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Bedeutung und Aufgaben des Wissenschaftsjournalismus

Wissenschaftsjournalismus ist seit Mitte der siebziger Jahre ein kommunikationswissenschaftliches Thema. Er beklagt weiterhin ein Schattendasein. In der Schweiz soll es etwa 75 Wissenschaftsjournalisten geben, in Deutschland 1700, was unter Berücksichtigung der Bevölkerungsverhältnisse immer noch einer argen Unterdotierung der Schweiz entsprechen würde. Der Schweizer Klub für Wissenschaftsjournalismus (SKWJ) hat jedoch rund 250 Mitglieder, von denen 145 hauptberuflich wissenschaftliche Themen bearbeiten.

Umfassende Interpretation, basierend auf :
  • Johannes Wildt, Olaf Gaus (Hrsg.): Journalistisches Schreiben für Wissenschaftler. Hochschulwesen. Luchterhand. 2001
    • Das Defizit-Modell: W.M. Laetsch: A basis for better Public Understanding of Science. In: Communicating science to the public. Ciba Foundation Conference. Chichester 1987)
  • Mathias Kohring: Die Funktion des Wissenschaftsjournalismus. Ein systemtheoretischer Entwurf. Studien zur Kommunikationswissenschaft Bd 22. Westdeutscher Verlag. Opladen. 1997.

Er hätte mehr Aufmerksamkeit verdient auf Grund der steigenden Bedeutung die der Wissenschaft durch immer stärkere Orientierung von Politik und Wirtschaft am Expertenwesen zukommt. Wissenschaft und Technologie gelten als effiziente Schlüssel zur Lösung von Problemen wie Armut, Gesundheit, Erziehung, Transportwesen etc. [Kohring: S. 147]

Das Spezifische der journalistischen Berichterstattung liegt, auch beim Wissenschaftsjournalismus, in der Auswahlfunktion, die meist auf Grund von Neuigkeitswert und Bedeutung der Botschaft stattfindet: Spektakuläres, Sensationelles, Kurioses erhält den Vorzug.  Während Wissenschaftler diese Auslese als oberflächlich und oft irreführend qualifizieren, sehen sich Journalisten lieber als Gatekeeper gegen die Informationsflut, den Informationsberg, die Informationsexplosion ... die sie recht eigentlich mit verursachen. Die wichtigsten Fähigkeiten eines Journalisten sind die, zu verdichten, zu pointieren, zu relationieren, zu strukturieren, zu veranschaulichen und zu vereinfachen, kurzum, ein Thema prägnant und interessant darzustellen.

Vorstellung über die Aufgaben des Wissenschaftsjournalismus (nach Laetsch und Wildt/Gaus):

All diese Vorstellungen über Wissenschaftsjournalismus sehen
a) die Wissenschaften als Problemlöser für gesellschaftliche Defizite des Verstehens und
b) die Aufgabe des Wissenschaftsjournalismus alleine in der Verbesserung der defizitären Kommunikationsleistung der Wissenschaften.
Ein typischer Technofix.

Dieser Wissenschaftsjournalismus soll die offensichtlichen Schwächen des wissenschaftlichen Systems korrigieren, ohne das System aber selbst kritisch zu betrachten und zu bewerten! Hier werden die Medien, die sonst gerne als Manipulatoren bezeichnet werden, selbst manipuliert, weil sich die Wissenschaften per se eine höhere Autorität in Sachen Wissen zuordnen. Dass dieses Wissen immer nur in einem engen Bereich, der Disziplin, höher, präziser, autoritärer ist, wird dabei konsequent übertüncht. Diese Art von Wissenschaftsjournalismus ist ein Hilfsinstrument der Wissenschaftspolitik. Dieser Wissenschaftsjournalist bloss Meldegänger der Wissenschaften. Mit dem selben Recht könnten jedoch die Religionen fordern, die Journalisten hätten die gottlose Gesellschaft zu missionieren. Insbesondere was die Erziehung des Nachwuchses betrifft, wird der Nutzen von "Wissenschaftlichkeit" immer fragwürdiger, denn nach 18 Jahren Schulung zum Wissenschaftler werden die Absolventen in der Praxis, wo die meisten arbeiten, oft als Theoretiker beschimpft und von ihnen verlangt, auf Theorien zu verzichten..

