Chancen für mehr Internet-Journalismus / Online-Journalismus 1 Problemlage 2 Qualitätsfaktoren
3 Medien
4 Beispiele |
Es handelt sich hier um einen zusammenfassenden Kommentar zur Studie: Qualität der Medien in der Schweiz, die 2010 vom Observatorium und Forschungsbereich Oeffentlichkeit und Gesellschaft publiziert wurde. Was das Radio betrifft, so habe ich mich jeglicher Kommentare enthalten, da ich nie Radio höre.
Finanzierungsprobleme nicht nur im Internet, sondern auch bei klassischen Medien. Seit 2008 fehlt 1/3 der Werbeeinnahmen. Dazu kommt eine zunehmende Konkurrenz von Online, wo aber andere, Grosse, und immer mehr soziale Palaverforen, das Geld abholen.
Sehr problematisch sind hier auch die Gratiszeitungen. Da sich der Durchschnittschweizer offenbar eh bloss 20 bis 25 Minuten Zeit nehmen um die Zeitung zu lesen, deckt sich hier Qualität offenbar mit Anspruch.
Folgen:
| Die neueren Pressetypen (Gratis- und Sonntagszeitungen) wie die Boulevardzeitungen und das Magazin (Weltwoche) intervenieren bei politischen Problemdefinitionen und Prozessen oft ausgesprochen punktuell und beeinflussen dadurch öffentliche Debatten sowie politisches Handeln massiv . - Ohne irgend welches Wissen zu vermitteln, also überprüfte, zu einem Ganzen verbundene Fakten!
Gerade indem sie bloss zusammenhangslose "Informationen" vermitteln, die jedoch moralisch und emotional aufgeladen werden, verstossen sie gegen die journalistische Gebot, Meinung von Fakten zu trennen, denn es sind ja eh nur noch Meinungen vorhanden. |
Fazit betr. Online:
Fazit generell:
Eine Gesellschaft, die sich primär mit Mumpitz befasst, hat die Orientierung klar verloren.
Die Präsentation von Information ist heute teuer, auch wenn sich ein einmal vorhandenes Produkt sehr leicht millionenfach über das Netz verteilen liesse:
Heute beträgt der Anteil der Presse am Gesamtwerbemarkt 37%, im Jahr 2000 lag er noch bei 52%.
Diese Finanzierungsprobleme führen dazu, dass sich die Medienlandschaft noch mehr konzentriert, die Vielfalt also noch mehr verringert. Ja sogar der Informationsauftrag ist gefährdet, der den Bürger zu einem informierten und damit mündigen machen soll. Zu achten ist hier insbesondere auf den Unterschied zwischen öffentlichen und privaten Medien. Während dem private auf Deibel komm raus so agieren müssen, dass sie finanziell überleben, ist der Druck bei den öffentlichen etwas geringer, aber nur etwas:
Die SRG z.B. hat 2009 ein (erneutes) Defizit von knapp 50 Mio. Franken erwirtschaftet, was zu Diskussionen führte. Diese Diskussionen, die eine Verkleinerung des Programms oder den Abbau von Personal fordern, dürften sich vor dem Hintergrund eines weiteren bzw. grösseren Defizits verschärfen. Private Fernseh- und Radiosender, die ohnehin journalistisch äusserst knapp dotiert sind, könnten aufgrund dieser Entwicklungen existenzielle Probleme bekommen, wenn sie nicht von den hinter ihnen stehenden Medienunternehmen gestützt werden.
Halbwegs intelligente Beiträge, vertiefende Formate, die einen besonderen Beitrag zur gesellschaftlichen Meinungsbildung liefern, sind also nur bei den öffentlichen Sendern verankert, allerdings sinken die Nutzungszahlen der Informationsformate der öffentlichen Sender:
Der für die politische Meinungsbildung aufgrund seines Berichterstattungsvolumens, seiner vertiefenden Formate (Kommentare, Leitartikel) und seiner ausdifferenzierten Ressortstruktur besonders wichtige Pressetyp der Abonnementszeitungen hat an Titeln verloren. 2001 kam dieser Pressetyp noch auf 37 Titel, 2005 waren es 33 und 2009 sind es 32.
Hier wird allerdings noch darauf einzugehen sein, dass eben nicht die bösen, geldgierigen Medien allein schuld sind, sondern genau so der bequeme, bildungsfaule Bürger, der seine Pflicht getan hat, wenn er sich ausreichend berufliches Wissen angeeignet hat. Eine Demokratie in der die Bürger jedoch keine Ahnung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft haben, aber diese steuern wollen, ist dann eben genau das seltsam Ding, in dem wir zur Zeit leben.
Forumsfunktion: Öffentlichkeit dient der Wahrnehmung und Diskussion der allgemeinverbindlich zu lösenden Probleme. Sie erfüllt eine Legitimations- und Kontrollfunktion gegenüber den Staatsgewalten und den Machtträgern der Gesellschaft.
Integrationsfunktion: Ohne Öffentlichkeit liesse sich die zwischen den Bürgerinnen und Bürgern notwendige Loyalität nicht erzeugen, die für eine sich selbst regulierende Rechtsgemeinschaft unverzichtbar ist. Die Qualität der Demokratie ist somit untrennbar mit der Qualität der Öffentlichkeit verknüpft, die durch die Vermittlungsleistungen von Informationsmedien hergestellt wird.
Nicht jede Mediengattung wird allerdings gleichermassen zur Information genutzt. Das hauptsächliche Informationsmedium ist nach wie vor die Zeitung: 57% der Befragten gaben an, dieses Medium in erster oder zweiter Linie als Informationsmedium zu verwenden. Damit liegt die Zeitung deutlich vor den Fernsehprogrammen der SRG, die diesbezüglich zu 37% genutzt werden. Kurz dahinter folgt bereits das Lokalradio mit 34%, das als eher seichtes bzw. musiklastiges Begleitmedium für die junge bzw. für die Kohorte mittleren Alters konzipiert ist und vor allem Kurznachrichten im Lokalbereich bringt. Die Onlinemedien sind mit 24% in der Bedeutung als Informationsquellen deutlich gestiegen.
Sehen wir uns allerdings die Nutzungszeiten der Medien an, kriegen wir (also ich zumindest) doch eher den Frust:
Auffallend ist hier der deutliche Anstieg der Onlinemedien: Nutzten 2005 bereits 45% der Bevölkerung Onlinemedien, sind dies 2009 hohe 77% der Bevölkerung. Auffallend ist auch, dass das öffentliche Radio mit nur 13% und das private Schweizer Fernsehen mit nur 6% als Informationsmedien eher wenig genutzt werden und dass das öffentliche Fernsehen als Nutzungsquelle von Informationen stark eingebüsst hat. Im Jahre 2000 gaben noch knapp über 60% der Befragten an, das öffentliche Fernsehen als Informationsquelle zu nutzen, was dem damaligen höchsten Nutzungswert entsprach.
Mediennutzung Schweiz und Deutschland 2010:
Details s. BfS: Internationaler Vergleich Lesen / Internet |
Dass der Fernsehkonsum in Deutschland 2.5 Mal so gross ist wie in der Schweiz liegt vermutlich nicht an den Türken in Deutschland, sondern an der eher geringen Ehrlichkeit der befragten Schweizer. Manche geben hier nicht mal zu, überhaupt fern zu sehen, was meist ein grandioser Schwindel sein dürfte. Bei Büchern und Zeitschriften trifft man sich ja schliesslich wieder. Und bei 6.1 Minuten an täglicher Information über Finanz- und Wirtschaft, muss man sich nun wirklich überhaupt nicht wundern, dass die Dinge eben so sind wie sie sind: Bei viel Ballaballa und "keine Ahnung" folgt man halt dem Trend.
Am auffallendsten aber wäre, nach meiner Meinung, dass für Zeitungen, DIE Informationslieferanten per se, ganze 20-25 Minuten pro Tag aufgewendet werden (drum heisst die eine der Gratiszeitungen vermutlich so), und das vermutlich auch noch im Zug oder beim Kaffee, also nebenher, unkonzentriert.
Wir sehen auch in Deutschland eine wachsende Bedeutung des Fernsehens, ein Schwinden des Radios - aber eine starke Zunahme des Internets.
Diese Graphik macht das Problem etwas verständlicher. Gab es vor 10 Jahren praktisch nur Geschriebenes, wurde dieses durch Radio und Kino wie Aussenwerbung eher verdrängt. Der wöchentliche Medienkonsum blieb unter 20 Stunden. Man unterhielt sich noch vorwiegend mit den Menschen rundherum. Ab 1940, verstärkt 1960-80, forderte das Fernsehen seinen Tribut. Der mediale Konsum stieg von knapp 20 Stunden pro Woche auf 40 bis 50 (also ein volles Arbeitspensum), um sich gegen die Jahrtausendwende nochmals zu beschleunigen. Die Graphik prognostiziert um 2020 einen wöchentlichen medialen Konsum von ca 75 Stunden (womit vermutlich auch ausgedrückt wird, dass die Arbeit für viele dann ausfällt und Tittytainment angesagt ist, also Grundlohn oder dergleichen + viel Unterhaltung, eine globale Rentnergesellschaft, basierend auf dem 80/20-Prinzip: 20% der Bürger sind sogar bei nicht übermässiger Anstrenung leicht in der Lage, 100% der Bürger mit den nötigen und erwünschten Gütern und Dienstleistungen zu versorgen - oder die Arbeitszeit wird auf 1 Tag verkürzt). Man beschäftigt sich also primär mit dem Internet, Mobiltelefon, Computerspielen und vor allem Digitaltv.
Nutzungsmotive nach Bedeutung (Heinz Bonfadelli UNIVOX-Studie 2009):
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Das sieht hier noch einigermassen gut aus - ist aber im Endeeffekt eben doch nicht so. Wenn sich all die Leser die Gesundheit eben so zu Herzen nehmen würden wie sie ihr Bedeutung zuschreiben, wären sie vermutlich gesünder - und wir hätten nicht jährlich steigende "Gesundheitskosten", die ja in der Tat Krankheitskosten sind. Schicksale und Verbrechen wie Sport kommen gerade bei den Boulevardmedien eigentlich meist an der Spitze - Politik und insbesondere Wirtschaft gehen unter, Wissenschaft wird nicht mal erwähnt - und Kultur ist, was grad im Fernsehen läuft. (mh)
Man kann das auch ganz unpolemisch mit wissenschaftlichen Resultaten belegen:
Nimmt man die Resultate des Agendenvergleichs aller Mediengattungen in den drei grossen Sprachregionen der Schweiz aus dem letzten Quartal 2009 zum Massstab, dann wird die Schweiz primär durch Souveränitätsprobleme (Libyenaffäre), Bedrohungen (Schweinegrippe), Auseinandersetzungen in der direkten Demokratie (Minarettinitiative) und durch Sportereignisse zusammengehalten. Komplexere politische und wirtschaftliche Themen von schweizweiter Bedeutung (z.B. KVG-Revision) haben es dagegen schwer, unter vergleichbaren Relevanzgesichtspunkten sprachregional übergreifende Aufmerksamkeit zu finden.
Allerdings ist auch hier die Weltgeschrumpft, bzw. das Wissen über die Welt, das gerade im Kleinstaat Schweiz über die intensive Beobachtung des Weltgeschehens aus drei Sprachräumen heraus akkumuliert wurde, ist kleiner geworden. Die neuen Medien – Gratiszeitungen und die Newssites –, jedoch auch gewichtige regionale Abonnementszeitungen reduzieren die Welt auf Agenturmeldungen. Nutzergruppen, die diese Medien konsumieren, nehmen eine Welt jenseits der Schweiz zur Kenntnis, die nur noch aus einer Abfolge von Krisen, Kriegen, Katastrophen und Affären besteht.
Wachsende Binnenorientierung auf Kosten der Auslandberichterstattung (s. rechts):
Bestanden früher (womit hier nicht das 19., sondern das Ende des 20. JH gemeint ist) die Pressemeldungen zu 50% aus internationaler Politik, so sind dies heute noch 25-35%, dafür mehr Inlandpolitik.
Ausgerechnet im Zeitalter der Globalisierung schwindet die Weltbeobachtung zugunsten einer Bedeutungsaufwertung des Nationalen und vor allem des Regionalen
Allerdings sollte man auch diese Entwicklung nicht dramatisieren, denn als Anteil vom Ganzen ist die gesamte Politik ein Nebenprodukt ohne grosse Bedeutung, heute, in den Medien. Da liege ich falsch? Na ja, nur wenn Sie unter Politik auch das ganze Geschrei um PolitikerInnen verstehen - ohne jegliches sachliches Beiwerk. Insbesondere die regionalen Abonnementszeitungen vernachlässigen die nationale und internationale Politik-, die Wirtschafts- und die Kulturberichterstattung, und sie verfolgen eine Strategie der Regionalisierung und der Boulevardisierung. Diese regionale Zielgruppenfokussierung geht einher mit einer verstärkten Bewirtschaftung lebensweltlicher, beratender und unterhaltender Aspekte.
Bis in die 1970er Jahre des 20. Jahrhunderts hinein bildeten diese parteinahen oder parteiverbundenen Abonnementszeitungen – neben dem öffentlichen Rundfunk – die wesentlichen Träger der öffentlichen Auseinandersetzung. Da diese Zeitungsredaktionen Teil der Weltanschauungsparteien – mehr noch: ihre intellektuellen Speerspitzen – waren, die im nationalen Parlament und in den kantonalen und städtischen Parlamenten die Klingen kreuzten, wurde die öffentliche politische Auseinandersetzung durch die Debatten in den Parlamenten geprägt. Entsprechend grosse Aufmerksamkeit fand die Legislative. Über die Weltanschauungszeitungen fand also die Synchronisation der parlamentarischen und der öffentlichen Auseinandersetzung statt.
