung, weiter ab, was auf Grund der beschränkten Platzreserven nichts als logisch ist.

KIK (Kreative innovative Kleinstunternehmen) lassen sich dort nieder, wo sie zahlbare Mieten finden, Industriebrachen z.B. sind sehr beliebt. Wenn das Gebiet allerdings "heiss" wird, zieht der Mittelstand zu und die Gentrification setzt ein, die Preise steigen, der Wunsch nach Ruhe und Ordnung wird stärker bewertet als das kreative Chaos, der Stadtteil wird trendy, die Restaurants teuerer ... und für die Kreativen unerschwinglich. Die verziehen sich also wieder. Dafür ziehen Architekten, Medienschaffenden und Werber ein.

Häufig geschieht dies, wenn Kultur zu sehr gefördert wird. Beachtenswerte Beispiele der Förderung der Kulturökonomie sind: das Museumsquartier Wien, Temple Bar Dublin, Media-Spree Berlin, Westergasfabriek und Museumtemplein Amsterdam, Museumsinsel Berlin, Kulturmeile Kreis 5 Zürich; Centre Pompidou Paris; Tate Modern London ..

Solche Anstrengungen führen allerdings meist dazu, dass mehr in Prestigebauten investiert wird und der Wohnungsbau zurückgeht: Was auf den ersten Blick als uneingeschränkt positives Ziel erscheint - die Creative City - wird bei genauerem Hinsehen eine zwiespältige ideologische Rauchschwade, welche die sozialen Kosten, die mit der zwangsläufigen Adaption an die Erfordernisse der neuen flexiblen globalisierten Ökonomie verbunden ist, inklusive reduzierte Transparenz in der Urban Governance, sozialer und geographischer Polarisierung und grossmassstäblichen Veränderungen in der urbanen Landschaft und beträchtlichen Verdrängungen. Es ist kein Akt von Kreativität, diese zu ignorieren. [Hansen et al 2001. S. 85]

 

4. Kleinbetriebe

Für Kunst und Kultur sind unbedingt freie Gestaltungsspielräume nötig, um Kreativität und Originalität sicher zu stellen, um originelle, aber zugleich marktfähige Produkte zu erzeugen. So herrscht bei den Betreibern der Kulturbetriebe meist ein selbstverständliches Bedürfnis nach Selbständigkeit: Selbstverwirklichung, Umsetzung des eigenen Designs, der Modeschöpfung, des Textes

Finanziell betrachtet handelt es sich dafür allerdings meist um eigentliche "Scheissjobs": 62% der KünstlerInnen in GB verdienen weniger als 10'000 Pfund im Jahr. Dass im UK  1.5 Millionen, also 5% der Beschäftigten, 4% des BSP schaffen, deutet ja bereits auf  unterdurchschnittliche Löhne hin. Auch in Zürich plagen finanzielle Probleme:

 

4.1 Probleme und Anliegen im kulturellen 4. Sektor

  • Die Wirtschaftsförderung des Kantons sollte hier wirklich aktiver werden. Die betreiben aber vor allem ... Coaches, die sagen, das und das müsst ihr machen etc. Aber Finanzierung auch von Risiken gibt es nicht.
  • Banken bringen keine guten Dienstleistungen für kleine Unternehmen.
  • Die Schweiz ist ein hartes Pflaster, wenn man kein Geld hat. Wenn man Geld hat, etabliert ist, wird einem die Hand gereicht.
  • Was schlecht ist: Banken. Wir haben Phasen mit grossem Finanzbedarf. Banken helfen nicht. Staat sowieso nicht.
  • Finanzielle Unterstützung durch Banken, das ist eine Illusion.
Die Kapitalbeschaffung ist mehr als schwierig und bei den Banken eigentlich erst möglich, wen das Unternehmen weit gehend etabliert und auf Kredite nicht mehr angewiesen ist.

Risikobereitschaft und Flexibilität sollten zu Betriebsgründungen animieren. Selbständige tragen aber viele Risiken. Die Löhne sind meist tiefer und unsicherer als bei Angestellten, die Absicherung gegen fehlende Aufträge nicht so leicht möglich wie gegen Arbeitslosigkeit.

1997 erzielten 17% der Selbständigen einen Nettoreallohn zwischen 10'000 und 30'000 Fr., 1991 waren es erst 14% gewesen. Das bedeutet eine Zunahme von 80'000 auf 120'000 Personen die unter dem Existenzminimum leben. Über 40% der Unternehmen mache im ersten Jahr einen Umsatz von weniger als 100'000. Diese Unternehmer plagen also oft pure Existenzangst, die Aussicht auf eine langfristig recht unsichere Zukunft - und dazu auch noch eine überdurchschnittliche Arbeitsbelastung! Die Sache mit der "Eigenverantwortung" mag zwar gut tönen, hat aber ein paar seltsame Aspekte.

Insbesondere ist hier die Grösse nachteilig. Die Mengen sind zu gering für Rabatte, oft gar zu gering, um überhaupt beliefert zu werden. Kleinstunternehmen werden von Lieferanten oft zweitklassig behandelt.

Nachdem die UnternehmerInnen bereits zu ihren Träumen im Zusammenhang mit ihren Unternehmen befragt wurden (Geschäft an besserer Lage, im Zentrum ..), wurden zum Schluss des Interviews Träume im Allgemeinen angesprochen. Die Frage wurde meist knapp beantwortet, wenn überhaupt.

Zitat: Ferien.