1990 wechselte das Popularisierungs-Paradigma des Wissenschaftsjournalismus zumindest in den USA zu einem Orientierungs-Paradigma. In Europa scheint hingegen das Problem der Orientierung bisher noch weitgehend unverstanden geblieben. Zumindest bin ich auf dem Internet der Einzige, der das Thema in dem Sinne aufgreift. Es wäre also müssig, über etwas zu diskutieren, dass in Europa noch gar nicht thematisiert wurde.

Probleme der Wissenschaften und ihrer Kommunikation

Wissenschaft ist elitär und genügt sich selbst. Von Seiten der Wissenschaftler besteht eine gewisse Angst vor Reputationsverlust. Titel und Publikationen sichern die Position eines Wissenschaftlers in einer bestimmten Gelehrtenrepublik, die ihre eigene Verfassung, Sprache und Kultur hat, Paradigma genannt. Werden wissenschaftliche Texte normalsprachlich umformuliert und entplustert, ist der Inhalt oft ziemlich banal. Veronika Reiss liefert dazu in Wildt/Gaus S. 101 ein eindrückliches Beispiel:

Im Kontext gesundheitlicher Problemlagen finden Anforderungen und Belastungen einerseits als indirekte Faktoren in so genannten multifaktoriellen Erklärungsansätzen Eingang, wie z.B. bei Tumorerkrankungen, andererseits wird vor allem bei psychosomatischen Erkrankungen ohne organisches Substrat von einer alleinigen Determination durch psychosoziale Faktoren ausgegangen.

Tönt gut, nicht? Richtig wissenschaftlich! Dergleichen Schabernack ist leider eher Standard als Ausnahme in wissenschaftlichen Artikeln. ? Sie finden den Satz wirklich gut? Also:, Zusammenfassung Monokausale Ansätze gibt es kaum in den Sozialwissenschaften. Ein Witz. Psychosomatische Krankheiten haben per Definitionem keine körperlichen (Körper: organisches Substrat) Ursachen.  Aussage die bleibt: Anforderungen und Belastungen können Tumorerkrankungen verursachen. Punktum. Kurz und schmerzlos. Kein Wunder, wird die journalistische Umsetzung wissenschaftlicher Berichte oft wenig geschätzt, denn sie zeigen oft bloss, wie wenig hinter solch unverständlichem Gebrabbel oft steckt.

Von Seiten der Wissenschaftler wird Wissenschaftsjournalismus oft als konfus, undefiniert, unvollständig, oberflächlich, sensationslüstern etc. qualifiziert. Sämtliche Vorwürfe lassen sich von Seiten des Journalismus, wie von Seiten der Geisteswissenschaften die von Seiten der Naturwissenschaften oft dem selben Vorwurf ausgesetzt sind, Punkt für Punkt zurückwerfen. Wie viele wissenschaftliche Texte haben Sie gelesen, die Sie nicht verwirrt haben, da z.B. bereits wichtige Ausdrücke die sogar im Titel vorkamen nicht definiert waren und auf unterschiedlichste Weise genutzt werden? [s. Was bedeutet Management] Haben Sie überhaupt mal einen wissenschaftlichen Text gesehen, der über irgend was einen vollständigen, also nicht durch die disziplinäre Sicht begrenzten, Überblick gibt? Die Begrenzung auf die disziplinäre Sicht ist die wissenschaftliche "Oberflächlichkeit". Ist Ihnen schon mal ein wissenschaftlicher Text vorgekommen, der nicht betont wie einzigartig und wichtig der Ansatz sei und der nicht nach mehr Forschung fordert? Die meisten Forschungspublikationen beschränken sich nicht auf Berichterstattung, sondern betonen die Wichtigkeit, also die Sensation, und sind zudem immer PR für mehr des Selben. Wer in der Forschung tätig ist und mal versucht hat zu schreiben, dies oder jene Ansätze seien eigentlich total überflüssig, weiss, wie die Zensur hier funktioniert: Die Krähen hacken sich nicht gegenseitig die Augen aus!