Diese Einbettung der Presse in Parteien, Konfessionen oder sozialmoralisch verankerte Verlegerfamilien gibt es heute kaum noch. Bis in die 1970er Jahre war die Presse zu einem beträchtlichen Teil Partei- oder Gesinnungspresse, die auch personell mit den entsprechenden Trägern verbunden war und eine bestimmte weltanschauliche Richtung vertrat. In den folgenden Jahrzehnten kam es zu einer vollständigen Ablösung von diesen Trägern und zu einer entsprechenden Kommerzialisierung des Pressewesens – eine Entwicklung, die die Presse ökonomisch unter Druck setzte und zu einer neuen Publikumsorientierung am Medienkonsumenten und nicht mehr am Staatsbürger führte.
> Man könnte hier die Weltwoche also eigentlich als Fossil aus alten Zeiten betrachten: Geldinteressen legen die Ausrichtung fest, hier auf eine doch recht widersprüchlich konservativ-isolationistische auf der einen, neoliberal-monetär-imperialistische Stossrichtung auf der andern Seite. Das ist das Janusgesicht der Weltwoche.
Gleichzeitig setzte Ende der 1990er Jahre in der Schweiz der Siegeszug eines neuen Pressetyps ein: Gratiszeitungen wie 20 Minuten oder Metropol eroberten die Pressemärkte. 20 Minuten ist heute die auflagenstärkste Zeitung der Schweiz, obwohl das hinter 20 Minuten stehende Medienunternehmen Tamedia gewichtige Kaufzeitungen in seinem Portfolio hat.
Im internationalen Vergleich gesehen kommen Boulevardmedien in der Schweiz spät auf den Markt. 1959 erschien der Blick und in der französischen Schweiz entwickelte sich aus der Tribune de Lausanne 1984 die Boulevardzeitung Le Matin. Ende der 1970er und Anfang der 1980er Jahre kam es zu neuen Titeln im Bereich der Finanz- und Wirtschaftspresse: 1977 wurde das Wirtschaftsmagazin Bilanz lanciert (überlebt, vermutlich dank personalisierung und eher episodischer Darstellung), 1989 das Wirtschaftsmagazin Cash, das 2007 eingestellt wurde (obwohl gerne als Wirtschaftsblick beschimpft, traktierte die Zeitung ihre Leser eben mit fast 100% Sachinformationen zum Thema Oekonomie, fast ganz ohne blabla. Der Fall belegt aber exemplarisch, dass der Markt es nicht belohnt, wenn man dem Kunden das anbietet, was er braucht. Nur wer das bietet, was der Kunde verlangt, kriegt seinen Lohn, auch wenn der Kunde lieber fettriefende Happen anstatt Gemüse (Mac Donalds) oder reinste Zuckerprodukte statt Obst will und dabei eingeht). In den 1980er Jahren entstand die erste Sonntagszeitung, ein Typ, der in der Folge und in sehr unterschiedlicher Ausrichtung von verschiedenen Medienverlagen lanciert wurde und sich im schrumpfenden Zeitungsmarkt seit den beginnenden 2000er Jahren als relativ stabil erweist.
Anders als in sprachlich vereinheitlichten Nationen gibt es aufgrund der Sprachbarrieren keine von allen Einwohnern gemeinsam genutzten Medien; Sprachgrenzen sind deshalb auch Mediengrenzen. Diese Aufteilung des ohnehin kleinen Markts zeigt sich aber nicht nur in der Mediennutzung, sondern führt auch zu einer Zersplitterung der Kräfte, des Know-hows und des Investitionskapitals, die zur Medienproduktion, speziell im audiovisuellen Bereich, nötig sind. Ein beträchtlicher Teil der stark diversifizierten Presselandschaft ist lokal verankert. Knapp 40% der Titel der Tagespresse erscheinen mit einer Auflage von weniger als 20 000 Exemplaren. Nicht nur aufgrund dieser Entwicklung kann die Schweiz als Presseland oder «Printmedienland» bezeichnet werden. Für den relativ kleinen Medienmarkt kommt man auf die hohe Zahl von 98 täglich erscheinenden und 109 nicht täglich erscheinenden Zeitungen.
Dazu kommt, dass etwa in der deutschsprachigen Schweiz Fernsehprogramme aus der Türkei und dem Balkan zusammen bereits 10.8% Marktanteil aufweisen.
Auf der Basis schwächer gewordener Ressourcen und im Wettbewerb um knappe Aufmerksamkeit und Werbeeinnahmen versuchen die Informationsmedien, die Bedürfnisse der Medienkonsumenten mit billigerer Information zu decken. Bei allen Mediengattungen (Presse, Radio, Fernsehen, Online) zeigt sich – wenn auch unterschiedlich stark – eine Bedeutungssteigerung billig zu produzierender Softnews. Da dieser Effekt insbesondere bei den qualitativ schwächeren Gratismedien auftritt, ergeben sich je nach Nutzungsgruppen (vorab Bildung und Alter) unterschiedliche Aufmerksamkeitslandschaften.
Die Newssites bleiben ein Zuschussunternehmen der ohnehin darbenden Presse. Sie profitieren von der Reputation ihrer Mutterhäuser, deren Ruf sie gleichzeitig belastet, weil die eingesetzten Ressourcen einen qualitativ guten Journalismus nicht erlauben. Vor dem Gratisangebot Online kam bereits ab 1999 das Gratisangebot Offline im Pressebereich auf. In kürzester Zeit etablierten sich in der deutschsprachigen Schweiz die Gratiszeitungen 20 Minuten und Metropol und setzten die Boulevard- und Abonnementszeitungen unter Druck. 2001 hatten die beiden Gratiszeitungen bereits fast die doppelte Auflage wie die etablierte Boulevardzeitung Blick.
Im einstigen «Presseland Schweiz» verlieren dagegen die in publizistischer Hinsicht zentralen Abonnementszeitungen bezüglich Auflagen, Nutzung und Einnahmen an Terrain.
Ihre Geschäftsmodelle sind insgesamt zu stark auf die krisenanfälligen und fluiden Werbeeinnahmen angewiesen, die darüber hinaus durch branchenfremde Akteure (Suchmaschinen und Social Web: z.B. Facebook, myspace. Das zeigt auch, dass das Unternehmen nicht unbedingt "sozial" ist, sondern eher sozial problematisch) abgezogen werden.
Gleichzeitig hat die Gratiskultur das Kostenbewusstsein für Journalismus aufseiten der Medienkonsumenten zerstört. Diese Verlagerungen von Kauf- zu Gratismedien fördern den Konzentrationsprozess, um Skaleneffekte und crossmediale Mehrfachverkäufe zu ermöglichen. Das historisch nur kurzfristig funktionierende Geschäftsmodell der Pressevielfalt wird ersetzt durch zentrale Informationsmedien, nicht mit gesinnungsethischen Motiven oder mit Konzessionsgeldern, sondern unter reinen Renditeaspekten.
> Hier wäre allerdings ein vorsichtiges Jein angebracht, denn Medienmogule wie Murdoch, Berlusconi und Springer sind eigentlich immer rechts, was ja auch für die Eigentümer der neuen Baz zutrifft (Tettamanti/Wagner), die so vom Käseblatt zum propagandistischen Käseblatt mutiert (ein kleiner Schritt, der Aufregung kaum wert).
Die verstärkte Zielgruppenfokussierung, ein must in der Marktwirtschaft, führt insgesamt zu einer Abschichtung des Medienangebots im Hinblick auf Bildungsschichten und Generationenkohorten (Altersgruppen). Die Medien der Gattung Presse orientieren sich in der Auswahl, Darstellung und Interpretation der Nachrichten zunehmend stärker am Medienkonsumenten und immer weniger am Staatsbürgerpublikum.
Noch präziser: Die Nachrichten orientieren sich stärker an Unterhaltungsbedürfnissen der Medienkonsumenten als an Informationsbedürfnissen der Staatsbürger.
Dies führt vor allem bei Gratiszeitungen zu erheblichen Qualitätsdefiziten:
Die Zahlbereitschaft für die in allen Kanälen verfügbaren Softnews schrumpft noch weiter durch die Gratiskultur. Inwieweit durch eine weiter gesteigerte Human Interest- und Skandalisierungstendenz und die moralisch-emotionale Intervention die Nachfrage und Kaufbereitschaft für den Boulevard angekurbelt werden kann, ist fraglich. Bislang antwortet der in Bedrängnis stehende Boulevard – wie das Beispiel Ringier zeigt – mit der Errichtung integrierter Newsrooms sowie mit einem crossmedialen Multikanaljournalismus. Im Zuge dieser Entwicklung sollen die entsprechenden Internetplattformen auch zu Verkaufskanälen von Dienstleistungen und Produkten werden, was die redaktionelle Unabhängigkeit unterläuft.
Thesenjournalismus in Sonntagszeitungen, im emotionalisierenden Magazin - und in der Weltwoche:
Die Spezialität der Sonntagszeitungen sind Thesenjournalismus, Enthüllungen (sowie Indiskretionen, die sich auf die Sonntagszeitungen einstellen) und die vertiefte Auseinandersetzung mit aktuellen Themen. Der Verlust an Auslandsberichterstattung in der gesamten Medienarena wird auch durch die sprachregional und national orientierten Sonntagszeitungen nicht wettgemacht.
Die Weltwoche betreibt den radikalsten Thesenjournalismus in der Schweiz, ohne dass ein Nachprüfen der Fakten durch die anderen Medien stattfindet. Ausserdem bewirtschaftet sie ihre Themen in einem stark moralisch- emotionalen Stil. In dieser Disziplin übertrifft sie sogar den SonntagsBlick.
Qualitätsschwache Medien im Vormarsch: Die Kaufpresse steckt in einer grundsätzlichen Finanzierungskrise und die Nutzung von Gratiszeitungen und Onlinemedien wird im Vergleich zu Presse, Radio und Fernsehen weiter zunehmen, da vor allem die jüngeren Alterskohorten zwischen 15 und 35 in einer qualitätsschwachen Gratiskultur sozialisiert wurden.
Die Journalistinnen und Journalisten sind durch Multikanalanforderungen einem höheren Produktionsdruck ausgesetzt, und sie müssen in der Lage sein, kurzfristig Meldungen für verschiedene Medien und über verschiedene Berichterstattungsbereiche herzustellen. ... Dazu Ivo Bachmann, früherer Chefredaktor des Beobachters und der Basler Zeitung: «Man träumt von journalistischen Alleskönnern, die bereitwillig zusätzliche Aufgaben übernehmen und flink alle möglichen Plattformen bespielen. Das wird scheitern – wenn nicht an der fehlenden Bereitschaft der Mitarbeitenden, dann an der fehlenden Qualität ihrer Arbeit».
Kurz zusammegefasst: Möglichst billige Information in möglichst viele Kanäle abgefüllt werden.
Durch die Zusammenlegung von Redaktionen und die Abschaffung von Ressorts verringert sich zusätzlich das spezialisierte Fachwissen. Unter Berücksichtigung der intensiven Konzentration bedeutet dies, dass immer weniger Medienanbieter kostengünstiger, d.h. mit geringerem Rechercheaufwand, News produzieren und diese mehrfach verwerten. Durch dieses «more of the same» bei den Medieninhalten verringert sich die Unterschiedlichkeit zwischen den Bezahlzeitungen und den Gratistiteln. Dies führt zu einem nicht ganz banalen
Verlust der Informationsfunktion -
und damit des informierten Bürgers -
ohne den eine Demokratie ein Witz ist,
ein schlechter zudem.
Auch hier muss leider wiederholt werden, dass die meisten dieser Entwicklungen und Probleme publikumsbedingt sind:
Seltsame Interessen - oder vielmehr:
Interesselosigkeit an fast allem, was nicht Unterhaltung ist
Dieser gelangweilte Bürger müsste sich mal bewusst werden, dass er eben nicht nur gelangweilt, sondern auch langweilig ist für die andern, dies um so mehr, als er dazu auch noch keine Zeit hat, also in der ganzen Langeweile noch rumhetzt. Bremsen, Pfeifchen rauchen, nach- oder vor-denken.
Die Validierung der Qualität der Berichterstattung in der Schweizer Medienarena erfolgt anhand von vier Dimensionen: Vielfalt, Relevanz, Aktualität und Professionalität. Diese Dimensionen leiten sich aus den Anforderungen an die öffentliche Kommunikation ab, die ursprünglich in der Aufklärungsbewegung geprägt worden sind und die in der Medienpolitik, den journalistischen Leitbildern und Ethiken sowie in der sozialwissenschaftlichen Qualitätsforschung der demokratischen Gesellschaften weiterentwickelt wurden
Der Qualitätsindikator Relevanz begründet sich durch den Anspruch, dass das Allgemeine gegenüber dem Privaten bzw. das Gesellschaftliche gegenüber dem Individuellen und Partikulären Vorrang hat.
Relevant sind Thematisierungen auf der Ebene der Gesamtgesellschaft und von gesellschaftlichen Teilbereichen, den Gesellschaftssphären (also die Makroebene).
Ebenfalls von Bedeutung sind Thematisierungen von entsprechenden Institutionen und Organisationen (also die Mesoebene).
Liegt der Fokus der Berichterstattung auf Einzelpersonen (also auf der Mikroebene), gilt es verschiedene Arten der Personenthematisierung zu unterscheiden:
- Die anonyme Thematisierung von Personen (Mikroebene anonym) ist häufig ein rhetorisches Mittel der Problemthematisierung, und die
- Berichterstattung über Personen in ihren Funktionsrollen (Mikroebene rollennah) im Rahmen von Institutionen und Organisationen ist von einer auf das Private und Partikuläre abhebenden Thematisierung (Mikroebene rollenfern) zu unterscheiden.