Wichtige Anliegen der kulturellen Kleinstunternehmen:

  1. finanzielle Unterstützung
  2. Politik
  3. Regierungsprogramme
  4. Aus- und Weiterbildung
  5. Forschungs- und Entwicklungstransfer
  6. kommerzielle und professionelle Infrastruktur
  7. interne Marktoffenheit
  8. Zugang zu physischer Infrastruktur
  9. kulturelle und soziale Werte und Normen bezüglich Unternehmertum. Gerade in der Schweiz sind die unternehmerische und die Gründungskultur nur schwach ausgebildet (... dafür das Sicherheitsdenken und die Haftung bei Versagen um so ausgeprägter).

Martin Herzog, Dipl. Ing. ETH, Basel, 30.4.06

Der "Handel" mit Musik zeigt auch, dass bekannte, wenn auch nicht grad frische Marken hier absahnen, durch Auftritte. Musik als Werk also nicht viel abwirft, sondern vor allem als Event.

Ergänzung vom 30.11.07:  Die Kreativbranche Schweiz in Zahlen

Die Erhebungen der Zürcher Hochschule der Künste (ZHDK ... grässlicher Design, nix zu finden ... musste den ganzen Kokolores vom Tagesanzeiger von Hand in Excel übertragen: Marcel Speiser: Fast 20 Milliarden Franken Wohlstand - dank Kreativität. 30. Nov. 07. S. 27), also dank dieser Daten lässt sich nun die Struktur diesen Bereiches doch besser verstehen:

Beispiele Anzahl Unternehmen Veränderung seit 2001 in % Umsatz in Mio Fr. Veränderung seit 2001 in % Beschäftigte Veränderung seit 2001 in % Umsatz pro Unternehmen Umsatz pro Mitarbeiter (= Produktivität) Mitarbeiter / Betrieb
Musik Komponisten. Toningenieure 1684 4 2060 5.2 14014 -6.7 1'223'278 146'996 8.3
Bücher Schriftsteller. Buchhändler 1082 -3.9 1913 -3.5 7885 -2.1 1'768'022 242'613 7.3
Kunst Maler. Restauratoren 1129 1.1 1479 12.2 4007 -12.9 1'310'009 369'104 3.5
Film Drehbuchautoren. Schauspieler 1015 18.9 1431 13.4 7028 6.3 1'409'852 203'614 6.9
Rundfunkt / TV Moderatoren.Produzenten 106 1.9 2198 3.6 7058 0.7 20'735'849 311'420 66.6
Darstellende Kunst Tänzer. Cabarettisten 593 14.7 781 34.6 7921 -1.3 1'317'032 98'599 13.4
Design Graphiker. Modeschöpfer 7991 7.9 6681 6.1 24510 -1.1 836'066 272'583 3.1
Architektur Architekten. Landschaftsplaner 11482 5.2 8293 18.4 36662 3.7 722'261 226'202 3.2
Werbung Werbetexter 395 2.1 8384 -14.9 9467 0.8 21'225'316 885'603 24.0
Software/Spiele Videospielentwickler 11013 9.7 21390 42.6 53744 -5.3 1'942'250 397'998 4.9
Kunsthandwerk Goldschmied 854 -2.1 110 -8.1 3183 -21.6 128'806 34'559 3.7
Presse Verleger, Journalisten 2309 10 8236 0.3 23646 -10.4 3'566'912 348'304 10.2
Phonotechnik Hersteller und Händler 1367 -6 2341 -8.5 8291 -14.9 1'712'509 282'354 6.1
Total   40553 6.5 61665 13.7 201127 -4.1 1'520'603 306'597 5.0

 

Nach Anzahl Beschäftigter (Total 201127, also ca. 5% der Schweizer Erwerbstätigen) dominieren eindeutig Software, und zwar Spiele und Architektur. Design und Presse sind bereits abgeschlagen, von der "wahren Kunst", also Malerei, Schauspiel, Musik kaum zu reden.

 


 

Nach Umsätzen dominieren die Programmierer von Software und Spielen noch stärker. Hier fällt auch die Werbung nun auf (obwohl man sich schon ein bisschen fragen könnte, was die mit Kultur zu tun hat ...).


 

Dass es sich bei der Kulturwirtschaft um keine heile Welt handelt, zeigt aber insbesondere die Entwicklung der letzten 6 Jahre: Die Anzahl Stellen hat nur zugelegt beim Film - dank prächtigen Wachstums von Betrieben und Umsätzen und etwas bei der Architektur - während dem in den meisten Sparten Stellen abgebaut wurden, dies sogar in der darstellenden Kunst und bei Software/Spiele, wo die Umsätze massiv zulegten.

 


 

Bei der Betriebsgrösse - nach Mitarbeitern - fallen vor allem Rundfunk und TV auf, von denen es logischerweise nicht sehr viele verträgt. Alle andern Bereiche gehören offensichtlich zu Klein- und Kleinstbetrieben.

 


 

Bei den Umsätzen fallen besonders Werbung und Rundfunk/TV auf, was logisch ist, da diese die primären Werbeträger sind, und diese Umsätze nicht von den Werbefachleuten alleine erreicht werden, sondern auf der Reichweite der entsprechenden Medien beruhen, also dem Gesamtstock an Personal derselben, der hier nicht zu eruieren ist.

 


 

Die Umsätze pro Kopf, von denen jeweils noch der Aufwand abzuziehen wäre, zeigen, dass hier nur wenige reich werden oder wirklich gut verdienen, vermutlich vor allem diejenigen, die Werbung (s. vorgehender Kommentar zu Umsätzen) in grossem Stil organisieren ... oder grosse Massen zum Zusehen bewegen können, wie etwa die FIFA. Kunsthandwerk bleibt offenbar Hobby - Kunst nur lukrativ, wenn man zu den Auserwählten gehört (oder mit diesen handelt).