Gadamers Kritik: Wissenschaftlichkeit wurde zu einem unantastbaren Wertbegriff, der sich über alle anderen Werte stellt, obwohl sich Wissenschaften noch immer als wertfrei geben. Wissenschaftler sind weniger Verwalter des Wissens, noch weniger Suchende, wie die Philosophen, sie sehen sich als Wissende, als Experten, als Autoritäten - sie beanspruchen also Macht. Das Machtspiel ist aber ein politisches, und kein wissenschaftliches. Die wissenschaftliche Expertokratie betrachtet wissenschaftliches Wissen, also ihr eigenes Wissen, als höherwertig gegenüber allen andern Formen des Wissens. Aufgabe des Wissenschaftsjournalismus wäre hier, dem Bürger seine Mündigkeit gegenüber dem wissenschaftlichen Methodenmonopol zurückzugeben. (Für die Befreiung der Wissenschaften selbst vom Methodenzwang hat sich Feyerabend ja intensiv eingesetzt.)

Eine ähnliche Technologiekritik haben Habermas und Fabris (Kohring S. 133) formuliert: Der wissenschaftlich-technische Fortschritt hat sich zu einem unabhängigen gesellschaftlichen Prozess mit Sachzwangcharakter entwickelt.

Dorothy Nelkin hat 1987 dem Wissenschaftsjournalismus dann ebenfalls vorgeworfen, Wissenschaft als letzte Autorität zu idealisieren. Ebenso Dornan, für den der akademische Diskurs über Wissenschaften von Anfang an ein ideologisch geprägtes Unterfangen war, mit dem Ziel: to promulgate the classical understanding of science as a heroic intellectual enterprise whose findings are apolitical, ahistorical and necessarily true. Das Problem ist, dass bei der Anwendung wissenschaftlicher Resultate diese wieder in die Felder von Politik, Geschichte und Alltagswissen einzugliedern wären, was sie aber dank der angemassten Autorität wissenschaftlichen Wissens, also einer Art Sachzwangcharakter, oft umgehen können. Es gibt aber keine politische Entwicklung ohne historisches Bewusstsein. Bush beweist es gerade wieder im Irak.

Die für den Wissenschaftsjournalismus formulierte Absicht, [Aberglaube, nicht rationale Überzeugungen darüber, wie das Universum beschaffen ist, sind zu eliminieren] wurde oben in Klammern gesetzt. Solange auch für die Wissenschaft das Universum aus 90% schwarzer Materie besteht, von der niemand eine Ahnung hat, was die sein könnte, lebt auch heute eine Form der Äthertheorie (also des Aberglaubens) weiter.

[Rationaleres Verhalten ist zu fördern.] Auch diese Absicht darf ruhig in Klammern gesetzt werden, da sich komplexe Systeme nicht bewusst rational steuern lassen, sich also selbst "irrational" verhalten, darf der Mensch dieses Anrecht ruhig auch selbst ab und zu für sich beanspruchen. Im übrigen gibt es recht unterschiedliche Formen der Rationalität (s. Formen des Denkens). Insbesondere aber ist hier zu bemerken, dass rationales Wissen den Glauben nicht ersetzen kann und soll.

Die postulierte Überlegenheit wissenschaftlich-technischen Wissens ist eigentlich oft eher eine Überschätzung. Die von Positivisten geforderte bessere ethische Weltsicht durch Anwendung wissenschaftlicher Methode ist eine Verirrung, denn eine ethische Weltsicht und Zukunftsgestaltung ist eben keine Sache der Wissenschaft, sonder der Ethik, also der praktischen Philosophie, denn hier geht es um Ziele, nicht um wissenschaftlich begründbare Ursachen.

Weitere Probleme des Wissenschaftsjournalismus:

Problem Verständnis: 1979 waren nur 7% der US-Bevölkerung in der Lage, wissenschaftliche Texte auf Grund eines zureichenden Verständnisses der Grundlagen und Vorgehensweise der Wissenschaften sinnvoll zu interpretieren, was als scientific literacy bezeichnet wird. 1985 waren es sogar nur 5%. Wissenschaft ist also einerseits extrem elitär (leider nicht im Sinne von extrem gut, sondern von extrem unverständlich)  - sieht sich aber dennoch in einer leitenden Funktion was politisches Orientierungswissen betrifft. Wir haben hier also wieder die selbe Situation wie im Mittelalter, wo das Volk mit unverständlichen (da lateinischen) Texten aus der Bibel traktiert wurde. Durch die Bevorzugung der wissenschaftlichen Form von Rationalität (na ja, mehr oder minder rational ...) gehen andere Formen des Wissens, wie Kultur, Tradition, common sense, Laienwissen (also Alltagswissen), Kunst, Geschichte, Religion unter, oder werden zum Event degradiert (wobei diese allerdings oft gerne mit tun, denn Events verkaufen sich besser als Wissen).