Insgesamt nimmt die Relevanz der Berichterstattung ab mit einer Gewichtung, die sich von Makro-Meso auf Meso-Mikro verlagert und einen hohen Anteil an privater Personenfokussierung (Mikroebene rollenfern) aufweist.
Qualitätsunterschiede und -defizite:
Oeffentliche Medien: Der Beitrag der verschiedenen Medientypen zur Qualität der Berichterstattung in der Schweiz differiert stark. Die Informationssendungen der öffentlichen audiovisuellen Medien (v.a. das Radio, etwas weniger das Fernsehen) und die Abonnementszeitungen steuern am meisten Themen von gesellschaftlicher Relevanz bei. So sind die Kommunikationsereignisse, die sich auf gewichtige und komplexe Gesetzgebungsprozesse beziehen, sowie die Beleuchtung aussen- und wirtschaftspolitisch relevanter Themen vor allem auf das öffentliche Radio und auf die Abonnementspresse zurückzuführen.
Private Medien: Dagegen konzentrieren sich die Boulevard- und Gratiszeitungen, die Privatsender sowie die Onlinemedien primär auf Partikuläres und bewirtschaften vor allem personenzentrierte Human Interest- oder Sportthemen. Die zentralen Gesellschaftssphären Politik, Wirtschaft und Kultur werden in diesen Medientypen viel stärker personalisierend, privatisierend und emotionalisierend aufbereitet. Daneben lassen das private Fernsehen und Radio sowie die Onlinemedien den Sport sowie personalisierbare Konflikte, Bedrohungen und Themen des Human Interest hervortreten. Insofern sind bei den Boulevardzeitungen und den privaten TV-Sendern, insbesondere aber bei den Gratiszeitungen und den Onlinemedien, die Vielfalt und Relevanz stark eingeschränkt, und die Forumsfunktion, d.h. der argumentative Austausch und die Auswahl der Themen, die um eine politische Lösung kandidieren, werden nur bedingt erfüllt.
Einerseits scheint die Politik dominant vorne zu stehen in der Aufmerksamkeit, vor allem wenn man die Frontseiten (das hiess eigentlich mal Titelseiten) der Blätter betrachtet:
In der Arena der schweizerischen Informationsmedien findet die Politik ein Drittel der Aufmerksamkeit. Themen aus Kultur und Wirtschaft sind nur zu je einem knappen Sechstel vertreten. Dafür finden Sport und Human Interest zu über einem Drittel Resonanz.
Andererseits werden ganze und bedeutungsvolle Bereiche der Politik einfach links (nicht völlig unpolitisch gemeint) liegen gelassen:
Lokale und regionale Räume (45%) sowie der Nationalstaat (24%) sind der hauptsächliche Fokus bei der Mehrzahl der erfassten Kommunikationsereignisse, während Vorgänge auf bilateraler Ebene (3%), in einem ausländischen Staat (13%) und auf internationaler oder globaler Ebene (15%) tendenziell vernachlässigt werden
Die politisch und wirtschaftpolitisch relevanten Themen erhalten durch die direkte Demokratie und nur im Kontext hoher Entscheidungsdrücke und Konflikte Resonanz. Gerade in den zugespitzten Konflikten treten jedoch Grundfragen wie Lösungswege in den Hintergrund. Reflexive Thematisierungen wie das Ende des Kalten Krieges oder die Rechtstaatsproblematik bei der Minarettdebatte haben erst als Erinnerungsereignis oder nach geschlagener Schlacht Entfaltungschancen.
Auf den zweiten Blick fällt auf, dass zwar ein knappes Drittel aller erfassten Kommunikationsereignisse die Politik betrifft (32%), eine fast ebenso grosse Gruppe aber Themen des Human Interest (31%). Politische Kommunikationsereignisse umfassen tendenziell eher mehrere Beiträge aus mehreren Tagen, Wochen oder Monaten (z.B. Minarettinitiative), während Kommunikationsereignisse aus dem Bereich Human Interest oftmals auf ein einzelnes, partikuläres Ereignis (z.B. Autounfall) rekurrieren und häufig aus sehr wenigen Beiträgen an einem oder nur wenigen Tagen bestehen. Insofern ist das Gewicht der Politikberichterstattung (Anzahl Beiträge) zwar höher. Doch die hohe Anzahl von Kommunikationsereignissen zum Human Interest bedeutet, dass die Medien immer wieder auf einzelne, spektakuläre, partikuläre Ereignisse fokussieren, deren Prozesshaftigkeit und Kontextuierung bestenfalls fraglich bleibt. Damit tragen sie zur Eventisierung der öffentlichen Kommunikation bei.
Noch ärger als der Politik geht es allerdings der Wirtschaft. Auch da könnte man den Eindruck haben, dass es in den Medien eigentlich um nichts anderes geht. Doch gerade bei der Wirtschaft täuscht der Eindruck am stärksten, denn der Informationsgehalt der heutigen Presse ist zumeist recht nahe bei Null:
Im Vergleich zur hohen Zahl von Themen zum Human Interest vereinen Wirtschaft und Kultur je rund 15% auf sich, der Sport nochmals 6%. Wirtschaftsthemen umfassen überwiegend Kommunikationsereignisse zum Geschäftsgang einzelner Firmen und Branchen. In den selteneren Fällen, in denen reflexive wirtschaftliche Themen ausgebildet werden (z.B. zur Finanzmarktkrise), spielen die (überregionale) Abonnementspresse und der öffentliche Rundfunk eine zentrale Rolle. Die Fälle, bei denen Boulevard- und Gratismedien sowie der private Rundfunk auf die Wirtschaft fokussieren, handelt es sich häufig um Skandale (z.B. Betrug in einem Fitnesscenter in der Region Zürich) oder Geschäftsergebnisse mit Human Interest-Charakter (z.B. Qualität des Bordeaux-Jahrgangs 2009).
Des Weiteren reduziert sich die Vielfalt der relevanten Auslandsberichterstattung in den meisten Medientypen auf einige wenige Themen. Die Gratiszeitung 20 minutes beispielsweise bildet im Untersuchungszeitraum auf den Frontseiten ganze vier (!) Kommunikationsereignisse mit Bezug zur Politik im Ausland aus. Zwei davon sind stark personalisiert und privatisiert (Rolle der First Lady Michelle Obama, Verhältnis Berlusconis zu jungen Frauen), eines wird in Form einer punktualistischen Katastrophenberichterstattung abgehandelt (Anschläge im Irak), und nur eines folgt stärker institutionellen Prozessen (Klimakonferenz in Kopenhagen).
Noch schlimmer, leider, entgegen meiner Träume 2004 betreffend der Chancen des Internet-Journalismus', eben dieses: Die neueste Gattung hingegen, die Onlinemedien (s. dort für weitere Ausführungen zum Thema Relevanz: Micro-, Meso-, Macroebene.) , lehnt sich in der Tendenz der zweitjüngsten Gattung, dem Fernsehen an, und weist eine verhältnismässig starke Orientierung an Themen des Human Interest auf (rund 40%). Diese Medien und Gattungen bilden viele Kommunikationsereignisse aus, die einen ereignisgetriebenen, episodischen und kurzfristigen Charakter haben. Dazu gehören beispielsweise ein Verkehrsunfall in Rancate (TI), der überraschende Tod des jungen Popsängers Stephen Gately auf Mallorca oder die Rückkehr eines entflogenen Graupapageis in der Region Zürich.
Gerade im Zeitalter der Globalisierung und der aktuellen globalen Finanz- und Wirtschaftskrise sinkt also in der schweizerischen Medienarena die Beobachtung international relevanter Vorgänge.
Die Konzentration auf einige wenige innenpolitische (Streit-)Themen, Skandalisierung von Minderheiten innerhalb der Gesellschaft oder in der Problematisierung von ausländischen Staaten und supranationalen Akteuren ersetzt einen konstruktiven Dialog insbesondere dann, wenn eine Gesellschaft an Orientierung verliert. (Man könnte den Satz allerdings auch umgekehrt, und etwas träfer formulieren: Wenn eine Gesellschaft sich vor allem mit Mumpitz befasst, verliert sie die Orientierung.
Die Zerbröselung von Informationen, ihre Isolation vom Kontext, geschieht insbesondere gerne dort, wo eigentlich der geschichtliche Hintergrund vorhanden und wichtig wäre, aber die Angelegenheit zu mühsam ist (nicht jeder Journalist ist Historiker - und vor allem, kaum ein Leser):
Denn nur wenn die Berichterstattung eine Einordnung des Geschehens erlaubt, sind die Voraussetzungen für eine aktuelle und kontextuierende Darstellung gegeben. Für die Beitragsanalyse wird auf die von Iyengar (1991) etablierte Unterscheidung von «episodic frame» und «thematic frame» zurückgegriffen:
Eine solche episodisch orientierte Berichterstattung lässt sich beim Sport rechtfertigen, sie ist jedoch nicht in der Lage, den prozessualen und mittel- bis langfristigen Charakter politischer und wirtschaftlicher Vorgänge zu erfassen.
| Wer seine Informationen über Vorgänge in der Welt ausschliesslich aus den Onlinenewssites, den Gratiszeitungen oder dem privaten Rundfunk bezieht, dem präsentiert sich die Welt als Summe von zumeist zusammenhangslosen episodischen Ereignissen. |
Eine überdurchschnittlich thematische bzw. kontextuierende Berichterstattung bieten innerhalb der Presse die Sonntagszeitungen und Magazine (34%) sowie die Abonnementszeitungen (32%). Beim Radio und Fernsehen sind es jeweils die öffentlichen Sender (öffentliches Radio 33%; schwächer das öffentliche Fernsehen mit 28%), die für eine einordnende Berichterstattung sorgen. Ausgesprochen episodisch ist die Berichterstattung dagegen in sämtlichen Onlinenewssites (85%), in den Boulevard- (88%) und den Gratiszeitungen (90%) sowie in den Nachrichtensendungen des Privatfernsehens (90%).
Qualitativ gut ist eine thematisch orientierte Berichterstattung, die Ereignisse entlang der Zeitachse verortet und dabei Ursache- und Wirkungszusammenhänge aufzeigt. Eine episodisch orientierte Berichterstattung stellt das Geschehen auf Messers Schneide der Gegenwart dar und interpretiert nur die unmittelbaren Ereignisse. Eine solche episodisch orientierte Berichterstattung lässt sich beim Sport rechtfertigen, sie ist jedoch nicht in der Lage, den prozessualen und mittel- bis langfristigen Charakter politischer und wirtschaftlicher Vorgänge zu erfassen. Die Forums-, Legitimations- sowie Kontroll- und die Integrationsfunktion öffentlicher Kommunikation können nur erfüllt werden, wenn der Temporalität politischer und wirtschaftlicher Vorgänge Rechnung getragen wird. Mit anderen Worten: Die Orientierungsfunktion medial vermittelter öffentlicher Kommunikation lässt sich mit einer überwiegend episodisch orientierten Politik- und Wirtschaftsberichterstattung nicht gewährleisten.
Sendungen des öffentlichen Rundfunks (v.a. Radio, weniger TV) und Abonnementszeitungen, die vor allem relevante Themen berücksichtigen, richten den Fokus in ihren Frontseiten- und Aufmacherbeiträgen auf die Ebene der Gesellschaft und der Organisationen, weniger auf die Personen. Dagegen finden bei den Boulevard- und Gratiszeitungen sowie den Onlinemedien generell personenzentrierte Human Interest-Themen Aufmerksamkeit, und auch die Politik wird viel stärker über Geschichten von einzelnen Personen aufbereitet. Je stärker gleichzeitig die Ereignisse wie in diesen Medien episodisch und nicht thematisch (vgl. Kapitel I.2.3), also in ihren Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen, eingebettet werden, desto weniger werden politische Strukturen und Verfahren beleuchtet und desto mehr erscheint die Politik als etwas, in dem einzelne Personen reüssieren oder versagen.
Eine überdurchschnittlich thematische bzw. kontextuierende Berichterstattung bieten innerhalb der Presse die Sonntagszeitungen und Magazine (34%) sowie die Abonnementszeitungen (32%). Beim Radio und Fernsehen sind es jeweils die öffentlichen Sender (öffentliches Radio 33%; schwächer das öffentliche Fernsehen mit 28%), die für eine einordnende Berichterstattung sorgen. Ausgesprochen episodisch ist die Berichterstattung dagegen in sämtlichen Onlinenewssites (85%), in den Boulevard- (88%) und den Gratiszeitungen (90%) sowie in den Nachrichtensendungen des Privatfernsehens (90%).
Gratis- und Boulevardzeitungen thematisieren Politiker und Wirtschaftsvertreter aber nicht nur in ihren Funktionsrollen, sondern auch in privaten, rollenfernen Kontexten. So fokussieren beispielsweise rund 10% (Boulevard) bzw. 15% (Gratis) der politischen Berichterstattung auf Politiker als Privatpersonen, während diese Werte bei den Abonnements- und Sonntagszeitungen rund 3% betragen. Die strukturelle Vermischung von Gegenstandsbereichen sowie eine starke Human-Interest-Orientierung führen demnach zu einer Abnahme der Relevanz über alle Berichterstattungsbereiche hinweg.
Die Agenda der 20 wichtigsten Kommunikationsereignisse wird vor allem durch politische Themen und einige Wirtschaftsthemen bestimmt; eine kulturelle Themenbildung findet nicht statt (vgl. Kapitel II.2.2.1). Dafür finden vier sportliche Grossanlässe und ein Sportskandal sowie das Boulevardcasting des Blick auf den Frontseiten derart hohe Beachtung, dass diese Ereignisse rund ein Viertel der Aufmerksamkeit unter den wichtigsten 20 Themen der Pressearena absorbieren.
Die strukturelle Vernachlässigung der Wirtschaft (vgl. Kapitel II.2.1.1.) zeigt auch Folgen für die wirtschaftliche Themenbildung auf den Frontseiten. Schon seit den 1990er Jahren überwiegt in der Wirtschaftsberichterstattung eine auf Performanz orientierte Fokussierung auf Finanzunternehmen und die Finanzbranche (die Helden des arbeitenden Kapitals), während die Realwirtschaft nur durch personenzentrierte Skandale und Affären etwa in Betrieben des Service Public Resonanzchancen erhält (vgl. Kapitel VI.2 Wirtschaftsberichterstattung in der Krise). Demgegenüber dringt eine Berichterstattung über die Finanz- und Weltwirtschaftskrise mit kontextuellen Bezügen (Makro), also eine «Systemdebatte», nicht auf die Frontseiten vor. Debatten über die «too big to fail»-Problematik, das Bankgeheimnis und die damit verbundenen «Crossborder-Geschäfte» oder eine sich über skandalisierbare Einzelfälle erhebende Auseinandersetzung über Entlohnungssysteme, haben keine Resonanzchancen. Die Finanzkrise aktualisiert sich «nur» an unmittelbaren Ereignissen (UBS-Krisenbewältigung) sowie anhand des Drucks auf den Finanzplatz Tessin.
Berücksichtigt man die resonanzstarken Kommunikationsereignisse mit starken Bezügen auf der Makroebene (Gesellschaftsrelevanz), dann finden sich in der Agenda der schweizerischen Pressearena sechs wichtige Themen. Als überwiegend gesellschaftsrelevant, mithin auf der Makroebene, werden zunächst die Klimapolitik, der Druck auf den Finanzplatz Tessin und der Konjunkturverlauf in der Schweiz thematisiert. Das Thema der Klimapolitik ist von starken Problematisierungen geprägt, während die Lösungen kaum greifbar sind. Der Druck auf den Finanzplatz Tessin ist – wie erwähnt – vor allem eine Systemfrage im Tessin. Und der Konjunkturverlauf erhält Brisanz durch den Kontext der Finanz- und Wirtschaftskrise, wobei keine Ursachen- oder Lösungsthematisierung der Krise stattfindet.
Faktoren: Sachgerechtigkeit, Sachlichkeit, Neutralität, Transparenz, Ausgewogenheit und thematische Kompetenz
Zentral ist hier die Unterscheidung von kognitiv-normativen Berichterstattungsstilen gegenüber moralisch-emotionalen Stilen in Gestalt subjektivistischer und moralisierender Beiträge zielt auf die Sachlichkeit journalistischer Vermittlungsarbeit. Insbesondere in einem sprachregional segmentierten, konfessionell heterogenen, ausgesprochen föderalen Staatswesen wie der Schweiz, bilden die politischen Auseinandersetzungen auf nationaler Ebene das massgebliche Integrationsmoment. Entsprechend schaffen Souveränitätsfragen wie die Europapolitik nach aussen und die Identitätspolitik nach innen sowie nationale Ordnungsprobleme sprachgrenzen-übergreifende Aufmerksamkeitsstrukturen. In diesen Fragen behandeln die Medien der deutsch-, französisch- und italienischsprachigen Schweiz – wie sich bei der Europapolitik zeigt – zur selben Zeit dieselben Probleme mit denselben Problemperspektiven.
Der moralisch-emotionale Berichterstattungsstil ist ein Mittel, Leser über Gefühle anzusprechen. Da Frontseiten verkaufsfördernde Aufmerksamkeit erhalten sollen, ist ein im Vergleich zur Informationsangebotsanalytik höherer Anteil moralisch-emotionaler Berichte zu erwarten. Dies gilt insbesondere für die Gratispresse, die von der Aufmerksamkeitsbindung durch die Leserinnen und Leser hinsichtlich ihrer Werbefinanzierung abhängig ist, und für die Boulevard- und Sonntagszeitungen, die massgeblich auf den Strassenverkauf ausgerichtet sind. Diese These wird anhand aller Beiträge auf den Frontseiten der Presse im letzten Quartal 2009 und der 20 wichtigsten Themen im gleichen Zeitraum überprüft.
Diese generellen Befunde gelten auch für die Politikberichterstattung, auch wenn sich hier die Unterschiede abschwächen. Die Boulevardzeitungen (42%), die Gratiszeitungen (30%) und ihre jeweiligen Onlineausgaben (Boulevard-Online 30%, Gratis-Online 29%) pflegen eine erheblich moralisch-emotional aufgeladene Berichterstattung über Politik. Umgekehrt zeichnet sich vor allem die Politikberichterstattung der Abonnementszeitungen (89%) und die Nachrichtensendungen des privaten (93%) und des öffentlichen (89%) Radios durch eine überwiegend kognitiv-normative Berichterstattung aus.
Das Politikressort (vgl. Darstellung II.2.34) ist generell von einem kognitiv-normativen Berichterstattungsstil dominiert, insbesondere die Abonnements- und Gratiszeitungen erreichen hier einen Anteil von über 90%. Bei den Gratiszeitungen dominiert in den vielen ungezeichneten und übernommenen Beiträgen der sachliche Modus. Diesbezüglich unterscheiden sich die Gratiszeitungen deutlich vom Berichterstattungsstil der Boulevardmedien. Die Human-Interest-Orientierung und die schwache Ressortdifferenzierung bzw. die Dominanz des gemischten Newsressorts überformt die gesamte Berichterstattung.
Der unterdurchschnittliche Anteil kognitiv-normativer Berichterstattung bei den Sonntagszeitungen erklärt sich durch die grosse Heterogenität innerhalb des Pressetyps: Die einzelnen Titel orientieren sich in ihrem Berichterstattungsstil an den jeweiligen «Schwesterblättern». Dies lässt sich gut an Le Matin Dimanche illustrieren, der im Sinne einer klaren Markenpositionierung wie Le Matin auf Moralisierung, Emotionalisierung und Skandalisierung als Absatzstrategie setzt und den höchsten Anteil moralisch-emotionaler Berichterstattung aufweist. Allerdings tendieren Sonntagszeitungen mit ihrem Enthüllungsjournalismus generell zu einer emotionalisierenden und moralisierenden Lancierung von Themen und Skandalisierung von Akteuren.
Der überdurchschnittlich hohe Objektivitätsgrad der Gratiszeitungen lässt sich – wie beim Politik- und Wirtschaftsressort auch – auf die Praxis der primären Übernahme von (ungezeichneten) Agenturmeldungen zurückführen.
Regel:
In der Regel dominieren bei den politischen Themen der Bezug auf die Sozialebenen Makro und Meso (vgl. Kapitel I.2.2) und ein kognitiv-normativer Berichterstattungsstil.
Ausnahmen:
Allerdings gibt es drei gewichtige politische Themen, die hier eine Ausnahme bilden, indem die Berichterstattung überdurchschnittlich stark moralisch-emotional aufgeladen ist (Minarettinitiative, Libyenaffäre und Integrationspolitik der Schweiz). In zweien dieser drei Kommunikationsereignisse ist die Berichterstattung zudem durch eine starke Personalisierung geprägt (Libyenaffäre und Integrationspolitik der Schweiz).
Einzelne Medien:
Das Fernsehen pflegt eine deutlich moralisch-emotionalere Berichterstattung als das Radio, wobei hier klare Unterschiede zwischen den Nachrichtensendungen des öffentlichen Fernsehens (21% moralisch-emotionale Berichterstattung) und des privaten Fernsehens (37%) bestehen. Der im Gattungsvergleich am stärksten ausfallende moralisch-emotionale Berichterstattungsstil der Online-Newssites ist vor allem auf die Aufmerksamkeitsbewirtschaftung durch entsprechend emotional aufgemachte Titel und Anrisse zurückzuführen (Klickratenjournalismus).
Im Vergleich der Pressetypen haben wir es bei den Boulevardmedien, unter Einbezug des Sonntagsboulevard, wesentlich stärker mit emotionalisierenden und moralisierenden Berichten im Politik- und Newsressort zu tun. Hier manifestiert sich der punktuelle interventionistische Stil der Boulevardmedien in Form einer moralisch-emotionalen Lancierung oder Aufladung von gesellschaftspolitischen Problemen (Medienpopulismus). Dies geht mit der Fokussierung auf den Human Interest und einer ausgeprägten Tendenz zu Personalisierung und Privatisierung einher. Die Sonntagszeitungen neigen aufgrund ihres Enthüllungsjournalismus in der Politik- und Wirtschaftsberichterstattung ebenfalls zur Skandalisierung von Akteuren und damit zur moralisch-emotionalen Aufladung von Themen.
Die Wirtschaftsberichterstattung ist sowohl bei den Boulevard- als auch bei den Gratisblättern marginal, episodisch und aus Agenturberichten zusammengesetzt. Diese beiden Pressetypen tragen besonders wenig zur Wahrnehmung der grundlegenden Probleme der Weltwirtschaftskrise bei (vgl. Kapitel VI.2). Eine Frühwarnfunktion hinsichtlich Erkennung und Thematisierung gravierender, gesellschaftlicher Probleme ist in diesen Pressetypen nicht zu beobachten.
Folgen der kognitiv-normativen (also "wissenschaftlichen") Darstellung:
Die zentralen Vertreter einer sachlich-argumentativen sowie einordnenden Berichterstattung – das öffentliche Radio und die Abonnementszeitungen – kämpfen jedoch mit sinkenden Quoten bzw. dramatisch einbrechenden Werbeeinnahmen.
Quellentransparenz:
Das Qualitätsgefälle zwischen den Pressetypen Gratis- (69% ohne Quellenangaben) und Boulevardmedien (55%) einerseits und den Sonntagszeitungen bzw. dem Magazin (28%) sowie der Abonnementspresse (20%) andererseits ist gross. Damit fehlen jedoch auch in den Sonntagszeitungen und dem Magazin sowie in der Abonnementspresse bei rund einem Viertel bis einem Fünftel der Beiträge die Quellenangaben. Die höchste Quellentransparenz haben die Pressetitel NZZ, NZZ am Sonntag, Berner Zeitung sowie die Weltwoche (alle unter 2% ungezeichnete Beiträge). Die Mehrzahl der Beiträge ohne Angaben (über 60%) publizieren Blick, 20 Minuten, 20 minutes sowie Corriere del Ticino.
Ein ähnliches Gefälle zwischen den Pressetypen zeigt sich auch hinsichtlich des Anteils redaktioneller Eigenleistungen: Eine bedeutend höhere redaktionelle Eigenleistung haben die Sonntagszeitungen und das Magazin (66%) sowie die Abonnementszeitungen (58%) gegenüber den Boulevard- (40%) und Gratismedien (27%) vorzuweisen. Auf der Ebene der einzelnen Pressetitel sind die NZZ, der Tages-Anzeiger, die Berner Zeitung, die Neue Luzerner Zeitung, Tribune de Genève, die NZZ am Sonntag sowie die Weltwoche mit einem Anteil von über 70% redaktioneller Eigenleistung führend.
Die äusserst geringe Quellentransparenz der Gratiszeitungen (und der Boulevardpresse) vermindert die Glaubwürdigkeit von Information. Durch den tiefen Anteil an redaktioneller Eigenleistung besonders im Politik- und Wirtschaftsressort wird die journalistische Professionalität nach unten nivelliert. Information hat hier im Grunde «Warencharakter» angenommen, sie wird anonym erstellt und gehandelt. Dagegen bewahren die Sonntagszeitungen, das Magazin sowie die Abonnementspresse professionelle Qualitätsstandards und vermitteln zu einem wesentlich höheren Anteil selbsterstellte und zuzuordnende Beiträge. Damit tragen sie wesentlich zur Forumsfunktion, zur Kritik- und Kontrollfunktion und zur Integrationsfunktion öffentlicher Kommunikation bei.
Eine aktuelle und trotzdem hochwertige Berichterstattung lässt sich nach dem aktualisierten Zeithorizont unterscheiden: Qualitativ hochwertig ist eine thematisch orientierte Berichterstattung, die Ereignisse entlang der Zeitachse verortet und dabei Ursache- und Wirkungs-zusammenhänge aufzeigt. Eine episodisch orientierte Berichterstattung stellt das Geschehen auf des Messers Schneide der Gegenwart dar und interpretiert nur die unmittelbaren Ereignisse. Eine solche episodisch orientierte Berichterstattung lässt sich beim Sport rechtfertigen, sie ist jedoch nicht in der Lage, den prozessualen und mittel- bis langfristigen Charakter politischer und wirtschaftlicher Vorgänge zu erfassen. Forums-, Kontroll- sowie Kritik- und Integrationsfunktion öffentlicher Kommunikation können daher nur erfüllt werden, wenn der Temporalität politischen und wirtschaftlichen Handelns in der Berichterstattung Rechnung getragen wird. Mit anderen Worten: Die Orientierungsfunktion medial vermittelter öffentlicher Kommunikation lässt sich mit einer überwiegend episodisch orientierten Politik- und Wirtschaftsbericht-erstattung nicht gewährleisten. |
Aktualität bemisst sich nicht wie üblich bloss daran, über Ereignisse zuerst (Primeur) bzw. schnell zu berichten. Vielmehr soll der schnelle Nachrichtenfluss im weltumspannenden, 24 Stunden und 7 Tage laufenden sowie auf Realzeit getakteten Informationsgeschäft NICHT zu einer punktualistischen, kontextlosen Berichterstattung führen. (s. Konfettidialog) Um diesen Qualitätsanspruch zu validieren, wird auf die von Iyengar (1991) etablierte Unterscheidung von «episodic frame» und «thematic frame» zurückgegriffen. Berichte mit einem episodischen Charakter stellen Einzelfälle oder Ereignisse ins Zentrum und vermitteln konkretes, aber isoliert betrachtetes Geschehen. Berichte mit einem thematischen Charakter kontextuieren dagegen Ereignisse und Sachverhalte, d.h., sie fokussieren längerfristige Prozesse und übergeordnete Bezugsprobleme.