Problem Partikularinteressen: Durch die zunehmende Komplexität unserer Welt ist die Politik immer mehr auf detailliertes Sachwissen zur Entscheidungsfindung angewiesen. Der Staat erteilt also Forschungsaufträge - und die Wissenschaft lebt davon. Soziopolitische Auswirkungen von Technik und Wissenschaft blieben und bleiben dabei oft und gerne ausgeklammert.

Wissenschaftliche Kommunikation ist also fast immer begleitet von Eigen-PR, kaum je von einer Vermittlung innerhalb oder zwischen Disziplinen.  Es geht höchst selten um die Vermittlung von Problemen, sondern primär um die Vermittlung eigener Vorstellungen der Wissenschaftler darüber, was Wissenschaft zu sein hat. (Wichtiger Hinweis für Studenten und Doktoranden: Wissenschaft ist immer das, was Ihr Professor darunter versteht). Leider beinhaltet die wissenschaftliche Kommunikation keinen Dialog, sondern meist bloss Wissenstransfer, oft als Technologietransfer. Besonders kritisch ist dieses Problem bei den Medizinal- und Pharmawissenschaften. Hier ordnet sich der Journalismus völlig den Partialinteressen des medizinischen Systems unter [Kohring S. 31] Diese Unterwerfung ist dadurch entstanden, dass sich selten jemand traut, die Autorität der Ärzte anzufechten - man könnte ja mal selbst krank werden ... oder für Folgen von Aussagen zur Rechenschaft gezogen werden. Durch diese Ängste wird weiterhin der heilungsfördernde Wunderglaube des Patienten an seinen Arzt [Kohring S. 37], die Behandlungsbereitschaft der Patienten gefördert, also Marketing betrieben, und die Krankheitsbranche als Ganzes ganz gewaltig gefördert. (s. Krankenkasse)

Eine Umkehrung dieser Perspektive, bei der sich der Wissenschaftsjournalist als "Agent des Publikums" sähe, ist selten. Der Wissenschaftsjournalismus hat ja bereits ein Problem, seine eigenständige Form des Journalismus zu entwickeln, da dies von Seiten der Wissenschaften als Beeinträchtigung der Aufgabe der Vermittlung ihres Wissens (und ihrer PR) betrachtet wird. Die Wissenschaften wünschen sich den Transport wissenschaftlich relevanter Inhalte - nicht aber eine Kritik und Kontrolle der Wissenschaften. Man möchte doch gerne Autorität bleiben, als Experte Auskunft geben - sich aber nicht in Frage stellen lassen.

Die Dissertation Kohrings als Beispiel für das Problem disziplinärer Beschränktheit.

Obwohl diese Dissertation von Kohring sicherlich zu den wenigen brauchbaren dieser Gattung zählt,  zeigt das Problem wissenschaftlicher Beschränktheit von Disziplinen selbst direkt auf. Obwohl es sich bei den Informationswissenschaften um ein modernes und fachübergreifendes Sachgebiet handelt, kann offenbar auch hier nur so weit gedacht werden, wie es die Disziplin erlaubt (und es der Professor versteht).

Dazu ein Beispiel: Verstehen sie als Doktorand den Professor nicht, sind sie der Trottel, eben weil sie nicht verstehen. Versteht aber der Professor Sie nicht, sind auch Sie der Trottel, weil sich nicht klar und verständlich ausdrücken können. Gelingt es ihnen nach verschiedenen Versuchen doch, sich verständlich zu machen, riskieren Sie als unwissenschaftlich klassiert zu werden, da Dinge, die sich so einfach formulieren lassen, halt eben nicht wissenschaftlich sind.

Analyse und Empfehlungen bleiben also, sogar bei einer Dissertation über Kommunikationswissenschaft, auf den kleinen, eigenen Bereich und die eigene Perspektive beschränkt.