Im Politikressort überwiegt die episodische Berichterstattung in allen Pressetypen (vgl. Darstellung II.2.22). Allerdings ist die Politikberichterstattung der Gratismedien am meisten episodisch orientiert und liegt entsprechend mit 12% unter dem Durchschnitt an thematischer Berichterstattung von allen Pressetypen. Politik löst sich hier in unverbundene Einzelereignisse auf und nur noch 5% der Politikberichterstattung werden kontextualisiert.
Auffällig ist hier auch, dass unterschiedliche Medien sich offensichtlich mit unterschiedlichen Politik-Räumen befassen, die Gratiszeitungen und Abozeitungen praktisch nur mit der Schweiz, vor allem regional, die Sonntagsmagazine sich mit der Schweiz und/oder dem Ausland, nur der Boulevard befasst sich mit allem, tiefem Niveau. Insbesondere die Multinationalen Organisationen, also die EU, UN etc. werden auch hier links liegen gelassen, was auf eine weitgehend fehlende Integration der Schweiz in dieselben, wie die Welt zu deuten scheint.
Die Schweiz sei im globalen Markt, also in der Welt äusserst aktiv? Richtig. Aber vor allem durch Herrschaftsstrukturen des Geldes, also globale Akteure, die nicht mehr auf die Standortsregierungen hören, und noch nicht auf internationale politische Akteure.
Der Qualitätsindikator Vielfalt begründet sich durch den Anspruch auf die Universalität der Öffentlichkeit. Kein Thema, keine Meinung oder kein Akteur soll prinzipiell von der öffentlichen Kommunikation ausgeschlossen sein:
Leider leidet die Vielfalt nicht nur durch Konzentration der Presse, sondern auch durch zunehmende Einfallt - in mancher Hinsicht.
In historischer Betrachtung fällt die zunehmende Eventisierung und Boulevardisierung des Informationsangebots in den neueren Pressetypen Gratis- sowie Sonntagszeitungen auf:
Einerseits gewinnt dabei die Sportberichterstattung an Bedeutung, insbesondere in Form von Grossevents. Das Sportressort hat in allen Pressetypen ein Gewicht zwischen 16 und 31%. Im Gegensatz hierzu versinkt das Kulturressort in der Bedeutungslosigkeit und erreicht auch in den Abonnements- sowie Sonntagszeitungen nur noch einen Umfang von rund 8%. Die marginalen Anteile der Kulturberichterstattung in den Gratis- und Boulevardmedien sind darüber hinaus stark eventorientiert. Im Zentrum stehen Ausgangstipps, Programm- und Veranstaltungshinweise. Eine Kulturberichterstattung im Sinne des klassischen Feuilletons findet sich nur noch in der NZZ. Der Umfang des Kulturressorts und die darin behandelten Inhalte sowie die redaktionelle Eigenleistung und die diversifizierten Beitragsformate (z.B. Rezensionen) in der Basler Zeitung, im Tages-Anzeiger und in Le Temps weisen darauf hin, dass diese Zeitungen einer feuilletonistischen Kulturberichterstattung am nächsten kommen.
Analog zu den marginalen Kulturressorts in fast allen Pressetypen (vgl. Kapitel II.2.1.1) ist die geringe Bedeutung der Kultur auf den Frontseiten. Kultur ist überwiegend nur dann frontseitentauglich, wenn aufmerksamkeitsteigernde Aspekte wie Eventisierung, Skandalisierung, Personalisierung und Privatisierung mit dem Thema verbunden werden können.
Das Politikressort ist bei den Pressetypen mit ausgewiesenen Ressortstrukturen evidenterweise auf Beiträge fokussiert, die sich mit der Gesellschaftssphäre Politik auseinandersetzen (vgl. Darstellung II.2.4): Abonnements- sowie Sonntagszeitungen und Magazine konzentrieren sich mit rund 50% auf die Berichterstattung über das politische Teilsystem. Wie bei allen anderen Pressetypen ist aber auch ihr Politikressort mit Beiträgen durchsetzt, die sich mit Wirtschaft, Kultur und vor allem mit Human-Interest-Themen beschäftigen. Einen stark boulevardesken Charakter hat das Politikressort bei den Boulevard- und Gratismedien, deren Beiträge sich zu über 40% dem Human Interest zuwenden. Wo Politik drauf steht, ist also nicht mehr zwingend Politik drin. Bei den Abonnementszeitungen schlägt sich eine boulevardeske Politikberichterstattung insbesondere im regionalen Politikressort nieder. Hier liegt auch das Schwergewicht der Politikberichterstattung in den Abonnementszeitungen NZZ (7% multinational, 15% Ausland, 7% CH-Ausland, 35% CH national, 35% CH regional) und Le Temps (11% multinational, 29% Ausland, 4% CH-Ausland, 29% CH national, 29% CH regional) bezüglich der geografischen Räume am ausgewogensten berichten, konzentrieren sich regionale Abonnementszeitungen auf die Regionalberichterstattung. Hier ragt die Berner Zeitung mit 100% Regionalberichterstattung heraus, gefolgt von 24 heures (83% CH regional) und der Tribune de Genève (82% CH regional). Mit Ausnahme der obengenannten NZZ und Le Temps ist die Vernachlässigung der Auslandberichterstattung (multinational und Ausland) sowie jene über die bilaterale Politik der Schweiz (CH-Ausland) in allen Pressetypen und -titeln eklatant; nur die Sonntagszeitungen und das Magazin fokussieren noch auf politische Vorgänge in anderen Nationalstaaten. Die scheinbare Ausgewogenheit der Raumbezüge in den Boulevardzeitungen bezieht sich nur zu 40% auf politische Vorgänge; daneben wird ebenso stark über Human Interest aus aller Welt berichtet.
Fazit
Auffallend ist die dominierende Binnenorientierung der Politikberichterstattung in der Presse. Das Weltgeschehen tritt auch bei den Abonnementszeitungen (mit den Ausnahmen Le Temps und NZZ), insbesondere zugunsten der Regionalberichterstattung, zurück. Die Abonnementszeitungen werden im Hinblick auf die Auslandsberichterstattung sogar von den Boulevardzeitungen geschlagen, die allerdings die Politik, wie die Gratiszeitungen, vorab über Human-Interest-Themen abbilden. Eine vergleichbare Vernachlässigung des Weltgeschehens findet sich auch in der Wirtschaftsberichterstattung. Im Zeitalter der Globalisierung hat die Presse den thematischen Anschluss an diese verpasst und beleuchtet im Wettbewerb um ihre Zielgruppen und aus Spargründen vor allem das nationale und regionale Geschehen.
Auffallend ist zudem die «Zwitterstellung» der Sonntagspresse. Zwar ähneln die Sonntagsausgaben in der Tendenz ihren «Schwesterblättern». Sowohl die NZZ als auch die NZZ am Sonntag greifen mehr Kommunikationsereignisse zur Politik (60 bzw. 59%) auf als etwa die Aargauer Zeitung und der Sonntag AZ (46 bzw. 45%). Doch insgesamt haben Sport- und Human-Interest-Themen in den Sonntagszeitungen eine höhere Bedeutung als in den jeweiligen Schwesterblättern, und die Sonntagspresse fokussiert als «Enthüllungsmedium» auch in der Politikberichterstattung mehr auf Skandale und lebensweltliche Geschichten. Auch das Magazin Weltwoche fokussiert weniger auf die Politik (41%) und mehr auf Themen des Human Interest (29%) als die Abonnementspresse.
Regionalisierung und Boulevardisierung (starke Human-Interest-Orientierung) gehen also mit der Vernachlässigung von relevanten Vorgängen im Ausland einher, wie sich dies bereits in der Beitragsanalyse des Politik- und Wirtschaftsressorts zeigte (vgl. Kapitel II.2.1.1). Trotzdem sind es insgesamt die Abonnementszeitungen, die am stärksten zu einer vielfältigen internationalen Berichterstattung in den Bereichen Politik, Wirtschaft und Kultur beitragen (durchschnittlich 23%). Allerdings zeigen Zeitreihenuntersuchungen (vgl. Darstellung I.2.3), dass die Auslandsberichterstattung selbst in der überregionalen Abonnementspresse in den letzten Jahren deutlich gesunken ist. Damit zeigt sich gerade im Zeitalter der Globalisierung und im Kontext einer weltweiten Finanz- und Wirtschaftskrise ein Trend zur Banalisierung und Regionalisierung der öffentlichen Kommunikation.
Des Weiteren sind trotz der grossen Bedeutung der Wirtschaft und der gewachsenen Wirtschaftsressorts die vergleichsweise kleinen Anteile der Wirtschaftsberichterstattung bei allen Pressetypen auffällig. Während Abonnements- und Sonntagszeitungen die Wirtschaft mit 11 bzw. 13% gewichten, ist diese bei den Gratiszeitungen marginal und in den Boulevardmedien praktisch inexistent. Die Wirtschaft erscheint hier nur im Kontext ausserordentlicher Nachrichtenwerte.
Der in allen Pressetypen kleine Umfang des Wirtschaftsressorts und seine Fokussierung auf Wirtschaftsthemen (vgl. Kapitel II.2.1.1) führen auch zu einer Konzentration auf gesellschaftliche und organisationelle Thematisierungen (vgl. Darstellung II.2.13). Insofern ist das Wirtschaftsressort im Vergleich zu den anderen Kernressorts in allen Pressetypen klar umrissen. Allerdings ist hinsichtlich des Wirtschaftsressorts ein Einfluss der PR-Industrie zu vermuten, so dass insbesondere die Berichterstattung über Organisationen (Meso) durch Informationsübernahmen gekennzeichnet sein kann. Die Sonntagszeitungen zeichnen sich, wie im Politikressort, durch eine Personalisierung der Berichterstattung (17% Mikro rollennah) aus.
In den diversifizierten Medienmärkten der französisch- und deutschsprachigen Schweiz mit starken Vertretern der Boulevard- und Gratispresse ist der Anteil von Sport- und Human-Interest-Themen ausserordentlich hoch: Acht bzw. sechs der 20 grössten Kommunikationsereignisse befassen sich mit Softnews.
Von der grossen Tradition der schweizerischen Publizistik in der Auslandsberichterstattung ist nicht mehr viel übrig geblieben. Die Schweiz ist ausgerechnet in der Ära der Globalisierung weltinnenpolitisch dümmer geworden; freilich unterscheidet sie sich darin nicht (mehr) von anderen Zentrumsnationen.
Die Wissensgesellschaft handelt in Unwissen
Wird im Detail nur jene Berichterstattung betrachtet, die in der Regel das Allgemeine und nicht das Partikuläre (vgl. Kapitel II.2.2.) hervorhebt, bleiben die Unterschiede bei den Pressetypen sehr deutlich. Während die Politikberichterstattung auf den Frontseiten der Abonnements- (36%) sowie Sonntagszeitungen und des Magazins (37%) zu mehr als einem Drittel thematisch ist, weist in der Boulevard- (21%) und Gratispresse (22%) nur jeder fünfte Frontseitenbeitrag zur Politik eine kontextualisierende Berichterstattung auf. Damit erklärt sich der insgesamt deutlich geringere Anteil an thematischer Berichterstattung in den Boulevard- und Gratiszeitungen auch durch eine episodische Politikberichterstattung. Eine uniforme Vermittlungslogik auf den Frontseiten ohne Unterschied hinsichtlich Gegenstandsbereich und notwendiger Orientierungsleistungen ist bei der Boulevardpresse üblich, wird aber zusätzlich vom neuen Pressetyp der Gratiszeitungen befördert.:
Auch innerhalb der Pressetypen, also bei den Pressetiteln, sind grosse Unterschiede festzustellen. Am ausgeprägtesten zeigen sich diese in den Sonntagszeitungen. Hier entsprechen die Anteile an thematischer Berichterstattung ziemlich genau den jeweiligen «Schwesterblättern»: Bei den boulevardesken Blättern SonntagsBlick und Le Matin Dimanche liegt der Anteil der thematischen und somit kontextualisierenden Berichterstattung bei 9%, während die NZZ am Sonntag und die SonntagsZeitung Anteile von 39 bzw. 36% aufweisen. Den höchsten Anteil hat die Weltwoche mit 73%. Der stark ausgeprägte Weltanschauungsjournalismus der Weltwoche führt dazu, dass die Themen in Interpretationszusammenhänge eingebettet werden.
Mit dieser Logik befördern die Sonntagszeitungen und das Magazin im Verbund mit der Gratis- und Boulevardpresse Themen, die ihre Dynamik durch die Darstellung besonders abweichender Einzelfälle erhalten. So ist das Kommunikationsereignis «Integrationspolitik Schweiz» auf allen Agenden unter den 20 grössten zu finden, ausser auf jener der Abonnementspresse, wobei fast ausschliesslich Repräsentanten von fundamentalistischen muslimischen Gruppen Aufmerksamkeit erhalten. Hier wird deutlich, dass die neueren Pressetypen (Gratis- und Sonntagszeitungen) wie die Boulevardzeitungen und das Magazin (Weltwoche) bei politischen Problemdefinitionen und Prozessen oft ausgesprochen punktuell intervenieren und dadurch öffentliche Debatten sowie politisches Handeln massiv beeinflussen.
Was in dieser Studie klassiert wurde als thematisch <> episodisch könnte man wissenschaftlich generell vielleicht eher als sys-tematisch und fallorientiert bezeichnen. Der Einzelfall ist immer wichtig, gerade im sozialen Bereich, denn ohne selbst-bewusstes Individuum gibt es auch keine Gesellschaft, insbesondere keine mit Denkvermögen und Bewusstsein. Der Unterschied der zwei Betrachtungsweisen prägt unsere Wissenschaften seit . Giambattista Vico(1668-1744), der als erster darauf hingewiesen hat. Windelband (1848-1915) nannte die Ansätze nomothetisch (allgemein gültige Gesetze der Naturwissenschaft) und ideographisch (Umfassende Analyse des Einzelfalles, Geisteswissenschaften).
Während dem aber in beiden Branchen dieser Wissenschaften der Kontext immer von Belang ist, wird er in den Medien zunehmend vernachlässigt - was zudem noch ein Verstoss ist gegen die Grundprinzipien des guten Journalismus. Die zeitliche, räumliche und sachliche Verortung von Fakten wird generell derart schwach, dass man dann eigentlich nicht mehr von Fakten reden kann, sondern von Aussagen, Behauptungen, Meinungen, Informationen - die in der Form als Handlungsgrundlage eigentlich nutzlos sind.
Die Presse ist die traditionelle Trägerin öffentlicher Kommunikation. Insbesondere in Gestalt der Abonnementszeitungen verdanken wir ihr nach wie vor die differenziertesten Aufmerksamkeitslandschaften und die nachhaltigste Berichterstattung. Verglichen mit den Abonnementszeitungen sind die Agenden der Informationssendungen von Radio und Fernsehen wesentlich kurzlebiger und umfassen engere Nachrichtenhorizonte. Allerdings kann sich auch die Presse der generellen Entwicklungsdynamik in der gesamten Medienarena nicht entziehen. Die Presse ist einem erhöhten Aktualitätsdruck und einer verschärften Newsorientierung ausgesetzt und reagiert auch aus Gründen des Kostendrucks mit einer steigenden Übernahme vorgefertigter Informationen.
Generell auffallend sind:
Der inzwischen fast vollständig ökonomisierten Informationspresse bricht die Finanzierungsgrundlage weg. Diese Krise der Informationspresse verschärft die bereits hohe Konzentrationsdynamik zusätzlich. Fusionen, Abbau, Umbau und Zusammenlegungen von Redaktionen, die Reduktion von Korrespondentennetzen sowie die weitere Verbreitung des Mantelzeitungswesens nehmen weiter zu.
Der Umsatz von Tamedia beispielsweise sank von 2000 bis 2003 von 817,9 Mio. auf 574,4 Mio. Franken. Der Umsatz der NZZ-Gruppe sank im gleichen Zeitraum von 531,9 Mio. auf 461,4 Mio. Franken.
Nach einer leichten Konsolidierungsphase zwischen 2004 und 2007 wird das Wegbrechen der Finanzierungsgrundlage der Presse ab 2008 noch durch die Finanz- und Wirtschaftskrise beschleunigt. Unter dem Titel «Annus horribilis – 2009 war ein schreckliches Jahr für die Schweizer Medien» veröffentlichte das Media Trend Journal im Dezember 2009 die Nettoumsatzzahlen der Anzeigenstatistik der Schweizer Presse. Der Nettoumsatz im gesamten Anzeigenbereich sank im Jahresdurchschnitt 2009 (Zahlen bis Oktober 2009) um 22,1% gegenüber 2008. Das ergibt in absoluten Zahlen einen Verlust von 370 Mio. Franken.
Der Publicitasindex, der die Werbeausgaben der Tagespresse erfasst, hat im Oktober 2009 den niedrigsten Stand seit 1993 erreicht.
Die Entprofessionalisierungstendenzen in Form des Abbaus ganzer Redaktionen und Ressorts sowie der Verlust an Recherchekapazität und -kompetenz unterminiert zudem das journalistische Berufsprestige. Die ressourcenintensiven Vermittlungsformate Porträt und Reportage sind selten anzutreffen. Dadurch steigt die Unzufriedenheit mit der eigenen Berufssituation im Printbereich, insbesondere bei den Journalisten arrivierter Titel.
Umgekehrt gäbe es ausgerechnet in den letzten 10 Jahren eine enorme Zunahme der Studiengänge Publizistik, Kommunikations- und und Informationswissenschaften - die eigentlich nichts anderes tun, als das, was von andern geschrieben oder gesagt wurde, zu analysieren.
Die regionalen Abonnementszeitungen vernachlässigen die nationale und internationale Politik-, Wirtschafts- und auch die Kulturberichterstattung und verfolgen eine Strategie der Regionalisierung und der Boulevardisierung des Informationsangebots. Diese regionale Zielgruppenfokussierung geht mit einer verstärkten Bewirtschaftung lebensweltlicher, beratender und unterhaltender Aspekte einher. Bei den überregionalen Abonnementszeitungen werden Korrespondentennetze und Redaktionsstrukturen abgebaut bzw. zusammengefasst. Darunter leidet insbesondere die Auslands- sowie die (Auslands-)Wirtschaftsberichterstattung. Die grosse Tradition der schweizerischen Publizistik in der Auslandsberichterstattung bricht ausgerechnet in der Ära der Globalisierung ein.
Im Vergleich der Pressetypen betreiben Gratisblätter eine ausgeprägte Boulevardisierung und Eventisierung, Privatisierung, Personalisierung und Konfliktstilisierung der Berichterstattung, sorgen für ein grosses Angebot an Infotainment und unterhalten ein wenig nachhaltiges, ausgesprochen episodisches Newsmanagement. Die Welt ausserhalb der Schweiz erscheint in Gestalt von Krieg und Affären und die Wirtschaftsberichterstattung bleibt ausschliesslich auf das Episodische begrenzt. Bei den Gratiszeitungen sind auch die Professionalitätsdefizite hinsichtlich Quellentransparenz und redaktioneller Eigenleistung und die Abhängigkeit von Agenturmeldungen am grössten.
Da hier vor allem die Portale der grossen Zeitungen und anderer Medienunternehmen untersucht wurden, unterscheiden sie sich nicht all zu stark vom Mutterhaus. Da sie nichts einbringen sind sie qualitativ eher noch ewas lausiger.
Die Schweiz ist im europäischen Vergleich bezüglich Verbreitung und Nutzung des Internet im vorderen Drittel zu finden. 74% der Haushalte haben einen Internetzugang, dabei können 33% das Internet mit einem Hochgeschwindigkeitszugang nutzen (Zahlen 2007, 2008). Damit liegt die Zahl der Haushalte mit Internetzugang deutlich über dem EU-Durchschnittswert (60%); im Bereich der Hochgeschwindigkeitszugänge liegt die Schweiz europaweit auf Platz 4.
88% der Nutzer das Senden und Empfangen von E-Mails als primären Verwendungszweck an. Auf Platz 2 folgt die Suche von Informationen über Suchmaschinen oder die Konsultation von Seiten mit Nachrichteninhalten.
Die Nutzung der Onlinemedien ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. 77% der Bevölkerung nutzen das Internet mindestens mehrmals wöchentlich, die meisten davon täglich, und die tägliche Nutzungszeit ist von 10 auf 38 Minuten gestiegen (Quelle: BfS, Mediapulse, UNIVOX-Bericht 2009). Gesamthaft werden im Internet vor allem
Speziell junge Menschen informieren sich vorab aus Onlinemedien. Die Bildungsschicht der hochgebildeten (Hochschulbildung bzw. -ausbildung) mit 92% am online-affinsten, ebenso gehört die Gruppe des einkommensstärksten Bevölkerungsteils (Monatseinkommen von mehr als 10 000 Franken) zu der Gruppe, in der die Onlineangebote am meisten genutzt werden. Das Bild der Bedeutung von Onlinemedien als politische Informationsquelle verändert sich also, wenn man die Interessen der wachsenden Gruppe der «Heavy Users» betrachtet, also der Gruppe derjenigen, die das Internet täglich oder fast täglich nutzen.
Das Volumen der Onlinewerbung ist auch in den vergangenen Baisse-Jahren gestiegen, und zwar um 58% auf 119 Mio. Franken im Jahr 2009 im Vergleich zum Vorjahr (Quelle: Stiftung Werbestatistik), und dies im Gegensatz zu anderen Mediengattungen. Allerdings ist der Anteil am Gesamtwerbemarkt mit knapp 2.5% weiterhin klein und liegt leicht hinter dem Volumen der Radiowerbung
Sowohl Abonnement- (+4%), als auch Gratis- (+9%) und Boulevard-Newssites (+11%) werten die Sport- und Human Interest-Ressorts in der Summe strukturell auf – auf Kosten der Politik- und mehrheitlich auch auf Kosten der Wirtschaftsberichterstattung.
Die Abonnement-Newssites gewichten die Politik- (39%) und Wirtschaftsberichterstattung (15%) in ihrer Ressortstruktur am höchsten, wenngleich sie weniger über Politik berichten als in ihren gedruckten Ausgaben (–5%). Im Gegensatz dazu sind die Informationsangebote der Boulevard- und Gratis-Newssites mit ihrem Übergewicht der Ressorts Sport und Human Interest durch eine starke Boulevardisierung charakterisiert. Auffallend ist der höhere Anteil des Kulturressorts bei den Newssites von Boulevard- und Gratismedien im Vergleich zu denjenigen der Abonnementszeitungen. Dieser Befund muss allerdings insofern relativiert werden, als die Kulturrubriken von Boulevard-Online ausschliesslich und von Gratis-Online schwergewichtig mit Programmhinweisen auf Fernsehen und Kino bewirtschaftet werden.
> Kultur ist, was grad im Fernsehen läuft!
Dabei berücksichtigen die Newssites von NZZ und Tages-Anzeiger die gesellschaftlichen Kernbereiche Politik (NZZ Online = 52%; Tagesanzeiger.ch = 42%) und Wirtschaft (NZZ Online = 15%; Tagesanzeiger.ch = 17%) am höchsten. Bei den Boulevardtiteln zeigen sich im Onlinebereich crossmediale Profilierungsstrategien: Blick.ch gewichtet den bereits in der Presseausgabe intensiv bewirtschafteten Sportbereich (29%) in seinem Onlineangebot noch einmal markant stärker (48%). Es lässt sich von einem eigentlichen Primat des Sports sprechen. Lematin.ch hingegen setzt schwergewichtig auf die Berichterstattung zu Themen des Human Interest (48%). Dabei nehmen sowohl die Berichterstattung über Prominente («people») als auch Ratgeberrubriken («guide») breiten Raum ein.
Im Vergleich der Onlinetypen ist das Politikressort der Boulevard-Newssites mit einem Anteil von 50% Human Interest-Berichterstattung durch eine ausgesprochen starke Boulevardisierung geprägt (vgl. Darstellung V.2.4). Multinationale Problembezüge wie beispielsweise die Klimaerwärmung sowie laterale politische, die Schweiz tangierende Thematisierungen, wie etwa der Steuerstreit mit den USA, Deutschland, Frankreich und Italien, sind praktisch inexistent.
Zudem verengen auch die Onlineausgaben der Abonnementszeitungen ihre Regionalberichterstattung weitestgehend auf die bevölkerungsreichsten und volkswirtschaftlich bedeutendsten Städte der Schweiz. Umgekehrt fristet die internationale Berichterstattung in allen Onlineausgaben – auch in jenen der Abonnementszeitungen – ein Schattendasein. Dies ist vor dem Hintergrund der bedeutsamen Entwicklungen auf globaler Ebene (u.a.: globale Wirtschaftskrise) bemerkenswert.
Wie in der Informationsangebotsanalytik – wo sich im Vergleich mit der Presse die Abonnement-Onlinemedien durch eine besonders starke Zurückdrängung der Berichterstattung politischer Vorgänge auf den Einstiegsseiten charakterisieren lassen – zeigt sich auch in der Frontseitenanalytik eine Konvergenz bei den Onlinetypen. So beugen sich auch die Onlineeinstiegsseiten der Abonnementszeitungen stärker dem Boulevardisierungstrend. Im Vergleich zu den jeweiligen Offlineausgaben zeigt Abonnement-Online eine signifikant stärkere Orientierung an Softnews (35%), eine Orientierung, die den Werten der Typen Gratis (44%) und Boulevard (60%) recht nahe ist. Zwar sorgt der Typ Abonnement-Online für die höchste Vielfalt relevanter Themen aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Dies ist allerdings vorwiegend auf einzelne singuläre Titel, namentlich auf NZZ Online zurückzuführen, das sich zu 83% (–6% gegenüber der Offlineausgabe) an den wichtigsten Onlinekommunikationsereignissen beteiligt. Die anderen untersuchten Titel beteiligen sich daran deutlich weniger. Tagesanzeiger.ch deckt 68% solcher relevanter Kommunikationsereignisse ab (14% weniger als in der Presseausgabe), Tribune de Genève Online 53% (–25%) und 24heures.ch 51% (–17%).
Zweitens wenden sich die Onlinemedien stärker aufmerksamkeitserzeugenden Skandalen, Normverstössen und privaten Geschichten von und über Politiker zu. Dementsprechend finden in den Onlinemedien viel eher die Beziehung zwischen SP-Nationalrat Jositsch und SP-Nationalrätin Galladé oder die Hollywoodpläne von SVP-Nationalrat Freysinger Aufmerksamkeit als Kommunikationsereignisse wie der Krieg in Afghanistan oder die Rüstungsdiskussion in der Schweiz.
Der Qualitätsindikator Relevanz begründet sich durch den Anspruch, dass das Allgemeine gegenüber dem Privaten bzw. das Gesellschaftliche gegenüber dem Individuellen und Partikulären Vorrang hat. Vorab interessieren bezüglich Relevanz die zentral beobachteten Sozialebenen (Makro, Meso, Mikro). Dieser Indikator erfasst, inwieweit sich die Berichterstattung auf die Makroebene der Gesamtgesellschaft und auf gesellschaftliche Teilbereiche (Gesellschaftssphären wie Politik, Wirtschaft, Kultur) konzentriert oder inwieweit sich die Aufmerksamkeit der Medien auf die Mesoebene der Institutionen und Organisationen oder auf die Mikroebene von Personen bezieht.