Kohring stellt die Hypothese auf, dass Wissenschaftsjournalismus zu sehr von Seiten der Wissenschaften, und zu wenig von Seiten des Journalismus her definiert ist. Diese These belegt er durch eine eindrückliche Dokumentation. Er äussert auch eine Antithese, das, was Wissenschaftsjournalismus sein sollte - kommt aber nicht dazu, eine Synthese zu entwickeln.

Fazit:

Wess' Brot ich ess', dess' Lied ich sing.


Lösungen: Potentielle Aufgaben des Wissenschaftsjournalismus

Die Ausdifferenzierung verschiedenster Teilsysteme hat zu einem zunehmenden Informationsbedarf innerhalb und zwischen diesen geführt. Grundlage des Wissenschaftsjournalismus ist also die Tatsache, dass der Dialog zwischen den wissenschaftlichen Disziplinen, insbesondere auch zwischen Natur- und Geisteswissenschaften, wie zwischen Wissenschaft und Gesellschaft, weitgehend fehlt.  Laut Marcinkowski sind dazu weder das Rechts-, noch das Politik- oder Religionssystem in der Lage gewesen. Auch die Zwischen- und Überdisziplin Philosophie nimmt hier ihre Aufgabe, Überblick zu schaffen, längst nicht mehr wahr.

Die heutige postmoderne Gesellschaft ist aber eben eine Gesellschaft mit pluralistischen Perspektiven, multikulti - auch wenn kein einziger Ausländer da wäre. Es gibt sie längst nicht mehr, die eine einzig richtige Perspektive, DIE Wahrheit. Es gibt nur noch Spannungsfelder in denen sich jeder orientieren kann oder muss (s. z.B. Wertekompass). Auch Politik in komplexen Systemen läuft nicht mehr über Gesetz und An-Ordnung, sondern über Information, Überzeugung und, so ungern wir das haben, über trial and error. (Details s. Wie lässt sich Politik betreiben, wenn sich komplexe Systeme nicht lenken lassen?)

Robert Altman Logan schlägt deshalb ein Modell der Säkularisierung der Wissenschaften vor. Unterschiedliche Rationalitäts- und vor allem Wertesysteme, die von den Wissenschaften total vernachlässigt werden, sollen sich im öffentlichen Diskurs begegnen und entwickeln. Dies wäre die Aufgabe des Wissenschaftsjournalismus, eine Aufgabe, bei der er nicht im Auftrag der Wissenschaften steht, ja stehen kann, sondern vermitteln muss zwischen Urhebern und Rezipienten-Anwendern des Wissens. Journalistische Berichterstattung hat gegenüber der wissenschaftlichen den Vorzug, dass sie ein Thema in Bezug zu aktuellem Geschehen, zu aktuellen Problemen, zum aktuellen gesellschaftlichen Kontext stellen kann, ja eigentlich muss, sollen die Texte gelesen werden. Wissenschaftsjournalismus muss sich aber dennoch nicht allein auf Aktuelles und Spektakuläres stürzen um Wissen attraktiv zu vermitteln, denn Wissenserwerb und Verstehen ist oft Genuss, da Verstehen meist ein Erfolgserlebnis auslöst, den sog. Heureka-Effekt.

Luhmann sieht die Funktion der Massenmedien im Dirigieren der Selbstbeobachtung und der Selbstbeschreibung der Gesellschaftssysteme. [S. 249]. Für Manfred Rühl ist DIE Besonderheit des Journalismus: Die Herstellung und Bereitstellung von Themen zur öffentlichen Kommunikation. [S. 233] Nach Siegfried Wieschenberg sollte er Themen bereitstellen, die Neuigkeitswert und Faktizität besitzen und an sozial verbindliche Wirklichkeitsmodelle und ihre Referenzmechanismen gebunden sind. (Auch Kommunikationswissenschaftler reden offenbar lieber wissenschaftlich als verständlich ...). Journalismus versucht also Zusammenhänge wieder herzustellen, die durch die Ausdifferenzierung der modernen Gesellschaft verloren gegangen sind. Zur Urteilsbildung der Bevölkerung betr. komplexer Problem existiert, trotz Informationsflut, kein ausreichender Informationsfluss. (s. S. 136). Laut Kohring wäre also die Aufgabe des Wissenschaftsjournalismus die selbständige gesellschaftliche Beobachtung, Kontrolle und Kritik der wissenschaftlich-technischen Entwicklung. Er sieht den Journalisten als Agenten der Grundsatzvernunft, der Gelegenheitsvernunft, des gesunden Menschenverstandes, der in der Lage ist, verstreute oder versteckte Wissenstücke schnell aufzuspüren und aktuell dort einzubringen, wo sie zur Einleitung oder Fortführung von Problemlösungsprozessen beitragen können (S. 139, nach Spinner [Nicht als Beleidigung gedacht, der heisst so]).

 Aber eignet sich der Schreiberling wirklich als Vor-Denker und Problemlöser?

Journalismus ist ereignisorientiert, kreativ-deskriptiv, und methodisch weder auf eine systemische Struktur- noch Funktionsanalyse ausgerichtet! Der "ideale Journalist" denkt ja nicht selbst, sondern raportiert, zitiert, vermittelt Inhalte die von andern gesagt oder geschrieben wurden. Es stellt sich für den Wissenschaftsjournalismus also die Frage, wer denn Analyse und Kritik der wissenschaftlichen Strukturen, Funktionen und Inhalte liefern soll? Wer kann Wissenschaftssysteme kritisch analysieren und neu synthetisieren? Das wäre Aufgabe der naturwissenschaftlichen, mathematisch-physikalisch oder statistischen Analyse, der Hermeneutik, Philosophie (insbesondere Rhetorik und Topik) oder der Systemanalyse, der sich ja z.B. gerade auch Lohring bedient. Insbesondere wäre hier eine neue, eine disziplinübergreifende Systemtheorie der Wissenschaften nötig. Informationswissenschaften und Journalismus kennen die Operationsweise anderer Systeme nicht und lassen sich auch nicht darauf ein. Eigentlich müsste die Wissenschaftskritik aus der Wissenschaft selbst kommen. Tut sie aber kaum. Die reelle Wissenschaftspolitik ist zumeist Arbeitsplatzpolitik der Betroffenen Professoren, die sich ihre Stühle zu sichern suchen. ( s. Landeplätze gesucht).

Wissenschaftsjournalismus könnte, als primär hermeneutisch (geisteswissenschaftlich) arbeitende Disziplin, eigentlich auch viel zu einem besseren Verständnis zwischen eben den hermeneutischen Geistes- und den analytischen Naturwissenschaften beitragen. Dass er dazu bisher wenig beitragen konnte, ist ein deutliches Zeichen dafür, dass er sein Paradigma noch nicht geschaffen hat.

Apropos wissenschaftsjournalistisches Paradigma: Eine weitere, äusserst wichtige Funktion, die (Wissenschafts-)Journalismus übernehmen könnte, wäre jedoch das therapeutische Anstossen der Selbstreorganisation von Teilsystemen durch die Differenz von Selbstbeschreibung und Fremdbeschreibung. [s. Wie lässt sich Politik betreiben, wenn sich komplexe Systeme nicht lenken lassen?] Das Eingehen auf Fremdbeschreibung, also die Sicht aus der Perspektive anderer gesellschaftlicher Teil-Systeme, ist entscheidend für die Integration zu einem funktionierenden Ganzen. Präzise hier sehe ich die Stärke des Journalismus, insbesondere des Onlinejournalismus. Er kann (sollte?) immer wieder auf Unstimmigkeiten aufmerksam machen, die Teilsysteme zum Nachdenken und zu neuer Abstimmung anregen, ihnen neue Argumente liefern - statt alte Polemiken immer wieder aufzuwärmen.

Beispiele: Die rechtsliberale Propaganda etwa, die tiefere Löhne, weniger Staat und weniger Steuern fordert, wird seit 1830 (Gmündener Revolutionsplakat), immer und immer wieder heruntergeleiert und ist deshalb ziemlich ausgeleiert. Es wäre doch zu erwarten, dass nach 175 Jahren den Ökonomen mal was neues Einfallen tät, ansonsten man sie eigentlich von der Universität an den Kindergarten verschieben sollt. Auch was die Politik betrifft, so wäre eigentlich längst eine mehr inhalts- statt personenzentrierte Politik nötig.

Martin Herzog, Onlineredaktor, Rheinfelden, 16. Januar 2004