Im Mediengattungsvergleich neigen die Onlineinformationsangebote deutlich stärker zu einer personalisierenden und privatisierenden Berichterstattungslogik als die Presseausgaben – besonders in den aufmerksamkeitssteuernden Einstiegsseiten (Newsressort). Die Boulevardisierung im Onlinebereich manifestiert sich nicht nur in der Auswahl (vgl. Kapitel V.2.1.1), sondern auch in der Darstellung von Inhalten. Die Onlineangebote der Abonnementsmedien fokussieren am stärksten auf gesamtgesellschaftlich relevante Sachverhalte sowie auf politische, wirtschaftliche und kulturelle Organisationen und Institutionen – obwohl dieser Typ auf seinen Einstiegsseiten die stärkste Nivellierung nach unten im Vergleich zu den Offlineausgaben aufweist. Die Qualitätskluft zwischen den Abonnementszeitungen und ihren Onlineangeboten ist also am grössten. Bei den Newssites der Boulevardmedien hingegen dominiert aufgrund der starken Gewichtung der Human Interest-Berichterstattung eine partikuläre Berichterstattungslogik. Wie auch in der Qualitätsdimension Vielfalt ist der Typ Gratis-Online durch eine Diskrepanz zwischen einem vergleichsweise hohen Anteil an Makrobezügen und einem gleichzeitig hohen Anteil partikulärer Personenzentrierung charakterisiert. Allerdings ist die Berichterstattung von gesamt-gesellschaftlicher Relevanz bei Gratis-Online praktisch durchwegs fremdproduziert, d.h., Gratis-Online weist hier eine nur geringe Eigenleistungsquote auf.
Eine privatisierende Berichterstattung führt hingegen vom Allgemeininteresse weg: Die Verdrängung des Allgemeinen durch das Private – z.B. der Fokus auf die Befindlichkeit von Christoph Blocher nach einer (geheimgehaltenen) Operation – geht auf Kosten einer Darstellung von Strukturen und Ursache-Wirkungs-Zusammenhängen.
Auch in den Onlineausgaben der Abonnementszeitungen zeigt sich ein Entwicklungstrend in Richtung mehr Irrelevanz. Dementsprechend geht erstens die Fokussierung auf Human Interest-Themen bei Abonnement-Online mit einem Verlust an Makro-Bezügen (nur noch 28% gegenüber 40% in den Printausgaben) und einer intensivierten Privatisierung der Berichterstattung einher. Zweitens ist die Politikberichterstattung auf den Newssites der Abonnementszeitungen deutlich personalisierter und vor allem privatisierter als in den jeweiligen Offlineausgaben. Während in den Printausgaben 24% der Beiträge personalisiert oder privatisiert dargestellt werden, erhöhen sich diese Werte bei den Onlineausgaben auf 32%.
Sportliche Grossanlässe sowie ein Sportskandal finden auf den Einstiegsseiten der Onlinemedien derart hohe Beachtung, dass diese Events zu den wichtigsten 20 Themen der Onlinearena gehören. Onlinemedien fokussieren also besonders stark auf kurzlebige Ereignisse mit Human Interest-Charakter. Sport- und Softnewsthemen sind beliebte Objekte der Onlinemedien. Politik- und Wirtschaftsereignisse werden nur dann prominent bewirtschaftet, wenn sie sich am Schnittbereich zum Human Interest bewegen (z.B. Flugzeugterrorattentat USA) oder wenn sie sich für eine radikale Komplexitätsreduktion eignen und Individualakteure, Personen oder konkrete Organisationen ins Zentrum gestellt werden können. Damit gehen oft Konfliktzuspitzungen und Skandalisierungen einher, wodurch der Newswert zusätzlich erhöht wird. Die Reflexion abstrakter Bezugsprobleme findet dagegen kaum statt. Entsprechend erscheint die globale Wirtschaftskrise auf der Onlineagenda auf den hinteren Rängen und wird auf ein Problem einzelner Unternehmen (UBS) reduziert.
Auffallend ist die starke Kongruenz der Agenden bzw. die gleichläufige Agendenbewirtschaftung im Onlinebereich im Sinne eines «Mehr vom Gleichen». Das Ausrichten eines Titels an den Agenden der anderen Titel ist unter den Newssites deutlich ausgeprägter als im Print.
Thematisierungen auf der Ebene gesamtgesellschaftlicher Relevanz (Makro) kommen in den Informationsangeboten der Newssites deutlich weniger vor als bei ihren Pressependants. Stattdessen wird stärker in einer individuumszentrierten Darstellungslogik berichtet (Mikro). Gesellschaftlich relevante Vorgänge – besonders politische (vgl. Kapitel V.2.1.1) – werden am stärksten in den aufmerksamkeitssteuernden Einstiegsseiten (Newsressort) von Abonnement-Online (–30%) und Gratis-Online (–24%) zugunsten einer stärker personalisierenden und privatisierenden Berichterstattung zurückgedrängt.
Im Vergleich der einzelnen Newssites hat NZZ Online mit einem Anteil von 52% der Beiträge auf der Ebene der Gesamtgesellschaft (Makro) die relevanteste Berichterstattung. Am anderen Ende der Skala liegt Blick.ch mit 11% makrosozialen Themenbezügen.
Der Mangel an reflexiver Berichterstattung zeigt sich besonders deutlich im Politikressort (vgl. Darstellung V.2.21). Kontext- und Hintergrundinformationen, die längerfristige Prozesse und übergeordnete politische Bezugsprobleme beleuchten, werden bei den Newssites der Boulevardmedien nicht geleistet. Auf äusserst tiefem Niveau liefern Tagesanzeiger.ch (9%), 20minuten.ch (7%) und NZZ Online (5%) noch etwas thematische Kontextuierung. 20minuten.ch übernimmt diese Berichterstattung jedoch vorwiegend von Agenturen, wohingegen bei Tagesanzeiger.ch und NZZ Online Redakteure sowie Korrespondenten (nur NZZ Online) Themen bearbeiten. Doch auch die Onlineausgaben der Abonnementszeitungen berichten überwiegend punktuell und episodisch.
Auf der Ebene der einzelnen Onlinetitel ist zu beachten, dass Lematin.ch überhaupt kein Politikressort ausgebildet hat und politische Sachverhalte – sofern diese überhaupt thematisiert werden – in ihrem Newsressort platziert. Führend ist NZZ Online (Beitragsfokus auf Politiksphäre = 72%; Beitragsfokus auf multinationale Bezugsprobleme = 14%). Am anderen Ende der Skala ist die Berichterstattung von Blick.ch (30% bzw. 0%) zu verorten, wo das Politikressort weitgehend dazu dient, Human Interest-Themen und Softnews zu verbreiten.
Die Newssites der Boulevardmedien sind durch eine noch stärkere strukturelle und inhaltliche Vernachlässigung politischer und wirtschaftlicher Themenbereiche zugunsten einer Human Interest-Berichterstattung über Unfälle, Verbrechen und lebensweltliche Kuriositäten charakterisiert – auch im Politikressort. Diese Berichterstattungslogik führt zu einer Marginalisierung von Vorgängen in Ökonomie und Politik. Die Newssites der Boulevardmedien leisten damit sowohl strukturell wie auch inhaltlich einen geringen Beitrag zur Wahrnehmung und Diskussion der lösungsrelevanten Probleme einer Gesellschaft. Sie kommen so der seismografischen Forumsfunktion noch in geringerem Mass nach als ihre Pendants der Presse.
Der Anteil von 57% rollenfernen Thematisierungen gründet in der starken Fokussierung von Blick.ch auf Themen des Human Interest. So dominieren in den im Politikressort verorteten Rubriken «Inland» und «Ausland» partikuläre Gegebenheiten wie z.B. Unfälle («Mit gestohlenem Auto: Betrunken Polizei gerammt»), Kriminalität («Deutschland in Angst: Mörder flohen aus Gefängnis – im Taxi!»), Gerichtsprozesse («Urteil revidiert: Milde für Zürcher Pädo-Lehrer») und Kuriositäten («Attacke: Hier rennt ein Krokodil-Pfleger um sein Leben»). Ähnliche Relevanzprofile zeigen die Newssites der Abonnements- und Gratismedien.
Ausgerechnet in den Informationsangeboten des World Wide Web wird das Multinationale durch das Nationalpartikuläre verdrängt.
Die «Klickmentalität» der Onlinenutzer drängt (komplexe) politische Sachverhalte zugunsten des ereigniszentrierten Sports zurück.
Soziale Palaverforen
Ueberdurchschnittlich ist die starke Fokussierung auf die emotional aufgeladene Identitätspolitik. Hintergrundinformationen sind im Onlinesegment Mangelware, und der Aktualitätsdruck in Form des 24/7-Journalismus prägt die journalistischen Produktionsroutinen so stark, dass längerfristige politische und wirtschaftliche Zusammenhänge kaum reflektiert werden. Nutzer, die die Welt über die Newssites wahrnehmen, erhalten kaum einordnende Erklärungsmuster für den rasend erscheinenden Verlauf der Dinge (vgl. Darstellung 12).
Aber, weil in allem Medien gilt: Es dominiert ein aktualitätsgetriebener 24/7-Journalismus, der im Vergleich aller Gattungen der Informationsmedien am stärksten vom Einkauf und der Mehrfachverwertung vorgefertigter Inhalte lebt.
geht der Drang ins Internet weiter:
Es sind deshalb wieder verstärkt Bestrebungen im Gang, kostenpflichtige Onlineangebote zu lancieren (international u.a.: Times und Sunday Times der News Corp; New York Times; Schweiz: kostenpflichtige iPad-Ausgabe des Tages-Anzeigers). So lange konzertierte Aktionen ausbleiben, die diese Informationsleistungen mit einem Preis versehen, sind die Erfolgsaussichten dieser Vorhaben jedoch skeptisch zu beurteilen.
Die Wirtschaftsbeiträge zeigen sich auf den ersten Blick als problematisch: Sie sind a) fast inexistent, b) meist auf nationale Firmen beschränkt und werden c) offenbar als monistischer Block betrachtet, der weder mit Politik noch mit Gesellschaft oder Menschen irgend was zu tun hat. Grosser Irrtum: Es sind immer die Akteure, also Menschen, die Märkte machen. Es sind auch Menschen, meistens allerdings andere, die darunter leiden. |
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Der hohe Druck zur ständigen Aktualisierung von Informationen, die geringen redaktionellen Ressourcen sowie Deprofessionalisierungstendenzen (vgl. Kapitel V.1) lassen in der Onlineberichterstattung nur episodische Weltbeschreibungen zulasten der reflexiven Einbettung zu. Das Informationsangebot der Onlinemedien ist durch die Marginalität von Hintergründen geprägt, die das Geschehen auf ihre Ursachen hin beleuchten, mögliche Folgen abschätzen und damit ein vertiefendes Verständnis ermöglichen. Das gattungsspezifische Aktualitätsdiktat mitsamt den mangelnden Ressourcen sowie das Wissen um die gerade auch dadurch geförderte «Klickmentalität» der Onlinenutzer erfasst die journalistischen Produktionsroutinen so stark, dass politische und wirtschaftliche Zusammenhänge nicht mehr prozedural abgebildet werden. Die für das Funktionieren des demokratischen Gemeinwesens notwendige adäquate Orientierung an gesellschaftspolitischen Prozessen findet nur unzureichend statt.
Onlinemedien leisten im Vergleich zur Presse weder einen Beitrag zur Wahrnehmung und Diskussion von aufkeimenden lösungsbedürftigen Problemen (Forumsfunktion) noch zur Validierung der rechtsstaatlichen Institutionen (Kontroll- und Legitimationsfunktion). Der Onlinebereich kann damit weiterhin nicht als «Politisierungsmedium» charakterisiert werden (Bonfadelli, 2010). Stattdessen führt der ökonomische Druck zu einem Trend der crossmedialen Verwertung vorgefertigter, kurzlebiger News, die ohne grossen Mehraufwand rasch in die Onlineseiten abgefüllt werden können. Konsumenten, die die Welt über die Newssites wahrnehmen, werden nicht in die Lage versetzt, aus der Fülle des Episodischen relevante Erklärungsmuster für den rasend erscheinenden Verlauf der Dinge abzuleiten. Das Gratisangebot der Newssites ist in journalistischer Hinsicht tatsächlich billig.
Andererseits fällt eine Entwicklung auf, die unter dem Stichwort «Crossmedia» zusammengefasst werden kann: Es zeigt sich eine Onlinerezyklierung vorgefertigter Inhalte der gesamten Publikationstätigkeit des entsprechenden Medienhauses (vgl. Kapitel V.1). Dieser billige, auf Synergieeffekte abzielende Multikanaljournalismus ist vor allem eine Folge der geringen redaktionellen Ausstattung sowie der Deprofessionalisierungstendenzen im Onlinenbereich.
Im Politikressort (vgl. Darstellung V.2.32) schneiden die Newssites der Boulevardmedien im Onlinetypenvergleich hinsichtlich der Sachlichkeit des Berichterstattungsstils am schlechtesten ab. Dabei ist anzumerken, dass nur Blick.ch ein Politikressort ausdifferenziert hat. Das zeigt die geringe Ressortdifferenzierung bei den Boulevardmedien, die eine strukturell gesicherte Berichterstattung über politische Themen und Akteure verhindert, dafür aber die Tendenz zu personalisierten Narrativen (vgl. Kapitel V.2.2.1), Moralisierung und Emotionalisierung, also eine skandalisierende Anprangerung von wahrgenommenen Missständen fördert, wie beispielsweise Calmy-Reys klare Worte: «Werde wütend, wenn ich eine Burka sehe» (Blick.ch, 27. November 2009). Mit einem solchen moralisch-emotionalen Berichterstattungsstil wird die objektive Nachvollziehbarkeit durch emotionale Betroffenheit ersetzt und eine vernunftgeleitete Auseinandersetzung mit (politischen) Problembezügen verhindert.
Durch die reisserische Titulatur ergibt sich dann beides, eine hohe Klickrate und eine Überfülle an Leserbeiträgen. Ein Beispiel findet sich in Tages Anzeiger.
Obwohl die Onlinesites der Abonnementszeitungen im Typenvergleich auch im Onlinebereich den grössten Anteil an kognitiv-normativer Berichterstattung (81%) haben (vgl. Darstellung V.2.35), sind deutliche Konvergenztendenzen erkennbar. Im direkten Vergleich mit den jeweiligen Presseausgaben zeigt sich, dass die moralisch-emotionale Berichterstattung auf den Onlinesites der Abonnementszeitungen zunimmt (+6%), während sie beim Gratis-Online deutlich (–14%) und beim Boulevard-Online leicht (–2%) abnimmt. Das bedeutet: Jener Onlinetyp (Abonnement-Online), der zur Gewährleistung hoher Professionalitätsstandards als Korrektiv in der Onlinearena wirken müsste, indem er den grössten Anteil einer sachlich-argumentativen Berichterstattung beisteuert, gleicht sich im Gegenteil dem Stil der anderen Onlinetypen an. Die Zunahme der moralisch-emotionalen Berichterstattung bei den Onlinesites der Abonnementszeitungen ist primär auf den Tages-Anzeiger zurückzuführen. Seine Onlineausgabe ist im Vergleich zur Offlineausgabe durch einen um rund 14% stärker moralisch-emotionalen Berichterstattungsstil geprägt.
Auch in den Onlinebereich wird investiert, und zwar nicht nur in Informationsangebote, sondern auch in werbeträchtige, aber branchenfremde Aktivitäten wie Onlineshops oder Datingplattformen.
Illusion: Die Möglichkeiten des Internet wurden in den 1990er Jahren unter anderem auch im Hinblick auf seine demokratiefördernden Potenziale diskutiert und sehr positiv, bisweilen euphorisch bewertet. Es kam die Überzeugung auf, dass es durch das Internet möglich sei, eine neue, «ungefilterte» Öffentlichkeit herzustellen, die die interaktive Kommunikation innerhalb der Bürgerschaft und zwischen Bürgern und Regierenden ermöglichen sollte. Das Internet wurde als demokratiefördernder Motor einer von staatlichen und ökonomischen Einflüssen emanzipierten Öffentlichkeit gesehen
Es fehlen die zentralen Orientierungspunkte, die einen gemeinsamen, wenn auch kleinsten Relevanznenner erzeugen können. Schliesslich: Wo alles relevant ist, ist nichts mehr relevant.» (Marschall, 1997, S. 317). Im Internet wird die Auswahl der relevanten Themen zum zentralen Problem der gesellschaftlichen Koorientierung und Willensbildung.
Die profilgebende, weil exklusiv bewirtschaftete lokalregionale Themenstruktur ist bei den Privaten durch eine starke Human Interest-Orientierung charakterisiert:
| Darstellung 7: Kommunikationsereignisse der Aufmacherbeiträge – thematisierte Gesellschaftssphären Die Darstellung zeigt die prozentualen Anteile der Kommunikationsereignisse (KE), die die jeweiligen Gesellschaftssphären thematisieren, für die Aufmacherbeiträge jeden Fernsehtyps. Sie basiert auf allen KE der Aufmacheranalytik vom 5. Oktober bis zum 31. Dezember 2009 (n = 1040). Im Vergleich der Fernsehtypen bildet das private Fernsehen in seinen Aufmacherbeiträgen weniger KE zu Politik (27%), Wirtschaft (10%), Kultur (11%) und Sport (6%) und mehr zu Human Interest (47%) aus als das öffentliche Fernsehen. |
Darstellung 8: Aufmacherbeiträge – Beitragsfokus auf Sozialebenen Im Vergleich der Fernsehtypen ist der Anteil der Berichterstattung mit gesamtgesellschaftlicher Relevanz (Makro) beim öffentlichen Fernsehen (40%) doppelt so hoch wie beim privaten Fernsehen (20%). |
Auch die weitere Liberalisierung des Werbemarkts hat die ökonomische Situation für die privaten Anbieter nicht verbessert. Junge Publikumssegmente wenden sich vom öffentlichen Fernsehen ab und den Onlinemedien und den Gratiszeitungen zu. Dasselbe gilt für Migrantenpopulationen, die immer stärker ihre Herkunftsmedien nutzen.
Darstellung 9: Agenden der Fernsehtypen – spezifische Themenschwerpunkte Die Darstellung zeigt die 20 grössten Kommunikationsereignisse (KE) pro Fernsehtyp gemessen am Anteil an der Gesamtberichterstattung dieser Top-20-KE innerhalb eines Fernsehtyps.
Abgebildet werden davon diejenigen KE, die nur in einem der beiden Fernsehtypen zu den Top-20-KE gehören.
Die Darstellung basiert auf allen Beiträgen der Aufmacheranalytik vom 5. Oktober bis zum 31. Dezember 2009 zu den Top-20-KE in den jeweiligen Fernsehtypen.
Lesebeispiel: Das Kommunikationsereignis Lebenswandel von Carl Hirschmann zieht im Untersuchungszeitraum innerhalb der Top-20-KE der Agenda des Privatfernsehens im Untersuchungszeitraum 4.9% der Resonanz auf sich.
Dieses KE – wie auch zehn weitere –
gehört nur beim Privatfernsehen, nicht aber bei den öffentlichen Anbietern zu den Top-20-KE.
Während die Privatsender sich aber auf einige wenige «Topthemen» konzentrieren, die personalisierend, skandalisierend und emotionalisierend aufgemacht werden können, und auch sonst Themen aus Sport und Human Interest bevorzugen, leisten die Sendungen der öffentlichen Fernsehanstalten einen höheren Beitrag zur Beleuchtung relevanter Vorgänge.
Die Spezialisierung des Informationsangebots ist im Fernsehen im Vergleich zum Radio deutlich grösser. Das Fernsehen widmet den zentralen Sphären Politik und Kultur eigene Sendeformate. Auffallend ist aber, dass auch im öffentlichen Fernsehen spezialisierten Angebote zum Wirtschaftsgeschehen wenig Raum und damit Bedeutung zugemessen wird.
Lokalisierung, Partikularisierung und Eventisierung:
Das Qualitätsgefälle zwischen den öffentlichen und privaten Fernsehveranstaltern präsentiert sich in analoger Weise wie beim Radio. Die Agenden des Privatfernsehens sind stark mit Human Interest-
Themen durchsetzt: (Lokal-)Prominenz und Affären, Wetter, Unfällen sowie Mord und Totschlag (vgl. Darstellung 9). Darüber hinaus werden bei den Privatsendern der Deutschschweiz die Politik- und Wirtschaftsthemen stärker personalisierend, skandalisierend und privatisierend aufbereitet. Die Vermittlung von Hintergründen und die Einordnung der Ereignisse finden kaum statt. Der bei den Privatsendern verbreitete Allroundjournalismus muss die zu wenig spezialisierten redaktionellen Strukturen und die knappen Ressourcen kompensieren.
Nicht besser ist allerdings offenbar (keine persönlichen Kommentare, da ich nie Radio höre) die Situation bei den Radiosendern:
Darstellung 5: Aufmacherbeiträge – Beitragsfokus auf Sozialebenen
Die öffentlichen Sender fokussieren mit einer vergleichsweise intensiven Politik- und Wirtschaftsberichterstattung öfter auf die gesellschaftsrelevante Makroebene. Die privaten Sender schalten durch ihre stärkere Orientierung an Human Interest- und Sportthemen hingegen häufiger Aufmacherbeiträge mit partikulären und personalisierten Elementen. = Meinungen |
Darstellung 6: Kommunikationsereignisse der Aufmacherbeiträge – thematisierte Gesellschaftssphären
Im Vergleich zu den privaten Radiosendern liegt bei den öffentlichen Programmen der Schwerpunkt auf der Politik-berichterstattung. |
Hoher Anteil pauschalisierender Negativtypisierungen
gegenüber Muslimen (s. Graphik rechts): Die Berichterstattung über die Minarettinitiative steht im Kontext einer auf internationale Konfliktereignisse (Krieg, Terror) und auf die Libyenaffäre ausgerichteten Medienaufmerksamkeit für den Islam und für Muslime.
In der intensivsten Phase der Berichterstattung, während der letzten zwei Monate vor der Abstimmung, herrscht eine episodische Berichterstattungsform vor, die sich wenig reflexiv mit der Thematik auseinandersetzt. Lange Zeit wurde diese fast ausschliesslich von der Debatte über das Minarettplakat und das Internetminarettspiel bestimmt, sowie von Formfragen (Stil, Tabubrüche) statt Inhalten.
* Ich weiss, dass man Minarett mit 2 t schreibt, protestiere aber hiermit gegen diese falsche Schreibweise, denn a) kommt das t in der Ursprungssprache Arabisch gar nicht vor im Wort, d.h. bloss als stummes t, b) ist es ebenfalls ein stummes t, in der Sprache, die das Wort vermutlich nach Europa gebracht hat, Französisch. Das Spanische hätte ein präzise Umschreibung gebracht: alminara.
Auffallend ist die ausgeprägte Ungleichverteilung zwischen den das Minarettverbot befürwortenden Parteien (drei Viertel der Parteienresonanz) und den ablehnenden Parteien (ein Viertel der Parteienresonanz) (s. Darstellung rechts).
Damit kehren sich in der Medienberichterstattung die Mehrheitsverhältnisse zwischen Gegnern und Befürwortern der Vorlage im Parlament exakt um. Zudem manifestiert sich im medialen Diskurs eine folgenschwere Kommunikationsstörung. Gegner wie Befürworter der Initiative setzen sich praktisch nicht mit den Argumenten der jeweils anderen Seite auseinander.
In Krisenperioden wird regelmässig die Frage nach der Frühwarnfunktion der Medien in Bezug auf unerwünschte Entwicklungen gestellt. Bei der Finanzkrise hat diese seismografische Funktion, frühzeitig vor der Finanzmarktkrise zu warnen, wurde von den Schweizer wie auch von den internationalen Leitmedien nicht erfüllt (s.u.). Krise wie Folgen wurden einfach im Laufe des Auftretens beschrieben, als sog. "ereignisgetriebene Wirtschaftsberichterstattung": Während im amerikanischen Subprimesektor eine gewaltige Blase heranwuchs, beherrschten über lange Zeit die Umsatz- und Gewinnerfolge der Grossbanken einerseits sowie die Skandalisierung der Managerlöhne andererseits die Schlagzeilen der Medien. Diese stark ereignisgetriebene Wirtschaftsberichterstattung mit Fokus auf Einzelakteure (Unternehmen, CEOs) machte blind für die Risiken einer auf derivative Finanzprodukte fixierten globalen Finanzindustrie.
Eruptive Inflation und rasche Deflation der Aufmerksamkeit:
Die Wirtschaftsberichterstattung in der Schweiz war nicht in der Lage, die massiven Verwerfungen der globalen Wirtschaftskrise rechtzeitig anzumahnen; und dies, obwohl die wesentlichen Systemrisiken seit der New Economy-Krise bereits bekannt waren. Erst nachdem in Grossbritannien und den USA die finanziellen Probleme und der Kollaps von Hypothekenbanken offenkundig werden, beginnen die Medien sich intensiviert für die Vorgänge im US-Subprimemarkt und die Folgen für die Unternehmen der Finanzbranche zu interessieren. Dabei geht mit der Inflation der Berichterstattungsintensität zur Finanzmarktkrise ab dem dritten Quartal 2007 eine kontinuierliche Abnahme des SMI einher. Die Intensität der Berichterstattung geht zu Beginn des Jahres 2009 relativ schnell zurück. Sobald die Nachrichten über spektakuläre Unternehmenskollapse abebben, flacht auch das Medieninteresse ab. Mit der Deflation der Berichterstattungsintensität erfolgt eine (um ein Quartal verzögerte) Erholung des SMI.
Parallel zur Rückkehr der ersten Quartalserfolge von Grossbanken und dem Anziehen der Börsenwerte im Frühjahr 2009 trat die Krise zurück, obwohl die grundlegenden Probleme nicht gelöst waren bzw. sich neue schwerwiegende Probleme (drohende Staatsbankrotte, Schuldenkrise) ankündigten. Die von Basel III längst vorgelegten Massnahmen zur Verhinderung ähnlicher Probleme in der Zukunft, werden zur Zeit zu Tode geredet, als Risiken für Wachstum und Arbeitslätze. Risikoinvestitionen rentieren eben besser, wenn andere, also hier das Volk, die grossen Risiken übernehmen. "Amüsant" ist hier insbesondere die "Wirtschaftsberichtserstattung", in der sich die Amerikaner gleich mal vorweg ausnehmen: Das sei für sie kein Problem, sondern nur für Europa. Da wundert man sich doch, die ganze Krise entstand ja in den USA, in der hunderte von Banken eingegangen sind, auch ein paar systemrelevante. Vermutlich ist damit nur gemeint, dass sich die USA an Basel III genau so wenig halten werden wie an Basel II. Die Frage wird dann allerdings irgend wann, wie lange Geld noch in die USA fliesst.
Fazit:
Der real existierende Wirtschaftsjournalismus benötigt mit Ausnahme ganz weniger internationaler Qualitätsprodukte eine Reset-Taste, mehr Ressourcen und mehr Kontroversen. Er hat aus der gleichartigen Berichterstattung vor der dot.com- Krise nichts gelernt, und er ist deutlich zu wenig kontrovers. Die vor allem in den 1990er Jahren gewachsenen Wirtschaftsressorts wurden gerade nicht zu dem, was sie hätten werden müssen, nämlich publizistische Sphären der Auseinandersetzung über Probleme und Chancen der Wirtschaftsgesellschaft.
Martin Herzog, Basel, 12. September 2010